Picastro – “Become Secret”

PicastroPicastro – “Become Secret”
VĂ–: 05.03.2010
Web: www.myspace.com/picastro
Label: Monotreme Records
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Ach, immer diese kleinen Kulturschocks. Wo – bitteschön – ist denn das von vorherigen Veröffentlichungen bekannte (und geliebte) schleppende und schepppernde Schlagzeug? Aber mit einem solch profanen Ansatz darf man der Musik von Picastro gar nicht begegnen. Dank Monotreme Records bekommen wir in Europa jetzt offiziell Zugang zu „Become Secret“, dem seit 2002 vierten Album des losen Musiker-Kollektivs um Sängerin, Gitarristin und Cellistin Liz Hysen aus Toronto. In Kanada ist „Become Secret“ auf Vinyl bereits im September 2009 bei Blocks Recording Club erschienen, einer sehr kleinen, von KĂĽnstlern in Eigenregie betriebenen Plattenfirma, deren Mitarbeiter „ehrenamtlich“ – also ohne Bezahlung – tätig sind. Erhebliche finanzielle UnterstĂĽtzung hat Blocks Recording Club beispielsweise von Owen Pallett erhalten, der einst auch vorĂĽbergehend Mitglied bei Picastro war.

Viele KĂĽnstler und Bands erleben in ihrer musikalischen Entwicklung einen Konsoldierungsprozess, Ecken und Kanten werden – womöglich unbewusst – im Laufe der Zeit abgeschliffen. In der RĂĽckschau wird deutlich, dass dies bei Picastro nicht zutrifft, scheinen sie doch mit jedem Album „unbequemer“ zu werden. Als das DebĂĽt „Red Your Blues“ veröffentlicht wurde (2002 auf dem amerikanischen Pehr Label, 2004 dann auch bei Monotreme) war kaum zu ahnen, dass es – bis dato – das am „leichtesten“ zugängliche Picastro-Album sein wĂĽrde. Aus heutiger Sicht erscheint es gar nicht mehr so windschief und träge wie seinerzeit. Die Faszination ist dennoch ungebrochen – dank dunkler Gitarrenklänge, sperriger Streicher, schräger Klavierklänge, spannender Perkussion und des verstörenden Gesangs von Liz Hysen. Auf „Metal Cares“ (2005, Polyvinyl Records) und „Whore Luck“ (2007, ebenfalls Polyvinyl) bauten Picastro ihre Stärken aus, aber auch kurze Kuriositäten in Form knarzender Instrumentals oder demo-artiger Songs ein. Drei Alben, fĂĽr die Ewigkeit gemacht, nicht zuletzt auch wegen der Pop-AttitĂĽde, dies es eben doch auf ihnen gibt.

Mit „Become Secret“ sind Picastro nun bei der Kammermusik angekommen, die ihnen in der Vergangenheit irrigerweise häufig nachgesagt wurde. Mangels Schlagzeug fehlt eines der wesentlichen Elemente des bisherigen Sounds. Entgegen einem in vielen gesellschaftlichen Bereichen weit verbreiteten Irrglauben ist „anders“ jedoch nicht notwendigerweise auch automatisch „besser“, sondern oft eben nur „anders“. Aber hier macht „anders“ durchaus Sinn, denn um die Qualitäten von „Become Secret“ zu begreifen, muss der eingefleischte Fan (ohne zu zögern hebt der Rezensent die Hand) die Gedanken an die drei Vorgänger-Alben vorĂĽbergehend verdrängen. Deren kämpferische Melancholie weicht auf „Become Secret“ nämlich nun endgĂĽltig Schwermut und Selbstaufgabe, auch wenn gelegentlich ein vergebliches Aufbegehren spĂĽrbar wird. Die Sparsamkeit der Arrangements von Stimme, Cello, Klavier, Gitarren und einzelnen elektronischen Klängen verhindert deren Sperrigkeit nicht. Die Tasten des Klaviers werden durchweg hart, ja beinahe unerbittlich angeschlagen, die Klänge des Cellos erscheinen häufig spröde und bedrohlich, Liz Hysens verschwommener Gesang schwankt zwischen Wehmut und Resignation. Der Umgang mit Worten erfolgt sparsam, sie wirken – so sie denn zu verstehen sind – dafĂĽr umso bitterer. So entsteht auf „Become Secret“ bisweilen eine ausgesprochen unbehagliche Intimität. Da passt es förmlich „ins Bild“, dass eine der typisch grausamen Zeichnungen des tschechischen KĂĽnstlers Josef Bolf das Album-Cover ziert.

Selbst wenn ein Schlagzeug hier und da Entlastung hätte bringen können, es wäre fehl am Platz gewesen. Es mag schwer fallen, „Become Secret“ auf Anhieb zu mögen. Mit jedem weiteren Hören wird jedoch allmählich klar, dass auch dieses Album für die Ewigkeit gemacht sein könnte, denn tatsächlich ist es eine ebenso beklemmende wie bedrückende Kostbarkeit.

