Neue Platten: John Maus – „A Collection of Rarities and Previously Unreleased Material“

21.07.2012 von  

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9,0

„Ich ist ein anderer“, sagt Arthur Rimbaud und Jacques Lacan, ihn zitierend: „Das Ich ist nicht das Ich.“ Das passt auch auf John Maus, der sich nicht nur mit Jacques Lacan, sondern auch mit Zitaten sehr gut auskennt. Die hat er nämlich zum Motto seines Schaffens und seiner Musik erhoben. Wenn man so wollte, könnte man ihn durchaus als den Bob Dylan der Post-Post-Moderne bezeichnen; in gewisser Hinsicht steht Maus‘ Musik in der Nachfolge des Mannes, der sich selbst nicht auf eines festlegen lassen wollte, der fĂĽr sein Schaffen aus den unterschiedlichsten Tiegeln und Inspirationen schöpfte, auslieh, zusammenbastelte, manchmal auch ganz unverblĂĽmt klaute. Und damit häufig das zusammenfĂĽhrte, was augenscheinlich nicht zusammenpasst.

Obwohl „nicht zusammenpassen“ eine Wortkonstruktion ist, die es in Maus‘ Universum nicht zu geben scheint – in seinen musikalischen Werken verbindet er ganz schamlos und ohne den leisesten Anflug von schlechtem Gewissen verpönten Schmalz-Pop Ă  la Modern Talking mit hippen Klängen, die in Richtung Suicide oder Joy Division verweisen. Um Todd Haynes zu bemĂĽhen: „There he lay: poet, prophet, outlaw, fake, star of electricity“. Ja, das geht und zwar alles zugleich. Nicht umsonst ist John Maus neben seiner anspruchsvollen und ausfĂĽllenden Rolle als eklektischer Liebling einer Szene, die die teilweise geschmacklose Diversität der 80er nicht (nur) billig, sondern (auch) spannend findet, Gelegenheitsdozent fĂĽr Philosophie. Sein Faible fĂĽr dekonstruktivistisch-psychoanalytische Theorien vereint er in seiner Musik mit ĂĽberladenen und ĂĽberlappenden Wellen aus Synthie- und Keyboardklängen.

Echt und falsch, gut und schlecht, cool und uncool – solche festgelegten und einfachen Gegensatzpaare gibt es bei John Maus nicht, oder sie werden schlicht „weg-inakzeptiert“. Auch diejenigen, von denen er sich inspirieren lässt, lassen sich oft nicht problemlos so kategorisieren: echt wie Nick Cave? Cool wie Depeche Mode? Klingt komisch. Und bestimmt lassen sich Musikern wie der Space Lady, die immer mit Wikingerhelm herumlief, positive Seiten abgewinnen. Auch John Maus selbst könnte man in jede dieser Kategorien stecken: Der Mann mit dem Tiernamen zerstĂĽckelt und verwurstet alles, schafft es aber, ĂĽber die Ebene des bloĂźen Zitats hinauszutreten, und daraus ein ganz eigenes, vielseitiges Mosaik zu bilden. Maus stapelt viele, manchmal grundverschiedene Schichten ĂĽbereinander und verzerrt sie damit so lange, bis sie etwas anderes, eigenes ergeben. Um in den philosophisch-psychoanalytischen Termini von Maus‘ Vorbildern zu sprechen: die einzelnen zerstĂĽckelten EinflĂĽsse verbinden sich in der Musik zum individuellen Ich, zum Subjekt John Maus – der das Ergebnis seiner Inspirationen ist, so wie das Kind sich im Spiegel als „Ich“, als aus den einzelnen Körperteilen bestehendes Ganzes erkennt. Zeigen Maus‘ Live-Auftritte doch, wie gut er als perfektes Beispiel des Narzissten geeignet ist, exzentrisch, mit sich selbst beschäftigt, das eigene Selbstbild zur Wirklichkeit erhebend. Aber seine Musik ist mehr als die bloĂźe Summe ihrer Einzelteile. Und so ist auch das neue Album „A Collection of Rarities and Previously Unreleased Material“ mehr als nur eine ZusammenwĂĽrfelung der einzelnen, ĂĽber die Jahre angesammelten, aber unveröffentlichten Songs.

