Patrick Watson – „Adventures In Your Own Backyard“
23.04.2012 von Diviam Hoffmann
VĂ–: 20.04.2012
Web: www.patrickwatson.net
Label: Domino
Das Album der Woche kommt dieses Mal von Patrick Watson. Schon die in wunderschöner Schleife auf der Homepage zu sehende und gratis herunterzuladende Single „Into Giants“ hatte es einigen Mitgliedern der ByteFM Redaktion sehr angetan, nun können wir also endlich hören, wofür diese Single eigentlich der Teaser war.
Aber fangen wir vorne an. Der Kanadier Patrick Watson ist eigentlich kein SolokĂĽnstler mehr, sondern vielmehr beschreibt der Name mit Mishka Stein, Robbie Kuster und Simon Angell eine nach ihm benannte Band. Die vier QuĂ©bĂ©cois nahmen seit 2003 drei Alben auf, die letzte Veröffentlichung ist jetzt drei Jahre her. In der Zwischenzeit spielte man viele Konzerte und widmete sich der musikalischen Weiterbildung. Patrick Watson selbst schrieb fĂĽr das Album „Ma Fleur“ des Cinematic Orchestra einige Songs, unter anderem „To Build A Home“ – keine schlechte Referenz und ein sinnvoller Zeitvertreib. Nun erscheint der Band viertes Album. Der Titel „Adventures In Your Own Backyard“ ist vielleicht eine Erinnerung an die Produktion des Albums, die sich fast nur auf Watsons eigene Wohnung in Montreal beschränkte. Musikalisches Ziel der Band: “to simplify their sights – to make music a bit more close to home in every sense of the phrase.”
Und dies begann mit der Vorabsingle „Into Giants“. Ein wirklich fieser Ohrwurm und Soundtrack des frühen Sommers. Ein sich steigerndes, melodiöses Ungetüm an Pre-Listening eines Albums. Fröhlich, fangend, mit stampfendem Takt und einer hervorragend Dramaturgie, inklusive Exposition, Katastase, Peripetie, retardierendem Moment und einem weiteren Höhepunkt. Dieser Song bildet nun die Mitte des fertigen Albums, darum sortieren sich schöne Songs, die irgendwie unkompliziert klingen, ohne unkomplex zu sein. Es klingt tatsächlich wie ein kleiner Soundtrack.
Patrick Watson setzt den Instrumenten keine Grenzen, Pianos und Streicher sind ebenso erlaubt wie eine tiefe, elektrische Gitarre. Und Watson schafft es, dabei nicht zu ĂĽbertreiben, nicht melodramatisch oder kitschig zu klingen. Eine Leistung, die nicht alle KĂĽnstler dieses Jahr mit dichter, komplexer Instrumentierung bringen konnten. Patrick Watson will nicht zu viel.
Prägend ist die raue, fast unfertige Stimme Watsons, die er ständig in gefährliche Höhen bringt. Sein Grundinstrument bleibt dabei die akustische Gitarre, die immer vorsichtig ergänzt wird. In „Words In The Fire“ zum Beispiel durch helles Glockenspiel, ein bisschen Chor und im Laufe des Songs immer mehr. Es sind meist Klänge, die man nicht erwartet und die mit einer enormen Leichtigkeit eingebracht werden. Dies schafft eine atmosphärische, alles umgreifende, melodiöse Ganzheit, die einen ganz mitnehmen kann. Man lasse sich darauf ein.
Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher Unterstützung von Panasonic.
Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag von Montag bis Samstag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.
Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Patrick Watson“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.
Label: Domino | Kaufen
Neue Platten: Trembling Bells feat. Bonnie Prince Billy – „The Marble Downs“
22.04.2012 von Susanne SchĂĽtt
(Honest Jon’s)
7,0
Liebeskummer, Wut, Trauer, Tod … Will Oldham alias Bonnie Prince Billy nimmt mit den Trembling Bells eine aufwĂĽhlende Platte auf, die nicht halb so traurig klingt, wie es die Texte erahnen lassen.