Fionn Regan – “The Shadow Of An Empire”

19.02.2010 von Hermann Nanno Becker  

Other TruthFionn Regan – “The Shadow Of An Empire”
VĂ–: 19.02.2010
Web: www.myspace.com/fionnregan
Label: Cooperative Music
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„And now for something completely different.“ Dieser, aus den Episoden von Monty Python’s Flying Circus berĂĽhmte Satz, verband das „Hinterher“ mit dem „Vorher“ insbesondere dann, wenn diese beiden eigentlich nichts miteinander verband. Im Falle des irischen Musikers Fionn Regan ist das „Vorher“ sein in 2006 erschienenes DebĂĽt-Album „The End Of History“ – ruhig erzählte Balladen, mit akustischer Gitarre und sanfter Stimme dargebracht. „The End Of History“ hat die letzten dreieinhalb Jahre sehr gut ĂĽberstanden, klingt beim aktuellen Hördurchgang fast noch besser und ĂĽberzeugender als seinerzeit bei Veröffentlichung.

Kommen wir jetzt zu etwas völlig anderem. „I have a violent demeanour“ singt Fionn Regan, und man mag es in Kenntnis von „The End Of History“ kaum glauben – „I have a violent demeanour. So tie me to a chair ’til it’s out of my system, ’til it’s out of my system.“ Vielleicht hat sich etwas aufgestaut, vielleicht musste es tatsächlich ‘mal heraus. Fionn Regan hat jedenfalls den Stöpsel eingestöpselt, nicht nur seine Gitarre elektrifiziert, sondern irgendwie auch seine Stimme, denn die Sanftheit ist einer leichten Aggressivität und Dringlichkeit gewichen.

„The Shadow Of An Empire“ heißt das „Hinterher“ im Falle Fionn Regans, und zweite Alben gelten ja allgemeinhin als etwas schwierig. Die Schwierigkeiten bestanden für den 28-jährigen Iren aber hauptsächlich darin, dass die amerikanische Plattenfirma Lost Highway Records mit den Aufnahmen zu diesem Album nicht zufrieden war. Es wurde „angeregt“, Regan solle doch etwas aufnehmen, das geeigneter sei für den Markt, in dem Lost Highway Records operiere. Man trennte sich, doch der Ire musste auf die bereits gemachten Aufnahmen verzichten.

Fionn Regan begann von vorn und nahm das Album – diesmal ohne Beeinflussung von auĂźen – mehr oder weniger unter Live-Bedingungen auf. Das nun auf dem englischen Label Heavenly Recordings veröffentlichte Ergebnis wirkt daher ziemlich unmittelbar. Regan paart seinen Folk mit einer Art Rockabilly, aber „Folkabilly“ wird trotzdem nicht daraus. Dies könnten gewöhnliche Rocksongs sein, die Songwriter-Qualitäten des Iren machen jedoch mehr daraus, verpassen den Songs Haken und Ă–sen. Da stört dann selbst die klischeehafte, dylan’esque Mundharmonika in „Little Nancy“ nicht weiter, weil der Song selbst gar nicht klischeehaft, sondern eher nachdenklich wirkt – und bei Anklängen an Bob Dylan oder gar Johnny Cash fragt man sich, welches Problem Lost Highway Records eigentlich hatte.

Vielleicht liegt es daran, dass „The Shadow Of An Empire“ eben nur vordergründig rockig ist; Regans nachdenklicher Folk ist unterschwellig vorhanden und tritt auf manchen Songs, insbesondere aber auf „Lines Written In Winter“ dann doch offen zutage. Und vielleicht sind es die Texte, die hier und da durchaus persönlich, häufig aber auch ironisch und sarkastisch sind. „You talk to Jesus in a photo booth. He wants your bank details, date of birth, confess the truth.“, heißt es beispielsweise in „Violent Demeanour“.

Man mag bedauern, dass es hier kein „Snowy Atlas Mountains“ oder „Noah (Ghost In A Sheet)“ gibt, aber dafĂĽr bekommt man eben „Violent Demeanour“, „Coat Hook“ oder auch „Lord Help My Poor Soul“. Die beiden Alben „The End Of History“ und „The Shadow Of An Empire“ nehmen einander nichts weg. Sie können mit all ihren Qualitäten wunderbar nebeneinander existieren, denn trotz aller Unterschiedlichkeit tragen beide Fionn Regans eindeutige Handschrift. Und so entpuppt sich „The Shadow Of An Empire“ in dieser Form als unerwartetes VergnĂĽgen. Das schwierige zweite Album? FĂĽr Fionn Regan offenbar doch kein so groĂźes Problem. „And now…“

Efterklang – “Magic Chairs”

Other TruthEfterklang – “Magic Chairs”
VĂ–: 19.02.2010
Web: www.myspace.com/efterklang
Label: 4AD
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Als Efterklang im Herbst des letzten Jahres – also nur vier Monate vor dem Erscheinen von „Magic Chairs“ – ihr Album „Performing Parades“ veröffentlichten, sollte vielleicht ein Kapitel zum Abschluss gebracht werden. Dieses aus einer Live-Aufnahme bestehende Album ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem Dänischen Nationalen Kammerorchester. Im September 2008 hatten Efterklang zusammen mit dem Orchester ihr in 2007 erschienenes zweites Album „Parades“ – an dessen Entstehung ĂĽber einen Zeitraum von mehr als 18 Monaten bereits etwa dreiĂźig Gastmusiker beteiligt waren – mit noch mehr Personal komplett aufgefĂĽhrt und somit wohl die orchestralen Möglichkeiten ihres Sounds und ihrer Songs endgĂĽltig ausgelotet. Und während Efterklang in Skandinavien unverändert auf ihrem eigenen Label Rumraket veröffentlichen, war „Performing Parades“ der letzte Release der Band auf dem Leaf Label, das bisher den Rest der Welt versorgte.

