Neue Platten: Andy Stott – „Faith In Strangers“

Cover des Albums Faith In Strangers von Andy StottAndy Stott – „Faith In Strangers“ (Modern Love)

9,4

Elektronische Musik ist immer dann besonders interessant, wenn sie aus leblosen Klängen besteht, die keine Entsprechung in der realen Welt haben. Genauso faszinierend sind jedoch auch Sounds, die klingen, als fĂĽhrten sie ein autarkes, eigenständiges Leben. Die Musik auf dem neuen Album „Faith In Strangers“ des britischen Industrial-Techno-Produzenten Andy Stott befindet sich irgendwo dazwischen. Der Opener „Time Away“ etwa beginnt mit einem Drone, der sich schon bald mit anderen, in Halbtonabständen stehenden Tönen ĂĽberlagert und einen eindringlichen Spannungsbogen aufbaut. Diese Drones stammen jedoch nicht vom Synthesizer, sondern von einem Euphonium, einem Blechblasinstrument, das einer Tuba ähnelt und von der britischen Orchestermusikerin Kim Holly Thorpe eingespielt wurde. Wenn sich dann zum Schluss des Tracks, wie gerade jetzt, eine echte vorbeiziehende Polizeisirene hineinschleicht und das Gehörte in einen dramatisch-cineastischen Moment ĂĽberhöht, zerflieĂźen die Grenzen zwischen physischer und digitaler Realität.

Wie schon auf dem Vorgängeralbum „Luxury Problems“ ist die Musik des aus Manchester stammenden Produzenten Stott durchzogen von einer entrĂĽckt-dĂĽsteren Klanglandschaft. Geblieben ist auch die Zusammenarbeit mit der Opernsängerin Alison Skidmore. Ihre Stimme ist auch auf dem aktuellen Werk ein eindringlicher Kontrapunkt zum weitgehend atonalen Sounddesign – wie ein verformter Farbspritzer auf einem monochromen Gemälde.

Eine deutliche Weiterentwicklung zu Stotts vorherigen Werken sind die rhythmischen Experimente, die sich von der geraden Bassdrum weg und hin zu mehr gebrochenen Rhythmen bewegen, aber auch die allgegenwärtige elektronische Verzerrung, die sich in den krachigen Percussions, den atonalen Texturen und den tonalen Melodien wiederfindet – eine Art Leitmotiv des Albums.

So klingt der Track „Damage“ wie eine musikalische Dekonstruktion eines Trap-Beats, während das schizophrene „Violence“ mit dem ständigen Wechseln zwischen dem epischen Acapella-Gesang Skidmores und dem von einem kaputten Synthesizermotiv getragenen Beat wie ein radikal heruntergepitchter Jungle-Track klingt, der durch einen defekten Gitarrenverzerrer geschickt wurde.

Perfektioniert hat Stott dieses Call-and-Response-Verfahren zwischen Harmonie und Zerstörung im Track „No Surrender“, bei dem eine elegische Orgel von einem kurzen Moment der Stille unterbrochen wird, bevor ein genauso feindseliger wie groovender Breakbeat einsetzt. Mit Musik starke Kontraste und Bilder zu erzeugen, mag nichts Neues sein, doch nur die wenigsten haben das im Bereich Clubmusik so perfektioniert wie Andy Stott. „Faith In Strangers“ ist ein guter Beweis dafĂĽr, dass auch 2014 Musik noch nach vorne schauen kann.

Label: Modern Love

Album der Woche: Silk Rhodes – „Silk Rhodes“

01.12.2014 von  

Silk Rhodes - Silk RhodesVĂ–: 5. Dezember 2014
Web: Silk Rhodes bei Facebook
Label: Stones Throw
Kaufen: artistxite-Shop

Alles beginnt mit einer Portion LSD, die sich Sasha Desree und Michael Collins eines Nachts in Baltimore teilen. In den Stunden darauf entsteht der erste Track des selbstbetitelten DebĂĽtalbums, „Face 2 Face“. Es ist der Beginn einer abenteuerlichen Reise – im buchstäblichen Sinne: Wer einen Honda CRV, Baujahr 1977, in ein fahrendes Tonstudio umbaut, und damit die StraĂźen beschallt, kann einfach nur GroĂźartiges im Sinn haben.

Zwei Jahre später ist es nun da. „Silk Rhodes“. Ein Album, dessen Sound nach längst vergangenen Zeiten klingt. Und trotzdem eine ganz persönliche Vision von minimalistischem Soul zeichnet. Dieser konzentriert sich auf wenige Instrumente, gibt den einzelnen Akkorden, Klängen und insbesondere der wandelbaren, warmen Stimme von Desree Zeit zu wirken. Es groovt an allen Ecken und Enden, im Soundstrudel scheint Michael Jackson vorbeizutreiben, dann plötzlich wieder Al Green, Prince oder The Delfonics.

Es sind StĂĽcke wie „Hold Me Down“, die diese minimalistische Produktionsweise von Collins herausstellen: Orgel, Glockenspiel, spärliche Percussion und Desrees zart schmelzender Gesang. Mehr ist nicht nötig, um einen Song von unbändiger Intensität zu erschaffen. „Pains“ ist nicht weniger fesselnd: Der wehmĂĽtige Walzer bekommt mit warmen Streichern eine dramatische Note. Das zugehörige Video in urbaner, schwarz-weiĂźer Optik unterstreicht diese besondere Stimmung.

