Neue Platten: Mount Kimbie – „Cold Spring Fault Less Youth“

Mount Kimbie - Cold Spring Fault Less Youth (Warp)Mount Kimbie – „Cold Spring Fault Less Youth“ (Warp)

9,0

Mount Kimbie – so könnte gut und gern eine farbenfrohe Welt mit nur bedingt fiesen Gegnern in Super Mario heißen. Die Musik von Dom Maker und Kai Campos weist zwar wenige Parallelen zu den Midi-KlĂ€ngen des Spieles auf, hat aber einen Ă€hnlich hohen Sympathiefaktor wie der italienische Klempner. Dennoch rĂŒhrt der Name ihrer Band woandersher. Zu diesem wurden die beiden Briten durch ein Lied von Nick Drake („Kimbie“) und ein Album der Microphones („Mount Eerie“) inspiriert. Von Musikern also, die mit klassischem beziehungsweise Lo-Fi-Folk verbunden werden.

Diese EinflĂŒsse finden sich strukturell auch in den Songs von Mount Kimbie wieder. Die Band wurde das ein oder andere Mal, wie auch ihr guter Freund James Blake, mit dem Label Post-Dubstep besehen. Der Begriff ist nicht genau definiert. Man könnte sagen, dass Post-Dubstep Elemente vom namengebenden Genre aufnimmt, beispielsweise Broken Beats und rhythmisch zerfaserte BĂ€sse, aber dabei nicht nach Dance Music klingt.

Die Songs auf „Cold Spring Fault Less Youth“ passen gut in dieses Schema. Auf einer TanzflĂ€che kann man sie sich schwer vorstellen, dafĂŒr umso besser als Untermalung in ruhigen RĂ€umen, seien sie privat oder öffentlich. Das Album besitzt viele helle KlĂ€nge, wenig AbgrĂŒndiges. Hier und da klingt eine Spur mal nach Field Recordings aus einer leeren Fabrik („Sullen Ground“), doch dann tönt im nĂ€chsten Moment eine offene Synthie-Melodie auf, die die Aufmerksamkeit an sich reißt („Slow“). Warmes Gepluckere hört man auf vielen der Tracks, besonders angenehm klingt das bei „Home Recording“, dem ersten StĂŒck, oder bei „So Many Times, So Many Ways“, auf dessen Bass-Spur Indie-Rock-Bands von London bis Los Angeles neidisch sein werden.

Das hat schon Pop-QualitĂ€ten, mehr als Mount Kimbies DebĂŒt „Crooks & Lovers“. Zwar sind die Strukturen der StĂŒcke auf „Cold Spring Fault Less Youth“ komplex, doch sie wirken nie zerfasert. Es gibt irritierende Momente („Lie Near“), aber keine großflĂ€chige Verwirrung. Und: Stimmen nehmen eine bestimmende Rolle auf dem Album ein. Sogar die lakonischen Rap-Parts von Jungspund King Krule, die er fĂŒr „You Took Your Time“ und „Meter, Pale, Tone“ aufgenommen hat, gehen teilweise in Gesang ĂŒber. Die zwei Songs stechen dank dem Gastbeitrag besonders hervor und geben dem Album ein paar Ecken mehr.

Mount Kimbie meinen in Interviews zwar, dass sie keinen bestimmten Sound im Sinn haben, wenn sie gemeinsam an Tracks basteln, doch es ist schwer zu leugnen, dass ihr zweites Album ganz wunderbar an die Machart von „Crooks & Lovers“ anknĂŒpft. Auf „Cold Spring Fault Less Youth“ verbinden Dom Maker und Kai Campos elektronische Musik Ă€ußerst geschickt mit Popstrukturen und schaffen damit vielschichtige, aber eingĂ€ngige Songs mit hoher Halbwertszeit.

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Scout Niblett – „It’s Up To Emma“

20.05.2013 von  

Scout Niblett - It's Up To EmmaVÖ: 24. Mai 2013
Web: scoutniblett.com
Label: Drag City

Wenn eine KĂŒnstlerin ihr neues Album mit den Zeilen „I think I‘m gonna buy me a gun, a nice little silver one / And in a crowd someday, you won‘t see it comin‘ anyway“ beginnt, kann man davon ausgehen, dass man es mit einer Platte der ernsteren Sorte zu tun haben wird. Doch mit genau diesen Worten verliert Scout Niblett sich in „Gun“ in von Eifersucht motivierten MordplĂ€nen an einem verflossenen Liebhaber. Ohne Umschweife ist damit das Thema von „It‘s Up To Emma“ klar: Das Album ist eine Auseinandersetzung mit allen Aspekten der gescheiterten Liebe.

Emma „Scout“ Nibletts Vorliebe fĂŒr minimalistische Arrangements wirkt dabei auf „It‘s Up To Emma“ noch songdienlicher als zuvor: Selten werden die Titel von mehr als einer dreckig angezerrten Gitarre und Drums begleitet; von Zeit zu Zeit mischen sich brĂŒchige Streicher in die Arrangements. Diese Reduktion lĂ€sst Nibletts starke Stimme uneingeschrĂ€nkt im Vordergrund stehen und schafft so Raum fĂŒr ihren facettenreichen Gesang, der in kĂŒrzester Zeit vom leisem Flehen in energisches Schreien ĂŒbergehen kann. Ihre Texte wirken wie ein Nachruf auf – mal vor lĂ€ngerer Zeit, mal gerade erst – beendete Beziehungen, in den sich alle dazugehörigen GefĂŒhle mischen.

