Junip – „Junip“

VÖ: 19. April 2013
Web: junip.net
Label: City Slang

Bis zur Veröffentlichung ihres ersten Albums haben Junip ganze zwölf Jahre gebraucht, die LP „Fields“ erschien 2010. Bis zum zweiten Longplayer der schwedischen Band sind zum GlĂŒck seitdem nicht ganz so viele Jahre vergangen: Ihr mit dem Bandnamen betiteltes, zweites Album erscheint diese Woche. Obwohl sich der Erstling „Fields“ fĂŒr den begrenzten Bekanntheitsgrad der Band ziemlich gut verkauft hat, hat bei Junip keiner die enormen Zweitling-Erwartungen, wie sie auf andere KĂŒnstler dieser Tage zukommen.

Denn Junip zehren von ihrer Erfahrung und ihrem langen Zusammenspiel auf Tour. Die Band besteht aus Elias Araya (Schlagzeug), Tobias Winterkorn (Keyboard) sowie JosĂ© GonzĂĄlez mit seinem markanten Gesang und seinen prĂ€genden Gitarrenmelodien. Sein Erfolg als SolokĂŒnstler war wohl fĂŒr das Sichhinziehen der Arbeit am Bandprojekt Junip mitverantwortlich – und ist noch immer der Grund dafĂŒr, dass die Band in erster Linie mit dem SolokĂŒnstler JosĂ© GonzĂĄlez assoziiert wird. Doch der Klang der Band unterscheidet sich von den sehr reduzierten, akustischen Veröffentlichungen von JosĂ© GonzĂĄlez, auch wenn Junip durch die Stimme ihres FrontsĂ€ngers natĂŒrlich geprĂ€gt werden. Der Bandname als Titel der neuen Platte lĂ€sst aber erwarten, dass hier ein Stil darĂŒber hinaus gefunden wurde, der reprĂ€sentativ fĂŒr die Band ist. So ordnen auch die KĂŒnstler ihre Platte ein, schon der Entstehungsprozess, der nicht so recht einfach von der Hand gegangen sei, sei einfach „sehr Junip“ gewesen.

Die Ups und Downs dieser Arbeit waren sicherlich wichtig fĂŒr die Platte, die diese Zeit gebraucht hat. Junip klingen nicht gewollt. Man kann sich schwer vorstellen, dass ans Publikum gedacht wurde, als die Songs geschrieben wurden. Der imaginĂ€re Rezipient kann zumindest nicht die Popkritik oder ein potenzieller Konsument gewesen sein – vielleicht ein guter Freund. Denn die ruhigen StĂŒcke klingen ehrlich und echt, die lauteren scheinen sich ganz aus sich selbst zu entwickeln. Diesen Eindruck der IntimitĂ€t und Echtheit vermitteln Junip auch auf ihren Konzerten, wenn ihre StĂŒcke sich zu Instrumentals mit doppelter LĂ€nge steigern und sie ihren Status als Band unterstreichen. Die Melodie, der Song, das Konzept erscheinen bei diesen Live-Entwicklungen nahezu zweitrangig, sie nehmen das Publikum mit auf eine Reise, deren Ziel sie am Anfang nicht zu kennen scheinen.

Doch Junips Sound wird dadurch nicht willkĂŒrlich. Das aufgenommene Album erzĂ€hlt Geschichten und kann sogar OhrwĂŒrmer aufweisen, besonders die vorab veröffentlichte Single „Line Of Fire“ und das nun ausgekoppelte StĂŒck „Your Life Your Call“ begleiten Zuhörende womöglich dauerhaft. Dabei sind die beiden StĂŒcke bilderschwer und intensiv, was die beiden Videos, die zu ihnen entstanden sind, noch verstĂ€rken. Der schwedische Regisseur Mikel Cee Karlsson machte aus den beiden StĂŒcken einen Kurzfilm, der in einem Video begann und sich im nĂ€chsten fortsetzte. Ästhetisch aus dem Loopen kurzer Sequenzen bestehend, welche den Bildern eine betrĂ€chtliche LĂ€nge und Ruhe zu geben scheinen, gibt dieser Kurzfilm den StĂŒcken eine ziemlich absurde Geschichte. Wenn man mit diesen Videos vertraut ist, ist es durch ihre IntensitĂ€t erst einmal schwer, die Musik wieder als autonom zu sehen, so sehr prĂ€gen sich Bild und Ton gegenseitig.

AtmosphĂ€rische KlĂ€nge bestimmen dieses Album, Folk-Anleihen und ĂŒberraschende Beats, GerĂ€usche, sphĂ€rischer Gesang und ruhige Melodien wechseln sich ab. Dabei reicht manchmal ein Pfeifen aus und der markante GonzĂĄlez-Gesang darf zurĂŒcktreten. Die Grundstimmung ist oft dĂŒster, was der Band bisher das Genre Dark Pop aufgedrĂŒckt hat. Allerdings ist der Klang mitunter durchaus positiv, aufbauend, mitnehmend und immer sehr stimmungsvoll – Junip bilden mit den komplexen Arrangements und der instrumentalen Dichte KlĂ€nge, die sich nicht nur auf ihre Frontstimme reduzieren lassen. Das neue Album ergibt ein passendes Ganzes, das sich mit StĂŒcken wie „Walking Lightly“ und den veröffentlichten Singles zu einer wundervollen, atmosphĂ€rischen Platte steigert.

Das ByteFM Album der Woche.

In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir tĂ€glich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Junip“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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Neue Platten: Petula – „Don’t Forget Me, Petula! Don’t Forget Everything, Petula!“

Petula - Don’t Forget Me, Petula! Don’t Forget Everything, Petula! (DIA)Petula – „Don’t Forget Me, Petula! Don’t Forget Everything, Petula!“ (DIA)

8,2

Die britische Schauspielerin und SĂ€ngerin Petula Clark feierte just im vergangenen November ihren 80. Geburtstag. Sie war eine der prĂ€genden Figuren der 50er- und 60er-Jahre – und die Inspiration fĂŒr den Namen des Berliner KĂŒnstlers Sebastian Cleemann alias Petula. Dies gab er jĂŒngst in einem Radiointerview preis. Sich nun auf die Suche nach dem musikalischen Einfluss der Britin in Petulas Werk zu machen, klingt mĂŒhsam und wenig gewinnbringend. Doch dieses Solo-Synonym, das sich Petula tendenziell eher unbedacht vor vielen Jahren gab, als er eher mit anderen musikalischen Projekten beschĂ€ftigt war, steht nun im Mittelpunkt und hat es sogar zweimal in den Albumtitel seiner jĂŒngsten Veröffentlichung geschafft: „Don’t Forget Me, Petula! Don’t Forget Everything, Petula!“ heißt das zweite Album des Berliners, das auf dem Leipziger Label DIA erscheint.

Man kennt ihn eventuell von den Gruppen Kate Mosh und SDNMT – oder aus den kleineren Bars und Kneipen, Gallerien und KunstrĂ€umen, vor allem in Berlin, Leipzig und Umgebung. Er ist der mit den Loops. Mit der Gitarre, den Reglern und den Pedalen, der sich aus seinen eigenen Tönen eine ganze Band zusammenstellen kann. Nun gut, damit ist er mit dieser Produktionsform momentan nicht der Einzige. Allerdings ist keiner so reizend verhuscht, wĂ€hrend laut und energetisch mit still und subtil kombiniert wird.

Die subtile Kammerpop-SensibilitĂ€t und die elektronisch-rockige IntensitĂ€t haben es auch auf die Platte geschafft. WĂ€hrend viele der bisher veröffentlichen StĂŒcke und das erste Album Cleemanns als Petula hĂ€ufig Remixe oder Cover anderer Bands darstellten oder zumindest noch mit dem Lernen einer eigenen Sprache beschĂ€ftigt waren, hat Petula auf diesem zweiten Langspieler etwas gebildet, das zusammenpasst. Mal bringt das ausgefallene Songwriting seine Stimme in fast ungemĂŒtliche Höhen, die wir trotz allen elektronischen Verzerrungen erkennen, mal sirrt ein Song nur instrumental daher, doch alle der elf StĂŒcke erzĂ€hlen eine Geschichte, haben eine Dramaturgie und transportieren Stimmungen.

Aufgenommen wurde „Don’t Forget Me, Petula! Don’t Forget Everything, Petula!“ abgeschieden im Erzgebirge mit der Hilfe von Oliver Stangl (ClickClickDecker, ByteFM), bevor der Piano-Elektrone und Komponist Nils Frahm das Mastern ĂŒbernahm. An die ZurĂŒckgezogenheit im Erzgebirge, die Petula ĂŒbrigens den (musikalisch recht weit hergeholten) Vergleich mit Bon Iver einbrachte, wird man klanglich erinnert, wenn Töne und GerĂ€usche klingen, wie spontan auf dem HĂŒttenboden gefunden, so zum Beispiel in den aufeinanderfolgenden StĂŒcken „Juri“ und „Ik Kann Niet Meer Het Is Teveel“.