Mehr und weniger instrumentale Intermezzi zeugen von dem akribischen Perfektionsstreben des Duos. „Laurie’s Machine“ ist ein anderthalbminĂĽtiges Hörspiel, in dem sich mehrere Sprachnachrichten vom Anrufbeantworter der besagten Laurie aneinanderreihen. Per Zufall entdecken die Musiker diese Tonschnipsel auf alten Kassetten in einem Thrift Shop. Und nun sind diese Nachrichten auf Vinyl gebannt, zeitlos konserviert, ohne dass Laurie es wohl ahnt (oder ahnen mag). In der wahrscheinlich schönsten Form, in die Sprachnachrichten je gebracht wurden.

Was bleibt, wenn die letzten Töne von „The System“, dem letzten Song auf dem Album, verklungen sind? Ein wohliges, ĂĽberraschend-zufriedenes GefĂĽhl. Bewunderung fĂĽr ein derart gelungenes DebĂĽtalbum. Und natĂĽrlich das Verlangen, selbst mit einem umgebauten Auto auf Soundsammel-Roadtrip zu gehen.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Silk Rhodes“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Neue Platten: Submotion Orchestra – „Alium“

Cover des Albums Alium von Submotion OrchestraSubmotion Orchestra – „Alium“ (Counter)

4,7

Mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren und dabei Musik hören, das ist entschleunigtes Realitykino. Menschen werden zu Handlungsfiguren, Alltagshandlungen zu Geschichten. Es hängt dann ganz von der Musik ab, ob es ein Arthouse-Film, ein Actionstreifen oder eine Soap wird. Bei der britischen Electronic-Band Submotion Orchestra, die gerade auf dem MP3-Player beginnt, ist letzteres der Fall. „Awakening“ heiĂźt der erste Song, eine unbescheiden-cineastische Ballade mit viel violinenhafter Zuckerwatte und schamlos zum Himmel schwebenden Fanfaren. Zu dieser Musik könnte die Sonne aufgehen, die Welt vom Weltall aus betrachtet oder das glĂĽckliche Ende einer fast gescheiterten Liebe erzählt werden. Ich liege richtig. „Darling it’s alright, time will wait for you“, singt Ruby Woods schöne Soulstimme im darauffolgenden Song „Time Will Wait“, während im Hintergrund ein Synthesizer und elektronische Drums versuchen, dem ganzen eine Clubatmosphäre zu verleihen. Sehr voraussehbar sind auch die nachfolgenden Songs zwischen Soul, Electronica, Jazz und nivellierten Bassmusic-Anleihen, denke ich und versuche, meinen Geist vom emotionalen Zentrum abzukoppeln. Doch dann, nach einigen Minuten, als das ähnlich balladeske „City Lights“ einsetzt, stecke ich plötzlich fest im kalkulierten GefĂĽhlsrausch, betrachte die vorbeiziehenden Szenen durch einen Pathosfilter und denke ĂĽber verlorene Momente nach. Eine rote Ampel bringt mich wieder zur Besinnung. Denn die Zielgruppe, so rede ich mir ein, bin nicht ich, sondern die imaginierten anderen. Die, die sich der emotionalen Konditionierung durch verbrauchte Melodien nicht entziehen können.

Wer von neuer Musik ĂĽberrascht werden will, ihr Unbekanntes abverlangen möchte, ein neues GefĂĽhl, einen neuen Gedanken, einen euphorischen Schub oder einen unbehaglichen Schauer, wird von „Alium“ enttäuscht sein. Denn entgegen den PR-Versprechungen von einer Stilgrenzen sprengenden Musik, aber auch entgegen des versteckten Potenzials, die aus der manchmal gelungenen Verschaltung von elektronischen und akustischen Sounds sprechen, handelt es sich bei allen zwölf Songs um Altbekanntes. Auch, wenn die Subbässe fĂĽr Pop stets etwas präsenter sind und die Beats oft UK Garage oder Dubstep zitieren, ohne jedoch jemals ihre Intensität zu erreichen. Was fĂĽr das Album selbst gilt, steht der Liveerfahrung der siebenköpfigen Bands aus Leeds diametral entgegen. Denn live werden die auf der Platte viel zu vorsichtigen Bässe physisch spĂĽrbar und die versteckten Qualitäten der Musiker und ihre Lust an jazzigen Improvisationen sichtbar. FĂĽr alle, die dennoch das Album haben wollen, sei das Hören beim Fahrradfahren empfohlen. One feel good movie a day keeps the evil away. Vielleicht.

