Neue Platten: Black Rain, Cut Hands und Killing Sound

Cover des Albums Festival Of The Dead von Cut HandsCut Hands – „Festival Of The Dead“ (Blackest Ever Black)

9,2

Schon nach Sekunden öffnet sich das Tor zu einer anderen Welt. Eine Welt, in der keine Stille herrscht und ein ständiges Rauschen existiert, in das sich immer wieder schreiartige Töne drängen, die so klingen wie die elektronisch verzerrten Vogellaute in Hitchcocks „Die Vögel“ und sich schon bald in klirrend hohe Sounds verwandeln. Als dann die unnatĂĽrlich verhallte Frauenstimme das Wort ergreift und emotionslos von „altered brain document systems“ spricht, steht fest: Das neue Album des enigmatischen Post-Industrial-Duos Black Rain ist eine Mischung aus dĂĽsterem Science-Fiction-Soundtrack und musikgewordenem Film Noir: vertrackt-nervöse Rhythmen („Endourban“ und „Data River“), eine zwischen Unbehagen und Melancholie liegende Grundstimmung und zähflĂĽssige Klangtexturen, die sich durch eine menschenleere Landschaft ziehen („Watering Hole“) – wie die Schatten in den alten Noir-Streifen, die stets dunkler und größer sind, als sie es sein dĂĽrften.

Das Cinematische und Narrative an „Dark Pool“ ist Konzept. Nicht nur der Name des aus dem New Yorker Stuart Argabright und dem japanischen Musiker Shinichi Shimokawa bestehenden Projekts ist dem gleichnamigen Film von Ridley Scott von 1989 entlehnt. Die GrĂĽndung von Black Rain 1995 geht auf die Produktion des Soundtracks von „Johnny Mnemoni“ zurĂĽck, einem trashigen Cyberpunk-Film mit Keanu Reeves.

Auch das 18 Jahre später erschienene DebĂĽtalbum ist maĂźgeblich von Science-Fiction wie etwa Paolo Bacigalupis 2009 erschienenen Roman „The Windup Girl“ inspiriert, einer Dystopie ĂĽber ein 23. Jahrhundert, in dem die Menschheit von biotechnologischen Konzernen beherrscht und terrorisiert wird.

Nur selten tauchen humane Elemente auf, wie etwa in „Profusion I“, in dem eine ätherische Frauenstimme opernhafte Melodien singt. Dass diese Stimme wirkt wie der letzte Rest einer Menschlichkeit, verweist auf eines der zentralen Themen des Albums: Entfremdung. Ein Leitmotiv, das auch der Science-Fiction-Autor William Gibson verwendet, um seine apokalyptischen Zukunftsszenarien plausibler zu machen.

Das Besondere an „Dark Pool“ ist die stilistische Spaltung aus kruder 80er-Industrial-Ă„sthetik und zeitgenössischen Formen apokalyptischer Clubmusik wie etwa Sandwell District oder dem entschleunigten Drone-Dub der britischen Labelkollegen Raime.

Apropos, dass Black Rain 18 Jahre nach dem Soundtrack des gefloppten Kinofilms ĂĽberhaupt noch Musik machen, liegt wohl auch an der Ăśberzeugungsarbeit von Kiran Sande, dem Macher des Londoner Labels Blackest Ever Black, das 2010 als Output fĂĽr weirde Clubmusik an der Schnittstelle von Doom Metal, Dub, Industrial und Postpunk gegrĂĽndet wurde. Und das innerhalb von nur vier Jahren mit seiner eigenwilligen Ă„sthetik weltweit bekannt geworden ist.

Neben Black Rains DebĂĽt erschienen dort vor Kurzem die DebĂĽt-EP des Bristoler Dub-Kollektivs Killing Sound oder das Album „Festival Of The Dead“ von Cut Hands, dem Nebenprojekt des Noise/Industrial-KĂĽnstlers William Bennett. Während die an dekonstruiertem Dubstep, Jungle und Drone geschulten Tracks von Killing Sound zeitweise hymnenartigen Charakter haben, ist das Ende Oktober erschienene Cut-Hands-Album eine radikal unterkĂĽhlte Spielart zeitgenössischer Clubmusik. Der ausschlieĂźlich aus metallischen Percussions und einem gnadenlos hämmernden Bass bestehende Track „The Claw“ kommt dem wohl am nächsten, wofĂĽr das britische Label, neben all den entschleunigten DronekĂĽnstlern, allen voran Dalhous, Nina oder Bremen, steht: kompromisslose, nihilistische Ritualmusik, die stets ĂĽberrascht und aufweckt, wenn nicht sogar verstört.

Der Name des Labels ist Programm, jetzt mal abgesehen von der Ambivalenz zwischen ironischem Seitenhieb und musikästhetischer Exaktheit. Es geht nicht einfach um ein Schwarz, es geht um den schwärzesten aller möglichen Schwarztöne. Eine Musik, die sich in ihrer Verweigerung von Konventionen, ihrer Atonalität und Lust am Exzess bestens zur Katharsis eignet.

Sowohl Black Rains „Dark Pool“ und die jĂĽngste EP von Killing Sound als auch „Festival Of The Dead“ transportieren den Hörer in eine andere Welt, seien es Science-Fiction-Dystopien, paranoide Innenwelten oder verschwommene Tagträume aus der eigenen Jugend. Diese Musik ist neben allem Eskapismus immer auch eine Huldigung an das Chaos der Gegenwart. Musik, bei der alles ein wenig erträglicher erscheint.

