Neue Platten: Four Tet – „Rounds“
09.05.2013 von Maria Stabel
Four Tet – „Rounds“ (Domino)
8,8
Kieran Hebden aka Four Tet ist Poesie für die Ohren. Über Four Tet zu schreiben, seine Musik gar definieren zu wollen, heißt, sie in Ketten zu legen, sie in der Tinte der Worte ertrinken zu lassen. Es ist dennoch einen Versuch wert, sich dem musikalischen Genie mit Worten zu nähern.
Im Jahre 2003 veröffentlichte der KĂĽnstler sein drittes und episches Album „Rounds“, mit welchem ihm der Durchbruch gelang. Die Presse ĂĽberschlug sich mit Lobpreisungen und fĂĽhrte so zu dem SchlĂĽsselmoment in Hebdens junger Musikkarriere. Zehn Jahre später veröffentlicht er nun selbiges Album erneut auf Domino. Als zusätzliches Bonbon gibt es eine CD mit einer Aufnahme einer Show in Kopenhagen um 2003.
„Rounds“ ist, wie der Titel schon preisgibt, eine runde Sache. Hebden erschafft durch ZusammenfĂĽgen vieler Einzelteile ein Gesamtkunstwerk. Wir lauschen einem rhythmischen FluĂź, der uns behutsam und ohne Eile in den Bann zieht. Ohne Hektik bewegen wir uns durch teils flieĂźende, mal stockende Töne. Dabei konstruiert Four Tet eine Komposition, in der wir auf melodische Klänge, aber auch ächzende, krächzende, knisternde und knatternde Geräusche treffen. Es entsteht ein Sound, der beim ersten Hören vielleicht abstößt, zugleich aber auf wundersame Weise stimuliert und fesselt. Wie das Leben ist Four Tet verwirrend und manchmal, in einem anderen Moment, erkennen wir uns selbst in seiner Musik und alles ergibt einen Sinn. Er vereint, was scheinbar nicht zu vereinen ist, und schafft eine Harmonie. „Rounds“ ist ein Album zum Träumen, zum Sich-in-der-Zeit-verlieren, aber auch zum Erwachen und Sich-Wiederfinden.
Die Musik entdeckte Kieran Hebden bereits in seiner Zeit an der Elliott School in London fĂĽr sich. Das verwundert nicht, gingen doch von dieser Schule andere groĂźe Talente wie Burial und The xx ab. Zu seiner Schulzeit war Hebden noch Mitglied der Band Fridge, die er mit zwei seiner Klassenkameraden grĂĽndete. Hebden war 15 Jahre alt, als er mit Fridge seinen ersten Vertrag unterzeichnete.
Später hat sich Hebden in seiner Musikkarriere als Four Tet neu erfunden. Wer ihn kennt, weiĂź, dass jede einzelne Platte von neuen EinflĂĽssen bestimmt ist. Stillstand ist fĂĽr den jungen KĂĽnstler ein Fremdwort. Wirkten auf dem ersten Album „Dialogue“ (1999) noch wesentliche EinflĂĽssen des Free Jazz gepaart mit vielen HipHop-Drum-Lines auf ihn ein, so war das zweite Album „Pause“ (2001) inspiriert von American R ’n’ B, Garage und 2-Step. Heute tourt Four Tet häufig als DJ durch Clubs und spielt dabei tanzbare Sounds. Zuletzt erschien sein Album „0181″ (2013), eine Kompilation bisher nicht veröffentlichter Songs aus den Jahren 1997 bis 2001. Es scheint, als wolle der KĂĽnstler zurĂĽck zu seinen Wurzeln, seinen ersten Erfolgen. Es ist ein „ZurĂĽck“, das seine Fans begrĂĽĂźen. Four Tets Stärke liegt in der den Klängen mitschwingenden Emotionalität, in dem Spiel mit den unerwarteten Geräuschen und der stimmungsgeladenen Atmosphäre.
Kieran Hebdens treuestes Instrument ist sein Computer. Einzig mithilfe seines DAT-Rekorders und der Hi-Fi-Anlage nahm er viele seiner Alben in seiner Wohnung in London auf. Das Ergebnis sind experimentelle Sounds, mit welchen die Hörer auf eine Reise in ihr Innerstes geschickt werden. Four Tets Klang ist einzigartig. Er folgt keinem Muster und doch erkennt man stets seinen eigenen Sound. Dieser Künstler ist ein Freigeist, dessen Musik sich zwischen Intimität und endloser Ferne bewegt.
Der Spannungsbogen bei „Rounds“ beginnt sogleich mit den ersten Tönen. Wer zunächst nur ein Rauschen hört, bemerkt spätestens beim zweiten Hinhören eine weitere Komponente: einen schnellen Herzschlag. In einem Interview verriet der KĂĽnstler, dass der Beginn von „Hands“ tatsächlich aus der Aufnahme eines Herzschlags besteht, und zwar dem eines Hundes. Hebden scheut nicht davor uns schon zu Beginn mit einer Komplexität zu konfrontieren, bei der eine Vielzahl von Geräuschen und Klängen auf uns einprasselt. Man tastet sich heran, Ton fĂĽr Ton. Versuchte man zunächst, die einzelnen Komponenten zu erfassen, geht es später vielmehr um das Gesamte, einer irren Klangwelt ohne Grenzen. Das Centrepiece bildet „Unspoken“. Drums, ein Tamburin und bizarre Geräusche werden von einem Piano mit herzzerreiĂźender Melodie begleitet. Es sind neuneinhalb Minuten der GlĂĽckseligkeit und des Schmerzes, ein StĂĽck, das Paradoxien zu vereinen weiĂź. Das Album endet mit dem Lied „Slow Jam“. Der Titel hält, was er verspricht und lässt uns ruhig werden. Die Harfenklänge geben uns Zeit, aus den Tiefen des Albums aufzutauchen. Mit dem letzten Flimmern und Piepen erwachen wir. Und sogleich stellt sich das BedĂĽrfnis ein, den „Play“-Button erneut zu drĂĽcken und wieder in die fremde und doch so vertraute Welt von Four Tet einzutauchen.
