Album der Woche: The Smiths – „Hatful Of Hollow“

24.11.2014 von  

The Smiths - Hatful Of HollowVĂ–: November 1984
Web: officialsmiths.co.uk
Label: Rough Trade
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„In my life, why do I give time to people who don’t care if I live or die? In my life, why do I smile at people who I’d much rather kick in the eye?“

Ironie. Sarkasmus. Zynismus. Die Bandbreite der literarischen Stilmittel in den Songtexten von The Smiths ist groĂź. Mit Songs wie „Heaven Knows I’m Miserable Now“ treffen sie den Nerv einer Generation, die genug hat vom aufgesetzten Synthie-Pop der Jahre zuvor. Der schrammelige, dennoch melodische Gitarrensound und die melancholischen Songtexte von The Smiths kommen da gerade richtig. Nicht umsonst werden die Briten deshalb als erste Indie-Band ĂĽberhaupt bezeichnet.

1982 gründen Gitarrist Johnny Marr und Sänger Morrissey in Manchester eine Band. Zusammen mit dem Bassisten Andy Rourke und Mike Joyce am Schlagzeug nennen sich die vier Musiker The Smiths. Was damals noch keiner ahnt: Nur fünf Jahre wird diese Formation bestehen, bevor Johnny Marr als erster die Truppe verlässt. Doch diese fünf Jahre reichen aus, um The Smiths unsterblich zu machen und die britische Musikszene umzukrempeln. In dieser kurzen Zeit werden vier Studioalben produziert sowie mehrere Compilations und Singles veröffentlicht. The Smiths sehen Singles stets als eigene Einheit und nicht unmittelbar zur Bewerbung eines Albums. So werden auch zahlreiche Stücke herausgebracht, die auf keinem der vier Studioalben vertreten sind.

Anfang 1983 unterschreiben die Musiker einen Vertrag mit Rough Trade Records, im Mai desselben Jahres folgt die DebĂĽtsingle: „Hand in glove, we can go wherever we please. And everything depends upon how near you stand to me. And if the people stare, then the people stare. Oh, I really don’t know, and I really don’t care.“ Texte wie diese und ein nackter Mann auf dem Singlecover fĂĽhren unweigerlich zu Diskussionen ĂĽber die sexuelle Orientierung des exzentrischen Songtexters Morrissey. Und das ist erst der Anfang: Die Texte polarisieren und provozieren. „Suffer Little Children“, das auf dem selbstbetitelten DebĂĽtalbum von 1984 enthalten ist, handelt beispielsweise von den britischen „Moor-Morden“, die in den 60er-Jahren das Land erschĂĽtterten. Das dritte Studioalbum „Meat Is Murder“ bewegt hingegen viele Hörer, den eigenen Fleischkonsum zu ĂĽberdenken.

Vor 30 Jahren, im November 1984, erschien die erste Compilation „Hatful Of Hollow“. Sie beinhaltet drei Singles inklusive ihrer B-Seiten sowie Songs, die während BBC-Sessions mit der Band aufgezeichnet wurden. An vier Terminen zwischen Mai und September 1983 war die Band zu Gast bei den legendären Moderatoren John Peel beziehungsweise David Jensen. Diese aufgenommenen Versionen unterscheiden sich teils enorm von ihren später arrangierten Studiofassungen. Die BBC-Varianten sind sehr viel bassbetonter, rauer und „improvisierter“. Dies heiĂźt bei Weitem nicht, dass die einen Versionen den anderen ĂĽberlegen sind. Vielmehr soll betont werden, dass es sich bei den Songs auf „Hatful Of Hollow“ um die frĂĽhesten Zeugnisse dieser auĂźergewöhnlichen Band handelt. Grund genug, um den Geburtstag eines der bedeutsamsten Alben der jĂĽngeren Vergangenheit zu feiern. Deshalb machen wir „Hatful Of Hollow“, 30 Jahre nach dem Erscheinen, zu unserem Album der Woche.

Neue Platten: Black Rain, Cut Hands und Killing Sound

Cover des Albums Festival Of The Dead von Cut HandsCut Hands – „Festival Of The Dead“ (Blackest Ever Black)

9,2

Schon nach Sekunden öffnet sich das Tor zu einer anderen Welt. Eine Welt, in der keine Stille herrscht und ein ständiges Rauschen existiert, in das sich immer wieder schreiartige Töne drängen, die so klingen wie die elektronisch verzerrten Vogellaute in Hitchcocks „Die Vögel“ und sich schon bald in klirrend hohe Sounds verwandeln. Als dann die unnatĂĽrlich verhallte Frauenstimme das Wort ergreift und emotionslos von „altered brain document systems“ spricht, steht fest: Das neue Album des enigmatischen Post-Industrial-Duos Black Rain ist eine Mischung aus dĂĽsterem Science-Fiction-Soundtrack und musikgewordenem Film Noir: vertrackt-nervöse Rhythmen („Endourban“ und „Data River“), eine zwischen Unbehagen und Melancholie liegende Grundstimmung und zähflĂĽssige Klangtexturen, die sich durch eine menschenleere Landschaft ziehen („Watering Hole“) – wie die Schatten in den alten Noir-Streifen, die stets dunkler und größer sind, als sie es sein dĂĽrften.

