Neue Platten: Die Zimmermänner – „Ein Hund Namens Arbeit“

Cover des Albums Ein Hund Namens Arbeit von Die ZimmermännerDie Zimmermänner – „Ein Hund Namens Arbeit“ (Tapete)

8,3

Die Erschaffung der luziferischen Perfektion. – Oder: Wie „Ein Hund Namens Arbeit“ von Die Zimmermänner in absurder Leichtigkeit die meistgehassten Musikgenres des Musikliebhabers vereint.

Am Anfang erschuf Musikgott Hildegard Knef. Hilde war eine wahrere Erscheinung, haute mit ihrem kratzigen Gesang die Nachkriegsdeutschen aus den Latschen und kam doch ĂĽber das Chanson nicht hinaus.

Am zweiten Tag sprach Musikgott: „Papperlapapp, Chanson! Die Menschen mĂĽssen mitsingen, sich mitreiĂźen lassen! Sie sollen schwofen und schwippen.“ Und so schuf er den Schlager.

Des Schlagers ĂĽberdrĂĽssig musste fĂĽr Musikgott schnell ein neues Genre her: Die Neue Deutsche Welle. Mit Nena, Trio und Andreas Dorau gelang ihm ein wahrer Coup. Die Menschen waren auĂźer sich. Sie vergaĂźen gar all ihren Anstand.

Potzblitz! Musikgott war not amused. Flux folgte am vierten Tag die Erschaffung des 70er-Jahre-Pop. Mehr Beat, mehr Disko, mehr Glitzer – weniger Exzesse. So der Plan. Mit ABBA, Vicky Leandros und Boney M. sollte dem Treiben ein Ende bereitet werden. Doch, welch Elend – der Mensch war beratungsresistent.

Also sprach Musikgott: „Gebet mir den 80er-Sound!“ Wenn nichts hilft, dann hilft Synthiesound. Regler rauf, E-Piano an, zweistimmiger Gesang. Nun war alles verloren. Es wurde getanzt, gejauchzt und gefeiert, keiner kam mehr seinen Verpflichtungen nach.

„Wer sich so verausgabt, soll eine Pause bekommen“, so Musikgott. Auf die wilden letzten fĂĽnf Tage folgte am sechsten Tag die Schaffung des Deutschpop. Vorne dran: Die Prinzen. Volkswitzige Konsenstexte mit einer Prise Esprit. Endlich aufatmen. „Doch nehmt euch in Acht! Am siebten Tag werdet ihr all eure Kräfte benötigen.“ Die Warnung des Musikgotts sollte nicht umsonst ausgesprochen werden, denn …

Am siebten Tag vollendete Musikgott sein Schaffen. Ihm gelang ein wahrer Streich. Er vereinte alle Errungenschaften der ersten sechs Tage in einem. So entstand: die Perfektion der meistgehassten Musikgenres des Musikliebhabers – Die Zimmermänner.

Die Zimmermänner hatten mit ihrem Werk „Ein Hund Namens Arbeit“ zwölf StĂĽcke in die Welt gesetzt, die grotesk bis mitreiĂźend, schwofig bis animierend, deutschpopig bis schlageresk waren. Detlef Diederichsen und Timo Blunck jonglierten geschickt mit Worten, reimten ungeschickt Verse und setzten gewitzt auf den altbekannten Hang zu einfachen Melodien.

„Ein Hund Namens Arbeit“ war eine geniale Platte, die manchmal beinahe ein bisschen angeberisch wirkte. So liebten Die Zimmermänner Querverweise auf Kultur, Politik und Gesellschaft, die die Menschen zum GrĂĽbeln brachten. Die Musiker bedienten sich spielend leicht der absurdesten Sinnzusammenhänge und reihten die einfachsten Melodien aneinander. Das alles war genial. Das alles war Ausdruck puren Könnens und groĂźer Spielfreude. Das alles war der simple Beweis: Uncoolsein kann so cool sein.

Und Musikgott? Der lag zufrieden in den Federn und labte sich an seiner Selbstkrönung ob dieses Meisterwerks. Der Angeber.