Label: Blackest Ever Black
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Neue Platten: Umherschweifende Produzenten – „Elektronische Musik“

20.11.2014 von  

Cover des Albums Elektronische Musik von Umherschweifende ProduzentenUmherschweifende Produzenten – „Elektronische Musik“ (From Lo-Fi to Disco!)

7,2

Wir schreiben das Jahr 2014. Ein Gespenst geht um auf der Welt, das Gespenst der AuĂźerirdischen. Eine Gruppe dieser AuĂźerirdischen – genauer gesagt der sexualdemokratische FlĂĽgel der AuĂźerplanetarischen Opposition – tritt an mit einem dezidierten „Masterplan“ (so auch der Titel des Eröffnungstracks auf „Elektronische Musik“), der es vorsieht, den Kapitalismus zu ĂĽberwinden und eine klassenlose Gesellschaft jenseits dieses Systems, kurz: den sogenannten Future-Kommunismus anzustreben. So sollen ihre Ideen und poppolitischen Ziele auf der Erde verbreitet und deren Bewohner – auch bekannt als Menschen – inspiriert werden. Demzufolge erfuhren im Laufe der Jahrtausende alle wichtigen Vertreter – sei es aus Philosophie, Kunst, Film oder eben Musik – Inspiration von diesem so mysteriösen Kollektiv. Gegenwärtig hat jene AuĂźerplanetarische Opposition zwei Auserwählte zu uns gesandt, die wir vormals unter King Fehler alias Knarf Rellöm (Huah!, Knarf Rellöm Trinity, Die Zukunft et al.) und Manuel Scuzzo (Misses Next Match) kannten, und hat jene mit einem Konzeptalbum beauftragt. Demzufolge präsentiert uns dieses extraterrestrische Duo ein Album auf diversen vermittelnden Elementen, deren Cover ihre Entstehungsgeschichte erzählen. Bereits im letzten Jahr gegrĂĽndet, benennen sich die Umherschweifenden Produzenten nach dem gleichnamigen Werk (Untertitel: „Immaterielle Arbeit und Subversion“) des italienischen Marxisten Antonio Negri und werden beauftragt, „repetitive Musik und repetitive Texte, Texte ohne Meinung und GefĂĽhl“ zu erschaffen. Die beiden sehen sich klar in der Tradition Sun Ras und manifestieren dessen afro-futuristische Philosophie des „Space Is The Place“ hier als Credo: Wenn dieser Planet, das Diesseits nur noch von Dummheit regiert wird, hilft lediglich noch die Flucht ins All. Ein transzendentales Heilsversprechen, das die futuristische Sehnsucht als elementaren Bestandteil der Popgeschichte heraufbeschwört.

KĂĽrzlich zu Gast im ByteFM-Interview mit der Frankfurter Radiogröße – dem ehemaligen (Weltraum-)Taxifahrer – Klaus Walter wurde eine entschlossene Zäsur manifestiert: „Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei. […] Niemand kann mehr behaupten, er hätte von nichts gewusst. […] Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder Authentizität!“, so ein Abgeordneter der AuĂźerplanetarischen Opposition. Hier wird authentischem Blues- und Country-Rock in vielerlei Hinsicht eine klare Absage erteilt. Das maschinelle Geplucker des Sequenzers läuft entgegengesetzt zum menschlichen BedĂĽrfnis einer musikalischen Seele. Zudem verfremden die ĂĽbermenschlich anmutenden Vocoder- bzw. Kaospad-Einsätze die Stimmen derart, sodass Walters These untermauert wird, der kluge Einsatz dessen könne Geschlechtergrenzen ĂĽberwinden bzw. die dichotome Geschlechtereinteilung unterlaufen.

In „Migration“ wird die realpolitische Situation der Armutsflucht und Verteilung von Informationen dahingehend aufgegriffen, dass auf andere Planeten migriert wird und die Prophezeiung des Schicksals von einigen Wenigen eines Tages alle haben werden. Ein Modell, dass uns aus Sci-Fi-Romanen bereits bekannt sein dĂĽrfte, wird hier modifiziert: Das Privileg auf andere Planeten auszuwandern wird nicht länger ausschlieĂźlich Eliten vorbehalten, sondern ganzheitlich verfĂĽgbar sein, sodass die Menschheit einen Konsens finden muss, gemeinsam zu emigrieren.

„Alternative Energie“ setzt dort an, wo Kraftwerk mit „Radio-Aktivität“ aufhörten und denkt dies thematisch weiter. Doch auch musikalisch gibt es eine Fortschreibung dessen: visionärer Synth-Pop im Sinne der vier DĂĽsseldorfer Mensch-Maschinen, der den kosmischen Dada-Pop Felix Kubins auf der einen und den LSD-getränkten Wahnsinn Walter WegmĂĽllers auf der anderen Seite des Orbits tangiert. Im Titeltrack wird das Medium zur Massage und schlieĂźlich liefern die Produzierenden gleichermaĂźen Problem sowie Lösung, sodass sich ein Leitsatz im Geiste Devos aufdrängt: Are We Men? We Are Umherschweifende Produzenten!

Kam Fred 1981 in Andreas Doraus Klassiker noch vom Jupiter, so zirkuliert er einige Lichtjahre später in einer mindestens genauso fernen Galaxie. Was allesamt gemein haben: Sie wurden inspiriert von der Außerplanetarischen Opposition.

Der in der Vorgeschichte erwähnte Auftrag, „einfach nur Beschreibungen der Situation“ anzufertigen, ist auf einen weiteren Inspirierten zurĂĽckzufĂĽhren, nämlich auf Rainer Werner Fassbinder und dessen Einsicht: „Wenn du die Dinge nicht verändern kannst, musst du sie beschreiben.“ Auch wenn dieses Vorhaben einer Dokumentation des Zustandes der modernen Welt mit der Abwesenheit von Individualität und persönlichen Befindlichkeiten als schier unmögliches Unterfangen erscheint, so verhilft der Ansatz der Mensch-Maschine hier zu einem utopischen Seinszustand.

