Neue Platten: Andy Stott – „Faith In Strangers“

Cover des Albums Faith In Strangers von Andy StottAndy Stott – „Faith In Strangers“ (Modern Love)

9,4

Elektronische Musik ist immer dann besonders interessant, wenn sie aus leblosen Klängen besteht, die keine Entsprechung in der realen Welt haben. Genauso faszinierend sind jedoch auch Sounds, die klingen, als fĂĽhrten sie ein autarkes, eigenständiges Leben. Die Musik auf dem neuen Album „Faith In Strangers“ des britischen Industrial-Techno-Produzenten Andy Stott befindet sich irgendwo dazwischen. Der Opener „Time Away“ etwa beginnt mit einem Drone, der sich schon bald mit anderen, in Halbtonabständen stehenden Tönen ĂĽberlagert und einen eindringlichen Spannungsbogen aufbaut. Diese Drones stammen jedoch nicht vom Synthesizer, sondern von einem Euphonium, einem Blechblasinstrument, das einer Tuba ähnelt und von der britischen Orchestermusikerin Kim Holly Thorpe eingespielt wurde. Wenn sich dann zum Schluss des Tracks, wie gerade jetzt, eine echte vorbeiziehende Polizeisirene hineinschleicht und das Gehörte in einen dramatisch-cineastischen Moment ĂĽberhöht, zerflieĂźen die Grenzen zwischen physischer und digitaler Realität.

Wie schon auf dem Vorgängeralbum „Luxury Problems“ ist die Musik des aus Manchester stammenden Produzenten Stott durchzogen von einer entrĂĽckt-dĂĽsteren Klanglandschaft. Geblieben ist auch die Zusammenarbeit mit der Opernsängerin Alison Skidmore. Ihre Stimme ist auch auf dem aktuellen Werk ein eindringlicher Kontrapunkt zum weitgehend atonalen Sounddesign – wie ein verformter Farbspritzer auf einem monochromen Gemälde.

Eine deutliche Weiterentwicklung zu Stotts vorherigen Werken sind die rhythmischen Experimente, die sich von der geraden Bassdrum weg und hin zu mehr gebrochenen Rhythmen bewegen, aber auch die allgegenwärtige elektronische Verzerrung, die sich in den krachigen Percussions, den atonalen Texturen und den tonalen Melodien wiederfindet – eine Art Leitmotiv des Albums.

So klingt der Track „Damage“ wie eine musikalische Dekonstruktion eines Trap-Beats, während das schizophrene „Violence“ mit dem ständigen Wechseln zwischen dem epischen Acapella-Gesang Skidmores und dem von einem kaputten Synthesizermotiv getragenen Beat wie ein radikal heruntergepitchter Jungle-Track klingt, der durch einen defekten Gitarrenverzerrer geschickt wurde.

Perfektioniert hat Stott dieses Call-and-Response-Verfahren zwischen Harmonie und Zerstörung im Track „No Surrender“, bei dem eine elegische Orgel von einem kurzen Moment der Stille unterbrochen wird, bevor ein genauso feindseliger wie groovender Breakbeat einsetzt. Mit Musik starke Kontraste und Bilder zu erzeugen, mag nichts Neues sein, doch nur die wenigsten haben das im Bereich Clubmusik so perfektioniert wie Andy Stott. „Faith In Strangers“ ist ein guter Beweis dafĂĽr, dass auch 2014 Musik noch nach vorne schauen kann.

Label: Modern Love

Neue Platten: Submotion Orchestra – „Alium“

Cover des Albums Alium von Submotion OrchestraSubmotion Orchestra – „Alium“ (Counter)

4,7

Mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren und dabei Musik hören, das ist entschleunigtes Realitykino. Menschen werden zu Handlungsfiguren, Alltagshandlungen zu Geschichten. Es hängt dann ganz von der Musik ab, ob es ein Arthouse-Film, ein Actionstreifen oder eine Soap wird. Bei der britischen Electronic-Band Submotion Orchestra, die gerade auf dem MP3-Player beginnt, ist letzteres der Fall. „Awakening“ heiĂźt der erste Song, eine unbescheiden-cineastische Ballade mit viel violinenhafter Zuckerwatte und schamlos zum Himmel schwebenden Fanfaren. Zu dieser Musik könnte die Sonne aufgehen, die Welt vom Weltall aus betrachtet oder das glĂĽckliche Ende einer fast gescheiterten Liebe erzählt werden. Ich liege richtig. „Darling it’s alright, time will wait for you“, singt Ruby Woods schöne Soulstimme im darauffolgenden Song „Time Will Wait“, während im Hintergrund ein Synthesizer und elektronische Drums versuchen, dem ganzen eine Clubatmosphäre zu verleihen. Sehr voraussehbar sind auch die nachfolgenden Songs zwischen Soul, Electronica, Jazz und nivellierten Bassmusic-Anleihen, denke ich und versuche, meinen Geist vom emotionalen Zentrum abzukoppeln. Doch dann, nach einigen Minuten, als das ähnlich balladeske „City Lights“ einsetzt, stecke ich plötzlich fest im kalkulierten GefĂĽhlsrausch, betrachte die vorbeiziehenden Szenen durch einen Pathosfilter und denke ĂĽber verlorene Momente nach. Eine rote Ampel bringt mich wieder zur Besinnung. Denn die Zielgruppe, so rede ich mir ein, bin nicht ich, sondern die imaginierten anderen. Die, die sich der emotionalen Konditionierung durch verbrauchte Melodien nicht entziehen können.