Label: Tapete

Neue Platten: Scott Walker + Sunn O))) – „Soused“

Cover des Albums Soused von Scott Walker + Sunn O)))Scott Walker + Sunn O))) – „Soused“ (4AD)

7,4

Ein zähflĂĽssiger Drone, ein weit entferntes Pfeifen, das klingt wie ein verfremdeter Schmerzschrei, der von scheinbar zufällig hereinpreschenden Metallschlägen beantwortet wird. Das ist der Sound, den man von Sunn O))), dem US-amerikanischen Drone-Metal-Duo, gewohnt ist. Wäre da nicht plötzlich diese beiĂźende Tenorstimme, die so aufdringlich ist wie Fernsehwerbung während eines Spielfilms – und dabei auch noch kryptische Textzeilen singt wie: „A beating would do me a world of good“. Doch ich will hier nichts ĂĽberstĂĽrzen. Die Stimme gehört zu Scott Walker, einem englischen Sänger, der niemand Geringeres als David Bowie zu seinen treuesten Fans zählen kann. Der heute 71-Jährige wurde in den 1960er-Jahren mit der Band Walker Brothers weltberĂĽhmt, bevor er sich nach der Auflösung fĂĽr eine Solokarriere als Chansonnier entschied – und dann so unterschiedliche Musiker wie Damon Albarn, Jarvis Cocker oder The Last Shadow Puppets beeinflusste.

Dass die oft in Mönchskutten gekleideten Sunn O))) den Sänger nun fĂĽr ihr neues Album „Soused“ engagiert haben, wirkt nur auf den ersten Blick unpassend fĂĽr die Musik des enigmatischen Duos, das in ästhetischer Hinsicht irgendwo zwischen Black Metal, soundgewordenem Gottesdienst und den avantgardistischen Klangexperimenten von Neuer Musik angesiedelt ist. Denn Sunn O))) orientieren sich mit ihrer vor allem auf Körperlichkeit abzielenden Musik seit jeher an avantgardistischen Ideen.

Und Avantgarde bedeutet immer auch, Konventionen zu zerstören und Gewohnheiten zu unterlaufen. Die Musik aus organisiertem Dröhnen und dem von Gregorianik und Opern beeinflussten Gesang erfordert eine gewisse Zeit, bis sie ihre eindringliche Atmosphäre entfaltet. Musikalisch bleibt sich das Duo bis auf einige neue Referenzen wie etwa die hohen Glissandi-Töne des polnischen Komponisten György Ligeti weitgehend treu. Keiner der fünf Songs ist kürzer als acht Minuten, ein bedrohliches Hintergrundrauschen ist allgegenwärtig und die verzerrt-atonalen Akkorde werden bis aufs Äußerste gedehnt.

Während sich die helle Stimme wie ein dauerhafter Kontrapunkt durch die reduzierten wie dĂĽsteren Klanglandschaften zieht, passt die Thematik der Texte schon wesentlich besser zur mythisch aufgeladenen Musik. Denn die oft sehr bildhafte Sprache Walkers erinnert nicht nur thematisch, sondern auch metrisch an die dĂĽstere Lyrik von Poeten wie T. S. Eliot. Der Song „Herod 2014″ etwa ist eine musikalische Interpretation des Massakers, das König Herodes der Bibel zufolge einst in Bethlehem verĂĽbte.

Das lässt sich einerseits als Flucht in vergangene Zeiten lesen, aber auch als Brücke in die Gegenwart. Denn die biblische Interpretation eignet sich perfekt als kritischer Kommentar auf die barbarischen Verhältnisse unserer Gegenwart.

„Soused“ ist eine Herausforderung, aber eine, die sich lohnt. Denn das Album setzt vor allem kathartische Kräfte frei, indem es vergessene Dämonen der Menschheitsgeschichte mit denen der leider realen Gegenwart koppelt. Zeitgemäßer könnte Musik nicht sein.

Label: 4AD
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Neue Platten: Thurston Moore – „The Best Day“

15.10.2014 von  

Cover des Albums The Best Day von Thurston MooreThurston Moore – „The Best Day“ (Matador)

7,9

Das vorläufige Ende von Sonic Youth schien das Schlimmste und gleichermaĂźen Beste heraufzubeschwören, was dem einflussreichen Krachkollektiv widerfahren konnte. Jenes dialektische Verhältnis speist sich einerseits aus der enormen Relevanz, die jene Gruppe nicht nur als Rolemodels und Identifikationsfläche fĂĽr die einst so medienwirksam betitelte Generation X darstellte, sondern darĂĽber hinaus fĂĽr eine radikale Politisierung und Subversion mittels Ă„sthetik und die Verbindung von Sub- und Hochkultur, von Neuer Musik, Jazz und Punk hatte. Die unprätentiöse – trotz oder gerade wegen Kunsthochschule zumeist autodidaktische – Herangehensweise des No Wave im New York der späten 1970er- und frĂĽhen 1980er-Jahre wurde konsequent weitergedacht und so waren die Makers of Cool mit einer Bandgeschichte von fast drei Dekaden ein popkulturelles Relikt, was die symbiotische Umsetzung verschiedenster kreativer Felder wie Musik, Film, Literatur, Performing Arts und bildender Kunst angeht. Ich möchte bewusst vermeiden, an dieser Stelle von „in WĂĽrde altern“ zu sprechen.