„The Marble Downs“ ist ein Album der Gegensätze. Textlich bewegt sich Trembling-Bells-Songwriter und -Drummer Alex Neilson konstant in schrecklich finsteren Sphären, sodass man sich ernstlich um ihn sorgen möchte. Musikalisch hingegen geht’s hoch her: laut, verspielt, orchestral! Lavinia Blackwall, Sängerin des britischen Quartetts, orientiert sich stimmlich am „English Folk Revival“ der 60er-Jahre. Ihre hohen, elfenhaften Töne erinnern arg an Vashti Bunyan oder Sandy Denny (Fairport Convention) und stehen durchaus in Kontrast zu Oldhams eher schlichtem, einfühlsamem Organ.
Schon der Opener „I Made A Date (With An Open Vein)“ ebnet denn auch gleich den Weg und zeigt deutlich, wo es fĂĽr die nächsten rund fĂĽnfzig Minuten hingehen soll. Sphärische Sounds, ausgefeilte Drums und Percussions, Bläser, eine dĂĽstere Orgel und Chor-ähnlich angelegte Backing-Vocals umgarnen Bonnie Prince Billys Stimme mit groĂźer Geste. Das bitterböse „I Can Tell You‘re Leaving“ ist dann ein wenig schlichter, Country-hafter angelegt. Oldham und Blackwall liefern sich ein intelligentes und durchaus unterhaltsames Gesangsgefecht, Oldhams „I used to be your universe“ kontert Blackwall beispielsweise mit einem schroffen „You‘re not even my Birmingham“. „Excursions Into Assonance“ ist dann nicht mehr ganz so grell und orchestral, Will Oldham singt sanft, begleitet von einem recht puristischen Klavier und hintergrĂĽndigen Gitarren-Riffs, ehe ihm Lavinia Blackwall mit ihrer anmutigen Stimme zur Seite springt. Ganz ähnlich verhält es sich beim wundervoll ironischen und selbstmitleidigen „Love Is A Velvet Noose“, textlich bewegt sich Oldham nahe am Suizid („My liver felt like a suicide note to Johnnie Walker Red“), kontrastiert wird er dabei aber von der treibenden Dynamik des Refrains, dem fast eine gewisse Leichtigkeit innewohnt. Das schlichte und klassisch folkige „My Husband’s Got No Courage In Him“ ist dann eine richtiggehende Ausnahme auf „The Marble Downs“. Getragen von Blackwells bezaubernder Stimme, die nur hin und wieder von Oldham unterstĂĽtzt wird, kommt der dĂĽstere, anklagende („I wish my husband, he was dead and in his grave I quickly lay him and then I find another one that had a little courage“) Song völlig ohne Instrumente aus.
Den Schotten ist, in Zusammenarbeit mit dem nahezu Kollaborations-wütigen Oldham (Tortoise, Joanna Newsom, Johnny Cash, Nicolai Dunger, Scout Niblett, um nur einige zu nennen), ein spannendes, ein sperriges, ein psychedelisches Album gelungen, dass nicht wirklich „nebenbei“ gehört werden kann. Hier werden verschiedenste Instrumente und musikalische Richtungen genauso wild wie intelligent zusammengewürfelt, so finden sich neben den offensichtlichen Folk- und psychedelischen Anleihen durchaus auch Jazz- und Country-Elemente. Zu beneiden ist in diesen Tagen jeder, der sich auf dem britischen Eiland heimisch fühlt, denn dort stellen die Trembling Bells zusammen mit Will Oldham ihr spannendes Machwerk live vor. Bleibt zu hoffen, dass dies auch bald der Hörerschaft auf dem europäischen Festland vergönnt ist.
Label: Honest Jon’s | Kaufen
Neue Platten: Holmes – „Burning Bridges“
19.04.2012 von Diviam Hoffmann
(Black Star Foundation)
7,1
„Have I Told You Lately That I Loathe You“ – so der großartige Titel des letzten Albums der schwedischen Band Holmes. Dieses erschien 2010 und bekam auch in Deutschland einige Aufmerksamkeit: Man fragte sich, woher die wenigen Einwohner Schwedens so viel gute Musik nehmen und lobte, dass sie so sentimental und fühlend sein können. Die neue Platte der sechs Göteborger von Holmes, die schon viele Jahre kollektiv zusammen Musik machen, nennt sich nun „Burning Bridges“ und bekommt sogar noch mehr Aufmerksamkeit.