Wer von neuer Musik ĂĽberrascht werden will, ihr Unbekanntes abverlangen möchte, ein neues GefĂĽhl, einen neuen Gedanken, einen euphorischen Schub oder einen unbehaglichen Schauer, wird von „Alium“ enttäuscht sein. Denn entgegen den PR-Versprechungen von einer Stilgrenzen sprengenden Musik, aber auch entgegen des versteckten Potenzials, die aus der manchmal gelungenen Verschaltung von elektronischen und akustischen Sounds sprechen, handelt es sich bei allen zwölf Songs um Altbekanntes. Auch, wenn die Subbässe fĂĽr Pop stets etwas präsenter sind und die Beats oft UK Garage oder Dubstep zitieren, ohne jedoch jemals ihre Intensität zu erreichen. Was fĂĽr das Album selbst gilt, steht der Liveerfahrung der siebenköpfigen Bands aus Leeds diametral entgegen. Denn live werden die auf der Platte viel zu vorsichtigen Bässe physisch spĂĽrbar und die versteckten Qualitäten der Musiker und ihre Lust an jazzigen Improvisationen sichtbar. FĂĽr alle, die dennoch das Album haben wollen, sei das Hören beim Fahrradfahren empfohlen. One feel good movie a day keeps the evil away. Vielleicht.

Label: Counter
Kaufen: artistxite-Shop

Neue Platten: Giant Panda Guerilla Dub Squad – „Steady“

Cover des Albums Steady von Giant Panda Guerilla Dub SquadGiant Panda Guerilla Dub Squad – „Steady“ (Easy Star)

6,9

Die Wege im US-amerikanischen Reggae sind oft andere. Gerne werden EinflĂĽsse der eigenen Musik mit eingewoben. The Slackers wäre da ein super Beispiel. SOJA, Slightly Stoopid, 10 Ft. Ganja Plant, Rebelution und John Brown’s Body wären andere Bands, die sich mal mehr, mal weniger an klassische Reggaeklischees halten. Zumeist vermeiden sie ebenfalls Patois und/oder gängige Schubladenthemen des Genres. Das macht sie sympathisch, versuchen sie doch einen ganz eigenständigen Weg zu gehen ohne Plagiate abzuliefern. Den Reggaebeitrag jamaikanischer Prägung ĂĽberlassen sie dabei gerne Gästen. Im Fall von Giant Panda Guerilla Dub Squads neuem Album ist es Ranking Joe, der bei „Take Your Place“ seinen unverwechselbaren DJ-Style hinzufĂĽgt. Bei diesem einen Ausflug bleibt es aber auch.

Der Rest von „Steady“ präsentiert eine Mischung aus Reggae und Americana. So tauchen neben Themen, die einen durchschnittlichen Nordamerikaner beschäftigen, auch Instrumente (bzw. deren Spielweisen) auf, die normalerweise im Reggae selten zu hören sind. Bei “.45″ schleicht sich zum Beispiel ein bluesiges Gitarrensolo nebst Mundharmonika in den Track. Auch an anderen Stellen wird auf Elemente nordamerikanischer Musik zurĂĽckgegriffen. Was zunächst als musikalischer Spagat klingen mag, fĂĽgt sich hier gut zusammen. Insgesamt dominiert allerdings auch der Reggaeanteil.

Bleibt die Frage nach dem Dub. Immerhin trägt die Band die drei Buchstaben im Namen. Unterm Strich ist davon nicht viel zu hören. Es wird lediglich in kĂĽrzeren Passagen mit Effekten gespielt, so z. B. bei „Hurt Up Your Brother“. Durchgängige Dub-Tunes gibt es nicht zu hören. Anders, so diverse Onlinevideos der Band, scheint es bei Liveauftritten zu sein. Hier jammt und dubbt die Truppe mitunter psychedelisch.

Als wirklicher Hit ist „Solution“ auszumachen. Geschrieben wurde er von Dylan Savage, einem der drei Hauptsänger der Band. Mit einer eingängigen Melodie und positivem Text weist er sogar Chartpotenzial auf. Das dĂĽrfte Giant Panda Guerilla Dub Squad in den USA sicher gelingen. In Europa werden sie es nicht so leicht haben, da hier der Fokus weitestgehend anders liegt.

