Scout Niblett – „It’s Up To Emma“
20.05.2013 von Redaktion
VĂ: 24. Mai 2013
Web: scoutniblett.com
Label: Drag City
Wenn eine KĂŒnstlerin ihr neues Album mit den Zeilen âI think Iâm gonna buy me a gun, a nice little silver one / And in a crowd someday, you wonât see it cominâ anywayâ beginnt, kann man davon ausgehen, dass man es mit einer Platte der ernsteren Sorte zu tun haben wird. Doch mit genau diesen Worten verliert Scout Niblett sich in âGunâ in von Eifersucht motivierten MordplĂ€nen an einem verflossenen Liebhaber. Ohne Umschweife ist damit das Thema von âItâs Up To Emmaâ klar: Das Album ist eine Auseinandersetzung mit allen Aspekten der gescheiterten Liebe.
Emma âScoutâ Nibletts Vorliebe fĂŒr minimalistische Arrangements wirkt dabei auf âItâs Up To Emmaâ noch songdienlicher als zuvor: Selten werden die Titel von mehr als einer dreckig angezerrten Gitarre und Drums begleitet; von Zeit zu Zeit mischen sich brĂŒchige Streicher in die Arrangements. Diese Reduktion lĂ€sst Nibletts starke Stimme uneingeschrĂ€nkt im Vordergrund stehen und schafft so Raum fĂŒr ihren facettenreichen Gesang, der in kĂŒrzester Zeit vom leisem Flehen in energisches Schreien ĂŒbergehen kann. Ihre Texte wirken wie ein Nachruf auf â mal vor lĂ€ngerer Zeit, mal gerade erst â beendete Beziehungen, in den sich alle dazugehörigen GefĂŒhle mischen.
Das Hin- und Hergeworfensein zwischen Emotionen wie Wut und Trotz, Eifersucht, Sehnsucht, Hoffnung und schlieĂlich auch Akzeptanz ist der zentrale Topos des Albums. Selbst ein zerbrechliches Cover des TLC-Klassikers âNo Scrubsâ, das Niblett im Duett mit Emil Amos eingesungen hat, fĂŒgt sich in seinem Wunsch nach Alleinsein und mit seinem lakonischen Gesang nahtlos ins Narrativ der Platte ein. Die Songs sind subjektiv, fast schon egozentrisch: Die Darstellung von Situationen nimmt ausschlieĂlich die Ich-Position ein; aus dieser Perspektive werden Geschehnisse und GefĂŒhle in den Songs geschildert. Das, und vor allem der Inhalt der Songs, macht âItâs Up To Emmaâ sehr persönlich. Die Texte lassen spĂŒren, dass es sich hĂ€ufig um die Verarbeitung tatsĂ€chlicher Erlebnisse handelt, die hier Inspiration war.
In vielerlei Hinsicht ist âItâs Up To Emmaâ ein nacktes, sehr intimes Album. Dass Emma Niblett ihren bĂŒrgerlichen Vornamen in den Titel nimmt, ist ein erstes Anzeichen dafĂŒr: Hier gibt es keine KĂŒnstlerpersönlichkeit, keine Fassade, um sich dahinter zu verstecken. Das Gleiche gilt fĂŒr die brĂŒchigen Arrangements und aufrichtigen Texte, die ihre Wirkung von der Mischung aus Identifikationspotential und beobachtender Faszination ziehen. Dass sie in Handschrift im Booklet notiert sind, unterstreicht nur noch mehr, was fĂŒr einen tiefen Einblick man in die Persönlichkeit Nibletts zu haben scheint. Diese nahezu uneingeschrĂ€nkte Offenheit und die ehrliche Darbietung verleihen âItâs Up To Emmaâ seine IntensitĂ€t.
Das ByteFM Album der Woche.
In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir tĂ€glich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.
Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Scout Niblett“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.
Label: Drag City | Kaufen
Wampire – „Curiosity“
13.05.2013 von Redaktion
VĂ: 17. Mai 2013
Web: wampiremusic.com
Label: Polyvinyl
In Klamotten, die wohl auch der gröĂte FlohmarktjĂŒnger bestenfalls als KuriositĂ€t durchgehen lassen wĂŒrde, mit gelben Augen und blaugeschminkten Lippen prĂ€sentieren sich Rocky Tinder und Eric Phipps auf dem Cover des Debutalbums ihres Projekts Wampire. Umgeben von einem bunten Strudel aus Farben und Sternen lĂ€sst das Bild zusammen mit dem kuriosen Make-Up den Eindruck aufkommen, man könnte es mit dem Plakat fĂŒr eine neue Crossover-Fernsehserie zu tun haben: Magnum meets Star Trek.
Wem diese Kombination gar zu absurd vorkommt, sollte Wampires Musik kennenlernen, denn auch dort vereinen Wampire so einiges an GegensĂ€tzen. Aus der Musikszene von Portland, aus der Bands wie STRFKR und Unknown Mortal Orchestra hervorgegangen sind, stammend, wurde das Duo vom Label Polyvinyl gesigned, um das Album âCuriosityâ aufzunehmen. Produiziert wurde die Platte dabei von niemand geringerem als Jacob Portrait vom Unknown Mortal Orchestra. Mit diversen Song- und Soundfragmenten im GepĂ€ck zogen Wampire ins Studio, wo sie diese assoziativ und hĂ€ufig improvisiert zusammen mit Portrait zu Songs zusammensetzten. Diese freie Arbeitsweise spĂŒrt man auch beim Hören, denn entstanden ist dabei ein Album, das verschiedenste stilistische EinflĂŒsse der letzten 50 Jahre Musikgeschichte in sich vereint.
