Neue Platten: Christopher Bissonnette – „Essays In Idleness“

Christopher Bissonnette - Essays In Idleness (Kranky)Christopher Bissonnette – „Essays In Idleness“ (Kranky)

8,0

Seit den ersten Tagen der Ambient Music, also seit Brian Enos stilprägenden Veröffentlichungen, steht das Genre fĂĽr simple, einlullende Hintergrundmusik. Dabei war schon Enos Ausgangsidee eigentlich eine andere, wie er in vielen Interview betonte. Durchgedrungen ist er damit aber leider nicht. Selbst auf Wikipedia heiĂźt es ĂĽber sein Album „Ambient 1: Music For Airports“, die Musik hätte den Anspruch, „sowohl fĂĽr Durchreisende als auch fĂĽr Wartende [auf Flughäfen] angenehm und interessant zu sein, selbst wenn die Wartezeit so lange ist, dass das Album mehrere Male hintereinander gespielt wird.“ Eno ging es vielmehr darum, sich gegen das ĂĽbliche Muzak-Gedudel abzugrenzen, dass Reisenden suggerieren sollte, alles sei zu jedem Zeitpunkt in Ordnung. Das war es nämlich auch damals nicht.

Wie ein Stigma blieb Ambient mit dieser Assoziation verbunden. Daran änderten auch die sich überlagernden, dröhnenden, an- und abschwellenden Sounds der Großmeister dieses Genres (Tim Hecker, Ben Frost, Fennesz, Phill Niblock, Stars Of The Lid usw.) nichts. Dabei ist ihre Musik durchaus geeignet, die Vögel, deren Gezwitscher auf so vielen Ambient-Platten zu hören ist, auf ewig aus den Wäldern zu vertreiben. Leider bleiben aber auch heute noch viel zu viele Veröffentlichungen mit viel zu vielen einfachen Effekten und viel zu vielen Naturgeräuschen immer nur an der Oberfläche.

Diese hört man auch auf den Platten des Kanadiers Christopher Bissonnette glĂĽcklicherweise nicht. Im Gegenteil. Die Klänge seines selbst gebauten analogen Synthesizers, mit denen er seine dritte Kranky-Veröffentlichung produziert hat, könnten davon nicht weiter entfernt sein. Die acht StĂĽcke auf „Essays In Idleness“ klingen eher wie nachts unter einem Umspannwerk oder in einer Lagerhalle aufgenommen und sie verlangen es wie die Musik der oben genannten KĂĽnstler, laut angehört zu werden. Denn nur so bekommt man ĂĽberhaupt mit, was in den tiefen Tiefen schlummert, wie sich die langsamen Veränderungen entwickeln und wie fein ziseliert diese Klangwelt ist. Dann lässt sich verfolgen, welch wunderbares Dröhnen, welch vielfältige Frequenzen und welch groĂźartige Vibrationen hier zu hören sind. Dabei versteht es Bissonnette, die Sounds so klingen zu lassen, als wĂĽrde er ĂĽberhaupt nicht eingreifen, als wĂĽrde er das Pulsierende einfach weiter schwingen lassen, das Schwebende einfach hängen lassen und die hochtönenden Impulse einfach piepen lassen. Die Platte lässt sich als experimentelle Versuchsanordnung genauso gut hören wie als musikalische Annäherung an den reinen Klang in einem verzerrten, groĂźen, hallenden Raum.

Wer unter Ambient nach „Essays In Idleness“ immer noch „Musik als Möbel“ (Satie) versteht, hält wahrscheinlich auch Glasscherben fĂĽr eine gemĂĽtliche Unterlage.

