Album der Woche: Die Sterne – „Flucht In Die Flucht“

01.09.2014 von  

Die Sterne - Flucht In Die FluchtVÖ: 29. August 2014
Web: diesterne.de
Label: Staatsakt

Welche Beschreibungen könnten dieser Band nur gerecht werden? Sie ist legendĂ€r ohne eingebildet zu wirken, innovativ ohne die eigenen UrsprĂŒnge zu vergessen und bestĂ€ndig ohne monoton zu sein. Die Sterne wirbeln seit 1992 auf den nationalen und internationalen BĂŒhnen umher, prĂ€gen maßgeblich den Begriff der Hamburger Schule und veröffentlichten jĂŒngst ihr zehntes Album. Und fĂŒr dieses JubilĂ€um kehrt das Trio wieder zurĂŒck zu einem gitarrenbetonten Sound, nachdem es beim 2010er Werk „24/7″ den Schwerpunkt auf Diskorhythmen und Synthies legte.

Produziert wurde „Flucht In Die Flucht“ von Olaf Opal, aufgenommen wurde in Bremen und Hamburg. Wer den Werdegang der Sterne kontinuierlich mitverfolgt, dĂŒrfte wissen, dass die Band auch ab und zu mit Keyboardern – Frank Will und Richard von der Schulenburg – als Quartett agierte. Aber wie schon beim VorgĂ€ngeralbum glĂ€nzen die Sterne auch beim aktuellen Werk zu dritt: Zum einen ist da SĂ€nger und Gitarrist Frank Spilker, der nebenbei auch seine eigene Sendung Frank-A-Delic (alle vier Wochen, donnerstags von 14 bis 15 Uhr) bei ByteFM moderiert. Des Weiteren sind da Schlagzeuger Christoph Leich und Bassist Thomas Wenzel, der seines Zeichens auch tĂ€tig ist bei den Goldenen Zitronen.

Psychedelische Klangwelten, Anleihen an die 60er und 70er und eine Menge funkiger Rhythmen und BasslĂ€ufe schlagen dem Hörer entgegen. „Es tönen die rĂŒckkoppelnden Gitarren in Ehrerweisung an Jimi Hendrix, AC/DC, Dinosaur Jr. bis zu den Butthole Surfers, man ist bewegt von der Funk- & Soul-Historie von Motown ĂŒber Funkadelic bis Sly & The Family Stone, pfeift eingĂ€ngige Folk- und Popmelodien von ‚Lola‘ bis ‚Bakerman‘, findet Gefallen am Swamp-Blues und schrĂ€gen Folk-Moritaten und schichtet alles auf- und durcheinander wie zu besten ‚Easter Everywhere‘-Zeiten.“ Und doch ist das zehnte Album des Hamburger Trios mehr als Reminiszenzen an andere KĂŒnstler, wie im Falle des vorangegangen Pressetextausschnittes. Die Sterne sind schlichtweg einzigartig. Und das zeigen sie auch noch – oder erst recht – mit Album Nummer zehn.

„Wie lange muss das Leben warten? Worauf soll man es verschieben? Wenn man es nur aus der Ferne kennt, wie soll man es dann leben?“, fragt Spilker im Opener „Wo Soll Ich Hingehen?“. Ein weiteres Highlight ist das grandios betitelte „Menschenverachtendverliebt“. Wie so oft ist auch hier ein Backgroundchor zu hören, bestehend aus jungen Hamburger Bands wie Zucker, Der BĂŒrgermeister Der Nacht und Schnipo Schranke. Generationen-VerstĂ€ndigung hat nie schöner geklungen. „Ihr Wollt Mich Töten“, ein Duett mit Alexander Hacke, Bassist der EinstĂŒrzenden Neubauten, erinnert an eine bittere Ballade aus Zeiten des Wilden Westens. Den „Innenstadt Illusionen“ erliegen die Sterne in einer Art sechsminĂŒtigem Mantra, ĂŒber dem eintönige Phrasen ĂŒber die Folgen von Gentrifizierung rezitiert werden: „Bezahlbare Wohnung in den gĂ€ngigen Vierteln gesucht. Nach der Renovierung werden die Preise kaum merklich steigen.“ Das zehnte Album der Sterne ist Vielfalt in jeglicher Hinsicht, angefangen bei der SonglĂ€nge (das kĂŒrzeste StĂŒck hat eine Spieldauer von 1:46 Minuten, das lĂ€ngste wie bereits erwĂ€hnt knapp sechs Minuten) ĂŒber die besungenen Themen bis hin zur Instrumentierung. „Hier kommt das Ende, wir haben alles versucht. Hier kommt die Wende, hier kommt die Flucht in die Flucht.“

