Neue Platten: Alvvays – „Alvvays“

24.07.2014 von  

Alvvays - Alvvays (Transgressive)Alvvays – „Alvvays“ (Transgressive)

„Alvvays“ von Alvvays ist Album der Woche bei unserem Partner artistxite.

Mit seinem Debütalbum gelingt dem kanadischen Quartett Alvvays der perfekte Soundtrack für den Spätsommer. Mit den letzten Sonnenstrahlen auf der Haut macht man sich klar, dass die Tage unweigerlich ungemütlicher werden. Noch wehen liebliche Surfgitarren vom Meer her, doch kündet Sängerin Molly Rankin bereits von den kommenden Regentagen.

Alvvays pflegen offenkundig eine Wahlverwandschaft zu Dreampop-Bands wie Best Coast oder Dum Dum Girls. Es flirren die Gitarren, die Stimmen hallen und es knarzt hin und wieder heimelig, dass es eine wahre Freude ist. Nicht nur dass Chad VanGaalen als Produzent half, abgemischt wurde das DebĂĽt „Alvvays“ von Graham Walsh von Holy Fuck und John Agnello, der schon mit Sonic Youth, Dinosaur Jr. und Kurt Vile an ihren unverkennbaren Sounds arbeitete.

Auch Alvvays profitieren merklich von dieser Erfahrung. Doch der Löwenanteil des zart dahinschmelzenden Albums entstammt dem Talent des Vierers. Die gut abgeschmeckte Mischung aus fuzzigen Sounds, irrlichterndem Gesang und harschen Texten ist bei weitem kein Alleinstellungsmerkmal, doch so gut umgesetzt wird sie nicht oft. Vielleicht sind Alvvays sogar noch etwas frĂĽh dran, doch spätestens wenn die Fotos des Sommers 2014 sehnsĂĽchtig durchgeschaut werden, darf „Alvvays“ als Soundtrack nicht fehlen.

Weitere Neuerscheinungen besprechen wir in unserem neuen wöchentlichen Podcast. Alle vorgestellten Veröffentlichungen findet Ihr auch im Download-Shop unseres Partners artistxite. Weitere Album-Empfehlungen von artistxite findet ihr im artistxite-Blog.

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Neue Platten: Cloud Boat – „Model Of You“

Cloud Boat - Model Of You (Apollo)Cloud Boat – „Model Of You“ (Apollo)

6,8

„Model Of You“ ist das zweite Album des Londoner Duos Cloud Boat, das mit „Lions On The Beach“ 2011 im elektronisch-verspielten Fahrwasser des Londoner Dubstep-Phänomens hochgespĂĽlt wurde. Nicht ganz in die Maske gepasst haben Tom Clarke und Sam Ricketts, die hinter dem Pseudonym Cloud Boat stecken. Mit ihrem prägenden Gesang auf Loops und Effekten, dazu eine Ă„sthetik, die sich von vielen der urbanen Motive und abstrakten Formen unterschied, haben sie sich dennoch in einige Playlists gespielt. Zwei Jahre später tauchten sie wieder auf mit „Wanderlust“ und dem ersten Album „Book Of Hours“, schon mehr als Singer-Songwriter angekommen als in der Tanzmusik verwurzelt.

Es wundert also nicht, dass auch das zweite Album der beiden Produzenten sicher auch einige ihrer ersten Hörer und Hörerinnen vor den Kopf stoßen wird. Ein Jahr Zeit haben sich die beiden Londoner für das neue Album genommen und an dem getüftelt, was nun ihr Sound sein soll. Größer, reicher und epischer sollte es werden, das, was vorher bloß Fahrwasser war, tiefer, mitreißender und abenteuerlicher.

Das Ergebnis ist Pathos. Es liegt in den schweren, oftmals schwermĂĽtigen Produktionen des britischen Duos. Es wabert mit in bösen Gitarren, in dunklen Synths, in pluckernden Bässen, in den In- und Outros der StĂĽcke, die sich langsam aufbauen oder sphärisch verlaufen, sogar im pulsierenden Beat der schon fast positiven StĂĽcke „The Glow“ und „Aurelia“. Ganz besonders steckt es aber im Gesang von Tom Clarke – mal zerbrechlich, mal energetisch, aber immer dramatisch.