Label: Kranky | Kaufen

Tickets fĂĽr Current 93

09.04.2014 von  

Current 93Current 93

Das britische Musikprojekt Current 93 um den Musiker David Tibet existiert nun schon ĂĽber 30 Jahre. 1982 gegrĂĽndet, hat Ambient-Wegbereiter und Neo-Folk-Guru Tibet mittlerweile ĂĽber 50 Singles und Alben veröffentlicht. Kein Wunder, dass in ganz Europa Menschen ihre Pläne nach Current-93-Konzertkalendern richten. Auf einen durchgängigen Stil hat sich die Band nie festgelegt, genreĂĽbergreifend prägte sie die letzten 30 Jahre mit ihrem einzigartigen Sound. Im März erschien das neue Album „I Am The Last Of All The Field That Fell“, mit dem David Tibet im April durch Deutschland tourt.

ByteFM präsentiert die Konzerte und verlost 1Ă—2 Karten pro Spielort. Wenn Ihr gewinnen wollt, schreibt uns bis zum 16. April mit dem Betreff „93″, Eurer Wunschstadt und Eurem Vor- und Zunamen an verlosungen@byte.fm. Die Gewinnerinnen und Gewinner benachrichtigen wir rechtzeitig per E-Mail.

21.04.2014 Berlin – VolksbĂĽhne
22.04.2014 Hamburg – Kampnagel
23.04.2014 Dresden – Reithalle
24.04.2014 Heidelberg – Karlstorbahnhof

Neue Platten: Monsterheart – „W“

Monsterheart - W (Seayou)Monsterheart – „W“ (Seayou)

6,3

Nach diesem Album muss ich mich ernsthaft fragen: Bin ich ein heimlicher Goth? Seit Jahren war ich scheinbar auf falschen Pfaden unterwegs, stets im Irrglauben an den höchsten Gott der Götter: Gevatter Indie. Nun soll plötzlich alles anders sein? Was war geschehen?

Der Versuch einer Rekapitulation:

Es kribbelte in den Ohren, zappelte in den Fingern, kurz: Es war Zeit fĂĽr eine neue Rezension. Ohne Vorahnung, ohne Vorab-Info sprang mir „W“ von Monsterheart in den Kopf. Ein, auf den ersten Blick, harmloses, poppig anmutendes Album, das mir durchaus gefiel. Es war verspielt, es war manchmal ein wenig zu viel von allem, aber es war insgesamt ein nettes Indie-Album mit dem Hang zu Glam und Elektro – dachte ich. Denn ich wusste eigentlich nur so viel von Monsterheart: Die österreichische Musikerin Anna Attar, dem ein oder anderen vielleicht noch bekannt als Frontfrau von Go Die Big City, steckt hinter dieser kling-klang-sĂĽĂźen Collage aus EinzelstĂĽcken. Alles Weitere ergab sich aus dem HörvergnĂĽgen.

Da waren also elf Songs, die mit Triangel, Xylofon und abschweifenden Synthie-Einlagen getränkt sind. Da war Anna Attar mit ihrer extrem wandelbaren Stimme. Da war ein Album, das insgesamt stimmig war. „W“ bestach durch eingeschränkte Vielfalt – immer im Kausalzusammenhang mit der Idee des groĂźen Ganzen: dem mädchenhaften Indie-Elektro-Pop. Wenige AusbrĂĽche wie „Waves“, der letzte Song auf der Platte, zeigten die Versuche von Wandelbarkeit, die sich aber insgesamt im kuscheligen „W“-Kontext wohlfĂĽhlten. Songs wie die Vorabsingle „Bunnies“ bestachen durch textliche Raffinesse und versteckten Biss, immer wieder einsetzende Hand-Claps brachten das Indie-Herz zum HĂĽpfen, der Klang von Annas Stimme lieĂź hin und wieder ein kurzes Aufhören entstehen. „W“ war ein Album das sich ganz wunderbar ins CD-Regal einordnen wĂĽrde, ohne groĂźes Aufsehen, ohne Anspruch auf die erste Reihe. Ein Indie-Album durch und durch.