Label: Easy Star
Kaufen: artistxite-Shop

Neue Platten: Black Rain, Cut Hands und Killing Sound

Cover des Albums Festival Of The Dead von Cut HandsCut Hands – „Festival Of The Dead“ (Blackest Ever Black)

9,2

Schon nach Sekunden öffnet sich das Tor zu einer anderen Welt. Eine Welt, in der keine Stille herrscht und ein ständiges Rauschen existiert, in das sich immer wieder schreiartige Töne drängen, die so klingen wie die elektronisch verzerrten Vogellaute in Hitchcocks „Die Vögel“ und sich schon bald in klirrend hohe Sounds verwandeln. Als dann die unnatĂĽrlich verhallte Frauenstimme das Wort ergreift und emotionslos von „altered brain document systems“ spricht, steht fest: Das neue Album des enigmatischen Post-Industrial-Duos Black Rain ist eine Mischung aus dĂĽsterem Science-Fiction-Soundtrack und musikgewordenem Film Noir: vertrackt-nervöse Rhythmen („Endourban“ und „Data River“), eine zwischen Unbehagen und Melancholie liegende Grundstimmung und zähflĂĽssige Klangtexturen, die sich durch eine menschenleere Landschaft ziehen („Watering Hole“) – wie die Schatten in den alten Noir-Streifen, die stets dunkler und größer sind, als sie es sein dĂĽrften.

Das Cinematische und Narrative an „Dark Pool“ ist Konzept. Nicht nur der Name des aus dem New Yorker Stuart Argabright und dem japanischen Musiker Shinichi Shimokawa bestehenden Projekts ist dem gleichnamigen Film von Ridley Scott von 1989 entlehnt. Die GrĂĽndung von Black Rain 1995 geht auf die Produktion des Soundtracks von „Johnny Mnemoni“ zurĂĽck, einem trashigen Cyberpunk-Film mit Keanu Reeves.

Auch das 18 Jahre später erschienene DebĂĽtalbum ist maĂźgeblich von Science-Fiction wie etwa Paolo Bacigalupis 2009 erschienenen Roman „The Windup Girl“ inspiriert, einer Dystopie ĂĽber ein 23. Jahrhundert, in dem die Menschheit von biotechnologischen Konzernen beherrscht und terrorisiert wird.

Nur selten tauchen humane Elemente auf, wie etwa in „Profusion I“, in dem eine ätherische Frauenstimme opernhafte Melodien singt. Dass diese Stimme wirkt wie der letzte Rest einer Menschlichkeit, verweist auf eines der zentralen Themen des Albums: Entfremdung. Ein Leitmotiv, das auch der Science-Fiction-Autor William Gibson verwendet, um seine apokalyptischen Zukunftsszenarien plausibler zu machen.

Das Besondere an „Dark Pool“ ist die stilistische Spaltung aus kruder 80er-Industrial-Ă„sthetik und zeitgenössischen Formen apokalyptischer Clubmusik wie etwa Sandwell District oder dem entschleunigten Drone-Dub der britischen Labelkollegen Raime.

Apropos, dass Black Rain 18 Jahre nach dem Soundtrack des gefloppten Kinofilms ĂĽberhaupt noch Musik machen, liegt wohl auch an der Ăśberzeugungsarbeit von Kiran Sande, dem Macher des Londoner Labels Blackest Ever Black, das 2010 als Output fĂĽr weirde Clubmusik an der Schnittstelle von Doom Metal, Dub, Industrial und Postpunk gegrĂĽndet wurde. Und das innerhalb von nur vier Jahren mit seiner eigenwilligen Ă„sthetik weltweit bekannt geworden ist.

Neben Black Rains DebĂĽt erschienen dort vor Kurzem die DebĂĽt-EP des Bristoler Dub-Kollektivs Killing Sound oder das Album „Festival Of The Dead“ von Cut Hands, dem Nebenprojekt des Noise/Industrial-KĂĽnstlers William Bennett. Während die an dekonstruiertem Dubstep, Jungle und Drone geschulten Tracks von Killing Sound zeitweise hymnenartigen Charakter haben, ist das Ende Oktober erschienene Cut-Hands-Album eine radikal unterkĂĽhlte Spielart zeitgenössischer Clubmusik. Der ausschlieĂźlich aus metallischen Percussions und einem gnadenlos hämmernden Bass bestehende Track „The Claw“ kommt dem wohl am nächsten, wofĂĽr das britische Label, neben all den entschleunigten DronekĂĽnstlern, allen voran Dalhous, Nina oder Bremen, steht: kompromisslose, nihilistische Ritualmusik, die stets ĂĽberrascht und aufweckt, wenn nicht sogar verstört.

Der Name des Labels ist Programm, jetzt mal abgesehen von der Ambivalenz zwischen ironischem Seitenhieb und musikästhetischer Exaktheit. Es geht nicht einfach um ein Schwarz, es geht um den schwärzesten aller möglichen Schwarztöne. Eine Musik, die sich in ihrer Verweigerung von Konventionen, ihrer Atonalität und Lust am Exzess bestens zur Katharsis eignet.

Sowohl Black Rains „Dark Pool“ und die jĂĽngste EP von Killing Sound als auch „Festival Of The Dead“ transportieren den Hörer in eine andere Welt, seien es Science-Fiction-Dystopien, paranoide Innenwelten oder verschwommene Tagträume aus der eigenen Jugend. Diese Musik ist neben allem Eskapismus immer auch eine Huldigung an das Chaos der Gegenwart. Musik, bei der alles ein wenig erträglicher erscheint.

