Neue Platten: Farben & James DIN A4 – „Farben Presents James DIN A4″

Farben & James DIN A4 - Farben Presents James DIN A4 (Faitiche)Farben & James DIN A4 – „Farben Presents James DIN A4″ (Faitiche)

8,0

James DIN A4 bastelt seit Anfang des Jahrtausends an einer bunten und wuseligen Art Housemusik, die es in dieser Form auf den TanzflĂ€chen der Welt leider nicht so oft zu hören gibt. Zwar fehlt der verbindliche Viervierteltakt nur selten, doch drĂŒber, drunter und neben diesem geraden Beat wimmelt es in den Tracks des Musikers aus Ottersberg bei Bremen nur so an klanglichen KuriositĂ€ten und verqueren Rhythmen, die sich gegen die ĂŒblichen Regeln des GeschĂ€fts sperren.

Dennis Busch, der Mann hinter James DIN A4 und vielen anderen Pseudonymen, betĂ€tigt sich neben der Musik vor allem als bildender KĂŒnstler und beschĂ€ftigt sich dort seit Langem mit dem Thema Collagen. Auch seine grafischen Arbeiten, die hĂ€ufig auch die Cover seiner Alben zieren, ĂŒberrumpeln einen in ihrem assoziativen Wildwuchs, ihrer grellen Farbigkeit und einem mitunter merkwĂŒrdigenn dadamĂ€ĂŸigen Humor. Auf unzĂ€hligen EPs, die Busch in den letzten zehn Jahren unter anderem auch als Pop Dylan oder Krieghelm Hundewasser mit Vorliebe auf seinem eigenen Label Esel veröffentlicht hat, behauptet er eine verspielte LĂ€ssigkeit, die seine StĂŒcke schrĂ€g klingen lĂ€sst, am Ende aber auch dafĂŒr sorgt , dass die Tracks grooven und swingen, dass sich die BĂ€ume wiegen.

Jan Jelinek stellt jetzt auf seinem Label Faitiche zehn seiner persönlichen James-DIN-A4-Lieblingstitel als Remixes vor. Dass er dafĂŒr sein seit Jahren nur wenig aktives Projekt Farben fĂŒr eine Veröffentlichung in AlbumlĂ€nge reaktiviert, zeigt neben echter Fanhaltung auch eine verwandte Geisteshaltung der beiden KĂŒnstler. Farben stand mit seinen legendĂ€ren Alben zur Jahrtausendwende ja in erster Linie fĂŒr minimalistischen Maschinen-Soul, der trotz reduzierten Clicks-&-Cuts-Klangmaterials vor allem den lebendigen, euphorischen Momenten in der Musik nachspĂŒrte.

WĂ€hrend Jelinek bei aktuellen Projekten wie Groupshow oder Ursula Bogner in den letzten Jahren hauptsĂ€chlich auf Live-Improvisation und modulare Systeme setzt, kommt bei den vorliegenden James-DIN-A4-Bearbeitungen insbesondere sein GespĂŒr fĂŒr die ideale Balance zwischen Konzentration und wimmelnden Wucherungen in der Musik zum Tragen. Im Detail ist zwar schwer zu sagen, wie das VerhĂ€ltnis von Original und Remixanteil der zehn Remixe auf „Farben Presents James DIN A4″ genau aussieht, doch immerhin fĂŒnf der Neubearbeitungen nehmen im Titel direkt Bezug auf den entsprechenden James-DIN-A4-Track. „Lucifer Rising“ etwa stammt von der 2004er EP „Kommune 1″, wo im Original von Anfang an entspannt groovende Ethno-Bongo-Loops, Harfensamples und allerlei verrauschte Vocal- und Mikrosamples den Ton angeben. Jelinek sortiert das ursprĂŒnglich zehnminĂŒtige Arrangement ein wenig um und schafft mit seiner eigenen Auswahl an Samples und Hooks und einer langsam pulsierenden Basslinie einen kontinuierlichen Spannungsaufbau, der weniger ĂŒberraschende BrĂŒche bereithĂ€lt, dafĂŒr aber einen tiefen, stetigen Fluss besitzt.

Jan Jelineks StĂŒckauswahl ist wirklich gelungen. DarĂŒber hinaus fĂŒgt er dem Originalmaterial eine neue Ordnung hinzu, ohne dass die Tracks dabei ihre wandelbare, anarchistische Grundschwingung verlieren. „Farben Presents James DIN A4″ bietet so einen frischen Blick auf bereits großartige Tracks. Als Synthese der Ästhetik zweier einzigartiger Klang-Querulanten ist hier das Ganze – wie bei jeder gelungenen Collage – weit mehr als die Kombination seiner Einzelteile.

Label: Faitiche | Kaufen

Neue Platten: Dieter Meier – „Out Of Chaos“

10.04.2014 von  

Dieter Meier - Out Of Chaos (Staatsakt)Dieter Meier – „Out Of Chaos“ (Staatsakt)

8,2

Hat Friedrich Liechtenstein nach dem sehr geilen Dorsch gleich ein ganzes Album veröffentlicht? Mitnichten. Zum Verwechseln Ă€hnlich klingt hier singend, allerdings auf Englisch und ein bisschen auch auf SchwyzerdĂŒtsch, auf seinem neuen Album „Out Of Chaos“: Dieter Meier.

Wer Dieter Meier bisher nicht kannte (allerdings: Jeder kennt Dieter Meier, denn jeder kennt zumindest sein ominös-pornöses LöwengebrĂŒll „Oh Yeah“), der wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, denn: Dieter Meier hat nicht nur einen Namen, der wie Harald Töpfer klingt, er ist auch sonst – und das betrifft alles in seinem Leben – ein Magier im allgemeinhin klĂ€glichen, alltĂ€glichen Dasein des Menschengeschlechts.