Nach dem Einstieg mit dem großartigen „Marry Me 1″, ĂŒber Hommagen an Weltraumhunde und perfekte Hunde, vorbei am auffordernden „Sing!“ und der gerade genannten Kombination, erscheint das Album schließlich ĂŒberzeugend als Ganzes. Und das ohne sich auf einen Stil festzugelegen. Schließlich, nachdem es mit der Order im Titel, bloß nichts zu vergessen, begann, endet es mit dem Song „All We Ever Want Is Time Out Alone, All We Ever Want Is To Forget This“. Damit ist hoffentlich nicht die gerade gehörte Platte gemeint, sondern ein vertrauter Wunsch, fĂŒr den wir vielleicht gerade die passende Musik gefunden haben. Jedoch ist dieser sich auf ĂŒber sechseinhalb Minuten so abwechselnde Song, wie dieses auf 45 Minuten so mitnehmende Album auch die passende Musik fĂŒr so ziemlich alles.

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Neue Platten: Sin Fang – „Flowers“

Sin Fang - Flowers (Morr Music)Sin Fang – „Flowers“ (Morr Music)

8,3

Als Sindri MĂĄr SigfĂșsson alias Sin Fang im Mai 2012 den letzten Einblick in sein Schaffen gab und die EP „Half Dreams“ veröffentlichte, stellte ich mir (sicherlich nicht als Erste) die Frage, wie von einer Insel mit einer Einwohnerzahl, die etwa vergleichbar mit der Bielefelds (oder Mannheims oder Berlin-Neuköllns) ist, so ĂŒberdurchschnittlich viel gute Musik kommen kann.

Sin Fangs Morr-Music-Labelkolleginnen Pascal Pinon, die ebenfalls aus Island stammen und gerade ihr zweites Album herausgebracht haben, analysierten die Andersartigkeit der islĂ€ndischen Indie-Pop-Szene so: „The indie community here is very local and lo-fi and it’s easy to make connections. That’s where the big difference is.“ Die rĂ€umlichen Ausmaße Islands sollten also nicht als einschrĂ€nkender Faktor gesehen werden, sondern als Garant dafĂŒr, sich kennenzulernen, voneinander zu profitieren. Netzwerken heißt das heute. Doch das irgendwie Kalkulierend-Strategische, das bei diesem Wort mitschwingt, wird gleichermaßen von der islĂ€ndischen Musikszene negiert.

Sie klingt locker und ehrlich. Leicht und natĂŒrlich. Als wĂ€re die Musik einfach so entstanden, aus Spaß. Diesen Klang darf auch Sin Fangs neues Album „Flowers“ fĂŒr sich beanspruchen. Es ist nach „Clangour“ (noch als Sin Fang Bous) und „Summer Echoes“ das dritte Solo-Album des IslĂ€nders, der außerdem der Band Seabear angehört. Die leider nur zehn Songs auf „Flowers“ weisen mehr instrumentale Dichte, zum Beispiel mehr durchgĂ€ngige SynthflĂ€chen und sogar Streicher („Feel See“), auf, als von Sin Fang gewohnt, die den Hintergrund von Sindri MĂĄr SigfĂșssons gewohnt markantem Gesang und den vielen, von Klatschen begleiteten, chorhaften „Ohs“ und „Ahs“ bestimmen. Wir steigen in dieses Album mit der Hymne ĂŒber Sindris Jugend „Young Boys“ ein, das sich sehr folkig um die großartige Songzeile „We were young boys / smoking in the woods / oh, I told you how“ dreht. Hier tritt die fĂŒr Sin Fang typische, greifbare GerĂ€uschlandschaft hervor, bevor eben ein solch synthiges StĂŒck folgt: „What’s Wrong With Your Eyes“.

What’s Wrong With Your Eyes? Das fragt man sich ĂŒbrigens auch im Video zu der Single „Look At The Light“, welches unten zu sehen ist. Das StĂŒck gehört zu den nachdenklicheren auf „Flowers“, wĂ€hrend Sin Fang auf diesem Album auch gewohnt tanzbare oder eher ermunternde, quirlige StĂŒcke bereitstellt. Die PR beschrieb „Flowers“ als „most accessible album“ von Sin Fang, was auf Deutsch unvorteilhaft mit „poppigstes Album“ ĂŒbersetzt wurde. In der Kritik zeigt sich dieses als zugĂ€nglich oder eben poppig beschriebene PhĂ€nomen oft in positiven Besprechungen, die betonen, wie romantisch (jemand ließ sich tatsĂ€chlich zu dem Stichwort „Kerzenschein“ hinreißen) und doch anders und erfrischend das alles ist.

„Flowers“ allerdings auf „Romantik“ oder auf „poppig“ zu reduzieren wĂ€re unfair. Denn nicht nur, dass dieses Album, wie alle Veröffentlichungen Sin Fangs, EinflĂŒsse vieler Musikrichtungen zeigt und mehr von einer elektronischen, ambient-synthigen Grundstimmung bestimmt ist, ist es weiterhin abwechslungsreich und unzugĂ€nglich in einem guten Maß.

Allerdings klingt „Flowers“ im ersten Moment tatsĂ€chlich glatter als „Clangour“ oder „Summer Echoes“ und erinnert in einigen StĂŒcken etwas an die Produktionen von Seabear, was auch der in Teilen saubereren Mischung (unterstĂŒtzt durch Alex Somers) zuzuschreiben ist. Das ist allerdings auch ein unverkennbares Merkmal dieses Albums: Man kann zwar gemeinsame Eigenschaften der StĂŒcke ausmachen, aber fast keine generellen Aussagen treffen – erst recht nicht beim ersten Hören, da jedes StĂŒck doch andere Assoziationen bringt und ein gerĂ€uschintensives, typisches Sin-Fang-Album mit einigen Perlen ist.

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Neue Platten: Pascal Pinon – „Twosomeness“

Pascal Pinon - Twosomeness (Morr Music)Pascal Pinon – „Twosomeness“ (Morr Music)

7,9

Pasqual Pinon war Mitglied eines amerikanischen KuriositĂ€tenkabinetts des frĂŒhen 20. Jahrhunderts. Seine KuriositĂ€t waren zwei Köpfe, wobei es sich bei dem zweiten, kuriosen Kopf um einen mit Wachs modellierten Tumor handelte. Und Pascal Pinon ist die Band der beiden 18-jĂ€hrigen Zwillingsschwestern JĂłfrĂ­Ă°ur und Ásthildur ÁkadĂłttir aus Islands Hauptstadt ReykjavĂ­k. Seit dreieinhalb Jahren, damals waren die Schwestern ÁkadĂłttir 14 Jahre alt, produzieren sie Musik in der elterlichen Wohnstube. Und so lange schon stellt sich die Kritik die Frage, warum die Anspielung auf den texanischen Doppelkopf.

Das zweite Album der beiden IslĂ€nderinnen heißt „Twosomeness“, verweist zwar wieder eventuell auf den zweiköpfigen Namensgeber, enthĂ€lt sich aber weiterhin einer eindeutigen Antwort auf die Namensfrage. Dieser Albumtitel betont vor allem ihre Bandkonstellation, ihr Sichverstehen unter (Zwillings-)Schwestern und dass sie außer ihrer gemĂŒtlichen Heimat und sich selbst nicht viel brauchen, um glĂŒcklich zu sein.
Auf Tour gingen die beiden nĂ€mlich bereits zu viert, arbeiten mit einem Label zusammen und trotzdem verspricht der Bekanntheitsgrad noch ein Leben außerhalb der Musikproduktion – so studiert JĂłfrĂ­Ă°ur Sprachen in ReykjavĂ­k (an einer Schule, an der auch Björk zu den Alumni gehört). Als junger Mensch lĂ€uft man da Gefahr, sich von der Familie und der Heimat zu entfernen. Doch Pascal Pinon konzentrieren sich auch auf ihrer neuen Platte auf sich, auf den Kern, auf JĂłfrĂ­Ă°ur und Ásthildur ÁkadĂłttir.

Ihre Musik erscheint als vertrĂ€umter islĂ€ndischer Indie-Pop mit je nach Inspirationsquelle englischen oder islĂ€ndischen Sprachmustern, geprĂ€gt von Gitarre und Keyboard aus Kindheitstagen, viel Ehrlichkeit und dazu einem ausgeprĂ€ten Do-it-yourself-GefĂŒhl, das der Lo-Fi-AufnahmeatmosphĂ€re entspricht. Der Gefahr, irgendwann durch all dieses Persönliche nur noch „sĂŒĂŸ“ zu sein, wird selbstbewusst aus dem Weg gegangen: „We‘re not really that cute, we just don’t have drums or rock guitars and sometimes like to play the songs very slowly. It’s always bad to get a certain image and especially one that grows out of you. But being cute isn’t all that bad. Everybody has a little cute in them somewhere.“

Und so zweisam und selbstgemacht sind die beiden dann auch nicht, denn der Amerikaner Alex Somers produzierte das Album der beiden und brachte Erfahrung und auch etwas Elektronik mit. Er hat sich 2005 in ReykjavĂ­k niedergelassen, ist sonst verantwortlich fĂŒr das Produzieren von islĂ€ndischen GrĂ¶ĂŸen wie Sin Fang oder Sigur RĂłs und bildet mit seinem Lebenspartner und SĂ€nger der letztgenannten Gruppierung JĂłn „JĂłnsi“ Þór Birgisson die Gruppe JĂłnsi & Alex. Dieser Produzent kennt sich aus im Post-Rock und ekstatisch crescendierenden Kompositionen, die auch in grĂ¶ĂŸeren MaßstĂ€ben begeistern. Doch bei Pascal Pinon bleibt auch er auf dem kleineren Teppich. Und was bei Sigur RĂłs und JĂłnsi & Alex die MĂ€chtigkeit der komplexen Komposition ist, ist bei Pascal Pinon die IntimitĂ€t – und die besteht trotz Produzent Somers auch auf „Twosomeness“.

