Neue Platten: Antony And The Johnsons – „Cut The World“

02.08.2012 von  

Rough Trade/Beggars GroupRough Trade/Beggars Group

6,6

Lange habe ich ĂĽberlegt, was ich zu Antony And The Johnsons‘ neuem Album „Cut The World“ sagen solle. Wie ich beschreiben könne, was die orchestrale Vertonung mit den StĂĽcken macht, was Antonys Stimme mit dem Orchester macht und umgekehrt – und natĂĽrlich darĂĽber, was dieses Album mit uns macht. Mit einem Hörer, der alles von diesem AusnahmekĂĽnstler kennt, der weiĂź, wie die StĂĽcke in anderen Versionen klingen, wie seine Stimme in Duetten mit anderen klingt, wie er mit CocoRosie klingt, oder Björk, oder Leonard Cohen oder Boy George. Der, so wie ich, alles aufgesaugt hat, was dieser Mensch bisher produziert hat, und doch nicht genug bekommen konnte, von seinen melancholischen Kammermusik-Balladen ebenso wenig wie von den elektronischen Erzeugnissen mit Hercules And Love Affair. Aber auch, wie „Cut The World“ fĂĽr jemanden klingen könnte, der bisher nichts oder nur sehr wenig ĂĽber Antony weiĂź, ĂĽber die bisherigen Kooperationen, ĂĽber seine Geschichte und auch ĂĽber ihn als Person.

Vielen könnte es ebenso gehen wie mir zu Beginn, mit ein wenig Enttäuschung darĂĽber, dass es keine neuen StĂĽcke sind, es sich lediglich um neue Versionen alter StĂĽcke handelt, dass man alles schon mal gehört hat, dass die Ăśberraschung fehlt, die einen erfassen kann, wenn man etwas Neues hört und es berĂĽhrt und begeistert. Diese Enttäuschung allerdings verflog schnell – nach dem mehrmaligen Hören des Albums und besonders im tatsächlichen Vergleich mit den anderen Alben und Versionen. Und zurĂĽck blieb doch wieder Begeisterung ĂĽber die Schönheit des Ganzen. Die orchestrale Vertonung betont das schon immer vorhandene Oper- und Operettenhafte an Antonys Stimme, die Ă„hnlichkeiten zur Kammermusik und die klassischen Anklänge. Der Instrumentierung wird viel Platz eingeräumt auf „Cut The World“, sich frei zu entfalten und zu wirken – mal opulent und dominant, mal still und vorsichtig. Immer jedoch bleibt die musikalische Umsetzung in gewisser Weise zurĂĽckhaltend, sie wird nie aufdringlich oder kitschig-ĂĽberladen. Sie harmoniert perfekt mit dem dunklen Engelsgesang, der durchweg von der UnterstĂĽtzung durch das Orchester profitiert und der live ebenso berĂĽhrend und ĂĽberzeugend ist, wie auf den Studioaufnahmen. Antonys Stimme klingt frei und schwebt ĂĽber dem Klangteppich, den die Instrumente fĂĽr sie auslegen, sie geleitet uns sanft durch das Album. Und dennoch bleibt immer das GefĂĽhl, dass es doch schön gewesen wäre, das Ganze tatsächlich live zu erleben. „Cut The World“ unterstĂĽtzt und vergrößert die Melancholie, die schon in den vorherigen Alben immer deutlich vorhanden war, es ist wesentlich vorsichtiger, vielleicht auch persönlicher – allerdings fehlt ihm auch in gewisser Hinsicht die Kraft und Stärke, die den Vorgängeralben immanent war.

„Cut The World“ ist fĂĽr alle Liebhaber ein Muss, insbesondere fĂĽr diejenigen, die bisher nicht die Chance hatten, Antony Hegarty selbst live zu erleben. Und mit „Cut The World“ gibt es ja auch doch noch den erhofften neuen Song – geschrieben fĂĽr das TheaterstĂĽck ĂĽber die serbische Performance-KĂĽnstlerin Marina Abramovic –, auĂźerdem die siebeneinhalbminĂĽtige Rede Antonys ĂĽber das Verhältnis von Transgender und Religion, deren Problemen und die Unmöglichkeiten eines „Future Feminism“. Der Vortrag, insbesondere direkt zu Beginn des Albums, ist sehr persönlich und tatsächlich etwas fĂĽr Hartgesottene, die schon nach einem Song zurĂĽck sind im Antony-Universum, oder fĂĽr den dritten Hördurchgang. Subjektiver Höhepunkt auf „Cut The Wold“ war die wunderbarerweise ins Album aufgenommene Single „I Fell In Love With A Dead Boy“.

Am Ende bleiben zwei Gedanken: der, welche anderen unglaublich schönen Songs man noch gerne in Orchesterversion gehört hätte, dass „Cut The World“ zu kurz ist und am besten gleich eine neue Live-CD mit all dem schändlich missachteten Material dazukommen muss – zum anderen aber der, dass man das ja alles schon als Album-Version besitzt, und dass „Cut The World“ das lang ersehnte (und immer noch erwartete) neue Antony-Album einfach nicht ersetzen kann.

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