Neue Platten: Mutter – „Text Und Musik“

Cover des Albums Text Und Musik von MutterMutter – „Text Und Musik“ (Clouds Hill)

Die Renaissance von deutschsprachigen Indiebands innerhalb der deutschen Popmusiklandschaft ebbt nicht ab. Dass ihre Namen oft aus nur einem Wort bestehen, steht fĂŒr eine Ästhetik, die viele dieser Bands kultivieren: eine Reduktion auf das Wesentliche.

Im Fall der Berliner Band Mutter, die mit ihrem fast 30-jĂ€hrigen Bestehen zu den Vorreitern der Einwort-Combos gehört, steckt die Reduktion in der traditionellen Rock-Instrumentierung mit dem Schwerpunkt auf der Gitarre als Melodiegeber und dem Gesang, der die Musik dominiert. Das ist auch auf ihrem neuen Album „Text Und Musik“ nicht anders. Fast alle Texte handeln von der Politik des Alltags, Personalpronomen sind allgegenwĂ€rtig und fast immer geht es um Selbstreflexion. Der Song „Ich Will Nichts Mehr Als Das“ ist nicht nur ein Aufruf zu mehr Selbstbestimmung, sondern auch ein Protest gegen Selbstgeißelung und SelbstbeschrĂ€nkung. „Ich seh’ auf dich herab und stelle fest, das bin ja ich“, singt Max MĂŒller und bleibt auch sonst dem Mutter-typischen Ideal eines dokumentarischen und klaren Sprachstils verpflichtet.

„Was spricht schon dagegen, zu lassen, was ist“, heißt es in „FrĂŒher Oder SpĂ€ter“, womöglich ein Song ĂŒber die flĂŒchtige VergĂ€nglichkeit unserer Gegenwart. Doch so treffend der Satz auch ist, so unausweichlich lĂ€dt er zu Kritik ein. Denn was dagegen spricht, ist vor allem die Konsequenz, die aus der fehlenden Lust an neuen Ideen resultiert, fĂŒhrt doch das immer gleiche zu TrĂ€gheitszustĂ€nden. So spiegelt sich der latente Kulturpessimismus, der den neun Songs anhaftet, auch musikalisch wieder.

Akkordprogressionen sind rar, die Strophe-Refrain-Strophe-Struktur wird nie aufgebrochen und die tonale Spannbreite des SĂ€ngers bewegt sich maximal zwischen sprechhaften Gesang und domestizierten Fast-Shoutings. Doch man sollte eine Band wie Mutter womöglich nicht an mangelnder Innovation messen und ihr stattdessen dankbar sein fĂŒr ihre KontinuitĂ€t. Denn mit ihrem Anspruch an verstĂ€ndliche Gesellschaftskritik halten sie immer noch an dem fest, was vielen anderen Bands heute fehlt: Haltung.

Neue Platten: „Low Fidelity“

10.09.2014 von  

Cover der Compilation Low FidelityLow Fidelity (Staatsakt)

4,7

„Von den Machern des Kapitalismus empfohlen“ und dabei auch noch streetcredibel. Diesen Spagat beherrscht das Berliner Label Staatsakt seit jeher. Schon damals war die GrĂŒndung 2003 ein antizyklischer Coup inmitten der kriselnden Musikwirtschaft. Heute ist das Label eine zentrale Schnittstelle fĂŒr angegrauten Diskurspop und politisierten Electrotrash. Auch mit der neuen Compilation „Low Fidelity“ mit unveröffentlichten Songs von Tocotronic, Heinz Strunk oder Die Sterne beweist das Label, dass eine schlauere Welt in einer dĂŒmmeren möglich ist. Und dass man Newsletter, diese nach Aufmerksamkeit lechzenden, buchstabengewordenen Marktschreier, wunderbar mit Gesellschaftskritik koppeln kann. So steht in einem Newsletter kurz nach der Europawahl: „Wenn wirklich jede(r) 10. DeutschlĂ€nderIn bei den Europawahlen rechts gewĂ€hlt hat, dann ist das natĂŒrlich ein sicheres Zeichen dafĂŒr, das Kollegah (Streetcred-Bitchinger#01) oder Alligatoah (Fun, Fun, Ringelpiezmitanfassen-Fun) von unten einfach nicht das bringen, was zu unseren Zeiten BAP, Slime oder die Goldenen Zitronen brachten.“ Autor dieser Zeilen ist Gereon Klug, der hauseigene Newsletter-Schreiber des befreundeten Hamburger Ladens „Hanseplatte“, der sonst auch fĂŒr Deichkind („Leider Geil“) textet oder als Tourmanager von Rocko Schamoni und Studio Braun arbeitet. Der Sampler erscheint parallel zu Klugs gleichnamigem Buch („Low Fidelity. Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream“), eine 240-seitige Zusammenstellung der Newsletter aus den letzten Jahren.