Waren die Soloarbeiten der jeweiligen Individuen einst Nebenschauplätze und vom Projektcharakter geprägt, so entstand ab der dramatischen Trennung vom einstigen Indie-Traumpaar Gordon-Moore nach 27-jähriger Ehe und einer gemeinsamen Tochter Raum für Neues und so wurde mit durchaus spannenden Releases über die schleichende Auflösung (?) hinweggetröstet. Steve Shelley sprang kurzzeitig als vollwertiges Mitglied der Chicagoer Kraut-Wiedergänger Disappears ein und ist als Session-Drummer für Spectre Folk, Sun Kil Moon (et al.) tätig. Lee Ranaldo veröffentlichte indes zwei zeitlos-frische, von Psychedelic, Yo La Tengo und seiner Jugend bzw. Kindheit beeinflusste Alben. Kim Gordon widmete sich u. a. ihrer bald erscheinenden Autobiografie und dem fordernden Noise-Duo Body/Head. Und Thurston Moore?

Der stets extrovertierteste der vier alternden Ewig-Jugendlichen veröffentlicht nach Chelsea Light Moving und gar gruseligen AusflĂĽgen im Black Metal mit „The Best Day“ sein insgesamt viertes Soloalbum und zugleich erstes seit vier Jahren bzw. der Trennung, welcher eine rund sechsjährige (!) Affäre mit der gemeinsamen Freundin und Verlagspartnerin Eva Prinz – die Moore im Ăśbrigen ĂĽber Gordon kennenlernte – vorausging. Dieser Fakt und die gleichzeitige Verehrung des kĂĽnstlerischen Schaffens (Stichwort Dialektik) lässt „The Best Day“ zunächst vielmehr als Worst Case erscheinen, sodass es ein schier unmögliches Unterfangen darstellt, die Platte unvoreingenommen zu rezensieren. Damit einhergehend bin ich dazu geneigt, solch breitbeinige Gitarrensoli wie im Titelsong nicht mehr als ironische, ĂĽberaffirmative Aneignung stilistischer Mittel klassischer Rockwerke der 70er-Jahre (wie es hingegen auf „Daydream Nation“ aus dem Jahre 1988 der Fall war) zu dechiffrieren, sondern differenzierter und wesentlich kritischer in einem Kontext zu bewerten, von dem sich Moore jederzeit explizit distanzierte und wahrscheinlich auch noch heutzutage lossagen wĂĽrde – nämlich vom sogenannten „Dude-Core“ (O-Ton Moore), dem GroĂźteil des kulturindustriellen Establishments von Typen, die mit phallisch eingesetzten Gitarren Musik im Allgemeinen und Punk bzw. Indie-Rock im Speziellen fĂĽr ein männliches Publikum produzieren. Von Jungs fĂĽr Jungs eben.

Doch zurĂĽck zum besten Tag: Das Coverartwork zeigt Moores Mutter. Diese sieht darauf ähnlich unbeschwert und losgelöst aus, wie der Eröffnungstrack mit dem Titel „Speak To The Wild“ klingt. Bewegte sich der passionierte Sammler von Sun-Ra-Platten zuvor meist im Spannungsfeld von Avantgarde, Impro bzw. Noise und 12-saitigen Akustikversionen mit Beck Hansen, so vermag „The Best Day“ noch mehr als die letzten Outputs von Lee Ranaldo Assoziationen zu den Spätwerken Sonic Youths oder auch „A Thousand Leaves“ (von 1998) hervorzurufen und spielt mit altbekannten Songwriting-Trademarks wie dissonanten, atonalen Akkorden und Steve Shelleys Neu!-beeinflussten Motorik-Beats, aber auch mit Moores Affinität fĂĽr endlos mäandernde Jams, wie das darauffolgende gut 11-minĂĽtige „Forevermore“ hypnotisch-vertrippt unter Beweis stellt. Aber Diversität möchte nach wie vor gewahrt werden: So jongliert das akustische „Tape“ erneut mit arabischen Skalen und ein eigentlich so prädestinierter Kim-Gordon-Track wie „Grace Lake“ oszilliert in einem entrĂĽckten Intrumental. Neben Shelley – dem bereits erwähnten Weggefährten aus Sonic-Youth-Zeiten – wird Moore des Weiteren vom britischen Musiker James Sedwards und Debbie Googe von My Bloody Valentine begleitet, was den Wegfall von Gordon und Ranaldo natĂĽrlich nicht kompensieren kann, dies womöglich aber auch gar nicht will.