„Rounds“ ist zeitlos. Selbst zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung haben die sanften und melodischen Klänge dieselbe Wirkung. Eingefleischte Four-Tet-Fans sind vermutlich schon im Besitz dieses groĂźartigen Albums. Weil es aber ĂĽber diesen langen Zeitraum in Vergessenheit geraten sein könnte, ist eine Wiederveröffentlichung genau eines, und zwar allerhöchste Zeit. FĂĽr all diejenigen, die erst kĂĽrzlich auf ihn aufmerksam wurden, ist es die Möglichkeit auch Four Tets ruhigere Sounds fĂĽr sich zu entdecken. FĂĽr die alten Hasen ist es nicht nur ein netter, sondern auch nötiger Reminder.
Label: Domino | Kaufen
Neue Platten: Phoenix – „Bankrupt!“
06.05.2013 von Alena Kruse
Phoenix – „Bankrupt!“ (Warner)
6,0
Da ist es, das langersehnte fĂĽnfte Album der Franzosen von Phoenix. Ganze vier Jahre sind seit dem von Kritikern gefeierten Vorgänger „Wolfgang Amadeus Phoenix“ vergangen und gespannt wartete die Musikwelt auf einen ebenso grandiosen Nachfolger. Im schlichten Pfirsichgewand steht die Platte jetzt endlich auch bei uns in den Verkaufsregalen und hat neben dem fragwĂĽrdigen Cover-Design eine ganze Menge Synthie-Pop zu bieten.
Nach der AnkĂĽndigung, „Bankrupt!“ käme eine ganze Ecke experimenteller daher als alles zuvor Gewesene, stieg die Spannung: Was zaubern die vier Musiker diesmal auf ihren Tonträger? Experimentell ist dabei wohl die neue Band-Policy: Synthies rauf, Gitarren runter. Thomas Mars, Christian Mazzalai, Laurent Brancowitz und Deck d’Arcy haben mit „Bankrupt!“ den „Wolfgang-Amadeus-Phoenix“-Kurs weiterverfolgt und erweitert.
Diverse asiatisch anmutende Song-Elemente und auffallend betonter Vintage-Synthie-Einsatz erinnern an den Pop der 80er-Jahre. Auf der ersten Singleauskopplung „Entertainment“ schlägt einem David Bowies „China Girl“ entgegen und auch sonst ist ein GroĂźteil der Songs mit einem seltsamen orientalischen Gimmick bestĂĽckt worden, bei manchen funktioniert das allerdings besser als in „Entertainment“. So zum Beispiel in „The Real Thing“ und „Trying To Be Cool“. Auch der epische, melancholische und hauptsächlich instrumentale Song in der Album-Mitte fehlt nicht. Auf „It’s Never Been Like That“ war es „North“, „Wolfgang Amadeus Phoenix“ präsentierte ihn uns zweiteilig mit „Love Like A Sunset“ und auf „Bankrupt!“ trägt er als fĂĽnfter Track den Namen des Albums. Tatsächlich schafft der Song am ehesten Atmosphäre und weckt GefĂĽhl.
Gleich im darauffolgenden „Drakkar Noir“ wird allerdings wieder der orientalische Jingle laut und verscheucht den kleinen EmotionsanstoĂź. Dazu singt Thomas Mars euphorisch die Zeilen „[…] in the jangle jungle, jingle junkie, juggle juggle me […]“, wie passend. BekanntermaĂźen setzen Phoenix ja gerne mal verrĂĽckt Wörter und Sätze aneinander, die nicht immer Sinn ergeben, aber hier wird das dann doch etwas albern. Wenigstens passen die Wörter zur Melodie und machen damit aus „Drakkar Noir“ einen Pop-Song, der gute Laune verspricht, fĂĽr jene, denen die ausgefallene Synthie-Pop-Umsetzung gefällt. Der nächste, sehr gelungene Song „Chloroform“ lässt die Stimmung wieder etwas ruhiger und entspannter werden. Mit dem langsamen, stetigen Grundbeat hat er fast schon eine Art Zeitlupen-Charakter. Songpassagen wie „I don’t like it if you miss me, why would I long for you?“ und der Refrain „My love, my love, my love is – Cruel“ vervollständigen das melancholische Gesamtpaket. „Bourgeois“ ist ebenfalls ruhiger als der Rest des Albums und etwas melancholisch angehaucht, während der darauffolgende und letzte Track „Oblique City“ wieder zum Tanzen einlädt. Ein guter Abschluss-Song fĂĽr die Platte.
