Neue Platten: Purity Ring – „Shrines“

16.07.2012 von  

4AD/Beggars Group4AD/Beggars Group

6,0

Eine gemalte Lunge. Darunter schlĂ€ngeln sich drei HĂ€nde, die aus dem tiefschwarzen Nichts kommen. Und schließlich ist dort ein MĂ€dchen abgebildet, mit rötlichem Haar, rosanen Wangen, vertrĂ€umt an ein SchĂ€fchen gekuschelt. Das Albumcover von Purity Rings DebĂŒtscheibe hat etwas von einem Bilderbuch. Fast so gemalt wie das MĂ€rchen von „Peterchens Mondfahrt“ – eine Traumreise, in der ein Geschwisterpaar mit einem fĂŒnfbeinigen MaikĂ€fer durch die Nacht fliegt, um sein sechstes Bein zu suchen, wĂ€hrenddessen Naturgeister trifft und auf der Milchstraße landet, die tatsĂ€chlich auch aus Milch besteht.

Auf Abenteuerreisen begeben sich auch Purity Ring mit ihrem ersten Album „Shrines“. Das Duo aus Edmonton, Kanada, wurde 2010 von Megan James und Corin Roddick gegrĂŒndet. Beide waren schon lange vor der BandgrĂŒndung musikalisch tĂ€tig: James als SĂ€ngerin und Pianistin, Roddick als Schlagzeuger in der Indie-Rock-Band Gobble Gobble. FĂŒr Purity Ring tauschten sie ihre Instrumente gegen Elektro-Beats und vielfĂ€ltige Stimmeffekte.

Mittlerweile lebt das Duo in unterschiedlichen StĂ€dten Kanadas – Roddick in Montreal und James in Halifax. Die Songs auf „Shrines“ enstehen daher auf Entfernung: Roddick bastelt an den dahineilenden Sounds, die er dann wiederum ausbremst und sie mit Hall und Rauschen versieht. Diese KlangerĂŒste schickt er dann an James, die ihren Gesang hinzufĂŒgt. Durch Roddicks perfektionistischen Anspruch hat sich die Arbeit an ihren Songs so ĂŒber mehrere Tage, sogar Monate hingezogen. Das StĂŒck „Ungirthed“, mit dem das Duo bekannt geworden ist, war ein Akt von drei Monaten – und ein kleiner Hit.

„Shrines“ soll jetzt das Ergebnis dieser mĂŒhsamen und langwierigen Arbeit sein, das seine Hörer fesselt und mit auf Abenteuerreisen nimmt. R ‚n‘ B und HipHop werden auf Purity Rings DebĂŒt neu definiert: Die R-‘n'-B-Beats schleichen sich in unheimlicher AtmosphĂ€re rhythmisch durch alle elf Songs. Synthesizer blitzen auf, James‘ Stimme geistert durch elektronische Klangschichten, bezaubert und verhext zugleich. Ein bisschen wie in „Peterchens Mondfahrt“ hört man den Wind blasen, Eis klirren, die Naturfee flĂŒstern und Herrn Sumsemann – den MaikĂ€fer – traurig seufzen. Ihm fehlt ja auch das sechste Bein.

Mit nur fĂŒnf Beinen krabbeln die Tracks auf „Shrines“ ins Ohr – allerdings nicht annĂ€hernd so effektiv als mit dem fehlenden sechsten Bein. Songs wie „Ungirthed“, „Cartographist“ oder „Belispeak“ klingen anfangs zwar ungewöhnlich und interessant, aber eingebettet in den Rest des Albums wirkt ein Titel wie der Abklatsch eines anderen: repetitiv, einlullend, geisterhaft, aber nicht mehr erschreckend. Sollten uns Purity Ring mit „Shrines“, den Heiligenschreinen, beeindrucken und spuken wollen, wie Burial mit „Ghost Hardware“ oder Grimes mit „Visions“, dann gelingt ihnen das leider nicht ganz so gut. Wo bleibt die Mondkanone, mit der wir auf den Mond geschossen werden? Wo sind die Höhen und Tiefen des Abenteuers? Und wo finden wir das sechste Bein? „Shrines“ ist ein guter Versuch, lĂ€sst uns aber jetzt schon gespannt auf ein besseres Nachfolgealbum hoffen.

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