Tame Impala – “Innerspeaker”
31.05.2010 von Hermann Nanno Becker
Tame Impala – “Innerspeaker”
VĂ–: 25.05.2010
Web: www.myspace.com/tameimpala
Label: Modular People
Kaufen: 
Wir erinnern uns, als sei es gestern gewesen. Vor mehr als zehn Milliarden Jahren gelingt die Simulation des Urknalls im Kernforschungszentrum CERN nahe Genf, das Universum entsteht, und seither befinden wir uns in einer gigantischen Zeitschleife – mit dem tröstlichen Gedanken, dass ByteFM auch beim nächsten Mal, spätestens am 11. Januar 2008, auf Sendung gehen wird.
Es ist also nicht sonderlich ĂĽberraschend, dass im Verlauf von rund 4,5 Milliarden Jahren Musikgeschichte so Manches wiederkehrt. Musik aus Australien dĂĽrfte es dabei auch immer gegeben haben, dennoch verbindet man zumindest die vergangenen drei Jahrzehnte irgendwie hauptsächlich mit den wunderbaren Go-Betweens. Immerhin haben wenigstens in den letzten Jahren einige Bands auch ĂĽber Australien hinaus auf sich aufmerksam gemacht – beispielsweise Wolf & Cub, The Middle East, Firekites und insbesondere natĂĽrlich Love Of Diagrams.
Tame Impala – “Solitude Is Bliss”
Nun also Tame Impala. Drei Jungs aus Perth, also dem praktisch unbewohnten Westen Australiens (und wurden nicht auch im Westen Australiens – Achtung: angelesene KlugscheiĂźerei – Zirkon-Kristalle entdeckt, deren Alter auf etwa 4,4 Milliarden Jahre geschätzt wird?!). Vor gut zehn Jahren jedenfalls sollen Kevin Parker (Gesang, Gitarre) und Dominic Simper (Bass) bereits als 13-jährige gemeinsam musiziert haben, 2007 kam Drummer Jay Watson hinzu und Tame Impala war praktisch geboren.
Zwar ist bei Hypes immer Vorsicht geboten, ist deren Halbwertszeit in der Regel doch kaum länger als das Interesse an Urknall-Simulationen, aber dem Hype um Tame Impalas DebĂĽt-Album “Innerspeaker“ fehlt bei uns eigentlich noch eine Kleinigkeit… nämlich der Hype. Dabei hat das ByteFM-Magazin neulich schon mit dem Video zu dem herrlichen “Solitude Is Bliss” auf “Innerspeaker“ hingewiesen. Aber was ist das hier? Eine Mischung aus Sonic Youth und Shack? Ein Mash-Up aus Stone Roses und Pale Fountains? Grizzly Bear kombiniert mit Broken Social Scene kombiniert mit Bear In Heaven kombiniert mit … was auch immer? Diese (viel zu aktuellen) Referenzen legen vermutlich wieder nur falsche Fährten, mĂĽsste man doch eigentlich den psychedelischen Rock der späten Sechziger oder frĂĽhen Siebziger bemĂĽhen. Aber wie soll das gehen, wenn eine der wenigen Erinnerungen daran ist, dass man als Siebenjähriger mit der älteren Schwester die Bravo-Charts studiert und dabei Janis Joplin oder Emerson, Lake & Palmer gehört hat. Irgendwie machen Tame Impala also Hippiemusik, und die ist hin und wieder durchaus willkommen, gerade bei Jemandem, dessen Erfahrungen mit scheinbar bewusstseinserweiternden Hilfsmitteln sich eben auf Musik und auf das Passivrauchen des Zigarettenqualms der Kolleginnen und Kollegen beschränken. Das Album-Cover von “Innerspeaker“, dass trotz weiter Landschaft einen Tunnelblick suggeriert, passt dabei schon ins Bild.
Der Low Fidelity-Sound auf “Innerspeaker“ klingt altmodisch und wirkt irgendwie doch frisch und unverbraucht. Wenn ein Album dann auch noch derart unwiderstehlich mit dem ebenso coolen wie charmanten Opener “It Is Not Meant To Be“ beginnt, kann ja nicht mehr so arg viel schief gehen. Das darauf folgende, nicht minder schöne “Desire Be Desire Go“ wurde – in leicht abgewandelter Form – zu Recht von der ersten EP auf das Album hinĂĽbergerettet, passt es doch besser in diesen Kontext. GegenĂĽber der EP gelingt der Band ihre Musik auf “Innerspeaker“ nämlich viel lockerer und selbstverständlicher – egal, ob ein Song nur gut drei Minuten (“Why Won’t You Make Up Your Mind“) oder ĂĽber sieben Minuten (“Runway, Houses, City, Clouds”) dauert. Und Tame Impala nehmen sich selbst dabei nicht zu ernst; so konterkarieren sie die im Song “Bold Arrow Of Time“ durchaus vorhandene Rock-Pose der unangenehmeren Art einfach mit einem Anhängsel aus akustischer Gitarre und Synthesizer-Klängen. Auch beim tollen “Expectations“ wird der eigentlich viereinhalbminĂĽtige Song um ein anderthalb Minuten dauerndes Irgendwas ergänzt – aber es funktioniert eben. Und das ist der Punkt: dieses Album flieĂźt von Beginn bis Ende rund und unverkrampft. So ertappt man sich dabei, plötzlich wieder Luftgitarre oder gar Luftschlagzeug zu spielen und froh darĂĽber zu sein, dass niemand in der Nähe ist (“Solitude Is Bliss“, sozusagen).
Keine Ahnung, wie lange die Freude an „Innerspeaker“ anhalten wird. Augenblicklich ist sie jedenfalls groĂź, und hoffentlich erinnere ich mich daran, wenn ich in zig-Milliarden von Jahren wieder an dieser Rezension schreiben werde…
Angil And The Hiddentracks – “The And”
24.05.2010 von Hermann Nanno Becker
Angil And The Hiddentracks – “The And”
VĂ–: 06.05.2010
Web: www.myspace.com/angilandthehiddentracks
Label: We Are Unique Records
Kaufen:

„Wie fühlt sich das an, angeschrien zu werden auf rumänisch, zwei Stunden lang, drei Stunden lang, zwölf Stunden lang, auf dem zwölfstündigen rumänischen Schrei-Festival?“ Keine Ahnung, und von Angil And The Hiddentracks gibt es auf ihrem aktuellen Album „The And“ auch keine Antwort, aber diese Textpassage aus ihrem hervorragenden Song „Lipograms“ mag ein wenig veranschaulichen, wie diese Franzosen ticken.