Label: Counter
Kaufen: artistxite-Shop

Neue Platten: Giant Panda Guerilla Dub Squad – „Steady“

Cover des Albums Steady von Giant Panda Guerilla Dub SquadGiant Panda Guerilla Dub Squad – „Steady“ (Easy Star)

6,9

Die Wege im US-amerikanischen Reggae sind oft andere. Gerne werden EinflĂĽsse der eigenen Musik mit eingewoben. The Slackers wäre da ein super Beispiel. SOJA, Slightly Stoopid, 10 Ft. Ganja Plant, Rebelution und John Brown’s Body wären andere Bands, die sich mal mehr, mal weniger an klassische Reggaeklischees halten. Zumeist vermeiden sie ebenfalls Patois und/oder gängige Schubladenthemen des Genres. Das macht sie sympathisch, versuchen sie doch einen ganz eigenständigen Weg zu gehen ohne Plagiate abzuliefern. Den Reggaebeitrag jamaikanischer Prägung ĂĽberlassen sie dabei gerne Gästen. Im Fall von Giant Panda Guerilla Dub Squads neuem Album ist es Ranking Joe, der bei „Take Your Place“ seinen unverwechselbaren DJ-Style hinzufĂĽgt. Bei diesem einen Ausflug bleibt es aber auch.

Der Rest von „Steady“ präsentiert eine Mischung aus Reggae und Americana. So tauchen neben Themen, die einen durchschnittlichen Nordamerikaner beschäftigen, auch Instrumente (bzw. deren Spielweisen) auf, die normalerweise im Reggae selten zu hören sind. Bei “.45″ schleicht sich zum Beispiel ein bluesiges Gitarrensolo nebst Mundharmonika in den Track. Auch an anderen Stellen wird auf Elemente nordamerikanischer Musik zurĂĽckgegriffen. Was zunächst als musikalischer Spagat klingen mag, fĂĽgt sich hier gut zusammen. Insgesamt dominiert allerdings auch der Reggaeanteil.

Bleibt die Frage nach dem Dub. Immerhin trägt die Band die drei Buchstaben im Namen. Unterm Strich ist davon nicht viel zu hören. Es wird lediglich in kĂĽrzeren Passagen mit Effekten gespielt, so z. B. bei „Hurt Up Your Brother“. Durchgängige Dub-Tunes gibt es nicht zu hören. Anders, so diverse Onlinevideos der Band, scheint es bei Liveauftritten zu sein. Hier jammt und dubbt die Truppe mitunter psychedelisch.

Als wirklicher Hit ist „Solution“ auszumachen. Geschrieben wurde er von Dylan Savage, einem der drei Hauptsänger der Band. Mit einer eingängigen Melodie und positivem Text weist er sogar Chartpotenzial auf. Das dĂĽrfte Giant Panda Guerilla Dub Squad in den USA sicher gelingen. In Europa werden sie es nicht so leicht haben, da hier der Fokus weitestgehend anders liegt.

Label: Easy Star
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Album der Woche: The Smiths – „Hatful Of Hollow“

24.11.2014 von  

The Smiths - Hatful Of HollowVĂ–: November 1984
Web: officialsmiths.co.uk
Label: Rough Trade
Kaufen: artistxite-Shop

„In my life, why do I give time to people who don’t care if I live or die? In my life, why do I smile at people who I’d much rather kick in the eye?“

Ironie. Sarkasmus. Zynismus. Die Bandbreite der literarischen Stilmittel in den Songtexten von The Smiths ist groĂź. Mit Songs wie „Heaven Knows I’m Miserable Now“ treffen sie den Nerv einer Generation, die genug hat vom aufgesetzten Synthie-Pop der Jahre zuvor. Der schrammelige, dennoch melodische Gitarrensound und die melancholischen Songtexte von The Smiths kommen da gerade richtig. Nicht umsonst werden die Briten deshalb als erste Indie-Band ĂĽberhaupt bezeichnet.

1982 gründen Gitarrist Johnny Marr und Sänger Morrissey in Manchester eine Band. Zusammen mit dem Bassisten Andy Rourke und Mike Joyce am Schlagzeug nennen sich die vier Musiker The Smiths. Was damals noch keiner ahnt: Nur fünf Jahre wird diese Formation bestehen, bevor Johnny Marr als erster die Truppe verlässt. Doch diese fünf Jahre reichen aus, um The Smiths unsterblich zu machen und die britische Musikszene umzukrempeln. In dieser kurzen Zeit werden vier Studioalben produziert sowie mehrere Compilations und Singles veröffentlicht. The Smiths sehen Singles stets als eigene Einheit und nicht unmittelbar zur Bewerbung eines Albums. So werden auch zahlreiche Stücke herausgebracht, die auf keinem der vier Studioalben vertreten sind.

Anfang 1983 unterschreiben die Musiker einen Vertrag mit Rough Trade Records, im Mai desselben Jahres folgt die DebĂĽtsingle: „Hand in glove, we can go wherever we please. And everything depends upon how near you stand to me. And if the people stare, then the people stare. Oh, I really don’t know, and I really don’t care.“ Texte wie diese und ein nackter Mann auf dem Singlecover fĂĽhren unweigerlich zu Diskussionen ĂĽber die sexuelle Orientierung des exzentrischen Songtexters Morrissey. Und das ist erst der Anfang: Die Texte polarisieren und provozieren. „Suffer Little Children“, das auf dem selbstbetitelten DebĂĽtalbum von 1984 enthalten ist, handelt beispielsweise von den britischen „Moor-Morden“, die in den 60er-Jahren das Land erschĂĽtterten. Das dritte Studioalbum „Meat Is Murder“ bewegt hingegen viele Hörer, den eigenen Fleischkonsum zu ĂĽberdenken.