Vor wenigen Tagen waren die Sterne bei uns zu Gast im Studio und haben zwei Songs aus ihrem neuen Album gespielt. Diese könnt Ihr hier nochmals anhören.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Die Sterne“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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Neue Platten: Sinkane – „Mean Love“

Cover des Albums Mean Love von SinkaneSinkane – „Mean Love“ (City Slang)

„My moon, je t’aime“. Den Mond zu lieben, ist gar keine so schlechte Idee. Denn im Gegensatz zu einem Menschen ist er in der Lage, allen erdenklichen Projektionen, mit denen wir geliebte Personen unwillkĂŒrlich ĂŒberfrachten, standzuhalten. Jeden Tag und jede Nacht schwebt er am selben Ort im Himmel, ĂŒber alle Zweifel erhaben und abhĂ€ngig höchstens vom Sonnensytem.

Kann man also nur hoffen, dass der „moon“, den Ahmed Gallab aka Sinkane auf seinem neuen Album „Mean Love“ im traumwandlerischen „Moonstruck“ besingt, auch wirklich der echte Mond ist.

Um die Ambivalenzen und schmerzhaften Wahrheiten von Liebe, vielleicht um die böse, die unerwiderte Liebe, drehen sich viele Songs auf dem neuen Werk des aus dem Sudan stammenden New Yorkers – so auch der Titeltrack „Mean Love“, in dem Gallab seine Kopfstimme, die von sarkastischen Country-Gitarren beantwortet wird, wohl am stĂ€rksten beansprucht.

WĂ€hrend sich viele Songs stilistisch unterscheiden, von „New Name“, ein AfrobeatstĂŒck inklusive bombastischen Fanfarenarrangements, ĂŒber den Retrofunk in „Yacha“ bis zu dem angerockten Soul in „How We Be“, werden alle Songs von Gallabs Falsettstimme zusammengehalten. Doch im Gegensatz zu seinen unĂŒberhörbaren Vorbildern wie Curtis Mayfield, bei dem diese Technik noch ein Zeichen dafĂŒr war, dass die SouverĂ€nitĂ€t verbaler Kommunikation sich in einem Übermaß von Euphorie entlĂ€dt, ist sie hier eher ein „Signet von Melancholie“ (Ueli Bernays).

Eine Melancholie allerdings, die von der weitgehend hoffnungsvollen AtmosphĂ€re der Musik gebrochen wird. In „Omdurman“, dem nach Gallabs Heimatstadt im Sudan benannten Song, versteckt sich der allgegenwĂ€rtige Weltschmerz unter schlagerartig-fröhlichen Melodien. Mit den Zeilen des Schlußrefrains: „Where, if I should settle down, will I finally settle?“ findet Sinkane dann auch die richtigen Worte fĂŒr eine frustrierte Generation junger Menschen, denen ihre Wurzeln abhandengekommen sind. „Mean Love“ ist eines dieser Alben, die mit dem mehrmaligen Hören immer besser werden. Bis man alle Zwischentöne unter der vermeintlich glatten OberflĂ€che entdeckt hat. Und auch wenn Sinkane es anders meinte, sich den Mond als Liebespartner zu wĂ€hlen, das ist nach wie vor eine tolle Idee.

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Album der Woche: Niels Frevert – „Paradies Der GefĂ€lschten Dinge“

25.08.2014 von  

Niels Frevert - Paradies Der GefĂ€lschten DingeVÖ: 22. August 2014
Web: nielsfrevert.net
Label: Grönland

Niels Frevert ist einer dieser Musiker, denen man endlos zuhören könnte. Sobald der letzte Song der Platte verklungen ist, zuckt die Hand automatisch zum Play-Button und erneut taucht man in den schillernden Klangkosmos ein. Die Stimme des Hamburgers zieht sofort in ihren Bann, es ist die perfekte Mischung aus rauen und zarten Nuancen. Obgleich der Zuschreibung „lĂ€ssig“ durch exzessiven Gebrauch inzwischen ein fader Beigeschmack innewohnt, passt sie zu Niels Frevert wie die Faust aufs Auge.