Die im MĂ€rz veröffentlichte erste Single âThe Hearseâ, die das Album eröffnet, vereint Analogsynths, Farfisa-Orgel und Gitarren zu einer schimmernden Rocknummer, die sich in der Mitte mit einem sphĂ€rischen Break selbst unterbricht, um schlieĂlich wieder in einen treibenden Rhythmus auszubrechen. Dass die B-Seite der Single ein Cover von Kraftwerks âDas Modellâ (in vorzeigbarem Deutsch!) ist, liefert einen Vorgeschmack auf die unterschiedlichsten musikalischen EinflĂŒsse, die Wampire in ihren Songs verarbeiten. Der folgende Titel âOrchardsâ prĂ€sentiert sich mit sanften Gitarrenarpeggien, gepfiffenen Melodien und sehnsuchtsvollem âLaa-Laaâ-Refrain wie der Soundtrack zu einem Retro-Western. âGiantsâ lĂ€sst Surfrock-Stimmung aufkommen, den Tracks âTrainsâ beschreibt die Band selbst als âMotown meets Strokesâ. Andernorts scheint Jean Michel Jarre auf Franz Ferdinand zu treffen. Immer wieder sind es Synthesizer mit 70er-Jahre-Einschlag und jaulende Orgeln, von denen die Songs zusammengehalten werden.
Auf den ersten Blick mag das Album zunĂ€chst wie eine schlichte Collage aus Retro-Pop erscheinen. Dahinter steht jedoch mehr, denn trotz aller Genrezitate schaffen Wampire es, ihre zahlreichen Inspirationen geschickt miteinander zu einem eigenen Stil zu verbinden. Das macht âCuriosityâ zu einem Schmelztiegel aus EinflĂŒssen, denen das Duo seinen eigenen Stempel aufdrĂŒckt und der von genau diesem VerhĂ€ltnis zwischen Zitat und eigener musikalischer Aussage lebt.
Das ByteFM Album der Woche.
In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir tĂ€glich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.
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Label: Polyvinyl | Kaufen
Bibio – „Silver Wilkinson“
06.05.2013 von Redaktion
VĂ: 10. Mai 2013
Web: mrbibio.tumblr.com
Label: Warp
Bereits im April veröffentlichte der englische Produzent Bibio, der mit bĂŒrgerlichem Namen Stephen Wilkinson heiĂt, den Orhwurm âĂ tout Ă lâheureâ als Vorabsingle zum kommenden Album. Nun erscheint âSilver Wilkinsonâ, so der Titel der neuen LP, am 10. Mai und lĂ€dt ein, sich in hervorragendem Dreampop fallen zu lassen.
Schon der Opener âThe First Daffodilsâ setzt die Stimmung fĂŒr das Album: Eine sanfte Akustikgitarre und Synthie-Arpeggios weben zusammen mit warmen StreicherflĂ€chen ein schlichtes, aber charmantes Klanggeflecht. Dabei kommt der Track ganz ohne Gesang aus. Ăberhaupt ist âSilver Wilkinsonâ Bibio-typisch kein Album der groĂen Worte. Gesang â wenn vorhanden â wird meist mehr als Klangfarbe verwendet denn als inhaltliches Medium. Meist sind die Vocals sehr zurĂŒckhaltend und nehmen nie zu viel Raum im Arrangement ein.
Umso mehr spielt das Album mit Klangelementen. Gekonnt vermischt Bibio elektronische wie akustische Soundtexturen so geschickt zu organischen Klangwelten, dass sich nur schwer ausmachen lĂ€sst, was da gerade warum so gut klingt. Immer ergeben Gitarren, E-Pianos, Samples und Synthesizer sowie der â wenn vorhanden â meist angenehm vom GeltungsbedĂŒrfnis befreite Gesang ein homogenes Ganzes. Obwohl die Songs aus einer Vielzahl von Schichten und Samples bestehen, ist da nie zu viel, nichts, was davon ablenkt, sich in der Musik zu verlieren. Von den tanzbaren Grooves des VorgĂ€ngers âMind Bokehâ ist nicht mehr viel zu spĂŒren. âSilver Wilkinsonâ ist mehr ein VorstoĂ in clevere Ambient-Sounds und das Erforschen filigraner Klangcollagen. Wirkte âMind Bokehâ stellenweise experimentell und verspielt, gleingt Bibio mit âSilver Wilkinsonâ eine von Anfang bis Ende runde LP. Mehr denn je wirkt das Album als ein einziges zusammenhĂ€ngendes StĂŒck.
âSilver Wilkinsonâ ist Musik in Pastellfarben, eine Klangreise in Welten, in denen alles harmonisch ist. Hier geht es um das Eintauchen in die Tiefen von Stephen Wilkinsons hervorragend produzierten Soundschichten, in denen man auch nach mehrmaligem Hören immer noch Neues entdeckt. Nach knapp 50 Minuten mit den letzten Tönen von âYou Won’t Remember…â in die RealitĂ€t entlassen, kommt man nicht umher, sich kurz die Augen zu reiben, denn Bibio ist mit âSilver Wilkinsonâ ein Ă€uĂerst stimmungsvolles Album gelungen, dem man die Leidenschaft zu KlĂ€ngen in jedem Track anmerkt.
Das ByteFM Album der Woche.