Da überlegt man, ob nicht etwas übertrieben wird, ob nicht jeder Musikblog derjenige gewesen sein will, der Holmes zuerst entdeckt und gehypet hat. Denn eigentlich erscheint mir Holmes gar nicht so brisant. Beschrieben wird Holmes’ Musik als schwedischer Folk. Und es ist jene Seite dieser so blühenden Musikrichtung des Folks, die oft mitschwingt, aber nicht in dessen Zentrum steht, die Holmes zu sehr fokussieren: akkordeonlastige Mundharmonika-Balladen – und dadurch wirkt alles nicht mehr sensibel komponiert, sondern eher kitschig. So kommt es, dass der Pressetext Holmes in eine Folk-Ecke setzt, in der sie schlecht abschneiden. Denn, was sie sehr gut machen, ist der unfolkige, unprätentiöse, elektronischere Teil des Albums. Der tatsächlich so klingt, als hätten sie viel Sigur Rós gehört, ohne nur die abgefahrenen Traum-Sounds zu bieten.
Leider sind die Songs nicht immer so verhalten. Nach dem netten Opener „Brothers“, erwischt uns Song zwei „Bells“ sehr poppig-melodramatisch, mit Piano und heulender, elektrischer Gitarre. Das klingt irgendwie so, als hätte man es schon mal gehört. Was das Stück und auch die anderen balladigen Pop-Nummern aus der Radio-Hitlist entfernt, ist die leicht rauchige, irgendwie unkonkrete, hauchend-murmelnde Stimme des männlichen Sängers. Sie erinnert manchmal fast an Solander. In den besten Momenten musste ich überhaupt an diese andere sensible, schwedische Band denken. Diese Ähnlichkeit aber der Gesamtplatte zu attestieren, würde ich letztlich nicht wagen.
Anspieltipps sind das ruhige „Vinter“ und die schon für den Albumteaser benutzte Single „Debris“. Die ebenfalls im Teaser zu hörene akustische Version von „All I Had In Store“ überzeugte mehr ohne den Gesang, der den Song trotz des schönen Timbres fast schmalzig macht. Das Abdriften in die Schmalzigkeit und der leichte Hang zur Eintönigkeit ist das Manko dieser Platte. Vielleicht ist es aber auch nur die im Pressetext angekündigte schwedische Melancholie. Oder das extra Paket Gefühl, das dieser Platte angeblich beigelegt wurde. Hier müssen Holmes aufpassen, denn ansonsten haben sie etwas sehr Schönes erarbeitet.
Das wunderbare Artwork verdient ĂĽbrigens auch eine Erwähnung. Es kommt wie bei allen bisherigen Veröffentlichungen Holmes’ von der finnnischen KĂĽnstlerin Anna Emilia Laitinen. Der Moment, in dem man die Platte in die Hand nimmt, war bei Holmes’ Werk ziemlich gut. Eine sich gut anfĂĽhlende CD – oh, reduzierende digitale Welt – auch das macht das aus, was wir hier vor uns haben: skandinavische Schönheit in der Optik – und na gut, eigentlich auch im akustischen Bereich.
Label: Black Star Foundation | Kaufen
Neue Platten: Royal Baths – „Better Luck Next Life”
17.04.2012 von Marc Frandel
(Kanine Records)
6,0
Knapp zwei Jahre ist es her, dass die “königlichen Bäder“ ihr Debut „Litanies“ veröffentlichten. Obwohl sich Royal Baths im Garage-Melting-Pot von San Francisco mit Bands wie den Fresh And Onlys, Ty Segall und Wild Flag auf Augenhöhe befanden, zog es das Duo unmittelbar nach dem Erscheinen ihres ersten Werkes nach New York. GegrĂĽndet wurde die Band von Jeremy Cox und Jigmae Baer aus einem gemeinsamen Interesse an bestimmten Musikrichtungen wie etwa dem Delta Blues.