Mit „Bankrupt!“ stellen Phoenix ein gut gemachtes und spezielles Album vor. Bei jedem Hören fällt einem wieder etwas Neues an den Songs auf. Insgesamt hätte man sich den asiatischen Jingle aber sparen können und auch der dominante Synthie-Einsatz wird bei einigen Songs anstrengend. Vielleicht hätten ein paar mehr Gitarrenklänge „Bankrupt!“ besser gestanden.
Label: Warner | Kaufen
Neue Platten: Deerhunter – „Monomania“
03.05.2013 von Luise Vörkel
Deerhunter – „Monomania“ (4AD)
5,5
Was kann man von einem Album erwarten, an dessen Entstehung eine Nebelmaschine beteiligt war? Classic-Rock-Salven oder gar Stakkato-Techno? Nichts dergleichen gibt es auf „Monomania“ zu hören. Dennoch taucht solch ein Gerät in den Credits des Albums auf, zuständig dafĂĽr war Sänger Bradford Cox. Womöglich hat er die Maschine dazu benutzt, die Sichtweite im Studio so weit zu verringern, dass die einzelnen Bandmitglieder nicht mehr sehen konnten, wie alles genau verkabelt war. Der Sound von „Monomania“ lässt das vermuten, auf jedem zweiten Track erklingt eine ĂĽbersteuerte Spur.
Deerhunter sind als Band bekannt, die harmoniereiche Songs gern mal in tiefste Tiefen fĂĽhrt und hĂĽbsch glänzende Melodien kurzum verdreht und zerhackt. Die sich aber auch nur einem der beiden Pole widmen kann. Ihr letztes Album „Halcyon Digest“ bewegte sich auf der helleren Seite und erinnerte an den leicht vertrackten Dream Pop von Bands wie Beach House oder Broadcast. Beim Hören von „Monomania“ beschleicht einen hingegen das GefĂĽhl, dass Deerhunter genug von all der Seichtheit haben, lieber Ă„rger und Klage vertonen wollen.
In der Tat könnte man denken, es handle sich hier um Musiker, die der jugendlichen Verzweiflung noch ganz nah sind. Die Verstärker röhren, die Gitarren kreischen und ĂĽber all dem liegt die eindringliche Stimme von Bradford Cox, einmal durchs Verzerrer-Pedal gejagt. Sein Gesang kann mal äuĂźerst rotzig klingen („Dream Captain“) oder krächzend einen auf „Talking Blues“ machen („Pensacola“). Er kann aber auch ZurĂĽckhaltung. Deerhunter haben einige Lieder mit einer leichten Instrumentierung versehen, zum Beispiel „The Missing“ und „Nitebike“, doch als leichte Kost kann man auch die nicht beschreiben. Immer schwingt eine Prise Tristesse oder Anspannung auf „Monomania“ mit.
Leider hat das zur Folge, dass keiner der Albumtracks wirklich ausgetĂĽftelt ist. „Back To The Middle“ etwa – ein StĂĽck, das schon vorher zu hören war – schlägt stimmungstechnisch die BrĂĽcke zu Feelgood-Pop aus den 60ern, dĂĽmpelt dann aber doch nur zwischen harmonisch angeschlagen Gitarrensaiten herum. Und dreckig verzerrte Songs wie „Monomania“ oder „Leather Jacket II“ ĂĽberraschen Ohren, die sich ĂĽber die letzten Jahre an Noise Pop gewöhnt haben, auch nicht mehr wirklich.
Das Album kokettiert mit der Monotonie – kaum einer der zwölf Songs kommt ohne Rauschen, Zerren, Kreischen aus. Das funktioniert sicher gut im Jugendzimmer, verliert auf eine Dreiviertelstunde aber trotz einiger bezaubernder Melodien („The Missing“) seinen Reiz. Was Hoffnung bereitet: In Vorbereitung auf die Arbeit am neuen Album haben Deerhunter an die 600 Demos von Bradford Cox gesichtet. Es könnte also sein, dass sich die Band bei all den Auswahlmöglichkeiten einfach nur vergriffen hat und der nächste musikalische Wurf ein größerer wird.
Label: 4AD | Kaufen
Neue Platten: !!! – „Thr!!!er“
25.04.2013 von Alena Kruse
!!! – „Thr!!!er“ (Warp)
6,5
Es gibt wahrlich schon genug Bands, bei deren Namen man sich nie ganz sicher ist, wie sie denn nun ausgesprochen werden. Abwechslungsreich ist es da, wenn Musiker der Allgemeinheit einfach drei Ausrufezeichen entgegenwerfen und dem Hörer ĂĽberlassen, wie er oder sie das nun aussprechen möchte. !!! kann fĂĽr fast alles stehen, solange es drei wiederholte, einsilbige Laute ergibt. Wer sich also dem von der Band bevorzugtem „Chk Chk Chk“ widersetzen möchte, sage doch einfach „Bom Bom Bom“ oder „Tak Tak Tak“. Bei der Bandtaufe wurden die Jungs von den Untertiteln des Films „The Gods Must Be Crazy“ inspiriert, in denen Klick- und Schnalzlaute der afrikanischen Khoisan-Sprachen mit Ausrufezeichen dargestellt werden.
