Mick Harvey – „Four (Acts Of Love)“
22.04.2013 von Nils Rabe
VĂ–: 26. April 2013
Web: mickharvey.com
Label: Mute
Bereits der Vorgänger „Sketches From The Book Of The Dead“ war ein monumentales Konzeptalbum – ein intimes Werk, das sich mit den Themen Schmerz und Verlust auseinandersetzte. Harvey gelang das seltene KunststĂĽck, auf einfĂĽhlsame Art und Weise die langsam verblassenden Bilder verlorener Freunde festzuhalten. Nun erscheint via Mute sein sechstes Studioalbum „Four (Acts Of Love)“, eine Kontemplation ĂĽber die romantische Liebe – ihr Werden, ihr Bestehen und ihren Verlust.
Mick Harvey ist hierzulande vor allem durch seine ehemaligen Mitgliedschaften bei Crime And The City Solution und natĂĽrlich Nick Cave & The Bad Seeds bekannt. Mit ebenjenem Nick Cave spielte er bereits vor der GrĂĽndung der Bad Seeds in den 80er-Jahren bei der Band The Boys Next Door und deren Nachfolger The Birthday Party. Des Weiteren veröffentlichte er diverse Soundtracks fĂĽr australische Independent-Filme (u. a. „Chopper“, „Australian Rules“, „Suburban Mayhem“). JĂĽngst wurde PJ Harveys Album „Let England Shake“ mit dem Mercury Prize ausgezeichnet, bei dem Harvey Co-Produzent war. Im Zuge der Veröffentlichung von „Four“ tourte er im März durch Neuseeland. Darauf folgt im Mai ein Auftritt beim I’ll Be Your Mirror Festival in London, wo er Songs von Serge Gainsbourg in englischen Versionen performt. Man darf sich Mick Harvey also zurecht als vielbeschäftigten Menschen vorstellen.
Aufgenommen wurde die neue Platte in den Studios „Grace Lane“ und „Atlantis Sound“ in Melbourne und ist thematisch in drei Akte unterteilt – „Summertime In New York“ (I), „The Story Of Love“ (II) und „Wild Hearts Run Out Of Time“ (III). Neben eigenen Kompositionen enthält „Four“ aber auch einen Song von PJ Harvey, „Glorious“, und Interpretationen von The Saints’ „The Story Of Love“, Van Morrissons „The Way Young Lovers Do“, Exumas „Summertime In New York“ und Roy Orbisons „Wild Hearts (Run Out Of Time)“. Als musikalische Begleitung hat sich Mick Harvey mit Rosie Westbrook am Kontrabass und JP Shilo an Violine und Gitarre kongenial verstärkt. Das vorliegende Resultat sind intime Folk-Rock-StĂĽcke, die vom gedämpften und tiefen Gesang Harveys gefĂĽhrt werden. Mit wenigen Textzeilen schafft er es spielerisch, dass man den Geschichten in den Songs gefesselt lauscht. Hier besteht eine nicht zu leugnende Gemeinsamkeit mit Nick Cave, jedoch bietet Harvey einen anderen Ausblick: Statt Wut und Zynismus sind bei ihm eher Zärtlichkeit und Hoffnung zu finden. Fast vierzig Jahre an der Seite von Cave lassen sich eben nicht einfach wegwischen. Während sich der Altmeister frĂĽher gerne in fiktive Mordorgien gestĂĽrzt hat, wählt sein ehemaliger Gitarrist den persönlichen Zugang.
Im Mittelpunkt des Albums stehen geschmackvoll zusammengestellte Gitarren- und Klavierkompositionen, wie etwa beim Opener „Praise The Earth (Wheels Of Amber And Gold)“ oder bei „I Wish That I Were Stone“ und dem abschlieĂźenden „Praise The Earth (An Ephemeral Play)“. In durchdachter Regelmäßigkeit werden diese StĂĽcke durch ruhige, dĂĽstere Arrangements unterbrochen, die den nächsten Akt einleiten oder beschlieĂźen. Das bedrohliche „Where There’s Smoke (Before)“, das betörende „The Way Young Lovers Do“, das akustische Kleinod „A Drop, An Ocean“ oder die jazzigen „Where There’s Smoke (After)“ und „Midnight On The Ramparts“ – minimalistisch inszeniert, aber dennoch existenziell stark aufgeladen. Harvey besitzt hierbei eine tiefe, vibrierende, angenehm unaufgeregte Stimme, die sich wie ein roter Faden durch die emotionalen Höhen und Tiefen der vierzehn Songs zieht. Man bekommt das GefĂĽhl, dass am Anfang die Poesie oder auch die Geschichte steht, und sich erst dann langsam die Musik darum herum entwickelt.
„Four (Acts Of Love)“ ist ein konzentriertes und geistiges Sichversenken in die Komplexität der Liebe, das auf ganzer Länge wegen der permanenten BrĂĽche nicht immer harmonisch klingt, dennoch im Kontext eines Konzeptalbums hervorragend funktioniert. Zudem ist es ein weiterer Beweis fĂĽr Harveys vorsichtige Bescheidenheit und selbstsichere Ehrlichkeit.
Das ByteFM Album der Woche.
In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir täglich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.
Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Mick Harvey“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.