Als kreativer Kopf und SĂ€nger der 1991 gegrĂŒndeten Hamburger Band Nationalgalerie macht Niels Frevert erstmals auf sich aufmerksam. FĂŒnf Jahre und vier Alben spĂ€ter löst sich die Gruppe auf und Frevert startet seine Solokarriere mit dem 1997 erscheinenden, selbstbetitelten DebĂŒtalbum. „Paradies Der GefĂ€lschten Dinge“ ist sein inzwischen fĂŒnftes Album und im Vergleich zum VorgĂ€nger „Zettel Auf Dem Boden“ von 2011 hat sich einiges geĂ€ndert. So wechselt der Musiker zu Grönland Records, dem Label von Herbert Grönemeyer. Als Produzent wird Olsen Involtini angeheuert, dem sich in der Vergangenheit auch schon KĂŒnstler wie Peter Fox, Miss Platnum oder Casper anvertrauten. Wie das klingt? Orchestraler Pop ist wohl die beste Bezeichnung fĂŒr das, was Frevert und Involtini da im Studio erschaffen. Ruhige, zurĂŒckgenommene Klavierparts, opulente Streicherarrangements, detaillierte BlĂ€ser und erdige Akustikgitarren sind die Quintessenz des Albums: „Gehobener Mainstream“, wie Niels Frevert selbst seinen Sound klassifiziert.

Was die Songtexte angeht, ist Niels Frevert ein regelrechter GeschichtenerzĂ€hler: Er selektiert kleine Begebenheiten aus dem Leben, gibt sie wieder in seiner nĂŒchtern-puristischen ErzĂ€hlweise und verleiht ihnen dadurch zum Teil einen paradox-fantastischen Anstrich. So schwebt z. B. ein Ufo ĂŒber dem Kirchentag in Hamburg. In „Schwör“ versichert der SĂ€nger einem Freund in der Psychiatrie, dass dieser lebend herauskommt. Und die trockene Antwort auf einen Heiratsantrag kommt mit: „Das Mit Dem GlĂŒcklichsein Ist Relativ“. Der 46-jĂ€hrige SĂ€nger verpackt ernste Themen in wunderschöne Instrumentierungen. Die Jazz-Ballade „Die Abbiegung“ ist das Trennungs-Manifest eines verletzten Mannes, ein Liebeslied in Zeiten der Krise: „Ich werd immer auf deiner Seite sein. Egal was war, egal was kommt. Aber als dein Feind werd ich dir nich’ mehr zur VerfĂŒgung stehn, weil ich nich’ mehr kann, weil ich nich’ mehr will.“ Die wohl schönste Bridge des Albums hĂ€lt das Bossa-Nova-StĂŒck „Morgen Ist Egal“ parat: „Ich hab so lang auf dich gewartet. Ich war traurig ohne Grund, auf den ich sinken konnt’. Ohne dich is’ mir einsam und kalt. Und morgen is’ egal.“ Morgen ist egal – Niels Frevert macht großartige Musik fĂŒr den Moment, ĂŒber die verrĂŒckten, traurigen, glĂŒcklichen und absurden Geschichten, die so nur das Leben schreiben kann.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Niels Frevert“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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Album der Woche: TrĂŒmmer – „TrĂŒmmer“

18.08.2014 von  

TrĂŒmmer - TrĂŒmmerVÖ: 22. August 2014
Web: truemmer.tv
Label: [PIAS]

„Wir verlassen die gemĂ€ĂŸigten Zonen, es ist vorbei, niemand darf sich mehr schonen. Unsere LĂŒgen sind wahrer als das, was ihr uns auftischt. Wir sind wie Geisterfahrer, alles ist so wie es ist. In all diesen NĂ€chten sind wir nicht brav, sondern schlimmer. Und wir werden niemals alt, nein, wir bleiben so fĂŒr immer.“

Gitarrist und SĂ€nger Paul Pötsch, Bassist Tammo Kasper und Drummer Maximilian Fenski bilden das Trio TrĂŒmmer, um das in den letzten Monaten ein regelrechter Hype entsteht. Ihr erstes Konzert geben die drei Jungs im April 2012 im Hamburger Molotow. Seitdem ist so einiges geschehen: TrĂŒmmer blicken zurĂŒck auf zwei Deutschlandtourneen, zahlreiche Gigs auf Festivals wie dem Haldern Pop, Deichbrand, Melt! und MS Dockville. Nebenbei agieren sie als Support fĂŒr hochkarĂ€tige Acts wie Dinosaur Jr., Casper und The 1975. Kein Wunder, dass TrĂŒmmer schnell beim populĂ€ren Label [PIAS] unterschreiben, bei dem jetzt auch das selbstbetitelte DebĂŒtalbum erscheint.