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Label: Warp | Kaufen
Ghostpoet – „Some Say I So I Say Light“
29.04.2013 von Redaktion
VĂ: 3. Mai 2013
Web: ghostpoet.co.uk
Label: Play It Again Sam
Mit dem klangvoll betitelten âPeanut Butter Blues & Melancholy Jamâ stellte Obaro Ejimiwe alias Ghostpoet 2011 ein beeindruckend ausgereiftes Debutalbum vor. Gute zwei Jahre spĂ€ter erscheint nun seine zweite LP, die den Titel âSome Say I So I Say Lightâ trĂ€gt.
Bereits im Februar veröffentlichte Ghostpoet die Vorabsingle âMSI musmiDâ als Download. Deren Text basiert laut Ejimiwe auf einem Traum, in dem Dim Sum und Nudeln befreundet sind und dennoch in Streit geraten â ein denkbar kurioses Thema fĂŒr einen Songtext. Dennoch zeigt sich darin wie Ghostpoet AlltĂ€gliches mit DĂŒsterem verbindet und Profanes in ein SpannungsverhĂ€ltnis mit Surrealem setzt. Ob es nun Konflikte zwischen Speisen sind, innere Stimmen, die einem beim Warten auf den Zug einholen, oder die BefĂŒrchtung, zu viel Geld beim Onlineshopping auszugeben: Immer wieder schafft Obaro Ejimiwe es, kleine Alltagssituationen mit einem dunklen, teilweise bedrohlichen Unwohlsein zu belegen.
Die in den Texten erzeugte AtmosphĂ€re spiegelt sich in der vielseitigen Musik wider. WĂ€hrend âPeanut Butter Blues & Melancholy Jamâ als Eigenproduktion im Schlafzimmer entstanden ist, hatte Ghostpoet fĂŒr sein neues Album Richard Formby als Produzenten im Studio zur Seite. Mit ihm sind Arrangements und Sounds entstanden, die mehr in die Tiefe gehen und beachtlichen Sinn fĂŒr Details haben. Stilistisch oszillieren Ghostpoets Songs irgendwo zwischen Hip-Hop, Trip-Hop und dem weiten Feld, das in Ermangelung eines besseren Begriffs meist als âAlternativeâ bezeichnet wird. Dunkle Synthie-FlĂ€chen treffen auf industrielle Beats, wĂ€hrend hypnotische E-Piano-Patterns und fragile Drum-Fills entfernte Jazz-Assoziationen hervorrufen. GegenĂŒberstellung ist auch hier ein Thema in der Musik von Ghostpoet, beispielsweise wenn das als finstere Downtempo-Nummer beginnende âComatoseâ ohne Vorwarnung in 8-Bit Arpeggios mit Streichquartett im Hintergrund ausbricht. Im Opener âCold Winâ sind es verfremdete BlĂ€serpassagen, die wie ein Wespenschwarm in den geradlinigen Songverlauf einfallen und ihn damit zu einem abrupten Ende bringen.
Ăber diesen vielseitigen Sounds schweben Ghostpoets Vocals zwischen Sprechgesang und Gesangsmelodien. Mal fester, mal zurĂŒckhaltender hat Obaro Ejimiwes Stimme stets etwas Zerbrechliches in sich, mit dem er seinem Alter Ego, dem âGeisterpoetenâ, gerecht wird. Die Art, wie er mit brĂŒchiger Stimme die letzten Wortsilben abreiĂen lĂ€sst, gibt dem Gesang seine geisterhafte, ephemere QualitĂ€t, die die stets prĂ€sente Introspektion in Ghostpoets Musik betont. Sein zweites Album zelebriert dieses in sich versunken Sein und die Gedanken, die damit einhergehen. Diese facettenreich ausgedrĂŒckte Mitternachtsstimmung macht âSome Say I So I Say Lightâ zum Album, das einlĂ€dt, an dieser Beochbachtung des Selbst teilzuhaben.
Das ByteFM Album der Woche.
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Mick Harvey – „Four (Acts Of Love)“
22.04.2013 von Nils Rabe
VĂ: 26. April 2013
Web: mickharvey.com
Label: Mute
Bereits der VorgĂ€nger „Sketches From The Book Of The Dead“ war ein monumentales Konzeptalbum – ein intimes Werk, das sich mit den Themen Schmerz und Verlust auseinandersetzte. Harvey gelang das seltene KunststĂŒck, auf einfĂŒhlsame Art und Weise die langsam verblassenden Bilder verlorener Freunde festzuhalten. Nun erscheint via Mute sein sechstes Studioalbum „Four (Acts Of Love)“, eine Kontemplation ĂŒber die romantische Liebe – ihr Werden, ihr Bestehen und ihren Verlust.
Mick Harvey ist hierzulande vor allem durch seine ehemaligen Mitgliedschaften bei Crime And The City Solution und natĂŒrlich Nick Cave & The Bad Seeds bekannt. Mit ebenjenem Nick Cave spielte er bereits vor der GrĂŒndung der Bad Seeds in den 80er-Jahren bei der Band The Boys Next Door und deren Nachfolger The Birthday Party. Des Weiteren veröffentlichte er diverse Soundtracks fĂŒr australische Independent-Filme (u. a. „Chopper“, „Australian Rules“, „Suburban Mayhem“). JĂŒngst wurde PJ Harveys Album „Let England Shake“ mit dem Mercury Prize ausgezeichnet, bei dem Harvey Co-Produzent war. Im Zuge der Veröffentlichung von „Four“ tourte er im MĂ€rz durch Neuseeland. Darauf folgt im Mai ein Auftritt beim Iâll Be Your Mirror Festival in London, wo er Songs von Serge Gainsbourg in englischen Versionen performt. Man darf sich Mick Harvey also zurecht als vielbeschĂ€ftigten Menschen vorstellen.