Label: Mute | Kaufen
Neue Platten: Friedman & Liebezeit – „Secret Rhythms 5″
18.04.2013 von Christoph BĂĽscher
Friedman & Liebezeit – „Secret Rhythms 5″ (Nonplace)
8,0
„Secret Rhythms“, die gemeinsame Veröffentlichungsreihe von Burnt Friedman und dem Ex-Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit, verspricht Geheimnisse. Doch eigentlich spielt das Duo auf seinem fĂĽnften Album ganz mit offenen Karten. Es geht ums Trommeln, so schlicht und doch so unglaublich vielfältig.
Friedman & Liebezeit erkunden in dieser Konstellation bereits seit ĂĽber zwölf Jahren die Möglichkeiten von Rhythmen und Sound jenseits der Konventionen von Jazz oder Pop. Die acht instrumentalen StĂĽcke ihres aktuellen Albums sind wahrscheinlich einfach nach Tempo und Taktart betitelt (z. B. „130-11″, „125-05″ oder „124-09″). So schnörkellos diese Titel scheinen, so exotisch ist doch die Klangwelt. Die Zahlenkombinationen dieser Trackliste legen nahe, dass man einen schnöden 4/4-Marschrhythmus hier vergeblich suchen wird. Stattdessen wird die Musik – sehr ähnlich wie bereits auf den Vorgängeralben – von bewegten Rhythmen und komplexen metrische Strukturen bestimmt. Dem dabei eingesetzten Ethno-Instrumentarium (u. a. Dholak, Kalimba, Steel Pans, Zimbeln, Monochord) kommt neben den vielfältigen Trommel- und Percussion-Klängen die Hauptrolle zu. Klassische Melodieinstrumente wie Bass, Gitarre, Flöte und auch einige Synthesizersounds werden nur sparsam verwendet, und wenn sie auftauchen, dann vor allem, um als repetitive Schleifen die komplexen Beatstrukturen zusammenzuhalten.
Was sich zunächst stark nach verkopfter Frickelmusik für Freaks und Spezialisten anhört, entpuppt sich jedoch recht schnell als das genaue Gegenteil. Friedman & Liebezeit sind zwar ausgewiesene Virtuosen und Kenner ihres Fachs und beschäftigen sich auf ihren Alben seit Jahren intensiv mit den tiefen Mysterien des Trommelns. Der Ausgangspunkt ihrer musikalischen Sprache ist jedoch weder abstrakte Theorie noch technisches Können.
Jaki Liebezeit hat mit seinen 75 Jahren und nicht zuletzt durch seine Zeit mit Can so ziemlich alles drauf, was einen guten Schlagzeuger ausmacht. Fremdartige und sperrige Rhythmen, die bei weniger bewanderten Trommlern wahrscheinlich angestrengt und holprig klingen würden, besitzen bei seiner Spielmethode eine Leichtigkeit und Ruhe, einen natürlichen Fluss, der nur durch ein völliges Verschmelzen des Körpers und seiner Bewegung mit dem Rhythmus entstehen kann.
Das ist wohl auch gemeint, wenn Friedman & Liebezeit im Begleittext des Albums das Zyklische und die Kreisförmigkeit ihrer Musik dem linearen Modell der klassisch-westlichen Musiktheorie gegenĂĽberstellen. Ihr Ansatz geht klar vom Körper aus, von seinem Gedächtnis und einer Vorstellung von universeller Einheit, die zwar gelegentlich in Esoterik und Pseudowissenschaft abzudriften droht, im Rahmen dieser Musik aber absolut Sinn ergibt. Als Gastmusiker erweitern Daniel Dodd-Ellis, Tim Motzer, Daniel Schröter, Joseph Suchy und Hayden Chisholm die klangliche Palette der Tracks und lassen den stärker elektronischen Charakter frĂĽherer Platten weiter in den Hintergrund treten. Wie sehr diese Musik lebt, wird auf „Secret Rhythms 5″ besonders an den Stellen deutlich, wo auf der ansonsten klanglich brillanten Aufnahme das Atemgeräusch der Musiker ganz zart hörbar wird und dabei deutlich wird, wie sehr diese Bewegung mit der der Musik korrespondiert. An diesen Stellen wird mindestens ein Geheimnis gelĂĽftet: Man kann diese Musik nicht vom Kopf, sondern nur vom FĂĽhlen her begreifen.
