Neue Platten: Moss – „Ornaments“
31.01.2012 von Monique Schmiedl
(Excelsior Recordings)
8,1
„A Real Hero Dies In The End“, so der Titel eines Songs von Moss‘ neuer Platte „Ornaments“. Hoffentlich nicht! Denn dann wäre das neue Werk der Holländer vollkommen zu kurz gekommen und schnell in die „Dead-But-Still-Somehow-Alive“-Ecke geschoben. SchlieĂźlich haben die vier Herren das Potenzial, die neuen Helden der Indie-Pop-Szene zu werden.
„Ornaments“ ist das dritte Album der Band, die in Deutschland kaum bekannt ist, in den Niederlanden allerdings durchaus mit Fans herhalten kann. Die Helden in spe machen wunderbar leicht anklingenden Pop mit heftigem Indieeinschlag. Die Schwerter unserer Ritter sind Gitarren- und Tamburinförmig, das Ross, auf das sie gestiegen sind (alle vier auf ein einziges) klappert mit den Hufen, wie rhythmisches Händeklatschen. Ihre RitterrĂĽstung ist geschmiedet aus einer einprägsamen Gesangsstimme (fast ein wenig an Clap Your Hands Say Yeah erinnernd) und typischem Indiesound. Und so machen sie sich auf den Weg, die eingesperrte Prinzessin zu retten. Das arme Ding hockt im hohen Turm und langweilt sich mit abgeschmackten Sounds rum, ihre Anlage ist kaputt, lediglich der MP3-Player funktioniert noch und spielt in Endlosschleife dieselbe Playlist.
Ja. So könnte die Geschichte unseres vierköpfigen Moss-Helden anklingen. NatĂĽrlich befreit er die Prinzessin am Ende mit groĂźem Trara und viel Konfetti. Aber wie macht er das? Ganz einfach – mithilfe altehrwĂĽrdiger Methoden. Moss spielen die Gitarren groĂź, geben dem zappeligen Takt den Vorrang und konzentrieren sich auf den guten alten Indiesound. Keine groĂźartigen Experimente, keine AusflĂĽge in benachbarte Genres. Einfach guter Indie-Pop. Die Songs stimmen in sich, sie klingen groĂźartig locker und unbeschwert, sie lassen Zehen tippen und Finger trippeln. Die Melodien sind einfach und noch beim ersten Hören mitsummbar.
„Ornaments“ ist ein gelungenes Indie-Pop-Album, das ein Happy End unseres Helden vermuten lässt. Wenn er sich seine Waffen beibehält, sich das Pferd schnappt und die Prinzessin befreit, dann stehen die Chancen fĂĽr ein heldenhaftes Ăśberleben mehr als gut.
Label: Excelsior Recordings | Kaufen
Neue Platten: John K. Samson – „Provincial“
27.01.2012 von Felix Dabbert
(Grand Hotel van Cleef)
8,9
Ich frage mich bei Soloalben immer nach dem Grund fĂĽr die Existenz dieser als solche – nehmen wir „Provincial“ von John K. Samson. Textlich und musikalisch hätte das hier auch gut und gerne eine neue, zugegebenermaĂźen etwas Neil-Young-akustigere Weakerthans-Platte sein können (und da dies bei Hauptsongwriterderbandsoloalben meistens so ist, rĂĽhrt meine Verwirrung bezĂĽglich der Existenz usw. daher). Aber hey, da sage ich nicht nein. Denn „Reunion Tour“ liegt jetzt auch schon wieder bald fĂĽnf Jahre zurĂĽck und „Provincial“ ist meiner Meinung nach das bisher beste Album des noch jungen Jahres.