Tune In – Turn On – Drop Out.

Label: From Lo-Fi to Disco!
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Neue Platten: EinstĂĽrzende Neubauten – „Lament“

Cover des Albums Lament von EinstĂĽrzende NeubautenEinstĂĽrzende Neubauten – „Lament“ (BMG Rights Management)

9,3

Ganz langsam nähert es sich, das sich ins Gehör beiĂźende Quietschen und Schleifen und das bedrohliche Brodeln im Hintergrund, das klingt wie das amplifizierte Lodern eines Feuers. Bis sich alles in einem langgezogenen Männerschrei entlädt. „Kriegsmaschinerie“, der erste Song des neuen Albums der EinstĂĽrzenden Neubauten, katapultiert die Hörer direkt ins Geschehen. Diese Schreie, sie stammen womöglich von Soldaten, die in ihre erste Schlacht ziehen, infiziert von Zerstörungswut und fehlgeleiteter Kriegsromantik.

„Lament“ ist eine Art musikalische Erzählung ĂĽber den 1. Weltkrieg, die von der Situation vor dem Ausbruch aus Sicht der Stadt Diksmuide handelt. Die belgische Stadt hatte die Band anlässlich des 100. Jahrestages offiziell beauftragt. Der Sänger Blixa Bargeld sagte im Vorfeld in einem Interview, es sei kein reines Neubauten-Album geworden, sondern ein Auftragswerk. Doch „Lament“ ist mit seiner charakteristischen Geräuschlastigkeit bei gleichzeitigem Popappeal und vor allem den nicht selten ins Absurde rutschenden BrĂĽchen eigentlich genau das: ein neues, sehr zeitgemäßes Album von den Industrial-Pionieren.

Es ist ein schöner Zusammenzuck-Effekt, wenn zu Beginn des zweiten Songs plötzlich ein Männerchor in der Melodie von „God Save The Queen“, der englischen Nationalhymne deutsch-patriotische Zeilen schmettert: „Heil dir im Siegerglanz, Herrscher des Vaterlands, God save the king“. Das kalkulierte Unbehagen, das solche Signalwörter auslösen, ist seit jeher eines der Leitmotive der Band, deren Musik immer schon teutonische Ă„sthetiken und gelegentlichen Dadaismus verband. Wie etwa im Song „The Willy – Nicky Telegrams“, das mit seinem vordergrĂĽndigen Autotune-Gesang so klingt, als fĂĽhre im Moment des Hörens ein schwarz lackierter BMW mit dem neuesten US-Shit vorbei.

Der Ausflug in die aktuelle Poplandschaft wird beantwortet von der konzeptuellen „Lament“-Trilogie, die mit einem meditativ-bedohlichen DronestĂĽck beginnt, in dem ein verfremdeter Chorgesang die anstehende Apokalypse anzukĂĽndigen scheint. Das darauffolgende „Lament: 2. Abwärtsspirale“ erinnert mit seinen metallischen Schlägen und spannungsgeladenen Glissandi an die frĂĽhen Neubauten. Das StĂĽck teilt das Album gleichzeitig in zwei Hälften und ist eine Art musikalisch-mathematisch Studie, wie den Linernotes zu entnehmen ist. So fallen die Töne darin spiralförmig ab, basierend auf einem Muster, das aus den einzelnen Zahlen des letzten Kriegsjahres besteht: 1-9-1-8.

Die Songs der EinstĂĽrzenden Neubauten waren immer schon auch musikgewordenes Storytelling. Auf „Lament“ haben sie das perfektioniert wie nie zuvor. In „How Did I Die?“, einem paranoiden Trip durch eine postapokalyptische Landschaft, fragt sich eine Stimme im Angesicht einer zerstörten Welt:

„How did I die? Or didn’t I?“, und evoziert dabei dĂĽstere Bilder: „A strip of murdered nature, it seems like it belongs to another world, every sign of humanity has been swept away, the woods and roads have vanished like chalk“.

Was die Texte so besonders macht, ist ihre Ambivalenz und ihr Mut, wie im Fall von „God save the queen“, auch die falschen, die gescheiterten Perspektiven einzunehmen, ohne dabei in einen revisionistischen Pathos eines Ernst JĂĽnger oder eine hyperreflektiv-postmoderne Metaebene zu verfallen.

„Ich weiĂź inzwischen, und das ist ja gerade heute sehr wichtig, dass Krieg nicht einfach kommt und wieder verschwindet. Krieg bricht nicht aus wie eine Seuche. Er ist immer präsent“, sagte Blixa Bargeld in Bezug auf das Album. Und genau das gelingt der Band mit „Lament“. Einen alternativen Raum zu öffnen, in dem das Schreckliche im Schönen, aber auch das Schöne im Schrecklichen Platz hat.

Label: BMG Rights Management
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Neue Platten: Deerhoof – „La Isla Bonita“

05.11.2014 von  

Cover des Albums La Isla Bonita von DeerhoofDeerhoof – „La Isla Bonita“ (Altin Village & Mine)

8,1

Deerhoof machen zu ihrem 20-Jährigen das Dutzend voll und beschenken sich mit einem Album, das zunächst auf den klangvollen Titel „La Isla Bonita“ – die schöne Insel – hört und demnach auf Madonnas gleichnamigen Nr.-1-Hit aus dem Jahre 1987 Bezug nimmt. Gehostet wird die runde Geburtstagsparty (zumindest in Europa) auf dem qualitativ herausragenden Leipziger Label Altin Village & Mine, dessen jĂĽngste Veröffentlichungen („Life Under Palmtrees“ von Jason & Theodor, „Unbreak My Heart“ von Young Hare u. a.) ähnlich paradiesische Assoziationen zulassen und ebenso wenig vor vermeintlich „cheesigen“ Referenzen zurĂĽckschrecken.