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Neue Platten: Lubomyr Melnyk – „Corollaries“
16.04.2013 von Klaus von Frieling
Lubomyr Melnyk – „Corollaries“ (Erased Tapes)
8,0
Der rauschbärtige Mann hätte sich keinen besseren Zeitpunkt fĂĽr seine Wiederentdeckung aussuchen können. Nie waren die reinen Klavier-Klänge allgegenwärtiger als in den vergangenen zwei, drei Jahren. Nils Frahm, Rachel Grimes, Poppy Ackroyd und Ă“lafur Arnalds sind nur die bekanntesten Namen in einer täglich länger werdenden Liste der Pianisten, die sich musikalisch irgendwo zwischen Pop und Klassik bewegen. Und genau diese Unentschiedenheit ist ihr groĂźer Vorteil: Sie können sowohl an Bandkonzepte andocken als auch sinfonische Welten bedienen. Erased Tapes ist dabei das Label geworden, das fĂĽr viele KĂĽnstler dieser irritierenderweise als Neo-Klassik betitelten Musik eine Heimat geworden ist. So auch fĂĽr den 1948 in der Ukraine geborenen und in Kanada lebenden Lubomyr Melnyk, der lange Jahre seine Platten selbst verlegte. Ende 2011 erschien dann ĂĽberraschend „The Voice Of Trees“ auf dem Schweizer Label Hinterzimmer Records. Die Aufnahmen dazu stammten aus dem Jahr 1983 und wurden von Lubomyr Melnyk an zwei Pianos und Melvyn Poore an drei Tubas eingespielt. Auch durch das fast 30 Jahre verspätete Erscheinen hat die Platte, die vorher niemals offiziell veröffentlicht worden war, nichts von ihrer faszinierenden Schönheit eingebĂĽĂźt. Vielmehr darf man sich die berechtigte Frage stellen, warum Melnyk eigentlich nie den Bekanntheitsgrad eines Philip Glass oder Terry Riley erreicht hat.
Aber das kann jetzt nachgeholt werden. Mit „Corollaries“ darf der inzwischen 65-Jährige endlich und gerne ein größeres Publikum erreichen. Labelkollege Peter Broderick hat als Produzent Melnyks Pianospiel mit unaufdringlichen und kleinteiligen Klängen umgeben, die kaum merkbar die Atmosphäre der Platte entscheidend prägen. Dass er dabei gleich im ersten StĂĽck der Platte, dem fast 20-minĂĽtigen „Pockets Of Light“, sogar einige Passagen gesanglich begleitet, ist des Guten fast schon zu viel. Sein größtes Verdienst ist aber, Melnyks Musik von ihrem Zahlenwahn befreit zu haben. Auf „Corollaries“ geht es zum GlĂĽck nicht mehr um 19 Töne pro Sekunde und Hand oder das Spielen mehrerer Pianos gleichzeitig, wie das in der Vergangenheit bei der „Continuous Music“ des Wahl-Kanadiers so häufig der Fall war. Auch wenn sich hier die Noten gerne ĂĽberschlagen oder ĂĽbereinander herfallen, kaskadenhaft anschwellen, in Minimal-Music-artigen Obertönen entschweben und dann wieder herabsinken, steht die Stimmung jederzeit im Mittelpunkt. Am deutlichsten wird das mit dem StĂĽck „A Warmer Place“, das so zart ist, dass man es Melnyk gar nicht zugetraut hätte. Hier klingt sein Spiel fast schon wie das vorsichtige Anschlagen der Tasten eines Nils Frahm auf seiner Platte „Felt“ und wird zusammengehalten von lang anhaltenden einzelnen Geigentönen. Wunderbar.
Wenn man ĂĽberhaupt etwas an dieser wirklich schönen Platte beanstanden möchte, dann ist es die Tatsache, dass Melnyk zuweilen sehr die Tasten auf der rechten Seite seines Instruments bevorzugt. Wenn Broderick dann mit seiner Geige in ähnlichen Höhen entschwindet, wie mehrere Male im letzten StĂĽck der Platte, „Le Miroir D’Amour“, dann nervt das nicht nur ein wenig, sondern wirkt wie ein ĂĽberzuckerter Guss auf einem Sahnetörtchen. An manchen Tagen, wenn man mit den Werten eh schon im Keller ist, bekommt einem das vielleicht aber ganz gut. An den anderen darf man sich an den anderen so wundervollen Melodien dieser Platte satthören, die einen immer wieder neue Leckereien entdecken lässt.
Label: Erased Tapes | Kaufen
Junip – „Junip“
15.04.2013 von Diviam Hoffmann
VĂ–: 19. April 2013
Web: junip.net
Label: City Slang
Bis zur Veröffentlichung ihres ersten Albums haben Junip ganze zwölf Jahre gebraucht, die LP „Fields“ erschien 2010. Bis zum zweiten Longplayer der schwedischen Band sind zum GlĂĽck seitdem nicht ganz so viele Jahre vergangen: Ihr mit dem Bandnamen betiteltes, zweites Album erscheint diese Woche. Obwohl sich der Erstling „Fields“ fĂĽr den begrenzten Bekanntheitsgrad der Band ziemlich gut verkauft hat, hat bei Junip keiner die enormen Zweitling-Erwartungen, wie sie auf andere KĂĽnstler dieser Tage zukommen.
Denn Junip zehren von ihrer Erfahrung und ihrem langen Zusammenspiel auf Tour. Die Band besteht aus Elias Araya (Schlagzeug), Tobias Winterkorn (Keyboard) sowie JosĂ© González mit seinem markanten Gesang und seinen prägenden Gitarrenmelodien. Sein Erfolg als SolokĂĽnstler war wohl fĂĽr das Sichhinziehen der Arbeit am Bandprojekt Junip mitverantwortlich – und ist noch immer der Grund dafĂĽr, dass die Band in erster Linie mit dem SolokĂĽnstler JosĂ© González assoziiert wird. Doch der Klang der Band unterscheidet sich von den sehr reduzierten, akustischen Veröffentlichungen von JosĂ© González, auch wenn Junip durch die Stimme ihres Frontsängers natĂĽrlich geprägt werden. Der Bandname als Titel der neuen Platte lässt aber erwarten, dass hier ein Stil darĂĽber hinaus gefunden wurde, der repräsentativ fĂĽr die Band ist. So ordnen auch die KĂĽnstler ihre Platte ein, schon der Entstehungsprozess, der nicht so recht einfach von der Hand gegangen sei, sei einfach „sehr Junip“ gewesen.