Botschaften zwischen Kulturkritik, Zynismus und verzweifeltem Kapitalismusbashing, dafĂŒr stehen seit jeher auch die Texte der meisten Bands auf Staatsakt, ob dadaistisch wie bei Bonaparte oder intellektuell verschmitzt wie bei Die TĂŒren. WĂ€hrend die Newsletter ihre Kraft durch ihre unmittelbare Worthaftigkeit erhalten, hat man nach den 19 Songs den Eindruck, dass sich der dort versammelte Diskurspop irgendwann auch mal ausdiskurst hat. Denn im Gegensatz zum großartigen Eröffnungstrack „Was fĂŒhlst Du“ von Adolf Noise, der zwischen Dada und unverkrampfter Direktheit pendelt, ist die allgegenwĂ€rtige gebrochene Ironie schnell ermĂŒdend. „Digger, was fĂŒhlst du, bist du nice angegeilt?“, singt Noise etwa mit Vocoder und liefert die Antwort gleich mit: „Du bist mein geiler Digger, bist du. Heute Abend wird gesoffen.“

In den anderen Songs klingt die vermutlich politisch gemeinte Ironie nicht wie Gesellschaftskritik, sondern nach einer verzweifelten Kapitulation vor der Gegenwart des „Realistischen Kapitalismus“ (Mark Fisher), in dem ernst gemeinte Utopien nicht mehr möglich sind. „Wir bewundern ihre stillen Bahnen und trinken dabei Gin und freuen uns, dass wir keine Fische sind“, singen Almut Klotz und Reverend Dabeler in „Rendevouz“ – eine Art Entschleunigungs-Hymne, die sehr nach den 90er-Jahren schmeckt. Auch der oft gewollte Trash-Faktor auf den Songs von Frau Kraushaar, Erokubin oder Kameruntruncs sind in ihrer Nostalgie lĂ€hmend. Wie wĂ€re es denn mal mit einem richtig guten, treibenden Beat? Aber das ist ja Geschmackssache. Denn trotz allem ist Staatsakt immer noch ein wichtiges Korrektiv innerhalb der deutschen Popmusiklandschaft. „Von den Machern des Kapitalismus empfohlen“ und dabei auch noch streetcredibel. Zumindest fĂŒr eine intellektuelle Mittelklasse in der Midlifecrisis.

Label: Staatsakt | Kaufen

Neue Platten: The Bug – „Angels & Devils“

Cover des Albums Angels & Devils von The BugThe Bug – „Angels & Devils“ (Ninja Tune)

8,8

Konzerte von The Bug sind lebensverĂ€ndernd. Ein Gewitter aus Noise, Beats und SubbĂ€ssen, die sich wie Peitschen in den Gehörgang schneiden, den eigenen Körper durchdringen und ihn ganz langsam umprogrammieren. Die akustische ÜberwĂ€ltigung als Erinnerung daran, dass der Mensch nichts anderes ist als ein lebendiger Resonanzkörper.

Das 2008 erschienene Album „London Zoo“ war eines der intensivsten, lautesten Alben der Nullerjahre und die perfekte akustische Reflektion einer zunehmend von Paranoia, ReizĂŒberflutung und Angst geprĂ€gten Gesellschaft.