Es ist das angenehme Rauschen der Zu-Hause-AtmosphĂ€re, die schönen Melodien, das Zusammenspiel aus vor- und zurĂŒcktretendem Gesang auf hohen HintergrĂŒnden und Glockenspiel, die Zerbrechlichkeit der Stimmen und die ZurĂŒckhaltung der Komposition, die Pascal Pinon außergewöhnlich machen. Hier passieren nicht zu viele Dinge nebeneinander und doch sind StĂŒcke wie „Þerney (One Thing)“ oder „KertiĂ°“ ausgereifter, komplexer und vielleicht auch elektronischer als die bisherigen Veröffentlichungen. „Ekki Vanmeta“ heißt der erste Song und zeigt die Richtung des Albums an, die Übersetzung: nicht unterschĂ€tzen. Und so sind Pascal Pinon: nicht nur der zerbrechliche Singsang zweier sĂŒĂŸer Schwestern, sondern ein Projekt, das sich entwickelt, wĂ€chst und gefĂ€llt.

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Neue Platten: Snorri Helgason – „Winter Sun“

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7,2

Snorri Helgason grĂŒndete mit 21 Jahren die Band Sprengjuhöllin, die in Island wohl ziemlich gern gehört wurde und mit der er auch grĂ¶ĂŸere Festivals auf dem amerikanischen Kontinent bespielte. Vor drei Jahren folgte dann der Wechsel des Gesangs von der islĂ€ndischen Sprache zum Englischen sowie das erste Soloalbum „I‘m Gonna Put My Name On Your Door“. Das sollte nicht ganz so massentauglich sein wie die sehr chartige Band, doch wurde Ă€hnlich beliebt auf der kalten Insel.

So kann Snorri Helgason auf seinem zweiten Album „Winter Sun“, das jetzt auch in Deutschland erscheint, auch einige Namen der bekannteren islĂ€ndischen Musikszene versammeln. Und zwar nicht als Featurings, sondern als Musiker, deren Mitarbeit man erst einmal herausfinden muss. So sind an Instrumenten und Backing Vocals Musiker von MĂșm oder HjaltalĂ­n dabei und SĂłley spielt Klavier. Produziert hat es dann kein anderer als Sindri MĂĄr SigfĂșsson (Sin Fang/Seabear), der scheinbar bei sehr vielen islĂ€ndischen Veröffentlichungen seine musikalischen Finger im Spiel hat.

Das Album ist nach der Wintersonne benannt, eigentlich ein in Snorris Heimat eher immer nur kurzzeitiges VergnĂŒgen, sind die islĂ€ndische Wintertage doch immer sehr kurz. Und auch das Album glĂ€nzt durch nur 37 Minuten Spielzeit. Wie der Albumtitel heißen auch gleich zwei StĂŒcke des Albums, wobei auffĂ€llt, dass das mit der Nummer Zwei versehene Lied als erstes lĂ€uft und „Winter Sun #1″ den Abschluss des ganzen Albums bildet. Die Gefahr bei diesem StĂŒck, die auch bei dem ganzen Album, wie auch bei vielen seiner Singer-Songwriter-Kollegen besteht, ist, ins zu Balladenhafte, ins Schnulzige abzudriften. Jedoch sind die meisten seiner StĂŒcke eher belebend und positiv, erinnern musikalisch etwas an die 50er-Jahre („Caroline Knows“) oder Americana („99 Songs“). Seine raue Stimme ergĂ€nzt die abwechslungsreichen Melodien, „Julie“ erinnert an eine romantische Version von „Beg, Steal Or Borrow“ der Babyshambles.

Einige Songs, zum Beispiel „Mockingbird“, erinnern dazu an die waldverliebte Entspanntheit, die man aus der amerikanischen Folk- oder New-Folk-Musik von den Fleet Foxes oder Devendra Banhart kennt. Die Themen Snorri Helgasons drehen sich dabei auch gerne um die Natur, wie auch die erste, schon etwas bekannte Single „River“ zeigt. Dabei ist sein Stil irgendwie sehr leicht und gar nicht so deprimierend wie Naturverbundenheit im Herbst sein kann. Es gibt genug „dadudamdam“ und Klatschen auf diesem Album, um sich in die gelb leuchtenden HerbstwĂ€lder zu begeben oder einfach nur die heimische Playlist mit ein paar StĂŒcken dieser Musikrichtung sehr schön zu ergĂ€nzen.

„Wenn Snorri eine Mango wĂ€re, sollte man sie jetzt essen“, so wird „Winter Sun“ in seinem Heimatland Island bewertet, es gilt als eines der Alben des Jahres. Auch wenn es diesem Kompliment, der subjektiven Rezensentin-Meinung nach, nicht ganz nachkommt, da einige StĂŒcke hinter anderen zu stark zurĂŒckfallen und nicht so innovativ klingen wie angekĂŒndigt, ist es doch ein schönes Album.

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Neue Platten: Kid Kopphausen – „I“

(Trocadero)(Trocadero)

7,8

Ende August scheint ein guter Zeitpunkt zu sein, ein neues Album deutschsprachiger Musik zu prĂ€sentieren. So erscheint in diesen Tagen nicht nur das langerwartete DebĂŒt der lakonisch so mittel gelaunten, etwas umstrittenen Band Die Heiterkeit (Album der Woche bei ByteFM), sondern auch neuer Satirepop von Friedemann Weise, das neue Album von Max Herre und eine Live-CD von Philipp Poisel. Nicht alle diese Veröffentlichungen klingen so vielversprechend wie diese eine neue Band auf dem deutschsprachigen Musikmarkt.

Aber wie ist das eigentlich mit der deutschen, deutschsprachigen Musik? RegelmĂ€ĂŸig wird sie tot geglaubt, dann wiederbelebt, wie es hĂ€ufig Musikrichtungen mit schlechtem Ruf geht (man frage dazu nur den zigfach reinkarnierten deutschen HipHop). Doch gerade in den letzten Jahren gewinnt der deutsche Indie, vor allem der mĂ€nnlichen Singer-Songwriter-Interpreten melancholischen Pops, immer mehr Fans und Aufmerksamkeit. Dies ist weniger SchwĂ€rmen weiblicher Pubertierender wie Max Prosa, Philipp Poisel oder der Entwicklung von Clueso zu verdanken, sondern vielmehr anderen – namentlich Gisbert zu Knyphausen, Nils Koppruch, Niels Frevert, Francesco Wilking, ClickClickDecker oder Moritz KrĂ€mer. Alle sind auf jeden Fall ihre Fans wert und klingen – wenn auch nur grob – einander Ă€hnlich. Auch wenn sie immer ĂŒber einen Kamm geschoren werden, haben alle musikalisch eine Art Steckenpferd oder Besonderheit und unterscheiden sich voneinander. Ihre Live-Auftritte sind oft von EinflĂŒssen verschiedener anderer Musikrichtungen, EmotionalitĂ€t und spontanem Laut-werden geprĂ€gt, dazu gibt es oft ironische Texte zu gepflegtem Imperfektionismus und immer sichtbarem Spaß an der Sache.

Wenn sich nun zwei aus dieser Liste zusammentun, die schon wesentlich lĂ€nger alleine Musik machen und ihre Erfahrungen bĂŒndeln, kann ja eigentlich nur Gutes dabei herauskommen. Eine weitere Veröffentlichung, die dieser Tage erscheint, nennt sich „I“ und kommt von Kid Kopphausen. Der Bandname ist eine Kontraktion aus den KĂŒnstlernamen von Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch. Sie stellen klar, sie sind „eine Band. Kein Projekt, kein Experiment, sondern ein merkwĂŒrdiges Viech, ein rĂ€tselhafter Haufen, ein drĂ€ngender Organismus, eine Gang aus Outlaws, die ĂŒberall das Weiter suchen und stĂ€ndig falsche FĂ€hrten legen.“ Soso. Country und Lonesome Rider also, oder zumindest ein retrohaftes Plattendekor und schneidige AnzĂŒge zu Texten ĂŒber das Alleinsein. Im Wald. Im Krieg. In der Großstadt. In der Kneipe.