Die bereits Ende März veröffentliche Single „Carmine“ versprach schon diese Mischung aus elektronischer Instrumentierung und folkiger Dramaturgie, was das Album einhält. Die größte Stärke hat es dennoch entweder in ebendiesem Song „Carmine“ und seiner mitnehmenden Melodie, oder aber in „Golden Lights“, keine zwei Minuten lang und instrumental, wo nicht nur auf den Gesang, sondern auch auf eine konkrete Richtung verzichtet wird. Wahrscheinlich wieder einmal ein Zeichen dafĂĽr, dass es auch bei Pathos und Drama auf die richtige Dosierung ankommt.

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Neue Platten: Slow Club – „Complete Surrender“

17.07.2014 von  

Slow Club - Complete Surrender (Caroline)Slow Club – „Complete Surrender“ (Caroline)

„Complete Surrender“ von Slow Club ist Album der Woche bei unserem Partner artistxite.

Zwei wie ihr, die dĂĽrfen sich nie verlieren. Charles Watson und Rebecca Taylor haben zusammen als Slow Club schon einige musikalische Phasen durchlaufen. Vom poppigen Folk ihres DebĂĽts „Yeah So“ ĂĽber das beherztere „Passion“ haben sie sich zum neuen „Complete Surrender“ in soulige Gefilde vorgewagt. Doch eines zieht sich wie ein roter Faden durch ihre musikalische Reise: die perfekte musikalische Harmonie, die sie verbindet. Und genau diese Trumpfkarte spielen sie erneut geschickt aus.

Ihre Hinwendung zum Soul tut dem Duo gut, setzt noch einmal ganz neue Qualitäten frei. Besonders bei Rebecca Taylor, die bereits auf den ersten Alben ihre stimmlichen Qualitäten angedeutet hatte und sich nun in ganz neue Höhen aufschwingt. „The Queen’s Nose“ ist ein eindrucksvoller Beweis, was fĂĽr eine Power in ihr steckt. Slow Club verweben ihre eigene Folk-Vergangenheit mit musikalischen Liebesbekundungen an Marvin Gaye und den Motown-Sound. Und das immer mit dem guten GespĂĽr fĂĽr die richtige Abmischung.

Vor allem lebt „Complete Surrender“ aber vom tiefen Einverständnis zweier Musiker ĂĽber ihren gemeinsamen musikalischen Weg, dem ergreifenden Miteinander ihres Gesangs, der sich durch fast jeden Song zieht. Im Einklang lassen sie Herzen behutsam schmelzen oder tĂĽrmen sich gegenseitig in fragile Höhen auf wie beim gemeinsamen „Jenga“-Spielen. Ăśberhaupt lassen Slow Club, wie der Name schon andeutet, ihre Songs mit Vorliebe bedächtig starten und erst spät in ihrer ganzen FĂĽlle erblĂĽhen. Hier kommt noch ein Streicher dazu, da ein paar Bläser. Alles zu seiner Zeit, alles in der richtigen Dosis. Ungeduldige Geister bestraft das Leben. Geduldige belohnen Slow Club.

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Neue Platten: Julius Steinhoff – „Flocking Behaviour“

10.07.2014 von  

Julius Steinhoff - Flocking Behaviour (Smallville)Julius Steinhoff – „Flocking Behaviour“ (Smallville)

„Flocking Behaviour“ von Julius Steinhoff ist Album der Woche bei unserem Partner artistxite.

Nach diversen EPs und Singles folgt endlich das erste Album. Ein Format, das seit einigen Jahren auch in der elektronischen Musik als Krönung der KĂĽnstlerlaufbahn gilt. Dass es dem MitgrĂĽnder von Smallville kaum an Inspiration mangeln dĂĽrfte, ist offensichtlich. Das Hamburger Label ist längst eine zentrale Kultadresse fĂĽr subtilen, unaufdringlichen House. „Flocking Behaviour“ ist dann auch nichts weniger als eine Huldigung an den Stil: Bassdrums, genauso unaufdringlich wie wirkungsvoll, gelegentlich aufblitzende Gesangsamples und ein gutes GespĂĽr fĂĽr die richtige Track-Dramaturgie. Das zeigt sich besonders in „Hey You“, in dem ein vom Synthesizer eingefĂĽhrtes Rhythmusmotiv von metallischen Percussions abgelöst wird, bevor eine elegische Streichermelodie alles in einen warmen Schleier hĂĽllt. Auch die anderen Tracks kleiden sich in ein angenehmes Pathos. Denn wo sonst, wenn nicht im Club, so weiĂź womöglich auch der routinierte DJ Julius Steinhoff, liegen Melancholie und Euphorie so nahe beieinander.