Das neue Album „Angels & Devils“ zeigt, dass Kevin Martin auch nach seinem Umzug von London nach Berlin von seiner GrundprĂ€misse nicht abgewichen ist: dass Musik nicht nur ein Klang-, sondern vor allem ein Körpererlebnis sein muss. Doch im Gegensatz zu „London Zoo“ enthalten die Tracks wesentlich mehr Raum fĂŒr traumwandlerische Melodien, verletzlichen Gesang und melancholische Klanglandschaften – und sind dabei aber stets gebrochen vom bedrohlichen Grundrauschen, von dem The Bugs Musik seit jeher beherrscht wird. Nie klang weißes Rauschen schöner als auf „Ascension“, selten klingt Leere so voll wie in „Void“, auf dem sich die verhallte Stimme der Grouper-SĂ€ngerin Liz Harris wie Balsam um einen dubsteppigen Beat legt.

Mit „Save Me“ gelingt dem Briten eine von sĂ€mtlichem Ballast befreite Dub-Hymne, auf der ĂŒberdimensionale HallrĂ€ume auf den psychedelischen Gesang des kalifornischen Exzentrikers Gonjasufi treffen – perfekt fĂŒr enge U-Bahnen oder dichten Autoverkehr. Dass unmittelbar nachfolgende „The One“, ein zwischen LĂ€rm und Breakbeat pendelnder Track, auf dem Killa P und Flowdan testosterongeschwĂ€ngerte Wortsalven in die Luft schießen, ist einer dieser schönen Kontraste, die sich durch das ganze Werk ziehen. Der Track „Fuck You“ mit Warrior Queen, die das Wort mit beherzter Verve „phoak ju!“ intoniert, kommt dem musikgewordenen Actionpainting der frĂŒheren Alben von The Bug wohl am nĂ€chsten.

Ob ohrenbetĂ€ubend oder schmeichelnd, ob wĂŒtend oder erschöpft, ĂŒber allem schwebt aber stets der Geist des Dub, der fĂŒr Martin seit jeher mehr ist als nur ein Musikstil: „Dub geht weit ĂŒber Musik hinaus, es ist eine Sicht auf die Welt, ein Äquivalent zu William S. Burroughs’ Cut-Ups und Jean-Luc Godards Zelluloid-Filmen.“ Dub, so Martin, zeigt auf, wie fragmentiert, chaotisch und kaputt unsere moderne Existenz ist. Nichts anderes leistet „Angels & Devils“, nur mit mehr Lametta.

Label: Ninja Tune | Kaufen

Neue Platten: Sinkane – „Mean Love“

Cover des Albums Mean Love von SinkaneSinkane – „Mean Love“ (City Slang)

7,3

„My moon, je t’aime“. Den Mond zu lieben, ist gar keine so schlechte Idee. Denn im Gegensatz zu einem Menschen ist er in der Lage, allen erdenklichen Projektionen, mit denen wir geliebte Personen unwillkĂŒrlich ĂŒberfrachten, standzuhalten. Jeden Tag und jede Nacht schwebt er am selben Ort im Himmel, ĂŒber alle Zweifel erhaben und abhĂ€ngig höchstens vom Sonnensytem.

Kann man also nur hoffen, dass der „moon“, den Ahmed Gallab aka Sinkane auf seinem neuen Album „Mean Love“ im traumwandlerischen „Moonstruck“ besingt, auch wirklich der echte Mond ist.

Um die Ambivalenzen und schmerzhaften Wahrheiten von Liebe, vielleicht um die böse, die unerwiderte Liebe, drehen sich viele Songs auf dem neuen Werk des aus dem Sudan stammenden New Yorkers – so auch der Titeltrack „Mean Love“, in dem Gallab seine Kopfstimme, die von sarkastischen Country-Gitarren beantwortet wird, wohl am stĂ€rksten beansprucht.

WĂ€hrend sich viele Songs stilistisch unterscheiden, von „New Name“, ein AfrobeatstĂŒck inklusive bombastischen Fanfarenarrangements, ĂŒber den Retrofunk in „Yacha“ bis zu dem angerockten Soul in „How We Be“, werden alle Songs von Gallabs Falsettstimme zusammengehalten. Doch im Gegensatz zu seinen unĂŒberhörbaren Vorbildern wie Curtis Mayfield, bei dem diese Technik noch ein Zeichen dafĂŒr war, dass die SouverĂ€nitĂ€t verbaler Kommunikation sich in einem Übermaß von Euphorie entlĂ€dt, ist sie hier eher ein „Signet von Melancholie“ (Ueli Bernays).

