Of Montreal – „Paralytic Stalks“

06.02.2012 von  

VĂ–: 10.02.2012
Web: www.ofmontreal.net
Label: Polyvinyl

Jawohl! Hier ist „Paralytic Stalks“ von der (wahrscheinlich neuen, hab ich jedenfalls noch nie zuvor gehört, den Namen) Band Of Montreal, die wahrscheinlich aus Kanada kommt. Dieser ganze Informationsballast ist ja sowieso eher egal und nur was fĂĽr obsessive Musiknerds, die sich fĂĽr cooler als echte Nerds anderer Ausprägungen halten (Trekkies, Zocker etc. – you know the type), obwohl sie ja auch nur dasselbe in grĂĽn sind. Aber wen es interessiert, der kann sich ja hier informieren.

Denn hier geht es um Wesentliches und zwar Musik und die findet man auf „Paralytic Stalks“ (auch eine kongeniale Feststellung in einer Albumrezension, die dem Rezensenten einiges an analytischem Reflektieren ĂĽber die Platte abverlangte). Of Montreal fangen hier gleich mal im ersten Song an zu grooven und hören gar nicht mehr auf und je mehr Spins die Platte in meiner Banshee-Playlist (weil Ubuntu mehr Indie ist als Mac) absolviert, desto weniger kann ich mich besagtem Groove entziehen. Und wenn ich meine analytischen Fähigkeiten weiter strapaziere, um eine Vorhersage zu treffen (die normalerweise bei mir ähnlich treffsicher wie der Wetterbericht sind – via „keine Ahnung von Broad Appeal“), wĂĽrde ich meinen, dass es sich hier durchaus um DIE Konsensplatte des ersten Quartals 2012 Anno Domini handelt.

In seinen besten Momenten ist Paralytic Stalks so, als ob Animal Collective weniger Drogen gefressen und noch viel viel mehr Bee Gees gehört hätten. Quasi das musikalische Äquivalent von Mini-Marshmallows in Kakaos, denn es gibt Kombination, für die man vor denjenigen, die sie sich haben einfallen lassen, einfach auf die Knie gehen sollte. Und ich meine das wörtlich, denn Lob tut gut und Neid ist viel zu weit verbreitet.

„I made the one I love start crying tonight and it felt good“, singt sich der Sänger von Of Montreal im Track „Spiteful Intervention“ von der Brust und wer kennt das nicht? Denn auch unter der Fassade von Euch Gutmenschen da drauĂźen schlummern Sadisten und das ist okay, denn das ist ganz natĂĽrlich. Absolut nichts mit Sadismus hat es dagegen zu tun, „Paralytic Stalks“ auch mal ganz laut, sodass es alle hören können, abzuspielen oder es einem Mitmenschen zu schenken (vielleicht ja zum Valentinstag dem Partner – zur Wiedergutmachung fĂĽr die zuvor verursachten Tränen). Denn: Super Platte. Hier ĂĽbrigens auch in Gänze im Stream zu hören.

Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher Unterstützung von Panasonic.

Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag von Montag bis Samstag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Of Montreal“ und seiner vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm

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Neue Platten: Die Antwoord – „Ten$ion“

(Downtown/Cooperative Music)(Downtown/Cooperative Music)

3,0

Ja, die Antwoord. Die Antwoord auf was eigentlich?

Die Band aus SĂĽdafrika veröffentlicht mit „Ten$ion“ jetzt ihr zweites Album nach „$o$“ und nicht nur in der Gestaltung ihrer Albumtitel ist die Band sich treu geblieben. Weiterhin bleiben die Hauptkoordinaten im System Die Antwoord erstens, dass man die Band eher als einen in-joke/kĂĽnstlerischen Kommentar des Post-Irgendwas mit SĂĽdafrika-White-Trash-Gimmick sieht als als eine Musikgruppe und zweitens das Genre ihrer Musik: retrofuturistischer Rummelplatz-Eurodance-Techno, erweitert um schnell gespittete Rhymes mit einer Prise Ethno-Chic, aber immer noch zu sehr in einer Ghettogangster-AttitĂĽde, um Birkenstockträger nicht zu verschrecken.