Und das erklĂ€rt sich so: Meier wurde am 4. MĂ€rz 1945 in ZĂŒrich in eine Bankiersfamilie hineingeboren. Er studierte Jura, spielte dann aber lieber Poker. Alsbald kaufte er in New York jedem Passanten und jeder Passantin fĂŒr einen Dollar „Jas“ und „Neins“ ab. 1971 war das. Kunstprojekt. 1972 ließ er wĂ€hrend der documenta 5 in Kassel eine Metalltafel in den Boden am Kasseler Hauptbahnhof einbetonieren. Darauf stand geschrieben: „Am 23. MĂ€rz 1994 von 15.00 – 16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen“. Das machte er dann auch. Kunstprojekt. Mit seinem SpĂ€te-70er-Musikprojekt Yello wird er international bekannt. Das ganz alltĂ€gliche Rat Race, so könnte man sagen, verarbeitete Dieter Meier da mit „The Race“. Kunstprojekt.

Wenn es das aber schon gewesen wĂ€re, dann wĂ€re es nicht magisch. Und das war es auch noch nicht. Denn von seinem Leben als KĂŒnstler abgesehen, besitzt Dieter Meier z. B. eine 10 000 Rinder umfassende Farm in Argentinien. Warum? Weil er Biorindfleisch produzieren wollte. Außerdem baut er Wein an. Biowein. Auf seinem eigenen Weingut. Kann man machen, könnte man meinen. Schließlich muss der KĂŒnstler auch essen und trinken. Und wer beides liebt, der bringt dann auch nebenbei ein ZĂŒrcher Nobelrestaurant wieder auf Vordermann, das alle anderen lĂ€ngst abgeschrieben hatten. Denn irgendwo will man sein boeuf argentin mit Wein schließlich zu sich nehmen.

Des Weiteren ist Dieter Meier Anteilseigner an Euphonix, einem Unternehmen, das mittlerweile Avid gehört und das Mischpulte und digitale Audio-Workstations herstellt. Außerdem ist er an zwei Holdings beteiligt. Mindestens 50 Millionen Franken sind es wohl, die da fĂŒr Dieter Meier vor sich hinwerkeln, wĂ€hrend er derweil im privaten Studio seiner Villa in Los Angeles, die er einst einem Stummfilmstar abkaufte, Musik produziert oder im Poncho ĂŒber seine argentinische Ranch reitet oder ein neues Kunstprojekt plant 


Und dies war recht viel Vorrede dafĂŒr, dass es in dieser Albumbesprechung doch eigentlich um sein neues Album gehen sollte. Das hat aber seinen Grund. Denn so wie der Titel seines Kunstwerks „Le Rien En Or“ – das „Nichts in Gold“ – ist auch sein Leben zu verstehen. Auf seinem Album gibt es das schöne Zitat: „Got no reason why I do what I do“. Gesungen von einer Stimme, die von (nicht: „vom“) vielen Weinen und noch mehr Zigarren geformt worden sein muss, weiß man, dass hier ein Mann spricht, dessen Lebenserfahrung ihm lĂ€ngst die Antwort auf die alles entscheidende Frage auf die singenden Lippen geschrieben hat:

Gerade weil es nĂ€mlich keinen Grund gibt, gibt es alle GrĂŒnde bzw. ist jeder Grund so viel wert wie jeder andere. Solch’ Kneipenweisheit spĂ€ter Stunde kennt, wer sich selbst schon vom Klaren den Verstand hat vernebeln lassen. Und all jene, die die Morgen, die sie mit verbrummten Gedanken aufgewacht sind, nicht mehr zĂ€hlen können, wissen um die tiefe Wahrheit dieses bei Tageslicht als nur scheinbar banales Pseudo-Wissen entlarvtes Gebrabbel eines nur scheinbar auszulachenden Betrunkenen.

Und ist es ein Widerspruch, dass ein gemachter Mann, ein Schweizer MultimillionĂ€r, darĂŒber singt, dass das alles ĂŒberhaupt keinen Sinn hat, außer – wenn man GlĂŒck hat – falls sich der Sinn als ein Sinn an sich, also als ein quasi ultimativer Sinn, aus der absoluten Sinnlosigkeit geboren, offenbart? Nein, es ist kein Widerspruch. Im Gegenteil, es ist genau das, was den Charme von „Out Of Chaos“ ausmacht. Ein Mann, der bereits in den 1980ern aufgrund der reinen Schönheit des Mondes (und erst recht der Sonne!) „Oh Yeah“ ins Mikro basste, der darf nicht nur, der muss sich in der kapitalistischen Apokalypse, in der wir heute leben, diese Frage stellen: „What the hell am I doing here?“

Und dieses „What the hell am I doing here?“ ist ganz nett anzuhören. Es macht Lust auf eine Kneipe, wo man Rummelsnuff-Matrosen antrifft und wo der Klare zur Fischbulette gereicht wird. Es erinnert aber auch an die Talking Heads, deren David Byrne mit dem grandiosen Song „Once In A Lifetime“ dasselbe Sujet auf eine Ă€hnliche Weise zur Sprache bzw. zur Musik bringt. Ähnlich, aber, nun ja, intellektuell eindrĂŒcklicher. „Out Of Chaos“ ist ein Album wie ein Besuch der Stammkneipe. Da, wo der Klare noch angeschrieben werden darf. Rau und ehrlich.