Eine Melancholie allerdings, die von der weitgehend hoffnungsvollen AtmosphĂ€re der Musik gebrochen wird. In „Omdurman“, dem nach Gallabs Heimatstadt im Sudan benannten Song, versteckt sich der allgegenwĂ€rtige Weltschmerz unter schlagerartig-fröhlichen Melodien. Mit den Zeilen des Schlußrefrains: „Where, if I should settle down, will I finally settle?“ findet Sinkane dann auch die richtigen Worte fĂŒr eine frustrierte Generation junger Menschen, denen ihre Wurzeln abhandengekommen sind. „Mean Love“ ist eines dieser Alben, die mit dem mehrmaligen Hören immer besser werden. Bis man alle Zwischentöne unter der vermeintlich glatten OberflĂ€che entdeckt hat. Und auch wenn Sinkane es anders meinte, sich den Mond als Liebespartner zu wĂ€hlen, das ist nach wie vor eine tolle Idee.

Label: City Slang | Kaufen

Neue Platten: Trans Am – „Volume X“

Cover des Albums Volume X von Trans AmTrans Am – „Volume X“ (Thrill Jockey)

5,5

Sie waren einst Miterfinder von Postrock, diesem in den 90er-Jahren entstandenen Projekt, die alten, konservativen Strukturen von Rockmusik zu zerstören und sie mithilfe neuer Sounds zu revolutionieren. Als sie sich 1990 grĂŒndete, verschreckte die amerikanische Band Trans Am mit ihrer Mischung aus Synth Pop, New Wave und Heavy Metal womöglich noch einige Rockpuristen. Heute ĂŒberrascht der Einsatz von elektronischen Samples, Synthesizern und synthetischen Drums im Kontext von Rock niemanden mehr. Und da beginnt auch die Schwierigkeit, ihrem neuen Album „Volume X“ etwas Interessantes abzugewinnen. Denn insgesamt klingen die zehn Songs wie ein zum zweiten Mal aufgebrĂŒhter Tee: leicht fad, aber zumindest mit Restgeschmack. Das volle Aroma jedoch ist nur eine Erinnerung an bessere Zeiten. Okay, ganz so schlimm ist es auch nicht.

Denn die Band bleibt ihrer Linie treu und bedient ĂŒber die zehn Songs ganz unterschiedliche Stile. So wird der Powerrock von „Anthropocene“, dem ersten StĂŒck des Albums, mit dem elektronisch-funkigen „Reevaluations“ konterkariert, auf dem ein treibender Wobblebass von funkigen Gitarren ergĂ€nzt wird. Das darauffolgende „Night Shift“ klingt dann aber wie der Soundtrack eines 80er-Jahre-Road-Movies, den zu drehen sich nicht lohnen wĂŒrde. Wesentlich stĂ€rker klingt die Band, sobald sie ihre akustischen Instrumente hervorholt wie etwa auf „Failure“ mit dem knackigen Schlagzeugintro, das an Helmet erinnert. Dass das letzte StĂŒck „Insufficiently Breathless“ mit der schönen Gitarrenmelodie, die ganz langsam von einem Synthesizerpattern erobert wird, dann der beste Song ist, lĂ€sst hoffen. Auf das nĂ€chste Album.

Neue Platten: Shabazz Palaces – „Lese Majesty“

Shabazz Palaces - Lese Majesty (Sub Pop)Shabazz Palaces – „Lese Majesty“ (Sub Pop)

9,1

Man muss nur wenige Töne von „Lese Majesty“ hören, um zu wissen, dass sich hier ein ganzer Kosmos öffnet: Es umschwirren einen die Sounds wie bei Sun Ra, Herbie Hancock und Miles Davis, die Theorien wie bei Kodwo Eshun und Nelson George, der Afrofuturismus und die Alienation, die Vergangenheit und die Zukunft gleichermaßen vereint in einem gegenwĂ€rtigen Moment, der ĂŒber sich selbst hinausweist. Denn gleichzeitig weiß man, dass da immer noch mehr ist, mit jedem Sound gibt es weitere Referenzen zu entdecken. Und dann sind da noch die Texte, bei denen man hĂ€ufig nur eine Ahnung hat, worum es eigentlich gerade geht, wie z. B. in „Dawn In Luxor“, dem EröffnungsstĂŒck: „Meet us there / We throwing cocktails at the FĂŒhrer / Blackness is abstracted and protracted by the purest / Moderns Cubists or Surrealists / To sleep they couldn’t lull us so we synthesise our realest one.“ Puh.