Gameboybeats und Tribalsounds, Maschingewehrsalven, Drogenverherrlichung und dicke Eier sind die Eckpfeiler der Tracks auf „Ten$ion“. Hat man so ähnlich aber auch schon besser von den Puppetmastaz gehört. Doch die Antwoord sind nicht dumm. Es handelt sich um durchaus talentierte und selbstreflexive Menschen bei Ninja und Yo-Landi, den MCs von die Antwoord. Man nehme den Track „Fatty Boom Boom“, in dem sie sich ihres Status als gelungene weirde Abwechslung vom Rap-Einheitsbrei bewusst sind. In „So What“ versuchen sie, sich selbst ĂĽber den Hype zu stellen, indem sie ihre eigene Geschichte erzählen: YouTube-Sensation, Majordeal, doch dann haben alle das Album nur gratis runtergeladen und Die Antwoord meinen dazu nur schlicht: „So what?“.

Nur sind sie eben gefangen in dem von ihnen abgesteckten System. Und von auĂźen wirkt dieses nun mal so sehr beschränkt, dass ein drittes Album hierin schlecht vorstellbar ist, vor allem wenn „Ten$ion“ wie sein Vorgänger nicht die Erwartung erfĂĽllt und schlechte Verkaufszahlen und Kritiken erntet. Der Witz ist halt beim zweiten Mal nicht mehr lustig und genau hier liegt das Problem von die Antwoord: Dass sie nun mal nicht in erster Linie eine Musikgruppe sind. Somit ist „Ten$ion“ die richtige Musik fĂĽr Hipster, die auch Die Atzen ironisch abfeiern können, während sie sich vorglĂĽhend auf den wochenendlichen Hedonismus einstellen, fĂĽr alle anderen eher nichts.

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Neue Platten: John K. Samson – „Provincial“

(Grand Hotel van Cleef)(Grand Hotel van Cleef)

8,9

Ich frage mich bei Soloalben immer nach dem Grund fĂĽr die Existenz dieser als solche – nehmen wir „Provincial“ von John K. Samson. Textlich und musikalisch hätte das hier auch gut und gerne eine neue, zugegebenermaĂźen etwas Neil-Young-akustigere Weakerthans-Platte sein können (und da dies bei Hauptsongwriterderbandsoloalben meistens so ist, rĂĽhrt meine Verwirrung bezĂĽglich der Existenz usw. daher). Aber hey, da sage ich nicht nein. Denn „Reunion Tour“ liegt jetzt auch schon wieder bald fĂĽnf Jahre zurĂĽck und „Provincial“ ist meiner Meinung nach das bisher beste Album des noch jungen Jahres.

Wobei das ja auch nur zur Hälfte stimmt. Dass „Provincial“ Musik aus dem Jahr 2012 ist, meine ich. Denn sechs der zwölf hier versammelten Perlen von Songs stammen je zur Hälfte aus den 2009 und 2010 erschienenen EPs „City Route 85″ und „Provincial Road 222″. Benannt nach – die ganz Schlauen haben es sich schon gedacht – StraĂźen, StraĂźen in Manitoba, der „östlichsten Prärieprovinz Kanadas“ (danke Wikipedia, ich habe dich wirklich vermisst letzte Woche Mittwoch, bitte tu so etwas nie wieder), der Heimat von John K. Samson, genauer gesagt. Und so beginnt auch „Provincial“ mit einem Song ĂĽber den kanadischen Highway 1. Samson drĂĽckt darin die Verlorenheit und Isolation beim alleinigen Autofahren besser aus als ich das je könnte; denn wer kennt das nicht, wenn blöde Satelliten behaupten, man sei nirgendwo?