Label: Staatsakt | Kaufen

Neue Platten: Christopher Bissonnette – „Essays In Idleness“

Christopher Bissonnette - Essays In Idleness (Kranky)Christopher Bissonnette – „Essays In Idleness“ (Kranky)

8,0

Seit den ersten Tagen der Ambient Music, also seit Brian Enos stilprĂ€genden Veröffentlichungen, steht das Genre fĂŒr simple, einlullende Hintergrundmusik. Dabei war schon Enos Ausgangsidee eigentlich eine andere, wie er in vielen Interview betonte. Durchgedrungen ist er damit aber leider nicht. Selbst auf Wikipedia heißt es ĂŒber sein Album „Ambient 1: Music For Airports“, die Musik hĂ€tte den Anspruch, „sowohl fĂŒr Durchreisende als auch fĂŒr Wartende [auf FlughĂ€fen] angenehm und interessant zu sein, selbst wenn die Wartezeit so lange ist, dass das Album mehrere Male hintereinander gespielt wird.“ Eno ging es vielmehr darum, sich gegen das ĂŒbliche Muzak-Gedudel abzugrenzen, dass Reisenden suggerieren sollte, alles sei zu jedem Zeitpunkt in Ordnung. Das war es nĂ€mlich auch damals nicht.

Wie ein Stigma blieb Ambient mit dieser Assoziation verbunden. Daran Ă€nderten auch die sich ĂŒberlagernden, dröhnenden, an- und abschwellenden Sounds der Großmeister dieses Genres (Tim Hecker, Ben Frost, Fennesz, Phill Niblock, Stars Of The Lid usw.) nichts. Dabei ist ihre Musik durchaus geeignet, die Vögel, deren Gezwitscher auf so vielen Ambient-Platten zu hören ist, auf ewig aus den WĂ€ldern zu vertreiben. Leider bleiben aber auch heute noch viel zu viele Veröffentlichungen mit viel zu vielen einfachen Effekten und viel zu vielen NaturgerĂ€uschen immer nur an der OberflĂ€che.

Diese hört man auch auf den Platten des Kanadiers Christopher Bissonnette glĂŒcklicherweise nicht. Im Gegenteil. Die KlĂ€nge seines selbst gebauten analogen Synthesizers, mit denen er seine dritte Kranky-Veröffentlichung produziert hat, könnten davon nicht weiter entfernt sein. Die acht StĂŒcke auf „Essays In Idleness“ klingen eher wie nachts unter einem Umspannwerk oder in einer Lagerhalle aufgenommen und sie verlangen es wie die Musik der oben genannten KĂŒnstler, laut angehört zu werden. Denn nur so bekommt man ĂŒberhaupt mit, was in den tiefen Tiefen schlummert, wie sich die langsamen VerĂ€nderungen entwickeln und wie fein ziseliert diese Klangwelt ist. Dann lĂ€sst sich verfolgen, welch wunderbares Dröhnen, welch vielfĂ€ltige Frequenzen und welch großartige Vibrationen hier zu hören sind. Dabei versteht es Bissonnette, die Sounds so klingen zu lassen, als wĂŒrde er ĂŒberhaupt nicht eingreifen, als wĂŒrde er das Pulsierende einfach weiter schwingen lassen, das Schwebende einfach hĂ€ngen lassen und die hochtönenden Impulse einfach piepen lassen. Die Platte lĂ€sst sich als experimentelle Versuchsanordnung genauso gut hören wie als musikalische AnnĂ€herung an den reinen Klang in einem verzerrten, großen, hallenden Raum.

Wer unter Ambient nach „Essays In Idleness“ immer noch „Musik als Möbel“ (Satie) versteht, hĂ€lt wahrscheinlich auch Glasscherben fĂŒr eine gemĂŒtliche Unterlage.

Label: Kranky | Kaufen

Neue Platten: Monsterheart – „W“

Monsterheart - W (Seayou)Monsterheart – „W“ (Seayou)

6,3

Nach diesem Album muss ich mich ernsthaft fragen: Bin ich ein heimlicher Goth? Seit Jahren war ich scheinbar auf falschen Pfaden unterwegs, stets im Irrglauben an den höchsten Gott der Götter: Gevatter Indie. Nun soll plötzlich alles anders sein? Was war geschehen?

Der Versuch einer Rekapitulation:

Es kribbelte in den Ohren, zappelte in den Fingern, kurz: Es war Zeit fĂŒr eine neue Rezension. Ohne Vorahnung, ohne Vorab-Info sprang mir „W“ von Monsterheart in den Kopf. Ein, auf den ersten Blick, harmloses, poppig anmutendes Album, das mir durchaus gefiel. Es war verspielt, es war manchmal ein wenig zu viel von allem, aber es war insgesamt ein nettes Indie-Album mit dem Hang zu Glam und Elektro – dachte ich. Denn ich wusste eigentlich nur so viel von Monsterheart: Die österreichische Musikerin Anna Attar, dem ein oder anderen vielleicht noch bekannt als Frontfrau von Go Die Big City, steckt hinter dieser kling-klang-sĂŒĂŸen Collage aus EinzelstĂŒcken. Alles Weitere ergab sich aus dem HörvergnĂŒgen.

Da waren also elf Songs, die mit Triangel, Xylofon und abschweifenden Synthie-Einlagen getrĂ€nkt sind. Da war Anna Attar mit ihrer extrem wandelbaren Stimme. Da war ein Album, das insgesamt stimmig war. „W“ bestach durch eingeschrĂ€nkte Vielfalt – immer im Kausalzusammenhang mit der Idee des großen Ganzen: dem mĂ€dchenhaften Indie-Elektro-Pop. Wenige AusbrĂŒche wie „Waves“, der letzte Song auf der Platte, zeigten die Versuche von Wandelbarkeit, die sich aber insgesamt im kuscheligen „W“-Kontext wohlfĂŒhlten. Songs wie die Vorabsingle „Bunnies“ bestachen durch textliche Raffinesse und versteckten Biss, immer wieder einsetzende Hand-Claps brachten das Indie-Herz zum HĂŒpfen, der Klang von Annas Stimme ließ hin und wieder ein kurzes Aufhören entstehen. „W“ war ein Album das sich ganz wunderbar ins CD-Regal einordnen wĂŒrde, ohne großes Aufsehen, ohne Anspruch auf die erste Reihe. Ein Indie-Album durch und durch.