Hinter dem Pseudonym Angil verbirgt sich Mickaël Mottet aus St. Etienne, und The Hiddentracks sind ein Musiker-Kollektiv mit einer interessanten Mischung aus Holz-und Blechbläsern, hinzu kommen Drums, Keyboards, Violine und ein Kontrabass. Im Jahr 2007 hatte die Band ihr Album „Oulipo Saliva“ auf dem kleinen französischen Label mit dem selbstbewussten Namen „We Are Unique!“-Records veröffentlicht. Als es dann Ende 2008 vom schottischen Label “Chemikal Underground“ in einem etwas größeren Rahmen herausgebracht wurde, erlangte „Oulipo Saliva“ auch bei uns einige Aufmerksamkeit, und zwar nicht nur, weil die Musik ohne E-Dur-Akkorde auskommen musste, sondern auch wegen der weitgehenden Abwesenheit des Buchstaben „E“, der selbst im Bandnamen fehlte (Angil + Hiddntracks).
Das „E“ ist inzwischen zurück, an der verdienten Aufmerksamkeit mangelt es jedoch leider noch ein wenig, ist „The And“ doch wieder „nur“ auf „We Are Unique!“-Records erschienen. Dabei ist das „Und“ auf dem neuen Album Programm, denn neun der elf Songs sind Duette. Mickaël Mottet, der übrigens ein angenehm unfranzösiches Englisch singt, wird dabei unter anderem von Label-Kollegin Raymonde Howard (bürgerlich Lætitia Fournier), Jim Putnam (Radar Bros), Lætitia Sadier (Stereolab) und Emma Pollock (ehemals bei den Delgados) begleitet.
So gelingt auf „The And“ mit einer Mischung aus Pop und Jazz das Kunststück eines abwechslungsreichen und dennoch homogenen Albums mit einem zwischen Spannung und entspannung pendelnden Charakter. Die Duette werden den Gästen dabei durchaus gerecht. „Kira #2“ mit Lætitia Sadier könnte ein Stereolab-Song sein (allerdings ohne Elektronik), das mit einem Zitat aus Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm „Sunrise“ (1927) beginnende „Sail Home“ würde auch auf einem Album der Radar Bros eine gute Figur machen, denn Jim Putnam singt selbstverständlich in seiner sanften, lakonisch-entspannten Art. Lediglich das weitgehend poppig-melancholische „Unbroken Hearts“ würde sich in dieser Form womöglich nicht auf einem Emma Pollock-Album wiederfinden, zumal die letzten zwei Minuten den Instrumenten gehören.
Der Reiz von „The And“ liegt eben in diesen Spannungsfeldern. Der Gesang von Mickaël Mottet und der belgischen Künstlerin Valérie Leclercq (alias Half Asleep) im Song „In The Attic“ ist Pop, der Beginn des Songs wirkt jedoch wie Kammermusik, die dann allerdings von einer bedrohlichen Bläserkulisse im Stil der längst nicht mehr bestehenden britischen Band Moonshake übertönt wird. Das deutlich lässigere „Thelma Or Louise?“, bei dem Mottet von der Französin Françoiz Breut begleitet wird, beginnt hingegen fast wie ein Kinderlied mit einem Metallophon, bevor der knarzige Kontrabass von Pauline Dupuy (die auf “Kira #1“ auch als Sängerin zu hören ist) einsetzt und sanft gespielte Bläser die entspannte Stimmung unterstreichen. Dass ausgerechnet in diesem Songtitel das „und“ einem „oder“ weichen musste, ist angesichts des Albumtitels ein nettes Detail.
Lediglich bei zwei Songs, nämlich dem von einer Art New Orleans-Jazz geprägten „Jackson Jr Redding“ – zu dem es ein hĂĽbsches Video gibt, in dem MickaĂ«l Mottet trotz zahlreicher Tötungsversuche einfach nicht totzukriegen ist – sowie dem siebeneinhalbminĂĽtigen „Finland & Platform“ verzichten Angil And The Hiddentracks auf Gäste. „Of all the things I know I pick the most unnecessary and forget about all others“ singt Mottet in Letzterem, aber das ist natĂĽrlich Koketterie, denn angesichts der ausgefeilten und detailverliebten Arrangements auf „The And“ hat diese Aussage nichts mit der Wirklichkeit zu tun.
Dies ist also das „Und“, und man kann natĂĽrlich versuchen, eines der besten Alben des bisherigen Jahres mit derart vielen Worten zu beschreiben, oder aber man bringt es – wie eine Freundin von ByteFM – auf den Punkt: „ein eindringlich-entspannt-hymnisch-hypnotisches Jazz-Hop-Punk-Pop-Singer-Songwriter Album-Album“. TouchĂ©!
Serena-Maneesh – “No 2: Abyss In B Minor”
08.04.2010 von Hermann Nanno Becker
Serena Maneesh – “No 2: Abyss In B Minor”
VĂ–: 26.03.2010
Web: www.myspace.com/serenamaneesh
Label: 4AD
Kaufen:

Vorfreude – in diesem Fall ausgelöst von einigen Soundclips – kann manchmal auch zum Problem werden, und zwar wenn das Ergebnis zunächst nicht so klingt, wie man es sich vorgestellt hat. Ă„hm… was stört denn hier? Sind es die zwischen einzelnen Songs platzierten Soundspielereien, deren Zweck sich nicht so wirklich erschlieĂźen will? Ist es die Pseudo-Rock-AttitĂĽde, die den fĂĽnften und den sechsten Song durchweht? Andererseits gibt es hier doch groĂźartige Pop-Momente, zwar eingebettet in Lärm, aber immerhin. Und dann ist da auch noch dieses wunderbare Vibraphon gegen Ende des letzten Songs… – das hier kann nicht falsch sein!