Und dann las ich ihn doch, den Pressetext vom Label. Seitdem bin ich verwirrt. Glam und Pop seien die fröhliche Seite Montsterhearts, Goth die düstere Strömung ihres Temperaments. Goth? So, so. Seit diesen Zeilen suche ich nach versteckten Goth-Hinweisen in meinem Kleiderschrank, ich schau mir meine Musiksammlung sehr genau an und versuche, dunkle Strömungen in mir zu erfühlen. Aber es will sich einfach nichts finden lassen – ein bisschen so wie bei Monsterheart.

Label: Seayou | Kaufen

Biz Markie wird 50

08.04.2014 von  

Biz MarkieBiz Markie (Foto: www.bizmarkie.com)

Biz Markie, am 8. April 1964 als Marcel Theo Hall im US-Staat New Jersey geboren, hat in den 80ern Humor ins HipHop-Genre gebracht. Er hatte es drauf, schiefen Gesang und komödiantische Texte neben tighte Rap-Parts zu stellen und dabei seine GlaubwĂĽrdigkeit in der Szene zu wahren. Sein DebĂĽt „Goin’ Off“ wurde 1988 zu einem Underground-Hit. Ein StĂĽck davon, „The Vapors“, war 16 Jahre später in dem Videospiel „Grand Theft Auto: San Andreas“ zu hören.

„The Biz Never Sleeps“, Biz Markies zweites Album, katapultierte ihn im Musikgeschäft weit nach oben. Am bekanntestens ist die Single „Just A Friend“. Die landete auf Platz 9 der US-Charts, verschaffte Biz Markie jedoch auch den Ruf eines One-Hit-Wonders. Danach blieb der groĂźe Erfolg aus. 1991 brachte ein Gerichtsverfahren einen Knick in seine Karriere. Der Ausgang des Verfahrens sollte das HipHop-Geschäft maĂźgeblich beeinflussen: Es wurde entschieden, dass die Verwendung jegliches Samples vor Veröffentlichung eines Tracks geklärt werden mĂĽsse.

Biz Markie antwortete zwei Jahre später auf den Vorfall mit dem Album „All Samples Cleared!“. Danach gab es lange keine neue Musik von ihm zu hören. Er ist seitdem aber regelmäßig in diversen Fernsehsendungen zu Gast. Auch auf der Leinwand konnte man den Rapper sehen. Im Film „Men In Black II“ aus dem Jahr 2002 spielte Biz Markie einen beatboxenden Alien.

Um das Gerichtsverfahren zur Klärung von Samples ging es bei ByteFM auch bereits in einer Ausgabe von All Samples Cleared!?, die für Freunde von ByteFM im Archiv zum Nachhören bereit steht.

Die ByteFM Charts KW 15

07.04.2014 von  

Die am meisten gespielten Alben bei ByteFM in den vergangenen zwei Wochen. GroĂźe Verschiebungen an der Spitze in dieser Woche. Timber Timbre verbessern sich um acht Plätze und entern mit „Hot Dreams“ die Pole Position. Ebenfalls im Aufwind sind Metronomy. Ihr Album „Love Letters“ steigt von Platz 11 auf Platz 2. Um zwei Ränge nach unten geht es dadurch fĂĽr die letztwöchigen Spitzenreiter Fenster. Ihr Album „The Pink Caves“ ist in dieser Woche nur noch auf dem dritten Platz der ByteFM Charts.

Die Albumcharts (Platzierungen der Vorwoche)

1. Timber Timbre – Hot Dreams (9)
2. Metronomy – Love Letters (11)
3. Fenster – The Pink Caves (1)
4. Wild Beasts – Present Tense (4)
5. Dillon – The Unknown (10)
6. The Notwist – Close To The Glass (6)
7. Ratking – So It Goes (neu)
8. Joan As Police Woman – The Classic (neu)
9. Real Estate – Atlas (8)
10. Beck – Morning Phase (5)
11. Angel Olsen – Burn Your Fire For No Witness (7)
12. The War On Drugs – Lost In The Dream (15)
13. Liars – Mess (3)
14. Future Islands – Singles (12)
15. Neneh Cherry – Blank Project (2)

Die ByteFM Albumcharts könnt Ihr natürlich auch beim Musikstreamingdienst WiMP nachhören, und zwar in voller Länge. Darüber hinaus natürlich auch noch viel mehr aus dem gesamten Angebot auf WiMP.