Also erst einmal die Fakten: Shabazz Palaces stammen aus Seattle und sind ein Projekt von Palaceer Lazaro, der mit bĂŒrgerlichem Namen Ishmael Butler heißt und als Butterfly zum wegweisenden HipHop-Trio Digable Planets gehörte, und Fly Guy Dai, bei dem es sich um den Multiinstrumentalisten Tendai „Baba“ Maraire handelt, der Sohn des simbabwischen Musikers und Komponisten Dumisani Abraham „Dumi“ Maraire ist und zusammen mit Hussein Kalonji noch im MĂ€rz eine Platte als Chimurenga Renaissance veröffentlicht hat. Das DebĂŒt von Shabazz Palaces, „Black Up“, erschien im Jahr 2011 auf Seattles Label Sub Pop. Pitchfork beschrieb die Musik als „some of the most exploratory hip-hop of the year“: fragmentierte Raps und verwirrende Beats, die am ehesten noch an Clouddead und den Jazz-Rap der frĂŒhen 90er erinnerten. Womit wir zurĂŒck bei den Digable Planets sind, die diese Stilart beherrschten wie sonst niemand und deren „Blowout Comb“ auch 20 Jahre nach der Veröffentlichung zurecht noch hoch gehandelt wird.

FĂŒr „Lese Majesty“ hilft einem das aber auch alles nicht so richtig weiter. Beats gibt es in den auf sieben Suiten aufgeteilten 18 StĂŒcken weniger dick als vielmehr ziseliert. Hooks, erkennbare Samples, Referenzen? Fehlanzeige. Wenn es so was gibt, dann ist „Lese Majesty“ wohl die erste experimentelle Ambient-HipHop-Platte. Die Rhythmen sind kaputter als bei Actress, fließen frei daher und kommen einem höchstens von Warp-KĂŒnstlern und Artverwandten vertraut vor. Vom leicht durchgeknallten „#CAKE“ geht es mit Tribal-Beats hinĂŒber zu „MindGlitch Keytar TM Theme“ mit Irgendwie-Miami-Bass und 190-BPM-House-Tönen, bis es in das dope Geschlurfe von „Motion Sickness“ hinĂŒbergleitet. Es piept hier, es knarzt da, es holpert, es stolpert. Es sind schrĂ€ge Science-Fiction-Geschichten, seltsame Assoziationsketten, die in vielen Momenten aber durch einfache Raps geerdet werden, in denen es aber wie selbstverstĂ€ndlich auch ganz schnöde mal um Skillz geht und darum, einfach nur ein paar Wörter aneinanderzureihen („I set the tone like Al Capone / I’m very nice like Jerry Rice“). Das sind die anschlussfĂ€higen Momente auf „Lese Majesty“, die dafĂŒr sorgen, die Platte als das wahrzunehmen, was sie ist: ein glitzerndes Beispiel dafĂŒr, welche vielfĂ€ltigen Möglichkeiten dem HipHop immer noch innewohnen, wenn es nicht nur um dicke Hosen, Autos und den ganzen anderen materialistischen Krempel geht, sondern einfach mal um Musik.

Label: Sub Pop | Kaufen

Neue Platten: Cloud Boat – „Model Of You“

Cloud Boat - Model Of You (Apollo)Cloud Boat – „Model Of You“ (Apollo)

6,8

„Model Of You“ ist das zweite Album des Londoner Duos Cloud Boat, das mit „Lions On The Beach“ 2011 im elektronisch-verspielten Fahrwasser des Londoner Dubstep-PhĂ€nomens hochgespĂŒlt wurde. Nicht ganz in die Maske gepasst haben Tom Clarke und Sam Ricketts, die hinter dem Pseudonym Cloud Boat stecken. Mit ihrem prĂ€genden Gesang auf Loops und Effekten, dazu eine Ästhetik, die sich von vielen der urbanen Motive und abstrakten Formen unterschied, haben sie sich dennoch in einige Playlists gespielt. Zwei Jahre spĂ€ter tauchten sie wieder auf mit „Wanderlust“ und dem ersten Album „Book Of Hours“, schon mehr als Singer-Songwriter angekommen als in der Tanzmusik verwurzelt.