Dieses wird nicht umsonst schon vor der Veröffentlichung als Meisterwerk gefeiert. Ein Grund dafĂŒr sind die exzellenten Texte. So heißt es im Song „1000. Zigarette“ selbstreflexiv: „Das Leben ist ein Klischee, wie in einem Songtext, den ich erst jetzt versteh’.“ Die gesellschaftskritische Antwort auf die Frage nach dem Befinden liefern TrĂŒmmer mit dem Song „Scheinbar“: „Scheinbar geht es allen gut, ja okay man spuckt schon manchmal Blut, aber niemand hat hier ein Problem, denn wirklich jeder hat ein schönes Leben.“ Mal fragend, mal augenzwinkernd, mal wĂŒtend: Die Texte von TrĂŒmmer sind herrlich ungekĂŒnstelt und klingen in erster Linie authentisch. So auch die Musik. FĂŒr diese kramen die drei Wahl-Hamburger tief in der Indie-Rock-’n’-Roll-Kiste. Oft sind da mitreißende, melodiöse Gitarren-Riffs, eingĂ€ngige BasslĂ€ufe und schnelle Rhythmen. Musikalische Nuancen bringen Abwechslung, von Pop- bis Punkgeschrammel ist alles dabei. Und ein bisschen Pathos darf auch nicht fehlen, sei es nun das Intro zu „Wo Ist Die Euphorie“ oder das beinah hymnenhaft klingende „In All Diesen NĂ€chten“, das zeitgleich mit „Der Saboteur“ als Doppelsingle bereits im November 2013 erschien. TrĂŒmmer erschaffen eine positive Aufbruchsstimmung, setzen ein Statement gegen Egoismus, Ungerechtigkeit und GleichgĂŒltigkeit. Sie rĂŒtteln auf, aber auf eine stets reflektiert-subtile Art und Weise, getreu dem in „1000. Kippe“ besungenen Motto: „If you want to fight the system, you have to fight yourself.“

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „TrĂŒmmer“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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Neue Platten: Trans Am – „Volume X“

Cover des Albums Volume X von Trans AmTrans Am – „Volume X“ (Thrill Jockey)

5,5

Sie waren einst Miterfinder von Postrock, diesem in den 90er-Jahren entstandenen Projekt, die alten, konservativen Strukturen von Rockmusik zu zerstören und sie mithilfe neuer Sounds zu revolutionieren. Als sie sich 1990 grĂŒndete, verschreckte die amerikanische Band Trans Am mit ihrer Mischung aus Synth Pop, New Wave und Heavy Metal womöglich noch einige Rockpuristen. Heute ĂŒberrascht der Einsatz von elektronischen Samples, Synthesizern und synthetischen Drums im Kontext von Rock niemanden mehr. Und da beginnt auch die Schwierigkeit, ihrem neuen Album „Volume X“ etwas Interessantes abzugewinnen. Denn insgesamt klingen die zehn Songs wie ein zum zweiten Mal aufgebrĂŒhter Tee: leicht fad, aber zumindest mit Restgeschmack. Das volle Aroma jedoch ist nur eine Erinnerung an bessere Zeiten. Okay, ganz so schlimm ist es auch nicht.

Denn die Band bleibt ihrer Linie treu und bedient ĂŒber die zehn Songs ganz unterschiedliche Stile. So wird der Powerrock von „Anthropocene“, dem ersten StĂŒck des Albums, mit dem elektronisch-funkigen „Reevaluations“ konterkariert, auf dem ein treibender Wobblebass von funkigen Gitarren ergĂ€nzt wird. Das darauffolgende „Night Shift“ klingt dann aber wie der Soundtrack eines 80er-Jahre-Road-Movies, den zu drehen sich nicht lohnen wĂŒrde. Wesentlich stĂ€rker klingt die Band, sobald sie ihre akustischen Instrumente hervorholt wie etwa auf „Failure“ mit dem knackigen Schlagzeugintro, das an Helmet erinnert. Dass das letzte StĂŒck „Insufficiently Breathless“ mit der schönen Gitarrenmelodie, die ganz langsam von einem Synthesizerpattern erobert wird, dann der beste Song ist, lĂ€sst hoffen. Auf das nĂ€chste Album.