Diese Aufgabe erledigt nun das renommierte Label 4AD, und mit ihrem dritten regulären Album „Magic Chairs“ wenden sich Efterklang dem Pop zu. Es handelt sich selbstverständlich nicht um Pop im Sinne von Charts-Tauglichkeit, sondern im Sinne kompakterer Song-Strukturen und der Schaffung von Transparenz im Rahmen des eigenen Sounds. Hierfür steht bereits der vergleichsweise kurze und geradlinige Aufnahme-Prozess. Im Kern besteht die Band aus Kopenhagen nämlich lediglich aus Mads Brauer, Casper Clausen, Thomas Husmer und Rasmus Stolberg. Für die Aufnahmen kamen zudem einige befreundete Musiker aus dem Live-Line Up hinzu, unter anderem auch Peter Broderick und seine Schwester Heather. So unterscheidet sich „Magic Chairs“ deutlich von seinen beiden Vorgängern. Den elektronischen Elementen von „Tripper“ (2004) und dem orchestralen Sound von „Parades“ setzt „Magic Chairs“ organische und luftige Klänge entgegen. Die Instrumentierung mit Piano, Streichern, Flöten und Blechbläsern ist zwar nach wie vor opulent, aber diese Elemente werden jeweils behutsam in den Verlauf der einzelnen Songs eingebracht. So offenbart sich ein liebevolles Songwriting, denn die meisten Songs auf „Magic Chairs“ beginnen sparsam und sehr intim, aber nach und nach wird dann doch ein leicht orchestraler Sound entwickelt. All dies geschieht jedoch angenehm zurückhaltend und unaufdringlich.

Faszinierend ist, dass Efterklang mit „Tripper“, „Parades“ und „Magic Chairs“ auf hohem Niveau zwar drei völlig unterschiedliche Alben, aber dennoch einen eigenständigen und erkennbaren Sound produziert haben. Da macht es gar nichts, dass beim Hören von „Magic Chairs“ weit entfernt am Horizont gelegentlich die Namen Broken Social Scene und Slaraffenland aufblinken. Mit ihren Landsleuten von Slaraffenland verbindet Efterklang ohnehin eine Nähe, die nicht erst seit einem gemeinsamen Konzert unter dem Namen Slaraffenklang besteht. Die Musik von Slaraffenland wird in Skandinavien nämlich ebenfalls von Efterklangs Rumraket Label veröffentlicht. Zudem wird mit „Magic Chairs“ eine Parallele zu Slaraffenlands in 2009 erschienenem dritten – von der Welt leider nahezu unbemerkten – Album „We’re On Your Side“ deutlich, denn auch dort gab es im Gegensatz zu deren frĂĽheren experimentellen Klängen quasi eine Hinwendung zum Pop in dem oben beschriebenen Sinn.

Das Auge hört mit, und so achten Efterklang darauf, dass ihre Veröffentlichungen auch optisch ĂĽberzeugen können. Die kĂĽnstlerische Gestaltung von HĂĽlle und CD lag wieder in den Händen von Hvass & Hannibal, und die haben ganze Arbeit geleistet. Das Album-Cover zeigt das Thorvaldsens Museum in Kopenhagen. In dem abgebildeten Innenhof hat der dänische Bildhauer Berthel Thorvaldsen (1770 – 1844) seine letzte Ruhestätte gefunden. Was jedoch wie eine ausschlieĂźlich computer-generierte Grafik erscheint, hat seine Basis tatsächlich in Aufnahmen des Fotografen Brian Buchard (www.brianbuchard.dk). Bei dem Fototermin haben etwa zwanzig Leute in dem Innenhof des Museums eigens fĂĽr diesen Zweck genähte und eingefärbte Bänder durch die Luft gewirbelt. Dass der Boden des Innenhofs auf dem Cover wie Marmor erscheint, ist dem Zufall zu verdanken, dass die Fotoaufnahmen an einem regnerischen Tag stattgefunden haben.

So hält das Jahr 2010 mit „Magic Chairs“ und seinen zehn wundervollen, detailverliebten Pop-Perlen das nächste hervorragende Album bereit, dessen Highlight jedoch ausgerechnet das eher untypische „Raincoats“ ist. Zu Beginn des Songs wähnt man sich zwar beinahe bei den Les Humphries Singers, aber „Raincoats“ ist unverschämt catchy und cool. In die elektrische Gitarre und den Bass kann man sich einfach nur verlieben, und dazu gibt es dann noch Gesangslinien, die geradezu zum Mitsingen und -summen auffordern – was will man eigentlich mehr?!