Ist es ja auch nicht, aber manchmal dauert es eben etwas länger, bis das Fünf-Cent-Stück fällt.
Der (gedachte) My Bloody Valentine-Gedächtnispreis-Wanderpokal geht ‘mal wieder auf Reisen, diesmal von Daffodil Hill/Kalifornien, wo ihn die Band Fleeting Joys fĂĽr ihr Album „Occult Radiance“ (2009) aufbewahren durfte, in die Hauptstadt Norwegens – also nach Oslo zu Serena-Maneesh fĂĽr ihr aktuelles Album „No 2: Abyss in B Minor“. Der Titel deutet es schon an – das hier ist das zweite „richtige“ Album des Musiker-Kollektivs um Emil Nikolaisen. Vom durchaus anstrengenden selbst betitelten DebĂĽt-Album aus dem Jahr 2006 dĂĽrfte vielleicht noch am ehesten „Drain Cosmetics“ in Erinnerung sein, zudem gab es im Jahr 2008 mit „S-M Backwards“ eine Doppel-CD mit Songs aus der frĂĽhen Schaffensphase der Norweger.
Mit „Abyss In B Minor“ sind Serena-Maneesh nun beim renommierten Label 4AD angekommen. Dessen Pressetext zufolge fanden die Aufnahmen fĂĽr das Album in einer Höhle am Rande Oslos statt; Studioumgebungen gehen dem Emil nämlich angeblich auf den Wecker. Unklar ist, ob Emil Nikolaisen tatsächlich alle der mehr als zwanzig Musiker, die an der Entstehung von „Abyss In B Minor“ beteiligt waren, in die Höhle geschleppt hat – das Ergebnis jedoch ist beeindruckend.
Der furiose Opener „Ayisha Abyss“ rauscht sich zunächst eine Minute lang in das Album hinein, nimmt dann Fahrt auf, ist zumindest für die nächsten knapp sechs Minuten nicht zu stoppen und scheint dabei einige der Höhlengänge zu durchwandern. Emil Nikolaisen lässt sich zu elektronisch verfremdeten Gemurmel hinreißen, und am Ende schlägt niemand geringerer als Sufjan Stevens ein paar Klaviertasten an.
Danach tritt Sängerin Lina Wallinder, deren Stimme das Album nachhaltig prägt, erstmals in Erscheinung. Ihr gehören die groĂźen Pop-Momente, und das knackig-kurze, treibende „I Want To See Your Face“ ist ein solcher. „Reprobate!“ erscheint nicht weniger dringlich, und wieder bildet der sanfte Gesang Wallinders das ausgleichende Element in dieser tour de force. Das wunderschöne „Melody For Jaana“ ist ganz nah an MBV und gibt Gelegenheit zum Inne halten – so lieblich kann ein dröhnendes Soundgebilde klingen.
„Blow Yr Brains in The Morning Rain“ hört sich ein wenig so an wie sein Titel. Die hier zur Schau gestellte Rock-AttitĂĽde ist eben genau nur das: zur Schau gestellt; sie ist zum GlĂĽck nicht ernst gemeint und damit auch nicht weiter schädlich. Mit dem dröhnenden „Honeyjinx“ ziehen sich Serena-Maneesh dann noch einmal tief in die Höhle zurĂĽck, bevor wieder einer dieser unwiderstehlichen Pop-Augenblicke folgt. Nikolaisen kombiniert Lina Wallinders eingängige Sangesmelodie und Sufjan Stevens Flötenspiel mit verquaster Elektronik, und damit klingt „D.I.W.S.W.T.T.D“ in etwa wie Stereolab (auf Speed). Mit dem lässigen „Magdalena (Symphony #8)“ beweist Emil Nicolaisen nochmals seine Fähigkeien als Songwriter. Sufjan Stevens bläst wiederum die Flöte und – viel wichtiger – spielt das wunderbare Vibraphon, das unweigerlich fĂĽr eine Gänsehaut sorgt.
Irgendwie ist es kein Wunder, dass Kevin Shields uns kein neues Album schenkt, wenn es zumindest gelegentlich derart guten Ersatz gibt. Die MBV-Referenzen sollten dabei nicht falsch verstanden werden; dieses Album von Serena-Maneesh steht durchaus für sich selbst. Man sollte sich zudem nicht immer auf seine anfänglichen Zweifel verlassen. Auch wenn es noch viel zu früh ist, dieses Wort überhaupt in den Mund zu nehmen, aber „Abyss In B Minor“ ist etwas für die vorderen Plätze der Jahresbestenliste. So also klingt ein „Abgrund in h-Moll“? Großartig!
Sam Amidon – “I See The Sign”
02.04.2010 von Hermann Nanno Becker
Sam Amidon – “I See The Sign”
VĂ–: 05.03.2010
Web: www.myspace.com/samamidon
Label: Bedroom Community
Kaufen: 

Es ist sicherlich nur Zufall, dass das neue Album „I See The Sign“ von Sam Amidon beinahe zeitgleich mit dem aktuellen Album von Will Oldham (Bonnie ‘Prince’ Billy & The Cairo Gang – „The Wonder Show Of The World“) erscheint. Man kann aber durchaus eine Querverbindung ziehen: Oldhams bisher schönstes Album, „The Letting Go“ aus dem Jahr 2006, wurde wie „I See The Sign“ in den Greenhouse Studios in Island aufgenommen, und einige der seinerzeit beteiligten Musiker/innen finden sich auch auf Sam Amidons Album wieder, allen voran der US-Amerikaner Nico Muhly und der Isländer Valgeir Sigurðsson. Es ist zu vermuten, dass das neue Album von Will Oldham ob dessen Bekanntheit mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Wer jedoch das interessantere – und schönere – Album hören möchte, kommt an „I See The Sign“ von Sam Amidon nicht vorbei (aber so etwas ist natĂĽrlich auch immer ein Frage des persönlichen Geschmacks).