Wobei das ja auch nur zur Hälfte stimmt. Dass „Provincial“ Musik aus dem Jahr 2012 ist, meine ich. Denn sechs der zwölf hier versammelten Perlen von Songs stammen je zur Hälfte aus den 2009 und 2010 erschienenen EPs „City Route 85″ und „Provincial Road 222″. Benannt nach – die ganz Schlauen haben es sich schon gedacht – StraĂźen, StraĂźen in Manitoba, der „östlichsten Prärieprovinz Kanadas“ (danke Wikipedia, ich habe dich wirklich vermisst letzte Woche Mittwoch, bitte tu so etwas nie wieder), der Heimat von John K. Samson, genauer gesagt. Und so beginnt auch „Provincial“ mit einem Song ĂĽber den kanadischen Highway 1. Samson drĂĽckt darin die Verlorenheit und Isolation beim alleinigen Autofahren besser aus als ich das je könnte; denn wer kennt das nicht, wenn blöde Satelliten behaupten, man sei nirgendwo?
Und so fahren wir weiter durch Manitoba, vorbei an der kleinen Stadt Riverton, wo eine Lehrerin an ihre Affäre mit dem Direktor zurĂĽckdenkt („The Last And“, zum GlĂĽck hat Edna ja jetzt Ned, Skinner war eh eine Flasche). Riverton ist auch die Heimatstadt von Reggie Leach, ex NHL-Spieler (934 Spiele, 381 Tore, 285 Assists, gesamt 666 Punkte, Satan ist ĂĽberall) und Angehöriger der First Nations (Ăśberbegriff derjenigen Ureinwohner von Kanada, die nicht zu den Inuit zählen – noch mal danke, Wikipedia), fĂĽr den Samson in dem Song „Ipetitions.com/Petition/Rivertonrifle“ eine längst ĂĽberfällige Aufnahme in die Hockey Hall of Fame fordert, because „Reggie on a playoff run could make a dad go buy that new tv“.
Wirklich jeder Song hier wäre eine Nennung wert, ob „Stop Error“ oder „When I Write My Master’s Thesis“, die beide Samsons Neigung zu Videospielen verraten – der erstere referenziert Call Of Duty 4 und ist eine wunderschöne Interpretation eines Bach-Chors, der zweite, ein dreieinhalb-Minuten-Rocker, eine Meditation ĂĽber die jedem Studenten bekannte Prokrastination im Angesicht anstehender Arbeiten und auch Samson ist bewusst, dass GTA hier ein massiver Zeitkiller sein kann. Hier könnte man jetzt schlieĂźen, dass Provincials Status als Soloalbum doch dadurch berechtigt ist, dass der Protagonist hier oft ĂĽber Situationen von EntrĂĽcktheit, einsamer Freude und dergleichen singt (vgl. z. B. auch Oasis‘ „Listen Up“ mit dem Mantra „I don’t mind being on my own“), aber schon die Weakerthans hatten Songs, in denen sich die Katze eines Loners ĂĽber dessen Einsamkeit und Antrieblosigkeit moniert.
In Kurzform: „Provincial“ von John K. Samson ist ein Superalbum von einem Supertypen. Wenn Ihr genug von 08/15-“Indie“-Bands mit belanglosen Texten, die besser aussehen als gute Songs schreiben können, oder bärtigen Naturbuschen-Folkies, die auch immer nur ĂĽber das Gleiche singen, habt, hört rein, wenn Ihr Euch nicht ins eigene Knie schieĂźen wollt.
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Neue Platten: All The Saints – „Intro To Fractions“
26.01.2012 von Christoph Möller
(Souterrain Transmissions)
5,3
Was soll das sein? „Intro To Fractions“? Eine EinfĂĽhrung in die Bruchrechnung, oder was? Ein Teil von etwas größerem? Ist diese Platte wohlmöglich nur ein Vorgeschmack auf das eigentliche Werk? Ein Intro? Und das sind jetzt eben StĂĽcke, die noch nicht ganz ausgereift sind, denen die Energie und der SchweiĂź fehlt. Das Herzblut! Oder sind mit „Fractions“ etwa „BrĂĽche“ gemeint? Musikalische Unebenheiten, Risse im Gitarrengletscher, gar Eruptionen? Oder ein Bruch mit Traditionen? „Intro To Fractions“ lässt den Hörer zunächst erstmal eins sein: ziemlich ahnungslos.