Aber Deerhoofs Zitierfreudigkeit wurde im Laufe der Jahrzehnte v. a. auf ihre Bewunderer transferiert. So wirkte ihre Strahlkraft auf solch omnipräsente Vertreterinnen und Vertreter, die mitunter jenen kommerziellen Erfolg verbuchen konnten, der ihrer Inspirationsquelle stets verwehrt blieb: St. Vincent, Dirty Projectors, tUnE-yArDs oder auch die Flaming Lips berufen sich allesamt auf Deerhoof, haben deren DNA adaptiert und verinnerlicht. Von Seiten der Popkritik wurden die vier aus Kalifornien bzw. Japan seit jeher fĂĽr die fehlende Funktionalität ihrer Songs geschätzt. Martin BĂĽsser schrieb einst ĂĽber Deerhoof: „Die Verbindung von Pop und Avantgarde muss nicht notgedrungen im Staatstheater enden oder sich danach anhören“.

Dementsprechend unkonventionell klingt auch „La Isla Bonita“. Seitdem sich die Mitglieder in so ziemlich alle geographischen Richtungen der Vereinigten Staaten verteilt haben, verlagerte sich das jeweilige Betätigungsfeld zunehmend in Richtung Produktion und (Re-)Mixing (u. a. fĂĽr Asobi Seksu, Xiu Xiu, Delta 5, Parenthetical Girls und E.D. Sedgwick), was nun deutlich spĂĽrbar ist. Die Soundästhetik auf „La Isla Bonita“ changiert zwischen schroff und irgendwie eingängig („Black Pitch“), elegisch und nervös („Paradise Girls“), kurz: zwischen Nerv- und Nerdmusik.

Die scheinbare Schönheit des ätherischen Dream-Poppers „Mirror Monster“ trifft dabei auf die kantige Sperrigkeit von „Last Fad“. „How do you want to live?“, fragt Sängerin und Gitarristin Satomi Matsuzaki gewohnt unbeschwert in „Doom“ und gibt ein paar Takte später mit einem flatternden und doch so lebensbejahenden „Deny!“ eine mögliche Antwort darauf. Die Dub-infizierte Rhythmik von „Tiny Bubbles“ kommt derart erfrischend daher, als hätte der frĂĽhe britische Post-Punk um Bands wie The Pop Group und This Heat, The Slits und Lifetones nie stattgefunden. Getreu dessen Prinzip des „Rip It Up And Start Again“ vollbringen es Deerhoof selbst 35 Jahre später, alles einzureiĂźen, um in diesem Sinne eine gänzlich originäre Formen- und Klangsprache zu entwickeln, die eben ihren Wiedererkennungswert ausmacht. Auch 2014 negieren sie gewohnte bzw. tradierte Hörgewohnheiten, dekonstruieren gängige Rockismen, die dazugehörigen Song-Schemata und setzen aus all diesen Fragmenten ein vielschichtiges Album mit der so Deerhoof-typischen Weirdness zusammen.

Auch wenn die Rezeption Deerhoofs mitunter in einem diffusen Feld aus Noise-Rock, Art-Punk und Queer-/Genderkontext stattfand, erscheint jenes Korsett doch zu eng. So versteht es das Quartett aus San Francisco wie kaum eine zweite gegenwärtige Band, ihren ganz eigenen Kosmos aus besagtem Krach und Pop, Atonalität und Minimalismus zu erschaffen. Verwurzelt im (DIY-)Punk, bestand und besteht auch weiterhin Deerhoofs spezifischer Verdienst darin, ihren Entwurf einer leidenschaftlichen (Gitarren-)Musik auf so unprätentiöse wie mitreißende Weise aufzuzeigen und so eine Entsprechung von konsequenter künstlerischer Selbstverwirklichung zu sein.

Label: Altin Village & Mine
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Neue Platten: Von Spar – „Streetlife“

Cover des Albums Streetlife von Von SparVon Spar – „Streetlife“ (Italic)

8,4

Nach ein paar Sekunden ist eigentlich bereits alles gesagt. Eine abfallende, dreitönige Melodie, ein begleitender Keyboardakkord und eine ziemlich clappige 80s-Snare. Dann vergehen 16 Takte, bis ein unaufdringlicher Gesang einsetzt. „Chain Of Command“ heiĂźt dieser erste Song des neuen Albums der Band Von Spar – und er enthält schon vieles von dem, was noch folgen wird. „Streetlife“ ist ein musikalischer Flirt mit angekitschtem Discosound, Synthiepop und „Eis-am-Stiel“-Soundtrack.

Die Kölner Band Von Spar hat sich im Laufe ihrer inzwischen elfjährigen Karriere immer wieder, Vorsicht: Floskel, neu erfunden. So folgte nach dem deutschsprachigen Indiepop-DebĂĽt „Die Uneingeschränkte Freiheit Der Privaten Initiative“ (2004) das von Krautrock beeinflusste Zweitwerk „Von Spar“ (2007). Nachdem sie 2013 im Rahmen des Kölner Week-End-Festivals zusammen mit dem Pavement-Sänger Stephen Malkmus eine Neuinterpretation des Albums „Ege Bamyasi“ der legendären Krautrockband Can gespielt hatten, bewegten sich Von Spar immer mehr in Richtung Club und fanden gleichzeitig neue Kooperationspartner. So arbeitete die Band fĂĽr das neue Album mit der britischen Sängerin Scout Niblett, der der deutschen Musikerin Ada und dem Kanadier Chris Cummings zusammen.