„I See The Sign“ wird von einem kleinen isländischen Label mit dem hübschen Namen Bedroom Community veröffentlicht. Gegründet wurde die „Schlafzimmergemeinschaft“ in 2006 von Nico Muhly, Valgeir Sigurðsson und dem Australier Ben Frost. Trotz unterschiedlicher eigener musikalischer Arbeiten scheint die Gemeinschaft gut zu funktionieren, denn die drei Herren hatten Sam Amidon bereits bei seinem im Herbst 2007 erschienenen dritten Solo-Album „All Is Well“ unterstützt. Wie dieses Album wurde auch „I See The Sign“ von Sigurðsson produziert und ist erneut im wesentlichen eine Sammlung von Folk-Traditionals, die von Amidon bearbeitet wurden. Der 28-jährige, in Vermont aufgewachsen und mittlerweile in New York zu Hause, ist der Sohn der Folk-Musiker Peter und Mary Alice Amidon, und deren musikalischer Einfluss schlägt sich auch auf „I See The Sign“ nieder. In den Bemerkungen zu seinem Album bedankt sich Sam Amidon unter anderem bei seinen Eltern, dass sie ihm einige der Songs vorgesungen haben, als er noch ein Kind war.
Es ist schon so eine Art Markenzeichen, dass Sam Amidon sich solcher Traditionals annimmt, um sie auf eigene Weise zu interpretieren. Auf „I See The Sign“ gelingt dies wunderbar klischeefrei. Hierzu trägt einerseits die opulente Instrumentierung mit Streichern sowie Blech- und Holzbläsern bei – von Nico Muhly arrangiert und von neun isländischen Musikerinnen und Musikern gespielt, andererseits aber eben auch Valgeir Sigurðssons wohltuend unaufdringliche Produktion, die die Intimität der Songs und ihren Folk-Charakter bewahrt. Auf charmante Weise liegt Amidons bisweilen leicht brĂĽchiger Gesang gefĂĽhlt manchmal etwas neben dem Ton, aber dem TitelstĂĽck des Albums – eines der Highlights – verleiht dies einen ungeheuren Reiz und sogar einen vorsichtig jazzigen Einschlag.
Neben den bereits genannten Musikern haben Multi-Instrumentalist Shahzad Ismaily, ein US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, der bereits mit unzähligen Musikern von A bis Z (nämlich von Laurie Anderson bis John Zorn) zusammen gearbeitet hat, sowie die englische Sängerin und Songwriterin Beth Orton wesentlich zum Gelingen von „I See The Sign“ beigetragen. „Way Go Lily“, „You Better Mind“ sowie „Johanna The Row-di“ zählen auch deshalb zu den weiteren Highlights von „I See The Sign“, weil Beth Orton auf ihnen zu hören ist. Dies gilt nicht ganz für „Relief“, einer Cover-Version eines R. Kelly-Songs. Zwar beweist Sam Amidon, wie gefällig ein Song sein kann, mit dem man bisher (im Original) gar nichts anzufangen wusste, aber die Tatsache, dass dies ein eher schwächerer Song auf dem Album ist, scheint eben der Ausgangsbasis geschuldet.
Mit seinen sensiblen Interpretationen „alter“ Folk-Songs jedoch beweist Sam Amidon auf „I See The Sign“, wie modern diese anno 2010 klingen können, ohne dass man sie ihrer traditionellen Basis beraubt, und liefert uns so ein angenehm melancholisches Wohlfühl-Album.
Picastro – “Become Secret”
24.02.2010 von Hermann Nanno Becker
Picastro – “Become Secret”
VĂ–: 05.03.2010
Web: www.myspace.com/picastro
Label: Monotreme Records
Kaufen:

Ach, immer diese kleinen Kulturschocks. Wo – bitteschön – ist denn das von vorherigen Veröffentlichungen bekannte (und geliebte) schleppende und schepppernde Schlagzeug? Aber mit einem solch profanen Ansatz darf man der Musik von Picastro gar nicht begegnen. Dank Monotreme Records bekommen wir in Europa jetzt offiziell Zugang zu „Become Secret“, dem seit 2002 vierten Album des losen Musiker-Kollektivs um Sängerin, Gitarristin und Cellistin Liz Hysen aus Toronto. In Kanada ist „Become Secret“ auf Vinyl bereits im September 2009 bei Blocks Recording Club erschienen, einer sehr kleinen, von KĂĽnstlern in Eigenregie betriebenen Plattenfirma, deren Mitarbeiter „ehrenamtlich“ – also ohne Bezahlung – tätig sind. Erhebliche finanzielle UnterstĂĽtzung hat Blocks Recording Club beispielsweise von Owen Pallett erhalten, der einst auch vorĂĽbergehend Mitglied bei Picastro war.
Viele KĂĽnstler und Bands erleben in ihrer musikalischen Entwicklung einen Konsoldierungsprozess, Ecken und Kanten werden – womöglich unbewusst – im Laufe der Zeit abgeschliffen. In der RĂĽckschau wird deutlich, dass dies bei Picastro nicht zutrifft, scheinen sie doch mit jedem Album „unbequemer“ zu werden. Als das DebĂĽt „Red Your Blues“ veröffentlicht wurde (2002 auf dem amerikanischen Pehr Label, 2004 dann auch bei Monotreme) war kaum zu ahnen, dass es – bis dato – das am „leichtesten“ zugängliche Picastro-Album sein wĂĽrde. Aus heutiger Sicht erscheint es gar nicht mehr so windschief und träge wie seinerzeit. Die Faszination ist dennoch ungebrochen – dank dunkler Gitarrenklänge, sperriger Streicher, schräger Klavierklänge, spannender Perkussion und des verstörenden Gesangs von Liz Hysen. Auf „Metal Cares“ (2005, Polyvinyl Records) und „Whore Luck“ (2007, ebenfalls Polyvinyl) bauten Picastro ihre Stärken aus, aber auch kurze Kuriositäten in Form knarzender Instrumentals oder demo-artiger Songs ein. Drei Alben, fĂĽr die Ewigkeit gemacht, nicht zuletzt auch wegen der Pop-AttitĂĽde, dies es eben doch auf ihnen gibt.