Und darĂŒber singen Koppruch und zu Knyphausen in gleichen Teilen, unterstĂŒtzen sich, kommen auch mal alleine aus sich heraus. Der Song „Hier bin ich“ ist als erster exponiert hingestellt und zur Selbstdefinition der Band geworden: Was sind die eigentlich? Den Titel als „Wer Bin Ich“ spielte Gisbert zu Knyphausen schon live ohne Koppruch. Nach diesem von zu Knyphausen geprĂ€gten Lied folgt eines von Koppruch, aber, obwohl es anfangs so anmutet, haben die beiden KĂŒnstler nicht einfach abwechselnd die Ehre, sondern arbeiten zusammen. Schließlich sind sie eine Band. Und dazu gehören auch mehr als die beiden MĂ€nner mit Gitarren. Alexander Jezdinsky percussioniert, Felix Weigt spielt Tasten und Bass, Marcus Schneider unterstĂŒtzt an Gitarren sowie Mundharmonika und Autoharp fĂŒr den ordentlichen Bluegrass- oder Western-Sound.

Dazu wird der dominante Gesang der Protagonisten oft chorhaft unterstĂŒtzt. Ein empfehlenswertes Ergebnis ist „Das Leichteste der Welt“ oder der Titel „Mörderballade“. Doch die wirkliche Mörderballade (eben DIE Ballade des Albums, die einem immer dann einfallen wird, wenn ganz schlimme Dinge im eigenen Liebesleben passieren) ist „Wenn ich dich gefunden hab“; sie hĂ€tte allerdings auch auf eine der Solo-Platten gepasst. Im letzten StĂŒck „Nur ein Satz“ hört man plötzlich Hall und ungewohnte Effekte, Gisbert zu Knyphausens Gesang erscheint zunĂ€chst nur als Rezitation auf 4/4-Klopfen – ungewohnt, doch glaubhaft und gar nicht so technoid, wie das jetzt klingen mag – tendenziell jedoch gewöhnungsbedĂŒrftig. Und so haben einige herausstechende, tolle Songs ihre Entsprechung in der irgendwie unspontanen Ausgelassenheit der pompösen Dramatik und gewollten TiefgrĂŒndigkeit anderer Songs. Das StĂŒck „Jeden Montag“ ist grenzwertig, der Chor wirkt regelrecht „sesamstraßenhaft“ (Jan Wigger). Denn nicht immer klappt die große Cowboy-Lyriker-Nummer der beiden Musiker und man sucht die wirklich authentischen, ruhigen StĂŒcke, die allerdings auch schon Koppruch und zu Knyphausen solo ausmachen.

So arbeiten die beiden an ihrem Anspruch, kein Projekt zu sein. Dazu haben sie sich ein Konzept ausgesucht, das funktioniert, aber einigen sicher auf die Dauer zu anstrengend sein könnte. Und tatsĂ€chlich klingen Koppruch und zu Knyphausen zusammen nicht wie alleine – auch dank ihrer Mitstreiter und des orchestralen, country-folkigen Sounds. Es gilt die alte Gleichung: Zwei Menschen, die schöne StĂŒcke ĂŒber Menschen, Heimat, Leben und GlĂŒck schreiben können, können es zusammen meist auch ganz ordentlich. Und mal ehrlich: Wenn man Harz auf schwarz reimen kann, kann eigentlich nichts schief gehen.

Einen Blick auf die deutsche Musik dieser Tage wirft Diviam Hoffmann auch in der Sendung Ein Topf aus Gold am 02.09. ab 18 Uhr – hier auf ByteFM.

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Freundlichkeit und mehr als Musik: Das Roskilde-Festival vom 5. bis 8. Juli 2012

Freundlichkeit geht vor auf dem Roskilde-Festival in DĂ€nemark | Foto: Diviam HoffmannFreundlichkeit geht vor auf dem Roskilde-Festival in DĂ€nemark | Foto: Diviam Hoffmann

Eine magische Zahl geht dem diesjĂ€hrigen Roskilde-Festival in der dĂ€nischen Studenten- und Kleinstadt Roskilde voran: Es ist die 42. Ausgabe des Rockfestivals, die dieses Jahr vom 5. bis 8. Juli stattfand. 1971 entschieden sich zwei Studenten, dass es bis nach Woodstock zu weit ist und sie ihre eigene Ausgabe des berĂŒhmten Rock-Happenings einfach in ihre Heimatstadt verlegen. 10.000 Menschen kamen damals. Der Eintritt – 4 Euro. Ergebnis davon war, dass sie die Aktion zwar ziemlich super, doch auch ein bisschen krĂ€ftezehrend fanden und es eigentlich dabei belassen wollten. Doch andere wiederum dachten, mit ein bisschen gemeinschaftlicher UnterstĂŒtzung bekĂ€me man das doch noch einmal hin. So wurde das Roskilde-Festival gegrĂŒndet und zu Anfang auch gleich eine der Grundfesten festgelegt: Die Arbeit am Festival wird komplett von Freiwilligen ĂŒbernommen.

In den folgenden Jahren hat sich das allerdings etwas erweitert. In den mehr als 40 Jahren Festivalgeschichte spielten GĂ€ste wie Bob Marley, Nirvana, Bob Dylan, Neil Young und eigentlich alles, was in Rock und Pop einen Namen hat. Nur Daft Punk fehlt auf der großen Liste, wie die heutige Chef-Bookerin Marianne Hendriksen feststellt. Auch die Anzahl der Freiwilligen hat sich etwas erweitert: Heute arbeiten 30.000 Mitarbeiter freiwillig am Festival mit – von der Einlasskontrolle, ĂŒber MĂŒllsammler, bis hin zum Stage Manager.

Platz fĂŒr 60.000 Leute und zwei 54 mÂČ große Bildschirme, damit auch alle was sehen können: Die Orange Stage | Foto: Diviam HoffmannPlatz fĂŒr 60.000 Leute und zwei 54 mÂČ große Bildschirme, damit auch alle was sehen können: die Orange Stage | Foto: Diviam Hoffmann

Zu diesen Tausenden Freiwilligen fanden sich nun am ersten Juliwochenende dieses Jahres 77.500 zahlende 9-Tages-Ticket-Inhaber, 20.000 Tageskartenbesitzer und mit Sicherheit auch eine vierstellige Zahl akkreditierter Zuschauer und blinde Passagiere ein, um das Roskilde-Festival zu zelebrieren. Am Ende weiß also eigentlich niemand mehr, wie viele Menschen sich auf dem 1,5 Millionen mÂČ großen FestivalgelĂ€nde oder vor den BĂŒhnen befinden und sich die Auftritte der 197 KĂŒnstler aus 36 LĂ€ndern ansehen. Auf sieben verschiedenen BĂŒhnen lĂ€uft das Programm parallel von Donnerstagabend bis Sonntagnacht, vor dem offiziellen Beginn des Festivals gibt es Warm-up-Tage, sodass fĂŒr die am lĂ€ngsten gebliebenen Besucher das Festival neun Tage dauert und sie schon ordentlich warmgefeiert sind, wenn das große Live-Programm am Donnerstagabend startet.

Der Startschuss dafĂŒr fĂ€llt traditionell mit einer dĂ€nischen Band, wenn die HĂ€lfte der Festivalbesucher Ă€ußerlich schon stark nach Sonntagnachmittag aussieht, innerlich aber total motiviert ist. Dieses Jahr ĂŒbernahm dies Kellermensch. Im Bandnamen steckt eine Referenz auf Dostojewski, musikalisch werden sie laut, metallen und wild. Da die einheimischen Bands vom zu 80% dĂ€nischen Publikum mit besonders großer Euphorie befeiert werden, war es beim Auftakt-Konzert auch dementsprechend voll. Auch wenn parallel die ersten Headliner wie The Shins oder die aufgrund ihres kĂŒrzlich erschienenen, genialen DebĂŒtalbums angesagten Django Django spielen. Nachdem die DĂ€nen von Kellermensch die grĂ¶ĂŸte BĂŒhne – 60.000 Menschen passen hier hin – Orange Stage eröffnet hatten, gaben sich am selben Abend noch The Cure die Ehre. Und ehrenhaft war ihr Konzert allemal, denn nachdem die ByteFM-Reporterin das Konzert von The Cure verlassen hatte, um noch einige andere Bands am Abend zu sehen, wehte um Mitternacht noch „Friday I‘m In Love“ ĂŒber den Campingplatz und sie durfte feststellen, dass die britischen Wave-Helden nach drei Stunden immer noch spielten.

Der etwas andere Klingelbeutel | Foto: Diviam HoffmannDer etwas andere Klingelbeutel | Foto: Diviam Hoffmann

Nach diesen fulminanten Beginn ließ es sich im Dauerregen des nĂ€chsten Morgens dann besonders gut ĂŒber die Wahrheit hinter dem Motto des Festivals „More Than Music“ nachdenken. Fast auf jedem Campingplatz in Roskilde gibt es besondere Aktionen, die das politische, ökologische oder auch gemeinschaftliche Bewusstsein der Besucher fördern sollen. Sei es die Möglichkeit, sich wĂ€hrend wenig aufkommender Langeweile im Handwerken zu versuchen, um ein StĂŒck zu bauen, das nicht nur einem selbst, sondern auch anderen hilfreich sein kann, oder beim FrĂŒhstĂŒck Asylbewerber kennenzulernen und mehr ĂŒber ihre Probleme zu erfahren. Begleitet werden die Möglichkeiten des konstruktiven, politischen Austauschs von Angeboten der Entspannung, verschiedenen Installationen und natĂŒrlich einem riesigen Angebot an Essen und GetrĂ€nken. Auch bei den angebotenen Genussmitteln wird Wert auf Herkunft gelegt, Vegetarismus unterstĂŒtzt und der entstehende MĂŒll recycelt. Besonderes Letzteres ist auf dem GelĂ€nde stĂ€ndig prĂ€sent, denn MĂŒll- und Pfandsammler nehmen dem Besucher jede leer getrunkene Dose sofort aus der Hand. Angeblich wird der MĂŒll des Festivals am Ende in 13 verschiedenen Kategorien getrennt.