Und so fahren wir weiter durch Manitoba, vorbei an der kleinen Stadt Riverton, wo eine Lehrerin an ihre Affäre mit dem Direktor zurĂĽckdenkt („The Last And“, zum GlĂĽck hat Edna ja jetzt Ned, Skinner war eh eine Flasche). Riverton ist auch die Heimatstadt von Reggie Leach, ex NHL-Spieler (934 Spiele, 381 Tore, 285 Assists, gesamt 666 Punkte, Satan ist ĂĽberall) und Angehöriger der First Nations (Ăśberbegriff derjenigen Ureinwohner von Kanada, die nicht zu den Inuit zählen – noch mal danke, Wikipedia), fĂĽr den Samson in dem Song „Ipetitions.com/Petition/Rivertonrifle“ eine längst ĂĽberfällige Aufnahme in die Hockey Hall of Fame fordert, because „Reggie on a playoff run could make a dad go buy that new tv“.

Wirklich jeder Song hier wäre eine Nennung wert, ob „Stop Error“ oder „When I Write My Master’s Thesis“, die beide Samsons Neigung zu Videospielen verraten – der erstere referenziert Call Of Duty 4 und ist eine wunderschöne Interpretation eines Bach-Chors, der zweite, ein dreieinhalb-Minuten-Rocker, eine Meditation ĂĽber die jedem Studenten bekannte Prokrastination im Angesicht anstehender Arbeiten und auch Samson ist bewusst, dass GTA hier ein massiver Zeitkiller sein kann. Hier könnte man jetzt schlieĂźen, dass Provincials Status als Soloalbum doch dadurch berechtigt ist, dass der Protagonist hier oft ĂĽber Situationen von EntrĂĽcktheit, einsamer Freude und dergleichen singt (vgl. z. B. auch Oasis‘ „Listen Up“ mit dem Mantra „I don’t mind being on my own“), aber schon die Weakerthans hatten Songs, in denen sich die Katze eines Loners ĂĽber dessen Einsamkeit und Antrieblosigkeit moniert.

In Kurzform: „Provincial“ von John K. Samson ist ein Superalbum von einem Supertypen. Wenn Ihr genug von 08/15-“Indie“-Bands mit belanglosen Texten, die besser aussehen als gute Songs schreiben können, oder bärtigen Naturbuschen-Folkies, die auch immer nur ĂĽber das Gleiche singen, habt, hört rein, wenn Ihr Euch nicht ins eigene Knie schieĂźen wollt.

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The Soft Hills – „The Bird Is Coming Down To Earth“

VĂ–: 20.01.2012
Web: http://thesofthills.com/
Label: Tapete Records

Hab ich da die falsche CD im Player? „Phoenix“, der Albumopener von „The Bird Is Coming Down To Earth“ klingt doch sehr nach den immens populären Fleet Foxes. Es ist daher berechtigt, wenn sich der geneigte Konsument fragt, ob er diese Platte noch im Schrank braucht, wenn da schon genannte FĂĽchse, Laura Gibson oder andere Musiker der neuen amerikanischen Folk-Welle stehen. Denn auch die Soft Hills brauen hier mit den gleichen Zutaten: Reverb en masse, Akustikgitarrengeklimpere, stampfend-galoppierende Drums und sehnsĂĽchtige Harmoniechöre, gesungen von vier Männern mit Bärten.

Doch warum nicht, es muss es ja auch nicht immer musikalisch avantgardemäßig inspiriert sein. Dem Boss hält ja auch keiner mehr vor, dass er nur die 70er Variante von Dylan war, genauso wie Beck, Noel Gallagher oder die Beta Band ja auch nichts anderes taten, als von möglichst vielen anderen zu klauen. So nehmen The Soft Hills halt ihre BĂĽhnenoutfits von Animal Collective und Synthieanklänge, z.B. im Lied „Midnight Owls“, könnten auch von OK Computer stammen, na und? Wenigstens treten sie im Gegensatz zum oben genannten Hauptreferenzpunkt Fleet Foxes (die sich mit den Hills ĂĽbrigens auch ĂĽberraschenderweise die Heimatstadt Seattle teilen) hin und wieder mal auf die Fuzz Box. Ihr Anbandeln mit Psychedelica-Elementen ist nämlich genau das, was dem Folk hier den Staub von der MĂĽtze bläst. Und sowieso werden The Soft Hills einfach gebraucht, weil Potheads immer Bands und Alben brauchen, in die sie komplett abtauchen können.