Label: Blackest Ever Black
Kaufen: Black Rain – „Dark Pool“ im artistxite-Shop | Cut Hands – „Festival Of The Dead“ im artistxite-Shop

Neue Platten: Umherschweifende Produzenten – „Elektronische Musik“

20.11.2014 von  

Cover des Albums Elektronische Musik von Umherschweifende ProduzentenUmherschweifende Produzenten – „Elektronische Musik“ (From Lo-Fi to Disco!)

7,2

Wir schreiben das Jahr 2014. Ein Gespenst geht um auf der Welt, das Gespenst der AuĂźerirdischen. Eine Gruppe dieser AuĂźerirdischen – genauer gesagt der sexualdemokratische FlĂĽgel der AuĂźerplanetarischen Opposition – tritt an mit einem dezidierten „Masterplan“ (so auch der Titel des Eröffnungstracks auf „Elektronische Musik“), der es vorsieht, den Kapitalismus zu ĂĽberwinden und eine klassenlose Gesellschaft jenseits dieses Systems, kurz: den sogenannten Future-Kommunismus anzustreben. So sollen ihre Ideen und poppolitischen Ziele auf der Erde verbreitet und deren Bewohner – auch bekannt als Menschen – inspiriert werden. Demzufolge erfuhren im Laufe der Jahrtausende alle wichtigen Vertreter – sei es aus Philosophie, Kunst, Film oder eben Musik – Inspiration von diesem so mysteriösen Kollektiv. Gegenwärtig hat jene AuĂźerplanetarische Opposition zwei Auserwählte zu uns gesandt, die wir vormals unter King Fehler alias Knarf Rellöm (Huah!, Knarf Rellöm Trinity, Die Zukunft et al.) und Manuel Scuzzo (Misses Next Match) kannten, und hat jene mit einem Konzeptalbum beauftragt. Demzufolge präsentiert uns dieses extraterrestrische Duo ein Album auf diversen vermittelnden Elementen, deren Cover ihre Entstehungsgeschichte erzählen. Bereits im letzten Jahr gegrĂĽndet, benennen sich die Umherschweifenden Produzenten nach dem gleichnamigen Werk (Untertitel: „Immaterielle Arbeit und Subversion“) des italienischen Marxisten Antonio Negri und werden beauftragt, „repetitive Musik und repetitive Texte, Texte ohne Meinung und GefĂĽhl“ zu erschaffen. Die beiden sehen sich klar in der Tradition Sun Ras und manifestieren dessen afro-futuristische Philosophie des „Space Is The Place“ hier als Credo: Wenn dieser Planet, das Diesseits nur noch von Dummheit regiert wird, hilft lediglich noch die Flucht ins All. Ein transzendentales Heilsversprechen, das die futuristische Sehnsucht als elementaren Bestandteil der Popgeschichte heraufbeschwört.

KĂĽrzlich zu Gast im ByteFM-Interview mit der Frankfurter Radiogröße – dem ehemaligen (Weltraum-)Taxifahrer – Klaus Walter wurde eine entschlossene Zäsur manifestiert: „Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei. […] Niemand kann mehr behaupten, er hätte von nichts gewusst. […] Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder Authentizität!“, so ein Abgeordneter der AuĂźerplanetarischen Opposition. Hier wird authentischem Blues- und Country-Rock in vielerlei Hinsicht eine klare Absage erteilt. Das maschinelle Geplucker des Sequenzers läuft entgegengesetzt zum menschlichen BedĂĽrfnis einer musikalischen Seele. Zudem verfremden die ĂĽbermenschlich anmutenden Vocoder- bzw. Kaospad-Einsätze die Stimmen derart, sodass Walters These untermauert wird, der kluge Einsatz dessen könne Geschlechtergrenzen ĂĽberwinden bzw. die dichotome Geschlechtereinteilung unterlaufen.

In „Migration“ wird die realpolitische Situation der Armutsflucht und Verteilung von Informationen dahingehend aufgegriffen, dass auf andere Planeten migriert wird und die Prophezeiung des Schicksals von einigen Wenigen eines Tages alle haben werden. Ein Modell, dass uns aus Sci-Fi-Romanen bereits bekannt sein dĂĽrfte, wird hier modifiziert: Das Privileg auf andere Planeten auszuwandern wird nicht länger ausschlieĂźlich Eliten vorbehalten, sondern ganzheitlich verfĂĽgbar sein, sodass die Menschheit einen Konsens finden muss, gemeinsam zu emigrieren.

„Alternative Energie“ setzt dort an, wo Kraftwerk mit „Radio-Aktivität“ aufhörten und denkt dies thematisch weiter. Doch auch musikalisch gibt es eine Fortschreibung dessen: visionärer Synth-Pop im Sinne der vier DĂĽsseldorfer Mensch-Maschinen, der den kosmischen Dada-Pop Felix Kubins auf der einen und den LSD-getränkten Wahnsinn Walter WegmĂĽllers auf der anderen Seite des Orbits tangiert. Im Titeltrack wird das Medium zur Massage und schlieĂźlich liefern die Produzierenden gleichermaĂźen Problem sowie Lösung, sodass sich ein Leitsatz im Geiste Devos aufdrängt: Are We Men? We Are Umherschweifende Produzenten!