Das Hin- und Hergeworfensein zwischen Emotionen wie Wut und Trotz, Eifersucht, Sehnsucht, Hoffnung und schließlich auch Akzeptanz ist der zentrale Topos des Albums. Selbst ein zerbrechliches Cover des TLC-Klassikers „No Scrubs“, das Niblett im Duett mit Emil Amos eingesungen hat, fĂŒgt sich in seinem Wunsch nach Alleinsein und mit seinem lakonischen Gesang nahtlos ins Narrativ der Platte ein. Die Songs sind subjektiv, fast schon egozentrisch: Die Darstellung von Situationen nimmt ausschließlich die Ich-Position ein; aus dieser Perspektive werden Geschehnisse und GefĂŒhle in den Songs geschildert. Das, und vor allem der Inhalt der Songs, macht „It’s Up To Emma“ sehr persönlich. Die Texte lassen spĂŒren, dass es sich hĂ€ufig um die Verarbeitung tatsĂ€chlicher Erlebnisse handelt, die hier Inspiration war.

In vielerlei Hinsicht ist „It’s Up To Emma“ ein nacktes, sehr intimes Album. Dass Emma Niblett ihren bĂŒrgerlichen Vornamen in den Titel nimmt, ist ein erstes Anzeichen dafĂŒr: Hier gibt es keine KĂŒnstlerpersönlichkeit, keine Fassade, um sich dahinter zu verstecken. Das Gleiche gilt fĂŒr die brĂŒchigen Arrangements und aufrichtigen Texte, die ihre Wirkung von der Mischung aus Identifikationspotential und beobachtender Faszination ziehen. Dass sie in Handschrift im Booklet notiert sind, unterstreicht nur noch mehr, was fĂŒr einen tiefen Einblick man in die Persönlichkeit Nibletts zu haben scheint. Diese nahezu uneingeschrĂ€nkte Offenheit und die ehrliche Darbietung verleihen „It’s Up To Emma“ seine IntensitĂ€t.

Das ByteFM Album der Woche.

In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir tĂ€glich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Scout Niblett“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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Wampire – „Curiosity“

13.05.2013 von  

Wampire - CuriosityVÖ: 17. Mai 2013
Web: wampiremusic.com
Label: Polyvinyl

In Klamotten, die wohl auch der grĂ¶ĂŸte FlohmarktjĂŒnger bestenfalls als KuriositĂ€t durchgehen lassen wĂŒrde, mit gelben Augen und blaugeschminkten Lippen prĂ€sentieren sich Rocky Tinder und Eric Phipps auf dem Cover des Debutalbums ihres Projekts Wampire. Umgeben von einem bunten Strudel aus Farben und Sternen lĂ€sst das Bild zusammen mit dem kuriosen Make-Up den Eindruck aufkommen, man könnte es mit dem Plakat fĂŒr eine neue Crossover-Fernsehserie zu tun haben: Magnum meets Star Trek.

Wem diese Kombination gar zu absurd vorkommt, sollte Wampires Musik kennenlernen, denn auch dort vereinen Wampire so einiges an GegensĂ€tzen. Aus der Musikszene von Portland, aus der Bands wie STRFKR und Unknown Mortal Orchestra hervorgegangen sind, stammend, wurde das Duo vom Label Polyvinyl gesigned, um das Album „Curiosity“ aufzunehmen. Produiziert wurde die Platte dabei von niemand geringerem als Jacob Portrait vom Unknown Mortal Orchestra. Mit diversen Song- und Soundfragmenten im GepĂ€ck zogen Wampire ins Studio, wo sie diese assoziativ und hĂ€ufig improvisiert zusammen mit Portrait zu Songs zusammensetzten. Diese freie Arbeitsweise spĂŒrt man auch beim Hören, denn entstanden ist dabei ein Album, das verschiedenste stilistische EinflĂŒsse der letzten 50 Jahre Musikgeschichte in sich vereint.

Die im MĂ€rz veröffentlichte erste Single „The Hearse“, die das Album eröffnet, vereint Analogsynths, Farfisa-Orgel und Gitarren zu einer schimmernden Rocknummer, die sich in der Mitte mit einem sphĂ€rischen Break selbst unterbricht, um schließlich wieder in einen treibenden Rhythmus auszubrechen. Dass die B-Seite der Single ein Cover von Kraftwerks „Das Modell“ (in vorzeigbarem Deutsch!) ist, liefert einen Vorgeschmack auf die unterschiedlichsten musikalischen EinflĂŒsse, die Wampire in ihren Songs verarbeiten. Der folgende Titel „Orchards“ prĂ€sentiert sich mit sanften Gitarrenarpeggien, gepfiffenen Melodien und sehnsuchtsvollem „Laa-Laa“-Refrain wie der Soundtrack zu einem Retro-Western. „Giants“ lĂ€sst Surfrock-Stimmung aufkommen, den Tracks „Trains“ beschreibt die Band selbst als „Motown meets Strokes“. Andernorts scheint Jean Michel Jarre auf Franz Ferdinand zu treffen. Immer wieder sind es Synthesizer mit 70er-Jahre-Einschlag und jaulende Orgeln, von denen die Songs zusammengehalten werden.