Album der Woche: The/Das – „Freezer“

11.08.2014 von  

The/Das - FreezerVÖ: 15. August 2014
Web: the-das.com
Label: Sinnbus

Freunde von SOHN, Matthew Dear und Jon Hopkins aufgepasst: Das Berliner Duo The/Das veröffentlicht dieser Tage sein erstes Album namens „Freezer“. Kennern der Berliner Musikszene dĂŒrfte bekannt sein, dass Fabian Fenk und Anton Feist nicht zum ersten Mal miteinander Musik machen. 2005 grĂŒnden die beiden zusammen mit Alex Stolze ein Musikerkollektiv mit dem Namen Bodi Bill und kreieren sanften Elektropop, stets versetzt mit einer Spur Soul dank dem vielschichtigen Gesang von Fabian Fenk. 2011 wird das Projekt vorerst stillgelegt und die drei Mitglieder splitten sich: Alex Stolze ist MitbegrĂŒnder der Gruppe UNMAP, Fenk und Feist wagen als Duo erste Gehversuche. Wie schon zuvor harmonieren die beiden Jungs sowohl im Studio wie auch live: Je nach Kontext agieren sie mehr als Band oder befriedigen die Tanzwut mit packenden DJ-Sets. Letztes Jahr erscheint „Speak Your Mind Speak“, ein gefeiertes Minialbum, das die Erwartungen an ein DebĂŒtalbum nach oben schraubt.

„Zwischen Zufall und Experiment einerseits sowie Erfahrung und SouverĂ€nitĂ€t auf der anderen Seite sind die hier vorliegenden acht StĂŒcke entstanden.“ So bringt die Pressemitteilung den Entstehungsprozess von „Freezer“ auf den Punkt. Diese Kombination lĂ€sst einen Sound entstehen, der unglaublich weit klingt, ein bisschen nach ruhigen Urlaubstagen am Meer. Und parallel schwingt da immer diese gewisse Melancholie mit, die der Musik eine dramatisch angehauchte Aura verleiht. Einer der besten Songs auf dem Album ist das lethargisch-sĂŒĂŸe „Receiver“, das mit dumpfen Drums, zitternden OrgelklĂ€ngen und einer sanften Frauenstimme verfĂŒhrt. Das tanzbarste StĂŒck ist ohne Zweifel „This Place“, das elektrisierende Drums mit wabernden Synthies verbindet. Der neunminĂŒtige Titeltrack gleicht einer hypnotisierenden Reise durch helle, harmonische Gitarren-KlĂ€nge auf der einen Seite und verschiedenen, oftmals disharmonischen Effekten und Tönen auf der anderen. Der organische Elektro-Sound von The/Das zeigt sich auf „Freezer“ in seinen diversen Formen und verlockt den Zuhörer zu TagtrĂ€umen. Fabian Fenk und Anton Feist haben fĂŒr diese Art von Musik ein eigenes Genre erschaffen, dessen Bezeichnung nicht treffender sein könnte. Sie nennen es schlicht „Techno Tenderness“.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „The/Das“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Label: Sinnbus | Kaufen

Neue Platten: Shabazz Palaces – „Lese Majesty“

Shabazz Palaces - Lese Majesty (Sub Pop)Shabazz Palaces – „Lese Majesty“ (Sub Pop)

9,1

Man muss nur wenige Töne von „Lese Majesty“ hören, um zu wissen, dass sich hier ein ganzer Kosmos öffnet: Es umschwirren einen die Sounds wie bei Sun Ra, Herbie Hancock und Miles Davis, die Theorien wie bei Kodwo Eshun und Nelson George, der Afrofuturismus und die Alienation, die Vergangenheit und die Zukunft gleichermaßen vereint in einem gegenwĂ€rtigen Moment, der ĂŒber sich selbst hinausweist. Denn gleichzeitig weiß man, dass da immer noch mehr ist, mit jedem Sound gibt es weitere Referenzen zu entdecken. Und dann sind da noch die Texte, bei denen man hĂ€ufig nur eine Ahnung hat, worum es eigentlich gerade geht, wie z. B. in „Dawn In Luxor“, dem EröffnungsstĂŒck: „Meet us there / We throwing cocktails at the FĂŒhrer / Blackness is abstracted and protracted by the purest / Moderns Cubists or Surrealists / To sleep they couldn’t lull us so we synthesise our realest one.“ Puh.

Also erst einmal die Fakten: Shabazz Palaces stammen aus Seattle und sind ein Projekt von Palaceer Lazaro, der mit bĂŒrgerlichem Namen Ishmael Butler heißt und als Butterfly zum wegweisenden HipHop-Trio Digable Planets gehörte, und Fly Guy Dai, bei dem es sich um den Multiinstrumentalisten Tendai „Baba“ Maraire handelt, der Sohn des simbabwischen Musikers und Komponisten Dumisani Abraham „Dumi“ Maraire ist und zusammen mit Hussein Kalonji noch im MĂ€rz eine Platte als Chimurenga Renaissance veröffentlicht hat. Das DebĂŒt von Shabazz Palaces, „Black Up“, erschien im Jahr 2011 auf Seattles Label Sub Pop. Pitchfork beschrieb die Musik als „some of the most exploratory hip-hop of the year“: fragmentierte Raps und verwirrende Beats, die am ehesten noch an Clouddead und den Jazz-Rap der frĂŒhen 90er erinnerten. Womit wir zurĂŒck bei den Digable Planets sind, die diese Stilart beherrschten wie sonst niemand und deren „Blowout Comb“ auch 20 Jahre nach der Veröffentlichung zurecht noch hoch gehandelt wird.