Es wundert also nicht, dass auch das zweite Album der beiden Produzenten sicher auch einige ihrer ersten Hörer und Hörerinnen vor den Kopf stoßen wird. Ein Jahr Zeit haben sich die beiden Londoner fĂŒr das neue Album genommen und an dem getĂŒftelt, was nun ihr Sound sein soll. GrĂ¶ĂŸer, reicher und epischer sollte es werden, das, was vorher bloß Fahrwasser war, tiefer, mitreißender und abenteuerlicher.

Das Ergebnis ist Pathos. Es liegt in den schweren, oftmals schwermĂŒtigen Produktionen des britischen Duos. Es wabert mit in bösen Gitarren, in dunklen Synths, in pluckernden BĂ€ssen, in den In- und Outros der StĂŒcke, die sich langsam aufbauen oder sphĂ€risch verlaufen, sogar im pulsierenden Beat der schon fast positiven StĂŒcke „The Glow“ und „Aurelia“. Ganz besonders steckt es aber im Gesang von Tom Clarke – mal zerbrechlich, mal energetisch, aber immer dramatisch.

Die bereits Ende MĂ€rz veröffentliche Single „Carmine“ versprach schon diese Mischung aus elektronischer Instrumentierung und folkiger Dramaturgie, was das Album einhĂ€lt. Die grĂ¶ĂŸte StĂ€rke hat es dennoch entweder in ebendiesem Song „Carmine“ und seiner mitnehmenden Melodie, oder aber in „Golden Lights“, keine zwei Minuten lang und instrumental, wo nicht nur auf den Gesang, sondern auch auf eine konkrete Richtung verzichtet wird. Wahrscheinlich wieder einmal ein Zeichen dafĂŒr, dass es auch bei Pathos und Drama auf die richtige Dosierung ankommt.

Label: Apollo | Kaufen

Neue Platten: Julius Steinhoff – „Flocking Behaviour“

10.07.2014 von  

Julius Steinhoff - Flocking Behaviour (Smallville)Julius Steinhoff – „Flocking Behaviour“ (Smallville)

„Flocking Behaviour“ von Julius Steinhoff ist Album der Woche bei unserem Partner artistxite.

Nach diversen EPs und Singles folgt endlich das erste Album. Ein Format, das seit einigen Jahren auch in der elektronischen Musik als Krönung der KĂŒnstlerlaufbahn gilt. Dass es dem MitgrĂŒnder von Smallville kaum an Inspiration mangeln dĂŒrfte, ist offensichtlich. Das Hamburger Label ist lĂ€ngst eine zentrale Kultadresse fĂŒr subtilen, unaufdringlichen House. „Flocking Behaviour“ ist dann auch nichts weniger als eine Huldigung an den Stil: Bassdrums, genauso unaufdringlich wie wirkungsvoll, gelegentlich aufblitzende Gesangsamples und ein gutes GespĂŒr fĂŒr die richtige Track-Dramaturgie. Das zeigt sich besonders in „Hey You“, in dem ein vom Synthesizer eingefĂŒhrtes Rhythmusmotiv von metallischen Percussions abgelöst wird, bevor eine elegische Streichermelodie alles in einen warmen Schleier hĂŒllt. Auch die anderen Tracks kleiden sich in ein angenehmes Pathos. Denn wo sonst, wenn nicht im Club, so weiß womöglich auch der routinierte DJ Julius Steinhoff, liegen Melancholie und Euphorie so nahe beieinander.

Auf unserer SoundCloud-Seite findet Ihr unseren neuen wöchentlichen Podcast, in dem wir auch das Album von Julius Steinhoff besprechen. Alle vorgestellten Veröffentlichungen findet Ihr auch im Download-Shop unseres Partners artistxite. Weitere Album-Empfehlungen von artistxite findet ihr im artistxite-Blog.