Mit „Become Secret“ sind Picastro nun bei der Kammermusik angekommen, die ihnen in der Vergangenheit irrigerweise häufig nachgesagt wurde. Mangels Schlagzeug fehlt eines der wesentlichen Elemente des bisherigen Sounds. Entgegen einem in vielen gesellschaftlichen Bereichen weit verbreiteten Irrglauben ist „anders“ jedoch nicht notwendigerweise auch automatisch „besser“, sondern oft eben nur „anders“. Aber hier macht „anders“ durchaus Sinn, denn um die Qualitäten von „Become Secret“ zu begreifen, muss der eingefleischte Fan (ohne zu zögern hebt der Rezensent die Hand) die Gedanken an die drei Vorgänger-Alben vorĂĽbergehend verdrängen. Deren kämpferische Melancholie weicht auf „Become Secret“ nämlich nun endgĂĽltig Schwermut und Selbstaufgabe, auch wenn gelegentlich ein vergebliches Aufbegehren spĂĽrbar wird. Die Sparsamkeit der Arrangements von Stimme, Cello, Klavier, Gitarren und einzelnen elektronischen Klängen verhindert deren Sperrigkeit nicht. Die Tasten des Klaviers werden durchweg hart, ja beinahe unerbittlich angeschlagen, die Klänge des Cellos erscheinen häufig spröde und bedrohlich, Liz Hysens verschwommener Gesang schwankt zwischen Wehmut und Resignation. Der Umgang mit Worten erfolgt sparsam, sie wirken – so sie denn zu verstehen sind – dafĂĽr umso bitterer. So entsteht auf „Become Secret“ bisweilen eine ausgesprochen unbehagliche Intimität. Da passt es förmlich „ins Bild“, dass eine der typisch grausamen Zeichnungen des tschechischen KĂĽnstlers Josef Bolf das Album-Cover ziert.
Selbst wenn ein Schlagzeug hier und da Entlastung hätte bringen können, es wäre fehl am Platz gewesen. Es mag schwer fallen, „Become Secret“ auf Anhieb zu mögen. Mit jedem weiteren Hören wird jedoch allmählich klar, dass auch dieses Album für die Ewigkeit gemacht sein könnte, denn tatsächlich ist es eine ebenso beklemmende wie bedrückende Kostbarkeit.
Fionn Regan – “The Shadow Of An Empire”
19.02.2010 von Hermann Nanno Becker
Fionn Regan – “The Shadow Of An Empire”
VĂ–: 19.02.2010
Web: www.myspace.com/fionnregan
Label: Cooperative Music
Kaufen:

„And now for something completely different.“ Dieser, aus den Episoden von Monty Python’s Flying Circus berĂĽhmte Satz, verband das „Hinterher“ mit dem „Vorher“ insbesondere dann, wenn diese beiden eigentlich nichts miteinander verband. Im Falle des irischen Musikers Fionn Regan ist das „Vorher“ sein in 2006 erschienenes DebĂĽt-Album „The End Of History“ – ruhig erzählte Balladen, mit akustischer Gitarre und sanfter Stimme dargebracht. „The End Of History“ hat die letzten dreieinhalb Jahre sehr gut ĂĽberstanden, klingt beim aktuellen Hördurchgang fast noch besser und ĂĽberzeugender als seinerzeit bei Veröffentlichung.
Kommen wir jetzt zu etwas völlig anderem. „I have a violent demeanour“ singt Fionn Regan, und man mag es in Kenntnis von „The End Of History“ kaum glauben – „I have a violent demeanour. So tie me to a chair ’til it’s out of my system, ’til it’s out of my system.“ Vielleicht hat sich etwas aufgestaut, vielleicht musste es tatsächlich ‘mal heraus. Fionn Regan hat jedenfalls den Stöpsel eingestöpselt, nicht nur seine Gitarre elektrifiziert, sondern irgendwie auch seine Stimme, denn die Sanftheit ist einer leichten Aggressivität und Dringlichkeit gewichen.
„The Shadow Of An Empire“ heißt das „Hinterher“ im Falle Fionn Regans, und zweite Alben gelten ja allgemeinhin als etwas schwierig. Die Schwierigkeiten bestanden für den 28-jährigen Iren aber hauptsächlich darin, dass die amerikanische Plattenfirma Lost Highway Records mit den Aufnahmen zu diesem Album nicht zufrieden war. Es wurde „angeregt“, Regan solle doch etwas aufnehmen, das geeigneter sei für den Markt, in dem Lost Highway Records operiere. Man trennte sich, doch der Ire musste auf die bereits gemachten Aufnahmen verzichten.
Fionn Regan begann von vorn und nahm das Album – diesmal ohne Beeinflussung von auĂźen – mehr oder weniger unter Live-Bedingungen auf. Das nun auf dem englischen Label Heavenly Recordings veröffentlichte Ergebnis wirkt daher ziemlich unmittelbar. Regan paart seinen Folk mit einer Art Rockabilly, aber „Folkabilly“ wird trotzdem nicht daraus. Dies könnten gewöhnliche Rocksongs sein, die Songwriter-Qualitäten des Iren machen jedoch mehr daraus, verpassen den Songs Haken und Ă–sen. Da stört dann selbst die klischeehafte, dylan’esque Mundharmonika in „Little Nancy“ nicht weiter, weil der Song selbst gar nicht klischeehaft, sondern eher nachdenklich wirkt – und bei Anklängen an Bob Dylan oder gar Johnny Cash fragt man sich, welches Problem Lost Highway Records eigentlich hatte.
Vielleicht liegt es daran, dass „The Shadow Of An Empire“ eben nur vordergründig rockig ist; Regans nachdenklicher Folk ist unterschwellig vorhanden und tritt auf manchen Songs, insbesondere aber auf „Lines Written In Winter“ dann doch offen zutage. Und vielleicht sind es die Texte, die hier und da durchaus persönlich, häufig aber auch ironisch und sarkastisch sind. „You talk to Jesus in a photo booth. He wants your bank details, date of birth, confess the truth.“, heißt es beispielsweise in „Violent Demeanour“.