Kam Fred 1981 in Andreas Doraus Klassiker noch vom Jupiter, so zirkuliert er einige Lichtjahre später in einer mindestens genauso fernen Galaxie. Was allesamt gemein haben: Sie wurden inspiriert von der Außerplanetarischen Opposition.

Der in der Vorgeschichte erwähnte Auftrag, „einfach nur Beschreibungen der Situation“ anzufertigen, ist auf einen weiteren Inspirierten zurĂĽckzufĂĽhren, nämlich auf Rainer Werner Fassbinder und dessen Einsicht: „Wenn du die Dinge nicht verändern kannst, musst du sie beschreiben.“ Auch wenn dieses Vorhaben einer Dokumentation des Zustandes der modernen Welt mit der Abwesenheit von Individualität und persönlichen Befindlichkeiten als schier unmögliches Unterfangen erscheint, so verhilft der Ansatz der Mensch-Maschine hier zu einem utopischen Seinszustand.

Tune In – Turn On – Drop Out.

Label: From Lo-Fi to Disco!
Kaufen: artistxite-Shop

Neue Platten: EinstĂĽrzende Neubauten – „Lament“

Cover des Albums Lament von EinstĂĽrzende NeubautenEinstĂĽrzende Neubauten – „Lament“ (BMG Rights Management)

9,3

Ganz langsam nähert es sich, das sich ins Gehör beiĂźende Quietschen und Schleifen und das bedrohliche Brodeln im Hintergrund, das klingt wie das amplifizierte Lodern eines Feuers. Bis sich alles in einem langgezogenen Männerschrei entlädt. „Kriegsmaschinerie“, der erste Song des neuen Albums der EinstĂĽrzenden Neubauten, katapultiert die Hörer direkt ins Geschehen. Diese Schreie, sie stammen womöglich von Soldaten, die in ihre erste Schlacht ziehen, infiziert von Zerstörungswut und fehlgeleiteter Kriegsromantik.

„Lament“ ist eine Art musikalische Erzählung ĂĽber den 1. Weltkrieg, die von der Situation vor dem Ausbruch aus Sicht der Stadt Diksmuide handelt. Die belgische Stadt hatte die Band anlässlich des 100. Jahrestages offiziell beauftragt. Der Sänger Blixa Bargeld sagte im Vorfeld in einem Interview, es sei kein reines Neubauten-Album geworden, sondern ein Auftragswerk. Doch „Lament“ ist mit seiner charakteristischen Geräuschlastigkeit bei gleichzeitigem Popappeal und vor allem den nicht selten ins Absurde rutschenden BrĂĽchen eigentlich genau das: ein neues, sehr zeitgemäßes Album von den Industrial-Pionieren.

Es ist ein schöner Zusammenzuck-Effekt, wenn zu Beginn des zweiten Songs plötzlich ein Männerchor in der Melodie von „God Save The Queen“, der englischen Nationalhymne deutsch-patriotische Zeilen schmettert: „Heil dir im Siegerglanz, Herrscher des Vaterlands, God save the king“. Das kalkulierte Unbehagen, das solche Signalwörter auslösen, ist seit jeher eines der Leitmotive der Band, deren Musik immer schon teutonische Ă„sthetiken und gelegentlichen Dadaismus verband. Wie etwa im Song „The Willy – Nicky Telegrams“, das mit seinem vordergrĂĽndigen Autotune-Gesang so klingt, als fĂĽhre im Moment des Hörens ein schwarz lackierter BMW mit dem neuesten US-Shit vorbei.

Der Ausflug in die aktuelle Poplandschaft wird beantwortet von der konzeptuellen „Lament“-Trilogie, die mit einem meditativ-bedohlichen DronestĂĽck beginnt, in dem ein verfremdeter Chorgesang die anstehende Apokalypse anzukĂĽndigen scheint. Das darauffolgende „Lament: 2. Abwärtsspirale“ erinnert mit seinen metallischen Schlägen und spannungsgeladenen Glissandi an die frĂĽhen Neubauten. Das StĂĽck teilt das Album gleichzeitig in zwei Hälften und ist eine Art musikalisch-mathematisch Studie, wie den Linernotes zu entnehmen ist. So fallen die Töne darin spiralförmig ab, basierend auf einem Muster, das aus den einzelnen Zahlen des letzten Kriegsjahres besteht: 1-9-1-8.

Die Songs der EinstĂĽrzenden Neubauten waren immer schon auch musikgewordenes Storytelling. Auf „Lament“ haben sie das perfektioniert wie nie zuvor. In „How Did I Die?“, einem paranoiden Trip durch eine postapokalyptische Landschaft, fragt sich eine Stimme im Angesicht einer zerstörten Welt:

„How did I die? Or didn’t I?“, und evoziert dabei dĂĽstere Bilder: „A strip of murdered nature, it seems like it belongs to another world, every sign of humanity has been swept away, the woods and roads have vanished like chalk“.