Album der Woche: The Afghan Whigs – „Do To The Beast“

07.04.2014 von  

The Afghan Whigs - Do To The BeastVĂ–: 11. April 2014
Web: theafghanwhigs.com
Label: Sub Pop

„If they’ve seen it all, show ’em something new.“ The Afghan Whigs sind zurĂĽck. 16 Jahre nach ihrem letzten Studioalbum „1965″ veröffentlichen die Musiker um Leadsänger Greg Dulli das neue Werk „Do To The Beast“. In den frĂĽhen 90ern waren The Afghan Whigs eine der meist geschätzten und angesehenen Alternative-Rock-Bands, nicht zuletzt dank ihrer ungewöhnlichen Genre-Mischung aus Hard Rock, Post-Punk und Soul.

1986 treffen Dulli, Leadgitarrist Rick McCollum, Bassist John Curley und der Schlagzeuger Steve Earle zum ersten Mal in Cincinnati, Ohio, aufeinander und nennen sich fortan The Afghan Whigs. Zwei Jahre später erscheint das DebĂĽtalbum „Big Top Halloween“ auf dem eigens gegrĂĽndeten Label Ultrasuede. Im Jahr darauf kommen die vier Jungs bei Sub Pop unter Vertrag. Das hochgelobte „Gentlemen“ wird 1993 veröffentlicht, Album Nummer fĂĽnf, „Black Love“, erscheint 1996. Drei Jahre nach Erscheinen ihrer LP „1965″ ĂĽber Columbia Records geben The Afghan Whigs 2001 ihre Trennung bekannt: Grund dafĂĽr sei die räumliche Distanz sowie die familiären Verpflichtungen der einzelnen Mitglieder, die eine Weiterarbeit unmöglich machten.

Und trotz wiederholter Aussagen von Greg Dulli, dass eine Wiedervereinigung ausgeschlossen sei, kommen The Afghan Whigs 2006 nochmals im Studio zusammen, um zwei neue Songs fĂĽr eine Best-of-Compilation aufzunehmen. Auch 2012 werden Hoffnungen geweckt, als die Band eine Reunion-Tour absolviert. Doch der eigentliche Auslöser fĂĽr neue Studio-Sessions und somit auch das erste Album seit 16 Jahren ist ein Auftritt mit Usher beim SXSW-Festival 2013, nachdem die Reunion-Tour schon längst einen Abschluss gefunden hat. In einem Interview mit dem Rolling Stone schwärmt Dulli von der aufsehenerregenden Zusammenarbeit: „Usher, along with Mark Lanegan and Björk, is one of the three best singers I’ve ever seen sing up close. He can do things with his voice that are just effortless. I’ve listened to Michael Jackson my whole life, and Usher has that Michael thing. It was thrilling.“

Nach diesem Wendepunkt beginnen die Aufnahmen zum siebten Album „Do To The Beast“. Dieses ist gleichzeitig das erste Werk ohne Gitarrist Rick McCollum. Stattdessen gibt es viele Gastmusiker, die dem Album eine Menge Abwechslung und Vielfalt einhauchen: Soul-Musiker Van Hunt, Mark McGuire vom Electro-Trio Emeralds, Johnny „Natural“ Najera – der musikalische Leiter von Usher – sowie viele weitere talentierte KĂĽnstler.

