Ein neues Album der Woche ….: im Januar
13.12.2011 von Ruben Jonas Schnell
(Nils P. | Flickr | (CC BY-SA 2.0)
Zum Jahresende gibt es wie gewohnt wenig neue Veröffentlichungen. Bei ByteFM anstelle eines Albums der Woche daher im Moment tÀglich im ByteFM Magazin: die Lieblingsplatten des Jahres 2011 unserer Moderatorinnen und Moderatoren.
Neue Alben der Woche dann im Januar.
Led Zeppelin – „Led Zeppelin IV“
05.12.2011 von Thomas Frisch
VĂ: 08.11.1971
Web: „http://www.ledzeppelin.com/“
Label: Atlantic
Die Wochen vor Weihnachten sind traditionell eine Zeit, in der â abgesehen von den unvermeidlichen Weihnachts-Compilations â nur wenige Neuerscheinungen auf den Markt kommen. Deshalb haben wir uns als Album der Woche dieses Mal ein Werk ausgesucht, das vor etwas mehr als 40 Jahren erschienen ist.
Unsere Wahl fiel auf kein geringeres als das vierte Studioalbum von Led Zeppelin. Von dem eigentlich bewusst unbetitelten Album wird meist als „IV“ gesprochen, auch wegen der vier Symbole, die das Cover zieren. Wenn Led Zeppelin mit ihrem zweiten Album fĂŒr viele den Beginn des Heavy Metal verkĂŒndet hatten, so erklommen sie mit „IV“ endgĂŒltig den viel zitierten Rock-Olymp. Das Werk zĂ€hlt zu den weltweit meistverkauften Alben ĂŒberhaupt und fehlt in keiner der Listen, die sich in irgendeiner Form mit der Rockgeschichte befassen.
Musikalisch gestaltet sich „IV“ abwechslungsreicher als die Alben davor. TatsĂ€chlich unterscheiden sich die acht Tracks deutlich voneinander, ohne aber eine bloĂe Aneinanderreihung von Songs zu sein. SchlieĂlich legten Robert Plant, Jimmy Page, John Paul Jones und John Bonham stets groĂen Wert darauf, dem Konzept Album treu zu bleiben.
Schwanzwedelnd begrĂŒĂt uns gleich zu Beginn der âBlack Dogâ, bevor Robert Plant unverkennbar ins Mikrofon kreischt: „Gonna make you sweat, gonna make you groove!“. Ein Versprechen, das eingelöst wird. Es folgen u.a. ein sehr direktes „Rock And Roll“, das an die englische Folk-Tradition anschlieĂende „Battle Of Evermore“ und natĂŒrlich auch die Nonsense-Ballade schlechthin: „Stairway To Heaven“, dem anscheinend meist gewĂŒnschten Song im Radio. Wenn beim finalen Kopfnicken am Ende alle DĂ€mme brechen, bleibt einem nichts anderes ĂŒbrig, als Lenny Kaye zuzustimmen, der damals in seiner Rezension fĂŒr den Rolling Stone schrieb: „Basing themselves around one honey of a chord progression, the group constructs an air of tunnel-long depth, full of stunning resolves and a majesty that sets up as a perfect climax.“ Und schon könnten die Finger zur Repeat-Taste wandern âŠ
Das ByteFM Album der Woche â mit freundlicher UnterstĂŒtzung von Panasonic.
Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.
Label: Atlantic | Kaufen
Me Succeeds – „Rongorongo“
28.11.2011 von Thomas Frisch
VĂ: 01.12.2011
Web: „http://www.mesucceeds.de/“
Label: I Saw Music
„Is it good or is it crap?“, fragen sich die drei ursprĂŒnglich aus MĂŒnchen stammenden Hamburger von Me Succeeds auf „Rongorongo“, das am 1. Dezember erscheinen wird. Auch wenn das vermutlich nicht auf die QualitĂ€t ihres vierten Albums bezogen ist, können wir die Frage getrost mit „good“ beantworten. Das wird gleich beim Anspielen des Eröffnungstracks deutlich. Bei „Seventeen“ bricht die hypnotisch eingesetzte Gitarre einmal kurz ab. Es scheint, um noch mal Luft zu holen, bevor ein durch und durch groĂartiges Gesamtwerk auf die Ohren losgelassen wird.