Insofern ist dieses Album als für sich allein stehender, begeisternder Neuanfang mit fadem Beigeschmack zu verorten, der es durchaus versteht, das entstandene Vakuum zu füllen und gespannt in eine ungewisse Zukunft blicken lässt.

Und vielleicht wird es ja irgendwann doch noch was mit einer Reunion, wenn auch nur als Finanzspritze. So gab Moore bereits 2007 gegenüber einer Onlineplattform offen zu, sich darüber zu ärgern, Sonic Youth nicht frühzeitig aufgelöst zu haben und im Gegensatz zu Dinosaur Jr. oder den Pixies nun keine gut bezahlten Reunion-Shows zu spielen.

Label: Matador
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Neue Platten: Iceage – „Plowing Into The Field Of Love“

Cover des Albums Plowing Into The Field Of Love von IceageIceage – „Plowing Into The Field Of Love“ (Matador)

7,7

Den Preis fĂĽr den schönsten Albumtitel des Jahres haben sie schon mal verdient. „Plowing Into The Field Of Love“ heiĂźt das neue Album der dänischen Garagerock-Combo Iceage. Und das PflĂĽgen auf dem Feld der Liebe gelingt auch auf ihrem dritten Album ziemlich gut. Ein Album, das nach abgestandenem Bier, kaltem Zigarettenrauch im Proberaum, aber auch nach jugendlichen SehnsĂĽchten klingt. Ein blechernes Schlagzeug, halbverstimmte Gitarren, ein roher, unbearbeiteter E-Bass und ein leidenschaftlich vernuschelter Gesang, der zwischen Husten und gelegentlichen Kotzlauten pendelt und sich stilistisch an einer Kreuzung aus dem sprechhaften Erzählgesang von Julia Casablancas (The Strokes) und Cursives Tim Kasher versucht. Im instrumentalen Grundrauschen blitzen dann, im Gegensatz zu dem noch wesentlich punkigeren Vorgänger „You’re Nothing“, gelegentlich Klavierakkorde und Trompeten auf.

Die Welt der vier Musiker Anfang 20 lässt sich relativ einfach in Schwarz und WeiĂź aufteilen, was den Ă„lteren eine Reise in die Sorglosigkeit der Jugend ermöglicht und den Gleichaltrigen zu ersten Schritten auf dem Gebiet des Weltschmerzes und des Exzesses verhilft. Die Texte bewegen sich dabei zwischen sympathischer SelbstĂĽberschätzung wie in „The Lord’s Favorite“ („I am God’s favorite one“) und melancholisch-schönen Liebeshuldigungen wie in „Forever“ („If I could dive into the other / I would lose myself forever“). Womöglich ist die Band aus Kopenhagen nicht ohne Hintergedanken nach einem Song der Postpunkband Joy Division benannt. Denn er brachte Mitte der 80er-Jahre die Hoffnungslosigkeit der Gegenwart präzise auf den Punkt. Mit Songs wie „How Many“, einer wiederum punkigeren Hymne inklusive epischem Refrain mit Rhythmuswechsel, zeigen Iceage dann jedoch, dass es ihnen eigentlich um nichts anderes als die Essenz der Popmusik geht: dem Alltag sinnvoll zu entfliehen, sei es mit erhobenem Mittelfinger oder offenen Armen.

Label: Matador
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Neue Platten: Foxygen – „…And Star Power“

Cover des Albums …And Star Power von FoxygenFoxygen – „…And Star Power“ (Jagjaguwar)

7,8

Diese zwei Jungs von Foxygen … Die haben es faustdick hinter den Ohren. Hat man ihnen bei ihren letzten zwei Alben noch die Mär vom zu schnellen, zu häufigen Genrewechsel erzählt, hat sie geliebt oder gehasst fĂĽr ihren stringenten Sixties-Sound, in dem sie nun wirklich alles – von Motown ĂĽber Kinks bis hin zu The Mamas & The Papas – in einem Song miteinander verzwirbelten, hat dieser Band Fortschritt im RĂĽckbezug attestiert, ja, hat gar den Fehdehandschuh geworfen, bereit, sich mit den Engsten fĂĽr diese Band zu ĂĽberwerfen. WofĂĽr? FĂĽr nichts. FĂĽr eine Sturheit, die beinahe schon frech daherkommt. FĂĽr eine AttitĂĽde, die man mit „Wir machen das schon immer so“ ĂĽberschreiben möchte.