Die Ressourcen fĂŒr all das kommen dabei komplett aus erneuerbaren Quellen. Und es wird weitergedacht: Generatoren werden mit dem alten Fett der EssensstĂ€nde betrieben und damit der komplette Strom fĂŒr die „Sustainable Zone“ produziert, ein Ort, der sich mit Urban Gardening oder fahrradbetriebenen Handyladestationen dem Nachhaltigkeitskonzept verschrieben hat. Aber die schönste Idee kommt von der an diese Zone angrenzenden Odeon Stage: Dort wird an einer Methode gearbeitet, tiefe Bassfrequenzen der Acts in Energie umzuwandeln und in die BĂŒhnentechnik zurĂŒckzuspeisen.

Dabei hatte die Odeon Stage nicht nur basslich wenig Strom produzierende Acts wie First Aid Kit zu Gast, sondern sich mit zum Beispiel Red Fang einen lauten Nachmittag lang dem rockigsten SĂŒden der USA verschrieben. Weitere bassige oder zumindest soulvolle KĂŒnstler dieser BĂŒhne waren die Abyssinians oder die Alabama Shakes, die am Sonntagabend etwa 5000 Besuchern ein Dach vor dem immer wieder einsetzenden Regen boten. Doch was wĂ€re ein Festival ohne Matsch und Gummistiefel?

Gewappnet in allen Altersstufen & versteckte VideoĂŒberwachung zur Sicherheit der Crowd? | Foto: Diviam HoffmannGewappnet in allen Altersstufen & versteckte VideoĂŒberwachung zur Sicherheit der Crowd? | Foto: Diviam Hoffmann

Doch auch auf den sechs anderen BĂŒhnen war stimmungsmĂ€ĂŸig und musikalisch einiges los. Allen voran geht natĂŒrlich die berĂŒhmte Orange Stage, die nicht nur dem Festival sein Logo und einigen begeisterten Besuchern die Idee fĂŒr ein Tattoo gab. Sie entstand aus einem alten Tourequipment der Rolling Stones und musste in den 41 Jahren des Festivals zweimal ausgetauscht werden. Heute finden sich Sitzmöbel aus den alten Planen der Orange Stage vor der neuen BĂŒhne. Und von dort aus konnte man sich in diesem Jahr unter anderem Jack White, der Hits aller seiner Bandprojekte spielte und sogar lĂ€chelte, The Roots, die alle aus ihren CampingstĂŒhlen und anderen Sitzmöbeln aufstehen ließen, Gossip, die mĂŒder klangen als erwartet, und Mew anhören. Sehen tut man die KĂŒnstler hier eher auf den riesigen LeinwĂ€nden rechts und links von der BĂŒhne, was auf das Live-Erlebnis nach meinem GefĂŒhl eher einen negativen Einfluss hat und es in Richtung eines Fernseherlebnisses rĂŒckt.

Eine neue BĂŒhne im Kreis der Roskilde-Bretter war in diesem Jahr die Apollo Stage. Sie ist beweglich und wurde wĂ€hrend der Warm-up-Tage jeden Tag an einem anderen Platz auf dem CampinggelĂ€nde aufgestellt. Erst am Donnerstag erhielt sie ihren finalen Standort und musste schließlich erst von den FestivalgĂ€sten entdeckt werden. Geografisch, wie auch musikalisch, denn die Apollo Stage soll zur Ausweitung des Festival-Spielraums in elektronischere SphĂ€ren beitragen und bot DJs und Produzenten statt den Roskilde-typischen E-Gitarren und Drums Platz. So verirrte sich eher weniger Publikum zu KĂŒnstlern wie Lone, Martyn, Addison Groove, Pretty Lights und schließlich Africa Hitech. Nur zum Berliner Beitrag von Modeselektor war der nebelspuckende rote Ballon sehr gut besucht.

Electronica, Ambient und auch ruhigeren Techno und House konnte man außerdem in der Gloria sehen, dem einzigen abgeschlossenen BĂŒhnenraum auf dem Roskilde-Festival, offiziell fĂŒr „fragilere“ Musik gedacht. Dort wurde ebenfalls etwas elektronisch gespielt – und zwar von unter anderem Julia Holter (eher fragil und poppig als elektronisch), Shlohmo, Touchy Mob und Nils Frahm.

Der Der „nebelspuckende rote Ballon“ aka die Apollo Stage beim Auftritt von Modeselektor | Foto: Diviam Hoffmann

Allerdings liegt zwischen dem kleinsten Venue, der Gloria, und dem grĂ¶ĂŸten, der Orange Stage, in Roskilde noch einiges. Auf Platz zwei der BĂŒhnenstatistik ordnet sich die Arena Stage mit 17.000 Menschen KapazitĂ€t ein, wo am Freitagabend bereits einer der dĂ€nischen Topacts spielte: Die Indie-Band I Got You On Tape. Die vier Musiker um SĂ€nger Jacob Bellens veröffentlichen in DĂ€nemark bereits seit 2006 zusammen, doch in Deutschland wird ihr erstes Album erst im September erscheinen. Trotz ihrer relativen Unbekanntheit sĂŒdlich ihrer Heimat, kann man sie in DĂ€nemark als alles andere als unbekannt bezeichnen. Ihr Konzert war bis zum Rand des GelĂ€ndes gefĂŒllt, auch wenn die Band davon selbst etwas ĂŒberrascht war, wie mir Schlagzeuger Rune und Gitarrist Jacob am nĂ€chsten Tag mĂŒde gestanden. Die Jahre zuvor waren sie wie fast alle jungen DĂ€nen selber als Festivalbesucher in Roskilde gewesen und haben nach eigenen Angaben vor der Arena Stage ihre „legendĂ€rsten“ Konzerterlebnisse gehabt. TatsĂ€chlich hatten sie bei ihrer Platzierung auf diese BĂŒhne etwas Angst, dass nicht genug Menschen kommen wĂŒrden. Doch es wurde ihre bisher grĂ¶ĂŸte Show, trotz einigen weiteren Festivalgigs dieses Jahr.

Ihr Musikstil ist dabei stark von dem melancholischen Gesang von Bellens geprĂ€gt, er verließ auch als einziges Bandmitglied das Festival schon kurz nach dem Konzert, vielleicht weil er das grĂ¶ĂŸte Wiedererkennungspotenzial der vier Mitglieder hat. Die anderen blieben und taten das, was sie die letzten Jahre gemacht haben, viele Bars besuchen und spĂ€t im Matsch des Campingplatzes landen. Das Festival macht vor allem die Energie aus, die von so vielen Menschen ausgeht, die zusammen die Musik genießen. Das spĂŒre man nicht nur als KĂŒnstler auf der BĂŒhne, sondern besonders im Publikum.

Die KĂŒnstler, die nach I Got You On Tape an den folgenden Abenden dieselbe BĂŒhne bespielen sollten, können sich ĂŒbrigens sehen lassen – darunter sind M83, Paul Kalkbrenner, Friendly Fires und Bon Iver. Besonders dass sie fĂŒr Letzteren eine Art Vorband waren, beeindruckt Jacob und Rune von I Got You On Tape. Und wir konnten uns gar nicht vorstellen, dass noch mehr Menschen kommen könnten, als bei ihrem Konzert schon da waren. Gleichzeitig fragten wir uns, weshalb ein Headliner wie Bon Iver, der besonders im letzten Jahr viele Fans dazu gewonnen, zwei Grammys fĂŒr sein selbstbetiteltes Album erhalten hat und sich bei Liebhabern der verschiedensten Musikrichtungen großer Begeisterung erfreut, nicht auf der Orange Stage spielt. Ist ein ĂŒberdachter, etwas abgelegener Ort besser fĂŒr die stillen Parts seiner Musik, die sich unter freiem Himmel vielleicht verlieren könnten?