Vor 30 Jahren, im November 1984, erschien die erste Compilation „Hatful Of Hollow“. Sie beinhaltet drei Singles inklusive ihrer B-Seiten sowie Songs, die während BBC-Sessions mit der Band aufgezeichnet wurden. An vier Terminen zwischen Mai und September 1983 war die Band zu Gast bei den legendären Moderatoren John Peel beziehungsweise David Jensen. Diese aufgenommenen Versionen unterscheiden sich teils enorm von ihren später arrangierten Studiofassungen. Die BBC-Varianten sind sehr viel bassbetonter, rauer und „improvisierter“. Dies heiĂźt bei Weitem nicht, dass die einen Versionen den anderen ĂĽberlegen sind. Vielmehr soll betont werden, dass es sich bei den Songs auf „Hatful Of Hollow“ um die frĂĽhesten Zeugnisse dieser auĂźergewöhnlichen Band handelt. Grund genug, um den Geburtstag eines der bedeutsamsten Alben der jĂĽngeren Vergangenheit zu feiern. Deshalb machen wir „Hatful Of Hollow“, 30 Jahre nach dem Erscheinen, zu unserem Album der Woche.

Neue Platten: Black Rain, Cut Hands und Killing Sound

Cover des Albums Festival Of The Dead von Cut HandsCut Hands – „Festival Of The Dead“ (Blackest Ever Black)

9,2

Schon nach Sekunden öffnet sich das Tor zu einer anderen Welt. Eine Welt, in der keine Stille herrscht und ein ständiges Rauschen existiert, in das sich immer wieder schreiartige Töne drängen, die so klingen wie die elektronisch verzerrten Vogellaute in Hitchcocks „Die Vögel“ und sich schon bald in klirrend hohe Sounds verwandeln. Als dann die unnatĂĽrlich verhallte Frauenstimme das Wort ergreift und emotionslos von „altered brain document systems“ spricht, steht fest: Das neue Album des enigmatischen Post-Industrial-Duos Black Rain ist eine Mischung aus dĂĽsterem Science-Fiction-Soundtrack und musikgewordenem Film Noir: vertrackt-nervöse Rhythmen („Endourban“ und „Data River“), eine zwischen Unbehagen und Melancholie liegende Grundstimmung und zähflĂĽssige Klangtexturen, die sich durch eine menschenleere Landschaft ziehen („Watering Hole“) – wie die Schatten in den alten Noir-Streifen, die stets dunkler und größer sind, als sie es sein dĂĽrften.

Das Cinematische und Narrative an „Dark Pool“ ist Konzept. Nicht nur der Name des aus dem New Yorker Stuart Argabright und dem japanischen Musiker Shinichi Shimokawa bestehenden Projekts ist dem gleichnamigen Film von Ridley Scott von 1989 entlehnt. Die GrĂĽndung von Black Rain 1995 geht auf die Produktion des Soundtracks von „Johnny Mnemoni“ zurĂĽck, einem trashigen Cyberpunk-Film mit Keanu Reeves.

Auch das 18 Jahre später erschienene DebĂĽtalbum ist maĂźgeblich von Science-Fiction wie etwa Paolo Bacigalupis 2009 erschienenen Roman „The Windup Girl“ inspiriert, einer Dystopie ĂĽber ein 23. Jahrhundert, in dem die Menschheit von biotechnologischen Konzernen beherrscht und terrorisiert wird.

Nur selten tauchen humane Elemente auf, wie etwa in „Profusion I“, in dem eine ätherische Frauenstimme opernhafte Melodien singt. Dass diese Stimme wirkt wie der letzte Rest einer Menschlichkeit, verweist auf eines der zentralen Themen des Albums: Entfremdung. Ein Leitmotiv, das auch der Science-Fiction-Autor William Gibson verwendet, um seine apokalyptischen Zukunftsszenarien plausibler zu machen.

Das Besondere an „Dark Pool“ ist die stilistische Spaltung aus kruder 80er-Industrial-Ă„sthetik und zeitgenössischen Formen apokalyptischer Clubmusik wie etwa Sandwell District oder dem entschleunigten Drone-Dub der britischen Labelkollegen Raime.

Apropos, dass Black Rain 18 Jahre nach dem Soundtrack des gefloppten Kinofilms ĂĽberhaupt noch Musik machen, liegt wohl auch an der Ăśberzeugungsarbeit von Kiran Sande, dem Macher des Londoner Labels Blackest Ever Black, das 2010 als Output fĂĽr weirde Clubmusik an der Schnittstelle von Doom Metal, Dub, Industrial und Postpunk gegrĂĽndet wurde. Und das innerhalb von nur vier Jahren mit seiner eigenwilligen Ă„sthetik weltweit bekannt geworden ist.