Aufgenommen wurde die neue Platte in den Studios „Grace Lane“ und „Atlantis Sound“ in Melbourne und ist thematisch in drei Akte unterteilt – „Summertime In New York“ (I), „The Story Of Love“ (II) und „Wild Hearts Run Out Of Time“ (III). Neben eigenen Kompositionen enthĂ€lt „Four“ aber auch einen Song von PJ Harvey, „Glorious“, und Interpretationen von The Saintsâ „The Story Of Love“, Van Morrissons „The Way Young Lovers Do“, Exumas „Summertime In New York“ und Roy Orbisons „Wild Hearts (Run Out Of Time)“. Als musikalische Begleitung hat sich Mick Harvey mit Rosie Westbrook am Kontrabass und JP Shilo an Violine und Gitarre kongenial verstĂ€rkt. Das vorliegende Resultat sind intime Folk-Rock-StĂŒcke, die vom gedĂ€mpften und tiefen Gesang Harveys gefĂŒhrt werden. Mit wenigen Textzeilen schafft er es spielerisch, dass man den Geschichten in den Songs gefesselt lauscht. Hier besteht eine nicht zu leugnende Gemeinsamkeit mit Nick Cave, jedoch bietet Harvey einen anderen Ausblick: Statt Wut und Zynismus sind bei ihm eher ZĂ€rtlichkeit und Hoffnung zu finden. Fast vierzig Jahre an der Seite von Cave lassen sich eben nicht einfach wegwischen. WĂ€hrend sich der Altmeister frĂŒher gerne in fiktive Mordorgien gestĂŒrzt hat, wĂ€hlt sein ehemaliger Gitarrist den persönlichen Zugang.
Im Mittelpunkt des Albums stehen geschmackvoll zusammengestellte Gitarren- und Klavierkompositionen, wie etwa beim Opener „Praise The Earth (Wheels Of Amber And Gold)“ oder bei „I Wish That I Were Stone“ und dem abschlieĂenden „Praise The Earth (An Ephemeral Play)“. In durchdachter RegelmĂ€Ăigkeit werden diese StĂŒcke durch ruhige, dĂŒstere Arrangements unterbrochen, die den nĂ€chsten Akt einleiten oder beschlieĂen. Das bedrohliche „Where Thereâs Smoke (Before)“, das betörende „The Way Young Lovers Do“, das akustische Kleinod „A Drop, An Ocean“ oder die jazzigen „Where Thereâs Smoke (After)“ und „Midnight On The Ramparts“ â minimalistisch inszeniert, aber dennoch existenziell stark aufgeladen. Harvey besitzt hierbei eine tiefe, vibrierende, angenehm unaufgeregte Stimme, die sich wie ein roter Faden durch die emotionalen Höhen und Tiefen der vierzehn Songs zieht. Man bekommt das GefĂŒhl, dass am Anfang die Poesie oder auch die Geschichte steht, und sich erst dann langsam die Musik darum herum entwickelt.
„Four (Acts Of Love)“ ist ein konzentriertes und geistiges Sichversenken in die KomplexitĂ€t der Liebe, das auf ganzer LĂ€nge wegen der permanenten BrĂŒche nicht immer harmonisch klingt, dennoch im Kontext eines Konzeptalbums hervorragend funktioniert. Zudem ist es ein weiterer Beweis fĂŒr Harveys vorsichtige Bescheidenheit und selbstsichere Ehrlichkeit.
Das ByteFM Album der Woche.
In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir tĂ€glich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.
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Label: Mute | Kaufen
Junip – „Junip“
15.04.2013 von Diviam Hoffmann
VĂ: 19. April 2013
Web: junip.net
Label: City Slang
Bis zur Veröffentlichung ihres ersten Albums haben Junip ganze zwölf Jahre gebraucht, die LP „Fields“ erschien 2010. Bis zum zweiten Longplayer der schwedischen Band sind zum GlĂŒck seitdem nicht ganz so viele Jahre vergangen: Ihr mit dem Bandnamen betiteltes, zweites Album erscheint diese Woche. Obwohl sich der Erstling „Fields“ fĂŒr den begrenzten Bekanntheitsgrad der Band ziemlich gut verkauft hat, hat bei Junip keiner die enormen Zweitling-Erwartungen, wie sie auf andere KĂŒnstler dieser Tage zukommen.
Denn Junip zehren von ihrer Erfahrung und ihrem langen Zusammenspiel auf Tour. Die Band besteht aus Elias Araya (Schlagzeug), Tobias Winterkorn (Keyboard) sowie JosĂ© GonzĂĄlez mit seinem markanten Gesang und seinen prĂ€genden Gitarrenmelodien. Sein Erfolg als SolokĂŒnstler war wohl fĂŒr das Sichhinziehen der Arbeit am Bandprojekt Junip mitverantwortlich – und ist noch immer der Grund dafĂŒr, dass die Band in erster Linie mit dem SolokĂŒnstler JosĂ© GonzĂĄlez assoziiert wird. Doch der Klang der Band unterscheidet sich von den sehr reduzierten, akustischen Veröffentlichungen von JosĂ© GonzĂĄlez, auch wenn Junip durch die Stimme ihres FrontsĂ€ngers natĂŒrlich geprĂ€gt werden. Der Bandname als Titel der neuen Platte lĂ€sst aber erwarten, dass hier ein Stil darĂŒber hinaus gefunden wurde, der reprĂ€sentativ fĂŒr die Band ist. So ordnen auch die KĂŒnstler ihre Platte ein, schon der Entstehungsprozess, der nicht so recht einfach von der Hand gegangen sei, sei einfach „sehr Junip“ gewesen.