Und dann las ich ihn doch, den Pressetext vom Label. Seitdem bin ich verwirrt. Glam und Pop seien die fröhliche Seite Montsterhearts, Goth die dĂŒstere Strömung ihres Temperaments. Goth? So, so. Seit diesen Zeilen suche ich nach versteckten Goth-Hinweisen in meinem Kleiderschrank, ich schau mir meine Musiksammlung sehr genau an und versuche, dunkle Strömungen in mir zu erfĂŒhlen. Aber es will sich einfach nichts finden lassen – ein bisschen so wie bei Monsterheart.

Label: Seayou | Kaufen

Neue Platten: Avey Tare’s Slasher Flicks – „Enter The Slasher House“

04.04.2014 von  

Avey Tare’s Slasher Flicks - Enter The Slasher House (Domino)Avey Tare’s Slasher Flicks – „Enter The Slasher House“ (Domino)

8,7

Wenn sich der Name einer Band in Kombination mit dem Namen ihres neuen Albums liest, als habe man eine ganz Kurzgeschichte vor sich, und wenn der Kopf der Band dann auch noch auf den Namen Avey Tare hört – GrĂŒndungsmitglied des Animal Collective –, dann erwartet man beim Klick auf den Play-Button nicht weniger als die schallende Eröffnung eines bunten auditiven Zirkus im Kopf.

Man wird nicht enttĂ€uscht. Der auditive Zirkus von Avey Tare’s Slasher Flicks, der beim Hören ihrer neuen Platte „Enter The Slasher House“ augen- bzw. ohrenblicklich gestartet wird, bringt alle vorstellbaren Bilder im Kopf dazu, sich kaleidoskopartig zu einem musikalischen Cupcake-Teig mit Sahne und Erdbeerfrosting vermengt auf Hammer, Amboss und Schnecke zu ergießen.

Ob Angel Deradoorian und Jeremy Hyman, Bestandteile zwei und drei des Slasher-Flicks-Trios, Aveys Slasher Flicks sind oder ob es sich bei den Slasher Flicks vielmehr um Aveys ganz persönliche Slasher Flicks in Form von von ihm komponierten Liedern mit gewissermaßen slasherflicksionalem Inhalt handelt. Oder aber, ob das „Slasher Flicks“ im Namen der Band einfach nur gut klingt, konnte bisher nicht geklĂ€rt werden. Eigentlich ist „Slasher Flicks“ ein Ausdruck fĂŒr ein Untergenre des Horrorfilms, und zwar jenes, in dem (seelisch) ungestalte Randfiguren des Filmbiz Ă  la Patrick Bateman, evolutionĂ€r zu schnell vorausgeeilte Atomtestgebietbewohner mit Hautproblemen oder Motelvermieter mit ausgeprĂ€gtem Ödipuskomplex weniger Verunglimpfte – blond-brĂŒnette Mischungen aus dentalmedizinisch hinreichend versorgten Spring-Break-Amerikanerinnen Anfang ihrer Zwanziger – vorzugsweise per Muskelkraft und Machete, wahlweise auch Messer, aufschlitzen, ritzen und aufzwutscheln, auf dass GedĂ€rm, Gehirn und was da sonst noch so an Soßen wartet, herausquelle (sexuelle Konnotation: natĂŒrlich!).

Außerdem: Der Name „Avey“ ist HebrĂ€isch, der klassischen Gendernorm entsprechend weiblich und bedeutet: „Gott ist mein himmlischer Vater“. „To tare“ bedeutet bekanntlich wiegen. Da „Avey Tare“ Avey Tares KĂŒnstlername ist, wird sich Avey Tare schon was dabei gedacht haben. „Der gewogene himmlische Vater“ hat jedenfalls einen gewissen Charme. Der heilige Christophorus kann ebenfalls ein Liedchen davon singen.

Das klingt alles kompliziert und deshalb bin ich froh, sagen zu können, dass Avey Tare’s Slasher Flicks mit „Enter The Slasher House“ vor allem ein fulminantes FĂŒllhorn konfettibunter Noten in die Welt geboren haben, dessen Schönheit einem Hochseilakt gleicht, der ohne Netz und doppeltem Boden beim quadruplen Salto von einem orchestralen Trommelwirbel begleitet wird. Slasher Flick mit Happy End. Es geht alles gut.

Egal ob Synthie-Sounds (immer), Schlagzeug (auch immer), Gesang (sowieso), Fagott (versteckte Bereicherung), Synthie-Wahwahs (mal hier, mal da), undefinierbares Gekrischel, sowie sidekickende Off-Stimmen und, und, und: Die verwebte Disharmonie von „Enter The Slasher House“ ist tatsĂ€chlich ein veritabler Eintritt in eine musikdimensionale Zwischenebene voller Schönheit und verwirrender Vielfalt. Ein YouTube-Kommentar fasst zusammen: „There’s so much to unravel.“

Assoziationen zu etwa Tim Burtons „Beetlejuice“ sind angebracht und von Seiten Avey Tares sicherlich erwĂŒnscht, und auch der aktuell vor den ByteFM-Redaktionsfenstern tobende Hamburger Dom weist eine gewisse Parallele zu diesem Album des fröhlichen Wahnsinns auf: laut, schrill und mit einem Hauch Mandelaroma im Blutanteil: A positiv!