FĂŒr „Lese Majesty“ hilft einem das aber auch alles nicht so richtig weiter. Beats gibt es in den auf sieben Suiten aufgeteilten 18 StĂŒcken weniger dick als vielmehr ziseliert. Hooks, erkennbare Samples, Referenzen? Fehlanzeige. Wenn es so was gibt, dann ist „Lese Majesty“ wohl die erste experimentelle Ambient-HipHop-Platte. Die Rhythmen sind kaputter als bei Actress, fließen frei daher und kommen einem höchstens von Warp-KĂŒnstlern und Artverwandten vertraut vor. Vom leicht durchgeknallten „#CAKE“ geht es mit Tribal-Beats hinĂŒber zu „MindGlitch Keytar TM Theme“ mit Irgendwie-Miami-Bass und 190-BPM-House-Tönen, bis es in das dope Geschlurfe von „Motion Sickness“ hinĂŒbergleitet. Es piept hier, es knarzt da, es holpert, es stolpert. Es sind schrĂ€ge Science-Fiction-Geschichten, seltsame Assoziationsketten, die in vielen Momenten aber durch einfache Raps geerdet werden, in denen es aber wie selbstverstĂ€ndlich auch ganz schnöde mal um Skillz geht und darum, einfach nur ein paar Wörter aneinanderzureihen („I set the tone like Al Capone / I’m very nice like Jerry Rice“). Das sind die anschlussfĂ€higen Momente auf „Lese Majesty“, die dafĂŒr sorgen, die Platte als das wahrzunehmen, was sie ist: ein glitzerndes Beispiel dafĂŒr, welche vielfĂ€ltigen Möglichkeiten dem HipHop immer noch innewohnen, wenn es nicht nur um dicke Hosen, Autos und den ganzen anderen materialistischen Krempel geht, sondern einfach mal um Musik.

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Album der Woche: FKA twigs – „LP1″

04.08.2014 von  

FKA twigs - LP1VÖ: 8. August 2014
Web: fkatwi.gs
Label: Young Turks

Es ist die Ruhe vor dem Sturm: Ein paar hohe Töne werden zum Einsingen angeschlagen, bevor sich „Preface“ der „LP1″ zu einem polyphonen Sci-Fi-ChoralgesangsstĂŒck entwickelt. Kurze Stille. Und plötzlich ist da dumpfes Trommelfeuer, das wie ein Startschuss wirkt: „Lights On“. FKA twigs haucht sich mit ihrer fesselnden und verlockenden Stimme durch die ersten Verse und gibt zu verstehen: „When I trust you we can do it with the lights on.“

Tahliah Barnett heißt die 25-jĂ€hrige Britin mit jamaikanisch-spanischen Wurzeln. FrĂŒh zieht es sie ins lebhafte London. Dort tanzt sie in mehreren Musikvideos von KĂŒnstlern wie Ed Sheeran, Kylie Minogue oder Jessie J. Erfahrungen, die sie auch in Form eines Songs namens „Video Girl“ verarbeitet: „All eyes on you now, what you gonna do? The camera loves you, ain’t that enough?“ Es genĂŒgt Barnett bei weitem nicht. Ende 2012 veröffentlicht sie eine vier Songs umfassende EP. Zu den Songs der schlicht betitelten „EP1″ gibt es zugehörige Videos. Diese sind vielmehr eigenstĂ€ndige Kunstwerke, als lediglich visuelle Musikbegleitung. In „Weak Spot“ inkarniert die menschliche KĂŒnstlerin aus einem Avatar in einem laserdurchfluteten Universum. „Breath“ offenbart eine aggressive und zerstörerische Seite. „Hide“ spielt in gewisser Weise auf den biblischen SĂŒndenfall an, statt eines Feigenblattes wird jedoch die rote BlĂŒte einer Flamingoblume zur Schau gestellt, was großen Spielraum fĂŒr Deutungsfantasien lĂ€sst. Mit Erscheinen von „EP2″ im September 2013 gibt Barnett das Tanzen auf, unterschreibt einen Vertrag bei Young Turks und hĂ€ngt vor ihren bisherigen KĂŒnstlernamen Twigs ein FKA („formerly known as“), da sich ein anderer KĂŒnstler mit demselben Namen angegriffen fĂŒhlt. Die erste offizielle Single ist „Water Me“ samt zugehörigem Video mit einer außerweltlich scheinenden FKA twigs, deren enorm vergrĂ¶ĂŸerte Augen lebende TrĂ€nen weinen und sie selbst von unerwiderter Liebe singt: „He told me I was so small, I told him water me. I promise I can grow tall, when making love is free.“