Neben Black Rains DebĂĽt erschienen dort vor Kurzem die DebĂĽt-EP des Bristoler Dub-Kollektivs Killing Sound oder das Album „Festival Of The Dead“ von Cut Hands, dem Nebenprojekt des Noise/Industrial-KĂĽnstlers William Bennett. Während die an dekonstruiertem Dubstep, Jungle und Drone geschulten Tracks von Killing Sound zeitweise hymnenartigen Charakter haben, ist das Ende Oktober erschienene Cut-Hands-Album eine radikal unterkĂĽhlte Spielart zeitgenössischer Clubmusik. Der ausschlieĂźlich aus metallischen Percussions und einem gnadenlos hämmernden Bass bestehende Track „The Claw“ kommt dem wohl am nächsten, wofĂĽr das britische Label, neben all den entschleunigten DronekĂĽnstlern, allen voran Dalhous, Nina oder Bremen, steht: kompromisslose, nihilistische Ritualmusik, die stets ĂĽberrascht und aufweckt, wenn nicht sogar verstört.

Der Name des Labels ist Programm, jetzt mal abgesehen von der Ambivalenz zwischen ironischem Seitenhieb und musikästhetischer Exaktheit. Es geht nicht einfach um ein Schwarz, es geht um den schwärzesten aller möglichen Schwarztöne. Eine Musik, die sich in ihrer Verweigerung von Konventionen, ihrer Atonalität und Lust am Exzess bestens zur Katharsis eignet.

Sowohl Black Rains „Dark Pool“ und die jĂĽngste EP von Killing Sound als auch „Festival Of The Dead“ transportieren den Hörer in eine andere Welt, seien es Science-Fiction-Dystopien, paranoide Innenwelten oder verschwommene Tagträume aus der eigenen Jugend. Diese Musik ist neben allem Eskapismus immer auch eine Huldigung an das Chaos der Gegenwart. Musik, bei der alles ein wenig erträglicher erscheint.

Label: Blackest Ever Black
Kaufen: Black Rain – „Dark Pool“ im artistxite-Shop | Cut Hands – „Festival Of The Dead“ im artistxite-Shop

Neue Platten: Umherschweifende Produzenten – „Elektronische Musik“

20.11.2014 von  

Cover des Albums Elektronische Musik von Umherschweifende ProduzentenUmherschweifende Produzenten – „Elektronische Musik“ (From Lo-Fi to Disco!)

7,2

Wir schreiben das Jahr 2014. Ein Gespenst geht um auf der Welt, das Gespenst der AuĂźerirdischen. Eine Gruppe dieser AuĂźerirdischen – genauer gesagt der sexualdemokratische FlĂĽgel der AuĂźerplanetarischen Opposition – tritt an mit einem dezidierten „Masterplan“ (so auch der Titel des Eröffnungstracks auf „Elektronische Musik“), der es vorsieht, den Kapitalismus zu ĂĽberwinden und eine klassenlose Gesellschaft jenseits dieses Systems, kurz: den sogenannten Future-Kommunismus anzustreben. So sollen ihre Ideen und poppolitischen Ziele auf der Erde verbreitet und deren Bewohner – auch bekannt als Menschen – inspiriert werden. Demzufolge erfuhren im Laufe der Jahrtausende alle wichtigen Vertreter – sei es aus Philosophie, Kunst, Film oder eben Musik – Inspiration von diesem so mysteriösen Kollektiv. Gegenwärtig hat jene AuĂźerplanetarische Opposition zwei Auserwählte zu uns gesandt, die wir vormals unter King Fehler alias Knarf Rellöm (Huah!, Knarf Rellöm Trinity, Die Zukunft et al.) und Manuel Scuzzo (Misses Next Match) kannten, und hat jene mit einem Konzeptalbum beauftragt. Demzufolge präsentiert uns dieses extraterrestrische Duo ein Album auf diversen vermittelnden Elementen, deren Cover ihre Entstehungsgeschichte erzählen. Bereits im letzten Jahr gegrĂĽndet, benennen sich die Umherschweifenden Produzenten nach dem gleichnamigen Werk (Untertitel: „Immaterielle Arbeit und Subversion“) des italienischen Marxisten Antonio Negri und werden beauftragt, „repetitive Musik und repetitive Texte, Texte ohne Meinung und GefĂĽhl“ zu erschaffen. Die beiden sehen sich klar in der Tradition Sun Ras und manifestieren dessen afro-futuristische Philosophie des „Space Is The Place“ hier als Credo: Wenn dieser Planet, das Diesseits nur noch von Dummheit regiert wird, hilft lediglich noch die Flucht ins All. Ein transzendentales Heilsversprechen, das die futuristische Sehnsucht als elementaren Bestandteil der Popgeschichte heraufbeschwört.

KĂĽrzlich zu Gast im ByteFM-Interview mit der Frankfurter Radiogröße – dem ehemaligen (Weltraum-)Taxifahrer – Klaus Walter wurde eine entschlossene Zäsur manifestiert: „Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei. […] Niemand kann mehr behaupten, er hätte von nichts gewusst. […] Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder Authentizität!“, so ein Abgeordneter der AuĂźerplanetarischen Opposition. Hier wird authentischem Blues- und Country-Rock in vielerlei Hinsicht eine klare Absage erteilt. Das maschinelle Geplucker des Sequenzers läuft entgegengesetzt zum menschlichen BedĂĽrfnis einer musikalischen Seele. Zudem verfremden die ĂĽbermenschlich anmutenden Vocoder- bzw. Kaospad-Einsätze die Stimmen derart, sodass Walters These untermauert wird, der kluge Einsatz dessen könne Geschlechtergrenzen ĂĽberwinden bzw. die dichotome Geschlechtereinteilung unterlaufen.