Christy & Emily “No Rest”

VĂ–: 05.02.2010
Web: http://www.myspace.com/christyandemily
Label: klangbad
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Das Cover von „No Rest“ zeigt in gewisser Weise eine Auferstehung der Toten. Eine, wie man sie beispielsweise in Michael Jacksons Thriller-Video sieht. Nun sehen Christy & Emily nicht aus wie untot. In dieser unserer Welt scheinen sie sich aber nicht zu befinden: Aus einem Dickicht von schwarzem Haar erheben sich verschwommen die Gesichter der beiden Musikerinnen. Vier Augen blicken erwartungsvoll zum Licht. Was begehren diese geisterhaften Gestalten? Welche Sehnsucht treibt sie fort aus der Dunkelheit und zurück in die Welt? Dort, wo sie sich eben noch befanden, möchten sie nicht bleiben, das verrät schon der Titel.

„Auf in die Natur!“, sagt zumindest die Musik. Es geht um Sonne und Licht, Sturm und Rauch, Tag und Nacht. Wäre „No Rest“ nicht Musik, sondern ein Ort, es handelte sich wahrscheinlich um einen Wald. Die zehn Stücke des Albums fließen langsam und ruhig dahin. Ihnen haftet dabei etwas Beschwörendes, fast Meditatives an. Nur sehr sparsam setzen Emily Edwards (Gitarre) und Christy Manzo (Wurlitzer/Piano) ihre Instrumente ein. Schlagzeug nur für die Atmosphäre und viel Platz für den betont unaufgeregten Gesang.

Folk mit einem Hang zur Avantgarde. Besonders schön klingt das im hypnotischen „Cave“, das mit archaischem Opfer-Trommeln den Schatten eines Liebesliedes an die Höhlenwand wirft. Gelungen ist auch die Coverversion von Tom Brosseaus „Here Comes The Water Now“ gegen Ende des Albums. Hier kommt das Wasser, das die latent präsente Schwere aus dem Album wäscht. Eine gelungene Wahl auch deshalb, weil sich „Here Comes the Water Now“ nahtlos in die Natur-Metaphorik und Eigenbrötler-Ă„sthetik der anderen StĂĽcke einfĂĽgt: die Erd-Assoziationen, die das Cover hervorruft, der sanfte Fluss der Musik, die unaufgeregte Dramatik und die Beschäftigung mit den Elementen in den Texten. Christy & Emily inszenieren sich hier als Geisterbeschwörer – als Zwischenweltler. Wenn Esoterik so klingt, dann Bitte.

„No Rest“, das dritte Album der beiden Musikerinnen aus Brooklyn, erscheint bei klangbad, das damit wieder einmal seinen Geschmack für das Besondere unterstreicht. Der avantgardistische Anspruch, den diese Musik erhebt, dürfte aber weniger auf die Krautrock-Vergangenheit des Produzenten Hans Joachim Irmler als auf Emily Manzos Interesse an John Cage zurückzuführen sein.

Christy & Emily live im Februar – präsentiert von ByteFM

07.02.2010 Riedlingen – Lichtspielhaus
09.02.2010 Wien (A) – Rhiz
10.02.2010 Reutlingen – Franz K
11.02.2010 ZĂĽrich (CH) – La Catrina

Alle weiteren Termine hier.

Owen Pallett – “Heartland”

Ich gebe zu, mit Computerspielen kenne ich mich nicht besonders aus. Für mich ist Final Fantasy das musikalische Projekt des Kanadiers Owen Pallett. Die gleichnamige Computerspiel-Serie mit über zwanzigjähriger Geschichte, nach der Pallett sein Projekt tatsächlich benannt hatte, war mir dagegen völlig unbekannt. Wegen dieser sah Owen Pallett sich aber nun im Einvernehmen mit deren Hersteller gezwungen, den Namen Final Fantasy nicht mehr zu verwenden. Die Pressemeldung der Plattenfirma hieß dementsprechend „Namensänderung von Final Fantasy in Owen Pallett“.

Und sonst ändert sich nix? Doch, denn zum ersten Mal hat Owen Pallett – einst vorĂĽbergehend Mitglied bei Arcade Fire und bei Picastro – fĂĽr eines seiner Alben mit einem Symphonieorchester gearbeitet. FĂĽr den Violinisten (eigentlich Multi-Instrumentalisten) und studierten Komponisten, der in der Vergangenheit schon Streicher fĂĽr so unterschiedliche Bands wie The Hidden Cameras, The Last Shadow Puppets oder die Pet Shop Boys arrangiert hat, ist eine solche Zusammenarbeit zwar grundsätzlich nicht neu. Auf seinen eigenen Alben („Has A Good Home“, 2005 und „He Poos Clouds“, 2006) arbeitete er bisher aber mit eher wenig Personal, und bei Live-Konzerten trat er oft gar nur mit einer Loop-Station auf.

Auf „Heartland“ kommt nun also das Tschechische Symphonieorchester ins Spiel. Zwar wohnte Owen Palletts bisherigen Alben bereits eine orchestrale Vision inne, aber ich habe den Eindruck, dass er dieser Vision durch den Einsatz eines Orchesters nun auch tatsächlich gerecht wird. Die Stücke sind laut Pallett immer noch so geschrieben, dass sie auch Solo mit Loops funktionieren sollen, aber die auf „Heartland“ erzielte Klangfülle tut den Songs gut. Dennoch geht nur wenig von der Intimität der vorherigen Veröffentlichungen verloren. „Midnight Directives“ und „Keep The Dog Quiet“ treffen gleich zu Beginn des Albums den richtigen Ton. Trotz der Möglichkeiten, die der Einsatz eines Orchesters bietet, ist Owen Pallett geschickt genug, sich nur selten zu Übertreibungen („Flare Gun“) hinreißen zu lassen. Bei der durchaus vorhandenen Melodramatik entpuppt es sich zudem als Vorteil, dass Pallett stimmlich nicht entsprechend nachlegt, sondern angenehm ungekünstelt singt.