Auf den ersten Blick mag das Album zunĂ€chst wie eine schlichte Collage aus Retro-Pop erscheinen. Dahinter steht jedoch mehr, denn trotz aller Genrezitate schaffen Wampire es, ihre zahlreichen Inspirationen geschickt miteinander zu einem eigenen Stil zu verbinden. Das macht „Curiosity“ zu einem Schmelztiegel aus EinflĂŒssen, denen das Duo seinen eigenen Stempel aufdrĂŒckt und der von genau diesem VerhĂ€ltnis zwischen Zitat und eigener musikalischer Aussage lebt.

Das ByteFM Album der Woche.

In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir tĂ€glich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Wampire“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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Neue Platten: Four Tet – „Rounds“

09.05.2013 von  

Four Tet - Rounds (Domino)Four Tet – „Rounds“ (Domino)

8,8

Kieran Hebden aka Four Tet ist Poesie fĂŒr die Ohren. Über Four Tet zu schreiben, seine Musik gar definieren zu wollen, heißt, sie in Ketten zu legen, sie in der Tinte der Worte ertrinken zu lassen. Es ist dennoch einen Versuch wert, sich dem musikalischen Genie mit Worten zu nĂ€hern.

Im Jahre 2003 veröffentlichte der KĂŒnstler sein drittes und episches Album „Rounds“, mit welchem ihm der Durchbruch gelang. Die Presse ĂŒberschlug sich mit Lobpreisungen und fĂŒhrte so zu dem SchlĂŒsselmoment in Hebdens junger Musikkarriere. Zehn Jahre spĂ€ter veröffentlicht er nun selbiges Album erneut auf Domino. Als zusĂ€tzliches Bonbon gibt es eine CD mit einer Aufnahme einer Show in Kopenhagen um 2003.

„Rounds“ ist, wie der Titel schon preisgibt, eine runde Sache. Hebden erschafft durch ZusammenfĂŒgen vieler Einzelteile ein Gesamtkunstwerk. Wir lauschen einem rhythmischen Fluß, der uns behutsam und ohne Eile in den Bann zieht. Ohne Hektik bewegen wir uns durch teils fließende, mal stockende Töne. Dabei konstruiert Four Tet eine Komposition, in der wir auf melodische KlĂ€nge, aber auch Ă€chzende, krĂ€chzende, knisternde und knatternde GerĂ€usche treffen. Es entsteht ein Sound, der beim ersten Hören vielleicht abstĂ¶ĂŸt, zugleich aber auf wundersame Weise stimuliert und fesselt. Wie das Leben ist Four Tet verwirrend und manchmal, in einem anderen Moment, erkennen wir uns selbst in seiner Musik und alles ergibt einen Sinn. Er vereint, was scheinbar nicht zu vereinen ist, und schafft eine Harmonie. „Rounds“ ist ein Album zum TrĂ€umen, zum Sich-in-der-Zeit-verlieren, aber auch zum Erwachen und Sich-Wiederfinden.

Die Musik entdeckte Kieran Hebden bereits in seiner Zeit an der Elliott School in London fĂŒr sich. Das verwundert nicht, gingen doch von dieser Schule andere große Talente wie Burial und The xx ab. Zu seiner Schulzeit war Hebden noch Mitglied der Band Fridge, die er mit zwei seiner Klassenkameraden grĂŒndete. Hebden war 15 Jahre alt, als er mit Fridge seinen ersten Vertrag unterzeichnete.

SpĂ€ter hat sich Hebden in seiner Musikkarriere als Four Tet neu erfunden. Wer ihn kennt, weiß, dass jede einzelne Platte von neuen EinflĂŒssen bestimmt ist. Stillstand ist fĂŒr den jungen KĂŒnstler ein Fremdwort. Wirkten auf dem ersten Album „Dialogue“ (1999) noch wesentliche EinflĂŒssen des Free Jazz gepaart mit vielen HipHop-Drum-Lines auf ihn ein, so war das zweite Album „Pause“ (2001) inspiriert von American R ’n’ B, Garage und 2-Step. Heute tourt Four Tet hĂ€ufig als DJ durch Clubs und spielt dabei tanzbare Sounds. Zuletzt erschien sein Album „0181″ (2013), eine Kompilation bisher nicht veröffentlichter Songs aus den Jahren 1997 bis 2001. Es scheint, als wolle der KĂŒnstler zurĂŒck zu seinen Wurzeln, seinen ersten Erfolgen. Es ist ein „ZurĂŒck“, das seine Fans begrĂŒĂŸen. Four Tets StĂ€rke liegt in der den KlĂ€ngen mitschwingenden EmotionalitĂ€t, in dem Spiel mit den unerwarteten GerĂ€uschen und der stimmungsgeladenen AtmosphĂ€re.

Kieran Hebdens treuestes Instrument ist sein Computer. Einzig mithilfe seines DAT-Rekorders und der Hi-Fi-Anlage nahm er viele seiner Alben in seiner Wohnung in London auf. Das Ergebnis sind experimentelle Sounds, mit welchen die Hörer auf eine Reise in ihr Innerstes geschickt werden. Four Tets Klang ist einzigartig. Er folgt keinem Muster und doch erkennt man stets seinen eigenen Sound. Dieser KĂŒnstler ist ein Freigeist, dessen Musik sich zwischen IntimitĂ€t und endloser Ferne bewegt.