Die Hillys haben also aufgepasst: Alle Komponenten sind vorhanden, um Buzz in der Indieblogosphere zu generieren und, wie gesagt, warum sollte sie dies auch nicht. Denn in den einschlägigen Szene-Etablissements der Welt rotierten auch schon schlechtere Platten als „The Bird Is Coming Down To Earth“. Negativ auffallen werden die Soft Hills neben den anderen jedenfalls weder hier noch in den Bildstrecken von Musikexpress und Co.

Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher Unterstützung von Panasonic.

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Neue Platten: Guided By Voices – „Let’s Go Eat The Factory“

(Fire)(Fire)

7,0

„Let’s go eat the factory / let’s go running in there“, schlägt Robert Pollard im herrlich dahindengelnden Eröffnungstrack des neuen Guided-By-Voices-Albums vor. Aufruf zur Revolution im Zeitalter von Occupy und Co.? Das sei mal dahingestellt, denn auch wenn die Welt (wie eigentlich fast immer, wenn man den Massenmedien glauben darf) gerade am untergehen ist, dĂĽrfen wir uns an einer neuen GbV-Platte erfreuen, der mittlerweile 16. und ersten nach acht Jahren.

Also, wie ist „Let’s Go Eat The Factory“? „Reunion-Abzocken-Ausschuss“ oder ganz oben mit den anderen auf der goldherzigen Bergspitze? Das eingangs schon angesprochene „Laundry And Lasers“ kann man sich perfekt als Opener fĂĽr die demnächst anstehenden Konzerte vorstellen. „Doughnut For A Snowman“ zeigt, dass Guided By Voices immer noch groĂźe Pophymnen schreiben können. Könnte ich mir 1A als Stimmungsaufheller beim FrĂĽhstĂĽck fĂĽr den Start in den Tag vorstellen („Starts off her day with a Krispy Kreme doughnut / As sweet as life can get“). „The Unsinkable Fats Domino“, GbVs Hommage an den mittlerweile 83-jährigen Rock ’n’ Roller funktioniert dagegen sicher auch in der Indiedisco Eures Vertrauens und Robert Pollards unverkennbare Stimme nölt sich wie frĂĽher schön in einoktaviger Bandbreite durch die ganze Scheibe. Aber bei „How I Met My Mother“ kommt man vielleicht auch auf den Grund fĂĽr die Reunion: Dem Robert wurde das viele Sitcom gucken irgendwann zu langweilig, deswegen trommelte er noch mal die Jungs zusammen.

Soundtechnisch ist „Let’s Go Eat The Factory“ ein interessanter Mix aus ihrem alten Trademark-Lo-Fi-Sound und „richtig“ im Studio produzierten StĂĽcken. Obwohl ich, wie Jan MĂĽller einst sang, kein Lo-Fi-SpieĂźer sein möchte, bin ich dennoch der Meinung, dass Guided by Voices mit mehr als vier Spuren wie ein Hamburger mit Hack aus Kobe-Rind ist – irgendwie nicht richtig. Aber ich will ja nicht so sein, „Let’s Go Eat The Factory“ ist sein Geld wert – 21 Albumtracks, in denen alte Fans die Band wiedererkennen können und auch sicher sonst jeder was fĂĽr sich findet.

Hier Guided By Voices‘ Auftritt bei David Letterman. Bassist Greg Demos ist im Gegensatz zu Fats Domino offenbar nicht (pardon) „unsinkable“:

Label: Fire | Kaufen

Wenn Ihr mehr über Guided By Voices erfahren wollt, hört doch am Sonntag ab 14 Uhr den ersten Teil eines großen GbV-Specials mit Kai Bempreiksz & Patrick Ziegelmüller.