„Rongorongo“ besticht durch seine detailreichen Arrangements, die zwar einfach und repetitiv gehalten sind, ĂŒbereinander gelegt aber ein vielschichtiges und harmonisches Mosaik ergeben, dem man sich schwer entziehen kann. Das GrundgerĂŒst bilden natĂŒrlich die klassischen Elektropop-Ingredienzien Gitarre und Bass, sowie ein technoider, treibender, warmer Beat, der so ganz und gar nicht nach Konserve klingt. Nach und nach entwickeln sich die zehn Songs langsam, aber fortwĂ€hrend und stellen wechselweise die jeweiligen Elemente bzw. Instrumente in den Vordergrund â wie um jedem von ihnen eine gebĂŒhrende Solo-Rolle zuzusprechen.
Worum es sich dann letztlich genau handelt, lĂ€sst sich nicht immer sagen. Mal klingt es nach einer zu Unrecht unterschĂ€tzten Triangel, oder aber einem Glockenspiel, mal ist es eindeutig eine Geige und bei „Faxekondi“ könnten es tatsĂ€chlich leere Bierflaschen sein, die zu einer zweiten Ehre kommen. Der Gesang ist folglich auch nur ein Teil in diesem umfangreichen Klangsammelsurium, das aber gerade dann mit Höhepunkten aufwarten kann, wenn die zarte, uneindeutige Stimme von Mona Steinwidder auf den eindringlichen Sprechgesang von Lorin Strohm trifft. Das passiert beispielsweise bei „Beneath“ oder „The Screws“.
Thematisch dreht sich „Rongorongo“ um die Schwierigkeiten des Ausdrucks und des (Un-)VerstĂ€ndnisses allgemein und vor allem dem Selbst gegenĂŒber. Das drĂŒckt sich auch im Albumtitel aus, der eine bis heute nicht entschlĂŒsselte Schrift der Osterinsel bezeichnet. Die Sprache ist aufgrund der abgeschiedenen, isolierten Lage, an der sie entstanden ist, in ihrem Gebrauch verschwunden. Da ist es nur gut, dass das gleichnamige Album von Me Succeeds im heutigen Hamburg erscheint, um diesem Schicksal hoffentlich zu entgehen.
„Rongorongo“ von Me Succeeds erscheint ĂŒbrigens nur auf Vinyl bzw. als Gratis-Download beim eigenen Label I Saw Music. Bei uns könnt Ihr das Album bereits jetzt vollstĂ€ndig im Stream hören.
Das ByteFM Album der Woche â mit freundlicher UnterstĂŒtzung von Panasonic.
Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.
Me Succeeds – Our Charm from Max Moertl on Vimeo.
Label: I Saw Music | Kaufen/Download
Raleigh Moncrief â „Watered Lawn“
21.11.2011 von Monique Schmiedl
VĂ: 25.11.2011
Web: „http://raleighmoncrief.net/“
Label: Anticon
Wenn man Raleigh Moncrief hört, muss man an alles denken, auĂer an SimplizitĂ€t. Weder der Name des KĂŒnstlers, noch seine Platte lassen Begriffe wie Einfachheit oder Schlichtheit aufkommen. Und doch scheint der Musiker mit genau jenen Elementen zu spielen. Fangen wir beim schier unaussprechlichen Namen an. Zerlegt man diesen in einzelne Silben und reiht diese wie ein ErstklĂ€ssler, der gerade Lesen lernt, aneinander, so spricht man einen Namen aus, der eigentlich nicht so schwer ist. Doch trotz dieser simplen Methode klingt der Name Raleigh Moncrief einfach unfassbar kompliziert und extravagant.