Das Cinematische und Narrative an „Dark Pool“ ist Konzept. Nicht nur der Name des aus dem New Yorker Stuart Argabright und dem japanischen Musiker Shinichi Shimokawa bestehenden Projekts ist dem gleichnamigen Film von Ridley Scott von 1989 entlehnt. Die GrĂĽndung von Black Rain 1995 geht auf die Produktion des Soundtracks von „Johnny Mnemoni“ zurĂĽck, einem trashigen Cyberpunk-Film mit Keanu Reeves.

Auch das 18 Jahre später erschienene DebĂĽtalbum ist maĂźgeblich von Science-Fiction wie etwa Paolo Bacigalupis 2009 erschienenen Roman „The Windup Girl“ inspiriert, einer Dystopie ĂĽber ein 23. Jahrhundert, in dem die Menschheit von biotechnologischen Konzernen beherrscht und terrorisiert wird.

Nur selten tauchen humane Elemente auf, wie etwa in „Profusion I“, in dem eine ätherische Frauenstimme opernhafte Melodien singt. Dass diese Stimme wirkt wie der letzte Rest einer Menschlichkeit, verweist auf eines der zentralen Themen des Albums: Entfremdung. Ein Leitmotiv, das auch der Science-Fiction-Autor William Gibson verwendet, um seine apokalyptischen Zukunftsszenarien plausibler zu machen.

Das Besondere an „Dark Pool“ ist die stilistische Spaltung aus kruder 80er-Industrial-Ă„sthetik und zeitgenössischen Formen apokalyptischer Clubmusik wie etwa Sandwell District oder dem entschleunigten Drone-Dub der britischen Labelkollegen Raime.

Apropos, dass Black Rain 18 Jahre nach dem Soundtrack des gefloppten Kinofilms ĂĽberhaupt noch Musik machen, liegt wohl auch an der Ăśberzeugungsarbeit von Kiran Sande, dem Macher des Londoner Labels Blackest Ever Black, das 2010 als Output fĂĽr weirde Clubmusik an der Schnittstelle von Doom Metal, Dub, Industrial und Postpunk gegrĂĽndet wurde. Und das innerhalb von nur vier Jahren mit seiner eigenwilligen Ă„sthetik weltweit bekannt geworden ist.

Neben Black Rains DebĂĽt erschienen dort vor Kurzem die DebĂĽt-EP des Bristoler Dub-Kollektivs Killing Sound oder das Album „Festival Of The Dead“ von Cut Hands, dem Nebenprojekt des Noise/Industrial-KĂĽnstlers William Bennett. Während die an dekonstruiertem Dubstep, Jungle und Drone geschulten Tracks von Killing Sound zeitweise hymnenartigen Charakter haben, ist das Ende Oktober erschienene Cut-Hands-Album eine radikal unterkĂĽhlte Spielart zeitgenössischer Clubmusik. Der ausschlieĂźlich aus metallischen Percussions und einem gnadenlos hämmernden Bass bestehende Track „The Claw“ kommt dem wohl am nächsten, wofĂĽr das britische Label, neben all den entschleunigten DronekĂĽnstlern, allen voran Dalhous, Nina oder Bremen, steht: kompromisslose, nihilistische Ritualmusik, die stets ĂĽberrascht und aufweckt, wenn nicht sogar verstört.

Der Name des Labels ist Programm, jetzt mal abgesehen von der Ambivalenz zwischen ironischem Seitenhieb und musikästhetischer Exaktheit. Es geht nicht einfach um ein Schwarz, es geht um den schwärzesten aller möglichen Schwarztöne. Eine Musik, die sich in ihrer Verweigerung von Konventionen, ihrer Atonalität und Lust am Exzess bestens zur Katharsis eignet.

Sowohl Black Rains „Dark Pool“ und die jĂĽngste EP von Killing Sound als auch „Festival Of The Dead“ transportieren den Hörer in eine andere Welt, seien es Science-Fiction-Dystopien, paranoide Innenwelten oder verschwommene Tagträume aus der eigenen Jugend. Diese Musik ist neben allem Eskapismus immer auch eine Huldigung an das Chaos der Gegenwart. Musik, bei der alles ein wenig erträglicher erscheint.

Label: Blackest Ever Black
Kaufen: Black Rain – „Dark Pool“ im artistxite-Shop | Cut Hands – „Festival Of The Dead“ im artistxite-Shop

Neue Platten: Umherschweifende Produzenten – „Elektronische Musik“

20.11.2014 von  

Cover des Albums Elektronische Musik von Umherschweifende ProduzentenUmherschweifende Produzenten – „Elektronische Musik“ (From Lo-Fi to Disco!)