Doch wie so oft gibt die Geschichte Antworten: Nach ihrem 2008er „wir-wollen-so-klingen-wie-A-Place-To Bury-Strangers-nur-rotziger“-DebĂĽtalbum „Fire On Corridor X“ wollen sich All The Saints emanzipieren, die „nachdenklichen“ Ideen verfolgen. Gut so, denn „Fire On Corridor X“ war schon ganz schön auf die Fresse, fast machomäßig laut, trotzdem nicht schlecht – ohrenbetäubend eben. Zum Nachdenken braucht es Zeit. Fast vier Jahre! In dieser Zeit reist die Band aus Georgia viel herum und nimmt das neue Album in mehreren Studios in und um ihre Heimatstadt Atlanta auf. In Teilen, also in „fractions“? Aber: verderben viele Köche nicht den Brei? Hörbar ist das nomadische Aufnahmeverhalten der Band nicht. Zwar sind die StĂĽcke weniger komprimiert, als auf dem Vorgängeralbum, tatsächlich hört man auch BrĂĽche und weitläufigere Arrangements, so richtig kickt das aber nicht. Eine Innovation soll das sein, was das Label im Infobrief als „much more thoughtful“ beschreibt. Damit können nur die Songs gemeint sein, die offenbar noch gerade gut genug fĂĽr das Ende der Platte sind. Der Titeltrack „Intro To Fractions“ erinnert mit schleifendem Gesang und vom Feedback her an Fields Of The Nephilim, „Sunk Hill“ ist Whiskey-Feeling pur: auf einer alten amerikanischen Veranda sitzen, in einem Schaukelstuhl, High Noon und saufen. Der Cowboy-Song der Platte, passend lo-fi aufgenommen. Ein alter Hut: auch das DebĂĽtalbum hatte seine unkonventionellen Momente.
Hachja, es schunkelt so daher. Wo ist denn nun der rote Faden? Im StĂĽck „4 H Trip“ ist er nicht, aber das ist irgendwie abgefahren: gut eine Minute lang wunderschöne Orientierungslosigkeit. Sollte es da um Drogen gehen, gut getroffen! Aber sonst? Fields Of The Nephilim schauen häufiger vorbei, eher sind es die Wall of Sounds, die uns wie Druckerwalzen ĂĽberrollen – und uns platt machen. „Intro To Fractions“ entwickelt nach ein paar Runden einen gewissen Reiz, da ist ein sonderbares GewĂĽrz versteckt auf diesem von Feedback und TrommelergĂĽssen geschundenen Album. Ein Abgrund – eine kranke Eleganz – ein letzter Anschlag der Gitarrenseite vorm Delirium. So ist die anfängliche Orientierungslosigkeit doch Konzept und Ergebnis „nachdenklicher“ Ideen? Eine schön verwirrende Platte.
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
All The Saints – „Half Red, Half Way“ (Download)
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Neue Platten: Bondage Fairies – „Bondage Fairies“
22.01.2012 von Monique Schmiedl
(Audiolith)
7,7
„One One Zero Zero Zero One One One One.“ Die Computernerds erkennen in dieser Abfolge eine Programmierung, die wahrscheinlich direkt in den Sicherheitstrakt des WeiĂźen Hauses fĂĽhrt, der Mathematiker erstellt direkt einen Logarithmus aus der Zahlenkombination und der Musikfreund erkennt darin nicht Bonapartes „Blow It Up“ (Achtung! Hier nämlich: 01101110110011), sondern die neue Single von Bondage Fairies: „1-0″.
Wie passend die erste Auskopplung aus dem neuen Album der Schweden gewählt ist! Handelt es sich bei den drei Herren doch um eine Art ‚Club der Spielkinder‘. Das nun erschienene Album „Bondage Fairies“ klingt an wie der gute alte Game Boy. Game-Sounds ohne Ende, dazu einfache und eingängige Melodien gepaart mit, wie sollte es anders sein, schicken Electro-Beats.