Ăhnlich verhĂ€lt es sich mit der Musik des Amerikaners. „Watered Lawn“ ist das DebĂŒt des Elektro-TĂŒftlers und mutet unendlich vertrackt, verzwickt und genial an. Moncrief reiht einzelne Fragmente aneinander, setzt BruchstĂŒcke seperater Töne zusammen und schafft so Musikwerke, die schlicht nicht von Menschenhand (dazu zĂ€hlt an dieser Stelle auch das BetĂ€tigen der Regler und Knöpfe am Computer) geschaffen sein können. Eine meterhohe Mauer aus KomplexitĂ€t baut sich bedrohlich auf. Ihre AusmaĂe wirken gigantisch, respekteinflöĂend, wenn nicht gar beĂ€ngstigend. Doch beim genauen Betrachten kann schnell festgestellt werden, dass diese Mauer aus vielen kleinen simplen Einzelteilen zusammengesetzt ist. Lediglich die Perfektion, quasi der Mörtel zwischen den Mauerteilen, muss man neidlos als ĂŒbermenschliches Element verbuchen.
„Watered Lawn“ ist ein Album, das getrost als ein gigantisches Zusammenspiel aus SimplizitĂ€t und perfektionistischer Akribie bezeichnet werden kann. Raleigh Moncrief greift hier zu den einfachsten und gleichzeitig verwirrendsten Mitteln. Dissonanz und vermeintliches Nicht-im-Takt-sein lassen die Aufmerksamkeit steigen und schaffen es kurrioserweise, den Fokus auf das Gesamtwerk zu lenken. Nicht die simplen Einzelteile werden wahrgenommen, sondern ihr glanzvolles Zusammenspiel.
Herausragend bleibt die immer wieder eingesetzte Konzertgitarre, die so gar nicht zur elektronischen Musik passen mag. Die gezupften Saiten wollen immer wieder den Kampf um die Vorherschaft im Song kÀmpfen und prallen an der LÀssigkeit der Elektronika ab. Die lÀsst den GitarrenklÀngen einfach den Raum, den die benötigen. Durch genau diese LÀssigkeit, diese bewusst eingesetzte Dissonanz, diese in Perfektion abgestimmten Unstimmigkeiten schafft Raleigh Moncrief ein Album, das als Gesamtwerk genauso genial ist, wie in all seinen einzelnen Fragmenten.
Das ByteFM Album der Woche â mit freundlicher UnterstĂŒtzung von Panasonic.
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I Just Saw by raleigh moncrief
Label: Anticon | Kaufen
Dillon – „This Silence Kills“
14.11.2011 von click
VĂ: 18.11.2011
Web: „http://dillon-music.com/“
Label: BPitch Control
Im Jahre 2007 wurde die gebĂŒrtige Brasilianerin Dominique Dillon de Byington wegen ein paar Klimper- und Gesangsskizzen auf ihrer Myspace-Seite nicht nur von anderen namenhaften Musikern, sondern auch im Feuilleton hoch gelobt und gehypt. Eine Einladung zum Melt! Festival sowie die Supportfunktion auf z.B. der âSchall & Wahnâ-Tour von Tocotronic folgten.
Jeder, der sich auch nur ein wenig mit dem Thema Internet-Hysterien beschĂ€ftigt, weiĂ, dass dieses heutige PhĂ€nomen oft ein Schnellschuss und in den meisten FĂ€llen nur von kurzer Dauer ist. Vielleicht nicht so im Falle von Dillon.
Die mittlerweile in Berlin lebende KĂŒnstlerin veröffentlicht nun, Jahre nach dem ersten Entdecktwerden, einige der damals noch unfertigen und auch neue StĂŒcke in Form ihres ersten Albums âThis Silence Killsâ auf dem Berliner Label BPitch Control. Das Werk wurde produziert von Thies Mynther (Phantom/Ghost) und Tamer Fahri Ăzgönenc (MIT)
Rein akustisch und minimal in der Produktion ist das Album dann doch nicht geworden. Hier und da sind auch elektronische Mittel eingeflossen, zu hören gleich im ersten, dem TitelstĂŒck, mit einer housigen Bassdrum und Time-Stretching auf den digitalen SchĂŒtteleiern. Darauf folgen StĂŒcke, die Dillon entweder, nur von den Klaviertasten begleitet, mit ihrer leicht gepressten Stimme, welche am ehesten an eine Joanna Newsom erinnert, vortrĂ€gt oder aber mit Blas- und Streichinstrumenten ausschmĂŒckt. Immer leise, sich nicht aufdrĂ€ngen wollend, als wĂŒrde sie die Lieder fĂŒr sich alleine spielen. Nur selten bewegt sie sich an der Grenze zum Kitsch, wo man denkt, Musik fĂŒr die Werbung geschrieben zu hören.