Was die Texte so besonders macht, ist ihre Ambivalenz und ihr Mut, wie im Fall von „God save the queen“, auch die falschen, die gescheiterten Perspektiven einzunehmen, ohne dabei in einen revisionistischen Pathos eines Ernst JĂĽnger oder eine hyperreflektiv-postmoderne Metaebene zu verfallen.

„Ich weiĂź inzwischen, und das ist ja gerade heute sehr wichtig, dass Krieg nicht einfach kommt und wieder verschwindet. Krieg bricht nicht aus wie eine Seuche. Er ist immer präsent“, sagte Blixa Bargeld in Bezug auf das Album. Und genau das gelingt der Band mit „Lament“. Einen alternativen Raum zu öffnen, in dem das Schreckliche im Schönen, aber auch das Schöne im Schrecklichen Platz hat.

Label: BMG Rights Management
Kaufen: artistxite-Shop

Neue Platten: Deerhoof – „La Isla Bonita“

05.11.2014 von  

Cover des Albums La Isla Bonita von DeerhoofDeerhoof – „La Isla Bonita“ (Altin Village & Mine)

8,1

Deerhoof machen zu ihrem 20-Jährigen das Dutzend voll und beschenken sich mit einem Album, das zunächst auf den klangvollen Titel „La Isla Bonita“ – die schöne Insel – hört und demnach auf Madonnas gleichnamigen Nr.-1-Hit aus dem Jahre 1987 Bezug nimmt. Gehostet wird die runde Geburtstagsparty (zumindest in Europa) auf dem qualitativ herausragenden Leipziger Label Altin Village & Mine, dessen jĂĽngste Veröffentlichungen („Life Under Palmtrees“ von Jason & Theodor, „Unbreak My Heart“ von Young Hare u. a.) ähnlich paradiesische Assoziationen zulassen und ebenso wenig vor vermeintlich „cheesigen“ Referenzen zurĂĽckschrecken.

Aber Deerhoofs Zitierfreudigkeit wurde im Laufe der Jahrzehnte v. a. auf ihre Bewunderer transferiert. So wirkte ihre Strahlkraft auf solch omnipräsente Vertreterinnen und Vertreter, die mitunter jenen kommerziellen Erfolg verbuchen konnten, der ihrer Inspirationsquelle stets verwehrt blieb: St. Vincent, Dirty Projectors, tUnE-yArDs oder auch die Flaming Lips berufen sich allesamt auf Deerhoof, haben deren DNA adaptiert und verinnerlicht. Von Seiten der Popkritik wurden die vier aus Kalifornien bzw. Japan seit jeher fĂĽr die fehlende Funktionalität ihrer Songs geschätzt. Martin BĂĽsser schrieb einst ĂĽber Deerhoof: „Die Verbindung von Pop und Avantgarde muss nicht notgedrungen im Staatstheater enden oder sich danach anhören“.

Dementsprechend unkonventionell klingt auch „La Isla Bonita“. Seitdem sich die Mitglieder in so ziemlich alle geographischen Richtungen der Vereinigten Staaten verteilt haben, verlagerte sich das jeweilige Betätigungsfeld zunehmend in Richtung Produktion und (Re-)Mixing (u. a. fĂĽr Asobi Seksu, Xiu Xiu, Delta 5, Parenthetical Girls und E.D. Sedgwick), was nun deutlich spĂĽrbar ist. Die Soundästhetik auf „La Isla Bonita“ changiert zwischen schroff und irgendwie eingängig („Black Pitch“), elegisch und nervös („Paradise Girls“), kurz: zwischen Nerv- und Nerdmusik.

Die scheinbare Schönheit des ätherischen Dream-Poppers „Mirror Monster“ trifft dabei auf die kantige Sperrigkeit von „Last Fad“. „How do you want to live?“, fragt Sängerin und Gitarristin Satomi Matsuzaki gewohnt unbeschwert in „Doom“ und gibt ein paar Takte später mit einem flatternden und doch so lebensbejahenden „Deny!“ eine mögliche Antwort darauf. Die Dub-infizierte Rhythmik von „Tiny Bubbles“ kommt derart erfrischend daher, als hätte der frĂĽhe britische Post-Punk um Bands wie The Pop Group und This Heat, The Slits und Lifetones nie stattgefunden. Getreu dessen Prinzip des „Rip It Up And Start Again“ vollbringen es Deerhoof selbst 35 Jahre später, alles einzureiĂźen, um in diesem Sinne eine gänzlich originäre Formen- und Klangsprache zu entwickeln, die eben ihren Wiedererkennungswert ausmacht. Auch 2014 negieren sie gewohnte bzw. tradierte Hörgewohnheiten, dekonstruieren gängige Rockismen, die dazugehörigen Song-Schemata und setzen aus all diesen Fragmenten ein vielschichtiges Album mit der so Deerhoof-typischen Weirdness zusammen.