Die unterschiedlichen beteiligten Musiker hört man dem Album an. So wird der poppige Eröffnungstrack vom entschleunigten Funk des Songs „Breaking Formation“ abgelöst, bei dem im zweiten Teil ein Softporno-Saxofon losschmettert – ein eigentlich ganz lustiges Leitmotiv, das auch an anderen Stellen vorkommt, etwa im Song „Try Though We Might“, der sich zudem gut als Soundtrack fĂĽr eine deutsche Vorabendserie eignen wĂĽrde. Das Highlight ist jedoch das radikal reduzierte „Hearts Fear“, ein Track, der sich mit seinen frei schwebenden Tönen und rhythmischen Ăśberraschungen sehr zurĂĽckgelehnt aufbaut und mit seinem beeindruckend transparenten Sounddesign zwischen Dub, schwebendem Synthie-Pop und endlosen Hallräumen an The xx oder Zombys frĂĽhe Wonky-EntwĂĽrfe erinnert. „Streetlife“ passt eigentlich perfekt ins Jahr 2014. Denn mit seinen ständigen Referenzen auf 80s-Pop verklärt es zwar eine Vergangenheit, aber ohne dabei die Gegenwart aus den Augen zu verlieren.

Label: Italic
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Von Spar live, präsentiert von ByteFM:

24.11.14 Jena – CafĂ© Wagner
25.11.14 Berlin – Kantine am Berghain
26.11.14 Chemnitz – Atomino
27.11.14 Leipzig – Conne Island
28.11.14 Hamburg – Golden Pudel Club
29.11.14 Köln – Week-End Fest

Neue Platten: Groundation – „A Miracle“

Cover des Albums A Miracle von GroundationGroundation – „A Miracle“ (Soulbeats)

8,6

Auf neue Alben von Groundation wartet die weltweite Reggaeszene sehnsüchtig. Seitdem die Musik der kalifornischen Band über ihre Heimat hinaus bekannt wurde, zählt die Band um den mehr als charismatischen Sänger Harrison Stafford als die Rootsreggae-Band überhaupt. Regelmäßig werden ihre Auftritte in Hamburg, San Francisco, Barcelona, Paris, London oder wo auch immer mächtig gefeiert. Ihr Mix aus tiefem Rootsreggae und ausgefeiltem Jazz kommt an. Es scheint so, als ob gerade diese anspruchsvolle Herangehensweise den Unterschied macht und die Band aus dem Allerlei heraushebt. Einen wesentlichen Anteil hieran haben die virtuosen Musiker der Band, aber vor allem Harrison Stafford und Marcus Urani.

Mit „A Miracle“ legen die Kalifornier ihr neues Werk vor. Randvoll angefĂĽllt mit dem, was man von ihnen erwartet: verdammt ausgeklĂĽgelt komponierter und gespielter Reggae! Und selbstverständlich mit erlesenen Gästen. Dieses Mal geben sich zwei von drei I-Threes die Ehre: Marcia Griffiths und Judy Mowatt. Ein dritter Gast wurde bis zum Veröffentlichungsdatum geheim gehalten, um Spannung zu erzeugen. Es handelt sich um einen Beitrag der Sängerin Kim Powell, also einer weiteren Frau, die auf „Cupid’s Arrow“ ähnlich wie Judy Mowatt eher sanfte, soulige Töne beisteuert.

Als Produzenten des Albums haben Harrison Stafford und Marcus Urani, der unglaublich talentierte Tastenmann der Band, gemeinsame Sache gemacht. Insofern verwundert es nicht, dass Reggae und Jazz nahezu gleichwertig nebeneinanderstehen (man höre sich z. B. den Titeltrack featuring Judy Mowatt an). Dennoch erscheinen die Tracks auf „A Miracle“ eine Spur eingängiger als es bei frĂĽheren Alben der Fall war.

„A Miracle“ setzt den eingeschlagenen Weg der Kalifornier ĂĽberzeugend fort. Tief spirituell, spielfreudig, offen fĂĽr musikalische Erfahrungen und auf einem (wie immer) sehr hohen Niveau. Die alten und neu hinzukommenden Fans werden ihre Freude an diesem Album haben! Schon jetzt ist klar, dass es in keiner anspruchsvollen Sammlung fehlen darf.

Label: Soulbeats
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Neue Platten: Lily & Madeleine – „Fumes“

Cover des Albums Fumes von Lily & MadeleineLily & Madeleine – „Fumes“ (Asthmatic Kitty)

5,6

Harmonische Klaviermelodien, verträumtes Gitarrengezupfe und nahezu transparente Frauenstimmen, das sind seit jeher beliebte Geheimwaffen der Popmusik. Wenn diese Stimmen, die da aus den Boxen kriechen und einen zu umschmeicheln versuchen, wie im Fall von Lily & Madeleine dann auch noch zwei Schwestern gehören, dann ist das eine Konstellation wie aus dem Märchen. Nicht nur für die dahinterstehenden Mitarbeiter der Plattenfirma, in deren Augen sich die Dollarzeichen abzeichnen, sondern auch für alle, die im Folk sowohl eine verloren geglaubte Authentizität als auch das Heilsversprechen nach einer besseren Welt ohne Gegenwart, aber mit viel, wenn auch nicht selbst erlebter Vergangenheit suchen.