Neue Platten: Me And Cassity – „Appearances“

(Tapete)(Tapete)

6,7

Mit „Appearances“ erscheint dieser Tage das vierte Album, das Dirk Darmstaedter als „Me And Cassity“ veröffentlicht. Eines vornweg: Ich bin kein Darmstaedter-Experte, kenne ihn eher als Tapete-Labelchef und Hin-und-wieder-Gesangspartner von Bernd Begemann. Auch fällt mir nichts zur Getränkegläserfixiertheit des Videos zur ersten Single „Fred Astaire“ ein, leider, jemand anderes hätte hieraus vielleicht ein geniales Bonmot basteln können. Doch nun zum Album:

„Appearances“ ist ein Album, das definitiv nicht nach 2012 klingt. Das ist eine Platte, die als Soundtrack zum Roadtrip ebenso gut funktionieren wĂĽrde wie sie es als Hintergrundmusik im CafĂ© oder einfach zum Hören daheim auf dem Sofa tut. Darmstaedter erwähnte im Interview mit ByteFM Moderator Frank Lechtenberg, dass auf „Appearances“ Poppigkeit bei der Auswahl der StĂĽcke das Credo war. Er lieĂź sich dabei von Musikern wie Todd Rundgren oder den Turtles inspirieren, auch Burt Bacharachs Einfluss kann man z. B. im StĂĽck „The Last Troubadour“ deutlich vernehmen. Zum Takt von „Time To Put The Hammer Down“ hört der FuĂź gar nicht mehr auf zu wippen – bei auch im ethanolarmen Zustand tanzaffineren Menschen mag da sogar mehr passieren – und die Harmonien im eingangs erwähnten „Fred Astaire“- gesungen von Therese Johannson, die Darmstaedter im schwedischen Göteborg rekrutieren konnte – vermögen durchaus fĂĽr aufgestellte Nackenhaare zu sorgen.

Die Texte drehen sich auf „Appearances“ um die ĂĽblichen Verdächtigen: Liebe, Beziehungen und Verlassen werden, um das Weitermachen trotz aller Widrigkeiten („Bring It On“) und dabei nimmt Darmstaedter sich ja auch nicht viel zu anderen Hamburger Kollegen seiner Altersklasse. Hierbei beschleicht mich jedoch die BefĂĽrchtung, wie Darmstaedter auch selbst in den nächsten 20 bis 30 Jahren keine weiteren Einsichten auf diese Themen erlangt zu haben, die nicht auch jetzt schon naheliegen wĂĽrden. Vielleicht habe ich auch einfach das GefĂĽhl, fast die gleichen Texte schon zu oft von Männern im „besten Alter“ gehört zu haben, nur an anderer Stelle halt auch besser.

Dennoch wirkt „Appearances“ auf jeden Fall sehr wohltuend nach den letzten, feiertagsbedingt veröffentlichungsarmen Wochen, wenn auch fĂĽr meinen Geschmack von Zeit zu Zeit zu wohltuend – böse ausgedrĂĽckt kann man es nämlich auch als glatt produzierte Altherrenpopplatte bezeichnen, Schroffheit ist hier Fehlanzeige und wäre „Appearances“ ein Gericht, spräche ich mich fĂĽr Rotwein als Begleitung aus. Aber muss ja auch nicht immer Nonstop-Wodka-Komasaufen sein, hin und wieder hat man ja auch mal einen Kater.