!!! fanden 1996 in Sacramento, Kalifornien, zusammen. Die Mitglieder stammten aus verschiedenen lokalen Bands wie The Yah Mos, Black Liquorice und Pope Smashers. Das gemeinsame Ziel war tanzbare oder tanzbarere Musik zu machen. Schnell wuchs die Ur-Besetzung auf acht Mitglieder an: Tyler Pope und Mario Andreoni an der Gitarre, Justin van der Volgen am Bass, Dan Gorman an der Trompete, Allan Wilson am Saxofon, John Pugh am Schlagzeug, Jason Racine an der Percussion und Nic Offer als Stimme von !!!. Von acht GrĂĽndungsmitgliedern spielen nur noch Offer, Andreoni, Gorman und Wilson bei Chk Chk Chk. BerĂĽhmt sind sie vor allem fĂĽr ihre dynamischen und tanzintensiven Live-Auftritte. Seit 1996 sind vier Alben der Dance-Punk-Crew erschienen, dieses Jahr folgt mit „Thr!!!er“ das fĂĽnfte.
UnterstĂĽtzung gab es beim neuen Studioalbum von Jim Eno, seines Zeichens Schlagzeuger bei Spoon. Er war es auch, der !!! dazu anhielt, von dem Versuch wegzukommen, ihre energiegeladenen Liveshows auf Platte manifestieren zu wollen. Die eingefahrene Studioatmosphäre sollte aufgebrochen werden, stattdessen bitte mehr Spontaneität, Experimentierfreude und Dynamik. Gleichzeitig wird sich mehr auf das Wesentliche konzentriert, alles ĂśberflĂĽssige musste weg, textlich sowie instrumental. Gitarrist Andreoni sagt dazu: „Jim hat uns regelrecht dazu gezwungen, noch mehr auf den Punkt zu kommen.“ Zum ersten Mal gingen die Jungs mit einem Plan ins Studio, die Rohfassungen der Songs standen schon vor der Aufnahme. Eine Neuerung fĂĽr Chk Chk Chk; die ĂĽber mehrere US-Bundestaaten verteilte Band traf sich bei den letzten Alben erst im Studio und entwickelte die Song-Ideen dort bei gemeinsamen Jamsessions.
Man hört dem Album an, dass !!! ihren Sound verändern beziehungsweise erweitern wollten, Jim Eno hat ganze Arbeit geleistet, die Songs haben eine eingängige, schlichte Grundstruktur ohne viel Schnickschnack. Der funkige Disco-Sound bleibt erhalten und wirkt in der abgespeckten Version viel stringenter und durchdringender. Ob man will oder nicht, beim Hören der Platte fängt der Körper automatisch zu wippen an.
Der erste Track „Even When The Water’s Cold“ eröffnet das Album mit eingängigem Indie-Sound und durchdringenden Gitarrenklängen. Im Gegensatz dazu steht die erste Single und das HerzstĂĽck von „Thr!!!er“: „Slyd“ hebt sich stark vom Rest des Albums ab. Ein guter, tanzbarer Clubsong, aber viel elektronischer als die restlichen acht Tracks und nicht repräsentativ fĂĽr das Album. Mit „One Girl/One Boy“ schaffen !!! mit weiblicher Vocal-UnterstĂĽtzung den perfekten Gute-Laune-Funk-Pop-Love-Song fĂĽr den Sommer. Der Song treibt sofort die Tanzbeine an, ist dabei aber fast schon wieder zu kitschig. Das wird mit dem darauffolgenden Track „Fine Fine Fine“ wieder ein wenig ausgeglichen: Die Stimmung des Songs ist dĂĽsterer, wozu wohl auch die tieferen Gesangparts von Offer und Cohen beitragen.
„Except Death“ ist die perfekte Mischung aus treibendem Elektro-Beat und Funk-Gitarre, beim Gesang holt sich Nic Offer wieder weibliche UnterstĂĽtzung, was dem Song die gewisse Power verleiht. Chk Chk Chk lassen „Thr!!!er“ mit „Station (Meet Me At The)“ ausklingen. Ein Indierock-Song der zusammen mit „Even When The Water’s Cold“ einen abgestimmten Rahmen fĂĽr das Album bildet, während zwischen den beiden Tracks eine bunte Palette von Songs zusammengewĂĽrfelt ist.
Insgesamt ist „Thr!!!er“ ein tanzbares und abwechslungsreiches Album, das einem gute Laune macht und den Sommer herbeibeschwört. Besonders originell oder anspruchsvoll ist es dabei nicht, die Klänge gehen sofort ins Ohr, man braucht kein zweites Mal hinzuhören. Die Songs sind klar, auf den Punkt gebracht und erfĂĽllen ihren Zweck: Sie regen zum Tanzen und Feiern an.
Label: Warp | Kaufen
Neue Platten: Chuckamuck – „Jiles“
22.04.2013 von Michael Hager
Chuckamuck – „Jiles“ (Staatsakt)
7,5
Mit ihrem zweiten Album macht die ehemalige SchĂĽlerband aus Berlin ein Versprechen, das sie schon mit ihrem DebĂĽt „Wild For Adventure“ gemacht hat. Es ist dasselbe, das gute Rockbands schon immer gemacht haben: das Versprechen von Jugend. „Der Jugend wird seit langem die Aufgabe zugewiesen, die Zukunft zu repräsentieren“, schreibt Jon Savage in seinem Buch „Teenage“. Und Chuckamuck verheiĂźen fĂĽr die Zukunft Exzess, Konsum ohne Reue und Sommerferien fĂĽr immer. Die Welt ist voller Abenteuer, solange „Der Laden an der Ecke“ offen hat, und das Mädchen, das man beim Trampen kennenlernt, ist sowieso interessanter als der Sitznachbar bei der nächsten Bahnfahrt.