Die Ups und Downs dieser Arbeit waren sicherlich wichtig für die Platte, die diese Zeit gebraucht hat. Junip klingen nicht gewollt. Man kann sich schwer vorstellen, dass ans Publikum gedacht wurde, als die Songs geschrieben wurden. Der imaginäre Rezipient kann zumindest nicht die Popkritik oder ein potenzieller Konsument gewesen sein – vielleicht ein guter Freund. Denn die ruhigen Stücke klingen ehrlich und echt, die lauteren scheinen sich ganz aus sich selbst zu entwickeln. Diesen Eindruck der Intimität und Echtheit vermitteln Junip auch auf ihren Konzerten, wenn ihre Stücke sich zu Instrumentals mit doppelter Länge steigern und sie ihren Status als Band unterstreichen. Die Melodie, der Song, das Konzept erscheinen bei diesen Live-Entwicklungen nahezu zweitrangig, sie nehmen das Publikum mit auf eine Reise, deren Ziel sie am Anfang nicht zu kennen scheinen.
Doch Junips Sound wird dadurch nicht willkĂĽrlich. Das aufgenommene Album erzählt Geschichten und kann sogar OhrwĂĽrmer aufweisen, besonders die vorab veröffentlichte Single „Line Of Fire“ und das nun ausgekoppelte StĂĽck „Your Life Your Call“ begleiten Zuhörende womöglich dauerhaft. Dabei sind die beiden StĂĽcke bilderschwer und intensiv, was die beiden Videos, die zu ihnen entstanden sind, noch verstärken. Der schwedische Regisseur Mikel Cee Karlsson machte aus den beiden StĂĽcken einen Kurzfilm, der in einem Video begann und sich im nächsten fortsetzte. Ă„sthetisch aus dem Loopen kurzer Sequenzen bestehend, welche den Bildern eine beträchtliche Länge und Ruhe zu geben scheinen, gibt dieser Kurzfilm den StĂĽcken eine ziemlich absurde Geschichte. Wenn man mit diesen Videos vertraut ist, ist es durch ihre Intensität erst einmal schwer, die Musik wieder als autonom zu sehen, so sehr prägen sich Bild und Ton gegenseitig.
Atmosphärische Klänge bestimmen dieses Album, Folk-Anleihen und ĂĽberraschende Beats, Geräusche, sphärischer Gesang und ruhige Melodien wechseln sich ab. Dabei reicht manchmal ein Pfeifen aus und der markante González-Gesang darf zurĂĽcktreten. Die Grundstimmung ist oft dĂĽster, was der Band bisher das Genre Dark Pop aufgedrĂĽckt hat. Allerdings ist der Klang mitunter durchaus positiv, aufbauend, mitnehmend und immer sehr stimmungsvoll – Junip bilden mit den komplexen Arrangements und der instrumentalen Dichte Klänge, die sich nicht nur auf ihre Frontstimme reduzieren lassen. Das neue Album ergibt ein passendes Ganzes, das sich mit StĂĽcken wie „Walking Lightly“ und den veröffentlichten Singles zu einer wundervollen, atmosphärischen Platte steigert.
Das ByteFM Album der Woche.
In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir täglich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.
Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Junip“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.
Label: City Slang | Kaufen
Neue Platten: Sølyst – „Lead“
11.04.2013 von Nils Rabe
Sølyst – „Lead“ (Bureau B)
7,5
Nach fast 20 Jahren als Schlagzeuger von Kreidler legt Thomas Klein unter dem Pseudonym Sølyst nun sein zweites Soloalbum auf Bureau B vor. „Lead“ ist eine hypnotisch-verstörende und gleichzeitig rabiate Reise in eine andere Welt – der Hörer findet sich inmitten einer kargen Landschaft wieder. Die ersten Töne reiĂźen eine klaffende Schlucht in den vertrockneten Boden und zerren uns hinab in die beängstigenden Tiefen der Dunkelheit. Dort martern dĂĽstere Synthesizer-Muster, bedrohlich klingende Bassläufe, treibende Trommel-Figuren und kavernöse Percussion-Effekte unseren Gehörnerv. Trotz der Vielzahl an deprimierenden Momenten, gibt es am Ende der Reise einen versöhnlichen Ausklang.
Die schwermĂĽtige Musik auf „Lead“ unterscheidet sich nicht groĂźartig von der Kreidlers, jener einflussreichen Band aus DĂĽsseldorf, deren Musik aus elektronischen und analogen Instrumenten besteht. Auch bei Sølyst treffen analoge Drums auf elektronisch generierte Muster, jedoch steht hier die Monotonie deutlich mehr im Vordergrund. Die Beats, die Effekte, die Drums – Klein betreibt hier musikalische Hypnose und erreicht dadurch eine rhythmische Ekstase mit gekonnt minimalen, aber extrem effektiven Mitteln. ZurĂĽckhaltend und zugleich treibend beschreibt es ganz gut. Oder: metallisch, kalt, dĂĽster, pulsierend – die musikalische Vielfalt umschlieĂźt den Hals des Hörers und lässt ihn nicht mehr los. Eine surreale und zugleich irritierende Reise in die eigene GefĂĽhlswelt. Dadurch fällt es sichtlich schwer, passende Referenzen zu finden. Minimal, Krautrock und Dub treffen es wohl noch am ehesten.