Label: Tapete | Kaufen

Laura Gibson – „La Grande“

09.01.2012 von  

VĂ–: 13.01.2012
Web: „http://www.lauragibsonmusic.com/“
Label: City Slang

Trägt Laura Gibson etwas unter dieser Decke, die sie da auf dem Cover ihres neuen Albums „La Grande“ um sich schlingt? Das ist meiner Meinung nach eine durchaus berechtigte Frage (ich sage mit Absicht „berechtigt“, da ich mir selbst nicht ganz sicher bin, ob „angebracht“ hier … nun ja, angebracht wäre), da das zurzeit grassierende New Folk Movement (Fleet Foxes seien hier nur kurz als bekannteste Vertreter genannt), zu der man Frau Gibson gut und gerne zählen kann, doch teils starke Assoziationen zu ihren Hippievorläufern weckt – und die waren ja auch oft, mit Verlaub, nackig.

Sowieso scheint die Musikerin sehr naturverbunden zu sein: Das Album (ihr mittlerweile fĂĽnftes) wurde nach einem 13.000-Seelen-Kaff ungefähr fĂĽnf Autostunden entfernt von Frau Gibsons Homebase, Amerikas Hipster- und Hippie-Hochburg Portland, umgeben von Wäldern und Seen aufgenommen – ihr Arbeitsplatz war dabei ein alter Wohnwagen, den sie selbst zum Studio hergerichtet hat. Gibson selbst beschreibt „La Grande“ als einen Ort, durch den man normalerweise auf dem Weg irgendwo anders hin durchfährt, der dabei aber eine gewisse Anziehungskraft und Energie besitzt, eine Anziehungskraft, der sie selbst dann offenbar erlag.

Aus „La Grande“ ist dabei auch ein Album geworden, das an gewissen Stellen zum Bleiben und Verweilen fernab vom hektischen Stress des Alltags einlädt. Doch scheinbar paradoxerweise tut gerade das der Titeltrack nicht: Der Song „La Grande“ galoppiert nach vorne, bis er nach der Hälfte stolpert und der Beat Platz macht fĂĽr einen Chor, der an die eingangs bereits erwähnten Fleet Foxes erinnert. Doch bevor man verschnaufen kann, geht’s auch schon weiter. Ein bisschen später hört man dann Bossa-Nova-Rhythmen, Highway-61-Revisited-Orgeln und wehleidige Slidegitarren. Ist nicht gerade progressiv heutzutage, aber durchaus nett anzuhören und man muss der Platte zugutehalten, dass nicht ein Filler zu finden ist; jeder Song hat seine Momente – ob „The Rushing Dark“ mit seiner Bei-Regen-zu-Hause-sitzen-Atmosphäre oder „Milk-Heavy, Pollen-Eyed“, in dem sie die Schönheit der Schwere langer Beziehungen besingt, in denen man einfach nicht anders kann, als immer wieder zum Partner zu finden.

AbschlieĂźend möchte ich dann hier eine klare Kaufempfehlung fĂĽr „La Grande“ aussprechen – vor allem fĂĽr die Menschen, die die Musik von Joanna Newsom mögen, aber mit ihrer Mausstimme nicht klarkommen.

Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher Unterstützung von Panasonic.

Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag von Montag bis Samstag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Laura Gibson – La Grande by cityslang

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Neue Platten: Steaming Satellites – „The Mustache Mozart Affaire“

(Instrument Village)(Instrument Village)

6,0

Die Weltraumaffinität der Salzburger Band „Steaming Satellites“ hört bei ihrem Namen noch lange nicht auf: So heißt zum Beispiel eines der Stücke auf ihrem neuen Album „The Mustache Mozart Affaire“ „Spacelab“, ein von Funkgitarren, Mundharmonika-Solo und Glockenspiel geprägter Song, in dem von dem Glück gesungen wird, endlich die Richtige gefunden zu haben. Auf dieses folgt dann sogleich die Schunkelnummer „Spaceships“, in welcher die Angebetete gleich wieder aufgrund von Vernachlässigung das Weite sucht, da der Protagonist dann doch lieber mit seinem Raumschiff spielt. Auch wenn das vielleicht nach einem Hang zu Prog-Rock klingen mag, drückt dieser sich wenn überhaupt nur in kleinen, hin und wieder eingestreuten Pink-Floyd-Orgel-Zwischenspielen aus.