Auf unserer SoundCloud-Seite findet Ihr unseren neuen wöchentlichen Podcast, in dem wir auch das Album von Julius Steinhoff besprechen. Alle vorgestellten Veröffentlichungen findet Ihr auch im Download-Shop unseres Partners artistxite. Weitere Album-Empfehlungen von artistxite findet ihr im artistxite-Blog.

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Neue Platten: Driftmachine – „Nocturnes“

Driftmachine - Nocturnes (Umor Rex)Driftmachine – „Nocturnes“ (Umor Rex)

8,0

„Nocturnes“ – so viel verrät bereits der Titel – ist ein Album voller Nachtmusik. Sechs elektronische Instrumentals fĂĽr eine Welt im Dämmerzustand. Repetitive, nebulöse Dub-Tracks, die langsam und monoton dahingleiten, voll dunkel schillernder Synthsounds sind und dabei die erhabenen Tiefen im Bassbereiche auszufĂĽllen verstehen.

Bereits im Namen des gemeinsamen Projekts der beiden Berliner Andreas Gerth (Tied & Tickled Trio) und Florian Zimmer (Saroos), Driftmachine, treffen die wesentlichen Momente der Musik aufeinander. Auf der einen Seite steht mechanische Präzision und eine auf Minimalismus und Reduktion bedachte Maschinenästhetik, auf der anderen Seite das Hypnotische, Abschweifende und schlafwandlerische Geheimnis von zeitlupenhaftem Ambient-Dub.

Ihrem Ursprung nach sind die sechs Tracks der stark limitierten Vinyl-Veröffentlichung (der digitale Download beinhaltet den zusätzlichen Bonus-Track „Call Mr. Moriba“) jedoch erst mal Studien in Sachen Selbstkontrolle. Laut Aussage der beiden Musiker liegt den Strukturen der StĂĽcke eine intensive Beschäftigung mit modularen Systemen und Synthezisern zugrunde und nicht irgendeine Quelle romantischer Inspiration, wie dies bei klassischen NachtstĂĽcken der Fall ist. Trotz der nĂĽchternen Ausgangssituation fĂĽhrt die Musik den Zuhörer jedoch bald in eine monochrome Halbwelt zwischen Schlafen und Wachen, in schattenhafte Räume, deren Faszination aus der Verwendung warmer Basslinien, ausgedehnter Halleffekte und matt schimmernder Synthesizer-Sounds heraus entsteht.

Gleich beim Eröffnungstrack „Claire Obscure“ ticken metallische Percussionklänge wie ein mysteriöses Uhrwerk zur Geisterstunde, während sich monotone Bässe und nebulös-verwaschene Soundschwaden in minimaler Variation ĂĽber das siebenminĂĽtige StĂĽck erstrecken. Auch beim folgenden „Drift“ bleibt die Stimmung trotz eines stärker treibenden Rhythmus recht dunkel. Stein trifft auf Stein. Es klingt nach groĂźen, leeren Fabrikhallen oder verlassenen Industriebrachen bei Mondschein. Geistermusik eben. Beim zweigeteilten „To Nowhere“ schnalzen und schmatzen fremdartige Splittergeräusche zu einem majestätisch schleppenden Groove, der im zweiten Teil des StĂĽckes deutlich an Fahrt aufnimmt. Gleichförmig und mit wenig Bewegung an der Oberfläche, dafĂĽr aber enorm detailreich und voll flirrender Energie in den darunter liegenden Klangschichten.

Nach dem ebenfalls dicht gefĂĽgten „Sternenmeer“ bildet „RĂ©veil Des Oiseaux“, das anfänglich von präparierten Pianosounds durchzogen wird, einen fast schon flotten, luftigen Abschluss der Vinyl-Version des Albums. In der Digital-Version sorgt der Bonustrack „Call Mr. Moriba“ mit leicht angezerrten Synths, einem strafferen Arrangement, kurzen Melodiefragmenten und einer leicht nervösen Spannung dann sogar fĂĽr eine Stimmung, die etwas ĂĽber den Nacht-Kontext des ĂĽbrigen Albums hinausgeht.

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Neue Platten: The Antlers – „Familiars“

18.06.2014 von  

The Antlers - Familiars (Transgressive)The Antlers – „Familiars“ (Transgressive)

8,2

„Well this is my house. So fuck your doubts and your cute battalion.“ (The Antlers – „Intruders“)

2003 veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller Matt Ruff ein Buch über einen jungen Mann, der aufgrund von traumatischen Kindheitserlebnissen eine multiple Persönlichkeitsstörung entwickelt hat. Eine Vielzahl an Seelen lebt in dem Körper von Andrew Gage, sowohl weibliche als auch männliche, die alle die Kontrolle über ihn erlangen wollen. Durch eine langjährige Therapiearbeit schafft es Gage allerdings, ein Haus für diese Seelen in seinem eigenen Verstand zu bauen. Und er bestimmt im permanenten Dialog mit ihnen, wann sie das Haus verlassen und seine Persönlichkeit für kurze Zeit übernehmen können.