Die Aufnahmen Dillons bestechen durch die IntimitĂ€t des Vortrags, das Klappern der kleinen HĂ€mmerchen und die zu hörenden AtemgerĂ€usche in den instrumentalen Passagen. Die Unkenntnis von Noten verleiht den StĂŒcken offene Bilder und Raum zum Atmen; die leichte Unfertigkeit gibt dem Ganzen zudem einen unvergleichlichen Charme, dem man sich nicht entziehen kann.
Das ByteFM Album der Woche â mit freundlicher UnterstĂŒtzung von Panasonic.
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Label: BPitch Control | Kaufen
David Lynch â „Crazy Clown Time“
07.11.2011 von Monique Schmiedl
VĂ: 04.11.2011
Web: „http://davidlynch.com/“
Label: Sunday Best Records
Ist es sinnvoll, ein Album zu rezensieren, wenn man als Autorin Angst vor dieser Platte hat? Und wie, bitte sehr, kann man ĂŒberhaupt Angst vor einer Platte haben?
Nun, beide Fragen lassen sich mit einem Namen beantworten: David Lynch. Die erste Frage kann man getreu Lynchs Philosophie direkt mit einem Zitat aus dem Song „Good Day Today“ von seinem neuen Album „Crazy Clown Time“ beantworten. „So tired of fearing, so tired of dark“. Stell dich der Angst, scheint der Musiker/Filmregisseur/KĂŒnstler zu entgegnen.
Die Antwort zur zweiten Frage liegt auf der Hand (besser, auf dem Ohr): David Lynch. Der grandiose Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent ist bekannt fĂŒr schwere Kunst. Seine Filme sind angsteinflöĂend, ekelerregend, abartig und gleichzeitig faszinierend, zauberhaft, erhellend. Mit diesem Vorwissen ist bei der Betrachtung Lynchs Albums plötzlich ein GefĂŒhl da, das GefĂŒhl der Angst. Denn: Was David Lynch auf visueller Ebene kann, kann er auf auditiver Ebene erst recht, oder?
Und ob er das kann! David Lynch hat mit seinem DebĂŒt eine Platte vorgelegt, die all das kann, was seine Filme auch können, nur intensiver. Geben uns Filme noch Bilder mit an die Hand, so sind wir beim Hören unserer Fantasie ausgesetzt. Und die wird ordentlich beflĂŒgelt. „Crazy Clown Time“ ist ein Spiel aus gesanglichen Experimenten und musikalischen SphĂ€ren. Lynch setzt einen Kontrapunkt nach dem anderen, bricht akustische Regeln und ĂŒberschreitet Ă€sthetische Grenzen. Sein Mut zur Verunstaltung der eigenen Stimme ist bewundernswert. Kein StĂŒck ist gesanglich wie das andere. David Lynch flĂŒstert, singt, spricht, verzerrt seine Stimme elektronisch, nutzt Hall und Verfremdungseffekte. Ăhnlich wie in seinen Filmen scheint Verfremdung ĂŒberhaupt das Wort zum Album zu sein. Die unendliche Vielfalt, die in „Crazy Clown Time“ anklingt, scheint lediglich Hilfsmittel jener Verfremdung zu sein. Der Musiker tritt auf seinem eigenen Album in den Hintergrund, nimmt sich als Person komplett raus, verweigert sich der gesanglichen Zuordnung. Er verfremdet nicht die Musik, nicht den Ton, nicht den Takt. David Lynch verfremdet sich. Und erzeugt dadurch eine Aura, die den Blick auf die eigene Hörer-Seele lenkt, die zum Reflektieren und Nachdenken anregt und die vor allem eines schafft: eine Mischung aus Angst und Faszination, aus Ekel und EntzĂŒckung, aus Abwehr und Neugierde hervorzurufen.