Die Satellites haben hier nicht den Anspruch, das Rad neu zu erfinden. Breite Elektro-Synths und hibbelige Drumbeats treffen auf Indie-Gitarren englischer Machart, um dann mit dem Organ eines Sängers kombiniert zu werden, der mir zeitweise stark den Eindruck vermittelte, hiermit eine Bewerbung als Caleb-Followill-Impersonator abliefern zu wollen. Doch wenn man genau aufpasst, hört man, dass offensichtlich nicht nur aktuelle Indie-Platten im Regal der Band stehen; so wird sich z. B. erfreut an cheesy Gitarrensoli à la Santana („Spaceships“) oder 70er-Hardrock Marke Led Zeppelin („Sleep“). Die Single „Witches“ muss man sich ungefähr so vorstellen, als ob Mars Volta versuchen, einen lupenreinen Popsong aufzunehmen – Ohrwurmpotenzial inklusive. Dabei hat die Band offensichtlich in den letzten (mit ausgiebigen Touren u. a. im Vorprogramm von Portugal. The Man gefüllten) Jahren einen krassen Soundwechsel zum Poppigen hin vollzogen. So war Ihr 2006er Debütalbum „Neurotic Handshake At The Local Clown Party” (welches merkwürdigerweise auf der Bandwebsite und den Pressematerialien so gut wie totgeschwiegen wird) noch deutlich von Emo und Hardcore, vgl. “At The Drive-In“, beeinflusst.

Referenzen hin und her, was am Ende zählt, ist, dass unterm Strich ein paar gute Songs übrig bleiben – und die findet man auf „The Mustache Mozart Affaire“. Dazu zählen neben der bereits erwähnten Single „Witches“ vor allem „Friends“ und „Sleep“. Insgesamt kein großartiges Album, tut aber auch nicht (doll) weh.

Label: Instrument Village | Kaufen

Neue Platten: Halma – „Dissolved Solids“

(Sunday Service)(Sunday Service)

7,6

Rasenhalma war ein geflĂĽgeltes Wort in meiner Kindheit, genutzt zur spöttischen Umschreibung unaufregender Aktivitäten. Wenn einem FuĂźball zu hart war, könnte man ja ebendieser Beschäftigung des Rasenhalmas nachgehen. Auch die Musik auf der neuen Platte der Hamburger Band Halma ist ruhig und unaufgeregt, es wäre aber ein Fehler, sich diese aufgrund etwaiger Peer Pressures unter den eigenen metal- oder technoaffinen Freunden entgehen zu lassen. „Dissolved Solids“ ist der Titel dieses Albums – und das Bild sich langsam auflösender Festkörper, das dem Rezensenten dabei in den Kopf kommt, erscheint passend. Musik, so zähflĂĽssig und gleichzeitig schön wie der Honig, der mir langsam vom Löffel in die Milchtasse gleitet (auch wieder passend – Halma sind keine Bier-Band, sondern machen Platten fĂĽr die Stunden im Winter, die man daheim mit heiĂźer Milch mit Honig verbringt).

Wäre „Dissolved Solids“ ein Filmsoundtrack (ĂĽbrigens ein Gebiet, auf dem Halma auch schon Erfahrungen gesammelt haben), wĂĽrde der Protagonist zu „A Moon Without A Planet“ oder „Silver“ nachts durch verlassene Gassen gehen, auf der Suche, ständig mit dem GefĂĽhl, verfolgt zu werden. „Hamlet Princess“, das SchluĂźstĂĽck des Albums, geschrieben als Tribut fĂĽr die gestorbene Katze der Halma-Drummerin Fiona McKenzie, wird von einer Wah-Wah-Gitarre dominiert, die in einem anderem Kontext auch als funky interpretiert werden könnte und darf als Zitat an die ruhigeren StĂĽcke von Neu! gelesen werden, nur dass man hier Klaus Dinger gegen einen Drumcomputer ausgetauscht hat.