Die Ups und Downs dieser Arbeit waren sicherlich wichtig fĂŒr die Platte, die diese Zeit gebraucht hat. Junip klingen nicht gewollt. Man kann sich schwer vorstellen, dass ans Publikum gedacht wurde, als die Songs geschrieben wurden. Der imaginĂ€re Rezipient kann zumindest nicht die Popkritik oder ein potenzieller Konsument gewesen sein â vielleicht ein guter Freund. Denn die ruhigen StĂŒcke klingen ehrlich und echt, die lauteren scheinen sich ganz aus sich selbst zu entwickeln. Diesen Eindruck der IntimitĂ€t und Echtheit vermitteln Junip auch auf ihren Konzerten, wenn ihre StĂŒcke sich zu Instrumentals mit doppelter LĂ€nge steigern und sie ihren Status als Band unterstreichen. Die Melodie, der Song, das Konzept erscheinen bei diesen Live-Entwicklungen nahezu zweitrangig, sie nehmen das Publikum mit auf eine Reise, deren Ziel sie am Anfang nicht zu kennen scheinen.
Doch Junips Sound wird dadurch nicht willkĂŒrlich. Das aufgenommene Album erzĂ€hlt Geschichten und kann sogar OhrwĂŒrmer aufweisen, besonders die vorab veröffentlichte Single „Line Of Fire“ und das nun ausgekoppelte StĂŒck „Your Life Your Call“ begleiten Zuhörende womöglich dauerhaft. Dabei sind die beiden StĂŒcke bilderschwer und intensiv, was die beiden Videos, die zu ihnen entstanden sind, noch verstĂ€rken. Der schwedische Regisseur Mikel Cee Karlsson machte aus den beiden StĂŒcken einen Kurzfilm, der in einem Video begann und sich im nĂ€chsten fortsetzte. Ăsthetisch aus dem Loopen kurzer Sequenzen bestehend, welche den Bildern eine betrĂ€chtliche LĂ€nge und Ruhe zu geben scheinen, gibt dieser Kurzfilm den StĂŒcken eine ziemlich absurde Geschichte. Wenn man mit diesen Videos vertraut ist, ist es durch ihre IntensitĂ€t erst einmal schwer, die Musik wieder als autonom zu sehen, so sehr prĂ€gen sich Bild und Ton gegenseitig.
AtmosphĂ€rische KlĂ€nge bestimmen dieses Album, Folk-Anleihen und ĂŒberraschende Beats, GerĂ€usche, sphĂ€rischer Gesang und ruhige Melodien wechseln sich ab. Dabei reicht manchmal ein Pfeifen aus und der markante GonzĂĄlez-Gesang darf zurĂŒcktreten. Die Grundstimmung ist oft dĂŒster, was der Band bisher das Genre Dark Pop aufgedrĂŒckt hat. Allerdings ist der Klang mitunter durchaus positiv, aufbauend, mitnehmend und immer sehr stimmungsvoll â Junip bilden mit den komplexen Arrangements und der instrumentalen Dichte KlĂ€nge, die sich nicht nur auf ihre Frontstimme reduzieren lassen. Das neue Album ergibt ein passendes Ganzes, das sich mit StĂŒcken wie „Walking Lightly“ und den veröffentlichten Singles zu einer wundervollen, atmosphĂ€rischen Platte steigert.
Das ByteFM Album der Woche.
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The Knife – „Shaking The Habitual“
08.04.2013 von Luise Vörkel
VĂ: 5. April 2013
Web: theknife.net
Label: Rabid
The Knife sind zurĂŒck und zwar mit gutem Grund. Dem Geschwisterpaar Karin und Olof Dreijer lag es fern, ohne konkretem Konzept an einem Nachfolger zu „Silent Shout“ zu arbeiten. Nachdem dieses 2006 erschienen war, widmeten sich die Bandmitglieder erst einmal anderen Projekten. Karin Dreijer wurde als Fever Ray bekannt, ihr Bruder machte unter dem Pseudonym Oni Ayhun Musik. Als es darum ging, sich wieder als The Knife zu betĂ€tigen, war es beiden wichtig, die Musik mit einer Message zu verbinden. Beide hatten sich mehr als zuvor mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen VorgĂ€ngen auseinandergesetzt und darĂŒber eine ganze Menge Unmut angesammelt. Dieser bildete die Grundlage fĂŒr „Shaking The Habitual“, was ĂŒbersetzt in etwa „an den Gewohnheiten rĂŒtteln“ bedeutet.
Gewohnheiten sind das, was The Knife Frustration bereiten. Die der anderen wie auch die eigenen. Deswegen können die musikalischen Strukturen auf dem aktuellen Album auf Fans der Band ĂŒberraschend wirken. Es gibt einige Instrumentals, zum Beispiel das nach Post-Apokalypse klingende „A Cherry On Top“ und „Crake“, bei dem ein hochgepitchtes Nebelhorn auf entrĂŒcktes Rascheln und Knarzen trifft. Ganze sechs Tracks sind lĂ€nger als acht Minuten und das heiĂt nicht, dass Raum fĂŒr Erholungsmomente gelassen wurde. Dieses Album versprĂŒht eine groĂe Unruhe und ein groĂes Unbehagen. So zum Beispiel das beklemmende „Wrap Your Arms Around Me“ oder das 10-minĂŒtige StĂŒck „Stay Out Here“, das nach dystopischem Techhouse klingt, den man definitiv nicht nach einer durchzechten Nacht hören sollte. Drumsamples werden von minimalistischen SynthieklĂ€ngen gejagt und von einem bedrohlich klingenden Duett ĂŒbertönt.