Zehn StĂĽcke in knapp 50 Minuten sind auf „Lead“ vertreten. Der Opener „Pierbourg“ zerrt uns entschlossen in die Tiefen des Unbekannten, in eine undefinierbare Dunkelheit und steht exemplarisch fĂĽr die kalte und dĂĽstere Atmosphäre des gesamten Albums. Ein heftig stampfender Beat schreitet unbeirrt seinen Weg und hinterlässt keinen Zweifel an seiner unerschĂĽtterlichen Entschlossenheit, alles Fruchtbare dieser Welt in eine Einöde zu verwandeln. Drums, Percussion, Synthesizer und knöchig-karge Melodie-Fragmente charakterisieren den Sound der nächsten 40 Minuten. Nach mehreren ekstatischen und pulsierenden Momenten voller bleierner Härte endet die Klein’sche Reise mit „Schnee“ dennoch versöhnlich. Die Dunkelheit verschwindet und eröffnet uns mit einer hypnotisch-entspannten Melodie einen befreienden Blick zum Himmel.
„Lead“ demonstriert auf beklemmende Art und Weise, inwieweit die menschliche Psyche strapaziert werden kann. Kleins virtuoser Gebrauch der Drums und Percussion wird hierbei zum zentralen Element und stimuliert unsere GefĂĽhlswelt. Unser Innenleben wird in verschiedene Richtungen gereizt – ein Wechselbad zwischen beklemmend-kalter Distanz und hypnotisch-wärmender Nähe. Die elektronischen Sound-Muster und -Sequenzen formen sich zu starken, emotionalen Gebilden. Der spannendste und aufregendste Aspekt dieser Platte liegt demnach in der lebhaften Interaktion von (akustischen) Drums und elektronischen Sounds – zwei perfekt miteinander harmonierende Komponenten.
Label: Bureau B | Kaufen
The Knife – „Shaking The Habitual“
08.04.2013 von Luise Vörkel
VĂ–: 5. April 2013
Web: theknife.net
Label: Rabid
The Knife sind zurĂĽck und zwar mit gutem Grund. Dem Geschwisterpaar Karin und Olof Dreijer lag es fern, ohne konkretem Konzept an einem Nachfolger zu „Silent Shout“ zu arbeiten. Nachdem dieses 2006 erschienen war, widmeten sich die Bandmitglieder erst einmal anderen Projekten. Karin Dreijer wurde als Fever Ray bekannt, ihr Bruder machte unter dem Pseudonym Oni Ayhun Musik. Als es darum ging, sich wieder als The Knife zu betätigen, war es beiden wichtig, die Musik mit einer Message zu verbinden. Beide hatten sich mehr als zuvor mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Vorgängen auseinandergesetzt und darĂĽber eine ganze Menge Unmut angesammelt. Dieser bildete die Grundlage fĂĽr „Shaking The Habitual“, was ĂĽbersetzt in etwa „an den Gewohnheiten rĂĽtteln“ bedeutet.
Gewohnheiten sind das, was The Knife Frustration bereiten. Die der anderen wie auch die eigenen. Deswegen können die musikalischen Strukturen auf dem aktuellen Album auf Fans der Band ĂĽberraschend wirken. Es gibt einige Instrumentals, zum Beispiel das nach Post-Apokalypse klingende „A Cherry On Top“ und „Crake“, bei dem ein hochgepitchtes Nebelhorn auf entrĂĽcktes Rascheln und Knarzen trifft. Ganze sechs Tracks sind länger als acht Minuten und das heiĂźt nicht, dass Raum fĂĽr Erholungsmomente gelassen wurde. Dieses Album versprĂĽht eine groĂźe Unruhe und ein groĂźes Unbehagen. So zum Beispiel das beklemmende „Wrap Your Arms Around Me“ oder das 10-minĂĽtige StĂĽck „Stay Out Here“, das nach dystopischem Techhouse klingt, den man definitiv nicht nach einer durchzechten Nacht hören sollte. Drumsamples werden von minimalistischen Synthieklängen gejagt und von einem bedrohlich klingenden Duett ĂĽbertönt.
Es finden sich allerdings auch StĂĽcke auf „Shaking The Habitual“, bei denen man so etwas wie eine Liedstruktur erkennt. „A Tooth For An Eye“ eröffnet das Album und bietet AnknĂĽpfungspunkte zu „Silent Shout“. Es ist der Track, bei dem man sich am wenigsten fĂĽrchten muss, zu dem sogar mĂĽheloses Tanzen vorstellbar ist. MĂĽhelos werden auch gewohnte Bilder von Machtverteilung und Männlichkeit im dazugehörigen Video auseinandergenommen. Ein junges Mädchen betritt einen Sportsaal voller Männer, die allesamt älter sind als sie, und lässt sie nach ihrer Pfeife tanzen. An diese Struktur und Thematik schlieĂźt „Ready To Lose“ an, das schon beim ersten Hören zugänglich klingt. Hier treffen verhältnismäßig wenige unterschiedliche Samples und Melodien aufeinander. Umso geladener sind die Lyrics. Karin Dreijers Stimme steht im Vordergrund und fragt: „Ready to lose a privilege?“ Das ist Intersektionalitätstheorie in Liedform.