Mit ihrem dritten Werk „…And Star Power“ gehen die zwei Kalifornier dem Erwartungsdruck, der auf dem Album nach DEM Album („We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic“) lastet, ganz einfach aus dem Weg, schnallen sich ihr akustisches Skateboard an und rollen genau die Routen entlang, auf die sie Lust haben. Ohne RĂĽcksicht auf Erwartungen, ohne Vorgaben, mit groĂźer Freude am Klang und mit unendlicher Vielfalt im Detail.

„…And Star Power“ erzählt die Geschichte einer fiktiven Punkband. Eine Punkband, in der du und ich und alle anderen auch spielen könnten. Eine Punkband des Konsens. So widersprĂĽchlich diese Beschreibung ist, so widersprĂĽchlich ist auch das neue Werk von Foxygen. Sie bleiben dem, was sie schon immer tun, in einer Konsequenz treu, dass es beinahe wehtut. Man möchte sie anschreien, die beiden Jungspunde: „Ihr seid jung! Ihr seid wild! Ihr wart mal frisch und neu! Entwickelt euch!“. Nun, da lächeln sie einem nur gelassen ins Ohr und greifen wieder zu ihren Dreiklängen, zu ihrem choralen Gesang, zu ihrem präsenten Piano, dem Verzerrer und dem ĂĽbersteuerten Mikrofon. Das passt insgesamt hervorragend zusammen. Die Songs sind clever aufgebaut, haben disharmonische Momente, kleine raffinierte StilbrĂĽche oder ein dauerhaft nervendes E-Piano. Sie funktionieren gut, schweifen ins Psychedelische ab und fordern beim Hören heraus.

Und trotzdem. „…And Star Power“ liegt eine Nonchalance zugrunde, die manchmal ins Belanglose abrutscht. Das Album wirkt in seiner Gesamtheit wie ein verkrampfter Versuch, der alten Lässigkeit gerecht zu werden. Das liegt an dem wahllosen Einstreuen einzelner Fragmente, das hängt zusammen mit dem ewigen Hin und Her zwischen Rock, Punk, Psychedelic, Pop und Surfer-Musik. Das liegt insgesamt aber wohl an der bereits erwähnten Konsequenz, mit der Foxygen sich dem Sixties-Einschlag verschrieben haben. Das Album hat eine Gesamtlänge von 82 Minuten. FĂĽr heutige Hörgewohnheiten durchaus eine Herausforderung.

Vielleicht ist weniger manchmal mehr? Vielleicht heiĂźt Stillstand manchmal doch RĂĽckschritt? Vielleicht ist vielleicht aber auch nur ein relativierendes Wort fĂĽr ein ganz und gar gelungenes Album, das eben nicht die Erwartungen ĂĽbertrifft, sondern anvisiert und zerschieĂźt.

Trotzdem möchte man den Foxygen-Jungs die langen Zotteln aus dem Gesicht streichen, sie fest an sich drücken, ihnen zu ihrem Mut zur Sturheit gratulieren und mit ihnen eine Runde Skaten gehen.

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Foxygen live, präsentiert von ByteFM:

05.11.14 Berlin – Frannz

Neue Platten: SBTRKT – „Wonder Where We Land“

Cover des Albums Wonder Where We Land von SBTRKTSBTRKT – „Wonder Where We Land“ (Young Turks)

7,2

Wer hätte das gedacht? Dass Dubstep, diese in ihrer radikalen Entschleunigung und DĂĽsterheit beispiellose Clubmusik, ein Jahrzehnt nach ihrer Entstehung in London mal zu einem der effektivsten Werkzeugkästen des zeitgenössischen Pop werden wĂĽrde. Ob der ĂĽberdrehte Stadion-Electro von Skrillex oder der aufgeräumte Neo-Soul von James Blake, der Erfolg so einiger aktueller KĂĽnstler wäre ohne den Londoner Musikstil nicht möglich gewesen. Beim britischen Produzenten Aaron Jerome alias SBTRKT ist das ähnlich, auch wenn sein neues Album „Wonder Where We Land“ immer noch mit dem Dancefloor verwurzelt ist. So sind tiefe Bässe, House-Claps und treibende Dance-Bassdrums immer noch allgegenwärtig.