Es finden sich allerdings auch StĂŒcke auf „Shaking The Habitual“, bei denen man so etwas wie eine Liedstruktur erkennt. „A Tooth For An Eye“ eröffnet das Album und bietet AnknĂŒpfungspunkte zu „Silent Shout“. Es ist der Track, bei dem man sich am wenigsten fĂŒrchten muss, zu dem sogar mĂŒheloses Tanzen vorstellbar ist. MĂŒhelos werden auch gewohnte Bilder von Machtverteilung und MĂ€nnlichkeit im dazugehörigen Video auseinandergenommen. Ein junges MĂ€dchen betritt einen Sportsaal voller MĂ€nner, die allesamt Ă€lter sind als sie, und lĂ€sst sie nach ihrer Pfeife tanzen. An diese Struktur und Thematik schlieĂt „Ready To Lose“ an, das schon beim ersten Hören zugĂ€nglich klingt. Hier treffen verhĂ€ltnismĂ€Ăig wenige unterschiedliche Samples und Melodien aufeinander. Umso geladener sind die Lyrics. Karin Dreijers Stimme steht im Vordergrund und fragt: „Ready to lose a privilege?“ Das ist IntersektionalitĂ€tstheorie in Liedform.
Man muss allerdings genau hinhören, um etwas von der Dreijerâschen Gesellschaftskritik aufzunehmen. Die insgesamt 13 StĂŒcke sind aufgrund der komplexen Arrangements durchaus anspruchsvoll, doch „Shaking The Habitual“ wurde nicht dafĂŒr gemacht, in sozialwissenschaftlichen Seminaren auseinandergenommen zu werden, obwohl das eine reizvolle Vorstellung ist. Hier möchte man nicht nur aufgrund der Texte, sondern vor allem wegen der abenteuerlichen Schichtungen handgemachter KlĂ€nge zuhören. Viele der StĂŒcke sind aus Improvisationen der Geschwister hervorgegangen. Field Recordings fanden ebenso Verwendung wie eine Zither, die gleichzeitig gespielt und gestimmt wurde. Diese vielen einzelnen Frequenzen haben The Knife auf bemerkenswerte Weise zu einem Ganzen gefĂŒgt. Aus ihrem dekonstruktivistischen Ansatz ist ein Album entstanden, das irritiert, aber eben auch Neugier weckt. Und diese lĂ€sst einen dann doch bis zum Schluss an „Shaking The Habitual“ dranbleiben.
Das ByteFM Album der Woche.
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Kurt Vile – „Wakin On A Pretty Daze“
01.04.2013 von Nils Rabe
VĂ: 5. April 2013
Web: kurtvile.com
Label: Matador
Mit seinem nunmehr fĂŒnften Soloalbum entwickelt sich Kurt Vile langsam zu einem bedeutenden Gitarristen und Songwriter seiner Generation. Diesen Status unterstreicht er mit „Wakin On A Pretty Daze“ – einem knapp 70-minĂŒtigen Manifest, irgendwo zwischen Lou Reed, Bruce Springsteen, Bob Dylan und Nick Drake.
Bereits beim ersten Durchlauf stellt sich die Frage, was Kurt Vile nicht fĂŒr eine groĂe Sehnsucht haben muss. Sein Wohnsitz Philadelphia liegt an der amerikanischen OstkĂŒste und ist dort die zweitgröĂte Stadt neben New York City. Trotzdem klingen die ausufernden Songs nach zeitlosen Stunden und Reisen im lĂ€ndlichen Kern des Landes, tausende Kilometer weit entfernt. Am anderen Ende des Kontinents, an der WestkĂŒste, schlug in San Francisco Mark Kozelek mit seiner Band Sun Kil Moon vor einigen Jahren einen Ă€hnlichen Weg ein. Zwar wesentlich folkiger als hier, aber ebenfalls voll von weichen, ĂŒberlangen Songs im Geiste amerikanischer Traditionsmusik. Gerne wird Kurt Vile mit den Tom Pettys und Bruce Springsteens dieser Welt verglichen. Auch sein Lou-Reed-artiges Genuschel manifestiert diesen heroischen Vergleich und huldigt damit auf sehr sympathische Art und Weise seinen groĂen Vorbildern. Vile ist damit zwar kein Erfinder, aber ein guter SchĂŒler. Er vermag es, den Sound der alten MĂ€nner in die Zeitlosigkeit zu ĂŒbertragen, den Ballast der Geschichte abzuwerfen und seine eigene, kleine Nische zu finden.
Jedes der elf Kleinode startet mit einem warmen, sĂŒĂlichen Rhythmus, der bis zum Ende anhĂ€lt. Damit könnte man Viles Kompositionen Monotonie vorwerfen, so sehr Ă€hneln sich die einzelnen Songs. Allerdings wird mit jedem weiteren Durchlauf offenbarer, wie geschickt und komplex Kurt Vile hier auf kleiner Spur arrangiert: Sas scheinbar einfach und zum gröĂten Teil akustisch gehaltene Album mit psychedelischen EinflĂŒssen oder auch verlangsamten Dream-Pop-Elementen legt mit anhaltender Dauer seinen Fokus auf traditionellen Folk und Blues. Auch (bewusst) verwischte Country-Anleihen lassen sich im SoundgefĂŒge entziffern. Das spannendste Element von „Wakin On A Pretty Daze“ liegt aber darin, dass seine Kompositionen in ein Aquarium getaucht zu sein scheinen. Die offensichtliche EingĂ€ngigkeit wird anhaltend verwischt und neu geordnet – ein Wechselspiel zwischen SimplizitĂ€t und SubtilitĂ€t. Durch diese innere Spannung fĂŒhlt man sich gleichzeitig im Hier und Jetzt daheim und im selben Moment woanders, wie in einem Tagtraum.