Label: Domino | Kaufen

Neue Platten: Orcas – „Yearling“

Orcas - Yearling (Morr Music)Orcas – „Yearling“ (Morr Music)

6,2

Die erste Orcas-Veröffentlichung war eine Cover-Version des Broadcast-Songs „Until Then“ und erschien zu Ehren der SĂ€ngerin Trish Keenan nur eine Woche nach deren Tod im Januar 2011. Es ist eine grandiose Interpretation eines ohnehin tollen StĂŒcks, das selbst die Hartherzigsten zum Erweichen bringt. Es verpasst dem experimentellen Sound der Briten eine gehörige Pop-Abrundung, die dem Song unglaublich gut bekommt. Etwas mehr als ein Jahr spĂ€ter erschien das DebĂŒtalbum der Zusammenarbeit der bis dahin nur als SolokĂŒnstler in Erscheinung getretenen beiden US-Amerikaner BenoĂźt Pioulard und Rafael Anton Irisarri als Orcas. Und damit war das Problem markiert: Obwohl die gesamte Platte eine Ă€hnlich schwermĂŒtige, getragene, schöne AtmosphĂ€re verströmt, erreicht doch keines der anderen acht StĂŒcke auch nur im Ansatz das Format von „Until Then“ und fiel auch gegenĂŒber den bisherigen Soloveröffentlichungen deutlich ab. Es war gerade so, als hĂ€tten die beiden mit ihrer ersten Kollaboration bereits ihren Höhepunkt erreicht und dann auch gleich ĂŒberschritten, als hĂ€tte der Anlass den entscheidenden Impuls gesetzt. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sie einen bereits perfekten Song mit einer perfekten Bearbeitung kombiniert haben. Besser ging’s offensichtlich nicht.

„Yearling“ ist jetzt der zweite Versuch einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Und er ist der bessere. Das kann zum einen daran liegen, dass sich Orcas mit Martyn Heyne von Efterklang (Gitarre und Klavier) und Michael Lerner von Telekinesis (Schlagzeug) verstĂ€rkt haben. Der analoge Sound der Instrumente bekommt dem Gesamteindruck der Platte sehr gut. Es sind nicht mehr nur die Field Recordings und verlorenen GitarrenklĂ€nge Pioulards, die zusammen mit den minimalistischen Elektronik-EinsprĂ€ngseln Irisarris die dunklen, mehr gehaucht als gesungenen Texte Pioulards umspielen. Plötzlich sind die Songs ausgereift, greifbar, erinnerbar. Sie schweben nicht so haltlos umher wie auf dem DebĂŒt. Zwar wabern auch hier einige Passagen oder einzelne StĂŒcke sehr ambientig umher, aber sie machen doch einen geerdeteren Eindruck. Alles wirkt durchdachter, konstruierter. Da macht es auch nichts, dass man hier oder da mal denkt, dass ein Intro auch von Boards Of Canada stammen könnte, weil das Quartett anschließend noch die Kurve hin zu etwas Eigenem bekommen. Das kann zum anderen aber auch daran liegen, dass dem Songwriting diesmal wohl ein anderer Prozess zugrunde gelegen hat. Sei es durch die Abstimmung mit anderen Musikern, sei es durch eine andere Herangehensweise. Alles, aber wirklich alles wirkt wesentlich organischer, natĂŒrlicher in den Harmonien und Abstimmungen untereinander. Selbst wenn manche StĂŒcke zuerst klingen, als hĂ€tte Pioulard sie fĂŒr seine eigenen Veröffentlichungen geschrieben, merkt man doch nach kurzer Zeit die Abweichungen davon, merkt man, welchen Anteil die anderen Musiker daran hatten. Die Elemente der Soloplatten kommen nach wie vor auch auf „Yearling“ deutlich vor, sind aber eingebunden in ein großes Ganzes, was sie erst zu richtigen, schönen Songs macht.

„Until Then“ ĂŒberstrahlt aber auch diese Orcas-Platte trotzdem.

Label: Morr Music | Kaufen

Neue Platten: Dillon – „The Unknown“

26.03.2014 von  

Dillon - The Unknown (BPitch Control)Dillon – „The Unknown“ (BPitch Control)

7,5

„The Unknown“, das Unbekannte, der erste Song auf Dillons neuem Album gleichen Namens, beginnt mit vier dunklen, bassigen Tönen, die den Tiefen eines Basses entronnen sein könnten, stammten sie nicht aus Dillons Computer. Parallel erklingt eine Art weißes Rauschen, an- und abschwellend im Wechsel. Begleitet von den ruhigen Akkorden des nach den ersten Takten bald von Dillon angeschlagenen Klaviers, setzt auch ihre Stimme ein. Sie erzĂ€hlt von der Sehnsucht nach Geborgenheit und von der verheißungsvollen Erkenntnis des anderen. Die aber zerschlĂ€gt sich, denn: Waschen wir doch das Bekannte desto stĂ€rker aus, je tiefer wir graben. Meint Dillon. DafĂŒr – und das singelsagt sie fast aufmĂŒpfig – finden wir Hoffnung.

Schluss. Dumpf grummelnder Bass dreht auf (Erinnerungsblitz: Björks „Army Of Me“), elektronischer Beat kĂ€mpft sich frei, angefĂŒhrt von einem geloopten Jauler (eine Wehklage?) Dillons, die bald daraufhin auch diese Episode wieder auflöst. Das Klavier erhĂ€lt seine Stimme zurĂŒck. Ein metronomartiger Clap rattert parallel mit wie eine Schreibmaschine – eine Schreibmaschine, die das junge Leben dieser aus Brasilien stammenden, mit vier Jahren nach Köln immigrierten und nach dem Abitur nach Neukölln umgesiedelte KĂŒnstlerin zu schreiben scheint.