Zwar lassen sich in den Stücken sehr deutlich die musikalischen und philosophischen Stileinflüsse heraushören. Wenn man aber den Versuch aufgibt, herauszufinden, an welche Stelle aus welchem Joy-Division-Song einen die Millisekunde Maus gerade erinnert, tritt eines ganz deutlich aus Klang und Text hervor: der individuelle Künstler John Maus.

Bringt Sigmund Freud mit der Betrachtung der unbewussten und verdrängten unsozialen Vorgänge des Menschen das Unbehagen in der Kultur zurĂĽck, dann bringen John Maus‘ Songs das Unbehagen und Unbehagliche in der Musik zum Vorschein. Unheimlich wabern die Synthesizer durch die Songstruktur, geisterhafte Klangschemen verbinden sich zu einem Soundbrei, aus dem schwerlich die einzelnen Sounds und Rythmen herausgefiltert und voneinander getrennt werden können. Diese dĂĽstere Stimmung wird durch die wenigen, aber effektiv eingesetzten Texte noch verstärkt. Scheint es zunächst seltsam, dass ein Mann mit so vielen HintergrĂĽnden hinter seiner Musik oft mit so wenigen Worten auskommt, so liegt vielleicht gerade darin das Geheimnis des Unheimlichen in Maus‘ StĂĽcken. Der Text geistert durch die kalten Elektronik-Sounds; in tiefem Bariton vorgetragen, daramatisch betont und häufig wiederholt, nutzt Maus seine Stimme und Repetitivität, um eine manische, verfolgende Stimmung zu erschaffen – wir können uns dieser Musik nicht entziehen.

Wollen wir aber auch gar nicht. Auch auf „A Collection of Rarities and Previously Unreleased Material“ schafft John Maus es wieder einmal, zu begeistern und zu fesseln. Schon der Openener „North Star“ begeistert mit glockenhaften Synthies und Tuschs und kommt mit weniger als zwei Zeilen Text aus. Und so geleiten uns Maus‘ dunkle GefĂĽhle und Ideen durch das gesammte Album und belehren uns ĂĽber die Regeln des Lebens: „Don’t lie. When Im asking for the truth, you got to say it. Don’t tell me when it hurts, ’cause I won’t care. You got to pay the price for what you are. Yeah, that’s the law“. John Maus verstört uns mit dem groĂźartigen „Castles In The Grave“ und verpackt seinen „Mental Breakdown“ in die schönste elektronische Gruselgeschichte, die wir je gehört haben. Maus fragt sich im zurĂĽckhaltenden „The Fear“: „What’s wrong With me?“, singt darĂĽber, „Lost“ zu sein und unterlegt „My Hatred Is Magnificent“ mit nie endenden Bässen – da ĂĽberlegt man stark, ob er nicht ironisch die Banalität seiner eigenen Ă„ngste besingt, wenn er in „Big Dumb Man“ croont: „A big dumb man is singing about hate and dadness, big dumb man is singing about the fear. A big dumb man, he thinks he’s different from the rest of us.“ Selbst „Angel[s] Of The Night“ geraten bei Maus eher zu Angstgestalten als zu Heilbringern, und in „Bennington“, eigentlich einem Liebeslied, lässt er die Geliebte mit den Zeilen „I still love the girl. Time and time again, I see her in my dreams“ auch unsere Träume verfolgen. Der älteste Song, „Fish With Broken Dreams“, erinnert an klassische Musik, hat etwas opereskes, der Klangnebel entdichtet sich ein wenig, und entlĂĽftet einen der schönsten Songs des Albums. „No Title (Molly)“ beweist schon im Titel noch einmal, dass alles beeinflusst und zusammengesetzt ist. Auch wenn wir angeben, uns auf nichts zu beziehen, sind unsere (musikalischen) Produkte immer Ergebnis von Beeinflussungen.

Das mag gruselig anmuten, ist aber halb so emotional-verzweifelt oder Gothic-lastig wie es erscheint, dafĂĽr sorgt die kalte, anonyme Instrumentierung. Das Ganze ist weniger eingängig und einfach als auf „We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves“, wächst dadurch jedoch nur noch mehr, und ist eben immer noch Popmusik und will auch nichts anderes sein. Und so verspricht uns John Maus mit seinem letzten Song: keine Sorge, denn „I Don’t Eat Human Beings“! Das Album wächst beim Hören und will gehört werden – auf das jedem selbst eine eigene, individuelle Erfahrung aus diesem (Hör-)Erlebnis entwachsen möge.

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