Der Spannungsbogen bei „Rounds“ beginnt sogleich mit den ersten Tönen. Wer zunĂ€chst nur ein Rauschen hört, bemerkt spĂ€testens beim zweiten Hinhören eine weitere Komponente: einen schnellen Herzschlag. In einem Interview verriet der KĂŒnstler, dass der Beginn von „Hands“ tatsĂ€chlich aus der Aufnahme eines Herzschlags besteht, und zwar dem eines Hundes. Hebden scheut nicht davor uns schon zu Beginn mit einer KomplexitĂ€t zu konfrontieren, bei der eine Vielzahl von GerĂ€uschen und KlĂ€ngen auf uns einprasselt. Man tastet sich heran, Ton fĂŒr Ton. Versuchte man zunĂ€chst, die einzelnen Komponenten zu erfassen, geht es spĂ€ter vielmehr um das Gesamte, einer irren Klangwelt ohne Grenzen. Das Centrepiece bildet „Unspoken“. Drums, ein Tamburin und bizarre GerĂ€usche werden von einem Piano mit herzzerreißender Melodie begleitet. Es sind neuneinhalb Minuten der GlĂŒckseligkeit und des Schmerzes, ein StĂŒck, das Paradoxien zu vereinen weiß. Das Album endet mit dem Lied „Slow Jam“. Der Titel hĂ€lt, was er verspricht und lĂ€sst uns ruhig werden. Die HarfenklĂ€nge geben uns Zeit, aus den Tiefen des Albums aufzutauchen. Mit dem letzten Flimmern und Piepen erwachen wir. Und sogleich stellt sich das BedĂŒrfnis ein, den „Play“-Button erneut zu drĂŒcken und wieder in die fremde und doch so vertraute Welt von Four Tet einzutauchen.

„Rounds“ ist zeitlos. Selbst zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung haben die sanften und melodischen KlĂ€nge dieselbe Wirkung. Eingefleischte Four-Tet-Fans sind vermutlich schon im Besitz dieses großartigen Albums. Weil es aber ĂŒber diesen langen Zeitraum in Vergessenheit geraten sein könnte, ist eine Wiederveröffentlichung genau eines, und zwar allerhöchste Zeit. FĂŒr all diejenigen, die erst kĂŒrzlich auf ihn aufmerksam wurden, ist es die Möglichkeit auch Four Tets ruhigere Sounds fĂŒr sich zu entdecken. FĂŒr die alten Hasen ist es nicht nur ein netter, sondern auch nötiger Reminder.

Label: Domino | Kaufen

Neue Platten: Phoenix – „Bankrupt!“

06.05.2013 von  

Phoenix - Bankrupt! (Warner)Phoenix – „Bankrupt!“ (Warner)

6,0

Da ist es, das langersehnte fĂŒnfte Album der Franzosen von Phoenix. Ganze vier Jahre sind seit dem von Kritikern gefeierten VorgĂ€nger „Wolfgang Amadeus Phoenix“ vergangen und gespannt wartete die Musikwelt auf einen ebenso grandiosen Nachfolger. Im schlichten Pfirsichgewand steht die Platte jetzt endlich auch bei uns in den Verkaufsregalen und hat neben dem fragwĂŒrdigen Cover-Design eine ganze Menge Synthie-Pop zu bieten.

Nach der AnkĂŒndigung, „Bankrupt!“ kĂ€me eine ganze Ecke experimenteller daher als alles zuvor Gewesene, stieg die Spannung: Was zaubern die vier Musiker diesmal auf ihren TontrĂ€ger? Experimentell ist dabei wohl die neue Band-Policy: Synthies rauf, Gitarren runter. Thomas Mars, Christian Mazzalai, Laurent Brancowitz und Deck d’Arcy haben mit „Bankrupt!“ den „Wolfgang-Amadeus-Phoenix“-Kurs weiterverfolgt und erweitert.

Diverse asiatisch anmutende Song-Elemente und auffallend betonter Vintage-Synthie-Einsatz erinnern an den Pop der 80er-Jahre. Auf der ersten Singleauskopplung „Entertainment“ schlĂ€gt einem David Bowies „China Girl“ entgegen und auch sonst ist ein Großteil der Songs mit einem seltsamen orientalischen Gimmick bestĂŒckt worden, bei manchen funktioniert das allerdings besser als in „Entertainment“. So zum Beispiel in „The Real Thing“ und „Trying To Be Cool“. Auch der epische, melancholische und hauptsĂ€chlich instrumentale Song in der Album-Mitte fehlt nicht. Auf „It’s Never Been Like That“ war es „North“, „Wolfgang Amadeus Phoenix“ prĂ€sentierte ihn uns zweiteilig mit „Love Like A Sunset“ und auf „Bankrupt!“ trĂ€gt er als fĂŒnfter Track den Namen des Albums. TatsĂ€chlich schafft der Song am ehesten AtmosphĂ€re und weckt GefĂŒhl.