Ohne eventuell eine falsche Fährte legen zu wollen, fĂĽhle ich mich zwar nicht unmittelbar musikalisch, aber doch von der Stimmung her ein wenig an die orchestraleren Songs auf Sufjan Stevens Album „…Illinoise“ erinnert. Ă„hnlich wie dort liegt zudem auch „Heartland“ ein Konzept zu Grunde. Die zwölf Songs handeln von der fiktionalen Welt Spectrum, in der sich ein Farmer namens Lewis gegen die herrschende Kaste zur Wehr setzt und seinem Schöpfer Owen (ja, tatsächlich) gegenĂĽber tritt. Das Prinzip von Konzeptalben finde ich zwar ein wenig albern, aber wenn – wie bei „Heartland“ – die Musik im Vordergrund steht und dem Konzept nicht untergeordnet wird, ist es letztlich kein Problem.

Bei derart schönen Songs (von denen einige auch noch hĂĽbsche Titel tragen, beispielsweise „Oh Heartland, Up Yours!” oder „Tryst With Mephistopheles“) macht es also nicht nur aus rechtlichen GrĂĽnden Sinn, dass sie unter Owen Palletts eigenem Namen veröffentlicht werden. Bleibt jetzt nur noch zu hoffen, dass es nicht auch noch eine Computerspiel-Serie mit diesem Namen gibt…

Unheimlich coole Grooves

28.11.2009 von Hermann Nanno Becker  

King Midas SoundKing Midas Sound – “Waiting For You”
VĂ–: 27.11.2009
Web: http://www.myspace.com/kingmidassound
Label: Hyperdub
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In diesen trüben Tagen verlangt die Seele nach Bass, und davon gibt es reichlich auf dem Debütalbum „Waiting For You“ von King Midas Sound. Der Titel des Albums hätte treffender kaum sein können. Seit ich den Song „Surround Me“ auf der in 2007 erschienenen Compilation „Box Of Dub – Dub Step and Future Dub“ erstmals gehört habe, warte ich auf ein Album von King Midas Sound. Deren Musik gab es bisher nämlich nur häppchenweise in Form von 12-inches und Sampler-Beiträgen. Aber nun hat das Warten ein Ende.

King Midas Sound ist das Projekt des in London beheimateten Kevin Martin, der in den letzten knapp zwanzig Jahren verschiedenste musikalische Projekte initiiert hat. Irgendwo in meinen CD-Stapeln tummeln sich zumindest „The Anatomy Of Addiction“ (1994) von God und „Re-Entry“ (1995) von Techno-Animal. Zuletzt hat Martin unter dem Namen The Bug Platten veröffentlicht.

Bei King Midas Sound wird Kevin Martin von Roger Robinson, den man neudeutsch einen „spoken word artist“ nennen könnte, sowie der ebenfalls in London lebenden japanischen Künstlerin Kiki Hitomi von der Band Dokkebi Q unterstützt. Hitomi ist zudem auch für einen Teil des Booklet-Artwork verantwortlich. Bleibt noch zu erwähnen, dass „Waiting For You“ selbstverständlich auf dem Hyperdub-Label erscheint.

So unterschiedlich die musikalische Ausrichtung der diversen Projekte von Kevin Martin auch sein mag, eine klaustrophobische Grundstimmung ist ihnen gemein. Dies gilt auch für dieses Album. Mächtige Bässe und sphärische elektronische Klänge gehen eine durchaus düstere Verbindung ein, aber darüber schwebt als ausgleichendes Element der sanfte Sprechgesang Roger Robinsons.

„Cool Out“ – schon von einer 12-inch bekannt – sorgt mit seinen drögen Beats fĂĽr einen vertrauten Einstieg in das Album. Der Titelsong kommt dann noch etwas sparsamer, aber nicht minder „deep“ daher. „One Thing“ war bereits im wunderbaren Dabrye-Remix auf der „Cool Out“-12-inch zu hören, aber das Original ist noch besser und beeindruckt mit einem Mörder-Bass und einem unglaublich coolen Groove – ein Highlight dieses fantastischen Albums.

Nach „One Thing“ gibt es aber einen kleinen Stilbruch: „Earth A Kill Ya“, dessen Botschaft mir ein wenig simpel erscheint, ist beileibe kein schlechter Song, aber auf dem 2008er Album „London Zoo“ von The Bug hätte er eine bessere Heimat gefunden. GlĂĽcklicherweise gelangt das Album von King Midas Sound mit „Darlin’“ sofort wieder mit einer faszinierenden Mischung aus Stimme, Bass, Beat und Elektronik in die richtige Spur. Mit dem vom Hyperdub-Geburtstagssampler „Five Years Of Hyperdub“ bekannten „Meltdown“ und seiner herrlich klappernden Percussion befindet sich der Hörer ohnehin wieder auf vertrautem Territorium, ehe das nächste Highlight „I Man“ sich in die Ohren wummert (wunderbar, wie dieses Wummern bei der 3:20er-Marke wieder einsetzt) und mit der Nachbildung eines in Stolpern geratenen Herzschlags endet.