Der Opener des Albums, „Parked Outside“, ist einer der härtesten Rock-Songs, der jemals von The Afghan Whigs geschrieben wurde und Dulli laut eigener Aussage an einen „Stripper-Song“ erinnert. Eine Spaghetti-Western-Atmosphäre schwingt bei der ersten Single „Algiers“ mit, die sich ebenfalls in Form des Musikvideos widerspiegelt. „Lost In The Woods“ ist Dullis persönlicher Favorit der Platte: Der Song sei wie eine fĂĽnfminĂĽtige Reise durch die Nachbarsviertel seines Verstandes. Dasselbe Tempo und dieselben Akkorde, aber völlig verschiedene Stimmungen – diese musikalische Raffinesse erschaffen die Musiker mit den aufeinanderfolgenden Tracks „Royal Cream“ und „I Am Fire“.

„If they’ve seen it all, show ’em something new.“ The Afghan Whigs halten Wort. Sie sind nicht unbedingt besser denn je, aber eines auf jeden Fall: zurĂĽck mit einem frischen, zeitgemäßen und trotzdem klassischen Sound.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „The Afghan Whigs“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Label: Sub Pop | Kaufen

Der 20. Todestag von Kurt Cobain

05.04.2014 von  

Kurt Cobain mit NirvanaKurt Cobain mit Nirvana (Foto: Warner Music)

Am 5. April 1994 nahm sich Kurt Cobain das Leben und erschĂĽtterte damit viele Menschen auf der ganzen Welt. Cobain war zuvor aus einer Rehabilitationsanstalt in Los Angeles entflohen und nach Seattle geflogen. Niemand, nicht mal seine Ehefrau Courtney Love, wusste, wo er sich aufhielt.

Als Sänger und Gitarrist von Nirvana war Cobain die Stimme einer Generation, der von den Medien so betitelten „Generation X“. Songs wie „Smells Like Teen Spirit“ und „Come As You Are“ wurden zu Hymnen vieler Teenager. Nirvanas DebĂĽt „Bleach“ wurde 1989 zum Underground-Hit, mit dem Nachfolger „Nevermind“ wurde die Grungeband plötzlich in den Mainstream katapultiert. Es landete in mehr als zehn Ländern in den Top 5 der Charts.

Als Kurt Cobain 1987 Nirvana zusammen mit Bassist Krist Novoselic in seiner Heimatstadt Aberdeen, Washington gründete, hatte er nicht im geringsten vor, ein großes Publikum mit seiner Musik zu gewinnen. Die Independentszene war sein Rückhalt. Doch Nirvana traf den Nerv der Zeit. Nicht nur ihre Songs, auch die dazugehörigen Videos brannten sich dank MTV in viele Köpfe ein.

Der Erfolg machte dem Musiker, der seit seiner Jugend an Depressionen litt, zu schaffen. Er konnte damit nicht umgehen. Mit 13 hatte Cobain das erste Mal Drogen genommen, Anfang der 90er verfiel er dann dem Heroin. Es erschwerte ihm sein Leben zusehens. Auch seine Beziehung und Ehe mit Courtney Love wirkte dem nicht entgegen – im Gegenteil, auch Love war drogenabhängig.

Als sie im April 1994 von Cobains Verschwinden erfuhr – inzwischen hatte das Paar eine Tochter bekommen – schaltete sie einen Privatermittler ein. Cobains Leiche wurde aber von einem Handwerker gefunden – drei Tage nachdem der Musiker sich erschossen hatte. Sein Tod hat ein groĂźes Loch in die Rockmusik gerissen.

Neue Platten: Avey Tare’s Slasher Flicks – „Enter The Slasher House“

04.04.2014 von  

Avey Tare’s Slasher Flicks - Enter The Slasher House (Domino)Avey Tare’s Slasher Flicks – „Enter The Slasher House“ (Domino)

8,7

Wenn sich der Name einer Band in Kombination mit dem Namen ihres neuen Albums liest, als habe man eine ganz Kurzgeschichte vor sich, und wenn der Kopf der Band dann auch noch auf den Namen Avey Tare hört – GrĂĽndungsmitglied des Animal Collective –, dann erwartet man beim Klick auf den Play-Button nicht weniger als die schallende Eröffnung eines bunten auditiven Zirkus im Kopf.