Doch die Antwort war, Justin Vernons Großprojekt Bon Iver konkurrierte mit einem anderen Headliner: Bruce Springsteen, der etwas frĂŒher auf der Orange Stage beginnen sollte. Nach einer halben Stunde, die ich mir dort den „Boss“ angesehen habe und die Freude auf den Gesichtern der unheimlich vielen Zuschauer genossen habe – viele davon waren Tageskartenbesitzer, die wohl genau deshalb den Weg aufs FestivalgelĂ€nde gewagt haben – machte ich noch mit genug Spare-Time vor Beginn des Konzertes den Weg zu Bon Iver, um einen guten Platz zu bekommen, denn besonders live ist die Gruppe um Justin Vernon ein ziemliches Erlebnis. Unter anderem zwei Schlagzeuger und ein extra Percussionist, Streicher, mehrere Gitarren und Vernon selbst an Reglern fĂŒr Stimme und Gitarre machen ganz schön Eindruck. Leider ging nicht ganz auf, was die BĂŒhnenkoordination geplant hatte, nĂ€mlich, dass sich die Besucher aufteilen wĂŒrden – und damit war das Konzert enorm ĂŒberfĂŒllt. Zur dĂ€nischen KonzertatmosphĂ€re scheint es außerdem zu gehören, sich laut ĂŒber das Gesehene auszutauschen und besonders in ruhigen Phasen laut zu jubeln und zu klatschen, und so bekam man von der mitunter doch sehr leisen Musik dieses KĂŒnstlers nicht viel mit. FĂŒr die Band allerdings war es sichtlich ein Erlebnis, vor dieser großen, euphorischen Menge zu spielen.

Justin Vernon von Bon Iver und seine unvorteilhaften Koteletten | Foto: Christian Hjorth/ Roskilde FestivalJustin Vernon von Bon Iver und seine unvorteilhaften Koteletten | Foto: Christian Hjorth/ Roskilde Festival

Und so wechselte der Samstag mit dichtem GedrĂ€nge beim Verlassen der Arena Stage in den Sonntag ĂŒber. Gefeiert wurde an der Apollo-BĂŒhne oder sich einfach nur zu seinen ZeltplĂ€tzen begeben, wo jedes Jahr schließlich auch viele Aktionen starten. Am Sonntag konnte auch noch die schönste Campinggemeinschaft gewĂ€hlt werden und der letzte Tag des Festivals wartete mit erneut schönen Line-up auf. Neben den schon erwĂ€hnten Nils Frahm und Shlomo, auch R. Stevie Moore, Santigold, den Alabama Shakes, Amadou & Mariam, Machine Head, auch noch ein weiteres Highlight fĂŒr viele und gleichzeitig der letzte Act des BĂŒhnenprogramms: die islĂ€ndische SĂ€ngerin Björk. Sie gehört zu den KĂŒnstlern und KĂŒnstlerinnen, die bisher am hĂ€ufigsten auf dem Roskilde-Festival aufgetreten sind. Ihre 2012er Show stand ganz im Zeichens ihrer naturverbundenen und Natur thematisierenden aktuellen Platte „Biophilia“, es wurden VulkanausbrĂŒche simuliert und musikalisch auf die Erde herabgesehen. Begleitet wurde Björk dabei nicht von einer kompletten Live-Band, sondern nur von einem MĂ€dchenchor aus Island, einem britischen Percussionspieler und einem Beatabfahrer und DJ aus Österreich. Sie machten Eindruck zusammen, wenn der Fokus des Konzertes auch ganz klar auf Björks Gesang lag. Einige fanden es tatsĂ€chlich etwas langweilig, doch performte Björk souverĂ€n und ihrem Stil treu. Und nicht nur zum Ende bedankte sie sich immer wieder auf dĂ€nisch mit „Tak! Tak! Tak!“.

Extravaganz fĂŒhrt zu Unbeweglichkeit im schwarzen Weltraum-Mini | Foto: Steffen JĂžrgensen/ Roskilde FestivalExtravaganz fĂŒhrt zu Unbeweglichkeit im schwarzen Weltraum-Mini | Foto: Steffen JĂžrgensen/ Roskilde Festival

So ging das Roskilde-Festival in DĂ€nemark mit all seinen Superlativen, seinem Engagement und seinen Menschenmassen fĂŒr einige nach neun Tagen, fĂŒr andere nach nur vieren zu Ende. Viele GĂ€ste hatten sich schon frĂŒher auf den Weg gemacht – zurĂŒck nach Kopenhagen, das nur etwa 30 Kilometer entfernt ist und von der festivaleigenen Bahnstation ziemlich schnell zu erreichen, doch die meisten brachen nach Björk auf, sodass man diesen Weg noch einmal gemeinsam verbringen konnte, mit freundlichen Co-Besuchern und helfenden HĂ€nden beim GepĂ€cktragen, die die 200 Meter lange Schlange vorm Bahnhof „Roskilde Festivalpladsen“ ertrĂ€glicher machten.

Es sind die vier- bis fĂŒnfstelligen Zahlen, die man immer wieder nennt, wenn man auf die KapazitĂ€ten der BĂŒhnen hinweisen will, die den grĂ¶ĂŸten Roskilde-Eindruck verdeutlichen: die Möglichkeit, Open-Air-Konzerte umgeben von Tausenden von Menschen zu sehen. Wenn man dabei noch stĂ€ndig angelacht wird, auf einer fremden Sprache mehrmals am Tag ein tolles Festival gewĂŒnscht bekommt und man auf dem Weg zu einem anderen KĂŒnstler von mindestens zwei fremden Menschen umarmt wird, können auch Regen, schmerzende FĂŒĂŸe, kreischende Fans in stillen Phasen oder riesenhafte Bildschirme nicht so schlimm sein.

Wenn Ihr ĂŒbrigens noch mehr Lust habt auf EindrĂŒcke aus Roskilde mit ein paar akustischen Erinnerungen aus dem Äther, könnt Ihr im Programm von ByteFM am Samstag, den 14. Juli, ab 18 Uhr noch einen Container zum Roskilde-Festival hören.

Eat this! ByteFM in der Gloria Stage | Foto: Diviam HoffmannEat this! ByteFM in der Gloria Stage | Foto: Diviam Hoffmann

Neue Platten: „The Cinematic Orchestra presents: In Motion pt. 1″

Ninja TuneNinja Tune

7,6

Seit Jahren wird die Musik von The Cinematic Orchestra unter Filme, Disneyproduktionen und Naturdokumentationen, aber auch amerikanische Serien und Werbefilme gelegt. Doch das Orchester um den englischen Produzenten und Songschreiber Jason Swinscoe ist viel mehr als nur Soundtrack-Klassik Ă  la Hans Zimmer. Mit verschiedenen, begleitenden Musikern sieht Swinscoe schon von Beginn an die Verbindung von Sound und Bild als wichtigen Teil und Inspiration seiner Kompositionen. Er versucht, eine BrĂŒcke zwischen Soul, Jazz und elektronischen Elementen zu bauen, ohne auch nur in die NĂ€he des momentan so beliebten Electroswings zu kommen. Die Musik des Cinematic Orchestra klingt groß und tief. Nach vielen Gedanken, GefĂŒhlen – und Bildern.

Zu den zahlreichen Gastmusikern, die Swinscoes Gruppe auf ihren zahlreichen Alben unterstĂŒtzen, gehört zum Beispiel der kanadische KĂŒnstler Patrick Watson. Er sang unter anderem „To Build A Home“ und wird von manchem zum festen Arrangement des Orchestra gezĂ€hlt. Eine weitere KĂŒnstlerin, die viel mit dem Orchestra zusammen gearbeitet hat, ist die US-amerikanische SoulsĂ€ngerin Fontella Bass. Sie schufen zusammen zum Beispiel das groovige „Evolution“. Doch auch die Hilfe von Streicherquartetten und verschiedenen klassischen Orchestermusikern wird immer wieder in die Songs gebettet, sodass die Grupppe um Jason Swinscoe immer wieder um verschiedene Instrumente und Stile erweitert wird.

Eines der ersten Großprojekte des Cinematic Orchestra war die Neuvertonung eines Stummfilms aus dem Jahr 1929 mit Musik aus dem Jahr der Jahrtausendwende. „The Man With The Movie Camera“ zeigt Straßenszenen, Menschen, Verkehr der 20er-Jahre in einer Großstadt der UdSSR. Die Musik scheint wie dazu geschaffen, und wirft sich und den Film gleichzeitig aus der Zeit. Nach der Entstehung fĂŒr die Live-Situation wurde dieser „Soundtrack“ auch auf Platte veröffentlicht und inspirierte spĂ€tere StĂŒcke.

In diese Richtung geht auch die neue Veröffentlichung der Briten, „The Cinematic Orchestra presents: In Motion pt. 1“. Das Wörtchen „presents“ und die Auflistung der „Featurings“ dahinter, von denen eines The Cinematic Orchestra selber ist, zeigt die Richtung dieses Albums: Jason Swinscoe bat befreundete Musiker, Produzenten, Labelkollegen und ehemalige Gastmusiker seines Projekts, Kurz- oder Stummfilme neu zu vertonen oder sich von ihnen inspirieren zu lassen. Die darauf vorhandenen StĂŒcke von The Cinematic Orchestra wurden bereits auf Konzerten gespielt, um sie nun auf dieser Platte zu bĂŒndeln und durch Vertonungen von anderen KĂŒnstlern zu ergĂ€nzen. Diese sind der sehr junge Pianist Austin Peralta, der New Yorker Folk-Musiker Grey Reverend, der das Cinematic Orchestra auch schon seit einiger Zeit live unterstĂŒtzt, sowie eine Formation bestehend aus dem österreichischen Produzenten und Klangbastler Dorian Concept und dem Stamm-Saxofonisten des Orchestras, Tom Chant.