Auf den nicht geringer wummernden, aber viel zu kurz geratenen Song „Blue“ – eher ein instrumentales Zwischenspiel – folgen mit „Goodbye Girl“ und „Lost“ die vielleicht poppigsten Momente des Albums. Nach einem weiteren – diesmal vokalen – Zwischenspiel („Sometimes“) zieht das Tempo auf „Outtaspace“ dann ausnahmsweise an. Mit den treibenden Beats und dem Gesang von Kiki Hitomi wäre zwar auch dieser Song auf „London Zoo“ von The Bug gut aufgehoben gewesen, aber hier fĂĽgt er sich ebenfalls erstaunlich homogen ein. Mit „Miles & Miles“ endet das Album dann eher wieder zurĂĽckhaltend und nachdenklich.

Mit Ausnahme des kleinen Störfeuers in Form von „Earth A Kill Ya“ ist „Waiting For You“ also ein atmosphärisch ausgesprochen dichtes Album geworden, und von Kevin Martins verschiedenen Projekten der letzten zwei Jahrzehnte empfinde ich King Midas Sound als das Schlüssigste.

„Could this be the start of something?“ singt Roger Robinson in „One Thing“. Na, das will ich doch hoffen.

Keine Feuergefahr: The Mercury Program: “Chez Viking”

The Mercury ProgramThe Mercury Program – “Chez Viking”
VĂ–: 24.11.2009
Web: http://www.myspace.com/themercuryprogram
Label: Lovitt Records
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Ich hoffe zwar nicht, dass ich jemals in die Verlegenheit komme, lediglich zehn Alben behalten zu dürfen, auf die ich absolut nicht verzichten kann. Das im Jahr 2000 erschienene „From The Vapor Of Gasoline“ von The Mercury Program wäre auf jeden Fall dabei. Das Album ist ein unfassbar spannungsgeladener Energie-Mix aus elektrisierenden Gitarren, wunderbarem Vibraphon, mächtigem Bass und trockenem Schlagzeug, die Songs teils instrumental, teils mit Gesang. Die benzingeschwängerte Luft vibriert, und man erwartet jeden Augenblick, dass sie sich entzündet und einen Flächenbrand auslöst.

Die Band, ursprünglich aus Florida und inzwischen in New York zu Hause, bestand zunächst aus Tom Reno, David Lebleu und Sander Travisano. Ihr selbstbetiteltes Debüt aus dem Jahr 1999 enthält acht Songs, schon seinerzeit nur teilweise mit (Sprech-)Gesang. Sander Travisanos Bruder Whitney stieß zur Band, und im Jahr 2000 erschien besagtes „From The Vapor Of Gasoline“. Es folgte in 2001 die hervorragende EP „All The Suits Began To Fall Off“, und hiermit hatten sich The Mercury Program komplett vom Gesang verabschiedet. Im Jahr 2002 veröffentliche die Band ihr vorerst letztes Album „A Data Learn The Language“, welches schon nicht mehr ganz so aufgeheizt daherkam. In 2003 folgte zumindest noch eine Split-CD („Confines Of Heat“) mit der Band Maserati.

Wenn man eine Band derart ins Herz geschlossen hat, möchte man sie selbstverständlich im Ohr behalten. Hin und wieder habe ich die Website von The Mercury Program wegen etwaiger News aufgerufen, aber die Bandmitglieder gingen ihren eigenen Belangen nach, und noch vor einigen Monaten stand dort zu lesen, dass in absehbarer Zeit wohl nicht mehr mit einer Veröffentlichung zu rechnen sei. Umso überraschter war ich, als ich vor kurzem entdeckte, dass dieser Tage „Chez Viking“ erschienen ist. Sieben Songs in knapp 32 Minuten – man darf getrost von einem Mini-Album sprechen.

Der erneut komplett instrumentale Sound von „Chez Viking“ klingt bereits mit dem eröffnenden TitelstĂĽck wieder vertraut, wirkt aber deutlich entspannter. Die Mitglieder der Band sind – wie wir alle – ĂĽber die Jahre eben auch etwas älter geworden. Aber der Schein trĂĽgt insoweit, als „Chez Viking“ bereits im Herbst 2006 aufgenommen wurde. Erst Ende 2008 war die Band dann bereit, die Aufnahmen auch mixen und mastern zu lassen, und nun liegt das Resultat also vor.

Feuergefahr besteht diesmal trotz derselben Besetzung zwar nicht, ein Hörvergnügen ist „Chez Viking“ aber trotzdem. Dies mag daran liegen, dass die Band mit sich und ihrer Musik etwas anzufangen weiß. Die Gefahr der Redundanz, die instrumentaler Rock-/Pop-Musik häufig innewohnt, besteht hier – abgesehen von einer Ausnahme – nicht. Die Songs von The Mercury Program entwickeln sich und sind durchaus vielschichtig. Mit „Arrived/Departed“ und „Backseat Blackout“ steigert sich das Album bis zu seinem zentral gelegenen Höhepunkt: „Katos“ wabert und fließt zunächst knapp zweieinhalb Minuten vor sich hin, aber dann setzt ein unglaublich cooler Basslauf ein und The Mercury Program sind nahezu wieder at their best. Der kürzeste Song „Stand & Sing“ ist zugleich der Schwächste, denn er wirkt im Vergleich zum Rest des Albums ein wenig uninspiriert. Dies ist jedoch verschmerzbar, denn mit „The Church Of Cause And Effect“ und „Flourescent Laces“ sind The Mercury Program wieder ganz bei sich selbst (und bei uns Hörern natürlich).