Ihre Linie vom melodischen, dĂĽsteren Acidrock fĂĽhren sie auf „Better Luck Next Life” weiter fort. Afrikanische Drumrhythmen brodeln im Musikkessel stoisch vor sich hin, bilden einen rauchigen Dunst und belegen den Hörer mit einem erdrĂĽckenden Geruch der Dekonstruktion. Tracks wie „Black Sheep“ und „Burned“ visualisieren dieses Szenario am deutlichsten. Die tiefen Toms und der heruntergestimmte, unverzerrte Bass schaffen ĂĽber alle Songs hinweg eine Grundstimmung, die in den meisten Tracks von schrillen Gitarren mit ordentlichem Reverb untermalt werden. Die zweistimmigen Vocals harmonieren in „Faster Harder“ im klassischen Sinn, wobei auch die Gesänge gerne mal konträr laufen dĂĽrfen. Aber ein richtiges Risiko wollen die Herren Cox und Baer dann doch nicht eingehen. Wo bleiben der Gitarrendonner des frĂĽhen Neil Young oder die ausufernden Songstrukturen Ă la Sonic Youth? Schade, Ansätze sind bei „Be Afraid Of Me“ zu hören, aber ĂĽber das gesamte Album hinweg bleibt die Band zu brav. Aber okay – wenn man nicht auf akzentuierte Atonalität steht, könnte dieses Album was sein.
„Better Luck Next Life“ ist ein melodisches, hymnisches Werk mit zarten Noiseparts und mehr gesprochenen als gesungenen Einlagen. Zwar wurde die Platte analog auf Tape produziert, trotzdem wirkt die Produktion glatter als beim rauhen Vorgänger. Alles in allem ein durchschnittliches Album, fĂĽr Fans von The Velvet Underground, Spacemen 3 und The Jesus And Mary Chain ist die Platte allemal eine Hörprobe Wert. FĂĽr Royal Baths könnte der Titel „Better Luck Next Life“ der Tipp in eigener Sache sein. Warum nicht, das Potential haben sie.
Label: Kanine Records | Kaufen
Moonface – „With Siinai: Heartbreaking Bravery“
16.04.2012 von Diviam Hoffmann
VĂ–: 20.04.2012
Web: http://moonface.ca
Label: Jagjaguwar
Spencer Krug ist bekannt als Mitglied der Band Wolf Parade. Aber auch bei Sunset Rubdown, Swan Lake, Frog Eyes, Fifths Of Seven und Two Tonne Bowlers findet man seine Ideen oder Mitspieltätigkeiten. Wenn Euch jetzt davon keine etwas sagt, ist das nicht so schlimm, denn hier soll es um sein „Soloprojekt“ gehen: Moonface.
Seit 2002 veröffentlicht Multitalent und –instrumentalist Spencer Krug Platten mit seinen verschiedenen Projekten, seit 2010 auch als Moonface. „Soloprojekt“ deshalb, weil sich der Kanadier auf der neuesten Moonface-Platte wieder einen Kollaborateur gesucht hat. Für „Heartbreaking Bravery“ fand er eine bei uns relativ unbekannte, finnische Band mit dem Namen Siinai und der Genrebezeichnung Krautrock. Auf Wolf Parades Europatour vor drei Jahren hatten die Finnen im Vorprogramm gespielt.
Nach den beiden Veröffentlichungen Spencer Krugs als Moonface „Dreamland EP: Marimba And Shit-Drums“ und „Organ Music Not Vibraphone Like I‘d Hoped“ (2010 und 2011, beide wie auch die aktuelle Platte auf Jagjaguwar erschienen) ist klar: Es gibt jedes Mal einen anderen musikalischen Schwerpunkt. Nach Marimba mit Shit Drums und Orgel statt Vibraphon, arbeitet er jetzt eben mit einer finnischen Krautrock-Band zusammen.
Doch, so hat Christa Herdering in ihrer letzten Pharmacy-Sendung hier auf ByteFM schon festgestellt, steht trotz der verschiedenen Instrumentierungen von Moonface’ Produktionen immer die Stimme von Spencer Krug im Vordergrund. Ihre Wirkung ist dabei oft kalt und unnahbar, was die Songs tatsächlich abkühlt. Die Melodien und die instrumentale Führung sorgen aber für die nötigen Temperaturunterschiede und Einbettung des Gesangs.
Ebendiese Melodien fallen hier als ekstatische Fügungen mit hoher musikalischer Dichte aus. Offenbar dank der Mitarbeit von Siinai finden wir aber auch krautrockige, komplexe Grundstrukturen und Synthies. Häufig auch in ziemlich progressiver Spielart, zum Beispiel in „Shitty City“. Der Song schickt uns zwei Minuten in einen heulenden Synthesizer-Ton, bevor uns ein Drumset erlöst und auch Krug wieder mitsingt. Die an ein Störgeräusch erinnernde Basis verschwindet aber nie und lässt den Song nicht zu positiv-melodisch werden.