Label: Smallville | Kaufen

Neue Platten: Driftmachine – „Nocturnes“

Driftmachine - Nocturnes (Umor Rex)Driftmachine – „Nocturnes“ (Umor Rex)

8,0

„Nocturnes“ – so viel verrĂ€t bereits der Titel – ist ein Album voller Nachtmusik. Sechs elektronische Instrumentals fĂŒr eine Welt im DĂ€mmerzustand. Repetitive, nebulöse Dub-Tracks, die langsam und monoton dahingleiten, voll dunkel schillernder Synthsounds sind und dabei die erhabenen Tiefen im Bassbereiche auszufĂŒllen verstehen.

Bereits im Namen des gemeinsamen Projekts der beiden Berliner Andreas Gerth (Tied & Tickled Trio) und Florian Zimmer (Saroos), Driftmachine, treffen die wesentlichen Momente der Musik aufeinander. Auf der einen Seite steht mechanische PrÀzision und eine auf Minimalismus und Reduktion bedachte MaschinenÀsthetik, auf der anderen Seite das Hypnotische, Abschweifende und schlafwandlerische Geheimnis von zeitlupenhaftem Ambient-Dub.

Ihrem Ursprung nach sind die sechs Tracks der stark limitierten Vinyl-Veröffentlichung (der digitale Download beinhaltet den zusĂ€tzlichen Bonus-Track „Call Mr. Moriba“) jedoch erst mal Studien in Sachen Selbstkontrolle. Laut Aussage der beiden Musiker liegt den Strukturen der StĂŒcke eine intensive BeschĂ€ftigung mit modularen Systemen und Synthezisern zugrunde und nicht irgendeine Quelle romantischer Inspiration, wie dies bei klassischen NachtstĂŒcken der Fall ist. Trotz der nĂŒchternen Ausgangssituation fĂŒhrt die Musik den Zuhörer jedoch bald in eine monochrome Halbwelt zwischen Schlafen und Wachen, in schattenhafte RĂ€ume, deren Faszination aus der Verwendung warmer Basslinien, ausgedehnter Halleffekte und matt schimmernder Synthesizer-Sounds heraus entsteht.

Gleich beim Eröffnungstrack „Claire Obscure“ ticken metallische PercussionklĂ€nge wie ein mysteriöses Uhrwerk zur Geisterstunde, wĂ€hrend sich monotone BĂ€sse und nebulös-verwaschene Soundschwaden in minimaler Variation ĂŒber das siebenminĂŒtige StĂŒck erstrecken. Auch beim folgenden „Drift“ bleibt die Stimmung trotz eines stĂ€rker treibenden Rhythmus recht dunkel. Stein trifft auf Stein. Es klingt nach großen, leeren Fabrikhallen oder verlassenen Industriebrachen bei Mondschein. Geistermusik eben. Beim zweigeteilten „To Nowhere“ schnalzen und schmatzen fremdartige SplittergerĂ€usche zu einem majestĂ€tisch schleppenden Groove, der im zweiten Teil des StĂŒckes deutlich an Fahrt aufnimmt. Gleichförmig und mit wenig Bewegung an der OberflĂ€che, dafĂŒr aber enorm detailreich und voll flirrender Energie in den darunter liegenden Klangschichten.

Nach dem ebenfalls dicht gefĂŒgten „Sternenmeer“ bildet „RĂ©veil Des Oiseaux“, das anfĂ€nglich von prĂ€parierten Pianosounds durchzogen wird, einen fast schon flotten, luftigen Abschluss der Vinyl-Version des Albums. In der Digital-Version sorgt der Bonustrack „Call Mr. Moriba“ mit leicht angezerrten Synths, einem strafferen Arrangement, kurzen Melodiefragmenten und einer leicht nervösen Spannung dann sogar fĂŒr eine Stimmung, die etwas ĂŒber den Nacht-Kontext des ĂŒbrigen Albums hinausgeht.