Das ByteFM Album der Woche â mit freundlicher UnterstĂŒtzung von Panasonic.
Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.
Label: Sundy Best Records | Kaufen
Atlas Sound – „Parallax“
31.10.2011 von Marc Beham
VĂ: 04.11.2011
Web: „http://4ad.com/parallax/“
Label: 4AD
Dieses Jahr war bislang ein hochwertiges, was die QualitĂ€t der Veröffentlichungen nordamerikanischer Indiemusiker anbelangt. Tu Fawning sorgten gleich zu Beginn fĂŒr eine hohe Messlatte; dann folgten Destroyer, Battles, die Fleet Foxes, Bon Iver, CANT, Fucked Up und die Handsome Furs, Future Islands und St. Vincent, die Liste lieĂe sich leicht noch fortsetzen. Alle haben sie neue Werke veröffentlicht, auch âWithin And Withoutâ, das Album Washed Outs, fĂŒr viele zwar hinter den ursprĂŒnglichen Erwartungen zurĂŒckbleibend, ist letztlich ein sehr gutes.
Da fragt man sich, was denn jetzt, da das Jahr langsam dem Ende entgegen rinnt, eigentlich noch kommen könne. Die Antwort legt uns Bradford Cox alias Atlas Sound mit âParallaxâ vor. So heiĂt sein neuer, aktuell auf 4AD erscheinender Output.
âParallaxâ ist eines dieser Alben, die man so schnell nicht wieder loslassen möchte, eine fesselnde BĂŒndelung faszinierender Musik. Dass Cox ein Musiker ist, der viele Menschen immer wieder aufs Neue mit seinen KlĂ€ngen berĂŒhrt, zeigte sich bereits letztes Jahr wieder, als er mit seiner Hauptband Deerhunter âHalcyon Digestâ unter die Leute brachte. FĂŒr viele war schnell klar, dass das eines der Alben des Jahres werden musste. Bei den â manche wĂŒrden sagen â Göttern des zeitgenössischen Online-Indie-Musikjournalismus, den Redaktionsmitgliedern von Pitchfork, schaffte es das Werk dann auch auf Platz drei der Jahrescharts; nur LCD Soundsystem und Kanye West waren besser. Deerhunters leicht psychedelisch angehauchter Indierock ĂŒberzeugte und ĂŒberzeugt Kritiker weltweit.
Auch Coxâ Soloprojekt Atlas Sound genieĂt vor diesem Hintergrund natĂŒrlich besondere Aufmerksamkeit seitens der Musikpresse. Und das zurecht. Auf âParallaxâ sammelt Bradford Cox analog zu den beiden VorgĂ€ngern wieder die Momente, die er nicht mit Deerhunter ausarbeiten möchte, sondern lieber eigenstĂ€ndig verarbeitet. Es sind intime Momente, melancholische, aber auch extrovertiertere, die sich in Liedern wie dem breiter instrumentierten âAngel Is Brokenâ ausdrĂŒcken, das nach guten zwei Dritteln des Albums erklingt. Ebenso gut kommen allerdings auch StĂŒcke von reduzierterer instrumentaler Ausstattung vor, geprĂ€gt von Akustikgitarren, Bass, Schlagzeug und dezenten elektronischen AusschmĂŒckungen, die fĂŒr den Feinglanz sorgen. Beispielhaft ist hier nicht nur das introvertiert wirkende, die GefĂŒhle bis aufs ĂuĂerste ausreizende âTerra Incognitaâ, eines der paar Lieder, die bereits vorab zu hören waren, in dem Bradford Coxâ Stimme wie so oft geradezu schwebt.
Das Schweben ist indes ein beim Hören von Atlas Sounds Musik auftretender Zustand. Von einer zauberhaften Leichtigkeit beseelt bewegt sich Bradford Coxâ eigenwillige Stimme hĂ€ufig geradezu, zu keinem Zeitpunkt allerdings so verwaschen, wie es sonst derzeit in Mode ist. Die Stimme ist immer klar, immer prĂ€sent, immer berĂŒhrend, immer im Mittelpunkt. Es ist eine handfeste, eine greifbare Psychedelik, die in diesem Fall vorherrscht, und welche Atlas Sounds Musik so nahbar macht.