Auch wenn die Rezeption Deerhoofs mitunter in einem diffusen Feld aus Noise-Rock, Art-Punk und Queer-/Genderkontext stattfand, erscheint jenes Korsett doch zu eng. So versteht es das Quartett aus San Francisco wie kaum eine zweite gegenwärtige Band, ihren ganz eigenen Kosmos aus besagtem Krach und Pop, Atonalität und Minimalismus zu erschaffen. Verwurzelt im (DIY-)Punk, bestand und besteht auch weiterhin Deerhoofs spezifischer Verdienst darin, ihren Entwurf einer leidenschaftlichen (Gitarren-)Musik auf so unprätentiöse wie mitreißende Weise aufzuzeigen und so eine Entsprechung von konsequenter künstlerischer Selbstverwirklichung zu sein.

Label: Altin Village & Mine
Kaufen: artistxite-Shop

Neue Platten: Von Spar – „Streetlife“

Cover des Albums Streetlife von Von SparVon Spar – „Streetlife“ (Italic)

8,4

Nach ein paar Sekunden ist eigentlich bereits alles gesagt. Eine abfallende, dreitönige Melodie, ein begleitender Keyboardakkord und eine ziemlich clappige 80s-Snare. Dann vergehen 16 Takte, bis ein unaufdringlicher Gesang einsetzt. „Chain Of Command“ heiĂźt dieser erste Song des neuen Albums der Band Von Spar – und er enthält schon vieles von dem, was noch folgen wird. „Streetlife“ ist ein musikalischer Flirt mit angekitschtem Discosound, Synthiepop und „Eis-am-Stiel“-Soundtrack.

Die Kölner Band Von Spar hat sich im Laufe ihrer inzwischen elfjährigen Karriere immer wieder, Vorsicht: Floskel, neu erfunden. So folgte nach dem deutschsprachigen Indiepop-DebĂĽt „Die Uneingeschränkte Freiheit Der Privaten Initiative“ (2004) das von Krautrock beeinflusste Zweitwerk „Von Spar“ (2007). Nachdem sie 2013 im Rahmen des Kölner Week-End-Festivals zusammen mit dem Pavement-Sänger Stephen Malkmus eine Neuinterpretation des Albums „Ege Bamyasi“ der legendären Krautrockband Can gespielt hatten, bewegten sich Von Spar immer mehr in Richtung Club und fanden gleichzeitig neue Kooperationspartner. So arbeitete die Band fĂĽr das neue Album mit der britischen Sängerin Scout Niblett, der der deutschen Musikerin Ada und dem Kanadier Chris Cummings zusammen.

Die unterschiedlichen beteiligten Musiker hört man dem Album an. So wird der poppige Eröffnungstrack vom entschleunigten Funk des Songs „Breaking Formation“ abgelöst, bei dem im zweiten Teil ein Softporno-Saxofon losschmettert – ein eigentlich ganz lustiges Leitmotiv, das auch an anderen Stellen vorkommt, etwa im Song „Try Though We Might“, der sich zudem gut als Soundtrack fĂĽr eine deutsche Vorabendserie eignen wĂĽrde. Das Highlight ist jedoch das radikal reduzierte „Hearts Fear“, ein Track, der sich mit seinen frei schwebenden Tönen und rhythmischen Ăśberraschungen sehr zurĂĽckgelehnt aufbaut und mit seinem beeindruckend transparenten Sounddesign zwischen Dub, schwebendem Synthie-Pop und endlosen Hallräumen an The xx oder Zombys frĂĽhe Wonky-EntwĂĽrfe erinnert. „Streetlife“ passt eigentlich perfekt ins Jahr 2014. Denn mit seinen ständigen Referenzen auf 80s-Pop verklärt es zwar eine Vergangenheit, aber ohne dabei die Gegenwart aus den Augen zu verlieren.

Label: Italic
Kaufen: artistxite-Shop

Von Spar live, präsentiert von ByteFM:

24.11.14 Jena – CafĂ© Wagner
25.11.14 Berlin – Kantine am Berghain
26.11.14 Chemnitz – Atomino
27.11.14 Leipzig – Conne Island
28.11.14 Hamburg – Golden Pudel Club
29.11.14 Köln – Week-End Fest

Neue Platten: Groundation – „A Miracle“

Cover des Albums A Miracle von GroundationGroundation – „A Miracle“ (Soulbeats)

8,6

Auf neue Alben von Groundation wartet die weltweite Reggaeszene sehnsüchtig. Seitdem die Musik der kalifornischen Band über ihre Heimat hinaus bekannt wurde, zählt die Band um den mehr als charismatischen Sänger Harrison Stafford als die Rootsreggae-Band überhaupt. Regelmäßig werden ihre Auftritte in Hamburg, San Francisco, Barcelona, Paris, London oder wo auch immer mächtig gefeiert. Ihr Mix aus tiefem Rootsreggae und ausgefeiltem Jazz kommt an. Es scheint so, als ob gerade diese anspruchsvolle Herangehensweise den Unterschied macht und die Band aus dem Allerlei heraushebt. Einen wesentlichen Anteil hieran haben die virtuosen Musiker der Band, aber vor allem Harrison Stafford und Marcus Urani.