Das neue Album des US-amerikanischen Folk-Duos Lily & Madeleine „Fumes“ bietet das alles, und noch viel mehr. Denn die beiden genauso talentierten wie jungen Sängerinnen Lily und Madeleine Jurkiewicz besingen alles, was das Luxusproblem-Portfolio des behĂĽteten Teenagerdaseins so hergibt: von Selbstzweifel in Liebesbeziehungen ĂĽber allgemeine Wehmut bis hin zur existenziellen Verlorenheit und dem Wunsch nach Eskapismus. In „Ride Away“ heiĂźt es etwa: „Work by the window seeing the sun, dance on the ground, deep in your thoughts nobody knows the treasure you found“, gefolgt von der Wiederholung der Worte „Ride Away“ und unterstĂĽtzt vom einsetzenden Schlagzeugbeat, während der Bass spannungszersetzende Schlager-Quinten holzt.

Im Video zur Singleauskopplung „The Wolf Is Free“ inszenieren sich die beiden Schwestern als moossammelnde Elfen, die durch einen Wald schleichen, auf der Suche nach dem bösen Wolf. Dieser erweist sich am Ende als knuddeliges Tier mit treuem Hundeblick. Der böse Wolf, er bietet genau wie die Songs eine Projektionsfläche fĂĽr geschundene Seelen, die sich nicht zu schade sind fĂĽr etwas Kitsch im Alltag, an dem Lily & Madeleine aber eigentlich stets gekonnt vorbeischleifen. Zu vereinnahmend, zu unaufgeregt und ja, zugegeben, zu schön sind einige der Songs, um sie an dieser Stelle weiter mit Zynismus zu ĂĽberfrachten. Und dennoch wirkt das Album trotz seiner vorgegebenen Homogenität seltsam unentschlossen. Denn während das subtile „The Wolf Is Free“, in dem die beiden Musikerinnen fast durchgehend zweistimmig singen und das sogar ohne richtigen Refrain auskommt, noch irgendwie anders klingt, sind viele andere Produktionen zu sehr an Erfolgsrezepten des zeitgenössischen Pop orientiert. So erinnert das in extrem viel Hall badende „Blue Blades“ zu sehr an die Retrokönigin Lana Del Rey. Doch den eigenen Stil zu finden, erfordert viel Zeit. Und die haben die erst 17 und 19 Jahre alten Schwestern allemal.

Label: Asthmatic Kitty
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Neue Platten: Die Zimmermänner – „Ein Hund Namens Arbeit“

Cover des Albums Ein Hund Namens Arbeit von Die ZimmermännerDie Zimmermänner – „Ein Hund Namens Arbeit“ (Tapete)

8,3

Die Erschaffung der luziferischen Perfektion. – Oder: Wie „Ein Hund Namens Arbeit“ von Die Zimmermänner in absurder Leichtigkeit die meistgehassten Musikgenres des Musikliebhabers vereint.

Am Anfang erschuf Musikgott Hildegard Knef. Hilde war eine wahrere Erscheinung, haute mit ihrem kratzigen Gesang die Nachkriegsdeutschen aus den Latschen und kam doch ĂĽber das Chanson nicht hinaus.

Am zweiten Tag sprach Musikgott: „Papperlapapp, Chanson! Die Menschen mĂĽssen mitsingen, sich mitreiĂźen lassen! Sie sollen schwofen und schwippen.“ Und so schuf er den Schlager.

Des Schlagers ĂĽberdrĂĽssig musste fĂĽr Musikgott schnell ein neues Genre her: Die Neue Deutsche Welle. Mit Nena, Trio und Andreas Dorau gelang ihm ein wahrer Coup. Die Menschen waren auĂźer sich. Sie vergaĂźen gar all ihren Anstand.

Potzblitz! Musikgott war not amused. Flux folgte am vierten Tag die Erschaffung des 70er-Jahre-Pop. Mehr Beat, mehr Disko, mehr Glitzer – weniger Exzesse. So der Plan. Mit ABBA, Vicky Leandros und Boney M. sollte dem Treiben ein Ende bereitet werden. Doch, welch Elend – der Mensch war beratungsresistent.

Also sprach Musikgott: „Gebet mir den 80er-Sound!“ Wenn nichts hilft, dann hilft Synthiesound. Regler rauf, E-Piano an, zweistimmiger Gesang. Nun war alles verloren. Es wurde getanzt, gejauchzt und gefeiert, keiner kam mehr seinen Verpflichtungen nach.

„Wer sich so verausgabt, soll eine Pause bekommen“, so Musikgott. Auf die wilden letzten fĂĽnf Tage folgte am sechsten Tag die Schaffung des Deutschpop. Vorne dran: Die Prinzen. Volkswitzige Konsenstexte mit einer Prise Esprit. Endlich aufatmen. „Doch nehmt euch in Acht! Am siebten Tag werdet ihr all eure Kräfte benötigen.“ Die Warnung des Musikgotts sollte nicht umsonst ausgesprochen werden, denn …

Am siebten Tag vollendete Musikgott sein Schaffen. Ihm gelang ein wahrer Streich. Er vereinte alle Errungenschaften der ersten sechs Tage in einem. So entstand: die Perfektion der meistgehassten Musikgenres des Musikliebhabers – Die Zimmermänner.

Die Zimmermänner hatten mit ihrem Werk „Ein Hund Namens Arbeit“ zwölf StĂĽcke in die Welt gesetzt, die grotesk bis mitreiĂźend, schwofig bis animierend, deutschpopig bis schlageresk waren. Detlef Diederichsen und Timo Blunck jonglierten geschickt mit Worten, reimten ungeschickt Verse und setzten gewitzt auf den altbekannten Hang zu einfachen Melodien.