Bondage Fairies wecken nicht nur Erinnerungen an die Game-Sounds der 90er Jahre, sie lassen auch den Partyfinger wieder aufleben. Das Trio kreiert Songs, die eingängig sind, die spielfreudig sind, die Partylaune verbreiten. Kein Wunder, dass das nunmehr dritte Album der Spielejungs bei Audiolith erschienen ist. Es scheint die perfekte Kombination zu sein. Man möchte „Bondage Fairies“ beinahe als typisches Audiolith-Produkt bezeichnen: Typische Elektroklänge, netter Gesang und zwischendrin immer mal die E-Gitarre ausgepackt.
Die schwedische Band lebt von ihrem Spiel mit dem Game-Sound. Stets präsent, aber nie aufdringlich, lassen sie die Nintendo-Klänge durch ihr Album ziehen und somit zum Markenzeichen ihrer Musik werden. Super Mario hüpft plötzlich durch den Gehörgang, die Augen spielen Tetris, die Daumen beginnen unbemerkt und unaufhaltsam die jahrelang trainierten Nintendo-Übungen zu vollziehen.
Bondage Fairies sind wie kleine Jungs beim Spielen. Der Unterschied: Was frĂĽher der ewig nervige Nintendo-Sound war, ist heute grandios neuinterpretierte Musik.
Da fällt mir ein: Wo ist eigentlich mein Game Boy?
Label: Audiolith | Kaufen
Neue Platten: Guided By Voices – „Let’s Go Eat The Factory“
20.01.2012 von Felix Dabbert
(Fire)
7,0
„Let’s go eat the factory / let’s go running in there“, schlägt Robert Pollard im herrlich dahindengelnden Eröffnungstrack des neuen Guided-By-Voices-Albums vor. Aufruf zur Revolution im Zeitalter von Occupy und Co.? Das sei mal dahingestellt, denn auch wenn die Welt (wie eigentlich fast immer, wenn man den Massenmedien glauben darf) gerade am untergehen ist, dĂĽrfen wir uns an einer neuen GbV-Platte erfreuen, der mittlerweile 16. und ersten nach acht Jahren.
Also, wie ist „Let’s Go Eat The Factory“? „Reunion-Abzocken-Ausschuss“ oder ganz oben mit den anderen auf der goldherzigen Bergspitze? Das eingangs schon angesprochene „Laundry And Lasers“ kann man sich perfekt als Opener fĂĽr die demnächst anstehenden Konzerte vorstellen. „Doughnut For A Snowman“ zeigt, dass Guided By Voices immer noch groĂźe Pophymnen schreiben können. Könnte ich mir 1A als Stimmungsaufheller beim FrĂĽhstĂĽck fĂĽr den Start in den Tag vorstellen („Starts off her day with a Krispy Kreme doughnut / As sweet as life can get“). „The Unsinkable Fats Domino“, GbVs Hommage an den mittlerweile 83-jährigen Rock ’n’ Roller funktioniert dagegen sicher auch in der Indiedisco Eures Vertrauens und Robert Pollards unverkennbare Stimme nölt sich wie frĂĽher schön in einoktaviger Bandbreite durch die ganze Scheibe. Aber bei „How I Met My Mother“ kommt man vielleicht auch auf den Grund fĂĽr die Reunion: Dem Robert wurde das viele Sitcom gucken irgendwann zu langweilig, deswegen trommelte er noch mal die Jungs zusammen.
Soundtechnisch ist „Let’s Go Eat The Factory“ ein interessanter Mix aus ihrem alten Trademark-Lo-Fi-Sound und „richtig“ im Studio produzierten StĂĽcken. Obwohl ich, wie Jan MĂĽller einst sang, kein Lo-Fi-SpieĂźer sein möchte, bin ich dennoch der Meinung, dass Guided by Voices mit mehr als vier Spuren wie ein Hamburger mit Hack aus Kobe-Rind ist – irgendwie nicht richtig. Aber ich will ja nicht so sein, „Let’s Go Eat The Factory“ ist sein Geld wert – 21 Albumtracks, in denen alte Fans die Band wiedererkennen können und auch sicher sonst jeder was fĂĽr sich findet.