In „Migration“ wird die realpolitische Situation der Armutsflucht und Verteilung von Informationen dahingehend aufgegriffen, dass auf andere Planeten migriert wird und die Prophezeiung des Schicksals von einigen Wenigen eines Tages alle haben werden. Ein Modell, dass uns aus Sci-Fi-Romanen bereits bekannt sein dĂĽrfte, wird hier modifiziert: Das Privileg auf andere Planeten auszuwandern wird nicht länger ausschlieĂźlich Eliten vorbehalten, sondern ganzheitlich verfĂĽgbar sein, sodass die Menschheit einen Konsens finden muss, gemeinsam zu emigrieren.

„Alternative Energie“ setzt dort an, wo Kraftwerk mit „Radio-Aktivität“ aufhörten und denkt dies thematisch weiter. Doch auch musikalisch gibt es eine Fortschreibung dessen: visionärer Synth-Pop im Sinne der vier DĂĽsseldorfer Mensch-Maschinen, der den kosmischen Dada-Pop Felix Kubins auf der einen und den LSD-getränkten Wahnsinn Walter WegmĂĽllers auf der anderen Seite des Orbits tangiert. Im Titeltrack wird das Medium zur Massage und schlieĂźlich liefern die Produzierenden gleichermaĂźen Problem sowie Lösung, sodass sich ein Leitsatz im Geiste Devos aufdrängt: Are We Men? We Are Umherschweifende Produzenten!

Kam Fred 1981 in Andreas Doraus Klassiker noch vom Jupiter, so zirkuliert er einige Lichtjahre später in einer mindestens genauso fernen Galaxie. Was allesamt gemein haben: Sie wurden inspiriert von der Außerplanetarischen Opposition.

Der in der Vorgeschichte erwähnte Auftrag, „einfach nur Beschreibungen der Situation“ anzufertigen, ist auf einen weiteren Inspirierten zurĂĽckzufĂĽhren, nämlich auf Rainer Werner Fassbinder und dessen Einsicht: „Wenn du die Dinge nicht verändern kannst, musst du sie beschreiben.“ Auch wenn dieses Vorhaben einer Dokumentation des Zustandes der modernen Welt mit der Abwesenheit von Individualität und persönlichen Befindlichkeiten als schier unmögliches Unterfangen erscheint, so verhilft der Ansatz der Mensch-Maschine hier zu einem utopischen Seinszustand.

Tune In – Turn On – Drop Out.

Label: From Lo-Fi to Disco!
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Album der Woche: Der Mann – „Wir Sind Der Mann“

17.11.2014 von  

Der Mann - Wir Sind Der MannVĂ–: 21. November 2014
Web: dermann.tv
Label: Staatsakt
Kaufen: artistxite-Shop

„Doch selbst das Reformhaus braucht eine Reform. Und das Leben ist keine Pusteblume, das Leben ist kein Dinkelbrot. Das Leben ist nicht grob geschrotet und wäre das Leben ein Reformhaus – wäre ich lieber tot. Ja, ihr habt richtig gehört, dies ist eine Kampfansage an die Wurzel allen Übels.“

Was für eine Ansage. Und was für eine charmante Methode, mit Texten wie diesem ein Album zu beenden. Ein Album, bestehend aus zwölf Songs über Einsamkeit, die Fehlbarkeit des Menschen und – Männer.

Der Mann nennt sich das Kollektiv, bestehend aus Mitgliedern der Berliner Band Die Türen, dem Berliner Maler Helmut Kraus und einer Kölner Animationsfirma. Zusammen wird so ein regelrechtes Gesamtkunstwerk erschaffen: Die Liebe zum Detail findet sich sowohl im entzückend-inszenierten Musikvideo und dem kunstvollen Plattencover, als auch in der Musik selbst.

Die drei „Ur-Türen“ finden mit „Wir Sind Der Mann“ nach längerer Pause wieder zusammen. Bassist Ramin Bijan, Gitarrist Gunther Osburg und Sänger Maurice Summen gründen 2002 Die Türen – und weil sich kein Label für sie interessiert, wird kurzerhand ein eigenes namens Staatsakt aufgebaut, das bis heute von Summen geleitet wird. Vor zwei Jahren kam der letzte Streich der Türen heraus. Der Albumtitel: „ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ“.

„DER MANN. Wer soll das sein? Ist nicht auch bei „dem MANN“ das Ego auch nur eine Konstruktion, die versucht den Stimmen aus dem Chor der Welt zu folgen – oder sie zu ignorieren?! Also kann es ihn ĂĽberhaupt geben? Den MANN?“, fragt sich das Label auf seiner Homepage. Ein musikalisches Pendant zu diesen Fragen ist der Song „Wo Fängt Mann An?“. Die wohl unterhaltsamste Definition von Männlichkeit seit Herbert Grönemeyers „Männer“ vertonen die Musiker im Song „Ich Bin Ein Mann“. Maurice Summen klagt darin ĂĽber verschiedenste Dinge: „Was mich an Teenagern stört, sind ihre Pickel. Was mich an ihren Eltern stört, sind ihre RatgeberbĂĽcher im Regal.“ Oder: „Was mich am Sex stört, ist das Hinterher.“