Man muss allerdings genau hinhören, um etwas von der Dreijer’schen Gesellschaftskritik aufzunehmen. Die insgesamt 13 StĂĽcke sind aufgrund der komplexen Arrangements durchaus anspruchsvoll, doch „Shaking The Habitual“ wurde nicht dafĂĽr gemacht, in sozialwissenschaftlichen Seminaren auseinandergenommen zu werden, obwohl das eine reizvolle Vorstellung ist. Hier möchte man nicht nur aufgrund der Texte, sondern vor allem wegen der abenteuerlichen Schichtungen handgemachter Klänge zuhören. Viele der StĂĽcke sind aus Improvisationen der Geschwister hervorgegangen. Field Recordings fanden ebenso Verwendung wie eine Zither, die gleichzeitig gespielt und gestimmt wurde. Diese vielen einzelnen Frequenzen haben The Knife auf bemerkenswerte Weise zu einem Ganzen gefĂĽgt. Aus ihrem dekonstruktivistischen Ansatz ist ein Album entstanden, das irritiert, aber eben auch Neugier weckt. Und diese lässt einen dann doch bis zum Schluss an „Shaking The Habitual“ dranbleiben.
Das ByteFM Album der Woche.
In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir täglich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.
Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „The Knife“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.
Label: Rabid | Kaufen
Neue Platten: Cold War Kids – „Dear Miss Lonelyhearts“
07.04.2013 von Philipp Köhler
Cold War Kids – „Dear Miss Lonelyhearts“ (V2)
6,9
Ăśblicherweise sagt man ja dem dritten Album nach, das schwierigste zu sein. Die Cold War Kids hatten es damit tatsächlich nicht leicht: Deren letzte Veröffentlichung „Mine Is Yours“ wollte die Kritiker nicht so recht begeistern. Zeit also fĂĽr die Kalifornier, mit dem Nachfolger einiges wieder geradezurĂĽcken.
„Dear Miss Lonelyhearts“ heiĂźt das nun zwei Jahre später erschienene vierte Album, das sich stilistische Weiterentwicklung auf die Fahnen geschrieben hat. Während der Vorgänger stellenweise wie ein Pastiche verschiedener Sounds von U2 bis zu den Black Keys klang, versucht man sich hier an musikalischer Emanzipation. Die Vorabsingle und Opener des neuen Albums „Miracle Mile“ geht mit Klavierstakkato und Four-to-the-floor-Intro gut nach vorne und entwickelt sich zum soliden Schrammelrock-Song. Stellvertretend fĂĽr den Rest des Albums steht der Song damit aber noch lange nicht, denn auf „Dear Miss Lonelyhearts“ experimentieren die Cold War Kids stärker als zuvor mit ihrem Sound. Das reicht vom häufigen Synthie-Einsatz, der mal mehr („Loner Phase“), mal weniger gelungen („Bottled Affection“) ist. Zwischendurch versucht man sich mit „Tuxedos“ an einer 50er-Ballade, komplett mit Slapback-Echo und schwermĂĽtigem, fast weinerlichem Gesang, um später wieder bei verhallten, hymnischen Balladen zu landen.
All das lässt allerdings nicht den Eindruck von musikalischer Reifung aufkommen, eher hat man das GefĂĽhl, dass die Cold War Kids auch beim vierten Album noch nicht recht wissen, wohin es musikalisch gehen soll. Es fehlt das Alleinstellungsmerkmal, die Ecken und Kanten am zugegeben zwar sicher radiotauglichen, aber auch glattgebĂĽgelten Sound. Am stärksten ist die Band, wenn sie sich auf die rockigen Elemente in ihrer Musik konzentriert. Dort schaffen es die vier Musiker, die ihren Stil selbst zwischen Punk und Soul einordnen, am authentischsten zu klingen. Ihre AusflĂĽge in andere Genres hingegen wirken dagegen zu flach und musikalisch unausgegoren, um als Wegweiser klar in eine Richtung zu deuten. „Dear Miss Lonelyhearts“ schafft es so nicht, die Cold War Kids als gereifte Band zu zeigen, denn entgegen aller Hoffnungen und BemĂĽhungen sind sie auch beim vierten Album leider noch nicht „angekommen“.
Label: V2 | Kaufen
Neue Platten: Joasihno – „A Lie“
04.04.2013 von Christoph BĂĽscher
Joasihno – „A Lie“ (Alien Transistor)
8,0
Joasihno vereinen auf „A Lie“ kraftvolles Songwriting mit einem sicheren GespĂĽr fĂĽr Atmosphäre, Klangfarbe und dynamische Arrangements. Immer wieder flirrt, klappert und piepst es dabei im Hintergrund dieser wunderschönen StĂĽcke auf ganz geheimnisvolle Weise. Man merkt schnell: Christoph „Cico“ Beck, der Hauptakteur der Band, ist ein versierter Rhythmus-Bastler. Kein Wunder, hat der gebĂĽrtige Oberbayer aus der Nähe von Eichstätt doch eine Weile in MĂĽnster Schlagzeug studiert.