Gleich im darauffolgenden „Drakkar Noir“ wird allerdings wieder der orientalische Jingle laut und verscheucht den kleinen Emotionsanstoß. Dazu singt Thomas Mars euphorisch die Zeilen „[…] in the jangle jungle, jingle junkie, juggle juggle me […]“, wie passend. Bekanntermaßen setzen Phoenix ja gerne mal verrĂŒckt Wörter und SĂ€tze aneinander, die nicht immer Sinn ergeben, aber hier wird das dann doch etwas albern. Wenigstens passen die Wörter zur Melodie und machen damit aus „Drakkar Noir“ einen Pop-Song, der gute Laune verspricht, fĂŒr jene, denen die ausgefallene Synthie-Pop-Umsetzung gefĂ€llt. Der nĂ€chste, sehr gelungene Song „Chloroform“ lĂ€sst die Stimmung wieder etwas ruhiger und entspannter werden. Mit dem langsamen, stetigen Grundbeat hat er fast schon eine Art Zeitlupen-Charakter. Songpassagen wie „I don’t like it if you miss me, why would I long for you?“ und der Refrain „My love, my love, my love is – Cruel“ vervollstĂ€ndigen das melancholische Gesamtpaket. „Bourgeois“ ist ebenfalls ruhiger als der Rest des Albums und etwas melancholisch angehaucht, wĂ€hrend der darauffolgende und letzte Track „Oblique City“ wieder zum Tanzen einlĂ€dt. Ein guter Abschluss-Song fĂŒr die Platte.

Mit „Bankrupt!“ stellen Phoenix ein gut gemachtes und spezielles Album vor. Bei jedem Hören fĂ€llt einem wieder etwas Neues an den Songs auf. Insgesamt hĂ€tte man sich den asiatischen Jingle aber sparen können und auch der dominante Synthie-Einsatz wird bei einigen Songs anstrengend. Vielleicht hĂ€tten ein paar mehr GitarrenklĂ€nge „Bankrupt!“ besser gestanden.

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Bibio – „Silver Wilkinson“

06.05.2013 von  

Bibio - Silver WilkinsonVÖ: 10. Mai 2013
Web: mrbibio.tumblr.com
Label: Warp

Bereits im April veröffentlichte der englische Produzent Bibio, der mit bĂŒrgerlichem Namen Stephen Wilkinson heißt, den Orhwurm „À tout Ă  l’heure“ als Vorabsingle zum kommenden Album. Nun erscheint „Silver Wilkinson“, so der Titel der neuen LP, am 10. Mai und lĂ€dt ein, sich in hervorragendem Dreampop fallen zu lassen.

Schon der Opener „The First Daffodils“ setzt die Stimmung fĂŒr das Album: Eine sanfte Akustikgitarre und Synthie-Arpeggios weben zusammen mit warmen StreicherflĂ€chen ein schlichtes, aber charmantes Klanggeflecht. Dabei kommt der Track ganz ohne Gesang aus. Überhaupt ist „Silver Wilkinson“ Bibio-typisch kein Album der großen Worte. Gesang – wenn vorhanden – wird meist mehr als Klangfarbe verwendet denn als inhaltliches Medium. Meist sind die Vocals sehr zurĂŒckhaltend und nehmen nie zu viel Raum im Arrangement ein.

Umso mehr spielt das Album mit Klangelementen. Gekonnt vermischt Bibio elektronische wie akustische Soundtexturen so geschickt zu organischen Klangwelten, dass sich nur schwer ausmachen lĂ€sst, was da gerade warum so gut klingt. Immer ergeben Gitarren, E-Pianos, Samples und Synthesizer sowie der – wenn vorhanden – meist angenehm vom GeltungsbedĂŒrfnis befreite Gesang ein homogenes Ganzes. Obwohl die Songs aus einer Vielzahl von Schichten und Samples bestehen, ist da nie zu viel, nichts, was davon ablenkt, sich in der Musik zu verlieren. Von den tanzbaren Grooves des VorgĂ€ngers „Mind Bokeh“ ist nicht mehr viel zu spĂŒren. „Silver Wilkinson“ ist mehr ein Vorstoß in clevere Ambient-Sounds und das Erforschen filigraner Klangcollagen. Wirkte „Mind Bokeh“ stellenweise experimentell und verspielt, gleingt Bibio mit „Silver Wilkinson“ eine von Anfang bis Ende runde LP. Mehr denn je wirkt das Album als ein einziges zusammenhĂ€ngendes StĂŒck.

„Silver Wilkinson“ ist Musik in Pastellfarben, eine Klangreise in Welten, in denen alles harmonisch ist. Hier geht es um das Eintauchen in die Tiefen von Stephen Wilkinsons hervorragend produzierten Soundschichten, in denen man auch nach mehrmaligem Hören immer noch Neues entdeckt. Nach knapp 50 Minuten mit den letzten Tönen von „You Won’t Remember…“ in die RealitĂ€t entlassen, kommt man nicht umher, sich kurz die Augen zu reiben, denn Bibio ist mit „Silver Wilkinson“ ein Ă€ußerst stimmungsvolles Album gelungen, dem man die Leidenschaft zu KlĂ€ngen in jedem Track anmerkt.

Das ByteFM Album der Woche.

In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir tĂ€glich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.

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Label: Warp | Kaufen

Neue Platten: Deerhunter – „Monomania“

Deerhunter - Monomania (4AD)Deerhunter – „Monomania“ (4AD)

5,5

Was kann man von einem Album erwarten, an dessen Entstehung eine Nebelmaschine beteiligt war? Classic-Rock-Salven oder gar Stakkato-Techno? Nichts dergleichen gibt es auf „Monomania“ zu hören. Dennoch taucht solch ein GerĂ€t in den Credits des Albums auf, zustĂ€ndig dafĂŒr war SĂ€nger Bradford Cox. Womöglich hat er die Maschine dazu benutzt, die Sichtweite im Studio so weit zu verringern, dass die einzelnen Bandmitglieder nicht mehr sehen konnten, wie alles genau verkabelt war. Der Sound von „Monomania“ lĂ€sst das vermuten, auf jedem zweiten Track erklingt eine ĂŒbersteuerte Spur.