Ob Peter Silberman, Mastermind und Texter der aus Brooklyn stammenden Formation The Antlers, Ruff gelesen hat, weiĂź man nicht. Fakt ist allerdings, dass das neue Album der Antlers, „Familiars“, die Thematik von „Ich und die anderen“ so treffend vertont, als sei es als Teil des Romans konzipiert worden. „Familiars“ handelt von Häusern, die der Protagonist erbaut, von sterilen Hotels, als emotional unbefleckte Orte zur persönlichen Reflexion, von einem Palast als finalen RĂĽckzugsort, von „Intruders“, also Eindringlingen, gegen die es sich zu verteidigen gilt, von einem „Director“, einem Regisseur, der alles zusammenhalten soll.

Aber nichts davon spielt sich in einer Realität ab, die sich auĂźerhalb eines Kopfes befindet. Die Eindringlinge sind Teil der Persönlichkeit, der Ruf nach einem „Director“ ist die Hoffnung auf einen klaren Ăśberblick ĂĽber den eigenen Verstand, das „Hotel“ kann nicht emotional unbefleckt sein, es ist ja im eigenen Geist gebaut. Die zwei auf dem Cover von „Familiars“ in starrer Umarmung verharrenden Zwillings-Statuen visualisieren die Zwiesprache der verschiedenen Persönlichkeiten.

The Antlers hauen damit einmal mehr eine tiefsinnige, feinst gesponnene lyrische Meisterleistung raus. Anders als bei ihrem Durchbruchs-Album „Hospice“ aus dem Jahr 2009 wird das höchst dramatische, einen emotional attackierende Thema dieses mal jedoch nicht eins zu eins musikalisch umgesetzt. Während Silberman 2009 noch mit lauten Shoegaze-Gitarren, dem molligsten Moll aller Molls und einer musikalischer Klimax nach der anderen einen seelischen Trip mit Unhappy End fĂĽr den Hörer garantierte, gehen es The Antlers auf „Familiars“ sanfter, teilweise fast loungig an. Silbermans Stimme klingt so „schön“ wie nie, das heiĂźt auch, dass sie ihm in den hohen Falsett-Lagen nicht mehr so (gewollt) entgleitet wie noch auf „Hospice“ und dem 2011 erschienenen „Burst Apart“. Stattdessen beeindrucken Sicherheit und Facettenreichtum seines Organs. Silberman singt teilweise so tief wie noch nie, vor allem in „Doppelgänger“ muss man sich kurz am Kopf kratzen: Hat Silberman hier gerade böse geklungen?

Aber das ist die Ausnahme. Zumeist könnte man „Familiars“ auch einfach nebenbei hören. Aber dann erwischt es einen doch immer wieder, diese eine gewisse Wendung, die ihre Krallen ins Herz schlägt. Wie nach der Hälfte von „Parade“ oder beim Einsatz des Schlagzeugs im Opener „Palace“. Auch hier lässt sich dann wieder eine BrĂĽcke zu „Ich und die anderen“ schlagen. Traurigkeit und Dramatik des Themas schwimmen nicht an der Oberfläche, aber sie sind definitiv da. Und gibt man diesem Album Zeit, gerne auch mal eine Woche und zehn Durchläufe, dann hat es einen. Dann klopft das Herz.

„We have to make our history less commanding“, singt Silberman in „Surrender“. Wir wĂĽnschen viel GlĂĽck, sind aber bei der weiteren Aufarbeitung gerne noch lange dabei!

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Neue Platten: Lee Fields & The Expressions – „Emma Jean“

03.06.2014 von  

Lee Fields & The Expressions - Emma Jean (Truth & Soul)Lee Fields & The Expressions – „Emma Jean“ (Truth & Soul)