Hier Guided By Voices‘ Auftritt bei David Letterman. Bassist Greg Demos ist im Gegensatz zu Fats Domino offenbar nicht (pardon) „unsinkable“:
Label: Fire | Kaufen
Wenn Ihr mehr über Guided By Voices erfahren wollt, hört doch am Sonntag ab 14 Uhr den ersten Teil eines großen GbV-Specials mit Kai Bempreiksz & Patrick Ziegelmüller.
Neue Platten: Diagrams – „Black Light“
13.01.2012 von Monique Schmiedl
(Full Time Hobby)
9,2
Aus den Boxen dröhnen Diagrams. Ähh, The Whitest Boy Alive. Äääh, nee, doch Diagrams. Verwirrung?!
Okay. Kopf ordnen, Ohren spitzen, Tanzverlangen unterdrĂĽcken und zuhören … Ja, doch, das sind Diagrams mit ihrem Album „Black Light“. Dieses DebĂĽt kann gepflegt und ohne Umschweife als einer der gelungensten Starts in das musikalische 2012 bezeichnet werden. Die britischen Diagrams machen wunderbaren Electropop Ă la The Whitest Boy Alive: wunderbar tanzbar, wunderbar launig, wunderbar rhythmisch.
Die junge Band rund um Frontman Sam Genders (ehemaliges Mitglied von Tunng & The Accidental) scheint den elektronischen Pop-Dreh einfach raus zu haben. Rhythmische Raffinessen, die nicht dick auftragen, einfache Melodien und der grandiose Einsatz von so ziemlich allen gängigen Instrumenten lassen den unbedingten Drang nach Tanz, Spaß und guter Laune entstehen. Beine, Arme, Finger und der Kopf machen einfach, was sie wollen. Der Aufwand, die Gliedmaßen zu kontrollieren stünde in keinem Verhältnis zum Hörspaß. Also, go for it!
Und nicht nur der Hörer hat hier SpaĂź. „Black Light“ strotzt nur so vor Gestaltungsfreude. Den SpaĂź, den die Band beim Aufnehmen hatte, scheint man beinahe zu spĂĽren. Kleine unauffällige Einsätze von Trompeten und Streichern zu dem permanenten Pop-Takt und ständige „Hey’s“ und „Ho’s“, die den omnipräsenten Gesang durchbrechen, zeigen nicht nur Mut zur Vielfalt, sondern machen das Hören noch umso vergnĂĽglicher.
Diagrams haben ein Album produziert, das nur wenige Worte benötigt. Es ist einfach wunderbare Tanzmusik, die die Laune steigen lässt und den Ausgehdrang wach ruft. Eben genau so wie The Whitest Boy Alive.
Label: Full Time Hobby | Kaufen
Neue Platten: Me And Cassity – „Appearances“
10.01.2012 von Felix Dabbert
(Tapete)
6,7
Mit „Appearances“ erscheint dieser Tage das vierte Album, das Dirk Darmstaedter als „Me And Cassity“ veröffentlicht. Eines vornweg: Ich bin kein Darmstaedter-Experte, kenne ihn eher als Tapete-Labelchef und Hin-und-wieder-Gesangspartner von Bernd Begemann. Auch fällt mir nichts zur Getränkegläserfixiertheit des Videos zur ersten Single „Fred Astaire“ ein, leider, jemand anderes hätte hieraus vielleicht ein geniales Bonmot basteln können. Doch nun zum Album:
„Appearances“ ist ein Album, das definitiv nicht nach 2012 klingt. Das ist eine Platte, die als Soundtrack zum Roadtrip ebenso gut funktionieren wĂĽrde wie sie es als Hintergrundmusik im CafĂ© oder einfach zum Hören daheim auf dem Sofa tut. Darmstaedter erwähnte im Interview mit ByteFM Moderator Frank Lechtenberg, dass auf „Appearances“ Poppigkeit bei der Auswahl der StĂĽcke das Credo war. Er lieĂź sich dabei von Musikern wie Todd Rundgren oder den Turtles inspirieren, auch Burt Bacharachs Einfluss kann man z. B. im StĂĽck „The Last Troubadour“ deutlich vernehmen. Zum Takt von „Time To Put The Hammer Down“ hört der FuĂź gar nicht mehr auf zu wippen – bei auch im ethanolarmen Zustand tanzaffineren Menschen mag da sogar mehr passieren – und die Harmonien im eingangs erwähnten „Fred Astaire“- gesungen von Therese Johannson, die Darmstaedter im schwedischen Göteborg rekrutieren konnte – vermögen durchaus fĂĽr aufgestellte Nackenhaare zu sorgen.