„Wir Sind Der Mann“ ist ein augenzwinkerndes, kurzweiliges und kluges Album: Maurice Summen jongliert mit Wörtern wie kein Zweiter. Und trotzdem gelingt es ihm, verständlich und vor allem authentisch zu klingen; pseudo-intellektuelle Phrasen sucht man hier vergeblich: „Ich steh nicht auf die Süddeutsche Zeitung, steh nicht auf den FC Bayern – nicht, dass ich was gegen Bayern hätte, doch das elitäre Gehabe ist nicht so mein Ding, ich steh mehr auf die einfachen Dinge im Leben. Ich glaub ich neig zum Mittelmaß, ich neig zur Untertreibung, ich mag nicht so das Rampenlicht.“, gibt er im theatralischen „Von Der Kneipe In Die Cloud“ zu verstehen. Ein weiterer Höhepunkt des Album ist „Alles Keine Arbeit“. Hier kritisieren die Musiker durch eine satirische Betrachtungsweise den wachsenden, gesellschaftlichen Leistungsdruck.

Das anfangs zitierte „The Rise Of The Reforming House“ hat nicht umsonst als einziges Stück einen englischen Titel: Die Anspielung auf den Folkklassiker „The House Of The Rising Sun“ ist nicht zu übersehen. Besonders wenn Maurice Summen das Reformhaus genüsslich als „Freudenhaus des Stuhlgangs“ besingt.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare der kunstvollen Vinyl-Edition. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Der Mann“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Neue Platten: EinstĂĽrzende Neubauten – „Lament“

Cover des Albums Lament von EinstĂĽrzende NeubautenEinstĂĽrzende Neubauten – „Lament“ (BMG Rights Management)

9,3

Ganz langsam nähert es sich, das sich ins Gehör beiĂźende Quietschen und Schleifen und das bedrohliche Brodeln im Hintergrund, das klingt wie das amplifizierte Lodern eines Feuers. Bis sich alles in einem langgezogenen Männerschrei entlädt. „Kriegsmaschinerie“, der erste Song des neuen Albums der EinstĂĽrzenden Neubauten, katapultiert die Hörer direkt ins Geschehen. Diese Schreie, sie stammen womöglich von Soldaten, die in ihre erste Schlacht ziehen, infiziert von Zerstörungswut und fehlgeleiteter Kriegsromantik.

„Lament“ ist eine Art musikalische Erzählung ĂĽber den 1. Weltkrieg, die von der Situation vor dem Ausbruch aus Sicht der Stadt Diksmuide handelt. Die belgische Stadt hatte die Band anlässlich des 100. Jahrestages offiziell beauftragt. Der Sänger Blixa Bargeld sagte im Vorfeld in einem Interview, es sei kein reines Neubauten-Album geworden, sondern ein Auftragswerk. Doch „Lament“ ist mit seiner charakteristischen Geräuschlastigkeit bei gleichzeitigem Popappeal und vor allem den nicht selten ins Absurde rutschenden BrĂĽchen eigentlich genau das: ein neues, sehr zeitgemäßes Album von den Industrial-Pionieren.

Es ist ein schöner Zusammenzuck-Effekt, wenn zu Beginn des zweiten Songs plötzlich ein Männerchor in der Melodie von „God Save The Queen“, der englischen Nationalhymne deutsch-patriotische Zeilen schmettert: „Heil dir im Siegerglanz, Herrscher des Vaterlands, God save the king“. Das kalkulierte Unbehagen, das solche Signalwörter auslösen, ist seit jeher eines der Leitmotive der Band, deren Musik immer schon teutonische Ă„sthetiken und gelegentlichen Dadaismus verband. Wie etwa im Song „The Willy – Nicky Telegrams“, das mit seinem vordergrĂĽndigen Autotune-Gesang so klingt, als fĂĽhre im Moment des Hörens ein schwarz lackierter BMW mit dem neuesten US-Shit vorbei.

Der Ausflug in die aktuelle Poplandschaft wird beantwortet von der konzeptuellen „Lament“-Trilogie, die mit einem meditativ-bedohlichen DronestĂĽck beginnt, in dem ein verfremdeter Chorgesang die anstehende Apokalypse anzukĂĽndigen scheint. Das darauffolgende „Lament: 2. Abwärtsspirale“ erinnert mit seinen metallischen Schlägen und spannungsgeladenen Glissandi an die frĂĽhen Neubauten. Das StĂĽck teilt das Album gleichzeitig in zwei Hälften und ist eine Art musikalisch-mathematisch Studie, wie den Linernotes zu entnehmen ist. So fallen die Töne darin spiralförmig ab, basierend auf einem Muster, das aus den einzelnen Zahlen des letzten Kriegsjahres besteht: 1-9-1-8.

Die Songs der EinstĂĽrzenden Neubauten waren immer schon auch musikgewordenes Storytelling. Auf „Lament“ haben sie das perfektioniert wie nie zuvor. In „How Did I Die?“, einem paranoiden Trip durch eine postapokalyptische Landschaft, fragt sich eine Stimme im Angesicht einer zerstörten Welt:

„How did I die? Or didn’t I?“, und evoziert dabei dĂĽstere Bilder: „A strip of murdered nature, it seems like it belongs to another world, every sign of humanity has been swept away, the woods and roads have vanished like chalk“.