„Ein Hund Namens Arbeit“ war eine geniale Platte, die manchmal beinahe ein bisschen angeberisch wirkte. So liebten Die Zimmermänner Querverweise auf Kultur, Politik und Gesellschaft, die die Menschen zum GrĂĽbeln brachten. Die Musiker bedienten sich spielend leicht der absurdesten Sinnzusammenhänge und reihten die einfachsten Melodien aneinander. Das alles war genial. Das alles war Ausdruck puren Könnens und groĂźer Spielfreude. Das alles war der simple Beweis: Uncoolsein kann so cool sein.

Und Musikgott? Der lag zufrieden in den Federn und labte sich an seiner Selbstkrönung ob dieses Meisterwerks. Der Angeber.

Label: Tapete

Neue Platten: Scott Walker + Sunn O))) – „Soused“

Cover des Albums Soused von Scott Walker + Sunn O)))Scott Walker + Sunn O))) – „Soused“ (4AD)

7,4

Ein zähflĂĽssiger Drone, ein weit entferntes Pfeifen, das klingt wie ein verfremdeter Schmerzschrei, der von scheinbar zufällig hereinpreschenden Metallschlägen beantwortet wird. Das ist der Sound, den man von Sunn O))), dem US-amerikanischen Drone-Metal-Duo, gewohnt ist. Wäre da nicht plötzlich diese beiĂźende Tenorstimme, die so aufdringlich ist wie Fernsehwerbung während eines Spielfilms – und dabei auch noch kryptische Textzeilen singt wie: „A beating would do me a world of good“. Doch ich will hier nichts ĂĽberstĂĽrzen. Die Stimme gehört zu Scott Walker, einem englischen Sänger, der niemand Geringeres als David Bowie zu seinen treuesten Fans zählen kann. Der heute 71-Jährige wurde in den 1960er-Jahren mit der Band Walker Brothers weltberĂĽhmt, bevor er sich nach der Auflösung fĂĽr eine Solokarriere als Chansonnier entschied – und dann so unterschiedliche Musiker wie Damon Albarn, Jarvis Cocker oder The Last Shadow Puppets beeinflusste.

Dass die oft in Mönchskutten gekleideten Sunn O))) den Sänger nun fĂĽr ihr neues Album „Soused“ engagiert haben, wirkt nur auf den ersten Blick unpassend fĂĽr die Musik des enigmatischen Duos, das in ästhetischer Hinsicht irgendwo zwischen Black Metal, soundgewordenem Gottesdienst und den avantgardistischen Klangexperimenten von Neuer Musik angesiedelt ist. Denn Sunn O))) orientieren sich mit ihrer vor allem auf Körperlichkeit abzielenden Musik seit jeher an avantgardistischen Ideen.

Und Avantgarde bedeutet immer auch, Konventionen zu zerstören und Gewohnheiten zu unterlaufen. Die Musik aus organisiertem Dröhnen und dem von Gregorianik und Opern beeinflussten Gesang erfordert eine gewisse Zeit, bis sie ihre eindringliche Atmosphäre entfaltet. Musikalisch bleibt sich das Duo bis auf einige neue Referenzen wie etwa die hohen Glissandi-Töne des polnischen Komponisten György Ligeti weitgehend treu. Keiner der fünf Songs ist kürzer als acht Minuten, ein bedrohliches Hintergrundrauschen ist allgegenwärtig und die verzerrt-atonalen Akkorde werden bis aufs Äußerste gedehnt.

Während sich die helle Stimme wie ein dauerhafter Kontrapunkt durch die reduzierten wie dĂĽsteren Klanglandschaften zieht, passt die Thematik der Texte schon wesentlich besser zur mythisch aufgeladenen Musik. Denn die oft sehr bildhafte Sprache Walkers erinnert nicht nur thematisch, sondern auch metrisch an die dĂĽstere Lyrik von Poeten wie T. S. Eliot. Der Song „Herod 2014″ etwa ist eine musikalische Interpretation des Massakers, das König Herodes der Bibel zufolge einst in Bethlehem verĂĽbte.

Das lässt sich einerseits als Flucht in vergangene Zeiten lesen, aber auch als Brücke in die Gegenwart. Denn die biblische Interpretation eignet sich perfekt als kritischer Kommentar auf die barbarischen Verhältnisse unserer Gegenwart.

„Soused“ ist eine Herausforderung, aber eine, die sich lohnt. Denn das Album setzt vor allem kathartische Kräfte frei, indem es vergessene Dämonen der Menschheitsgeschichte mit denen der leider realen Gegenwart koppelt. Zeitgemäßer könnte Musik nicht sein.

Label: 4AD
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Neue Platten: Thurston Moore – „The Best Day“

15.10.2014 von  

Cover des Albums The Best Day von Thurston MooreThurston Moore – „The Best Day“ (Matador)

7,9

Das vorläufige Ende von Sonic Youth schien das Schlimmste und gleichermaĂźen Beste heraufzubeschwören, was dem einflussreichen Krachkollektiv widerfahren konnte. Jenes dialektische Verhältnis speist sich einerseits aus der enormen Relevanz, die jene Gruppe nicht nur als Rolemodels und Identifikationsfläche fĂĽr die einst so medienwirksam betitelte Generation X darstellte, sondern darĂĽber hinaus fĂĽr eine radikale Politisierung und Subversion mittels Ă„sthetik und die Verbindung von Sub- und Hochkultur, von Neuer Musik, Jazz und Punk hatte. Die unprätentiöse – trotz oder gerade wegen Kunsthochschule zumeist autodidaktische – Herangehensweise des No Wave im New York der späten 1970er- und frĂĽhen 1980er-Jahre wurde konsequent weitergedacht und so waren die Makers of Cool mit einer Bandgeschichte von fast drei Dekaden ein popkulturelles Relikt, was die symbiotische Umsetzung verschiedenster kreativer Felder wie Musik, Film, Literatur, Performing Arts und bildender Kunst angeht. Ich möchte bewusst vermeiden, an dieser Stelle von „in WĂĽrde altern“ zu sprechen.