6,0

Fangen wir mit einem Zitat aus einer Rezension zu „Emma Jean“ von zumic.com an: „Fields has a story to tell and you’ve gotta respect that.“ In dieser Rezension ist das durch und durch positiv gemeint. Allerdings offenbart dieser Satz auch eine Wahrheit, die sich fĂĽr mich als Rezensenten während des Hörens offenbart hat: You’ve gotta respect that. Man hat es zu respektieren. Das tue ich. Lee Fields präsentiert astreinen Retro-Soul-Sound ohne viele Ecken und Kanten, zum Reinlegen, Mitleiden, Berieseln-Lassen. Und „Emma Jean“ startet auch sehr respektabel. „Just Can’t Win“ groovt mit einer funky Bass-Glockenspiel-Orgel-Line vor sich hin, Fields erzählt mit seiner beeindruckenden, raspelig-souligen Stimme davon, dass man einfach nicht gewinnen kann. Dann ein Fade-out und man kann zufrieden sein; so hat sich das anzuhören, so geht Soul. So kann das Album weitergehen, und so geht es auch weiter. Wie man es sich in seiner Soul-WohlfĂĽhlzone wĂĽnschen kann. Um noch mal auf das Eingangszitat zurĂĽckzukommen: Das respektiere ich, aber das reiĂźt mich musikalisch nicht vom Hocker.

Musikalisch am auffälligsten, sollte man sich nicht mit dem Hashtag „Retro-Soul“ zufriedengeben, sind dann dementsprechend auch die beiden Cover-Versionen auf dem Album, quasi „not his story“: „Magnolia“, im Original von J. J. Cale und „In The Woods“, das unter dem Namen „Out In The Woods“ einst von Leon Russell veröffentlicht wurde. „Magnolia“ wird vom Arrangement her deutlich aufgepeppt. Während die Instrumente im Original dezent akzentuierend agieren, lassen The Expressions ihrer Spielfreude an dem schönen Akkordschema ihren freien Lauf. Zudem bekommt der von J. J. Cale im Original eher gehauchte Text einen ordentlich souligen Anstrich – was allerdings hervorragend funktioniert. Aus der Intimität des Originals wird dadurch aber auch etwas deutlich Offensiveres. Man hat hier nicht so viel Teil am Leid des Sängers ĂĽber die verlorene Liebe, als dass dieses einem viel mehr von einem GegenĂĽber präsentiert wird. Trotzdem eine starke Nummer.

Symptomatisch hingegen ist dieses Umgehen der eigentlich sehr stillen Nummer Cales fĂĽr einen Schwachpunkt des Albums – das Ausbleiben einer ausdifferenzierteren Dynamik im Sound. The Expressions als Begleitband sind fĂĽr dieses Album sicherlich hervorragend gewählt, sie wissen genau, wo ein kleines Gitarrenfill, ein paar „Ouuuhs“, gut gelaunte Bläser und eine funky Bassline sitzen mĂĽssen. Kein klassisches VersatzstĂĽck eines Soul-Songs fehlt. Aber die AusbrĂĽche aus diesem Modell erfolgen zu selten. Das Album wirkt dadurch soundtechnisch auf Dauer eher träge. Kaum ein Song ist zu finden, in dem nicht mindestens einmal ein Unisono-Einsatz der Instrumente zu hören ist. Aber könnte nicht auch hier ein gelegentliches Weniger mal mehr sein? Der Ăśberraschungsfaktor ist damit eher gering. Aber: Das ist von einem alten Recken im Geschäft auch so zu erwarten gewesen. Der Soul-Hörer bekommt mit „Emma Jean“ das, was ihm gefällt und was dem Genre schicklich ist. Gewagt wird hier allerdings nicht viel. Der Schuster bleibt bei seinen Leisten, aber das macht er durchweg solide, mit einigen Höhepunkten wie dem schön-melancholischen „Still Gets Me Down“ oder „Stand By Your Side“, die allerdings auch nicht aus ihren Schuhen herauswachsen.

Man kann auf Albumlänge den Retro-Soul hochhalten, die Produktion hochschrauben und klassische Höhepunkte des Souls, den melismatischen Gesang, das Aufschwingen zu Leid-Tönen, aufarbeiten. Aber man muss es nicht. Einen Vergleich darf man daher vielleicht noch anstellen: Ein Bobby Womack, ähnliches Baujahr wie Fields, hat anno 2012 mit „The Bravest Man In The Universe“ seinen Stiefel, um bei den Schuhmetaphern zu bleiben, ganz schön neu geschnĂĽrt. Allerdings haben an diesem Album dann die Fans eines Lee Fields vielleicht nicht so viel SpaĂź.

Label: Truth & Soul | Kaufen

Sharon Van Etten im Interview

23.05.2014 von  

Sharon Van Etten - Are We There (Jagjaguwar)Sharon Van Etten – „Are We There“ (Jagjaguwar)

Mit freundlicher UnterstĂĽtzung von NAD.