7,2

Wir schreiben das Jahr 2014. Ein Gespenst geht um auf der Welt, das Gespenst der AuĂźerirdischen. Eine Gruppe dieser AuĂźerirdischen – genauer gesagt der sexualdemokratische FlĂĽgel der AuĂźerplanetarischen Opposition – tritt an mit einem dezidierten „Masterplan“ (so auch der Titel des Eröffnungstracks auf „Elektronische Musik“), der es vorsieht, den Kapitalismus zu ĂĽberwinden und eine klassenlose Gesellschaft jenseits dieses Systems, kurz: den sogenannten Future-Kommunismus anzustreben. So sollen ihre Ideen und poppolitischen Ziele auf der Erde verbreitet und deren Bewohner – auch bekannt als Menschen – inspiriert werden. Demzufolge erfuhren im Laufe der Jahrtausende alle wichtigen Vertreter – sei es aus Philosophie, Kunst, Film oder eben Musik – Inspiration von diesem so mysteriösen Kollektiv. Gegenwärtig hat jene AuĂźerplanetarische Opposition zwei Auserwählte zu uns gesandt, die wir vormals unter King Fehler alias Knarf Rellöm (Huah!, Knarf Rellöm Trinity, Die Zukunft et al.) und Manuel Scuzzo (Misses Next Match) kannten, und hat jene mit einem Konzeptalbum beauftragt. Demzufolge präsentiert uns dieses extraterrestrische Duo ein Album auf diversen vermittelnden Elementen, deren Cover ihre Entstehungsgeschichte erzählen. Bereits im letzten Jahr gegrĂĽndet, benennen sich die Umherschweifenden Produzenten nach dem gleichnamigen Werk (Untertitel: „Immaterielle Arbeit und Subversion“) des italienischen Marxisten Antonio Negri und werden beauftragt, „repetitive Musik und repetitive Texte, Texte ohne Meinung und GefĂĽhl“ zu erschaffen. Die beiden sehen sich klar in der Tradition Sun Ras und manifestieren dessen afro-futuristische Philosophie des „Space Is The Place“ hier als Credo: Wenn dieser Planet, das Diesseits nur noch von Dummheit regiert wird, hilft lediglich noch die Flucht ins All. Ein transzendentales Heilsversprechen, das die futuristische Sehnsucht als elementaren Bestandteil der Popgeschichte heraufbeschwört.

KĂĽrzlich zu Gast im ByteFM-Interview mit der Frankfurter Radiogröße – dem ehemaligen (Weltraum-)Taxifahrer – Klaus Walter wurde eine entschlossene Zäsur manifestiert: „Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei. […] Niemand kann mehr behaupten, er hätte von nichts gewusst. […] Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder Authentizität!“, so ein Abgeordneter der AuĂźerplanetarischen Opposition. Hier wird authentischem Blues- und Country-Rock in vielerlei Hinsicht eine klare Absage erteilt. Das maschinelle Geplucker des Sequenzers läuft entgegengesetzt zum menschlichen BedĂĽrfnis einer musikalischen Seele. Zudem verfremden die ĂĽbermenschlich anmutenden Vocoder- bzw. Kaospad-Einsätze die Stimmen derart, sodass Walters These untermauert wird, der kluge Einsatz dessen könne Geschlechtergrenzen ĂĽberwinden bzw. die dichotome Geschlechtereinteilung unterlaufen.

In „Migration“ wird die realpolitische Situation der Armutsflucht und Verteilung von Informationen dahingehend aufgegriffen, dass auf andere Planeten migriert wird und die Prophezeiung des Schicksals von einigen Wenigen eines Tages alle haben werden. Ein Modell, dass uns aus Sci-Fi-Romanen bereits bekannt sein dĂĽrfte, wird hier modifiziert: Das Privileg auf andere Planeten auszuwandern wird nicht länger ausschlieĂźlich Eliten vorbehalten, sondern ganzheitlich verfĂĽgbar sein, sodass die Menschheit einen Konsens finden muss, gemeinsam zu emigrieren.

„Alternative Energie“ setzt dort an, wo Kraftwerk mit „Radio-Aktivität“ aufhörten und denkt dies thematisch weiter. Doch auch musikalisch gibt es eine Fortschreibung dessen: visionärer Synth-Pop im Sinne der vier DĂĽsseldorfer Mensch-Maschinen, der den kosmischen Dada-Pop Felix Kubins auf der einen und den LSD-getränkten Wahnsinn Walter WegmĂĽllers auf der anderen Seite des Orbits tangiert. Im Titeltrack wird das Medium zur Massage und schlieĂźlich liefern die Produzierenden gleichermaĂźen Problem sowie Lösung, sodass sich ein Leitsatz im Geiste Devos aufdrängt: Are We Men? We Are Umherschweifende Produzenten!

Kam Fred 1981 in Andreas Doraus Klassiker noch vom Jupiter, so zirkuliert er einige Lichtjahre später in einer mindestens genauso fernen Galaxie. Was allesamt gemein haben: Sie wurden inspiriert von der Außerplanetarischen Opposition.

Der in der Vorgeschichte erwähnte Auftrag, „einfach nur Beschreibungen der Situation“ anzufertigen, ist auf einen weiteren Inspirierten zurĂĽckzufĂĽhren, nämlich auf Rainer Werner Fassbinder und dessen Einsicht: „Wenn du die Dinge nicht verändern kannst, musst du sie beschreiben.“ Auch wenn dieses Vorhaben einer Dokumentation des Zustandes der modernen Welt mit der Abwesenheit von Individualität und persönlichen Befindlichkeiten als schier unmögliches Unterfangen erscheint, so verhilft der Ansatz der Mensch-Maschine hier zu einem utopischen Seinszustand.

Tune In – Turn On – Drop Out.