Mit „A Miracle“ legen die Kalifornier ihr neues Werk vor. Randvoll angefĂĽllt mit dem, was man von ihnen erwartet: verdammt ausgeklĂĽgelt komponierter und gespielter Reggae! Und selbstverständlich mit erlesenen Gästen. Dieses Mal geben sich zwei von drei I-Threes die Ehre: Marcia Griffiths und Judy Mowatt. Ein dritter Gast wurde bis zum Veröffentlichungsdatum geheim gehalten, um Spannung zu erzeugen. Es handelt sich um einen Beitrag der Sängerin Kim Powell, also einer weiteren Frau, die auf „Cupid’s Arrow“ ähnlich wie Judy Mowatt eher sanfte, soulige Töne beisteuert.

Als Produzenten des Albums haben Harrison Stafford und Marcus Urani, der unglaublich talentierte Tastenmann der Band, gemeinsame Sache gemacht. Insofern verwundert es nicht, dass Reggae und Jazz nahezu gleichwertig nebeneinanderstehen (man höre sich z. B. den Titeltrack featuring Judy Mowatt an). Dennoch erscheinen die Tracks auf „A Miracle“ eine Spur eingängiger als es bei frĂĽheren Alben der Fall war.

„A Miracle“ setzt den eingeschlagenen Weg der Kalifornier ĂĽberzeugend fort. Tief spirituell, spielfreudig, offen fĂĽr musikalische Erfahrungen und auf einem (wie immer) sehr hohen Niveau. Die alten und neu hinzukommenden Fans werden ihre Freude an diesem Album haben! Schon jetzt ist klar, dass es in keiner anspruchsvollen Sammlung fehlen darf.

Label: Soulbeats
Kaufen: artistxite-Shop

Neue Platten: Lily & Madeleine – „Fumes“

Cover des Albums Fumes von Lily & MadeleineLily & Madeleine – „Fumes“ (Asthmatic Kitty)

5,6

Harmonische Klaviermelodien, verträumtes Gitarrengezupfe und nahezu transparente Frauenstimmen, das sind seit jeher beliebte Geheimwaffen der Popmusik. Wenn diese Stimmen, die da aus den Boxen kriechen und einen zu umschmeicheln versuchen, wie im Fall von Lily & Madeleine dann auch noch zwei Schwestern gehören, dann ist das eine Konstellation wie aus dem Märchen. Nicht nur für die dahinterstehenden Mitarbeiter der Plattenfirma, in deren Augen sich die Dollarzeichen abzeichnen, sondern auch für alle, die im Folk sowohl eine verloren geglaubte Authentizität als auch das Heilsversprechen nach einer besseren Welt ohne Gegenwart, aber mit viel, wenn auch nicht selbst erlebter Vergangenheit suchen.

Das neue Album des US-amerikanischen Folk-Duos Lily & Madeleine „Fumes“ bietet das alles, und noch viel mehr. Denn die beiden genauso talentierten wie jungen Sängerinnen Lily und Madeleine Jurkiewicz besingen alles, was das Luxusproblem-Portfolio des behĂĽteten Teenagerdaseins so hergibt: von Selbstzweifel in Liebesbeziehungen ĂĽber allgemeine Wehmut bis hin zur existenziellen Verlorenheit und dem Wunsch nach Eskapismus. In „Ride Away“ heiĂźt es etwa: „Work by the window seeing the sun, dance on the ground, deep in your thoughts nobody knows the treasure you found“, gefolgt von der Wiederholung der Worte „Ride Away“ und unterstĂĽtzt vom einsetzenden Schlagzeugbeat, während der Bass spannungszersetzende Schlager-Quinten holzt.

Im Video zur Singleauskopplung „The Wolf Is Free“ inszenieren sich die beiden Schwestern als moossammelnde Elfen, die durch einen Wald schleichen, auf der Suche nach dem bösen Wolf. Dieser erweist sich am Ende als knuddeliges Tier mit treuem Hundeblick. Der böse Wolf, er bietet genau wie die Songs eine Projektionsfläche fĂĽr geschundene Seelen, die sich nicht zu schade sind fĂĽr etwas Kitsch im Alltag, an dem Lily & Madeleine aber eigentlich stets gekonnt vorbeischleifen. Zu vereinnahmend, zu unaufgeregt und ja, zugegeben, zu schön sind einige der Songs, um sie an dieser Stelle weiter mit Zynismus zu ĂĽberfrachten. Und dennoch wirkt das Album trotz seiner vorgegebenen Homogenität seltsam unentschlossen. Denn während das subtile „The Wolf Is Free“, in dem die beiden Musikerinnen fast durchgehend zweistimmig singen und das sogar ohne richtigen Refrain auskommt, noch irgendwie anders klingt, sind viele andere Produktionen zu sehr an Erfolgsrezepten des zeitgenössischen Pop orientiert. So erinnert das in extrem viel Hall badende „Blue Blades“ zu sehr an die Retrokönigin Lana Del Rey. Doch den eigenen Stil zu finden, erfordert viel Zeit. Und die haben die erst 17 und 19 Jahre alten Schwestern allemal.

Label: Asthmatic Kitty
Kaufen: artistxite-Shop

Nächste Seite »