Der Einstieg in die Platte erfolgt durch das mit knapp achteinhalb Minuten kĂŒrzeste StĂŒck vom Orchestra selbst. „Necrology“ ist ein hervorragendes Intro und wird nur durch zwei weitere Produktionen der Presenter selbst ergĂ€nzt. Eine davon ist „Entr‘acte“ – ein wundervolles StĂŒck, man traut sich nicht, es so zu nennen, es sind schließlich mehrere „Lieder“, die sich ineinander zu einer 20-minĂŒtigen Komposition fĂŒgen und voller Bilder und Emotionen stecken. Es wurde komponiert zum gleichnamigen Kurzfilm von RenĂ© Clair aus dem Jahr 1924 und schon im letzten Herbst gezeigt und live gespielt. Die Mitte von „In Motion pt. 1“ bilden vor Beginn dieses langen RiesenmusikstĂŒcks die eher ruhigen BeitrĂ€ge von Austin Peralta und Grey Reverend, sowie das in zwei StĂŒcken erfolgende Zusammenspiel des in Deutschland bekannteren, österreichischen Produzenten elektronischer Musik Dorian Concept und des Jazzers Tom Chant, das deutliche Free-Jazz-ZĂŒge trĂ€gt, welche den inspirierenden Kurzfilm „Outer Space“ von Peter Tscherkassky, erst 1999 veröffentlicht, vermutlich gut ergĂ€nzen.

Es ist allerdings schwierig, diese Musik als Platte zu beurteilen. Was aus den vorherigen Produktionen des Cinematic Orchestra bekannt ist, nĂ€mlich, dass man unwillkĂŒrlich Bilder im Kopf hat, ĂŒberlegt, in welchem Film diese so cineastisch angelegten Kompositionen Verwendung finden könnten, ist hier verkehrt. Es gibt Vorbilder. Obwohl sie weder aus der gleichen Zeit noch aus dem gleichen Themenbereich stammen, erhĂ€lt das Album mit den Ergebnissen der unterschiedlichen Musiker eine homogene Grundstimmung und ist trotz unterschiedlicher Schaffenden ein Ganzes – auch wenn der visuelle Part nicht mitgeliefert wird.

Letztlich sind es aber zwei verschiedene Paar Schuhe: Man schaue sich die neu vertonten Stummfilme an (was auf einigen Videoportalen sogar möglich ist, siehe unten) und erfreue sich an dem Zusammenspiel, oder aber man höre nur die Vertonungen, wozu man mit dieser Veröffentlichung ja regelrecht gelenkt wird. Zweiteres gelingt dabei ebenfalls ausgesprochen gut, und schafft dem Hörer die Möglichkeit, seinen eigenen Film zu sehen.

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New Order – Konzert und Ausstellung in Berlin als RĂŒckblick auf eine beeindruckende Band

(New Order)New Order

Als meine Freunde erfuhren, dass New Order nach Berlin kommen, gab es zwei Reaktionen. Die eine zeigte das Fragewörtchen „was“ in lang gezogener Manier mit großen, aufgerissenen Augen und offensichtlichem Neid auf meine Möglichkeit, dorthin zu gehen. Die andere das weniger erstaunte Fragewort „wer“, meist in Kombination mit einer hochgezogenen Augenbraue. Das nennt man dann wohl die Gnade und die Strafe der spĂ€ten Geburt, denn tatsĂ€chlich ließen New Order in den letzten Jahren und auch Jahrzehnten weniger von sich hören und die Auflösung der Band 1993 fiel genau in den Zeitrahmen der musikalischen Ausbildung meiner Reakteure.

Zuvor waren die Bandmitglieder 13 Jahre lang die Helden des New Wave, Synth-Pop und Inspiratoren spĂ€terer elektronischer Dance-Musik gewesen. Doch eigentlich begann alles schon etwas frĂŒher: und zwar mit Joy Division, auch schon New Wave, heute ebenfalls legendĂ€r. Joy Division waren FrontsĂ€nger und Gitarrist Ian Curtis, Peter Hook am Bass, Schlagzeuger Stephen Morris, sowie Keyboarder und Gitarrist Bernard Sumner. Sie begannen 1976 auf der englischen Punk-Welle zusammen zu spielen, bis sich zwei Tage vor Start der ersten großen Amerika-Tour im Mai 1980 SĂ€nger Ian Curtis erhĂ€ngte. Erst nach seinem Tod erschien die heute bekannteste LP der Band. Die zuvor veröffentlichte und relativ resonanzlos gebliebene Single „Love Will Tear Us Apart“ wurde re-released und fuhr nun kommerziell ein, was sie vorher nicht konnte. Bis heute ist der Song einer der bekanntesten der englischen New-Wave-Szene und der gesamten 80er-Jahre.

Die Band hatte im Vorhinein beschlossen, nicht zusammen weiter zu spielen, falls eines der Bandmitglieder die Band verlassen sollte. Und so entstand die Neuformierung New Order um die Restmitglieder Morris, Hook und Sumner als SĂ€nger. Es heißt, er habe auf der ersten Veröffentlichung „Movement“ noch Curtis‘ typischen Stil versucht beizubehalten. Doch schon auf dem zweiten New-Order-Album 1983 „Power, Corruption & Lies“, das von mehreren Magazinen zu einem der wichtigsten Alben der 80er gewĂ€hlt wurde, fanden sie zu ihrer eigenen, mehr von Synthesizern bestimmten Art. ErgĂ€nzt wurden sie dabei von der Keyboarderin und Gitarristin Gillian Gilbert – der spĂ€teren Frau von Stephen Morris.

Um den Abriss der so langen und durchwachsenen Bandgeschichte komplett zu machen: Es folgten sechs weitere Studioalben, dutzende Singles – „Blue Monday“ wird zur meistverkauften 12″-Single aller Zeiten. Mitte der 90er wurde es dann Zeit fĂŒr „The Best Of“ sowie „The Rest Of New Order“ – kein gutes Zeichen, die Luft war raus, die Bandmitglieder trennten sich vorlĂ€ufig. 1998 kam das Comeback, doch bald darauf stieg Gilbert aus privaten GrĂŒnden aus, Phil Cunningham ein, wenige Jahre spĂ€ter folgte der Bruch mit Peter Hook, und nun, 2012, soll mit „Lost Sirens“ das erste Studioalbum seit sechs Jahren veröffentlicht werden.

Dies und die – ja, das Wort muss ein letztes Mal sein – legendĂ€ren Banderfolge sind Anlass, in Berlin auf New Orders Vita zurĂŒckzublicken. Einen Tag vor dem einzigen Deutschland-“Club“-Konzert eröffnet „New Order – An Exhibition“ im .HBC. Dort zu sehen sind Plattencover von New Order, allesamt designt von Peter Saville. Er ist seit der GrĂŒndung von Joy Division fĂŒr das Artwork beider Bands verantwortlich. Besonders auch dank des Londoner Labels Factory Records hat er einen guten Platz fĂŒr seine minimalistischen, pop-artigen, oft grafischen Arbeiten gefunden. Die Fotografien von Kevin Cummins, der wie Peter Saville die Band seit langem begleitet, zeigen die Musiker in privaten und öffentlichen Szenen und sind zum großen Teil in eindrucksvoller Schwarz-Weiß-Ästhetik gehalten. Dazu werden Teile der Musikvideos der Band projiziert. Am Abend der Ausstellungseröffnung trafen sich außerdem die Bandmitglieder Sumner und Gilbert, Fotograf Cummins und Designer Saville mit geladenen Fans und Presse zur Diskussion ĂŒber ihre Bandgeschichte.
Zu sehen ist die Ausstellung der Cover, Fotografien und Videos im .HBC am Alexanderplatz in Berlin vom 21. Juni bis 4. Juli, dienstags bis samstags von 18 bis 23 Uhr.

Kurz vor Veröffentlichung des neuen Albums also sind die Briten wieder unterwegs und erinnern an ihre Erfolge und vor allem ihren Status. Peter Hook wurde durch den jĂŒngeren Bassisten Tom Chapman ersetzt, der nicht so ein „krass anderer Typ wie die braven New-Order-Mitglieder“ sei, wurde auf dem Konzert in Berlin gemunkelt. Das Tempodrom ist nicht das grĂ¶ĂŸte Venue der Stadt, aber es kann sich sehen lassen. Sehen lassen kann sich auch die Anzahl der Fans: Junge HornbrillentrĂ€ger mit rasierten Kopfpartien tanzen mit mittvierzigjĂ€hrigen Lederjacken-Besuchern. Und alle reißen die Arme hoch, bei den gewohnten Synthesizer-Partien, beim treibenden Schlagzeug. Alte Hits werden wieder erkannt. So wurde es auch im Vorhinein versprochen, ein „Best-of“ war angekĂŒndigt, und „zum Leben erweckte“ Joy-Division-Klassiker.