Label: From Lo-Fi to Disco!
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Album der Woche: Der Mann – „Wir Sind Der Mann“

17.11.2014 von  

Der Mann - Wir Sind Der MannVĂ–: 21. November 2014
Web: dermann.tv
Label: Staatsakt
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„Doch selbst das Reformhaus braucht eine Reform. Und das Leben ist keine Pusteblume, das Leben ist kein Dinkelbrot. Das Leben ist nicht grob geschrotet und wäre das Leben ein Reformhaus – wäre ich lieber tot. Ja, ihr habt richtig gehört, dies ist eine Kampfansage an die Wurzel allen Übels.“

Was für eine Ansage. Und was für eine charmante Methode, mit Texten wie diesem ein Album zu beenden. Ein Album, bestehend aus zwölf Songs über Einsamkeit, die Fehlbarkeit des Menschen und – Männer.

Der Mann nennt sich das Kollektiv, bestehend aus Mitgliedern der Berliner Band Die Türen, dem Berliner Maler Helmut Kraus und einer Kölner Animationsfirma. Zusammen wird so ein regelrechtes Gesamtkunstwerk erschaffen: Die Liebe zum Detail findet sich sowohl im entzückend-inszenierten Musikvideo und dem kunstvollen Plattencover, als auch in der Musik selbst.

Die drei „Ur-Türen“ finden mit „Wir Sind Der Mann“ nach längerer Pause wieder zusammen. Bassist Ramin Bijan, Gitarrist Gunther Osburg und Sänger Maurice Summen gründen 2002 Die Türen – und weil sich kein Label für sie interessiert, wird kurzerhand ein eigenes namens Staatsakt aufgebaut, das bis heute von Summen geleitet wird. Vor zwei Jahren kam der letzte Streich der Türen heraus. Der Albumtitel: „ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ“.

„DER MANN. Wer soll das sein? Ist nicht auch bei „dem MANN“ das Ego auch nur eine Konstruktion, die versucht den Stimmen aus dem Chor der Welt zu folgen – oder sie zu ignorieren?! Also kann es ihn ĂĽberhaupt geben? Den MANN?“, fragt sich das Label auf seiner Homepage. Ein musikalisches Pendant zu diesen Fragen ist der Song „Wo Fängt Mann An?“. Die wohl unterhaltsamste Definition von Männlichkeit seit Herbert Grönemeyers „Männer“ vertonen die Musiker im Song „Ich Bin Ein Mann“. Maurice Summen klagt darin ĂĽber verschiedenste Dinge: „Was mich an Teenagern stört, sind ihre Pickel. Was mich an ihren Eltern stört, sind ihre RatgeberbĂĽcher im Regal.“ Oder: „Was mich am Sex stört, ist das Hinterher.“

„Wir Sind Der Mann“ ist ein augenzwinkerndes, kurzweiliges und kluges Album: Maurice Summen jongliert mit Wörtern wie kein Zweiter. Und trotzdem gelingt es ihm, verständlich und vor allem authentisch zu klingen; pseudo-intellektuelle Phrasen sucht man hier vergeblich: „Ich steh nicht auf die Süddeutsche Zeitung, steh nicht auf den FC Bayern – nicht, dass ich was gegen Bayern hätte, doch das elitäre Gehabe ist nicht so mein Ding, ich steh mehr auf die einfachen Dinge im Leben. Ich glaub ich neig zum Mittelmaß, ich neig zur Untertreibung, ich mag nicht so das Rampenlicht.“, gibt er im theatralischen „Von Der Kneipe In Die Cloud“ zu verstehen. Ein weiterer Höhepunkt des Album ist „Alles Keine Arbeit“. Hier kritisieren die Musiker durch eine satirische Betrachtungsweise den wachsenden, gesellschaftlichen Leistungsdruck.

Das anfangs zitierte „The Rise Of The Reforming House“ hat nicht umsonst als einziges Stück einen englischen Titel: Die Anspielung auf den Folkklassiker „The House Of The Rising Sun“ ist nicht zu übersehen. Besonders wenn Maurice Summen das Reformhaus genüsslich als „Freudenhaus des Stuhlgangs“ besingt.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare der kunstvollen Vinyl-Edition. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Der Mann“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Neue Platten: EinstĂĽrzende Neubauten – „Lament“

Cover des Albums Lament von EinstĂĽrzende NeubautenEinstĂĽrzende Neubauten – „Lament“ (BMG Rights Management)

9,3

Ganz langsam nähert es sich, das sich ins Gehör beiĂźende Quietschen und Schleifen und das bedrohliche Brodeln im Hintergrund, das klingt wie das amplifizierte Lodern eines Feuers. Bis sich alles in einem langgezogenen Männerschrei entlädt. „Kriegsmaschinerie“, der erste Song des neuen Albums der EinstĂĽrzenden Neubauten, katapultiert die Hörer direkt ins Geschehen. Diese Schreie, sie stammen womöglich von Soldaten, die in ihre erste Schlacht ziehen, infiziert von Zerstörungswut und fehlgeleiteter Kriegsromantik.

„Lament“ ist eine Art musikalische Erzählung ĂĽber den 1. Weltkrieg, die von der Situation vor dem Ausbruch aus Sicht der Stadt Diksmuide handelt. Die belgische Stadt hatte die Band anlässlich des 100. Jahrestages offiziell beauftragt. Der Sänger Blixa Bargeld sagte im Vorfeld in einem Interview, es sei kein reines Neubauten-Album geworden, sondern ein Auftragswerk. Doch „Lament“ ist mit seiner charakteristischen Geräuschlastigkeit bei gleichzeitigem Popappeal und vor allem den nicht selten ins Absurde rutschenden BrĂĽchen eigentlich genau das: ein neues, sehr zeitgemäßes Album von den Industrial-Pionieren.