Angesichts von „EP1″ und „EP2″ erscheint es geradezu zwingend, das DebĂŒtalbum „LP1″ zu nennen. Musikalisch fĂŒhrt die KĂŒnstlerin den experimentellen Sound der beiden EPs fort und hebt diesen auf eine neue Ebene. FKA twigs erfindet den R&B nicht völlig neu, doch sie interpretiert ihn in ihrem ganz eigenen Sinne. Die Songs auf „LP1″ gleichen einem betörenden und betĂ€ubenden Strudel, der nicht von dieser Welt zu stammen scheint. Klangteppich ĂŒber Klangteppich legt FKA twigs die Grundlage fĂŒr Musik, die zeitgleich greifbar und doch flĂŒchtig, nah und fern, luftig und schwer, anmutig und verzweifelt, konfus und geordnet klingt. Und auch die Reihe der innovativen Musikvideos fĂŒhrt sie mit der ersten Single „Two Weeks“ fort. Als nymphomanische Göttin, die mit minimalistischer Gestik und Mimik Anmut und VerfĂŒhrung darzustellen vermag, herrscht sie ĂŒber ihren tanzenden Hofstaat, der wiederum aus den Klonen ihrer selbst besteht. Zudem kommt das Video ohne einen einzigen Schnitt aus: Es gibt nur einen raffinierten Take in Form einer langen, rĂŒckwĂ€rtsgerichteten Kamerafahrt. Entgegen der sinnlichen KlĂ€nge von „Two Weeks“ klingt „Numbers“ wie eine paranoisch-getriebene, (alb)traumhafte Verfolgungsjagd, wĂ€hrend der sich die Interpretin der Erkenntnis stellen muss: „Was I just a number to you?“. Laut eigener Aussage ist „Pendulum“ einer der Lieblingssongs der SĂ€ngerin: Ein warmer Schauer an harmonischen Klavier-, Synthesizer- und GitarrenklĂ€ngen ergießt sich in die Ohren des Hörers. MĂ€chtige Bass-SchlĂ€ge gehen mit der zarten Falsett-Stimme eine euphonische Verbindung ein. Über rĂŒckwĂ€rts abgespielte Stimm-Samples sinniert FKA twigs beim letzten Song „Kicks“ ĂŒber autonome, selbstbestimmte SexualitĂ€t: „When I’m alone, I don’t need you. I love my touch, know just what to do. So I tell myself, it’s cool, to get my kicks like you.“

Avantgardistischer R&B, dem sich auch andere KĂŒnstlerinnen wie Kelela, Banks oder SZA verschreiben, bekommt durch FKA twigs eine neue, beachtenswerte Facette. „LP1″ ist ein ekstatisches Erlebnis, eine musikalische Urgewalt, die entfesselt kein Halten mehr kennt.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „FKA twigs“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Label: Young Turks | Kaufen

Album der Woche: Portishead – „Dummy“

28.07.2014 von  

Portishead - DummyVÖ: Oktober 1994
Web: portishead.co.uk
Label: Go! Beat

„Who am I, what and why?
Cause all I have left is my memories of yesterday
Oh these sour times

Cause nobody loves me
It’s true
Not like you do.“

Angesichts von Songzeilen wie dieser lĂ€sst sich das DebĂŒtalbum von Portishead durchaus als schwermĂŒtig bezeichnen. Schmerz, Wut, unerwiderte Liebe – mit Themen wie diesen sind schon einige zeitlose Werke entstanden. „Dummy“ von Portishead gehört zweifelsohne dazu.

Alles beginnt 1991 in Bristol. Der Studioassistent Geoff Barrow, der auch schon bei den Aufnahmen zu Massive Attacks’ „Blue Line“ anwesend ist, trifft auf die SĂ€ngerin Beth Gibbons. Zusammen mit dem Gitarristen Adrian Utley starten sie erste Jam-Sessions und veröffentlichen 1993 ein Demo-Tape, welches drei Songs enthĂ€lt. Als Bandnamen wĂ€hlen sie das KĂŒstenstĂ€dtchen Portishead, in dem Barrow aufwuchs. Kurz darauf kommen die Musiker bei Go! Beat Records unter Vertrag und veröffentlichen im Oktober 1994 ihr DebĂŒtalbum.

Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten: Zahlreiche Musikkritiker und Fans sind begeistert von dem dunklen, dumpfen und dĂŒsteren Sound. DafĂŒr wird in vielen Rezensionen erstmals der Genre-Begriff des Trip-Hop eingefĂŒhrt und einer breiteren Masse bekannt. Die Mischung aus HipHop-Elementen, Electronica und Jazz verzaubert eine ganze Generation und katapultiert Portishead bis auf den zweiten Platz der britischen Album-Charts. Die LP scheint wie aus einem Guss, und dennoch besticht jeder einzelne Song durch ein besonderes Detail, sei es nun das Scratching bei „Wandering Star“, die hoffnungsvollen Orgel-Akkorde in „It’s A Fire“ oder die harmonisch-herzzerreißenden Streicher bei „Roads“. Über allem steht die extrem zerbrechliche Stimme von Gibbons, die auch mal rappt, heult, haucht und presst.

Bis zum heutigen Tage sind neben „Dummy“ nur zwei weitere Alben von Portishead veröffentlicht: 1997 kommt der selbstbetitelte Nachfolger zum DebĂŒt in die PlattenlĂ€den, 2008 das dritte Album mit dem puristischen Titel „Third“. Und obwohl auch die spĂ€ter erschienenen Platten musikalische Feinarbeit und unbĂ€ndige KreativitĂ€t offenbaren, zĂ€hlt doch nicht umsonst das DebĂŒtalbum „Dummy“ als Meilenstein der britischen Musikgeschichte und schafft es auf zahlreiche Bestenlisten. Deshalb machen wir das Album rund 20 Jahre nach seinem Erscheinen bei ByteFM zu unserem Album der Woche.

Label: Go! Beat | Kaufen

Neue Platten: Cloud Boat – „Model Of You“

Cloud Boat - Model Of You (Apollo)Cloud Boat – „Model Of You“ (Apollo)

6,8

„Model Of You“ ist das zweite Album des Londoner Duos Cloud Boat, das mit „Lions On The Beach“ 2011 im elektronisch-verspielten Fahrwasser des Londoner Dubstep-PhĂ€nomens hochgespĂŒlt wurde. Nicht ganz in die Maske gepasst haben Tom Clarke und Sam Ricketts, die hinter dem Pseudonym Cloud Boat stecken. Mit ihrem prĂ€genden Gesang auf Loops und Effekten, dazu eine Ästhetik, die sich von vielen der urbanen Motive und abstrakten Formen unterschied, haben sie sich dennoch in einige Playlists gespielt. Zwei Jahre spĂ€ter tauchten sie wieder auf mit „Wanderlust“ und dem ersten Album „Book Of Hours“, schon mehr als Singer-Songwriter angekommen als in der Tanzmusik verwurzelt.

Es wundert also nicht, dass auch das zweite Album der beiden Produzenten sicher auch einige ihrer ersten Hörer und Hörerinnen vor den Kopf stoßen wird. Ein Jahr Zeit haben sich die beiden Londoner fĂŒr das neue Album genommen und an dem getĂŒftelt, was nun ihr Sound sein soll. GrĂ¶ĂŸer, reicher und epischer sollte es werden, das, was vorher bloß Fahrwasser war, tiefer, mitreißender und abenteuerlicher.

Das Ergebnis ist Pathos. Es liegt in den schweren, oftmals schwermĂŒtigen Produktionen des britischen Duos. Es wabert mit in bösen Gitarren, in dunklen Synths, in pluckernden BĂ€ssen, in den In- und Outros der StĂŒcke, die sich langsam aufbauen oder sphĂ€risch verlaufen, sogar im pulsierenden Beat der schon fast positiven StĂŒcke „The Glow“ und „Aurelia“. Ganz besonders steckt es aber im Gesang von Tom Clarke – mal zerbrechlich, mal energetisch, aber immer dramatisch.

Die bereits Ende MĂ€rz veröffentliche Single „Carmine“ versprach schon diese Mischung aus elektronischer Instrumentierung und folkiger Dramaturgie, was das Album einhĂ€lt. Die grĂ¶ĂŸte StĂ€rke hat es dennoch entweder in ebendiesem Song „Carmine“ und seiner mitnehmenden Melodie, oder aber in „Golden Lights“, keine zwei Minuten lang und instrumental, wo nicht nur auf den Gesang, sondern auch auf eine konkrete Richtung verzichtet wird. Wahrscheinlich wieder einmal ein Zeichen dafĂŒr, dass es auch bei Pathos und Drama auf die richtige Dosierung ankommt.

Label: Apollo | Kaufen

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