Die erste Single-Auskopplung “Teary Eyes And Bloody Lips” ist wahrscheinlich der beste Track auf dem Album und freut sich nicht nur ebenfalls über Störgeräusche im Hintergrund, sondern auch über eine sich ekstatisch steigernde Komposition. Bei Stereogum könnt Ihr sie übrigens umsonst herunterladen. Auch der zweite Song auf dem Album mit dem Titel „Yesterday’s Fire“ mit seiner catchy Melodie überzeugt von Anfang an, wohingegen der erste, titelgebende Song eher als ein Intro (aber durchaus genial) erscheint, allerdings auch nur zu Anfang, denn „zurückhaltend“ ist trotz düsterer Grundstimmung ein Attribut, das man keinem der Songs so richtig geben kann.
Und so geht es uns auch in den anderen Songs auf „Heartbreaking Bravery“: auffällige dramatische Steigerungen und überhaupt eine sehr retrohafte Dramatik. Auch wenn man das Cover ansieht, fragt man sich, ob das Album nicht schon vor ein paar Jahrzehnten erschienen ist.
„Heartbreaking Bravery“ ist ein tolles Album von einem beeindruckenden Künstler. Und auch die Finnen von Siinai sollen an dieser Stelle gelobt werden, denn sie haben mit Spencer Krug ein ekstatisches Album geschaffen, das wir dieses Jahr wahrscheinlich sehr oft hören werden.
Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher Unterstützung von Panasonic.
Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag von Montag bis Samstag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.
Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Mondgesicht“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.
Label: Jagjaguwar | Kaufen
Neue Platten: The Black Seeds – „Dust And Dirt“
12.04.2012 von Claudia Wohlsperger
(Proville)
7,5
„Out Of Light“ verschlägt einem fast die Sprache. Wo ist der Reggae geblieben? Der erste Track auf dem neuen Black-Seeds-Album „Dust And Dirt“ kommt erst mal sphärisch und trippy statt groovy daher. Er verspricht frischen Wind und mehr Keyboards als man das von der neuseeländischen Band gewohnt sein mag. Aber die Black Seeds sind trotzdem ihrem Stilmix treu geblieben und verweben in ihren Liedern Reggae mit Elementen aus Funk, Soul und Dub.
Obwohl das Album mit mehr Keyboardeinsatz im Großen und Ganzen ein ganz kleines bisschen elektronischer wirkt als seine Vorgänger, der typische Reggae-Offbeat bleibt ein beständiger Begleiter auf „Dust And Dirt“. Und das auch, wenn „Loose Cartilage“ plötzlich rockiger und gitarrenlastiger daherkommt und somit für eine der stilistischen Überraschungen auf der Platte sorgt.
Vier Jahre haben sie sich nach „Solid Ground“ aus dem Jahr 2008 Zeit genommen und das merkt man: Die Grundatmosphäre auf der neuen Platte ist immer entspannt und nach Fillern sucht man vergeblich. Stattdessen zeigen sich die Black Seeds experimentier- und spielfreudig. Anders als bei den frĂĽheren Alben der Band sind die Lieder hier in enger Zusammenarbeit aller Bandmitglieder entstanden. Barnaby Weirs Gesang gliedert sich dementsprechend wie ein weiteres Instrument in das stimmige SoundgefĂĽge der Platte ein. Im Video zur ersten Single-Auskopplung „Pippy Pip“ basteln Kinder eine bunte Pappband, die zwischen Palmen und exotischen Tieren fröhlich vor sich hin musiziert. In etwa so mĂĽssen sich die Black Seeds gefĂĽhlt haben, als sie in ihrem Studio in Wellington fĂĽr „Dust And Dirt“ gejammed haben.
Die Vorfreude auf den Sommer steigt mit diesem Album auf jeden Fall gewaltig und wenn Weir im letzten Track doch noch fragt „Is this really what we’ve become now, nothing more and nothing less?”, denke ich mir: So schlimm ist das nicht.