Man wird nicht enttäuscht. Der auditive Zirkus von Avey Tare’s Slasher Flicks, der beim Hören ihrer neuen Platte „Enter The Slasher House“ augen- bzw. ohrenblicklich gestartet wird, bringt alle vorstellbaren Bilder im Kopf dazu, sich kaleidoskopartig zu einem musikalischen Cupcake-Teig mit Sahne und Erdbeerfrosting vermengt auf Hammer, Amboss und Schnecke zu ergieĂźen.

Ob Angel Deradoorian und Jeremy Hyman, Bestandteile zwei und drei des Slasher-Flicks-Trios, Aveys Slasher Flicks sind oder ob es sich bei den Slasher Flicks vielmehr um Aveys ganz persönliche Slasher Flicks in Form von von ihm komponierten Liedern mit gewissermaĂźen slasherflicksionalem Inhalt handelt. Oder aber, ob das „Slasher Flicks“ im Namen der Band einfach nur gut klingt, konnte bisher nicht geklärt werden. Eigentlich ist „Slasher Flicks“ ein Ausdruck fĂĽr ein Untergenre des Horrorfilms, und zwar jenes, in dem (seelisch) ungestalte Randfiguren des Filmbiz Ă  la Patrick Bateman, evolutionär zu schnell vorausgeeilte Atomtestgebietbewohner mit Hautproblemen oder Motelvermieter mit ausgeprägtem Ă–dipuskomplex weniger Verunglimpfte – blond-brĂĽnette Mischungen aus dentalmedizinisch hinreichend versorgten Spring-Break-Amerikanerinnen Anfang ihrer Zwanziger – vorzugsweise per Muskelkraft und Machete, wahlweise auch Messer, aufschlitzen, ritzen und aufzwutscheln, auf dass Gedärm, Gehirn und was da sonst noch so an SoĂźen wartet, herausquelle (sexuelle Konnotation: natĂĽrlich!).

AuĂźerdem: Der Name „Avey“ ist Hebräisch, der klassischen Gendernorm entsprechend weiblich und bedeutet: „Gott ist mein himmlischer Vater“. „To tare“ bedeutet bekanntlich wiegen. Da „Avey Tare“ Avey Tares KĂĽnstlername ist, wird sich Avey Tare schon was dabei gedacht haben. „Der gewogene himmlische Vater“ hat jedenfalls einen gewissen Charme. Der heilige Christophorus kann ebenfalls ein Liedchen davon singen.

Das klingt alles kompliziert und deshalb bin ich froh, sagen zu können, dass Avey Tare’s Slasher Flicks mit „Enter The Slasher House“ vor allem ein fulminantes FĂĽllhorn konfettibunter Noten in die Welt geboren haben, dessen Schönheit einem Hochseilakt gleicht, der ohne Netz und doppeltem Boden beim quadruplen Salto von einem orchestralen Trommelwirbel begleitet wird. Slasher Flick mit Happy End. Es geht alles gut.

Egal ob Synthie-Sounds (immer), Schlagzeug (auch immer), Gesang (sowieso), Fagott (versteckte Bereicherung), Synthie-Wahwahs (mal hier, mal da), undefinierbares Gekrischel, sowie sidekickende Off-Stimmen und, und, und: Die verwebte Disharmonie von „Enter The Slasher House“ ist tatsächlich ein veritabler Eintritt in eine musikdimensionale Zwischenebene voller Schönheit und verwirrender Vielfalt. Ein YouTube-Kommentar fasst zusammen: „There’s so much to unravel.“

Assoziationen zu etwa Tim Burtons „Beetlejuice“ sind angebracht und von Seiten Avey Tares sicherlich erwĂĽnscht, und auch der aktuell vor den ByteFM-Redaktionsfenstern tobende Hamburger Dom weist eine gewisse Parallele zu diesem Album des fröhlichen Wahnsinns auf: laut, schrill und mit einem Hauch Mandelaroma im Blutanteil: A positiv!