Heute, am 23. Mai 2014, erscheint das neue, vierte Album der in New York lebenden Musikerin Sharon Van Etten. Es heiĂźt „Are We There“. Oliver Stangl hat Sharon Van Etten zum Interview getroffen und mit ihr ĂĽber Lebenswege, Beziehungen und Freundschaften gesprochen, und natĂĽrlich auch ĂĽber ihr neues Album. Es sei das persönlichste Album, das sie bisher aufgenommen hat, und vielleicht auch das schwerste, sagt Van Etten im Interview. Gleichzeitig ist es aber auch sehr soulig und hat viele R‘n'B-EinflĂĽsse. „Are We There“ ist kein Rock-Album, aber ein Album, das mit der Zeit beim Hören wächst.

In der Tat – es sind keine leichten, geschweige denn unbeschwerte Songs, die Sharon Van Etten fĂĽr ihr neues Album geschrieben hat. Zum ersten Mal hielt sie bei der Entstehung das Heft komplett selbst in der Hand. Nach ihrem letzten Album „Tramp“, das Aaron Dessner von The National produziert hat, war das ein ganz wichtiger Schritt, wie Sharon Van Etten sagt.

„In Interviews wollten die Leute mit mir sehr oft vor allem ĂĽber die ganzen berĂĽhmten Musiker reden, die auf „Tramp“ mit dabei waren. Das Selbstvertrauen in mein Songwriting geriet dadurch ins Wanken. Ich denke, das war vor allem meine eigene Unsicherheit. Aber trotzdem – mir war klar: das nächste Mal musst Du es alleine versuchen. Um zu zeigen: Das Herz eines Albums sind vor allem meine Songs, und keine berĂĽhmten Namen. Das wollte ich beweisen, allen voran mir selbst.

Nicht nur ihr Songwriting wollte Sharon Van Etten mit dem neuen Album auf den PrĂĽfstand stellen, auch ihr eigenes Leben. Das spiegelt sich auch im Albumtitel wider: „Are We There“ ist fĂĽr Sharon Van Etten vor allem auch die Frage „Wo bin ich eigentlich gerade?“.

„Ich frage mich das sehr oft: bin ich auf dem richtigen Weg? Bin ich wirklich ich selbst? Zum einen ging es um meine Beziehung, und die Frage, wo wir beide zu diesem Zeitpunkt waren. Aber auch um meine Arbeit als Musikerin: Ob ich wirklich das tat, was ich wollte. Ob ich wirklich ehrlich mit mir selbst war.

Was sich als roter Faden durch dieses Album zieht, ist die Frage, wie man Karriere und Beziehungen miteinander in Einklang bringt. Zu lernen, eine gute Partnerin, eine gute Tochter oder eine gute Freundin zu sein – auch wenn man neun Monate im Jahr auf Tour ist. Während man weg ist leben die Leute ihr leben weiter. Das ist manchmal hart. Auf Tour sein und zurĂĽckkommen fĂĽhlt sich an wie Zeitreisen. All diese Dinge auszubalancieren, sich zu fragen ‚Wo bin ich heute, was mache ich eigentlich?‘ – das ist sehr wichtig.“

Wo steht man im Leben, wie geht man durchs Leben, mit wem und auf welchen Wegen. Das alles steckt gewissermaĂźen auch im Albumcover: es zeigt das Schwarzweissfoto einer Frau, die ihren Kopf aus dem Autofenster hinaus in den Fahrtwind steckt. Ein Foto, das Sharon Van Etten vor vielen Jahren selbst gemacht hat. Ein Foto mit einer Geschichte:

„Die junge Frau auf dem Cover ist Rebecca, eine meiner besten Freundinnen. Sie hat auch das Artwork fĂĽr meine ersten beiden Alben gemacht. Direkt nach der High School zog ich von zu Hause aus und lebte ein paar Jahre in Tennessee. Dort haben wir uns kennengelernt.
Wir hatten dieses Ritual: nach der Arbeit eine Packung Zigaretten und zwei Diät-Colas kaufen, und dann mit dem Auto rumfahren und laut Musik hören, so lange bis die Zigaretten alle sind. Das Foto entstand auf unserer letzten gemeinsam Fahrt, kurz bevor sich unsere beiden Leben fĂĽr immer verändert haben. Rebecca ging nach Indiana, lebt dort mit ihrem Mann und hat mittlerweile zwei Kinder. Ich bin nach New York gegangen um es mit meiner Musik zu versuchen. Trotz der Entfernung sind wir uns immer noch sehr nah.“