Die Texte drehen sich auf „Appearances“ um die ĂĽblichen Verdächtigen: Liebe, Beziehungen und Verlassen werden, um das Weitermachen trotz aller Widrigkeiten („Bring It On“) und dabei nimmt Darmstaedter sich ja auch nicht viel zu anderen Hamburger Kollegen seiner Altersklasse. Hierbei beschleicht mich jedoch die BefĂĽrchtung, wie Darmstaedter auch selbst in den nächsten 20 bis 30 Jahren keine weiteren Einsichten auf diese Themen erlangt zu haben, die nicht auch jetzt schon naheliegen wĂĽrden. Vielleicht habe ich auch einfach das GefĂĽhl, fast die gleichen Texte schon zu oft von Männern im „besten Alter“ gehört zu haben, nur an anderer Stelle halt auch besser.
Dennoch wirkt „Appearances“ auf jeden Fall sehr wohltuend nach den letzten, feiertagsbedingt veröffentlichungsarmen Wochen, wenn auch fĂĽr meinen Geschmack von Zeit zu Zeit zu wohltuend – böse ausgedrĂĽckt kann man es nämlich auch als glatt produzierte Altherrenpopplatte bezeichnen, Schroffheit ist hier Fehlanzeige und wäre „Appearances“ ein Gericht, spräche ich mich fĂĽr Rotwein als Begleitung aus. Aber muss ja auch nicht immer Nonstop-Wodka-Komasaufen sein, hin und wieder hat man ja auch mal einen Kater.
Label: Tapete | Kaufen
Neue Platten: Steaming Satellites – „The Mustache Mozart Affaire“
06.01.2012 von Felix Dabbert
(Instrument Village)
6,0
Die Weltraumaffinität der Salzburger Band „Steaming Satellites“ hört bei ihrem Namen noch lange nicht auf: So heißt zum Beispiel eines der Stücke auf ihrem neuen Album „The Mustache Mozart Affaire“ „Spacelab“, ein von Funkgitarren, Mundharmonika-Solo und Glockenspiel geprägter Song, in dem von dem Glück gesungen wird, endlich die Richtige gefunden zu haben. Auf dieses folgt dann sogleich die Schunkelnummer „Spaceships“, in welcher die Angebetete gleich wieder aufgrund von Vernachlässigung das Weite sucht, da der Protagonist dann doch lieber mit seinem Raumschiff spielt. Auch wenn das vielleicht nach einem Hang zu Prog-Rock klingen mag, drückt dieser sich wenn überhaupt nur in kleinen, hin und wieder eingestreuten Pink-Floyd-Orgel-Zwischenspielen aus.
Die Satellites haben hier nicht den Anspruch, das Rad neu zu erfinden. Breite Elektro-Synths und hibbelige Drumbeats treffen auf Indie-Gitarren englischer Machart, um dann mit dem Organ eines Sängers kombiniert zu werden, der mir zeitweise stark den Eindruck vermittelte, hiermit eine Bewerbung als Caleb-Followill-Impersonator abliefern zu wollen. Doch wenn man genau aufpasst, hört man, dass offensichtlich nicht nur aktuelle Indie-Platten im Regal der Band stehen; so wird sich z. B. erfreut an cheesy Gitarrensoli à la Santana („Spaceships“) oder 70er-Hardrock Marke Led Zeppelin („Sleep“). Die Single „Witches“ muss man sich ungefähr so vorstellen, als ob Mars Volta versuchen, einen lupenreinen Popsong aufzunehmen – Ohrwurmpotenzial inklusive. Dabei hat die Band offensichtlich in den letzten (mit ausgiebigen Touren u. a. im Vorprogramm von Portugal. The Man gefüllten) Jahren einen krassen Soundwechsel zum Poppigen hin vollzogen. So war Ihr 2006er Debütalbum „Neurotic Handshake At The Local Clown Party” (welches merkwürdigerweise auf der Bandwebsite und den Pressematerialien so gut wie totgeschwiegen wird) noch deutlich von Emo und Hardcore, vgl. “At The Drive-In“, beeinflusst.
