Neue Platten: Peaking Lights – „Lucifer“

19.06.2012 von  

(Weird World/Domino)Weird World/Domino

8,0

„Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ Wahrnehmung gründet auf einer gänzlich subjektiven Ebene. In seinem Aufsatz fragte Thomas Nagel also, wie es denn sei, eine Fledermaus zu sein, und holte damit eine grundsätzliche Frage zurück in eine gegenwärtige Debatte: Wie erlebt man?

Die subjektive Wahrnehmung ist eines der interessantesten Themen der Bewusstseinsforschung. In gewisser Weise kann man wohl sagen, dass unsere Qualia uns unser Leben auf eine bestimmte Weise erzählen. Und so erleben wir unsere eigene Geschichte. Geradezu freimütig trägt das herausragend berauschende Stück auf „Imaginary Falcons“, dem Debütalbum des Ehepaares Aaron Coyes und Indra Dunis als Peaking Lights, den Namen „All The Good Songs Have Been Written“ – alles ist schon einmal da gewesen. Alle Geschichten wurden schon erzählt. Nichts ist neu. Die Angst vor der Wiederholung ging so weit bei Aaron Coyes, dass er das traditionelle Songwriting aufgegeben hatte und mehrere Jahre ziellos-chaotisch herumexperimentierte, auch mit dem eigenen Bewusstsein. Trotzdem ging der Blick stets zurück. Sehnsüchtig nach dem analogen Vintage-Sound der Vergangenheit, baute er sich eigene Synthesizer, da die Originale einfach nicht erschwinglich waren. Erst 2006 gelang es jemandem, ihm diese Angst zu nehmen, und ihn dazu zu bewegen, sich wieder an klassische Songstrukturen zu wagen. Er traf auf Indra Dunis. Ein Glück, denn – und das ist es, was einem die Peaking Lights immer wieder vor Augen führen – der Blick zurück ist wertvoll. Eine Rückbesinnung stellt auch der Titel des Albums dar, der auf die ursprüngliche mythologische Bedeutung Luzifers als Lichtträger zurück geht. Die Venus weist den Weg.

Es kommt manchmal nicht so sehr darauf an, was jemand zu erzählen hat, sondern wie es erzählt wird. Wir können Bereicherung finden in der Vielzahl sich wiederholender Erfahrungen. Die Sehnsucht lässt etwas besonders intensiv erscheinen. Die Lust kehrt unser Empfinden um. Ein identischer Reiz löst etwas völlig anderes in uns aus. Das Heil liegt im Anachronismus. Nimm etwas, das schon einmal da war, und betrachte es aus einem anderen Blickwinkel, in einem anderen Licht. Spiele mit den Informationen. Lass etwas weg, fĂĽge etwas hinzu – genau das ist es doch, was King Tubby, Lee „Scratch“ Perry und Co. taten. Die Väter des Dub fanden ihr Heil. Ja, der Dub war immer schon anachronistisch.

Eine gute Geschichte besitzt Höhen und Tiefen. Es ist dieser Verve, der den Reiz einer Erzählung ausmacht. Welch interessante Geschichte ist es, die die Peaking Lights zu erzählen haben. Natürlich erzählt auch ihr aktuelles Album eine Geschichte, und es erzählt diese auf eine ganz besondere Art und Weise. Es spielt mit der Wahrnehmung, mit Erlebtem und Erlebnissen. Eine große Bedeutung für das Album hatte die letztjährige Geburt des gemeinsamen Sohnes Mikko. Dieser war aber nicht bloß Muse, sondern hatte unmittelbareren Einfluss auf den künstlerischen Ausdruck (zu hören in „Lo Hi“). Im Vordergrund stehen dabei aber gar nicht das bloße Weitertragen der Erfahrungen an sich, sondern das Teilen eines Gefühls. Diese Auseindersetzung ist geprägt von bemerkenswerter Klarheit. Auf keinen Fall sollte man diese aber als Oberflächlichkeit missverstehen. In der Reduziertheit liegt nämlich der eigentliche Charme des Albums: Sie wirkt indirekt, fast schon hinterhältig. Wie ein Mantra verführt es zum Loslassen, verführt es zur Trance. “There are sounds in every little thing. It’s like when it rains and you hear it fall in a pattern, maybe only you can recognize that voice pumping out that liquid rhythm, but it’s there; you just gotta find a way to share it with others.”

Auf der Suche nach diesem Weg geht es darum, sich immer wieder selbst auszuprobieren. Dieser Improvisationsdrang ist zu spüren. Der Retrorausch, der nicht bloß Schick ist: die analoge Wärme. Die reggaehafte Lässigkeit und betonte Langsamkeit. Die krautige Verspultheit. Der dunkel-wavige Raum. Über die bassgetriebenen Rhythmen fließen meist skizzenhafte Schichten über- und ineinander, die ebenjene freiheitliche Struktur erzeugen, die genau das Gefühl für den Klang, den energiegeladenen Moment, herauszustellen vermag, der den beiden am Herzen zu liegen scheint. Das Dunis’ Gesang dabei viel mehr weiteres hypnotisches Element mit ebenso atmosphärischer wie inhaltlicher Botschaft ist, passt nur zu gut. Die Musik der beiden lebt. Der Mond geht auf, ein Stern pulsiert. Ebbe folgt auf Flut und umgekehrt. Alles ist im Fluss. Am Anfang und am Ende steht der Morgenstern. Oder wie es Coyes in der autobiografischen Darstellung ausdrückt: “There’s a lot more in this story, but it’s not linear, it’s a cycle. A bunch of circles rotating at different speeds but still intertwined like the Mayan calendar or how I visually imagine gamelan.”

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