Deerhunter sind als Band bekannt, die harmoniereiche Songs gern mal in tiefste Tiefen fĂŒhrt und hĂŒbsch glĂ€nzende Melodien kurzum verdreht und zerhackt. Die sich aber auch nur einem der beiden Pole widmen kann. Ihr letztes Album „Halcyon Digest“ bewegte sich auf der helleren Seite und erinnerte an den leicht vertrackten Dream Pop von Bands wie Beach House oder Broadcast. Beim Hören von „Monomania“ beschleicht einen hingegen das GefĂŒhl, dass Deerhunter genug von all der Seichtheit haben, lieber Ärger und Klage vertonen wollen.

In der Tat könnte man denken, es handle sich hier um Musiker, die der jugendlichen Verzweiflung noch ganz nah sind. Die VerstĂ€rker röhren, die Gitarren kreischen und ĂŒber all dem liegt die eindringliche Stimme von Bradford Cox, einmal durchs Verzerrer-Pedal gejagt. Sein Gesang kann mal Ă€ußerst rotzig klingen („Dream Captain“) oder krĂ€chzend einen auf „Talking Blues“ machen („Pensacola“). Er kann aber auch ZurĂŒckhaltung. Deerhunter haben einige Lieder mit einer leichten Instrumentierung versehen, zum Beispiel „The Missing“ und „Nitebike“, doch als leichte Kost kann man auch die nicht beschreiben. Immer schwingt eine Prise Tristesse oder Anspannung auf „Monomania“ mit.

Leider hat das zur Folge, dass keiner der Albumtracks wirklich ausgetĂŒftelt ist. „Back To The Middle“ etwa – ein StĂŒck, das schon vorher zu hören war – schlĂ€gt stimmungstechnisch die BrĂŒcke zu Feelgood-Pop aus den 60ern, dĂŒmpelt dann aber doch nur zwischen harmonisch angeschlagen Gitarrensaiten herum. Und dreckig verzerrte Songs wie „Monomania“ oder „Leather Jacket II“ ĂŒberraschen Ohren, die sich ĂŒber die letzten Jahre an Noise Pop gewöhnt haben, auch nicht mehr wirklich.

Das Album kokettiert mit der Monotonie – kaum einer der zwölf Songs kommt ohne Rauschen, Zerren, Kreischen aus. Das funktioniert sicher gut im Jugendzimmer, verliert auf eine Dreiviertelstunde aber trotz einiger bezaubernder Melodien („The Missing“) seinen Reiz. Was Hoffnung bereitet: In Vorbereitung auf die Arbeit am neuen Album haben Deerhunter an die 600 Demos von Bradford Cox gesichtet. Es könnte also sein, dass sich die Band bei all den Auswahlmöglichkeiten einfach nur vergriffen hat und der nĂ€chste musikalische Wurf ein grĂ¶ĂŸerer wird.

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Ghostpoet – „Some Say I So I Say Light“

29.04.2013 von  

Ghostpoet - Some Say I So I Say LightVÖ: 3. Mai 2013
Web: ghostpoet.co.uk
Label: Play It Again Sam

Mit dem klangvoll betitelten „Peanut Butter Blues & Melancholy Jam“ stellte Obaro Ejimiwe alias Ghostpoet 2011 ein beeindruckend ausgereiftes Debutalbum vor. Gute zwei Jahre spĂ€ter erscheint nun seine zweite LP, die den Titel „Some Say I So I Say Light“ trĂ€gt.

Bereits im Februar veröffentlichte Ghostpoet die Vorabsingle „MSI musmiD“ als Download. Deren Text basiert laut Ejimiwe auf einem Traum, in dem Dim Sum und Nudeln befreundet sind und dennoch in Streit geraten – ein denkbar kurioses Thema fĂŒr einen Songtext. Dennoch zeigt sich darin wie Ghostpoet AlltĂ€gliches mit DĂŒsterem verbindet und Profanes in ein SpannungsverhĂ€ltnis mit Surrealem setzt. Ob es nun Konflikte zwischen Speisen sind, innere Stimmen, die einem beim Warten auf den Zug einholen, oder die BefĂŒrchtung, zu viel Geld beim Onlineshopping auszugeben: Immer wieder schafft Obaro Ejimiwe es, kleine Alltagssituationen mit einem dunklen, teilweise bedrohlichen Unwohlsein zu belegen.

Die in den Texten erzeugte AtmosphĂ€re spiegelt sich in der vielseitigen Musik wider. WĂ€hrend „Peanut Butter Blues & Melancholy Jam“ als Eigenproduktion im Schlafzimmer entstanden ist, hatte Ghostpoet fĂŒr sein neues Album Richard Formby als Produzenten im Studio zur Seite. Mit ihm sind Arrangements und Sounds entstanden, die mehr in die Tiefe gehen und beachtlichen Sinn fĂŒr Details haben. Stilistisch oszillieren Ghostpoets Songs irgendwo zwischen Hip-Hop, Trip-Hop und dem weiten Feld, das in Ermangelung eines besseren Begriffs meist als „Alternative“ bezeichnet wird. Dunkle Synthie-FlĂ€chen treffen auf industrielle Beats, wĂ€hrend hypnotische E-Piano-Patterns und fragile Drum-Fills entfernte Jazz-Assoziationen hervorrufen. GegenĂŒberstellung ist auch hier ein Thema in der Musik von Ghostpoet, beispielsweise wenn das als finstere Downtempo-Nummer beginnende „Comatose“ ohne Vorwarnung in 8-Bit Arpeggios mit Streichquartett im Hintergrund ausbricht. Im Opener „Cold Win“ sind es verfremdete BlĂ€serpassagen, die wie ein Wespenschwarm in den geradlinigen Songverlauf einfallen und ihn damit zu einem abrupten Ende bringen.