Die Songs auf „A Lie“ sind aber auf keinen Fall verkopfte Musik fĂĽr Spezialisten, sondern gefallen durch mal opulente, dann wieder luftig und leichte Instrumentierung, abwechslungsreiche Klangfarben und eine geschickte Dramaturgie des Auf- und wieder Abtragens unzähliger musikalischer Schichten.
Mit Nico Sierig (Missent To Denmark) ist Joasihno inzwischen zum Duo angewachsen. Begonnen hat alles aber als Ein-Mann-Loop-Orchester. Bei seinen Konzerten schwelgte Christoph Beck ganz allein in den Möglichkeiten, die ihm das Ăśberlagern von Schleifen aus Gesang, Folk-Gitarren und verschiedenen elektronischen und akustischen Sounds boten. Auf die 2009 in Eigenregie veröffentlichte EP „papierTonnenTigerTum“ folgte 2011 das DebĂĽt „We Say: ‚Oh Well‘“ (Kyr Records), welches dann die Weilheimer Notwist-BrĂĽder Micha and Markus Acher so sehr beeindruckte, dass sie Joasihno zunächst mit auf Tour nahmen und nun das aktuelle Album auf ihrem Label Alien Transistor herausbringen.
Die Platte beginnt zunächst ganz zaghaft. Ein paar vereinzelte Synthesizertöne flöten verloren im Intro des EröffnungsstĂĽcks herum, doch schnell blĂĽht der Song auf. Eine treibende Akustikgitarre, Handclaps, ein schwebender Orgelgrundton und ein dichter Klangteppich, schon setzt der erste Refrain mit schwelgerischem Harmoniegesang und der Frage „Are you a lie?“ den melancholischen Grundton des gesamten Albums.
Songs wie „Oh Boy“ oder „We Are Dreaming Of The Dark“ sind zunächst mal leicht verträumte, eingängige Popsongs, die durch die detaillierte Arbeit mit unzähligen Percussion-Instrumenten, Glocken und effektvollen elektronischen Schlaglichtern zu echten Indietronic-OhrwĂĽrmern ausgebaut werden. Am Ende gefallen aber vor allem Details wie das gut gelaunte Gepfeife auf „Oceans“ oder die bedeckte Atmosphäre einer Ambient-Instrumentalnummer wie „Dream Of A Disappearing Friend“. Joasihno öffnen damit einen Raum zwischen guter Laune und Melancholie, in der man sich gerne länger aufhalten möchte und in dem man sich einfach wohlfĂĽhlen kann.
Label: Alien Transistor | Kaufen
Kurt Vile – „Wakin On A Pretty Daze“
01.04.2013 von Nils Rabe
VĂ–: 5. April 2013
Web: kurtvile.com
Label: Matador
Mit seinem nunmehr fĂĽnften Soloalbum entwickelt sich Kurt Vile langsam zu einem bedeutenden Gitarristen und Songwriter seiner Generation. Diesen Status unterstreicht er mit „Wakin On A Pretty Daze“ – einem knapp 70-minĂĽtigen Manifest, irgendwo zwischen Lou Reed, Bruce Springsteen, Bob Dylan und Nick Drake.
Bereits beim ersten Durchlauf stellt sich die Frage, was Kurt Vile nicht für eine große Sehnsucht haben muss. Sein Wohnsitz Philadelphia liegt an der amerikanischen Ostküste und ist dort die zweitgrößte Stadt neben New York City. Trotzdem klingen die ausufernden Songs nach zeitlosen Stunden und Reisen im ländlichen Kern des Landes, tausende Kilometer weit entfernt. Am anderen Ende des Kontinents, an der Westküste, schlug in San Francisco Mark Kozelek mit seiner Band Sun Kil Moon vor einigen Jahren einen ähnlichen Weg ein. Zwar wesentlich folkiger als hier, aber ebenfalls voll von weichen, überlangen Songs im Geiste amerikanischer Traditionsmusik. Gerne wird Kurt Vile mit den Tom Pettys und Bruce Springsteens dieser Welt verglichen. Auch sein Lou-Reed-artiges Genuschel manifestiert diesen heroischen Vergleich und huldigt damit auf sehr sympathische Art und Weise seinen großen Vorbildern. Vile ist damit zwar kein Erfinder, aber ein guter Schüler. Er vermag es, den Sound der alten Männer in die Zeitlosigkeit zu übertragen, den Ballast der Geschichte abzuwerfen und seine eigene, kleine Nische zu finden.