Es ist ein schöner Zusammenzuck-Effekt, wenn zu Beginn des zweiten Songs plötzlich ein Männerchor in der Melodie von „God Save The Queen“, der englischen Nationalhymne deutsch-patriotische Zeilen schmettert: „Heil dir im Siegerglanz, Herrscher des Vaterlands, God save the king“. Das kalkulierte Unbehagen, das solche Signalwörter auslösen, ist seit jeher eines der Leitmotive der Band, deren Musik immer schon teutonische Ă„sthetiken und gelegentlichen Dadaismus verband. Wie etwa im Song „The Willy – Nicky Telegrams“, das mit seinem vordergrĂĽndigen Autotune-Gesang so klingt, als fĂĽhre im Moment des Hörens ein schwarz lackierter BMW mit dem neuesten US-Shit vorbei.

Der Ausflug in die aktuelle Poplandschaft wird beantwortet von der konzeptuellen „Lament“-Trilogie, die mit einem meditativ-bedohlichen DronestĂĽck beginnt, in dem ein verfremdeter Chorgesang die anstehende Apokalypse anzukĂĽndigen scheint. Das darauffolgende „Lament: 2. Abwärtsspirale“ erinnert mit seinen metallischen Schlägen und spannungsgeladenen Glissandi an die frĂĽhen Neubauten. Das StĂĽck teilt das Album gleichzeitig in zwei Hälften und ist eine Art musikalisch-mathematisch Studie, wie den Linernotes zu entnehmen ist. So fallen die Töne darin spiralförmig ab, basierend auf einem Muster, das aus den einzelnen Zahlen des letzten Kriegsjahres besteht: 1-9-1-8.

Die Songs der EinstĂĽrzenden Neubauten waren immer schon auch musikgewordenes Storytelling. Auf „Lament“ haben sie das perfektioniert wie nie zuvor. In „How Did I Die?“, einem paranoiden Trip durch eine postapokalyptische Landschaft, fragt sich eine Stimme im Angesicht einer zerstörten Welt:

„How did I die? Or didn’t I?“, und evoziert dabei dĂĽstere Bilder: „A strip of murdered nature, it seems like it belongs to another world, every sign of humanity has been swept away, the woods and roads have vanished like chalk“.

Was die Texte so besonders macht, ist ihre Ambivalenz und ihr Mut, wie im Fall von „God save the queen“, auch die falschen, die gescheiterten Perspektiven einzunehmen, ohne dabei in einen revisionistischen Pathos eines Ernst JĂĽnger oder eine hyperreflektiv-postmoderne Metaebene zu verfallen.

„Ich weiĂź inzwischen, und das ist ja gerade heute sehr wichtig, dass Krieg nicht einfach kommt und wieder verschwindet. Krieg bricht nicht aus wie eine Seuche. Er ist immer präsent“, sagte Blixa Bargeld in Bezug auf das Album. Und genau das gelingt der Band mit „Lament“. Einen alternativen Raum zu öffnen, in dem das Schreckliche im Schönen, aber auch das Schöne im Schrecklichen Platz hat.

Label: BMG Rights Management
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Album der Woche: Ariel Pink – „pom pom“

10.11.2014 von  

Ariel Pink - pom pomVĂ–: 14. November 2014
Web: ariel-pink.com
Label: 4AD
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Ariel Pinks durchgedrehte LiebenswĂĽrdigkeit, die er auch durch seine Musik transportiert, ist sagenhaft. Der „König der Pop-Perversion“, wie ihn der Pressetext so schön nennt, ist mal wieder zurĂĽck mit einem neuen Album. Es scheint, als wolle Ariel Pink mit jedem der 17 Songs vor allem eines sagen: „Ich trage diese Krone zurecht!“

„pom pom“ ist das erste Album von Ariel Pink ohne seine Begleitband Haunted Graffiti: „Obwohl es mein erstes Solo-Album ist, fĂĽhlt es sich nicht so an. Ich hatte unzählige Freunde im Studio, die bei den Songs mitgespielt haben“. Darunter ist auch der Kult-Produzent Kim Fowley, der eigentlich das komplette Album produzieren sollte. Eine Krebserkrankung machte dies letztendlich unmöglich. Die Tristesse im Krankenhaus vertreiben Ariel Pink und Kim Fowley mit Songwriting-Sessions am Krankenbett. So entsteht zum Beispiel die augenzwinkernde (Anti-)Ode an den amerikanischen Wackelpudding „Jell-O“.

Glitzernde, opulente, wahrlich „pom-pom-pöse“ StĂĽcke machen das Album zu einem Juwel. Ariel Pinks Inspirationen scheinen endlos. Man nehme die Extravaganz eines Freddie Mercury und die epische Gesangsdarbietung eines Holly Johnson, mische sie mit der Energie der Beatles und verleihe dem Ganzen eine gehörige Prise West-Coast-Lässigkeit Ă  la Beach Boys. Fertig ist das musikalische Wunderwerk.

„Nude Beach A Go-Go“ ist so ein Retro-Surfpop-StĂĽck, das direkt aus dem Jahr 1965 zu kommen scheint. Dieses wurde von Ariel Pink ĂĽbrigens auch fĂĽr das jĂĽngst erschienene DebĂĽtalbum der New Yorker Rapperin Azealia Banks geschrieben: Es ist dort allerdings in einer deutlich glattgebĂĽgelten Variante zu hören.