Dass die meisten der 15 StĂĽcke jedoch weitgehend nach radiotauglichen Songs als nach Dancefloor-Tracks klingen, liegt vor allem an den Gastsängern. Neben Beiträgen des Londoners und langjährigen SBTRKT-Wegbegleiters Sampha, der Popsängerin Jessie Ware und dem 18-jährigen Rap-Newcomer Raury arbeitete Jerome auch mit Ezra Koenig von den New Yorker Indie-Hipstern Vampire Weekend zusammen. Das aus diesem Feature entstandene „New Dorp New York“ ist mit seiner Kreuzung aus Funk, frĂĽhem House und klappernden Livepercussions einer der ungewöhnlichsten Tracks. Aber auch „Wonder Where We Land“, bei dem der sonore Soulgesang von Sampha ĂĽber obskuren 8-Bit-Sounds schwebt, ist ein Beweis fĂĽr die stilistische Bandbreite von SBTRKT, der trotz aller Popaffinität nicht die Lust am Experiment zu verlieren scheint. Demnach bleibt der Brite der Vision von Dubstep verhaftet:  eine Musik jenseits von Stilkonventionen zu schaffen, die die kulturelle Situation des Jahrhunderts in ihrer ästhetischen UnĂĽbersichtlichkeit widerspiegelt.

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Neue Platten: Martin Carr – „The Breaks“

Cover des Albums The Breaks von Martin CarrMartin Carr – „The Breaks“ (Tapete)

6,4

Eigentlich wird dieses Album ein halbes Jahr zu spät veröffentlicht. Martin Carrs „The Breaks“ lädt nämlich zum Radfahren ein. Nicht zum Im-grauen-Herbst-mit-ersten-MĂĽtzenversuchen-und-Triefnase-hochgezogenen-Schultern-und-Grummelfalte-Radfahren, sondern zum Arme-breit-ausbreiten-und-den-Sonnenstrahlen-entgegenblinzeln-mit-die-StraĂźe-gehört-mir-AttitĂĽde-und-leicht-eierndem-Vorderrad-Radfahren.

Klingt pathetisch. Klingt nach unbeschwerter Laune. Klingt teilweise zum Erbrechen flatterhaft. Klingt nach Martin Carr.

Der Brite hat nach längerer Labelsuche sein neues Album auf Tapete Records veröffentlicht und schämt sich nicht, seinen leicht verdaulichen, leichtfĂĽĂźigen und leicht beschwingenden Pop in die Welt hinauszutragen. Wobei der Sound in bizarrer Weise den Inhalten widerspricht. Die Songs haben durchaus schwere Themen. Stellen den Sinn des Daseins infrage („Mainstream“) oder beteuern die ewige Liebe („I Don’t Think I’ll Make It“).

Doch Carr klingt dabei alles andere als melancholisch. Eher klingt er wie der ewige Optimist. Wie einer, der den Problemchen der Welt auf dem Sattel seines Rades davonfährt. Immer den Blick nach vorne. Immer ein Lächeln auf den Lippen. Das wird durch den steten Einsatz von Chor- und Orchestereinlagen beinahe grotesk unterstrichen. Auch die Präsenz des E-Pianos, ob mit Orgelton oder mit Melodica-Anmut, und die wirklich immer und immer vordergründige Akustikgitarre lassen die Songs von Martin Carr leicht überspitzt erscheinen. Beinahe lässt sich vermuten, dass er mit der Übertreibung spielt, sie als Kontrast nutzt, den Pathos zur Entlarvung der Fröhlichkeit verwendet.

Und doch fehlt es an der Konsequenz. Kleine Aufnahmefehler wie verpasste Choreinsätze oder schiefe Töne („St Peter In Chains“) verweisen genauso auf die Ernsthaftigkeit der pathetischen Stilmittel wie die Gitarre, die nur allzu oft und manchmal ein bisschen nervend als Dialogpartner zur Carrs Gesang fungieren muss. Das passt strukturell durchaus zusammen, fĂĽhrt aber dazu, dass die teils schweren Texte unwirklich wirken. Beinahe so, als wĂĽrde Carr mit Fahrradhelm bei rot ĂĽber die Ampel fahren – der Versuch von lingualer Rebellion unter dem Mantel der tonalen Sicherheit.

Letztlich funktioniert „The Breaks“ als Gesamtwerk wunderbar, es ist ein Album fĂĽr gute Momente, erinnert bruchstĂĽckhaft an Belle And Sebastian oder Stephen Malkmus ohne wahnwitzige Einlagen, lässt die Welt Welt sein und kann belanglose Momente zu dauerhaften Erinnerungen werden lassen.

Neue Platten: Allah-Las – „Worship The Sun“

Cover des Albums Worship The Sun von Allah-LasAllah-Las – „Worship The Sun“ (Innovative Leisure)

6,4

Kalifornien, du ewige Sehnsuchtsfabrik. Mit der 2008 gegrĂĽndeten Band Allah-Las hat der WestkĂĽstenstaat zuverlässige neue Arbeiter gefunden. Dass ihr neues Album „Worship The Sun“ heiĂźt, fĂĽgt sich perfekt ein in das Kalifornien-Narrativ, das neben dem Freiheitsversprechen immer auch etwas Hippiesk-Esoterisches enthielt.