Man mag bedauern, dass es hier kein „Snowy Atlas Mountains“ oder „Noah (Ghost In A Sheet)“ gibt, aber dafĂĽr bekommt man eben „Violent Demeanour“, „Coat Hook“ oder auch „Lord Help My Poor Soul“. Die beiden Alben „The End Of History“ und „The Shadow Of An Empire“ nehmen einander nichts weg. Sie können mit all ihren Qualitäten wunderbar nebeneinander existieren, denn trotz aller Unterschiedlichkeit tragen beide Fionn Regans eindeutige Handschrift. Und so entpuppt sich „The Shadow Of An Empire“ in dieser Form als unerwartetes VergnĂĽgen. Das schwierige zweite Album? FĂĽr Fionn Regan offenbar doch kein so groĂźes Problem. „And now…“
Efterklang – “Magic Chairs”
18.02.2010 von Hermann Nanno Becker
Efterklang – “Magic Chairs”
VĂ–: 19.02.2010
Web: www.myspace.com/efterklang
Label: 4AD
Kaufen:

Als Efterklang im Herbst des letzten Jahres – also nur vier Monate vor dem Erscheinen von „Magic Chairs“ – ihr Album „Performing Parades“ veröffentlichten, sollte vielleicht ein Kapitel zum Abschluss gebracht werden. Dieses aus einer Live-Aufnahme bestehende Album ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem Dänischen Nationalen Kammerorchester. Im September 2008 hatten Efterklang zusammen mit dem Orchester ihr in 2007 erschienenes zweites Album „Parades“ – an dessen Entstehung ĂĽber einen Zeitraum von mehr als 18 Monaten bereits etwa dreiĂźig Gastmusiker beteiligt waren – mit noch mehr Personal komplett aufgefĂĽhrt und somit wohl die orchestralen Möglichkeiten ihres Sounds und ihrer Songs endgĂĽltig ausgelotet. Und während Efterklang in Skandinavien unverändert auf ihrem eigenen Label Rumraket veröffentlichen, war „Performing Parades“ der letzte Release der Band auf dem Leaf Label, das bisher den Rest der Welt versorgte.
Diese Aufgabe erledigt nun das renommierte Label 4AD, und mit ihrem dritten regulären Album „Magic Chairs“ wenden sich Efterklang dem Pop zu. Es handelt sich selbstverständlich nicht um Pop im Sinne von Charts-Tauglichkeit, sondern im Sinne kompakterer Song-Strukturen und der Schaffung von Transparenz im Rahmen des eigenen Sounds. Hierfür steht bereits der vergleichsweise kurze und geradlinige Aufnahme-Prozess. Im Kern besteht die Band aus Kopenhagen nämlich lediglich aus Mads Brauer, Casper Clausen, Thomas Husmer und Rasmus Stolberg. Für die Aufnahmen kamen zudem einige befreundete Musiker aus dem Live-Line Up hinzu, unter anderem auch Peter Broderick und seine Schwester Heather. So unterscheidet sich „Magic Chairs“ deutlich von seinen beiden Vorgängern. Den elektronischen Elementen von „Tripper“ (2004) und dem orchestralen Sound von „Parades“ setzt „Magic Chairs“ organische und luftige Klänge entgegen. Die Instrumentierung mit Piano, Streichern, Flöten und Blechbläsern ist zwar nach wie vor opulent, aber diese Elemente werden jeweils behutsam in den Verlauf der einzelnen Songs eingebracht. So offenbart sich ein liebevolles Songwriting, denn die meisten Songs auf „Magic Chairs“ beginnen sparsam und sehr intim, aber nach und nach wird dann doch ein leicht orchestraler Sound entwickelt. All dies geschieht jedoch angenehm zurückhaltend und unaufdringlich.
Faszinierend ist, dass Efterklang mit „Tripper“, „Parades“ und „Magic Chairs“ auf hohem Niveau zwar drei völlig unterschiedliche Alben, aber dennoch einen eigenständigen und erkennbaren Sound produziert haben. Da macht es gar nichts, dass beim Hören von „Magic Chairs“ weit entfernt am Horizont gelegentlich die Namen Broken Social Scene und Slaraffenland aufblinken. Mit ihren Landsleuten von Slaraffenland verbindet Efterklang ohnehin eine Nähe, die nicht erst seit einem gemeinsamen Konzert unter dem Namen Slaraffenklang besteht. Die Musik von Slaraffenland wird in Skandinavien nämlich ebenfalls von Efterklangs Rumraket Label veröffentlicht. Zudem wird mit „Magic Chairs“ eine Parallele zu Slaraffenlands in 2009 erschienenem dritten – von der Welt leider nahezu unbemerkten – Album „We’re On Your Side“ deutlich, denn auch dort gab es im Gegensatz zu deren frĂĽheren experimentellen Klängen quasi eine Hinwendung zum Pop in dem oben beschriebenen Sinn.
Das Auge hört mit, und so achten Efterklang darauf, dass ihre Veröffentlichungen auch optisch ĂĽberzeugen können. Die kĂĽnstlerische Gestaltung von HĂĽlle und CD lag wieder in den Händen von Hvass & Hannibal, und die haben ganze Arbeit geleistet. Das Album-Cover zeigt das Thorvaldsens Museum in Kopenhagen. In dem abgebildeten Innenhof hat der dänische Bildhauer Berthel Thorvaldsen (1770 – 1844) seine letzte Ruhestätte gefunden. Was jedoch wie eine ausschlieĂźlich computer-generierte Grafik erscheint, hat seine Basis tatsächlich in Aufnahmen des Fotografen Brian Buchard (www.brianbuchard.dk). Bei dem Fototermin haben etwa zwanzig Leute in dem Innenhof des Museums eigens fĂĽr diesen Zweck genähte und eingefärbte Bänder durch die Luft gewirbelt. Dass der Boden des Innenhofs auf dem Cover wie Marmor erscheint, ist dem Zufall zu verdanken, dass die Fotoaufnahmen an einem regnerischen Tag stattgefunden haben.
So hält das Jahr 2010 mit „Magic Chairs“ und seinen zehn wundervollen, detailverliebten Pop-Perlen das nächste hervorragende Album bereit, dessen Highlight jedoch ausgerechnet das eher untypische „Raincoats“ ist. Zu Beginn des Songs wähnt man sich zwar beinahe bei den Les Humphries Singers, aber „Raincoats“ ist unverschämt catchy und cool. In die elektrische Gitarre und den Bass kann man sich einfach nur verlieben, und dazu gibt es dann noch Gesangslinien, die geradezu zum Mitsingen und -summen auffordern – was will man eigentlich mehr?!