Jedes der elf Kleinode startet mit einem warmen, sĂĽĂźlichen Rhythmus, der bis zum Ende anhält. Damit könnte man Viles Kompositionen Monotonie vorwerfen, so sehr ähneln sich die einzelnen Songs. Allerdings wird mit jedem weiteren Durchlauf offenbarer, wie geschickt und komplex Kurt Vile hier auf kleiner Spur arrangiert: Sas scheinbar einfach und zum größten Teil akustisch gehaltene Album mit psychedelischen EinflĂĽssen oder auch verlangsamten Dream-Pop-Elementen legt mit anhaltender Dauer seinen Fokus auf traditionellen Folk und Blues. Auch (bewusst) verwischte Country-Anleihen lassen sich im SoundgefĂĽge entziffern. Das spannendste Element von „Wakin On A Pretty Daze“ liegt aber darin, dass seine Kompositionen in ein Aquarium getaucht zu sein scheinen. Die offensichtliche Eingängigkeit wird anhaltend verwischt und neu geordnet – ein Wechselspiel zwischen Simplizität und Subtilität. Durch diese innere Spannung fĂĽhlt man sich gleichzeitig im Hier und Jetzt daheim und im selben Moment woanders, wie in einem Tagtraum.
„Wakin On A Pretty Daze“ ist ein zeitloser Klassiker, unbeschwert und erwachsen. Er schlägt elegant die BrĂĽcke zwischen dem Sound von alten Vorbildern und modernen Arrangements. Die Verehrung fĂĽr Bruce Springsteen wird auch im aktuellen Video zur ersten Single „Wakin On A Pretty Day“ deutlich. Es zeigt dort den spröden wie herzlichen Charme von Kurt Viles Heimatstadt Philadelphia und steht damit in der Tradition des Springsteen-Klassikers „Streets Of Philadelphia“. Auch deshalb ist es logisch, dass der berĂĽhmte Streetart-KĂĽnstler Stephen Powers das Cover zum neuem Album entworfen hat. Dies entstand an einer Hauswand in Philadelphia und soll auch bald Wände in London, Los Angeles und New York bildgewaltig zieren – eine Ehre, die diesem zukĂĽnftigen Indie-Klassiker mehr als gebĂĽhrt.
Das ByteFM Album der Woche.
In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir täglich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.
Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Kurt Vile“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.
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Neue Platten: Bassekou KouyatĂ© & Ngoni Ba – „Jama Ko“
28.03.2013 von Philipp Köhler
Bassekou KouyatĂ© & Ngoni Ba – „Jama Ko“ (Out Here)
7,8
Neuerscheinungen aus Westafrika, genauer gesagt aus Mali, sind etwas, das sicher nicht jeder Musikliebhaber verfolgt. Im Falle von Bassekou Kouyatés neuem Album lohnt es sich aber, auch als unbedarfter Hörer über den Tellerrand zu blicken.
Bassekou Kouyaté ist Griot, ein Sänger und musikalischer Geschichtenerzähler. Vergleichbar ist das vielleicht am ehesten mit den europäischen Bänkelsängern, die im Mittelalter und darüber hinaus Geschichten in Liedform verbreiteten.
Die 13 StĂĽcke auf „Jama Ko“ wurden im letzten Jahr in Malis Hauptstadt Bamako mit Bassekous Band Ngoni Ba aufgenommen – zu einer Zeit, als sich das Land im Umbruch befand: Kurz nachdem die Musiker mit den Aufnahmen angefangen hatten, wurde die amtierende Regierung Malis in einem Militärputsch gestĂĽrzt. Trotzdem entschied sich die Band, die Aufnahmen fortzusetzen und das Album zu produzieren.
Die unsicheren Verhältnisse, in denen „Jama Ko“ entstand, schlagen sich unweigerlich in der Musik nieder. Es handelt sich um ein energiegeladenes Album, das oft laut, aufgebracht und wĂĽtend klingt. Es entsteht der Eindruck, die Musiker hätten all ihren Unmut ĂĽber die politische Situation ihres Landes im Studio herausgelassen und verarbeitet. Herausgekommen ist dabei ein Album, das vor Kraft strotzt. Hier wird nicht in leisen Tönen geklagt und gelitten, hier wird lautstark protestiert. Dennoch ist nicht Wut die treibende Kraft hinter dem Album. „Jama Ko“ bedeutet ĂĽbersetzt etwa so viel wie „groĂźes Zusammentreffen von Menschen“, und genau das ist es, was die Musik ausmacht: der Wunsch nach Friede und Einheit.
Bassekou KouyatĂ© wird häufig als Erneuerer der Griot-Musik bezeichnet, und auch auf „Jama Ko“ kommt das zum Ausdruck. KouyatĂ©s Ngoni (eine traditionelle afrikanische Laute) ist häufig elektrisch verstärkt, verzerrt oder durch ein Wah-Wah-Pedal gespielt. Traditionelle Percussion steht einer Hammondorgel gegenĂĽber. Einen Gastauftritt hat unter anderem der Bluesmusiker Taj Mahal, der auf einem Titel des Albums im Zusammenspiel mit Bassekou KouyatĂ© den amerikanischen Blues zurĂĽck zu seinen afrikanischen Wurzeln fĂĽhrt. All dies sorgt zusammen mit treibenden Rhythmen und emotionalem Gesang dafĂĽr, dass „Jama Ko“ auch fĂĽr in afrikanischer Musik weniger bewanderte Ohren relativ leicht zugänglich ist. Die Beschäftigung mit dem Album lohnt sich, denn Bassekou KouyatĂ© ist es gelungen, die widrigen Begleitumstände während der Studioarbeiten in Liedern zu verarbeiten, die voller Energie sind und Tradition und Moderne zusammenbringen.
Label: Out Here | Kaufen
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