Im Gegensatz zum wilderen, da live eingespielten DebĂĽtalbum ist „Worship The Sun“ ein richtiges Studioalbum geworden, das jedoch weiterhin am gewohnten Sound anknĂĽpft. Fast alle 14 Songs dauern nicht länger als drei Minuten und klingen so, als seien sie in den 70er-Jahren aufgenommen worden: Metallische Drums, schrammelnde Gitarren und ein Gesang mit viel Hall und allgegenwärtigen Hintergrund-Ohhs, die ĂĽber allem schweben. Dass Sänger Miles Michaud sich streng am gewollt gleichgĂĽltigen Gesangsstil eines Mick Jagger orientiert, dessen Stimme stets eine Distanz zu den Songs aufrechterhielt, als wĂĽrde er dem Gesungenen selbst nicht ganz trauen, fĂĽhrt zu einem starken DĂ©jĂ -entendu-Effekt.

Mit ihrer Mischung aus Garage- und Surfrock und einer vergilbten Instagram-Patina des 21. Jahrhunderts passt die Band aus Los Angeles sehr gut zum benachbarten Hollywood, dem Zentrum fĂĽr Kunst mit eskapistischem Auftrag.

Denn jeder Song öffnet ein Tor in eine Vergangenheit, die man nie hatte, in der jedoch alles aufregender, neuer, intensiver gewesen zu sein scheint. Und in der nicht nur ständig die Sonne scheint, sondern jeder Tag neue Abenteuer verspricht, wie als Teenager, als jeder Moment noch einzigartig war. Dass dies alles nie wirklich so war, ist völlig egal. Denn mit ihrer Musik schaffen es die Allah-Las, das zu erzeugen, was selbst die größten Skeptiker für einen kurzen Moment überzeugen könnte: die glückselige Illusion einer perfekten Welt.

Allah-Las live, präsentiert von ByteFM:

13.10.14 Köln – Underground
14.10.14 Hamburg – Mojo Club
15.10.14 Berlin – C-Club
17.10.14 MĂĽnchen – The Atomic CafĂ©
18.10.14 Wiesbaden – Schlachthof

Label: Innovative Leisure | Kaufen

Neue Platten: Mutter – „Text Und Musik“

Cover des Albums Text Und Musik von MutterMutter – „Text Und Musik“ (Clouds Hill)

6,1

Die Renaissance von deutschsprachigen Indiebands innerhalb der deutschen Popmusiklandschaft ebbt nicht ab. Dass ihre Namen oft aus nur einem Wort bestehen, steht fĂĽr eine Ă„sthetik, die viele dieser Bands kultivieren: eine Reduktion auf das Wesentliche.

Im Fall der Berliner Band Mutter, die mit ihrem fast 30-jährigen Bestehen zu den Vorreitern der Einwort-Combos gehört, steckt die Reduktion in der traditionellen Rock-Instrumentierung mit dem Schwerpunkt auf der Gitarre als Melodiegeber und dem Gesang, der die Musik dominiert. Das ist auch auf ihrem neuen Album „Text Und Musik“ nicht anders. Fast alle Texte handeln von der Politik des Alltags, Personalpronomen sind allgegenwärtig und fast immer geht es um Selbstreflexion. Der Song „Ich Will Nichts Mehr Als Das“ ist nicht nur ein Aufruf zu mehr Selbstbestimmung, sondern auch ein Protest gegen SelbstgeiĂźelung und Selbstbeschränkung. „Ich seh’ auf dich herab und stelle fest, das bin ja ich“, singt Max MĂĽller und bleibt auch sonst dem Mutter-typischen Ideal eines dokumentarischen und klaren Sprachstils verpflichtet.

„Was spricht schon dagegen, zu lassen, was ist“, heiĂźt es in „FrĂĽher Oder Später“, womöglich ein Song ĂĽber die flĂĽchtige Vergänglichkeit unserer Gegenwart. Doch so treffend der Satz auch ist, so unausweichlich lädt er zu Kritik ein. Denn was dagegen spricht, ist vor allem die Konsequenz, die aus der fehlenden Lust an neuen Ideen resultiert, fĂĽhrt doch das immer gleiche zu Trägheitszuständen. So spiegelt sich der latente Kulturpessimismus, der den neun Songs anhaftet, auch musikalisch wieder.