Label: Proville | Kaufen
Neue Platten: M. Ward – „A Wasteland Companion“
10.04.2012 von Felix Dabbert
(Bella Union/Cooperative Music)
8,0
So ganz kommt Matthew Ward nicht los von seiner She-&-Him-Kollaborateurin Zooey Deschanel, die neben ihrer neuen Tätigkeit als „adorable“ Sitcom-Star noch ein bisschen Zeit fĂĽr ihren alten Bandkumpel gefunden hat und nun mit ihrer „bezaubernden“ Froschstimme auch auf M. Wards neuem Soloalbum zu hören ist.
Die Songs auf „A Wasteland Companion“ klingen eigentlich, wie Wards Songs immer klangen: nach Sonne, doch nicht nach der am Ballermann, sondern vielmehr nach einer drĂĽckend schweren SĂĽdstaaten-Sonne (keine Sorge, hin und wieder fegt mal eine frische Brise die SchwĂĽle hinfort). Jeder einzelne dieser Songs ist wieder ein Salbeibonbönchen fĂĽr die Seele, denn wenn sich Ward auf eines versteht, dann die Emotionen, die sein Gesichtsausdruck vermissen lässt (ernsthaft, der Typ guckt auf jedem Foto gleich starr), in seine Musik zu packen. Wie auf Wards frĂĽheren Alben, findet sich auch auf „A Wasteland Companion“ ein Coversong; diesmal nimmt er sich dabei schon zum zweiten Mal dem Outsider-Music-Paten Daniel Johnston an, dessen „Sweetheart“ Ward gelungen nach völliger Aneignung neu interpretiert.
Man braucht das neue Album vielleicht nicht unbedingt, wenn man schon „Hold Time“ oder eines der anderen Vorgängeralben im Schrank hat, doch auch wenn ich es anderen KĂĽnstlern oft krumm nehme, wenn sie Weiterentwicklung vermissen lassen, kann M. Ward von mir aus gerne ewig so weitermachen mit dem entspannten Fingerpicking, seiner Samtstimme und dem ganzen anderen Quatsch (eben einer Art von Retromusik, die nicht durch – in Ermangelung anderer Qualitäten – ostentative Einfallslosigkeit nervt), so lange dabei jedes mal Songs wie auf „A Wasteland Companion“ herauskommen.
Noch eine kleine Randbemerkung: Was mich beim Hören von „A Wasteland Companion“ am meisten ĂĽberrascht hat, war, wie schnell ich ihm doch sein unsägliches Weihnachtsalbum verziehen hatte.
Label: Bella Union/Cooperative Music | Kaufen
Mittekill – „All But Bored, Weak And Old“
09.04.2012 von Diviam Hoffmann
VĂ–: 13.04.2012
Web: http://www.mittekill.de
Label: Staatsakt
Mittekill wehren sich nicht nur nicht gegen Berlin-Mitte-Gentrifizierungsmetaphern, sie machen ordentlich mit. Ihr Cover verzieren verwelkte Blumen – hip, aber ungentrifitorisch, so wie der unsanierte Berliner Altbau. Die Band dagegen ist saniert – und der Vergleich stammt von der Band selbst: „Mittekill, das alte Berliner Haus, steht noch. Die Fassade wurde gestrichen und das Innenleben gentrifiziert. EigentĂĽmer Freedarich hat die innere Brache kernsaniert …“
Zu Mittekill gehörten neben „Eigentümer“ Freedarich alias Friedrich Greiling zuvor noch Neurot aka Jan Hohmann, den man nun in keinen Credits mehr findet – er soll sich jetzt in keinem geringeren Stadtteil als Berlin-Mitte der Familie widmen. Mit ihm entstanden die ersten beiden Alben, ein paar Singles und EPs, die alle nicht schlecht in der Kritik ankamen (man erinnere sich an Ergüsse wie „Wasser Oder Wodka“ und „Harter Rok“). Vielleicht zerbrach die durch Kontaktanzeige hergestellte Beziehung letztendlich? Das Bauteam wird jedenfalls jetzt unterstützt von Sven Ulber, Johannes Marx und Mirco Bernhard. Ihre Funktionen/Instrumente in der gleichen Reihenfolge: Ex-Rich and Kool und Nachlader, Pitchtuner, E-Kreisel. Was auch immer die Besetzung nun zu bedeuten hat, es geht um das, was um Sänger und Chef Freedarich entsteht und das ist „All But Bored, Weak And Old“.