Herrje, wie habe ich diese Band vermisst. Gut, dass sie wieder da ist.

Das groĂźe GefĂĽhl: Codes In The Clouds “Paper Canyon”

Paper CanyonCodes In The Clouds – “Paper Canyon”
VĂ–: 23.10.2009
Web: http://www.myspace.com/codesintheclouds
Label: Erased Tapes Records
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„Stets überraschend und unvorhersehbar“ ist die Musik auf „Paper Canyon“, wenn man dem Pressetext glauben darf.

Nach dem ersten Durchlauf wird klar, dass in Wahrheit die einzige Überraschung auf dem Langspiel-Debüt der fünf jungen Männer aus dem County Kent darin besteht, wann die verzerrten Gitarren und wann die oft Mandolinen-artig gespielten Melodien wieder einsetzen. Wer hier unvorhersehbare Stimmungsänderungen oder Melodiebögen erwartet, wird enttäuscht. Das Fazit muss vorerst lauten: Nicht besonders originell.

Aber Halt. Auf „Paper Canyon“ geht es gar nicht darum, mit besonders ausgefuchsten Tonfolgen oder ungewöhnlichen Strukturen aufzuwarten. Worum es Codes In The Clouds mit ihrem instrumentalen Post-Rock tatsächlich gehen dürfte, ist das große Gefühl. Die große Geste. Dabei schnappen sie sich einen ausdrucksstarken Moment und schleifen ihn ein in den Emotionsverstärker. Sie drehen an Equalizer und Lautstärke so lange herum bis sie jeden Winkel des Augenblicks ausgeleuchtet haben und am Ende alle erschöpft in ihre Kissen sinken dürfen.

Und die Bett-Metapher wird hier nicht zu Unrecht bemĂĽht. Man muss nämlich gar nicht so genau hinhören um zu bemerken, wie warm es da aus den Boxen dringt. Ăśberproduziert klingt anders. Nicht zuletzt der vergleichsweise naturbelassene Klang der Instrumente – dem Schlagzeug wurde zum Beispiel jeder Oberton und jeder Nachklang erlaubt – lässt die Aufnahme geradezu organisch wirken und gibt einem fast das GefĂĽhl, die Musik wĂĽrde ĂĽberhaupt erst in diesem Moment des Zuhörens entstehen.

Stadiontauglich ist das Ganze. Und wenn der Band in der nächsten Festivalsaison die richtigen BĂĽhnenzeiten zugewiesen werden – nämlich tief in der dunklen Nacht – dann ist der richtige Rahmen gegeben, um so manchen im Publikum in eine leichte Melancholie zu stĂĽrzen und vielleicht sogar eine kleine Freudenträne zu entlocken. An Pathos mangelt es der Musik mit ihren weiten Klangflächen nämlich nicht.
Ab Ende Oktober gibt es schon mal Gelegenheit, Codes In The Clouds zusammen mit pg.lost in geschlossenen Räumen zu sehen.

Die Termine:
29.10.2009 Wien (A) – Rhiz
30.10.2009 Innsbruck (A) – PMK Bogen
31.10.2009 Oberhausen – Druckluft
01.11.2009 Siegen – Vortex
02.11.2009 Berlin – LiveAtDot
03.11.2009 Chemnitz – Subway To Peter
04.11.2009 Dresden – Beatpol
05.11.2009 Leipzig – Conne Island
06.11.2009 Chur (CH) – Werkstatt

Die Tour wird präsentiert von ByteFM.

Stimmig von der ersten bis zur letzten Sekunde: Lusine “A Certain Distance”

Other TruthLusine – “A Certain Distance”
VĂ–: 04.09.2009
Web: www.myspace.com/lusinespace
Label: Ghostly International
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Mit Kritik ist es immer so eine Sache, denn sie erfolgt doch eher in negativer Form. Um so schöner also, wenn man ein Album für sich entdeckt, über welches man nur Positives zu sagen weiß. „A Certain Distance“ von Lusine ist ein solches Album.

Lusine ist Jeff McIlwain, in Texas geboren, aber seit einigen Jahren in Seattle beheimatet. Nach einem Abstecher zu Hymen Records (als Lusine Icl) mit seinem sehr ruhigen und ambient-artigen 2007er Album „Language Barrier“ ist er nun zurück bei Ghostly International. Im Sommer 2009 gab es mit der Single „Two Dots“ bereits einen viel versprechenden und recht poppigen Vorgeschmack auf das Album.