Auf dem Cover von âParallaxâ posiert Bradford Cox mit einem Mikrofon in schwarzer Umgebung; es ist nur er selbst, nichts dass ablenkt, es sind nur er und seine Stimme, die im Mittelpunkt stehen. âEverywhere I go / There is a light / And it will guide the wayâ singt Cox mit dieser Stimme am Ende. Hoffentlich weist uns das Licht den Weg zu zahlreichen weiteren groĂartigen Atlas-Sound-Alben. ZunĂ€chst aber macht uns auch âParallaxâ alleine schon unglaublich glĂŒcklich.
Das ByteFM Album der Woche â mit freundlicher UnterstĂŒtzung von Panasonic.
Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.
Label: 4AD | Kaufen
Buraka Som Sistema â „Komba“
24.10.2011 von Monique Schmiedl
VĂ: 28.10.2011
Web: „http://www.buraka.tv//“
Label: Enchufada
Wenn afrikanische KlĂ€nge auf europĂ€ische Beats treffen, dann kann das zu einer Explosion der Boxen fĂŒhren. Bisher waren Buraka Som Sistema genau fĂŒr solche zĂŒndlastige Musik bekannt. Das portugiesisch-angolanische Quartett hat 2006 mit der Veröffentlichung ihrer ersten EP „From Buraka To The World“ den Ruf einer Multikulti-Kombo erworben, die tanzbaren Kuduro spielt (Kuduro ist eine angolanische Musikrichtung, die sich aus elektronischen Beats und traditionellen Rhythmen zusammensetzt) und gerne auch mal hĂ€rtere Beats anschlĂ€gt.
Nun erscheint nach dem DebĂŒt „Black Diamond“ ihre zweite Langspielplatte „Komba“ und lĂ€sst den harten Beat hinter sich. Beim ersten Hören der Platte bleibt das bestĂ€ndige GefĂŒhl, dass da irgendwas fehlt. Es wirkt beinahe so, als wollten sie, aber sie können nicht. Jedes Mal, kurz vor der Explosion, wird die ZĂŒndschnur gekappt. So richtig will der Funke nicht zĂŒnden, wollen die Beats nicht ausbrechen. Die harten Rhythmen bleiben verschollen und statt ihrer legen sich im Hintergrund schwingende Tunes, die einen schier in den Wahnsinn treiben können.
„Komba“ ist ein Album, das den Erwartungen seines Hörers trotzt. Es knallt und wummst nicht vordergrĂŒndig. Buraka Som Sistema scheinen dieses Mal den sanften Weg gewĂ€hlt zu haben. Statt animierender Tanzmusik, die mit afrikanischen Rhythmen das europĂ€ische TaktgefĂŒhl herausfordert, zeigt die Band, dass angolanische Grundbeats auch ganz leise und schleichend den selben Effekt auslösen können. Beim mehrmaligen Hören wird das ursprĂŒnglich Fehlende plötzlich zum Grundkonzept des Albums. Die Songs wirken gerade wegen der fehlenden Hau-Drauf-MentalitĂ€t. Die VerhĂŒllung der Songs fĂŒhrt zu einer Vorsicht beim Hören, die die IntensitĂ€t der Musik hinaufbefördert. Der DĂ€mpfer auf den Boxen lĂ€sst die Musik beinahe zerbrechlich wirken. Man möchte tanzen, aber in Wollsocken.
NatĂŒrlich enthĂ€lt auch das zweite Album der Multikulti-Musiker die obligatorischen Ausnahmen. „(We Stay) Up All Night“ ist eine solche Erscheinung, bei der die Band zeigt, dass sie auch anders kann. Rhythmen wallen durch den Raum, Synthies sind auf Anschlag und die FĂŒĂe fangen an zu tanzen.
Buraka Som Sistema haben mit ihrem zweiten Album bewiesen, dass Beat-Multikulti ganz leise und trotzdem unglaublich laut sein kann, dass europĂ€isches TaktgefĂŒhl und afrikanische Rhythmen eine gelungene Kombination darstellen können und dass Tanzen gar nicht so schwer ist.