Akkordprogressionen sind rar, die Strophe-Refrain-Strophe-Struktur wird nie aufgebrochen und die tonale Spannbreite des Sängers bewegt sich maximal zwischen sprechhaften Gesang und domestizierten Fast-Shoutings. Doch man sollte eine Band wie Mutter womöglich nicht an mangelnder Innovation messen und ihr stattdessen dankbar sein für ihre Kontinuität. Denn mit ihrem Anspruch an verständliche Gesellschaftskritik halten sie immer noch an dem fest, was vielen anderen Bands heute fehlt: Haltung.

Neue Platten: „Low Fidelity“

10.09.2014 von  

Cover der Compilation Low FidelityLow Fidelity (Staatsakt)

4,7

„Von den Machern des Kapitalismus empfohlen“ und dabei auch noch streetcredibel. Diesen Spagat beherrscht das Berliner Label Staatsakt seit jeher. Schon damals war die GrĂĽndung 2003 ein antizyklischer Coup inmitten der kriselnden Musikwirtschaft. Heute ist das Label eine zentrale Schnittstelle fĂĽr angegrauten Diskurspop und politisierten Electrotrash. Auch mit der neuen Compilation „Low Fidelity“ mit unveröffentlichten Songs von Tocotronic, Heinz Strunk oder Die Sterne beweist das Label, dass eine schlauere Welt in einer dĂĽmmeren möglich ist. Und dass man Newsletter, diese nach Aufmerksamkeit lechzenden, buchstabengewordenen Marktschreier, wunderbar mit Gesellschaftskritik koppeln kann. So steht in einem Newsletter kurz nach der Europawahl: „Wenn wirklich jede(r) 10. DeutschländerIn bei den Europawahlen rechts gewählt hat, dann ist das natĂĽrlich ein sicheres Zeichen dafĂĽr, das Kollegah (Streetcred-Bitchinger#01) oder Alligatoah (Fun, Fun, Ringelpiezmitanfassen-Fun) von unten einfach nicht das bringen, was zu unseren Zeiten BAP, Slime oder die Goldenen Zitronen brachten.“ Autor dieser Zeilen ist Gereon Klug, der hauseigene Newsletter-Schreiber des befreundeten Hamburger Ladens „Hanseplatte“, der sonst auch fĂĽr Deichkind („Leider Geil“) textet oder als Tourmanager von Rocko Schamoni und Studio Braun arbeitet. Der Sampler erscheint parallel zu Klugs gleichnamigem Buch („Low Fidelity. Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream“), eine 240-seitige Zusammenstellung der Newsletter aus den letzten Jahren.

Botschaften zwischen Kulturkritik, Zynismus und verzweifeltem Kapitalismusbashing, dafĂĽr stehen seit jeher auch die Texte der meisten Bands auf Staatsakt, ob dadaistisch wie bei Bonaparte oder intellektuell verschmitzt wie bei Die TĂĽren. Während die Newsletter ihre Kraft durch ihre unmittelbare Worthaftigkeit erhalten, hat man nach den 19 Songs den Eindruck, dass sich der dort versammelte Diskurspop irgendwann auch mal ausdiskurst hat. Denn im Gegensatz zum groĂźartigen Eröffnungstrack „Was fĂĽhlst Du“ von Adolf Noise, der zwischen Dada und unverkrampfter Direktheit pendelt, ist die allgegenwärtige gebrochene Ironie schnell ermĂĽdend. „Digger, was fĂĽhlst du, bist du nice angegeilt?“, singt Noise etwa mit Vocoder und liefert die Antwort gleich mit: „Du bist mein geiler Digger, bist du. Heute Abend wird gesoffen.“

In den anderen Songs klingt die vermutlich politisch gemeinte Ironie nicht wie Gesellschaftskritik, sondern nach einer verzweifelten Kapitulation vor der Gegenwart des „Realistischen Kapitalismus“ (Mark Fisher), in dem ernst gemeinte Utopien nicht mehr möglich sind. „Wir bewundern ihre stillen Bahnen und trinken dabei Gin und freuen uns, dass wir keine Fische sind“, singen Almut Klotz und Reverend Dabeler in „Rendevouz“ – eine Art Entschleunigungs-Hymne, die sehr nach den 90er-Jahren schmeckt. Auch der oft gewollte Trash-Faktor auf den Songs von Frau Kraushaar, Erokubin oder Kameruntruncs sind in ihrer Nostalgie lähmend. Wie wäre es denn mal mit einem richtig guten, treibenden Beat? Aber das ist ja Geschmackssache. Denn trotz allem ist Staatsakt immer noch ein wichtiges Korrektiv innerhalb der deutschen Popmusiklandschaft. „Von den Machern des Kapitalismus empfohlen“ und dabei auch noch streetcredibel. Zumindest fĂĽr eine intellektuelle Mittelklasse in der Midlifecrisis.

Label: Staatsakt | Kaufen

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