Mit ihrer Musik verhÀlt es sich wie mit ihrem vollstÀndigen Namen. Der lautet Dominique Dillon de Byington und ist irgendwie schön, gleichwohl unaussprechlich und verwirrend.

Das Unbekannte.

Das Lied könnte jetzt zu Ende sein. Ist es aber nicht. Dillon, die einerseits rauchig klingt und andererseits merkwĂŒrdig gebrochen – manchmal erscheint das fast gespielt –, fĂ€hrt die MassivitĂ€t der Melodie der ersten SonghĂ€lfte kurz herunter, nur, um sie im zweiten Teil erneut aufbranden zu lassen.
Das ist, wie auch die anderen StĂŒcke des Albums, schön anzuhören. Ruhig und melodiös, elektronisch und bisweilen geradezu melancholisch anachronistisch. Dillons Stimme ist definitiv ein Highlight, und sie selbst kann sich im Spiegel beglĂŒckwĂŒnschen, bisher von keiner popkulturellen Verwertungsindustrie kaputtproduziert worden zu sein.

Das ist die eine Sicht auf die Dinge: eine junge KĂŒnstlerin, die alles mitbringt, was unterhaltsame und schöne Musik benötigt. KreativitĂ€t, eine tolle Stimme, ein gewisses Moment an AttraktivitĂ€t als ProjektionsflĂ€che, sanft zurĂŒckgehaltene Rebellion 
 Und sie vermittelt ein GefĂŒhl zart anklingender Gebrochenheit, das wir selbst aus so manchem Moment unserer gelegentlich ja gar nicht mehr so kurzen Leben kennen.

Andererseits ist Dillon noch ziemlich jung. DafĂŒr kommt sie auf „The Unknown“ textlich etwas arg weltschmerzig daher. Rilke ließ einst seinen Malte Laurids Brigge schreiben: „Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie frĂŒh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und SĂŒĂŸigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluß, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind.“

Nun besteht die „Komposition Dillon“ aus dreierlei Zutaten: ihren Instrumenten und der Melodie, ihrer Stimme und ihren Texten. Lassen Bestandteile eins und zwei das Album bereits zu einem vollumfĂ€nglichen Genuss werden, lĂ€sst sich Bestandteil drei gegebenenfalls hinnehmen, ĂŒberhören oder dient – je nach Alter – dem einen oder der anderen doch als sinnvolles Identifikationsmoment.

Dillon hören heißt, auf dem sommerlichen Tempelhofer Feld zu liegen, Kindern durch eine Pusteblume beim Drachensteigen zuzusehen und dabei eine TrĂ€ne ĂŒber die Schönheit des Lebens aus dem Äuglein zu pressen: Manchmal geht so was. Manchmal ist man aber auch einfach nicht in der Stimmung.

Label: BPitch Control | Kaufen

Neue Platten: Kreisky – „Blick Auf Die Alpen“

21.03.2014 von  

Kreisky - Blick Auf Die Alpen (Buback)Kreisky – „Blick Auf Die Alpen“ (Buback)

8,5

Melodische Dissonanzen und schrammelige Gitarrenriffs in Kombination mit Texten, die richtig auf die Eier gehen. Kreisky haben mit „Blick Auf Die Alpen“ ein Album hingerotzt, das mit seiner negativen Grundhaltung gegenĂŒber einer Kultur der Ahnungslosigkeit besticht, nervt und nervend (be)sticht.

Die Texte Kreiskys leben von einer verschleierten SubtilitĂ€t, dem Unaussprechbaren in der ausgesprochenen BanalitĂ€t des Alltags. Franz Adrian Wenzl, Martin Max Offenhuber, Gregor Tischberger und Klaus Mitter, die Namen hinter Kreisky, biedern sich nie an. Sie sind die ĂŒbelgelaunte Generation der gescheiterten Kinder Adornos. Es gibt kein richiges Leben im falschen. Aber man kann Musik drĂŒber machen.

Dreckige Gitarrenriffs betonen die Ekelhaftigkeit des AlltĂ€glichen, mit dem wir uns alle abgeben mĂŒssen – nicht nur in Alpenregionen. Im feinsten (weil derben) Wienersprech regen sich Kreisky auf. Über „Medienpunks“, die das Elend des Menschen filmen, ohne Reue, ohne Moral. Und sie zitieren diese Arschgesichter: „Ja, es ist vielleicht kein Leben, aber es ist gutes Material.“

In „Selbe Stadt, Anderer Planet“ dreht sich alles um den alltĂ€glichen Wahnsinn unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft, die die Menschen zu dem zwingt, was sie am meisten verabscheuen: Aufstehen, arbeiten, arbeiten, aufstehen. Bilder von Chaplins „Moderne Zeiten“ poppen auf. Und was bleibt denen, die arbeiten? Der Hass: „Alle mĂŒssen raus. Alle mĂŒssen zur Arbeit, nur die Studenten nicht.“

EntrĂŒstet ist man beim Hören. Und fassungslos. Über ein Leben, das einfach nicht verschwinden will. Nicht mit einer Million Euro und nicht mit einer Milliarde. Am Ende steht die Frage, was von den Suchenden einer Gesellschaft gefunden wird oder gefunden werden darf. Die Antwort ist so grausam, wie banal: „RinderhĂ€lften zu Discounterpreisen. RinderhĂ€lften zu Discounterpreisen. RinderhĂ€lften zu Discounterpreisen. RinderhĂ€lften zu Discounterpreisen. DAS finden sie.“