Es ist ein gutes Album voller Ironie und Großstadtphilosophie. Musikalisch finden wir teils übertriebene, teils sehr gute elektronische Sounds aller momentan trendigen Spielarten, NDW-Inspiration und einige indiehafte Singer/Songwriter-Melodien. So im ersten Song „Leb Wohl“, der einen überlegen lässt, ob die Playlist falsch herum abgespielt wird. Doch es muss nicht alles immer anerkannt laufen. Und genau darum geht es bei Mittekill: Anders sein ist cool, und dass sie damit den Nerv der alternativitätsverwöhnten Jugend treffen, wissen die Berliner. Das ist das Spiel. Sie machen auch mal blöde Sounds, die genauso attraktiv sind wie das, was sie vermeintlich ernst nehmen (nehmen sie überhaupt etwas ernst?).
Textlich sieht das auch deshalb alles eher nach Geschmackssache aus: „Beim Blick auf ein belangloses Schild / hat mich kein Gedanke gekillt / an die abgefuckteste Nacht / was hat sie noch gleich gesagt?“
Oder: „Das zieht der voll durch mit dem Rock / ihr habt kein’ Drive / er hat kein’ Bock“
Oder: „Ich will eure Jobs nicht / bei euren Jobs kotz’ ich / es ist vielleicht protzig / aber ich will eure Jobs nicht / wenn Autos sich stauen / küss ich lieber Frauen“
Die letzten Zeilen stammen aus der Singleauskopplung des Albums. Freedarich läuft in der tiefstehenden Sonne durch Berliners fragile Ostkreuzbrache und klebt verwegen seine Parolen an die Graffiti-gepflegten Wände Südfriedrichhains.
Das ist so dermaĂźen in die Hipsterbewegung eingepasst und sollte auf hohe Anerkennung treffen, dass es nicht ernst gemeint sein kann. Berliner Hipsterness und die ganze alternative Coolness dieser Stadt wird hier so perfekt dargestellt, dass es fast wie eine sozialwissenschaftliche Studie anmutet. Die Mittekiller fĂĽhren den Mittesound ad absurdum und zeigen dem Hipster erneut, was er da eigentlich tut. Hip zu sein und es scheiĂźe finden – damit sind Mittekill momentan nicht die Einzigen, aber sie machen es gut.
Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher Unterstützung von Panasonic.
Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag von Montag bis Samstag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.
Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Mitte“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.
Label: Staatsakt | Kaufen
Neue Platten: The Audience – „Hearts“
06.04.2012 von Diviam Hoffmann
(Hazelwood/Avantpop)
7,8
Hach ja, Franken erweist sich als ein unheimlich produktives Musikland. Nun steht die nächste Veröffentlichung an, die den Tag „NĂĽrnberg“ trägt. Das Album „Hearts“ kommt von The Audience, um die es vor etwa drei Jahren etwas still wurde. Dabei hatten sie 2007 und 2008 bereits zwei Alben veröffentlicht, die gar nicht so schlecht ankamen. Die Besinnungspause hat aber scheinbar noch einmal genutzt – jetzt wollen es die fĂĽnf Musiker aus Hersbruck bei NĂĽrnberg wirklich wissen. Das neue Album und gleich zwei Videoproduktionen, das klingt so ausgreift, als hätten sie jahrelang nichts anderes gemacht und kämen grade aus den UK-Charts fĂĽr einige Konzerte nach Deutschland.
Vielleicht haben sie in den drei Jahren in ihrer Funktion als Publikum statt als Band (Entschuldigung, der Bandname lädt aber auch dazu ein) einfach viel gute Musik gehört. So nimmt The Audience einige Einflüsse auf.
Was finden wir also auf „Hearts“ davon? Wir haben hier feinsten, gitarrenlastigen, rockigen Indie-Schramms, getragen von teils sehr melancholischen Vocals, oft dramatischem Hall und einer ziemlich präsenten Bass-Gitarre. Irgendwo zwischen Post-Wave und Post-Rock und Post-Punk-Prog-Rost kann das rockige Publikum aber auch mal ruhiger sein, wie im letzten Stück „Blinding Beams“. Angeblich liegt das Herz einer jeden Platte ja im vorletzten Stück, hier scheint es der letzte Song zu sein.