In dem Song „Hitchhike“ heiĂźt das romantische Jugend-Ideal Holland-Urlaub mit Bungalow, Achterbahnfahrt und Kinobesuch. In „Karl Egal“ ist es das GlĂĽck, genug weiche Drogen zu haben, dass auch wirklich alle dicht werden. „Hallo Wendy, trink mal Brandy, frag nicht Sandy, kein Martini, nimm den Whisky-y!“, heiĂźt es da. Oder an anderer Stelle: „Hi, wir sind high, da kommt ein Hai durch den Raum geflogen – und alle sagen wow.“ Reim dich oder ich fress dich, und auĂźerdem: scheiĂź drauf. Chuckamuck praktizieren sozusagen Anti-Könnertum in Reinkultur.
Hatte man es beim DebĂĽt noch mit Heldenverehrung auf dem Gebiet der Musik („Gestern traf ich Dan Tracey“) und der Schokoriegel („Mars Mandel“) zu tun, singen Chuckamuck nun ĂĽber die Protagonisten der Sci-Fi-Serie „Akte X“ und tragische Figuren wie „Bill McGrill“ und „Jeanie Reynolds“ (angeblich ist nicht die Soul-Sängerin gemeint). Musikalisch stehen noch immer die Black Lips und King Khan Pate. Zum Garagenrock gesellen sich indes Schrammel-Country, Dub- („War Was“) und Mariachi-EinflĂĽsse („Laufe Laufe“). Und Pankow wird zunehmend ein Teil von Atlanta, Georgia.
Das Versprechen, das Chuckamuck machen, ist ein Versprechen von Jugend als Zukunft und nicht als Vergangenheit. Die Jugend ist ein Club, du brauchst nur eine Menge Zigaretten und Bier, dann kannst du mitmachen. FĂĽr all diejenigen, die die Gitarre nicht selbst kaputtmachen wollen, wird das Ganze hier nochmal stellvertretend ausgelebt und das ist immerhin unterhaltsam.
Label: Staatsakt | Kaufen
Neue Platten: Friedman & Liebezeit – „Secret Rhythms 5″
18.04.2013 von Christoph BĂĽscher
Friedman & Liebezeit – „Secret Rhythms 5″ (Nonplace)
8,0
„Secret Rhythms“, die gemeinsame Veröffentlichungsreihe von Burnt Friedman und dem Ex-Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit, verspricht Geheimnisse. Doch eigentlich spielt das Duo auf seinem fĂĽnften Album ganz mit offenen Karten. Es geht ums Trommeln, so schlicht und doch so unglaublich vielfältig.
Friedman & Liebezeit erkunden in dieser Konstellation bereits seit ĂĽber zwölf Jahren die Möglichkeiten von Rhythmen und Sound jenseits der Konventionen von Jazz oder Pop. Die acht instrumentalen StĂĽcke ihres aktuellen Albums sind wahrscheinlich einfach nach Tempo und Taktart betitelt (z. B. „130-11″, „125-05″ oder „124-09″). So schnörkellos diese Titel scheinen, so exotisch ist doch die Klangwelt. Die Zahlenkombinationen dieser Trackliste legen nahe, dass man einen schnöden 4/4-Marschrhythmus hier vergeblich suchen wird. Stattdessen wird die Musik – sehr ähnlich wie bereits auf den Vorgängeralben – von bewegten Rhythmen und komplexen metrische Strukturen bestimmt. Dem dabei eingesetzten Ethno-Instrumentarium (u. a. Dholak, Kalimba, Steel Pans, Zimbeln, Monochord) kommt neben den vielfältigen Trommel- und Percussion-Klängen die Hauptrolle zu. Klassische Melodieinstrumente wie Bass, Gitarre, Flöte und auch einige Synthesizersounds werden nur sparsam verwendet, und wenn sie auftauchen, dann vor allem, um als repetitive Schleifen die komplexen Beatstrukturen zusammenzuhalten.
Was sich zunächst stark nach verkopfter Frickelmusik für Freaks und Spezialisten anhört, entpuppt sich jedoch recht schnell als das genaue Gegenteil. Friedman & Liebezeit sind zwar ausgewiesene Virtuosen und Kenner ihres Fachs und beschäftigen sich auf ihren Alben seit Jahren intensiv mit den tiefen Mysterien des Trommelns. Der Ausgangspunkt ihrer musikalischen Sprache ist jedoch weder abstrakte Theorie noch technisches Können.
Jaki Liebezeit hat mit seinen 75 Jahren und nicht zuletzt durch seine Zeit mit Can so ziemlich alles drauf, was einen guten Schlagzeuger ausmacht. Fremdartige und sperrige Rhythmen, die bei weniger bewanderten Trommlern wahrscheinlich angestrengt und holprig klingen würden, besitzen bei seiner Spielmethode eine Leichtigkeit und Ruhe, einen natürlichen Fluss, der nur durch ein völliges Verschmelzen des Körpers und seiner Bewegung mit dem Rhythmus entstehen kann.