Über diesen vielseitigen Sounds schweben Ghostpoets Vocals zwischen Sprechgesang und Gesangsmelodien. Mal fester, mal zurĂŒckhaltender hat Obaro Ejimiwes Stimme stets etwas Zerbrechliches in sich, mit dem er seinem Alter Ego, dem „Geisterpoeten“, gerecht wird. Die Art, wie er mit brĂŒchiger Stimme die letzten Wortsilben abreißen lĂ€sst, gibt dem Gesang seine geisterhafte, ephemere QualitĂ€t, die die stets prĂ€sente Introspektion in Ghostpoets Musik betont. Sein zweites Album zelebriert dieses in sich versunken Sein und die Gedanken, die damit einhergehen. Diese facettenreich ausgedrĂŒckte Mitternachtsstimmung macht „Some Say I So I Say Light“ zum Album, das einlĂ€dt, an dieser Beochbachtung des Selbst teilzuhaben.

Das ByteFM Album der Woche.

In den ByteFM-Magazin-Sendungen spielen wir tĂ€glich Musik aus unserem Album der Woche. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland.

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Neue Platten: !!! – „Thr!!!er“

25.04.2013 von  

!!! - Thr!!!er (Warp)!!! – „Thr!!!er“ (Warp)

6,5

Es gibt wahrlich schon genug Bands, bei deren Namen man sich nie ganz sicher ist, wie sie denn nun ausgesprochen werden. Abwechslungsreich ist es da, wenn Musiker der Allgemeinheit einfach drei Ausrufezeichen entgegenwerfen und dem Hörer ĂŒberlassen, wie er oder sie das nun aussprechen möchte. !!! kann fĂŒr fast alles stehen, solange es drei wiederholte, einsilbige Laute ergibt. Wer sich also dem von der Band bevorzugtem „Chk Chk Chk“ widersetzen möchte, sage doch einfach „Bom Bom Bom“ oder „Tak Tak Tak“. Bei der Bandtaufe wurden die Jungs von den Untertiteln des Films „The Gods Must Be Crazy“ inspiriert, in denen Klick- und Schnalzlaute der afrikanischen Khoisan-Sprachen mit Ausrufezeichen dargestellt werden.

!!! fanden 1996 in Sacramento, Kalifornien, zusammen. Die Mitglieder stammten aus verschiedenen lokalen Bands wie The Yah Mos, Black Liquorice und Pope Smashers. Das gemeinsame Ziel war tanzbare oder tanzbarere Musik zu machen. Schnell wuchs die Ur-Besetzung auf acht Mitglieder an: Tyler Pope und Mario Andreoni an der Gitarre, Justin van der Volgen am Bass, Dan Gorman an der Trompete, Allan Wilson am Saxofon, John Pugh am Schlagzeug, Jason Racine an der Percussion und Nic Offer als Stimme von !!!. Von acht GrĂŒndungsmitgliedern spielen nur noch Offer, Andreoni, Gorman und Wilson bei Chk Chk Chk. BerĂŒhmt sind sie vor allem fĂŒr ihre dynamischen und tanzintensiven Live-Auftritte. Seit 1996 sind vier Alben der Dance-Punk-Crew erschienen, dieses Jahr folgt mit „Thr!!!er“ das fĂŒnfte.

UnterstĂŒtzung gab es beim neuen Studioalbum von Jim Eno, seines Zeichens Schlagzeuger bei Spoon. Er war es auch, der !!! dazu anhielt, von dem Versuch wegzukommen, ihre energiegeladenen Liveshows auf Platte manifestieren zu wollen. Die eingefahrene StudioatmosphĂ€re sollte aufgebrochen werden, stattdessen bitte mehr SpontaneitĂ€t, Experimentierfreude und Dynamik. Gleichzeitig wird sich mehr auf das Wesentliche konzentriert, alles ÜberflĂŒssige musste weg, textlich sowie instrumental. Gitarrist Andreoni sagt dazu: „Jim hat uns regelrecht dazu gezwungen, noch mehr auf den Punkt zu kommen.“ Zum ersten Mal gingen die Jungs mit einem Plan ins Studio, die Rohfassungen der Songs standen schon vor der Aufnahme. Eine Neuerung fĂŒr Chk Chk Chk; die ĂŒber mehrere US-Bundestaaten verteilte Band traf sich bei den letzten Alben erst im Studio und entwickelte die Song-Ideen dort bei gemeinsamen Jamsessions.

Man hört dem Album an, dass !!! ihren Sound verÀndern beziehungsweise erweitern wollten, Jim Eno hat ganze Arbeit geleistet, die Songs haben eine eingÀngige, schlichte Grundstruktur ohne viel Schnickschnack. Der funkige Disco-Sound bleibt erhalten und wirkt in der abgespeckten Version viel stringenter und durchdringender. Ob man will oder nicht, beim Hören der Platte fÀngt der Körper automatisch zu wippen an.