Referenzen hin und her, was am Ende zählt, ist, dass unterm Strich ein paar gute Songs übrig bleiben – und die findet man auf „The Mustache Mozart Affaire“. Dazu zählen neben der bereits erwähnten Single „Witches“ vor allem „Friends“ und „Sleep“. Insgesamt kein großartiges Album, tut aber auch nicht (doll) weh.
Label: Instrument Village | Kaufen
Neue Platten: Reflekta Reflekta – „Wildlife“
29.12.2011 von Monique Schmiedl
(Avantpop)
8,8
NĂĽrnberg: die Stadt der wilden Tiere, sphärischen Klänge und musikalischen Schmankerl … Ă„hm, ja?! War die sĂĽdliche Metropole bis vor kurzem doch eher fĂĽr Weihnachtsschnulli und Spätromantik bekannt, so heiĂźt es jetzt: Hinfort mit dem Christkind und dem GlĂĽhwein. NĂĽrnberg hat ein neues schwebendes Ereignis: Reflekta Reflekta. Die vier NĂĽrnberger laufen dem blond gelockten Fräulein den Rang ab und machen auch noch das alkoholische HeiĂźgetränk ĂĽberflĂĽssig. Stattdessen möchte man rufen: Reicht uns Eis und Strohhalme! Wir mĂĽssen tanzen, tanzen, tanzen!
Reflekta Reflekta haben mit ihrem Debüt „Wildlife“ ein Album vorgelegt, das stilvoll serviert werden muss. Eine tiefe Kelle musikalischen Alles, verrührt mit einer tiefen Gesangsstimme und einem Strohhalm aus Beats und Rhythmen werden in einem geschwungenen Glas gereicht, zur vollen Entfaltung des musikalischen Genusses. Da kann der Glühweinpott nur abdanken.
Die vier Musiker schaffen es auf ihrem Debüt, verschiedenste Genres miteinander zu kombinieren. Da trifft 80er-Jahre-Pop auf Elektro und Dancepop auf Experimental Sounds. Was wild anklingt, vereint sich erstaunlich ruhig und ohne Aufsehen miteinander. „Wildlife“ mutet fast als ruhiges Lounge-Album an. Doch jedes Mal, wenn man die Gedanken frei lassen möchte, sich den wavigen Klängen hingeben will und mental für die Reise ins Sphärische bereit ist, greifen Reflekta Reflekta an. Dann packen sie Beats und Rhythmen aus, lassen den Hörer tanzen und spielen ihre Spielchen mit dem Beinahe-Zustand der Abwesenheit. Die Musiker finden exakt den richtigen Punkt, ihre Hörer abzuholen und vor dem Aufmerksamkeitsverlust zu bewahren. Ob durch komplette Songs oder einzelne Passagen, ob durch Rhythmuswechsel oder den Einsatz eines Banjos. Wer von dem Trunk der Nürnberger trinkt, der muss sich auf den Zwang zur Bewegung einstellen, der muss den Verlust des eigenen Willens hinnehmen und der muss vor allem den Hut ziehen, vor so viel musikalischem Geschick.