Was die Texte so besonders macht, ist ihre Ambivalenz und ihr Mut, wie im Fall von „God save the queen“, auch die falschen, die gescheiterten Perspektiven einzunehmen, ohne dabei in einen revisionistischen Pathos eines Ernst JĂĽnger oder eine hyperreflektiv-postmoderne Metaebene zu verfallen.

„Ich weiĂź inzwischen, und das ist ja gerade heute sehr wichtig, dass Krieg nicht einfach kommt und wieder verschwindet. Krieg bricht nicht aus wie eine Seuche. Er ist immer präsent“, sagte Blixa Bargeld in Bezug auf das Album. Und genau das gelingt der Band mit „Lament“. Einen alternativen Raum zu öffnen, in dem das Schreckliche im Schönen, aber auch das Schöne im Schrecklichen Platz hat.

Label: BMG Rights Management
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Album der Woche: Ariel Pink – „pom pom“

10.11.2014 von  

Ariel Pink - pom pomVĂ–: 14. November 2014
Web: ariel-pink.com
Label: 4AD
Kaufen: artistxite-Shop

Ariel Pinks durchgedrehte LiebenswĂĽrdigkeit, die er auch durch seine Musik transportiert, ist sagenhaft. Der „König der Pop-Perversion“, wie ihn der Pressetext so schön nennt, ist mal wieder zurĂĽck mit einem neuen Album. Es scheint, als wolle Ariel Pink mit jedem der 17 Songs vor allem eines sagen: „Ich trage diese Krone zurecht!“

„pom pom“ ist das erste Album von Ariel Pink ohne seine Begleitband Haunted Graffiti: „Obwohl es mein erstes Solo-Album ist, fĂĽhlt es sich nicht so an. Ich hatte unzählige Freunde im Studio, die bei den Songs mitgespielt haben“. Darunter ist auch der Kult-Produzent Kim Fowley, der eigentlich das komplette Album produzieren sollte. Eine Krebserkrankung machte dies letztendlich unmöglich. Die Tristesse im Krankenhaus vertreiben Ariel Pink und Kim Fowley mit Songwriting-Sessions am Krankenbett. So entsteht zum Beispiel die augenzwinkernde (Anti-)Ode an den amerikanischen Wackelpudding „Jell-O“.

Glitzernde, opulente, wahrlich „pom-pom-pöse“ StĂĽcke machen das Album zu einem Juwel. Ariel Pinks Inspirationen scheinen endlos. Man nehme die Extravaganz eines Freddie Mercury und die epische Gesangsdarbietung eines Holly Johnson, mische sie mit der Energie der Beatles und verleihe dem Ganzen eine gehörige Prise West-Coast-Lässigkeit Ă  la Beach Boys. Fertig ist das musikalische Wunderwerk.

„Nude Beach A Go-Go“ ist so ein Retro-Surfpop-StĂĽck, das direkt aus dem Jahr 1965 zu kommen scheint. Dieses wurde von Ariel Pink ĂĽbrigens auch fĂĽr das jĂĽngst erschienene DebĂĽtalbum der New Yorker Rapperin Azealia Banks geschrieben: Es ist dort allerdings in einer deutlich glattgebĂĽgelten Variante zu hören.

Der musikalische Einfluss der 80er-Jahre offenbart sich in atmosphärischen Songs wie „Lipstick“: Da dĂĽrfen sogar die stereotypischen Panflöten pfeifen. Verglichen mit den ersten Alben von Ariel Pink kommt das einer Revolution gleich: Durch heimische Eigenproduktion war seine Musik von einem starken Lo-Fi-Sound gezeichnet. „pom pom“ dagegen spielt alle Vorteile einer digitalen Musikproduktion aus: „Four Shadows“ ist ein schwerer Synthpop-Walzer, auf dem Ariel Pink beeindruckende Vocals ins Zentrum rĂĽckt. Am eindrĂĽcklichsten ist aber „Picture Me Gone“: Die hymnenhafte Ballade ist von einer unfassbaren Erhabenheit durchtränkt.

Aby Warburg, ein Kunsthistoriker aus Hamburg, entwickelte Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff der Pathosformeln: Damit bezeichnete er stringente Darstellungsformen von Gestik und Mimik, die universale GĂĽltigkeit besitzen und bestimmte GefĂĽhlsregungen zeigen. Es bietet sich geradezu an, diesen Begriff auch auf die Musikgeschichte zu ĂĽbertragen. Dann nämlich lebt Ariel Pinks „pom pom“ von musikalischen Pathosformeln: Arrangements und Melodien, die genauso gut vor 30 Jahren funktioniert hätten, werden in einen zeitgenössischen Kontext gehoben, ohne etwas von ihrer Ausstrahlung und Wirkung einzubĂĽĂźen. So was kann eben nur ein „König der Pop-Perversion“.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Ariel Pink“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Ariel Pink – Put Your Number In My Phone on MUZU.TV.

Ariel Pink – Picture Me Gone on MUZU.TV.

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