„A Certain Distance“ ist von der ersten bis zur letzten Sekunde stimmig und schlüssig und lässt sich daher wunderbar komplett durchhören. Hier gibt es die wärmsten elektronischen Sounds seit dem bedauerlichen Dahinscheiden des Duos Laika (Margaret Fiedler/Guy Fixsen). Im Gegensatz zu manchen Genre-Kollegen belässt Jeff McIlwain es glücklicherweise nicht bei Entwürfen, sondern denkt seine Ideen zu Ende. Dabei entstehen nicht lediglich elektronische Klanglandschaften, sondern richtige Songs, deren Länge sich zwischen knapp vier und gut sechseinhalb Minuten bewegt. McIlwain gibt dem Zuhörer damit ausreichend Gelegenheit, die einzelnen Songs zu erkunden. Wer sich nicht unbedingt bewegen muss, sollte sich aufs Sofa legen, die Lautstärke etwas höher drehen und 56 Minuten und 56 Sekunden lang genießen. Dies funktioniert, obwohl die Musik durchaus technoid ist. Sie vermittelt dennoch ein organisches Gefühl und wirkt zu keinem Zeitpunkt konstruiert oder kalkuliert.

Die drei Songs mit „richtigem“ Gesang fügen sich nahtlos in das Gesamtwerk ein. Zweimal („Two Dots“, „Twilight“) zeichnet hierfür die finnische Sängerin Vilja Larjosto (Vilja Rough Luksus, Echosystem) verantwortlich, einmal („Gravity“) ist Caitlin Sherman (Slow Skate, Ada Loveless) aus Seattle zu hören. Insbesondere „Gravity“ bietet mit „zerhackten“, stroboskopartig wirkenden Vocals und einem tiefen Groove ein faszinierendes Spannungsfeld.

Anspieltipps? Nun, tatsächlich alle Songs. Ansonsten aber bilden „Thick Of It“, „Twilight“, „Double Vision“ und „Gravity“ für das „Reinhören“ einen guten Querschnitt.

Viel Delay, Raum und Dynamik: Do Make Say Think “Other Truths”

16.10.2009 von Michael Hager  

Other TruthDo Make Say Think – “Other Truths”
VĂ–: 16.10.2009
Web: www.myspace.com/domakesaythink
Label: Constellation Records
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Wie oft habe ich den Namen der Band schon in meinem Kopf durchgewĂĽrfelt? Oft, soviel steht fest. Do Think Make Say, Make Think Do Say und so weiter. Geholfen hat mir das bisher wenig. Ich vergesse immer wieder, welche Variante ich schon hatte und der Sinn bleibt am Ende immer der gleiche: Anklage, Aufruf. Also, los.

Auf ”Other Truths” befinden sich gerade einmal vier Tracks. Das Album kommt trotzdem auf gute 40 Minuten Spielzeit. Ich ahne es: es wird episch. Und tatsächlich. Postrock, der mĂĽhelos einen 40minĂĽter untermalen könnte. Filmreif im besten Sinne.

Der sporadische Gesang bleibt Stilelement. Leicht verhallt nimmt derselbe vielleicht mal einen Titel bei der Hand und führt ihn sanft in den Fade-Out oder stimmt an zum Chor. Ansonsten vertraut das Oktett aus Toronto aber auf die Kraft der Instrumente. Und da wird aufgefahren, was das Line-Up hergibt: Geige, apokalyptische Bläser, zwei Schlagzeuge, verzerrte Gitarren und ein ständig arbeitender Bass, der mal aufs Fuzz-Pedal tritt und mal die Kirchenglocken läutet. Viel Delay, Raum und Dynamik.

Zwar stimmen auch manche der Songs auf ”Other Truths“ zum genretypischen Noise-Höhepunkt an. Statt den gegebenen Raum zuzukleistern, schafft es die Band aber, der Musik Zwischenräume zu lassen, in der sich eine Intensität abseits von bloĂźer Lautstärke entfalten kann. Eindrucksvoll nachzuhören vor allem bei ”Make”, dem zweiten StĂĽck auf dem nunmehr sechsten Album der Gruppe.

Zur Stimmung: Nur beim ersten StĂĽck ”Do” lässt eine hoffnungsvolle Gitarrenmelodie kurz die Sonne scheinen. Ansonsten bleibt der Himmel auf ”Other Truths” wolkenverhangen bis bedrohlich. Zwar ist die Musik nicht ĂĽbermäßig sperrig, so manchem Hörer dĂĽrfte die Farbpalette mit ihrer Moll-Lastigkeit aber zu eindimensional sein. Wer jedoch nichts gegen musikalisches Malen in dunklen Tönen hat, darf sich ĂĽber ein gelungenes, in der Tiefe facettenreiches Album freuen.

Auffällig ist noch, dass der Bandname titelgebend auf die vier StĂĽcke des Albums verteilt wurde. Der Reihe nach ”Do”, ”Make”, ”Say” und ”Think”. Ist ”Other Truths” das Album, mit dem die Band bei ihrem definitiven Sound angekommen ist? Vielleicht gibt der Besuch eines ihrer anstehenden Konzerte Aufschluss.

Die Termine:
26.10.2009 Leipzig – Conne Island
27.10.2009 MĂĽnchen – Feierwerk
28.10.2009 Schorndorf – Manufaktur
29.10.2009 DĂĽdingen (CH) – Bad Bonn
10.11.2009 Hamburg – Molotow
15.11.2009 Bielefeld – Forum
16.11.2009 Berlin – Magnet Club

Die Tour wird präsentiert von ByteFM.
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