Der Beginn des Konzerts war so pĂŒnktlich wie selten in der Popgeschichte, vier Minuten nach halb Neun geht die Band mit den Worten „Guess who we are“ und dem instrumentalen Ian-Curtis-Gedenksong „Elegia“ auf die BĂŒhne. Es folgt „Crystal“ vom Comeback-Album „Get Ready“ Anfang 2001, der so unglaublich jung klingt. Auf der im Verlauf des Abends wirklich gut genutzten VideoprojektionsflĂ€che lĂ€uft das Video dazu ab, in dem eine andere Band performt (eine nicht-existierende Band, nach welcher sich die amerikanische Rockband The Killers benannte). Die auf der BĂŒhne stehenden Bandmitglieder wirken dagegen sichtlich gealtert. Gilian, die fĂŒr diese Tour wieder dabei ist, hat irgendwie ihre schĂŒchterne 80er-Verruchtheit verloren, an die uns Cummins Fotografien im .HBC so wunderbar erinnern. Sumner ist eigentlich kein geborener SĂ€nger, beginnt etwas verloren, doch wirkt bei den Ă€lteren StĂŒcken viel souverĂ€ner. Dem Publikum gefĂ€llt es, musikalisch ist alles einwandfrei. Doch auch gealtert und etwas mĂŒde lassen sie es den Songs nicht schaden, sicher spielen sie die Melodien der letzten 30 Jahre und die der VorgĂ€ngerband. Ein weiterer Kontrast kommt von der Technik, alles klingt so sauber, die aufwĂ€ndige Lichtshow hĂ€tte dem Epileptiker Curtis sicher nicht gefallen. Bleibt nicht mehr so viel Avantgarde, nur RĂŒckblick. Zu viele Songs werden mit „Ich glaube, ihr erinnert euch hieran“ eingeleitet. Und wir kennen sie – „Blue Monday“, „Bizzare Love Triangle“, „True Faith“, bei Joy-Division-Kompositionen wird extra laut gejubelt, als stĂŒnde die Originalbesetzung auf der BĂŒhne. Die Zugabe endet nach einem knapp 90-minĂŒtigen Konzert mit „Love Will Tear Us Apart“ – nichts anderes wurde erwartet.

Klingt ein bisschen nach ZurĂŒckschauen, nach Rekapitulation, hat den Beigeschmack von finanzieller Not und Alt-Fans herauslocken. Jedoch war New Orders Auftritt im Berliner Tempodrom trotzdem energetisch und es wert, ihn zu spielen. New Order geben dieses Jahr noch einige Konzerte, neben zwei Festivals in Deutschland werden weitere europĂ€ische HauptstĂ€dte und englische GroßstĂ€dte beehrt. Vielleicht schenken sie uns mit dem neuen Album dazu eins von den Comebacks, die mit neuem Stil aufwarten können und sogar im Ankratzen des frĂŒheren Erfolgs gipfeln. Wenn nicht, können sie aber auch noch lange von der Erinnerung leben – an die frĂŒhere GrĂ¶ĂŸe, an das, was die Band fĂŒr die heutige Popmusik und auch Clubmusik bedeutet.

Neue Platten: Stereo Total – „Cactus Versus Brezel“

(Staatsakt)Staatsakt

8,4

Brezel Göring und Françoise Cactus alias Stereo Total waren nie weg und sind trotzdem wieder da! Ihr mittlerweile 13. Studioalbum trĂ€gt den Titel „Cactus Versus Brezel“ – Nachname gegen Vorname. Der erste Song: Brezels fiepende Keyboard-Chaospad-Sounds und elektronische Gitarre wie ein Frage-und-Antwort-Spiel mit Françoise‘ Gesang. Sie singt, alle seien ganz neidisch auf ihren Erfolg („Tous sont jaloux de mon succĂšs“) – und das dĂŒrfen die auch sein. Denn Stereo Total hat auch im 20. Bandjahr noch volle Daseinsberechtigung fĂŒr poppigen Chanson-Electro-Trash.

1993 trafen sich der Deutsche Brezel Göring und die Französin Françoise Cactus in einem Supermarkt. Er spielte bei Sigmund Freud Experience, sie bei den Lolitas und war nach Deutschland gekommen, um Französisch zu unterrichten, zog dann aber lieber zu Brezel und machte mit ihm Musik. Seit der flotten GrĂŒndung vor zwei Jahrzehnten, die man ihnen kaum ansieht, veröffentlichten die beiden 13 Alben, die sie mit einigen Singles, Videoproduktionen und ausgedehnten Touren unterstrichen. Dabei blieben sie ihrem Stil der deutsch-französischen Weltfreundschaft, feministisch, punkig, nie unpolitisch, immer treu. Ihre Alben haben sie unter UmstĂ€nden gerne fĂŒr verschiedene MĂ€rkte in verschiedenen Versionen und Sprachen aufgenommen, was ihnen Touren durch alle Kontinente und grĂ¶ĂŸere Erfolge unter anderem in Lateinamerika und Japan einbrachte. In ihrem Zeitmanagement blieb daneben immer noch genug Zeit fĂŒr weitere Projekte medienĂŒbergreifender Kunst. Man findet sie auf Lesungen und Ausstellungen, Brezel besonders als VideokĂŒnstler und Theaterspezialist, Françoise als bildende KĂŒnstlerin. Vor wenigen Jahren wurde Françoise‘ „Wollita“ – eine lebensgroße, nackte Wollpuppe – rasant bekannt, besonders dank der unfreundlichen Kampagnen zweier Berliner BoulevardblĂ€tter, und bekam sogar eine Biografie: „Wollita – Vom WollknĂ€uel zum Superstar“.

Auf dem neuesten musikalischen Werk der beiden in Berlin lebenden KĂŒnstler geht es nach dem erfolgsbewussten Einstiegssong mit einem englischen StĂŒck weiter. „Pixelize Me“ könnte ein Ohrwurm werden, das fast in zurĂŒckhaltender Manier auf die typischen Stereo-Total-StörgerĂ€usche verzichtet, aber trotzdem ein klassisches Françoise-Brezel-Chanson ist. Die spĂ€testens ab dem dritten Song wieder in ihrem ganzen Möglichkeitsspektrum erscheinenden GerĂ€usche und Zwischentöne werden auf den ziemlich empfehlenswerten Konzerten mit einer Vielzahl verschiedenster elektronischer und analoger Instrumente erzeugt, von denen die eine HĂ€lfte fĂŒr den elektronischen Laien aussieht, als könnte sie gar nicht beherrscht werden, die andere stark nach Kinderzimmer-Equipment.

Damit machen sie auf der Platte wie auf der BĂŒhne verspielten Lo-Fi-Chanson-Electro-Indie-60s-Beat, geprĂ€gt von der erwĂ€hnten Instrumentenvariation mit hohem Verwirrungspotenzial. Dies alles ist getragen von Françoise‘ herrlichem Gesang, kĂŒrzlich erst „immer noch so herzerweichend, als sei sie frisch verliebt“ genannt. Inhaltlich geht es in den 15 Songs auf „Cactus Versus Brezel“ um Alice Schwarzer, Vegetarier („Heute Morgen verlasse ich das Haus / die Leute sehen wie GemĂŒse aus“), um die VorzĂŒge der Synthetik fĂŒr die Musik und um die Gefahren von „LA, CA, USA“. Das zuletzt genannte Lied ist schon von ihrem 1997er Album „Monokini“ bekannt und vielleicht wurde die Band an dessen expressionistischen Inhalt („Es ist eine Selbstmordstadt / die moderne Hölle, ein Monster / ein großer Friedhof, hol mich ab / Bete fĂŒr mich, Mama“) erinnert, als sie in L.A. mit Gus Seyffert (Bass fĂŒr die Black Keys und Songwriting fĂŒr Lena Meyer-Landrut) ihr Album aufnahm.

Nach dem fast etwas langweiligen VorgĂ€nger „Baby Ouh!“ aus dem vorletzten Jahr, haben Stereo Total mit „Cactus Versus Brezel“ ein tolles Album aufgenommen, das großen Spaß macht. Die traumhaften Textzeilen, wegen derer viele sich dieser Band angeschlossen und verschworen haben, sind auch hier vertreten. Ob die aber an so große deutsche, fast aphoristische Weisheiten wie „Hush, hush, sweet Charlotte / wie schön du geworden bist / deine Nase sieht immer noch wie eine Gurke aus / aber wie du lĂ€chelst“ oder „Ich bin nackt / der Nachbar steht am Fenster / reg dich nicht auf / kauf mir ein neues Kleid“ herankommen, muss man sich noch ĂŒberlegen. Auch singt Brezel Ă€ußerst wenig mit, was er trotz seines eigentlich anderen Verantwortungsbereichs auf anderen Veröffentlichungen gerne tat („Stricherjunge mit der Raucherlunge“). Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es mehr englische und französische Texte auf diesem Album gibt. Ist Françoise es etwa Leid geworden, auf Deutsch zu singen? Oder reicht nach fast 20 Jahren, 13 Alben und vermutlich hundert Liedern auf Deutsch das, was man schon hat? Baby, ouh, das wĂŒrde aber auch das Existenzrecht von Stereo Total betreffen, denn so viel Neues bieten die beiden nicht. Aber, nein! Françoise und Brezel sind großartig und sympathisch wie eh und je – bitte immer mehr davon!

Label: Staatsakt | Kaufen

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