Waren die Soloarbeiten der jeweiligen Individuen einst Nebenschauplätze und vom Projektcharakter geprägt, so entstand ab der dramatischen Trennung vom einstigen Indie-Traumpaar Gordon-Moore nach 27-jähriger Ehe und einer gemeinsamen Tochter Raum für Neues und so wurde mit durchaus spannenden Releases über die schleichende Auflösung (?) hinweggetröstet. Steve Shelley sprang kurzzeitig als vollwertiges Mitglied der Chicagoer Kraut-Wiedergänger Disappears ein und ist als Session-Drummer für Spectre Folk, Sun Kil Moon (et al.) tätig. Lee Ranaldo veröffentlichte indes zwei zeitlos-frische, von Psychedelic, Yo La Tengo und seiner Jugend bzw. Kindheit beeinflusste Alben. Kim Gordon widmete sich u. a. ihrer bald erscheinenden Autobiografie und dem fordernden Noise-Duo Body/Head. Und Thurston Moore?

Der stets extrovertierteste der vier alternden Ewig-Jugendlichen veröffentlicht nach Chelsea Light Moving und gar gruseligen AusflĂĽgen im Black Metal mit „The Best Day“ sein insgesamt viertes Soloalbum und zugleich erstes seit vier Jahren bzw. der Trennung, welcher eine rund sechsjährige (!) Affäre mit der gemeinsamen Freundin und Verlagspartnerin Eva Prinz – die Moore im Ăśbrigen ĂĽber Gordon kennenlernte – vorausging. Dieser Fakt und die gleichzeitige Verehrung des kĂĽnstlerischen Schaffens (Stichwort Dialektik) lässt „The Best Day“ zunächst vielmehr als Worst Case erscheinen, sodass es ein schier unmögliches Unterfangen darstellt, die Platte unvoreingenommen zu rezensieren. Damit einhergehend bin ich dazu geneigt, solch breitbeinige Gitarrensoli wie im Titelsong nicht mehr als ironische, ĂĽberaffirmative Aneignung stilistischer Mittel klassischer Rockwerke der 70er-Jahre (wie es hingegen auf „Daydream Nation“ aus dem Jahre 1988 der Fall war) zu dechiffrieren, sondern differenzierter und wesentlich kritischer in einem Kontext zu bewerten, von dem sich Moore jederzeit explizit distanzierte und wahrscheinlich auch noch heutzutage lossagen wĂĽrde – nämlich vom sogenannten „Dude-Core“ (O-Ton Moore), dem GroĂźteil des kulturindustriellen Establishments von Typen, die mit phallisch eingesetzten Gitarren Musik im Allgemeinen und Punk bzw. Indie-Rock im Speziellen fĂĽr ein männliches Publikum produzieren. Von Jungs fĂĽr Jungs eben.

Doch zurĂĽck zum besten Tag: Das Coverartwork zeigt Moores Mutter. Diese sieht darauf ähnlich unbeschwert und losgelöst aus, wie der Eröffnungstrack mit dem Titel „Speak To The Wild“ klingt. Bewegte sich der passionierte Sammler von Sun-Ra-Platten zuvor meist im Spannungsfeld von Avantgarde, Impro bzw. Noise und 12-saitigen Akustikversionen mit Beck Hansen, so vermag „The Best Day“ noch mehr als die letzten Outputs von Lee Ranaldo Assoziationen zu den Spätwerken Sonic Youths oder auch „A Thousand Leaves“ (von 1998) hervorzurufen und spielt mit altbekannten Songwriting-Trademarks wie dissonanten, atonalen Akkorden und Steve Shelleys Neu!-beeinflussten Motorik-Beats, aber auch mit Moores Affinität fĂĽr endlos mäandernde Jams, wie das darauffolgende gut 11-minĂĽtige „Forevermore“ hypnotisch-vertrippt unter Beweis stellt. Aber Diversität möchte nach wie vor gewahrt werden: So jongliert das akustische „Tape“ erneut mit arabischen Skalen und ein eigentlich so prädestinierter Kim-Gordon-Track wie „Grace Lake“ oszilliert in einem entrĂĽckten Intrumental. Neben Shelley – dem bereits erwähnten Weggefährten aus Sonic-Youth-Zeiten – wird Moore des Weiteren vom britischen Musiker James Sedwards und Debbie Googe von My Bloody Valentine begleitet, was den Wegfall von Gordon und Ranaldo natĂĽrlich nicht kompensieren kann, dies womöglich aber auch gar nicht will.

Insofern ist dieses Album als für sich allein stehender, begeisternder Neuanfang mit fadem Beigeschmack zu verorten, der es durchaus versteht, das entstandene Vakuum zu füllen und gespannt in eine ungewisse Zukunft blicken lässt.

Und vielleicht wird es ja irgendwann doch noch was mit einer Reunion, wenn auch nur als Finanzspritze. So gab Moore bereits 2007 gegenüber einer Onlineplattform offen zu, sich darüber zu ärgern, Sonic Youth nicht frühzeitig aufgelöst zu haben und im Gegensatz zu Dinosaur Jr. oder den Pixies nun keine gut bezahlten Reunion-Shows zu spielen.

Label: Matador
Kaufen: artistxite-Shop

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