Unterschiedliche Lebenswege, und wieder die Frage: „Are We There“, sind wir dort wo wir sein wollen? Damit aber noch nicht genug – mit dem Coverfoto ist noch eine weitere Geschichte verbunden, wie Sharon Van Etten erzählt:

„Das Bild ist auĂźerdem das erste Foto, das ich meinem Freund geschenkt habe, als wir uns vor zehn Jahren kennengelernt haben. Wir waren zwischenzeitlich getrennt, und ich dachte, er hätte es irgendwann weggeschmissen. Als ich letzten Sommer bei ihm einzog, da räumte er auf um Platz fĂĽr mich zu machen. Plötzlich zog der diesen Stapel mit Sachen unter seinem Bett hervor – alles was er jemals von mir bekommen hatte. Darunter war dieses Foto. Da stehe ich also, halte dieses Bild in den Händen … ich wusste bereits, dass das Album „Are We There“ heiĂźen sollte. Aber in dem Moment war mir klar: das wird das Cover.“

Als Musikerin habe sie sehr viele Erfahrungen gemacht über die letzten Jahre, sagt Sharon Van Etten. Die Begleitmusiker seien zu ihrer ersten festen Band gewachsen. Menschen, die sie sehr unterstützen, denen sie vertraut, und für die sie sich verantwortlich fühlt. Mit ihrem Songwriting sei sie selbstbewusster, auch über sehr persönliche Dinge zu schreiben. Und auch was Produktion und Aufnahmen angeht, sei sie versierter geworden. Dennoch, so Sharon Van Etten weiter, es gäbe noch viel zu lernen, sie hoffe, dass sie weiterhin jede Menge Erfahrungen sammeln können wird. Und diese Erfahrungen müssen auch nicht unbedingt immer mit ihrer eigenen Musik zu tun haben.

„Ich wĂĽrde gern weiterhin mit anderen KĂĽnstlern zusammenarbeiten, und dabei muss es nicht immer um meine Songs gehen. Im Gegenteil: fĂĽr eine Weile mal Bandmusikerin fĂĽr jemand anders zu sein, das wäre sehr spannend. Zu sehen, wie andere arbeiten und mit ihrer Band kommunizieren, eine Zeit lang eine andere Musik spielen als meine eigene. Ich denke letztlich wĂĽrde diese Erfahrung mich selbst und mein Songwriting weiter bringen.“

Ein Audiobeitrag ĂĽber Sharon Van Etten und ihr neues Album „Are We There“ von Oliver Stangl ist heute im ByteFM Magazin am Morgen und im ByteFM Magazin am Nachmittag zu hören.

Mit freundlicher UnterstĂĽtzung von NAD.

Neue Platten: Douglas Dare – „Whelm“

Douglas Dare - Douglas Dare – „Whelm“ (Erased Tapes)

6,7

Noch ein Klavier. Noch ein wenig Elektronik. Noch eine junge Stimme. Noch ein dramatischer Gesang. Wer möchte, kann aus „Whelm“, dem DebĂĽt des 23-jährigen Briten Douglas Dare, ganz viele Referenzen heraushören: Rufus Wainwright, Patrick Wolf, James Blake, Thom Yorke und vielleicht sogar Tom Odell. Möglicherweise auch Nils Frahm und Ă“lafur Arnalds, die immerhin beim selben Label veröffentlicht haben. Aber all das trifft es eh nicht ganz. Dare ist nicht so elektronisch wie Blake, nicht so minimalimusinfiziert wie Frahm und nicht so reduziert-verspielt wie Arnalds, nicht ganz so pompös wie Wainwright und nicht halb so dramatisch wie Wolf, nicht so rockig wie Yorke und nicht annähernd so massenkompatibel wie Odell.

Dare ist aber zumindest das: ein junger, talentierter Pianist, der offensichtlich sein ganzes Engagement in sein DebĂĽtalbum gelegt hat. Und das ist zugleich der größte, aber auch der einzige Fehler dieser Platte: ihre Ăśberambitioniertheit. Alles ist permanent „in your face“. Selbst wenn Dare seinen Gesang einzig mit dem Klavier begleitet, kommt es einem so vor, als wenn die feinen Nuancen des Tastenspiels seine Sache nicht sind. Gleiches gilt fĂĽr seine Stimme. Sie ist durchaus in der Lage, die Songs zu tragen, und sie ist facettenreicher als viele andere Männerstimmen (Blake eingeschlossen). Aber leider macht Dare mit ihr manchmal einfach zu viel. Das mag bei einem Konzert der Musik eine angemessene Lebendigkeit verleihen, im Studio wirkt es etwas zu gewollt und zur Schau stellend. Wie der Rest seiner Musik ist sie zu laut und zu aufdringlich. Und lenkt damit von den wirklich tollen Kompositionen ab, von der es auf „Whelm“ so einige gibt.