Reflekta Reflekta sind geprägt von ihrem Sound, ihrer Spielfreudigkeit und ihrem Hang zum Experiment. Und als wĂĽrde das nicht schon reichen, wird ĂĽber all das auch noch die Stimme des Sängers gepackt. Wie der Zuckerrand am Cocktail-Glas ist dieser Gesang an die Songs gepappt. An manchen Stellen kann man den musikalischen Zuckerkristall förmlich in den Zähnen krachen spĂĽren. Und doch, irgendwie passt es. Ohne Zucker kann man sich den Trunk gar nicht mehr vorstellen. Ohne Zucker wäre er nicht vollständig. Ohne Zucker hätte er wenig Reize. Reflekta Reflektas DebĂĽt „Wildlife“ ist ein gelungenes Album, das allerhand verspricht und noch mehr kann. Doch ein Wermutstropfen bleibt: Wir werden das Christkind schmerzlich vermissen …
REFLEKTA.REFLEKTA – WHALE SONG : WILDLIFE / album out NOW! from REFLEKTA.REFLEKTA on Vimeo.
Label: Avantpop | Kaufen
Neue Platten: Halma – „Dissolved Solids“
20.12.2011 von Felix Dabbert
(Sunday Service)
7,6
Rasenhalma war ein geflĂĽgeltes Wort in meiner Kindheit, genutzt zur spöttischen Umschreibung unaufregender Aktivitäten. Wenn einem FuĂźball zu hart war, könnte man ja ebendieser Beschäftigung des Rasenhalmas nachgehen. Auch die Musik auf der neuen Platte der Hamburger Band Halma ist ruhig und unaufgeregt, es wäre aber ein Fehler, sich diese aufgrund etwaiger Peer Pressures unter den eigenen metal- oder technoaffinen Freunden entgehen zu lassen. „Dissolved Solids“ ist der Titel dieses Albums – und das Bild sich langsam auflösender Festkörper, das dem Rezensenten dabei in den Kopf kommt, erscheint passend. Musik, so zähflĂĽssig und gleichzeitig schön wie der Honig, der mir langsam vom Löffel in die Milchtasse gleitet (auch wieder passend – Halma sind keine Bier-Band, sondern machen Platten fĂĽr die Stunden im Winter, die man daheim mit heiĂźer Milch mit Honig verbringt).
Wäre „Dissolved Solids“ ein Filmsoundtrack (ĂĽbrigens ein Gebiet, auf dem Halma auch schon Erfahrungen gesammelt haben), wĂĽrde der Protagonist zu „A Moon Without A Planet“ oder „Silver“ nachts durch verlassene Gassen gehen, auf der Suche, ständig mit dem GefĂĽhl, verfolgt zu werden. „Hamlet Princess“, das SchluĂźstĂĽck des Albums, geschrieben als Tribut fĂĽr die gestorbene Katze der Halma-Drummerin Fiona McKenzie, wird von einer Wah-Wah-Gitarre dominiert, die in einem anderem Kontext auch als funky interpretiert werden könnte und darf als Zitat an die ruhigeren StĂĽcke von Neu! gelesen werden, nur dass man hier Klaus Dinger gegen einen Drumcomputer ausgetauscht hat.
Andreas VoĂź, Bassist von Halma, sagte kĂĽrzlich im ByteFM Magazin, dass die Band sich auf Einzelgriffe konzentriert, also bei Keyboard und Gitarre auf Akkorde verzichtet, um den einzelnen Tönen mehr Raum zu geben. Auf „Dissolved Solids“ stehen diese Töne frei im Raum, haben Platz, sich zu entfalten und nachzuwirken, perlen dabei gemächlich von Griffbrett und Tasten. Die individuellen Noten und die aus ihnen heraus entstehenden Melodien sind Halma wichtiger, als sich um konventionelle Strophe-Refrain-Strophe-Abfolgen zu kĂĽmmern. An einigen Stellen poppen dem Hörer Erinnerungen an andere Instrumentalbands aus dem Postrock-Umfeld wie die Schotten Mogwai in den Kopf. „Dissolved Solids“ ist eine Platte, die es einem erlaubt, in ihre dichte, stellenweise dĂĽster-packende Atmosphäre abzutauchen.
Also, wenn Ihr mich jetzt entschuldigen würdet, mein Hals ist ein bisschen rau, deswegen werde ich jetzt eine warme Milch mit Honig genießen und ein wenig Halma hören.
Label: Sunday Service | Kaufen