Das ByteFM Album der Woche â mit freundlicher UnterstĂŒtzung von Panasonic.
Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.
Label: Enchufada | Kaufen
M83 – „Hurry Up, We‘re Dreaming“
17.10.2011 von Kathy Twinem
VĂ: 14.10.2011
Web: „http://ilovem83.com/“
Label: Naive
Im Jahr 2000 grĂŒndete Anthony Gonzales zusammen mit Nicolas Fromageau in der französischen Stadt Antibes M83. 2004 verlieĂ Fromageau die Band wieder und ĂŒberraschte vor einigen Jahren mit wunderbaren Solo-Ambient-Alben: „Dead Cities, Red Seas & Lost Ghosts“ hieĂ sein zweites, mit dem er sich als kluger Elektroniker bewies. Gonzalez hingegen feilte weiter am Sound von M83 und schaffte 2008 mit dem vierten Album – „Saturdays = Youth“ – den Sprung in die Pop-Masse. Das Werk wurde u.a. von Drowned In Sound zum besten Album des Jahres gekĂŒrt. „Hurry Up, Weâre Dreaming“ heiĂt nun das neue Studio-Album, ein Doppel-Album mit 22 Songs. Die Idee, ein Doppel-Album aufzunehmen, faszinierte ihn schon lĂ€nger. So waren das „White Album“ der Beatles, Pink Floyds „Ummagumma“ und „Mellon Collie And The Infinite Sadness“ der Smashing Pumpkins aus dem Jahr 1995 von besonderer Bedeutung bei der Produktion von „Hurry Up, Weâre Dreaming“. Produziert wurde es von Justin Meldal-Johnsen, der bereits mit Beck, Goldfrapp und den Nine Inch Nails arbeitete.
Schon auf „Saturdays = Youth“ beherrschte Gonzales die ganz groĂen Popgesten. Auch „Hurry Up, Weâre Dreaming“ startet bombastisch. Eine zarte MĂ€dchenstimme von keiner Geringeren als Nika Roza Danilova, besser bekannt als Zola Jesus, flĂŒstert von weit entfernten Welten, die existierten, „before you even existed“. Dann setzt Gonzales ein und es erklingt ein so herzzerreiĂendes und eindringliches „Carry On, Carry On“, das jeden ĂŒberzeugen wird: auszuhalten und weiterzumachen. Das klingt sehr episch und sehr schön. Es folgt die Single-Auskopplung, die vor einigen Wochen bereits fĂŒr groĂe Begeisterung sorgte: „Midnight City“ ĂŒberwĂ€ltigte im wahrsten Sinne des Wortes. Da wird an Effekten und Opulenz nicht gespart, sogar ein Saxofon kommt zum Einsatz, was an Bands aus Gonzales Kindheit erinnern lĂ€sst. SpĂ€testens beim Song „Reunion“ tauchen sogar die fast vergessenen Toto wieder in der Erinnerung auf und auch U2 muss man hier als Referenz heranziehen. Das ist wahrlich ĂŒberwĂ€ltigend! Es darf und soll mitgeklatscht werden und ausnahmsweise lĂ€sst man sich hinreiĂen. Gonzales weiĂ aber auch darum, seine alten Fans nicht zu verstören und so folgt darauf „Where The Boats Go“, welches alte Songs des 2005 erschienenen „Before The Dawn Heals Us“-Albums in der Erinnerung wachwerden lĂ€sst. In „Raconte-Moi Une Histoire“ erzĂ€hlt ein kleines MĂ€dchen die Geschichte eines Frosches: „if you touch its skin you can feel your body changing“ heiĂt es da. Mit „Soon My Friend“ verabschiedet sich Gonzales auf der ersten CD.