„Blick Auf Die Alpen“ ist ein geschrammeltes Sammelsurium an Momentaufnahmen unser aller Leben. Von Momenten wie Rasierklingen: Frage: „Habt ihr etwa mein Tagebuch gelesen?“, Antwort: „Ja, wir haben Dein Tagebuch gelesen. DAS IST UNSER GUTES RECHT!! (Wir machen uns Sorgen um Dich)“ oder „Mein Vater ist so peinlich. Meine Mutter ist so peinlich. Mein Bruder ist so peinlich. Alle sind so peinlich.“ Am peinlichsten fĂŒr Kreisky indes ist wohl der arrivierte Heimatheld, Typ Schwarzenegger, der sich im dem Album dem Namen gebenden Lied selbst feiert: „Es heißt, Du warst einer von uns, hast Dir alles hier selbst aufgebaut. Das ist eine schöne Terrasse. Ein herrlicher Blick auf die Alpen.“ „Oh, Du hast ein großes Glied. Das darfst Du aber nicht in den Mund nehmen. Nimm das nicht in den Mund! Das ist ekelhaft!“

Nach einer Stunde Kreisky am StĂŒck ist das Gehirn gemartert. Nach einer Stunde Kreisky am StĂŒck ist die Frage, was eigentlich das verdammte Problem ist, so dringlich wie nie zuvor. Die Antwort liefern Kreisky im letzten StĂŒck ihres Albums: „Die Erde ist ein Todesstern und wer auf ihr lebt, muss sterben. Die Erde ist ein Hassplanet, der sich um sich selber dreht.“

Fazit: Ein großartiges Album fĂŒr jeden, der nicht gerade an Depressionen leidet.

Label: Buback | Kaufen

Neue Platten: Future Islands – „Singles“

19.03.2014 von  

Future Islands - Singles (4AD)Future Islands – „Singles“ (4AD)

9,0

Beim Hören von „Singles“, Future Islands’ neuem Album, dem ersten seit nunmehr fast drei Jahren, sind wir quasi auktorial dabei. Ihre ausgedehnten Synthiesounds, sie klingen ein wenig nach langer, verregneter Waldstraße im FrĂŒhling – saftig, freundlich und so beschĂŒtzend wie einsam.

Im Ohrensessel lauschend spĂŒren wir von ganz weit oben den warmen Regen, der in Zeitlupe von großen, sattgrĂŒnen BlĂ€ttern auf unsere Stirn transzendiert, wĂ€hrend wir unten eine KTM-Motocross ĂŒber den löchrigen Asphalt der Waldstraße preschen sehen: Die knarzige, merkwĂŒrdig zurĂŒckhaltend herrische Stimme Samuel T. Herrings klingt wie ein gelegentlich fehlzĂŒndender Zweitakter. Ein Joe Cocker des Pop, im GehĂ€use eines Minimoog eingesperrt, stimmt zappelnd, wĂŒtend und fauchend eine leise Arie der Flucht an. In der Erkenntnis des permanent GegenwĂ€rtigen unseres Daseins scheint fĂŒr Herring ein Moment gespannter Entspannung oder entspannter Anspannung zu liegen.

Und wohin flĂŒchten? Das Cover liefert uns eine Antwort. Eine junge Frau im sommerlichen Kleid schwebt ĂŒber dem Meer. Sie blickt gen Horizont, dem Betrachter den RĂŒcken zugewandt. Dort, wo ihr Kopf sĂ€ĂŸe, ist nichts als Wolken. Ist er abgetaucht und in den Wolken verschwunden? Am fernen Horizont erblicken wir die KĂŒste einer Inselgruppe. Das sind sie, die zukĂŒnftigen Inseln, auf die wir uns wohl flĂŒchten könnten, sollten, (wollen?), um dem Hier und Jetzt zu entfliehen. Und der Kopf der Unbekannten? Möglicherweise ist er bereits auf die Insel gelangt, durch das Hören von „Singles“ natĂŒrlich.

Ist das ein Quatsch? Nein, das ist kein Quatsch. Die Herren von Future Islands haben mit ihrem Album ein veritables Kunstwerk geschaffen, das unsere Köpfe in fantastische SchĂ€fchenwölkchen bettet. Wohler als beim Hören von „Singles“ fĂŒhlten wir uns nur damals, im sonntĂ€glichen Bett der Eltern mit heißer Schokolade und Himbeermarmeladenbrötchen von Mama. Und schon damals konnten wir in diesen kleinen Momenten der GlĂŒckseligkeit die Sekunden der Einsamkeit vergessen, die sich bisweilen wie bitterkalte FiebertrĂ€ume ĂŒber uns senken.

Nur einzelne Songs dieses Albums herauszugreifen, um sie zu loben, mutet fast blasphemisch an. So erklĂ€rt sich möglicherweise auch der Name des Albums: Jedes StĂŒck dieser Platte steht fĂŒr sich, in sich geschlossen, rund und gut. Jedes Lied spricht eine eindeutige Sprache und teilt uns mit: William Cashion (Bass / Akustik- und Elektrikgitarre), Gerrit Welmers (Keyboard / Programming) und Samuel T. Herring verstehen sich wunderbar. Ihr komplexes Zusammenspiel, das die stets ungeplant erscheinenden emotionalen AusbrĂŒche Herrings ermöglicht, lĂ€sst sich nur in einer konzertierten Konstellation des perfekten Miteinanders realisieren. Hier ist es so.

Welch geballte Energie purer Menschlichkeit in Future Islands kanalisiert, zeigt ihr Auftritt bei David Letterman. Die Band, mit „Singles“ nun bei 4AD unter Vertrag, wartet hier bei der PrĂ€sentation des ersten Titels ihres Albums, „Seasons (Waiting On You)“, mit einer Zartheit auf, die nahezu an GewalttĂ€tigkeit grenzt. GĂ€nsehaut.