Label: Umor Rex | Kaufen

Neue Platten: The Antlers – „Familiars“

18.06.2014 von  

The Antlers - Familiars (Transgressive)The Antlers – „Familiars“ (Transgressive)

8,2

„Well this is my house. So fuck your doubts and your cute battalion.“ (The Antlers – „Intruders“)

2003 veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller Matt Ruff ein Buch ĂŒber einen jungen Mann, der aufgrund von traumatischen Kindheitserlebnissen eine multiple Persönlichkeitsstörung entwickelt hat. Eine Vielzahl an Seelen lebt in dem Körper von Andrew Gage, sowohl weibliche als auch mĂ€nnliche, die alle die Kontrolle ĂŒber ihn erlangen wollen. Durch eine langjĂ€hrige Therapiearbeit schafft es Gage allerdings, ein Haus fĂŒr diese Seelen in seinem eigenen Verstand zu bauen. Und er bestimmt im permanenten Dialog mit ihnen, wann sie das Haus verlassen und seine Persönlichkeit fĂŒr kurze Zeit ĂŒbernehmen können.

Ob Peter Silberman, Mastermind und Texter der aus Brooklyn stammenden Formation The Antlers, Ruff gelesen hat, weiß man nicht. Fakt ist allerdings, dass das neue Album der Antlers, „Familiars“, die Thematik von „Ich und die anderen“ so treffend vertont, als sei es als Teil des Romans konzipiert worden. „Familiars“ handelt von HĂ€usern, die der Protagonist erbaut, von sterilen Hotels, als emotional unbefleckte Orte zur persönlichen Reflexion, von einem Palast als finalen RĂŒckzugsort, von „Intruders“, also Eindringlingen, gegen die es sich zu verteidigen gilt, von einem „Director“, einem Regisseur, der alles zusammenhalten soll.

Aber nichts davon spielt sich in einer RealitĂ€t ab, die sich außerhalb eines Kopfes befindet. Die Eindringlinge sind Teil der Persönlichkeit, der Ruf nach einem „Director“ ist die Hoffnung auf einen klaren Überblick ĂŒber den eigenen Verstand, das „Hotel“ kann nicht emotional unbefleckt sein, es ist ja im eigenen Geist gebaut. Die zwei auf dem Cover von „Familiars“ in starrer Umarmung verharrenden Zwillings-Statuen visualisieren die Zwiesprache der verschiedenen Persönlichkeiten.

The Antlers hauen damit einmal mehr eine tiefsinnige, feinst gesponnene lyrische Meisterleistung raus. Anders als bei ihrem Durchbruchs-Album „Hospice“ aus dem Jahr 2009 wird das höchst dramatische, einen emotional attackierende Thema dieses mal jedoch nicht eins zu eins musikalisch umgesetzt. WĂ€hrend Silberman 2009 noch mit lauten Shoegaze-Gitarren, dem molligsten Moll aller Molls und einer musikalischer Klimax nach der anderen einen seelischen Trip mit Unhappy End fĂŒr den Hörer garantierte, gehen es The Antlers auf „Familiars“ sanfter, teilweise fast loungig an. Silbermans Stimme klingt so „schön“ wie nie, das heißt auch, dass sie ihm in den hohen Falsett-Lagen nicht mehr so (gewollt) entgleitet wie noch auf „Hospice“ und dem 2011 erschienenen „Burst Apart“. Stattdessen beeindrucken Sicherheit und Facettenreichtum seines Organs. Silberman singt teilweise so tief wie noch nie, vor allem in „DoppelgĂ€nger“ muss man sich kurz am Kopf kratzen: Hat Silberman hier gerade böse geklungen?

Aber das ist die Ausnahme. Zumeist könnte man „Familiars“ auch einfach nebenbei hören. Aber dann erwischt es einen doch immer wieder, diese eine gewisse Wendung, die ihre Krallen ins Herz schlĂ€gt. Wie nach der HĂ€lfte von „Parade“ oder beim Einsatz des Schlagzeugs im Opener „Palace“. Auch hier lĂ€sst sich dann wieder eine BrĂŒcke zu „Ich und die anderen“ schlagen. Traurigkeit und Dramatik des Themas schwimmen nicht an der OberflĂ€che, aber sie sind definitiv da. Und gibt man diesem Album Zeit, gerne auch mal eine Woche und zehn DurchlĂ€ufe, dann hat es einen. Dann klopft das Herz.

„We have to make our history less commanding“, singt Silberman in „Surrender“. Wir wĂŒnschen viel GlĂŒck, sind aber bei der weiteren Aufarbeitung gerne noch lange dabei!

Label: Transgressive | Kaufen

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