Label: Domino | Kaufen

Plumes live bei ByteFM

04.04.2014 von  

PlumesPlumes

Plumes sind ein Ensemble aus Montréal rund um Veronica Charnley. Mit einer spannenden Mischung aus orchestraler und Indie-Musik veröffentlichte die Gruppe 2012 ihr selbstbetiteltes erstes Album, das von Kritikern und Musikliebhabern gefeiert wurde. Veronica, Geof und Louise besuchten heute Siri Keil im ByteFM Magazin, sprachen über das neue Album, an dem sie gerade arbeiten und verrieten, mit welchem Komponisten sie gern mal die Bühne teilen würden.

Bei ihrem Besuch im ByteFM Magazin spielte die Band ihren bislang noch unveröffentlichten Song „Swallow“ live on air.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Plumes – Swallow (Live bei ByteFM)

Zum 75. Geburtstag von Hugh Masekela

04.04.2014 von  

Hugh Masekela by Brett RubinHugh Masekela (Foto: Brett Rubin)

Der renommierte Jazz-Trompeter Hugh Masekela steht seit Jahrzehnten in aller Welt auf der Bühne. Als Kind konnte er sich das kaum erträumen: Masekela ist in einem Township im südafrikanischen Witbank aufgewachsen. Seine Kindheit war durch Musik geprägt: er hörte die Lieder der Arbeiter aus den Kohlegruben, Gesänge bei Festen und in der Kirche.

Nachdem er den Film „Der Mann ihrer Träume“ gesehen hatte, in dem Kirk Douglas einen Jazztrompeter spielt, wollte Masekela unbedingt auch das Instrument erlernen. Er bekam eine Trompete von dem Erzbischof und Anti-Apartheid-Kämpfer Trevor Huddleston geschenkt. Zusammen mit Schulkameraden grĂĽndete Masekela bald darauf die Huddleston Jazz Band, das erste Jugendorchester SĂĽdafrikas.

Das Apartheidsregime machte ihm und seinen Landsleuten das Leben sehr schwer. Nicht-Weisse wurden bis 1994 in Südafrika unterdrückt, vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und verfolgt. Diese Erfahrungen spiegeln sich seit jeher in Masekelas Musik wieder. Wie auch die Einflüsse verschiedenster Musikstile afrikanischer Völker, beispielsweise von den Xhosa, den Zulu und den Swazi.

Sein erstes groĂźes Engagement erhielt Hugh Masekela bei dem Orchester des Jazz-Musicals „King Kong“ – ein riesiger Erfolg auf den BĂĽhnen SĂĽdafrikas. 1961 wurde das StĂĽck in einem Theater im Londoner West End adaptiert. Auch Teil des Orchesters war Miriam Makeba, mit der Masekela von 1965 bis 1967 verheiratet war. Wie Makeba verlieĂź auch er sein Land – fĂĽr Musiker und KĂĽnstler mit dunkler Hautfarbe wurde es immer gefährlicher, in SĂĽdafrika zu leben.

Erst ging es fĂĽr ihn nach London, dann nach New York, wo er an der Manhattan School of Music studierte. Von da an wurde Masekela international im Jazz bekannt. FĂĽr „Grazing In The Grass“ erhielt er 1968 eine Grammy-Nominierung. Sein StĂĽck „Bring Him Back Home“ wurde 20 Jahre später zur Hymne derer, die sich fĂĽr die Freilassung Nelson Mandelas einsetzten. Als Mandela 1994 wieder ein freier Mann wurde, kehrte auch Masekela in seine Heimat zurĂĽck. Doch sein Hauptwohnsitz blieb New York.

Hier begeht Hugh Masekela auch seinen 75. Geburtstag. An zwei Nächten tritt er im Lincoln Center auf, im Kreis befreundeter Musikerinnen und Musiker. Unter anderem steht Paul Simon mit auf der BĂĽhne, den Masekela in den 80ern auf seiner umjubelten „Graceland“-Tour begleitet hatte.

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