Der musikalische Einfluss der 80er-Jahre offenbart sich in atmosphärischen Songs wie „Lipstick“: Da dĂĽrfen sogar die stereotypischen Panflöten pfeifen. Verglichen mit den ersten Alben von Ariel Pink kommt das einer Revolution gleich: Durch heimische Eigenproduktion war seine Musik von einem starken Lo-Fi-Sound gezeichnet. „pom pom“ dagegen spielt alle Vorteile einer digitalen Musikproduktion aus: „Four Shadows“ ist ein schwerer Synthpop-Walzer, auf dem Ariel Pink beeindruckende Vocals ins Zentrum rĂĽckt. Am eindrĂĽcklichsten ist aber „Picture Me Gone“: Die hymnenhafte Ballade ist von einer unfassbaren Erhabenheit durchtränkt.

Aby Warburg, ein Kunsthistoriker aus Hamburg, entwickelte Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff der Pathosformeln: Damit bezeichnete er stringente Darstellungsformen von Gestik und Mimik, die universale GĂĽltigkeit besitzen und bestimmte GefĂĽhlsregungen zeigen. Es bietet sich geradezu an, diesen Begriff auch auf die Musikgeschichte zu ĂĽbertragen. Dann nämlich lebt Ariel Pinks „pom pom“ von musikalischen Pathosformeln: Arrangements und Melodien, die genauso gut vor 30 Jahren funktioniert hätten, werden in einen zeitgenössischen Kontext gehoben, ohne etwas von ihrer Ausstrahlung und Wirkung einzubĂĽĂźen. So was kann eben nur ein „König der Pop-Perversion“.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Ariel Pink“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Ariel Pink – Put Your Number In My Phone on MUZU.TV.

Ariel Pink – Picture Me Gone on MUZU.TV.

Neue Platten: Deerhoof – „La Isla Bonita“

05.11.2014 von  

Cover des Albums La Isla Bonita von DeerhoofDeerhoof – „La Isla Bonita“ (Altin Village & Mine)

8,1

Deerhoof machen zu ihrem 20-Jährigen das Dutzend voll und beschenken sich mit einem Album, das zunächst auf den klangvollen Titel „La Isla Bonita“ – die schöne Insel – hört und demnach auf Madonnas gleichnamigen Nr.-1-Hit aus dem Jahre 1987 Bezug nimmt. Gehostet wird die runde Geburtstagsparty (zumindest in Europa) auf dem qualitativ herausragenden Leipziger Label Altin Village & Mine, dessen jĂĽngste Veröffentlichungen („Life Under Palmtrees“ von Jason & Theodor, „Unbreak My Heart“ von Young Hare u. a.) ähnlich paradiesische Assoziationen zulassen und ebenso wenig vor vermeintlich „cheesigen“ Referenzen zurĂĽckschrecken.

Aber Deerhoofs Zitierfreudigkeit wurde im Laufe der Jahrzehnte v. a. auf ihre Bewunderer transferiert. So wirkte ihre Strahlkraft auf solch omnipräsente Vertreterinnen und Vertreter, die mitunter jenen kommerziellen Erfolg verbuchen konnten, der ihrer Inspirationsquelle stets verwehrt blieb: St. Vincent, Dirty Projectors, tUnE-yArDs oder auch die Flaming Lips berufen sich allesamt auf Deerhoof, haben deren DNA adaptiert und verinnerlicht. Von Seiten der Popkritik wurden die vier aus Kalifornien bzw. Japan seit jeher fĂĽr die fehlende Funktionalität ihrer Songs geschätzt. Martin BĂĽsser schrieb einst ĂĽber Deerhoof: „Die Verbindung von Pop und Avantgarde muss nicht notgedrungen im Staatstheater enden oder sich danach anhören“.

Dementsprechend unkonventionell klingt auch „La Isla Bonita“. Seitdem sich die Mitglieder in so ziemlich alle geographischen Richtungen der Vereinigten Staaten verteilt haben, verlagerte sich das jeweilige Betätigungsfeld zunehmend in Richtung Produktion und (Re-)Mixing (u. a. fĂĽr Asobi Seksu, Xiu Xiu, Delta 5, Parenthetical Girls und E.D. Sedgwick), was nun deutlich spĂĽrbar ist. Die Soundästhetik auf „La Isla Bonita“ changiert zwischen schroff und irgendwie eingängig („Black Pitch“), elegisch und nervös („Paradise Girls“), kurz: zwischen Nerv- und Nerdmusik.

Die scheinbare Schönheit des ätherischen Dream-Poppers „Mirror Monster“ trifft dabei auf die kantige Sperrigkeit von „Last Fad“. „How do you want to live?“, fragt Sängerin und Gitarristin Satomi Matsuzaki gewohnt unbeschwert in „Doom“ und gibt ein paar Takte später mit einem flatternden und doch so lebensbejahenden „Deny!“ eine mögliche Antwort darauf. Die Dub-infizierte Rhythmik von „Tiny Bubbles“ kommt derart erfrischend daher, als hätte der frĂĽhe britische Post-Punk um Bands wie The Pop Group und This Heat, The Slits und Lifetones nie stattgefunden. Getreu dessen Prinzip des „Rip It Up And Start Again“ vollbringen es Deerhoof selbst 35 Jahre später, alles einzureiĂźen, um in diesem Sinne eine gänzlich originäre Formen- und Klangsprache zu entwickeln, die eben ihren Wiedererkennungswert ausmacht. Auch 2014 negieren sie gewohnte bzw. tradierte Hörgewohnheiten, dekonstruieren gängige Rockismen, die dazugehörigen Song-Schemata und setzen aus all diesen Fragmenten ein vielschichtiges Album mit der so Deerhoof-typischen Weirdness zusammen.