Christy & Emily “No Rest”
06.02.2010 von Michael Hager
VĂ–: 05.02.2010
Web: http://www.myspace.com/christyandemily
Label: klangbad
Kaufen: 


Das Cover von „No Rest“ zeigt in gewisser Weise eine Auferstehung der Toten. Eine, wie man sie beispielsweise in Michael Jacksons Thriller-Video sieht. Nun sehen Christy & Emily nicht aus wie untot. In dieser unserer Welt scheinen sie sich aber nicht zu befinden: Aus einem Dickicht von schwarzem Haar erheben sich verschwommen die Gesichter der beiden Musikerinnen. Vier Augen blicken erwartungsvoll zum Licht. Was begehren diese geisterhaften Gestalten? Welche Sehnsucht treibt sie fort aus der Dunkelheit und zurück in die Welt? Dort, wo sie sich eben noch befanden, möchten sie nicht bleiben, das verrät schon der Titel.
„Auf in die Natur!“, sagt zumindest die Musik. Es geht um Sonne und Licht, Sturm und Rauch, Tag und Nacht. Wäre „No Rest“ nicht Musik, sondern ein Ort, es handelte sich wahrscheinlich um einen Wald. Die zehn Stücke des Albums fließen langsam und ruhig dahin. Ihnen haftet dabei etwas Beschwörendes, fast Meditatives an. Nur sehr sparsam setzen Emily Edwards (Gitarre) und Christy Manzo (Wurlitzer/Piano) ihre Instrumente ein. Schlagzeug nur für die Atmosphäre und viel Platz für den betont unaufgeregten Gesang.
Folk mit einem Hang zur Avantgarde. Besonders schön klingt das im hypnotischen „Cave“, das mit archaischem Opfer-Trommeln den Schatten eines Liebesliedes an die Höhlenwand wirft. Gelungen ist auch die Coverversion von Tom Brosseaus „Here Comes The Water Now“ gegen Ende des Albums. Hier kommt das Wasser, das die latent präsente Schwere aus dem Album wäscht. Eine gelungene Wahl auch deshalb, weil sich „Here Comes the Water Now“ nahtlos in die Natur-Metaphorik und Eigenbrötler-Ă„sthetik der anderen StĂĽcke einfĂĽgt: die Erd-Assoziationen, die das Cover hervorruft, der sanfte Fluss der Musik, die unaufgeregte Dramatik und die Beschäftigung mit den Elementen in den Texten. Christy & Emily inszenieren sich hier als Geisterbeschwörer – als Zwischenweltler. Wenn Esoterik so klingt, dann Bitte.
„No Rest“, das dritte Album der beiden Musikerinnen aus Brooklyn, erscheint bei klangbad, das damit wieder einmal seinen Geschmack für das Besondere unterstreicht. Der avantgardistische Anspruch, den diese Musik erhebt, dürfte aber weniger auf die Krautrock-Vergangenheit des Produzenten Hans Joachim Irmler als auf Emily Manzos Interesse an John Cage zurückzuführen sein.
Christy & Emily live im Februar – präsentiert von ByteFM
07.02.2010 Riedlingen – Lichtspielhaus
09.02.2010 Wien (A) – Rhiz
10.02.2010 Reutlingen – Franz K
11.02.2010 ZĂĽrich (CH) – La Catrina
Alle weiteren Termine hier.
Owen Pallett – “Heartland”
18.01.2010 von Hermann Nanno Becker
Ich gebe zu, mit Computerspielen kenne ich mich nicht besonders aus. Für mich ist Final Fantasy das musikalische Projekt des Kanadiers Owen Pallett. Die gleichnamige Computerspiel-Serie mit über zwanzigjähriger Geschichte, nach der Pallett sein Projekt tatsächlich benannt hatte, war mir dagegen völlig unbekannt. Wegen dieser sah Owen Pallett sich aber nun im Einvernehmen mit deren Hersteller gezwungen, den Namen Final Fantasy nicht mehr zu verwenden. Die Pressemeldung der Plattenfirma hieß dementsprechend „Namensänderung von Final Fantasy in Owen Pallett“.
Und sonst ändert sich nix? Doch, denn zum ersten Mal hat Owen Pallett – einst vorĂĽbergehend Mitglied bei Arcade Fire und bei Picastro – fĂĽr eines seiner Alben mit einem Symphonieorchester gearbeitet. FĂĽr den Violinisten (eigentlich Multi-Instrumentalisten) und studierten Komponisten, der in der Vergangenheit schon Streicher fĂĽr so unterschiedliche Bands wie The Hidden Cameras, The Last Shadow Puppets oder die Pet Shop Boys arrangiert hat, ist eine solche Zusammenarbeit zwar grundsätzlich nicht neu. Auf seinen eigenen Alben („Has A Good Home“, 2005 und „He Poos Clouds“, 2006) arbeitete er bisher aber mit eher wenig Personal, und bei Live-Konzerten trat er oft gar nur mit einer Loop-Station auf.
Auf „Heartland“ kommt nun also das Tschechische Symphonieorchester ins Spiel. Zwar wohnte Owen Palletts bisherigen Alben bereits eine orchestrale Vision inne, aber ich habe den Eindruck, dass er dieser Vision durch den Einsatz eines Orchesters nun auch tatsächlich gerecht wird. Die Stücke sind laut Pallett immer noch so geschrieben, dass sie auch Solo mit Loops funktionieren sollen, aber die auf „Heartland“ erzielte Klangfülle tut den Songs gut. Dennoch geht nur wenig von der Intimität der vorherigen Veröffentlichungen verloren. „Midnight Directives“ und „Keep The Dog Quiet“ treffen gleich zu Beginn des Albums den richtigen Ton. Trotz der Möglichkeiten, die der Einsatz eines Orchesters bietet, ist Owen Pallett geschickt genug, sich nur selten zu Übertreibungen („Flare Gun“) hinreißen zu lassen. Bei der durchaus vorhandenen Melodramatik entpuppt es sich zudem als Vorteil, dass Pallett stimmlich nicht entsprechend nachlegt, sondern angenehm ungekünstelt singt.