Das ist wohl auch gemeint, wenn Friedman & Liebezeit im Begleittext des Albums das Zyklische und die Kreisförmigkeit ihrer Musik dem linearen Modell der klassisch-westlichen Musiktheorie gegenĂĽberstellen. Ihr Ansatz geht klar vom Körper aus, von seinem Gedächtnis und einer Vorstellung von universeller Einheit, die zwar gelegentlich in Esoterik und Pseudowissenschaft abzudriften droht, im Rahmen dieser Musik aber absolut Sinn ergibt. Als Gastmusiker erweitern Daniel Dodd-Ellis, Tim Motzer, Daniel Schröter, Joseph Suchy und Hayden Chisholm die klangliche Palette der Tracks und lassen den stärker elektronischen Charakter frĂĽherer Platten weiter in den Hintergrund treten. Wie sehr diese Musik lebt, wird auf „Secret Rhythms 5″ besonders an den Stellen deutlich, wo auf der ansonsten klanglich brillanten Aufnahme das Atemgeräusch der Musiker ganz zart hörbar wird und dabei deutlich wird, wie sehr diese Bewegung mit der der Musik korrespondiert. An diesen Stellen wird mindestens ein Geheimnis gelĂĽftet: Man kann diese Musik nicht vom Kopf, sondern nur vom FĂĽhlen her begreifen.
Label: Nonplace | Kaufen
Neue Platten: Lubomyr Melnyk – „Corollaries“
16.04.2013 von Klaus von Frieling
Lubomyr Melnyk – „Corollaries“ (Erased Tapes)
8,0
Der rauschbärtige Mann hätte sich keinen besseren Zeitpunkt fĂĽr seine Wiederentdeckung aussuchen können. Nie waren die reinen Klavier-Klänge allgegenwärtiger als in den vergangenen zwei, drei Jahren. Nils Frahm, Rachel Grimes, Poppy Ackroyd und Ă“lafur Arnalds sind nur die bekanntesten Namen in einer täglich länger werdenden Liste der Pianisten, die sich musikalisch irgendwo zwischen Pop und Klassik bewegen. Und genau diese Unentschiedenheit ist ihr groĂźer Vorteil: Sie können sowohl an Bandkonzepte andocken als auch sinfonische Welten bedienen. Erased Tapes ist dabei das Label geworden, das fĂĽr viele KĂĽnstler dieser irritierenderweise als Neo-Klassik betitelten Musik eine Heimat geworden ist. So auch fĂĽr den 1948 in der Ukraine geborenen und in Kanada lebenden Lubomyr Melnyk, der lange Jahre seine Platten selbst verlegte. Ende 2011 erschien dann ĂĽberraschend „The Voice Of Trees“ auf dem Schweizer Label Hinterzimmer Records. Die Aufnahmen dazu stammten aus dem Jahr 1983 und wurden von Lubomyr Melnyk an zwei Pianos und Melvyn Poore an drei Tubas eingespielt. Auch durch das fast 30 Jahre verspätete Erscheinen hat die Platte, die vorher niemals offiziell veröffentlicht worden war, nichts von ihrer faszinierenden Schönheit eingebĂĽĂźt. Vielmehr darf man sich die berechtigte Frage stellen, warum Melnyk eigentlich nie den Bekanntheitsgrad eines Philip Glass oder Terry Riley erreicht hat.
Aber das kann jetzt nachgeholt werden. Mit „Corollaries“ darf der inzwischen 65-Jährige endlich und gerne ein größeres Publikum erreichen. Labelkollege Peter Broderick hat als Produzent Melnyks Pianospiel mit unaufdringlichen und kleinteiligen Klängen umgeben, die kaum merkbar die Atmosphäre der Platte entscheidend prägen. Dass er dabei gleich im ersten StĂĽck der Platte, dem fast 20-minĂĽtigen „Pockets Of Light“, sogar einige Passagen gesanglich begleitet, ist des Guten fast schon zu viel. Sein größtes Verdienst ist aber, Melnyks Musik von ihrem Zahlenwahn befreit zu haben. Auf „Corollaries“ geht es zum GlĂĽck nicht mehr um 19 Töne pro Sekunde und Hand oder das Spielen mehrerer Pianos gleichzeitig, wie das in der Vergangenheit bei der „Continuous Music“ des Wahl-Kanadiers so häufig der Fall war. Auch wenn sich hier die Noten gerne ĂĽberschlagen oder ĂĽbereinander herfallen, kaskadenhaft anschwellen, in Minimal-Music-artigen Obertönen entschweben und dann wieder herabsinken, steht die Stimmung jederzeit im Mittelpunkt. Am deutlichsten wird das mit dem StĂĽck „A Warmer Place“, das so zart ist, dass man es Melnyk gar nicht zugetraut hätte. Hier klingt sein Spiel fast schon wie das vorsichtige Anschlagen der Tasten eines Nils Frahm auf seiner Platte „Felt“ und wird zusammengehalten von lang anhaltenden einzelnen Geigentönen. Wunderbar.