Auch wenn die Rezeption Deerhoofs mitunter in einem diffusen Feld aus Noise-Rock, Art-Punk und Queer-/Genderkontext stattfand, erscheint jenes Korsett doch zu eng. So versteht es das Quartett aus San Francisco wie kaum eine zweite gegenwärtige Band, ihren ganz eigenen Kosmos aus besagtem Krach und Pop, Atonalität und Minimalismus zu erschaffen. Verwurzelt im (DIY-)Punk, bestand und besteht auch weiterhin Deerhoofs spezifischer Verdienst darin, ihren Entwurf einer leidenschaftlichen (Gitarren-)Musik auf so unprätentiöse wie mitreißende Weise aufzuzeigen und so eine Entsprechung von konsequenter künstlerischer Selbstverwirklichung zu sein.

Label: Altin Village & Mine
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Neue Platten: Von Spar – „Streetlife“

Cover des Albums Streetlife von Von SparVon Spar – „Streetlife“ (Italic)

8,4

Nach ein paar Sekunden ist eigentlich bereits alles gesagt. Eine abfallende, dreitönige Melodie, ein begleitender Keyboardakkord und eine ziemlich clappige 80s-Snare. Dann vergehen 16 Takte, bis ein unaufdringlicher Gesang einsetzt. „Chain Of Command“ heiĂźt dieser erste Song des neuen Albums der Band Von Spar – und er enthält schon vieles von dem, was noch folgen wird. „Streetlife“ ist ein musikalischer Flirt mit angekitschtem Discosound, Synthiepop und „Eis-am-Stiel“-Soundtrack.

Die Kölner Band Von Spar hat sich im Laufe ihrer inzwischen elfjährigen Karriere immer wieder, Vorsicht: Floskel, neu erfunden. So folgte nach dem deutschsprachigen Indiepop-DebĂĽt „Die Uneingeschränkte Freiheit Der Privaten Initiative“ (2004) das von Krautrock beeinflusste Zweitwerk „Von Spar“ (2007). Nachdem sie 2013 im Rahmen des Kölner Week-End-Festivals zusammen mit dem Pavement-Sänger Stephen Malkmus eine Neuinterpretation des Albums „Ege Bamyasi“ der legendären Krautrockband Can gespielt hatten, bewegten sich Von Spar immer mehr in Richtung Club und fanden gleichzeitig neue Kooperationspartner. So arbeitete die Band fĂĽr das neue Album mit der britischen Sängerin Scout Niblett, der der deutschen Musikerin Ada und dem Kanadier Chris Cummings zusammen.

Die unterschiedlichen beteiligten Musiker hört man dem Album an. So wird der poppige Eröffnungstrack vom entschleunigten Funk des Songs „Breaking Formation“ abgelöst, bei dem im zweiten Teil ein Softporno-Saxofon losschmettert – ein eigentlich ganz lustiges Leitmotiv, das auch an anderen Stellen vorkommt, etwa im Song „Try Though We Might“, der sich zudem gut als Soundtrack fĂĽr eine deutsche Vorabendserie eignen wĂĽrde. Das Highlight ist jedoch das radikal reduzierte „Hearts Fear“, ein Track, der sich mit seinen frei schwebenden Tönen und rhythmischen Ăśberraschungen sehr zurĂĽckgelehnt aufbaut und mit seinem beeindruckend transparenten Sounddesign zwischen Dub, schwebendem Synthie-Pop und endlosen Hallräumen an The xx oder Zombys frĂĽhe Wonky-EntwĂĽrfe erinnert. „Streetlife“ passt eigentlich perfekt ins Jahr 2014. Denn mit seinen ständigen Referenzen auf 80s-Pop verklärt es zwar eine Vergangenheit, aber ohne dabei die Gegenwart aus den Augen zu verlieren.

Label: Italic
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Von Spar live, präsentiert von ByteFM:

24.11.14 Jena – CafĂ© Wagner
25.11.14 Berlin – Kantine am Berghain
26.11.14 Chemnitz – Atomino
27.11.14 Leipzig – Conne Island
28.11.14 Hamburg – Golden Pudel Club
29.11.14 Köln – Week-End Fest

Album der Woche: Sam Amidon – „Lily-O“

03.11.2014 von  

Sam Amidon - Lily-OVĂ–: 7. November 2014
Web: samamidon.com
Label: Nonesuch
Kaufen: artistxite-Shop

Ein eisiger Oktobermorgen in ReykjavĂ­k. Der frische Wind zieht durch die StraĂźen der isländischen Hauptstadt. Vorbei auch an einem Studio in einer StraĂźe namens Vogasel. Im Inneren des Greenhouse Studios haben sich fĂĽnf Männer versammelt. Im hellen und warmen „Live Room“ spĂĽrt man nichts von den bitterkalten Morgenstunden. Gitarren und Banjos werden gestimmt, die Männer spielen zusammen verschiedene musikalische Varianten durch und starten die Aufnahmen zu „Walkin’ Boss“, einem traditionellen Folksong, der vor allem durch Doc Watson berĂĽhmt wurde. Ein paar Takes später ist der Song im Kasten. Vier Tage lang sind die Musiker versammelt, dann sind die zehn StĂĽcke von „Lily-O“ eingespielt. Sam Amidons fĂĽnftes Studioalbum ist geboren.