Der erste Track „Even When The Water’s Cold“ eröffnet das Album mit eingĂ€ngigem Indie-Sound und durchdringenden GitarrenklĂ€ngen. Im Gegensatz dazu steht die erste Single und das HerzstĂŒck von „Thr!!!er“: „Slyd“ hebt sich stark vom Rest des Albums ab. Ein guter, tanzbarer Clubsong, aber viel elektronischer als die restlichen acht Tracks und nicht reprĂ€sentativ fĂŒr das Album. Mit „One Girl/One Boy“ schaffen !!! mit weiblicher Vocal-UnterstĂŒtzung den perfekten Gute-Laune-Funk-Pop-Love-Song fĂŒr den Sommer. Der Song treibt sofort die Tanzbeine an, ist dabei aber fast schon wieder zu kitschig. Das wird mit dem darauffolgenden Track „Fine Fine Fine“ wieder ein wenig ausgeglichen: Die Stimmung des Songs ist dĂŒsterer, wozu wohl auch die tieferen Gesangparts von Offer und Cohen beitragen.

„Except Death“ ist die perfekte Mischung aus treibendem Elektro-Beat und Funk-Gitarre, beim Gesang holt sich Nic Offer wieder weibliche UnterstĂŒtzung, was dem Song die gewisse Power verleiht. Chk Chk Chk lassen „Thr!!!er“ mit „Station (Meet Me At The)“ ausklingen. Ein Indierock-Song der zusammen mit „Even When The Water’s Cold“ einen abgestimmten Rahmen fĂŒr das Album bildet, wĂ€hrend zwischen den beiden Tracks eine bunte Palette von Songs zusammengewĂŒrfelt ist.

Insgesamt ist „Thr!!!er“ ein tanzbares und abwechslungsreiches Album, das einem gute Laune macht und den Sommer herbeibeschwört. Besonders originell oder anspruchsvoll ist es dabei nicht, die KlĂ€nge gehen sofort ins Ohr, man braucht kein zweites Mal hinzuhören. Die Songs sind klar, auf den Punkt gebracht und erfĂŒllen ihren Zweck: Sie regen zum Tanzen und Feiern an.

Label: Warp | Kaufen

Neue Platten: Chuckamuck – „Jiles“

Chuckamuck - Jiles (Staatsakt)Chuckamuck – „Jiles“ (Staatsakt)

7,5

Mit ihrem zweiten Album macht die ehemalige SchĂŒlerband aus Berlin ein Versprechen, das sie schon mit ihrem DebĂŒt „Wild For Adventure“ gemacht hat. Es ist dasselbe, das gute Rockbands schon immer gemacht haben: das Versprechen von Jugend. „Der Jugend wird seit langem die Aufgabe zugewiesen, die Zukunft zu reprĂ€sentieren“, schreibt Jon Savage in seinem Buch „Teenage“. Und Chuckamuck verheißen fĂŒr die Zukunft Exzess, Konsum ohne Reue und Sommerferien fĂŒr immer. Die Welt ist voller Abenteuer, solange „Der Laden an der Ecke“ offen hat, und das MĂ€dchen, das man beim Trampen kennenlernt, ist sowieso interessanter als der Sitznachbar bei der nĂ€chsten Bahnfahrt.

In dem Song „Hitchhike“ heißt das romantische Jugend-Ideal Holland-Urlaub mit Bungalow, Achterbahnfahrt und Kinobesuch. In „Karl Egal“ ist es das GlĂŒck, genug weiche Drogen zu haben, dass auch wirklich alle dicht werden. „Hallo Wendy, trink mal Brandy, frag nicht Sandy, kein Martini, nimm den Whisky-y!“, heißt es da. Oder an anderer Stelle: „Hi, wir sind high, da kommt ein Hai durch den Raum geflogen – und alle sagen wow.“ Reim dich oder ich fress dich, und außerdem: scheiß drauf. Chuckamuck praktizieren sozusagen Anti-Könnertum in Reinkultur.

Hatte man es beim DebĂŒt noch mit Heldenverehrung auf dem Gebiet der Musik („Gestern traf ich Dan Tracey“) und der Schokoriegel („Mars Mandel“) zu tun, singen Chuckamuck nun ĂŒber die Protagonisten der Sci-Fi-Serie „Akte X“ und tragische Figuren wie „Bill McGrill“ und „Jeanie Reynolds“ (angeblich ist nicht die Soul-SĂ€ngerin gemeint). Musikalisch stehen noch immer die Black Lips und King Khan Pate. Zum Garagenrock gesellen sich indes Schrammel-Country, Dub- („War Was“) und Mariachi-EinflĂŒsse („Laufe Laufe“). Und Pankow wird zunehmend ein Teil von Atlanta, Georgia.

Das Versprechen, das Chuckamuck machen, ist ein Versprechen von Jugend als Zukunft und nicht als Vergangenheit. Die Jugend ist ein Club, du brauchst nur eine Menge Zigaretten und Bier, dann kannst du mitmachen. FĂŒr all diejenigen, die die Gitarre nicht selbst kaputtmachen wollen, wird das Ganze hier nochmal stellvertretend ausgelebt und das ist immerhin unterhaltsam.

Label: Staatsakt | Kaufen

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