„Wakin On A Pretty Daze“ ist ein zeitloser Klassiker, unbeschwert und erwachsen. Er schlĂ€gt elegant die BrĂŒcke zwischen dem Sound von alten Vorbildern und modernen Arrangements. Die Verehrung fĂŒr Bruce Springsteen wird auch im aktuellen Video zur ersten Single „Wakin On A Pretty Day“ deutlich. Es zeigt dort den spröden wie herzlichen Charme von Kurt Viles Heimatstadt Philadelphia und steht damit in der Tradition des Springsteen-Klassikers „Streets Of Philadelphia“. Auch deshalb ist es logisch, dass der berĂŒhmte Streetart-KĂŒnstler Stephen Powers das Cover zum neuem Album entworfen hat. Dies entstand an einer Hauswand in Philadelphia und soll auch bald WĂ€nde in London, Los Angeles und New York bildgewaltig zieren – eine Ehre, die diesem zukĂŒnftigen Indie-Klassiker mehr als gebĂŒhrt.
Das ByteFM Album der Woche.
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Bonobo – „The North Borders“
25.03.2013 von Philipp Weichenrieder
VĂ: 29. MĂ€rz 2013
Web: bonobomusic.com
Label: Ninja Tune
Der Track „Cirrus“ schlug Ende Januar hohe Wellen. Der Vorbote zu Bonobos fĂŒnftem Album „The North Borders“ ĂŒberraschte unter anderem wegen der vergleichsweise ungewöhnlichen Gestaltung im House-Gewand mit einer im Viervierteltakt stampfenden Bassdrum. Nun kommt Simon Greens neues Werk heraus, womit sich der Brite auch auf neues Terrain wagt.
Galt Bonobo zu Anfang seiner Karriere um das Jahr 2000 aufgrund seiner Arbeit mit langsamen Broken Beats und Samples aus Soul, Jazz und Rare Grooves als Downbeat-Pionier, so war er 2010 mit seinem Album „Black Sands“ zu einem Produzenten gereift, der sich offen fĂŒr EinflĂŒsse aus Clubmusik zeigte und Elemente aus UK-Garage oder Dubstep in seine Tracks integrierte. Neben rhythmischen Anlehnungen nutzte er auch Synths und elektronische BĂ€sse und verwob sie mit akustisch klingenden Elementen und zunehmend selbst eingespielten Melodielinien. Gleichzeitig erfuhr Bonobos Musik durch die Vielseitigkeit der Beats eine gefĂŒhlte Beschleunigung, die bei „The North Borders“ in einer AnnĂ€herung an gegenwĂ€rtige Clubmusik kulminiert.
Mit dem Album ĂŒbertritt der Wahl-New-Yorker souverĂ€n die Grenze zu tanzbarer Musik, ohne bemĂŒht zu wirken oder den Anschein zu wecken, zwanghaft clubtaugliche Tracks produzieren zu wollen. Green stellt bei seinem neuesten Werk seinen charakteristisch warmen Klang gleichwertig neben neue Rhythmusstrukturen. Das tut seiner Musik gut, die statt der Langsamkeit die Schnelligkeit entdeckt und bei der aus dem Kontrast aus kraftvollen Beats und Melodien von Synthesizern, Streichern oder Harfen eine hohe klangliche Dichte entsteht.
Bonobo gelingt es mithilfe geschickter Arrangements, Emotionen hervorzurufen, die nie ins Extreme abdriften. Dem glasig-klackenden Garage-Beat von „Emkay“ wird ein warmer, aber kraftvoller Bass zur Seite gestellt, Streicher und Vocal-Samples harmonieren hervorragend mit der Rhythmusgruppe. Bonobo kombiniert wie bei „Donât Wait“ immer wieder House-Beats mit harmonischer Dichte, sodass die Tracks weder ausschlieĂlich im Club noch nur im Wohnzimmer zu Hause sind. Am forderndsten ist „Know You“, das mit seinem schnellen 2-Step-Beat und fast brutalem Bass die gröĂte NĂ€he zu funktionaler Clubmusik zeigt. So schwellen die Spuren langsam an, bis es in der Mitte des Tracks zum Ausbruch kommt und nur noch die sehnenden Vocal-Samples, und der gallopierende Beat mit brachialer Bassdrum ĂŒbrig bleibt.
Wie bei seinen letzten Alben lud Bonobo auch fĂŒr sein neuestes Werk GastsĂ€nger und -sĂ€ngerinnen ein. Eine davon ist Szjerdene, deren Stimme sowohl „Transits“ als auch „Towers“ bereichert. Neben der Schwedin Cornelia, die mit ihrer sanften Stimme den schönen und entspannten Abschlusstrack „Pieces“ schmĂŒckt, hat Green auch mit bekannteren Namen wie Grey Reverend und Erykah Badu zusammengearbeitet. Ersterer ist auch als L.D. Brown und Mitglied des erweiterten Kreises des Cinematic Orchestra bekannt und erhöht noch den Ohrwurmcharakter des EröffnungsstĂŒckes „First Fires“. Die Zusammenarbeit mit der Nu-Soul-KoryphĂ€e Badu mĂŒndet in „Heaven For The Sinner“, das eine desto stĂ€rkere Wirkung entfaltet, je öfter man es hört.