Andreas VoĂź, Bassist von Halma, sagte kĂĽrzlich im ByteFM Magazin, dass die Band sich auf Einzelgriffe konzentriert, also bei Keyboard und Gitarre auf Akkorde verzichtet, um den einzelnen Tönen mehr Raum zu geben. Auf „Dissolved Solids“ stehen diese Töne frei im Raum, haben Platz, sich zu entfalten und nachzuwirken, perlen dabei gemächlich von Griffbrett und Tasten. Die individuellen Noten und die aus ihnen heraus entstehenden Melodien sind Halma wichtiger, als sich um konventionelle Strophe-Refrain-Strophe-Abfolgen zu kĂĽmmern. An einigen Stellen poppen dem Hörer Erinnerungen an andere Instrumentalbands aus dem Postrock-Umfeld wie die Schotten Mogwai in den Kopf. „Dissolved Solids“ ist eine Platte, die es einem erlaubt, in ihre dichte, stellenweise dĂĽster-packende Atmosphäre abzutauchen.

Also, wenn Ihr mich jetzt entschuldigen würdet, mein Hals ist ein bisschen rau, deswegen werde ich jetzt eine warme Milch mit Honig genießen und ein wenig Halma hören.

Label: Sunday Service | Kaufen

Neue Platten: Bill Wells – „Lemondale“

(Domino)(Domino)

8,5

„Lemondale“, das neue Album des renommierten schottischen Jazz-Musikers Bill Wells, ist das Ergebnis eines Experiments. Er versammelte 14 Musiker unterschiedlichster Prägung aus dem Umfeld der japanischen Untergrundszene (inklusive Ex-Sonic-Youth-Mitglied Jim O‘Rourke) fĂĽr einen Tag in einem Tokioer Studio, um diese dann aufeinander loszulassen.

Herausgekommen dabei ist eine äuĂźerst stimmungsvolle, abwechslungsreiche und interessante Platte, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint. So drängen sich beim Hören einiger Titel („Courtin‘ Love“, „Invade The Pitch“, „Piano Rolls“) Bilder aus der Ă„ra des klassischen Film Noirs in den Kopf. Kleine verrauchte Bars, Femme Fatales, Robert Mitchum, der in den dunklen Gassen einer amerikanischen GroĂźstadt versucht, Verbrechen auf den Grund zu gehen, während alles von den Klängen einer Jazz-Big-Band begleitet wird. Eine zeitlose, da nicht (mehr) existente Periode, die normalerweise vom heutigen Rezipienten romantisch verklärt wird.

Doch diese auf dem Album geschaffenen Stimmungen werden immer wieder aufgebrochen – gerade schmaucht noch die japanische Sängerin, im nächsten Moment gibt es einen experimentellen Blechbläser-Part, unterlegt mit Frickelei (eines der auf dem Album verwendeten Instrumente ist ein modifizierter Ventilator). Zwischendurch wird dann auch mal ein Feelgood-Instrumental eingeworfen, das von einer der Sufjan-Stevens-Platten seiner „50 States“-Phase stammen könnte, bevor dann alles im grandiosen Titelstück endet. Ebendieses „Lemondale“ ist eine langsame Ballade, der ganze Text besteht dabei nur aus der Wiederholung des namengebenden Zitronentals, während auf der einen Seite die Mundharmonika Erinnerungen an die schönsten und schmachtendsten Morricone-Scores weckt, zeitgleich aber dezente Noise-Klänge daran beteiligt sind, das Gesamtklangbild zu formen.

Die hier zusammengekommenen Musiker spielen allesamt auf höchstem Niveau und man hört ihnen deutlich die Freude an, die sie an dieser Aufnahme hatten. „Lemondale“ ist hierbei eine Platte, die Aufmerksamkeit vom Hörer verlangt, ihn aber durch die vielen musikalischen Spielereien, die man hier entdecken kann, für diese Aufmerksamkeit belohnt.

Label: Domino | Kaufen

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