Ohne eventuell eine falsche Fährte legen zu wollen, fĂĽhle ich mich zwar nicht unmittelbar musikalisch, aber doch von der Stimmung her ein wenig an die orchestraleren Songs auf Sufjan Stevens Album „…Illinoise“ erinnert. Ă„hnlich wie dort liegt zudem auch „Heartland“ ein Konzept zu Grunde. Die zwölf Songs handeln von der fiktionalen Welt Spectrum, in der sich ein Farmer namens Lewis gegen die herrschende Kaste zur Wehr setzt und seinem Schöpfer Owen (ja, tatsächlich) gegenĂĽber tritt. Das Prinzip von Konzeptalben finde ich zwar ein wenig albern, aber wenn – wie bei „Heartland“ – die Musik im Vordergrund steht und dem Konzept nicht untergeordnet wird, ist es letztlich kein Problem.
Bei derart schönen Songs (von denen einige auch noch hĂĽbsche Titel tragen, beispielsweise „Oh Heartland, Up Yours!” oder „Tryst With Mephistopheles“) macht es also nicht nur aus rechtlichen GrĂĽnden Sinn, dass sie unter Owen Palletts eigenem Namen veröffentlicht werden. Bleibt jetzt nur noch zu hoffen, dass es nicht auch noch eine Computerspiel-Serie mit diesem Namen gibt…
Unheimlich coole Grooves
28.11.2009 von Hermann Nanno Becker
King Midas Sound – “Waiting For You”
VĂ–: 27.11.2009
Web: http://www.myspace.com/kingmidassound
Label: Hyperdub
Kaufen: 

In diesen trüben Tagen verlangt die Seele nach Bass, und davon gibt es reichlich auf dem Debütalbum „Waiting For You“ von King Midas Sound. Der Titel des Albums hätte treffender kaum sein können. Seit ich den Song „Surround Me“ auf der in 2007 erschienenen Compilation „Box Of Dub – Dub Step and Future Dub“ erstmals gehört habe, warte ich auf ein Album von King Midas Sound. Deren Musik gab es bisher nämlich nur häppchenweise in Form von 12-inches und Sampler-Beiträgen. Aber nun hat das Warten ein Ende.
King Midas Sound ist das Projekt des in London beheimateten Kevin Martin, der in den letzten knapp zwanzig Jahren verschiedenste musikalische Projekte initiiert hat. Irgendwo in meinen CD-Stapeln tummeln sich zumindest „The Anatomy Of Addiction“ (1994) von God und „Re-Entry“ (1995) von Techno-Animal. Zuletzt hat Martin unter dem Namen The Bug Platten veröffentlicht.
Bei King Midas Sound wird Kevin Martin von Roger Robinson, den man neudeutsch einen „spoken word artist“ nennen könnte, sowie der ebenfalls in London lebenden japanischen Künstlerin Kiki Hitomi von der Band Dokkebi Q unterstützt. Hitomi ist zudem auch für einen Teil des Booklet-Artwork verantwortlich. Bleibt noch zu erwähnen, dass „Waiting For You“ selbstverständlich auf dem Hyperdub-Label erscheint.
So unterschiedlich die musikalische Ausrichtung der diversen Projekte von Kevin Martin auch sein mag, eine klaustrophobische Grundstimmung ist ihnen gemein. Dies gilt auch für dieses Album. Mächtige Bässe und sphärische elektronische Klänge gehen eine durchaus düstere Verbindung ein, aber darüber schwebt als ausgleichendes Element der sanfte Sprechgesang Roger Robinsons.
„Cool Out“ – schon von einer 12-inch bekannt – sorgt mit seinen drögen Beats fĂĽr einen vertrauten Einstieg in das Album. Der Titelsong kommt dann noch etwas sparsamer, aber nicht minder „deep“ daher. „One Thing“ war bereits im wunderbaren Dabrye-Remix auf der „Cool Out“-12-inch zu hören, aber das Original ist noch besser und beeindruckt mit einem Mörder-Bass und einem unglaublich coolen Groove – ein Highlight dieses fantastischen Albums.
Nach „One Thing“ gibt es aber einen kleinen Stilbruch: „Earth A Kill Ya“, dessen Botschaft mir ein wenig simpel erscheint, ist beileibe kein schlechter Song, aber auf dem 2008er Album „London Zoo“ von The Bug hätte er eine bessere Heimat gefunden. GlĂĽcklicherweise gelangt das Album von King Midas Sound mit „Darlin’“ sofort wieder mit einer faszinierenden Mischung aus Stimme, Bass, Beat und Elektronik in die richtige Spur. Mit dem vom Hyperdub-Geburtstagssampler „Five Years Of Hyperdub“ bekannten „Meltdown“ und seiner herrlich klappernden Percussion befindet sich der Hörer ohnehin wieder auf vertrautem Territorium, ehe das nächste Highlight „I Man“ sich in die Ohren wummert (wunderbar, wie dieses Wummern bei der 3:20er-Marke wieder einsetzt) und mit der Nachbildung eines in Stolpern geratenen Herzschlags endet.
Auf den nicht geringer wummernden, aber viel zu kurz geratenen Song „Blue“ – eher ein instrumentales Zwischenspiel – folgen mit „Goodbye Girl“ und „Lost“ die vielleicht poppigsten Momente des Albums. Nach einem weiteren – diesmal vokalen – Zwischenspiel („Sometimes“) zieht das Tempo auf „Outtaspace“ dann ausnahmsweise an. Mit den treibenden Beats und dem Gesang von Kiki Hitomi wäre zwar auch dieser Song auf „London Zoo“ von The Bug gut aufgehoben gewesen, aber hier fĂĽgt er sich ebenfalls erstaunlich homogen ein. Mit „Miles & Miles“ endet das Album dann eher wieder zurĂĽckhaltend und nachdenklich.
Mit Ausnahme des kleinen Störfeuers in Form von „Earth A Kill Ya“ ist „Waiting For You“ also ein atmosphärisch ausgesprochen dichtes Album geworden, und von Kevin Martins verschiedenen Projekten der letzten zwei Jahrzehnte empfinde ich King Midas Sound als das Schlüssigste.
„Could this be the start of something?“ singt Roger Robinson in „One Thing“. Na, das will ich doch hoffen.