Bonobo findet auf „The North Borders“ sowohl die Balance zwischen InstumentalstĂŒcken und Vocaltracks als auch zwischen Wohnzimmer und Club und erzĂ€hlt eine Geschichte, die ihren roten Faden in der authentischen EmotionalitĂ€t hat, die weit entfernt von Kitsch liegt.
Das ByteFM Album der Woche.
In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir tĂ€glich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.
Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir fĂŒnf Vinyl-Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Bonobo“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.
Label: Ninja Tune | Kaufen
DJ Koze – „Amygdala“
18.03.2013 von Luise Vörkel
VĂ: 22. MĂ€rz 2013
Web: pamparecords.com
Label: Pampa
Acht Jahre sind vergangen, seit DJ Koze die Welt das letzte Mal mit einem Soloalbum bedacht hat. In diesen acht Jahren blieb Koze der Musik keineswegs fern. Aufgrund seiner vielen Projekte konnte man eher den Eindruck gewinnen, dass dieser Mann hinter das Geheimnis des Klonens gekommen ist. Mit International Pony hat er ein zweites Album gemacht, unter dem Namen Adolf Noise eigene Musik veröffentlicht, einen debilen Spruch von Gunter Gabriel in einen Kulttrack verwandelt, das Label Pampa Records gegrĂŒndet und unzĂ€hlige Remixe angefertigt â unter anderem fĂŒr die lebende Legende Matthew Herbert.
Jetzt kommt sein zweites Album mit eigenen Tracks: „Amygdala“. Der Name verweist weder auf einen Schmuckstein noch auf einen Urlaubsort am Mittelmeer. Koze geht dorthin, wo es wehtut: ins Hirn: Als Teil des limbischen Systems beschĂ€ftigt sich der Amygdala-Kern mit der Entstehung von Emotionen und Trieben. Er ist vor allem dazu da, uns an Situationen zu erinnern, in denen wir Angst empfunden haben. Wie passend, dass das Label Kompakt im Pressetext zu Kozes Album „Kosi Comes Around“ 2005 schrieb: „Angst ist immer berechtigt. Wer die Angst nicht kennt, kann sie auch nicht bekĂ€mpfen. Koze ist Angst-Experte. Und das macht ihn zur schlagkrĂ€ftigsten Ein-Mann-Armee seit John Rambo.“
In diesem Sinne funktioniert auch „Amygdala“. Beklemmungen und Stress, Ade! Her mit den groĂen GefĂŒhlen. Das Wort ist âLoveâ. Ein langgezogenes âLoveâ, wie man es Dirk von Lowtzow auf Track Nummer 5 singen hört. Sein Gesang wird mit einem Fetzen aus Marvin Gayes âLetâs Get It Onâ versetzt. âWeâre all sensitive people with so much to giveâ. DJ Koze hat sieben KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler zum Mitmachen eingeladen. ZusĂ€tzlich verwendet er in alter Remix-Manier eine Vielfalt von Samples. Diese werden ebenso wie die Gesangsspuren der GĂ€ste zerstĂŒckelt, verzerrt und neu zusammengesetzt.
So zum Beispiel in âDonât Lose My Mindâ und âAmygdalaâ. Diese beiden Songs wirken wie zwei Teile eines Ganzen. In Ersterem treffen Vocal-Ausschnitte auf schnippende Finger, einen sanften Bass und warme Tonfolgen, die scheinbar einer Gitarre entspringen. Der Titeltrack fĂŒhrt diese Stimmung dann mit einem soul-reichen Gesangssample und einer hellen, unaufdringlichen Synthie-Melodie weiter. Wie gemacht fĂŒr die selige After-Hour im Halbschatten. In gleicher Manier das vorab veröffentlichte âTrack ID Anyone?â, bei dem wohliges Geplucker auf die Stimme von Caribous Dan Snaith trifft.
Tanzmusik gibt es auf âAmygdalaâ natĂŒrlich auch. Zum Beispiel in âMy Plansâ, eine der zwei Kollaborationen mit Matthew Dear. Oder in âMarylin Whirlwindâ. Hier teilt der Synthie Ă€uĂerst angenehme Töne aus, die sich nach und nach gegen den Stakkato-Beat durchsetzen, den Koze durch einen Verzerrer jagt.
Trotz aller Vielschichtigkeit, aller Verdrehungen und geschickt eingesetzten klanglichen Verhaspelungen klingt Kozes zweites Album homogen. Da ist das StĂŒck Northern Soul, das mit einem Zwischenstopp bei Phats & Small von 1973 ins Jahr 2013 gereist und im Track âMagic Boyâ gelandet ist, ebenso zur richtigen Zeit am richtigen Ort wie die Stimme von Hildegard Knef, die von der Bassdrum sanft durch âIch Schreib Dir Ein Buchâ getragen wird. Zur Beruhigung all jener, die sich âAmygdalaâ zu GemĂŒte fĂŒhren wollen und Risiken und Nebenwirkungen befĂŒrchten, wollen wir festhalten, dass Maestro Koze ausgesprochen verantwortungsbewusst mit unseren Ăngsten umgeht. Er blendet sie einfach aus und gibt uns 13 Tracks an die Hand, mit denen sowohl Tage als auch NĂ€chte ein ganzes StĂŒck geschmeidiger werden.
Das ByteFM Album der Woche.
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