„New Map“ ist Ă€hnlich wie „Reunion“ eine Verbeugung vor den pompösen Bands der 80er und 90er Jahre. Bei „OK Pal“ hört man kurz die Simple Minds, eine weitere Referenz an Gonzales Jugend; deren „Don’t You Forget About Me“ sollte zur Hymne des 80er-Jahre-Kultfilmes „Breakfast Clubs“ von John Hughes werden. Bei „Splendour“ ertönt dann noch der obligatorische Kinderchor und man kann wohl sagen, Gonzales zieht alle Register. „Splendour“ ist ein wunderschöner kitschiger Song. Aber Kitsch ist doch auch mal schön! Gerade so zum Herbst kann man doch auch mal die Welt umarmen. So ist „Hurry Up, We‘re Dreaming“ eine Art Kulmination der M83-Geschichte. Gonzales kĂ€mpft auf dem Album gegen alle Klischees, in dem er sie sich zunutze macht und den Hörer sprachlos und wie in einem Rausch zurĂŒck lĂ€sst.
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My Brightest Diamond – „All Things Will Unwind“
10.10.2011 von Redaktion
VĂ: 14.10.2011
Web: „http://www.mybrightestdiamond.com/“
Label: Asthmatic Kitty Records (Soulfood)
My Brightest Diamond heiĂt mit bĂŒrgerlichen Namen Shara Worden, hat in Texas den Studiengang Opernmusik besucht und ist dann in ihrer damaligen Wahlheimat New York auf die dortige Underground-Szene gestoĂen. Diese Inspiration brachte sie darauf, ihre klassische Ausbildung mit Elementen der Rock, Pop und Folkmusik zu verbinden. Nachdem Worden an den Aufnahmen zu Sufjan Stevens‘ Album Illinois als SĂ€ngerin beteiligt war, kam sie als My Brightest Diamond bei dessen Label Asthmatic Kitty unter.
Mit ihrem 2006 erschienen DebĂŒtalbum âBring Me to the Workhouseâ im GepĂ€ck war sie im Vorprogramm fĂŒr Stevens auf Tour und bekam damit viel Aufmerksamkeit. Bereits zwei Jahre spĂ€ter veröffentlichte sie das zweite Studioalbum „A Thousand Shark’s Teeth“, das zunĂ€chst fĂŒr ein Streicherquartett konzipiert, schlieĂlich aber mit 20 Musikern eingespielt wurde. Dennoch war auch die Musik auf dieser zweiten Platte eine ganz persönliche Form von Folkmusik.
Nun hat Shara Worden mit „All Things Will Unwind“ ihre dritte Platte als My Brightest Diamond aufgenommen – vielleicht eines der innovativsten und ausgefeiltesten Alben des Jahres. Die meisten Lieder stammen aus dem Kontext eines Auftritts im Rahmen der American SongbookâReihe des New Yorker Lincoln Center Anfang diesen Jahres. HierfĂŒr hatte Worden neue Musik fĂŒr das Kammermusikensemble yMusic komponiert, ein Sextett, das u.a. schon mit Bon Iver, Antony & the Johnsons, Rufus Wainwright und den New York Philharmonikern gearbeitet hat. Innerhalb von 21 Tagen nahm Shara Worden zusammen mit yMusic unter der technischen Leitung von Pat Dillitt diese und einige zusĂ€tzliche Songs fĂŒr das nun vorliegende Album auf.
Die Musik ist kunstvoller Art-Pop, sehr unprĂ€tentiös und unaufdringlich. Trotz ĂŒberwiegend kammermusikalischer Instrumentierung erstaunlich unakademisch und eingĂ€ngig. Das liegt daran, dass Shara Worden die Streicher und BlĂ€ser eher sacht als sinfonisch einsetzt, als perfekte und sehr pointierte Ornamente ihrer frei flieĂenden Songs. Ăhnlich wie eine erwachsene Kate Bush beherrscht Worden es, ihre Songs schwerelos dahin treiben zu lassen und den Hörer mit der Musik nur zu streifen oder zu streicheln. Inhaltlich verarbeitet sie die Stationen ihres Lebens seit ihrem letzten Album, wie z.B. den Umzug nach Detroit oder die Geburt ihres Sohnes.
Das ByteFM Album der Woche â mit freundlicher UnterstĂŒtzung von Panasonic.
Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.
Label: Asthmatic Kitty | Kaufen
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