So gesehen sind dann die ersten beiden Stücke der Kopf, Repräsentanten des Albums und passenderweise die Singleauskopplungen. Vielleicht ein bisschen viel für den Anfang, weckt aber wie gewollt das Interesse des Gegenübers. Nach dem „Schön-dich-kennenzulernen“-Gerede vom Anfang (u. a. „Wolves“) kommt das Innere der Platte zum Vorschein. Dies deutet sich in „Waves“ schon mal an, wird später noch eindringlicher („Sirens“), bleibt aber ehrlich und zeigt dann sein Herz im letzten Stück. Am Ende ein wirklich netter Abend mit diesem Album, das sich dir so schön präsentiert hat, aber die Frage ist: Gehst du mit ihm oder lieber allein nach Hause?
Das Einzige, was hier nicht aufgeht, ist vielleicht der Titel und das Cover: „Hearts“ und ein BĂĽndel Haare. Aber wahrscheinlich steht da eine riesengroĂźe kunstgeschichtliche Idee dahinter, genau wie hinter den ganzen Post-Genres, die diese Band mit diesem Album anspielt.
Wurde ja auch mal Zeit, dass sich der Rezipient (ja, genau – das Publikum) gegen die einseitige Kommunikation der Musikbranche wendet und sich einmischt – eine ordentliche Platte.
Label: Hazelwood/Avantpop | Kaufen
Neue Platten: Addison Groove – „Transistor Rhythm“
03.04.2012 von Felix Helmecke
(50 Weapons)
5,4
Der Dubstep-Produzent Antony Williams alias Headhunter veröffentlicht im März 2012 unter seinem neuen Pseudonym Addison Groove sein DebĂĽtalbum „Transistor Rhythm“. Der gebĂĽrtige Bristoler begann frĂĽh als DJ und legte vorwiegend Grime auf. Davon ist heute nicht allzu viel ĂĽbrig geblieben. Ab 2007 versorgte er die Clubs rund um den Globus mit seinem Dubstepsound. Die Songs auf seinem ersten Album als Headhunter, „Nomad“, das 2008 auf Tempa erschien, entstanden alle an anderen Orten der Welt. Diese EinflĂĽsse waren auf dem Erstlingswerk stark hörbar, auch auf dem DebĂĽt von Addison Groove taucht dieser Facettenreichtum wieder auf.
Als 2010 die Single „Footcrab“ erschien, schlug das hohe Wellen. Nicht nur in Dubstep-Kreisen – vor allem die neu entstandene Chicagoer Jukekultur feierte den Track. Dieser Tage ist es also nun so weit und das DebĂĽtalbum kommt heraus. „Transistor Rhythm“ trägt den Namen nicht umsonst. Ein Transistor verstärkt elektronische Signale, und genau das passiert auf diesem Album.
Man sollte sich um seine Gesundheit sorgen, wenn man seinen Körper diesen starken Bässen aussetzt, die Addison Groove einem vor den Kopf schmeiĂźt. Das Album wird komplett durchzogen von tiefen Basslinien und wenig Gesang. Wenn dieser mal vorhanden ist, dann werden die paar Worte auch im ganzen Song wiederholt. Vereinzelt treten Technobeats („Sooperlooper“) und Steeldrums („Rudeboy“) auf, die dem Fluss des Albums eine gewisse Milde verschaffen und einen Kontrast zum ewig deepen Bassgewirr bilden. Auch afrikanische Klänge („Night To Remember“) werden angeschlagen, allerdings wird das gemischt mit Old-School-HipHop. Kurz relaxen kann man auch („Energy Flash Back“), aber wirklich nur sehr kurz, bis es dann weiter geht im Bassdschungel. Einen Hauch Deep House gibt’s dann noch obendrauf, um mit der Zeit zu gehen („Ass Jazz“).
„Transistor Rhythm“ ist ein Konglomerat aus Dub, HipHop und Juke. Ob das Album in den eigenen vier Wänden ebenfalls funktioniert, bleibt fraglich. Clubtauglich ist diese Mischung allemal. SchlieĂźlich wird das Album auf 50 Weapons veröffentlicht, dem Label von Modeselektor – keine schlechte Ausgangssituation.
Label: 50 Weapons | Kaufen
« Vorherige Seite — Nächste Seite »