Der Musiker aus Vermont zählt zu den interessantesten Folk-KĂĽnstlern der letzten Jahre. 2001 veröffentlicht er das selbstaufgenommene „Solo Fiddle“, auf dem er alte, irische InstrumentalstĂĽcke auf seiner Geige darbietet. Sechs Jahre später folgt sein Studio-DebĂĽtalbum „But This Chicken Proved False Hearted“. Ăśber die Jahre knĂĽpft Amidon viele Kontakte zu Musikerkollegen: Auf den jĂĽngsten Alben von tUnE-yArDs, Aoife O’Donovan und den Blind Boys Of Alabama taucht er als Gastmusiker auf.

„Lily-O“ besteht zum größten Teil aus traditionellen Folksongs, die von Amidon bemerkenswert neu interpretiert werden. Es ist das zweite Album, das auf dem Label Nonesuch erscheint. Und es gibt weitere alte Bekannte: Valgeir SigurĂ°sson, Besitzer des Greenhouse Studios, wird als Produzent engagiert. Damit ist „Lily-O“ bereits das dritte Album, das in Kooperation von Amidon und SigurĂ°sson entsteht. Zusätzlich wird der Jazz-Gitarrist und Komponist Bill Frisell nach ReykjavĂ­k eingeladen. Mit dem Bassisten Shahzad Ismaily und dem Schlagzeuger Chris Vatalaro ist die Mannschaft schlieĂźlich komplett.

Die Chemie zwischen den Musikern ist hörbar. Amidons zärtlich-trauriger Gesang bettet sich in stimmungsvolle Gitarren- und Bassarrangements, wie beispielsweise im sehnsuchtsvollen „Won’t Turn Back“. EindrĂĽckliche Violinsoli, ein rhythmisch fesselnder Beat und lichte Gitarrenklänge machen „Blue Mountains“ zu einem der intimsten und intensivsten Songs auf „Lily-O“. Auf Overdubbing wird fast vollständig verzichtet: Das Album klingt „echt“, direkt, ungekĂĽnstelt. Fast so, als säße man persönlich mit den fĂĽnf Musikern im „Live Room“ des Greenhouse Studios an jenem eisigen Oktobermorgen.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Sam Amidon“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Neue Platten: Groundation – „A Miracle“

Cover des Albums A Miracle von GroundationGroundation – „A Miracle“ (Soulbeats)

8,6

Auf neue Alben von Groundation wartet die weltweite Reggaeszene sehnsüchtig. Seitdem die Musik der kalifornischen Band über ihre Heimat hinaus bekannt wurde, zählt die Band um den mehr als charismatischen Sänger Harrison Stafford als die Rootsreggae-Band überhaupt. Regelmäßig werden ihre Auftritte in Hamburg, San Francisco, Barcelona, Paris, London oder wo auch immer mächtig gefeiert. Ihr Mix aus tiefem Rootsreggae und ausgefeiltem Jazz kommt an. Es scheint so, als ob gerade diese anspruchsvolle Herangehensweise den Unterschied macht und die Band aus dem Allerlei heraushebt. Einen wesentlichen Anteil hieran haben die virtuosen Musiker der Band, aber vor allem Harrison Stafford und Marcus Urani.

Mit „A Miracle“ legen die Kalifornier ihr neues Werk vor. Randvoll angefĂĽllt mit dem, was man von ihnen erwartet: verdammt ausgeklĂĽgelt komponierter und gespielter Reggae! Und selbstverständlich mit erlesenen Gästen. Dieses Mal geben sich zwei von drei I-Threes die Ehre: Marcia Griffiths und Judy Mowatt. Ein dritter Gast wurde bis zum Veröffentlichungsdatum geheim gehalten, um Spannung zu erzeugen. Es handelt sich um einen Beitrag der Sängerin Kim Powell, also einer weiteren Frau, die auf „Cupid’s Arrow“ ähnlich wie Judy Mowatt eher sanfte, soulige Töne beisteuert.

Als Produzenten des Albums haben Harrison Stafford und Marcus Urani, der unglaublich talentierte Tastenmann der Band, gemeinsame Sache gemacht. Insofern verwundert es nicht, dass Reggae und Jazz nahezu gleichwertig nebeneinanderstehen (man höre sich z. B. den Titeltrack featuring Judy Mowatt an). Dennoch erscheinen die Tracks auf „A Miracle“ eine Spur eingängiger als es bei frĂĽheren Alben der Fall war.

„A Miracle“ setzt den eingeschlagenen Weg der Kalifornier ĂĽberzeugend fort. Tief spirituell, spielfreudig, offen fĂĽr musikalische Erfahrungen und auf einem (wie immer) sehr hohen Niveau. Die alten und neu hinzukommenden Fans werden ihre Freude an diesem Album haben! Schon jetzt ist klar, dass es in keiner anspruchsvollen Sammlung fehlen darf.

Label: Soulbeats
Kaufen: artistxite-Shop

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