Label: 4AD | Kaufen

Neue Platten: Gallon Drunk – „The Soul Of The Hour“

13.03.2014 von  

Gallon Drunk - The Soul Of The Hour (Clouds Hill)Gallon Drunk – „The Soul Of The Hour“ (Clouds Hill)

8,0

Gut sehen James, Terry, Leo und Ian auf dem Foto aus. Ihr freundliches LĂ€cheln wirft zarte KrĂ€henfĂŒsse unter ihre Augen. Terry und Ian wirken, als hĂ€tten sie gerade einen alten Scherz aufgewĂ€rmt. Neu-Bassist Leo senkt den Kopf. James ist auf die Kamera konzentriert und im Moment des Auslösens drĂŒckt sein Gesicht entspannte Konzentration aus. Klick.

Die englische Kultband Gallon Drunk bringt mit „The Soul Of the Hour“ ihr achtes Album heraus. Seit der ersten Veröffentlichung 1992 ist Blues die Basis ihres Sounds. Die zwölf verinnerlichten Takte werden seit jeher mit Punk, Jazz und wahnsinnigem Rock zu einem krĂ€ftigen Noise-Blues vermischt. Wo andere Bands mit lautem Gezerre die VerstĂ€rker kapitulieren lassen, bringen Terry Edwards und James Johnston jazzige Elemente mit Saxofon und Orgel in den Sound von Gallon Drunk ein. Das Quartett ist bekannt fĂŒr seine virtuosen, dramatischen Songs. Texte ĂŒber Liebe, Angst und Trauer kann nur James Johnston so rĂŒberbringen wie er es mit seinem Gesang tut. Als lĂ€ngstes Bandmitglied und mit entsprechendem Lebenslauf veröffentlichte er Soloplatten und arbeitete mit Nick Cave und Lydia Lunch zusammen.

Ein Konzert von Gallon Drunk ist laut, schwitzig und verraucht. Als sich die Freunde damals in den 80ern zusammenfanden und eine Wohnung teilten, waren The Gun Club oder Suicide ihre Vorbilder. Dass ihr Stil aber so durch die Decke geht, hĂ€tten sie selbst nicht gedacht. Seitdem landet jedes neue Album in den Independent Charts, wird von Radiosendern in die Playlists aufgenommen und auch in Zukunft keinen Plattenkritiker langweilen. Diese hatten zuletzt 2012 „The Road Gets Darker From Here“ als bisher bestes Album der Band gefeiert und in die HĂ€nde geklatscht. Das wird jetzt bei „The Soul Of The Hour“ nicht anders werden, wirft man einen Blick hinein.

Das Album beginnt mit „Before The Fire“. Ein StĂŒck, wie soll man es sonst hervorheben, das die schönste und stĂ€rkste Einleitung seit vielen gehörten Alben ist. Jede „First-track-on-album“-Sendung kann ab sofort damit beginnen. Und wer sich einen Gefallen tun will, hört „Before The Fire“ zunĂ€chst nur an und schiebt das Video nach. Es beginnt mit einem jammigen Intro aus perkussiven Elementen und sustainigen Tönen, fĂŒhrt beim Hörer zu ausschweifendem Storytelling und einem Imaginationsfeuerwerk im Kopf, bis dann ab der sechsten Minute der Gesang von James Johnston den straffen Spannungsbogen zerreißt. Das Video zu „Before The Fire“ wurde von Joachim Zunke produziert und ist die gelungene bildliche Überlieferung des Songs. Der Produzent des Albums, Johann Scheerer, sagt ĂŒber diesen Song: „Es ist eins der besten MusikstĂŒcke, an dem ich die Ehre hatte zu arbeiten.“

In „The Dumb Room“, der zweiten Singleauskopplung, crashen die Becken in einem endlos fetten Schlagzeugsolo, noisy und krawallig. „So glad that we are back in the dumb room again“, schreit James Johnston mehr als er singt und heißt alte Fans mit seinen, ja, nihilistischen Texten willkommen. In „The Exit Sign“ fĂŒhrt uns seine verhallte Stimme auf treibendem, nervösem Rhythmus dem Untergang entgegen. AuffĂ€llig richtet sich der Sound nach den Titeln des Albums aus. So kann man den Staub in „Dust In The Light“ quasi sehen. Er umgibt Johnston, der wie durch einen Filter alle Höhen im Sound abgesĂ€gt, seinen Text haucht. Deutlich noch einmal im letzten StĂŒck „The Speed Of Fear“, das die Hörer wieder verabschiedet und ausgeblutet zurĂŒcklĂ€sst in ihrer kollektiven Hoffnungslosigkeit.

Der Kreis auf dem Album-Cover aus krĂ€ftigen, spontanen Pinselstrichen Ă€hnelt einer Iris. Verschiedene dicke Schichten und FĂŒhrungen greifen verschwommen ineinander und sind farblich so ausgewogen, dass sie böse Anmutungen entkrĂ€ften. Besonders schön wirkt dies auf dem Cover der Vinyl-Ausgabe von „The Soul Of The Hour“.

Die Band ist ihrem Ruf treu geblieben, sich mit jedem Album zu verbessern bzw. zu verĂ€ndern. In „The Soul Of The Hour“ sind es die langen instrumentalen Passagen und teilweise hypnotisierenden Momente, das Übereinanderlegen verschiedenster musikalischer EinflĂŒsse und ĂŒber allem die Angst vor dem Rennen der Zeit. Sie können stolz auf ihre nun zwei Jahrzehnte andauernde Bandgemeinschaft sein (Bassist Leo Kurunis noch ausgenommen) und genau diesen Moment gibt das Foto vom Anfang dieser Rezension wieder. Klick.

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