Wenn man ĂĽberhaupt etwas an dieser wirklich schönen Platte beanstanden möchte, dann ist es die Tatsache, dass Melnyk zuweilen sehr die Tasten auf der rechten Seite seines Instruments bevorzugt. Wenn Broderick dann mit seiner Geige in ähnlichen Höhen entschwindet, wie mehrere Male im letzten StĂĽck der Platte, „Le Miroir D’Amour“, dann nervt das nicht nur ein wenig, sondern wirkt wie ein ĂĽberzuckerter Guss auf einem Sahnetörtchen. An manchen Tagen, wenn man mit den Werten eh schon im Keller ist, bekommt einem das vielleicht aber ganz gut. An den anderen darf man sich an den anderen so wundervollen Melodien dieser Platte satthören, die einen immer wieder neue Leckereien entdecken lässt.
Label: Erased Tapes | Kaufen
Neue Platten: Sølyst – „Lead“
11.04.2013 von Nils Rabe
Sølyst – „Lead“ (Bureau B)
7,5
Nach fast 20 Jahren als Schlagzeuger von Kreidler legt Thomas Klein unter dem Pseudonym Sølyst nun sein zweites Soloalbum auf Bureau B vor. „Lead“ ist eine hypnotisch-verstörende und gleichzeitig rabiate Reise in eine andere Welt – der Hörer findet sich inmitten einer kargen Landschaft wieder. Die ersten Töne reiĂźen eine klaffende Schlucht in den vertrockneten Boden und zerren uns hinab in die beängstigenden Tiefen der Dunkelheit. Dort martern dĂĽstere Synthesizer-Muster, bedrohlich klingende Bassläufe, treibende Trommel-Figuren und kavernöse Percussion-Effekte unseren Gehörnerv. Trotz der Vielzahl an deprimierenden Momenten, gibt es am Ende der Reise einen versöhnlichen Ausklang.
Die schwermĂĽtige Musik auf „Lead“ unterscheidet sich nicht groĂźartig von der Kreidlers, jener einflussreichen Band aus DĂĽsseldorf, deren Musik aus elektronischen und analogen Instrumenten besteht. Auch bei Sølyst treffen analoge Drums auf elektronisch generierte Muster, jedoch steht hier die Monotonie deutlich mehr im Vordergrund. Die Beats, die Effekte, die Drums – Klein betreibt hier musikalische Hypnose und erreicht dadurch eine rhythmische Ekstase mit gekonnt minimalen, aber extrem effektiven Mitteln. ZurĂĽckhaltend und zugleich treibend beschreibt es ganz gut. Oder: metallisch, kalt, dĂĽster, pulsierend – die musikalische Vielfalt umschlieĂźt den Hals des Hörers und lässt ihn nicht mehr los. Eine surreale und zugleich irritierende Reise in die eigene GefĂĽhlswelt. Dadurch fällt es sichtlich schwer, passende Referenzen zu finden. Minimal, Krautrock und Dub treffen es wohl noch am ehesten.
Zehn StĂĽcke in knapp 50 Minuten sind auf „Lead“ vertreten. Der Opener „Pierbourg“ zerrt uns entschlossen in die Tiefen des Unbekannten, in eine undefinierbare Dunkelheit und steht exemplarisch fĂĽr die kalte und dĂĽstere Atmosphäre des gesamten Albums. Ein heftig stampfender Beat schreitet unbeirrt seinen Weg und hinterlässt keinen Zweifel an seiner unerschĂĽtterlichen Entschlossenheit, alles Fruchtbare dieser Welt in eine Einöde zu verwandeln. Drums, Percussion, Synthesizer und knöchig-karge Melodie-Fragmente charakterisieren den Sound der nächsten 40 Minuten. Nach mehreren ekstatischen und pulsierenden Momenten voller bleierner Härte endet die Klein’sche Reise mit „Schnee“ dennoch versöhnlich. Die Dunkelheit verschwindet und eröffnet uns mit einer hypnotisch-entspannten Melodie einen befreienden Blick zum Himmel.
„Lead“ demonstriert auf beklemmende Art und Weise, inwieweit die menschliche Psyche strapaziert werden kann. Kleins virtuoser Gebrauch der Drums und Percussion wird hierbei zum zentralen Element und stimuliert unsere GefĂĽhlswelt. Unser Innenleben wird in verschiedene Richtungen gereizt – ein Wechselbad zwischen beklemmend-kalter Distanz und hypnotisch-wärmender Nähe. Die elektronischen Sound-Muster und -Sequenzen formen sich zu starken, emotionalen Gebilden. Der spannendste und aufregendste Aspekt dieser Platte liegt demnach in der lebhaften Interaktion von (akustischen) Drums und elektronischen Sounds – zwei perfekt miteinander harmonierende Komponenten.
Label: Bureau B | Kaufen
Neue Platten: Cold War Kids – „Dear Miss Lonelyhearts“
07.04.2013 von Philipp Köhler
Cold War Kids – „Dear Miss Lonelyhearts“ (V2)
6,9
Ăśblicherweise sagt man ja dem dritten Album nach, das schwierigste zu sein. Die Cold War Kids hatten es damit tatsächlich nicht leicht: Deren letzte Veröffentlichung „Mine Is Yours“ wollte die Kritiker nicht so recht begeistern. Zeit also fĂĽr die Kalifornier, mit dem Nachfolger einiges wieder geradezurĂĽcken.