Denn wenn Dare sich auf das Wesentliche konzentriert, kommen wirklich ganz wunderbare Songs heraus, wie der neben dem instrumentalen TitelstĂĽck reduzierteste Song der Platte eindrucksvoll beweist. „Caroline“ besteht aus einer simplen Klaviermelodie, die den Gesang wirklich nur begleitet und nicht mit ihr konkurriert. Wenn nach etwa zwei Dritteln einige elektronische Klänge einfallen, wirken sie fast schon ĂĽberflĂĽssig. Ă„hnliches gilt fĂĽr „Lungful“: Hätte Dare die Piano-Figur von Beginn bis Ende des Songs einfach durchgespielt und sie nicht mit Effekten torpediert und editiert, wäre es eines der schönsten Lieder dieses Sommers geworden.

Douglas Dare kann man nach dem Hören dieser Platte vieles Gute wünschen: den Minimalismus Nils Frahms, die reduzierte Verspieltheit Ólafur Arnalds, die nuancierte Elektronik James Blakes. Alle anderen Referenzen sind sowieso zu viel für diese im Grunde genommen fragile Musik, die leider größer sein möchte (oder zumindest so produziert wurde) als sie eigentlich ist.

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Neue Platten: Mile Me Deaf – „Holography“

Mile Me Deaf - Holography (Siluh)Mile Me Deaf – „Holography“ (Siluh)

8,2

„Holography“ ist – anders als es das Cover vermuten lässt – nicht das „Sgt. Pepper’s“ von Mile Me Deaf, doch mit ihrer zweiten Platte ist der Wiener Band ein tolles Werk zwischen Lo-Fi-Krach und Noise-Pop-Harmonien gelungen. Nichts anderes lieĂź das DebĂĽt „Eat Skull“ erhoffen, das 2012 ebenfalls auf dem Label Siluh erschienen ist. Vielseitig-schlurfigen Indierock, wie er einst von Grandaddy und Pavement gepflegt wurde, bringen Mile Me Deaf mĂĽhelos ins Hier und Jetzt.

„Shiver“ zum Beispiel bringt gleich zu Beginn von „Holography“ mit Kuhglocken-Einsatz und einem ebenso aufbrausenden wie eingängigen Refrain Euphorie ins Spiel. Guter Dinge kommt „Gold Kid“ daher. Die Liner Notes von Sänger und Gitarrist Wolfgang Möstl, als dessen Soloprojekt Mile Me Deaf seine Anfänge genommen hat, verraten, dass dieses StĂĽck in der Tradition vom One-Hit-Wonder Liquido steht. Warum? Die Synthie-Melodie, die hier erklingt, wurde mit einem kostenlosen Klingelton-Kompositions-Programm erstellt. Aber natĂĽrlich hat „Gold Kid“ einiges mehr an Spannung zu bieten als „Narcotic“.

Dennoch: Das Wissen darum, wie man kratzige Gitarren ganz eingängig klingen lässt, scheint Mile Me Deaf im Blut zu liegen. Das zeigte sich schon 2012 mit „Troubles Caught“, und auf „Holography“ mit vielen Songs mehr. Zum Beispiel mit „True Blood“, das mittels verdrehter Stimmen und Spielzeuguhren-Intermezzo dann doch eine kleine BrĂĽcke zu „Sgt. Pepper’s“ schlägt, oder mit „Macrosleep“, dem (noch!) heimlichen Hit der Platte, der schön in verhallten Höhen herumschwebt.

Alles richtig gemacht: „Holography“ hat dank noisiger und mäandernder Gitarrensoli seine Ecken, aber auch schwer bezaubernde Momente. So fĂĽhlt man sich beim Hören gleichermaĂźen gut bespaĂźt und aufgehoben, irgendwie berauscht.

Mile Me Deaf live:

08.05.14 Graz (A) – Space04 im Kunsthaus
09.05.14 Wien (A) – EKH
10.05.14 Leipzig – Raum der Kulturen
12.05.14 Berlin – Monarch
13.05.14 Berlin – Madame Claude
14.05.14 Hamburg – Golden Pudel Club
15.05.14 LĂĽneburg – Anna&Arthur
21.05.14 Solingen – Waldmeister
13.06.14 Linz (A) – Stadtwerkstatt

Label: Siluh | Kaufen

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