„Dear Miss Lonelyhearts“ heiĂźt das nun zwei Jahre später erschienene vierte Album, das sich stilistische Weiterentwicklung auf die Fahnen geschrieben hat. Während der Vorgänger stellenweise wie ein Pastiche verschiedener Sounds von U2 bis zu den Black Keys klang, versucht man sich hier an musikalischer Emanzipation. Die Vorabsingle und Opener des neuen Albums „Miracle Mile“ geht mit Klavierstakkato und Four-to-the-floor-Intro gut nach vorne und entwickelt sich zum soliden Schrammelrock-Song. Stellvertretend fĂĽr den Rest des Albums steht der Song damit aber noch lange nicht, denn auf „Dear Miss Lonelyhearts“ experimentieren die Cold War Kids stärker als zuvor mit ihrem Sound. Das reicht vom häufigen Synthie-Einsatz, der mal mehr („Loner Phase“), mal weniger gelungen („Bottled Affection“) ist. Zwischendurch versucht man sich mit „Tuxedos“ an einer 50er-Ballade, komplett mit Slapback-Echo und schwermĂĽtigem, fast weinerlichem Gesang, um später wieder bei verhallten, hymnischen Balladen zu landen.
All das lässt allerdings nicht den Eindruck von musikalischer Reifung aufkommen, eher hat man das GefĂĽhl, dass die Cold War Kids auch beim vierten Album noch nicht recht wissen, wohin es musikalisch gehen soll. Es fehlt das Alleinstellungsmerkmal, die Ecken und Kanten am zugegeben zwar sicher radiotauglichen, aber auch glattgebĂĽgelten Sound. Am stärksten ist die Band, wenn sie sich auf die rockigen Elemente in ihrer Musik konzentriert. Dort schaffen es die vier Musiker, die ihren Stil selbst zwischen Punk und Soul einordnen, am authentischsten zu klingen. Ihre AusflĂĽge in andere Genres hingegen wirken dagegen zu flach und musikalisch unausgegoren, um als Wegweiser klar in eine Richtung zu deuten. „Dear Miss Lonelyhearts“ schafft es so nicht, die Cold War Kids als gereifte Band zu zeigen, denn entgegen aller Hoffnungen und BemĂĽhungen sind sie auch beim vierten Album leider noch nicht „angekommen“.
Label: V2 | Kaufen
Neue Platten: Joasihno – „A Lie“
04.04.2013 von Christoph BĂĽscher
Joasihno – „A Lie“ (Alien Transistor)
8,0
Joasihno vereinen auf „A Lie“ kraftvolles Songwriting mit einem sicheren GespĂĽr fĂĽr Atmosphäre, Klangfarbe und dynamische Arrangements. Immer wieder flirrt, klappert und piepst es dabei im Hintergrund dieser wunderschönen StĂĽcke auf ganz geheimnisvolle Weise. Man merkt schnell: Christoph „Cico“ Beck, der Hauptakteur der Band, ist ein versierter Rhythmus-Bastler. Kein Wunder, hat der gebĂĽrtige Oberbayer aus der Nähe von Eichstätt doch eine Weile in MĂĽnster Schlagzeug studiert.
Die Songs auf „A Lie“ sind aber auf keinen Fall verkopfte Musik fĂĽr Spezialisten, sondern gefallen durch mal opulente, dann wieder luftig und leichte Instrumentierung, abwechslungsreiche Klangfarben und eine geschickte Dramaturgie des Auf- und wieder Abtragens unzähliger musikalischer Schichten.
Mit Nico Sierig (Missent To Denmark) ist Joasihno inzwischen zum Duo angewachsen. Begonnen hat alles aber als Ein-Mann-Loop-Orchester. Bei seinen Konzerten schwelgte Christoph Beck ganz allein in den Möglichkeiten, die ihm das Ăśberlagern von Schleifen aus Gesang, Folk-Gitarren und verschiedenen elektronischen und akustischen Sounds boten. Auf die 2009 in Eigenregie veröffentlichte EP „papierTonnenTigerTum“ folgte 2011 das DebĂĽt „We Say: ‚Oh Well‘“ (Kyr Records), welches dann die Weilheimer Notwist-BrĂĽder Micha and Markus Acher so sehr beeindruckte, dass sie Joasihno zunächst mit auf Tour nahmen und nun das aktuelle Album auf ihrem Label Alien Transistor herausbringen.
Die Platte beginnt zunächst ganz zaghaft. Ein paar vereinzelte Synthesizertöne flöten verloren im Intro des EröffnungsstĂĽcks herum, doch schnell blĂĽht der Song auf. Eine treibende Akustikgitarre, Handclaps, ein schwebender Orgelgrundton und ein dichter Klangteppich, schon setzt der erste Refrain mit schwelgerischem Harmoniegesang und der Frage „Are you a lie?“ den melancholischen Grundton des gesamten Albums.
Songs wie „Oh Boy“ oder „We Are Dreaming Of The Dark“ sind zunächst mal leicht verträumte, eingängige Popsongs, die durch die detaillierte Arbeit mit unzähligen Percussion-Instrumenten, Glocken und effektvollen elektronischen Schlaglichtern zu echten Indietronic-OhrwĂĽrmern ausgebaut werden. Am Ende gefallen aber vor allem Details wie das gut gelaunte Gepfeife auf „Oceans“ oder die bedeckte Atmosphäre einer Ambient-Instrumentalnummer wie „Dream Of A Disappearing Friend“. Joasihno öffnen damit einen Raum zwischen guter Laune und Melancholie, in der man sich gerne länger aufhalten möchte und in dem man sich einfach wohlfĂĽhlen kann.
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