Neue Platten: Scott Walker + Sunn O))) – „Soused“

Cover des Albums Soused von Scott Walker + Sunn O)))Scott Walker + Sunn O))) – „Soused“ (4AD)

7,4

Ein zĂ€hflĂŒssiger Drone, ein weit entferntes Pfeifen, das klingt wie ein verfremdeter Schmerzschrei, der von scheinbar zufĂ€llig hereinpreschenden MetallschlĂ€gen beantwortet wird. Das ist der Sound, den man von Sunn O))), dem US-amerikanischen Drone-Metal-Duo, gewohnt ist. WĂ€re da nicht plötzlich diese beißende Tenorstimme, die so aufdringlich ist wie Fernsehwerbung wĂ€hrend eines Spielfilms – und dabei auch noch kryptische Textzeilen singt wie: „A beating would do me a world of good“. Doch ich will hier nichts ĂŒberstĂŒrzen. Die Stimme gehört zu Scott Walker, einem englischen SĂ€nger, der niemand Geringeres als David Bowie zu seinen treuesten Fans zĂ€hlen kann. Der heute 71-JĂ€hrige wurde in den 1960er-Jahren mit der Band Walker Brothers weltberĂŒhmt, bevor er sich nach der Auflösung fĂŒr eine Solokarriere als Chansonnier entschied – und dann so unterschiedliche Musiker wie Damon Albarn, Jarvis Cocker oder The Last Shadow Puppets beeinflusste.

Dass die oft in Mönchskutten gekleideten Sunn O))) den SĂ€nger nun fĂŒr ihr neues Album „Soused“ engagiert haben, wirkt nur auf den ersten Blick unpassend fĂŒr die Musik des enigmatischen Duos, das in Ă€sthetischer Hinsicht irgendwo zwischen Black Metal, soundgewordenem Gottesdienst und den avantgardistischen Klangexperimenten von Neuer Musik angesiedelt ist. Denn Sunn O))) orientieren sich mit ihrer vor allem auf Körperlichkeit abzielenden Musik seit jeher an avantgardistischen Ideen.

Und Avantgarde bedeutet immer auch, Konventionen zu zerstören und Gewohnheiten zu unterlaufen. Die Musik aus organisiertem Dröhnen und dem von Gregorianik und Opern beeinflussten Gesang erfordert eine gewisse Zeit, bis sie ihre eindringliche AtmosphĂ€re entfaltet. Musikalisch bleibt sich das Duo bis auf einige neue Referenzen wie etwa die hohen Glissandi-Töne des polnischen Komponisten György Ligeti weitgehend treu. Keiner der fĂŒnf Songs ist kĂŒrzer als acht Minuten, ein bedrohliches Hintergrundrauschen ist allgegenwĂ€rtig und die verzerrt-atonalen Akkorde werden bis aufs Äußerste gedehnt.

WĂ€hrend sich die helle Stimme wie ein dauerhafter Kontrapunkt durch die reduzierten wie dĂŒsteren Klanglandschaften zieht, passt die Thematik der Texte schon wesentlich besser zur mythisch aufgeladenen Musik. Denn die oft sehr bildhafte Sprache Walkers erinnert nicht nur thematisch, sondern auch metrisch an die dĂŒstere Lyrik von Poeten wie T. S. Eliot. Der Song „Herod 2014″ etwa ist eine musikalische Interpretation des Massakers, das König Herodes der Bibel zufolge einst in Bethlehem verĂŒbte.

Das lĂ€sst sich einerseits als Flucht in vergangene Zeiten lesen, aber auch als BrĂŒcke in die Gegenwart. Denn die biblische Interpretation eignet sich perfekt als kritischer Kommentar auf die barbarischen VerhĂ€ltnisse unserer Gegenwart.

„Soused“ ist eine Herausforderung, aber eine, die sich lohnt. Denn das Album setzt vor allem kathartische KrĂ€fte frei, indem es vergessene DĂ€monen der Menschheitsgeschichte mit denen der leider realen Gegenwart koppelt. ZeitgemĂ€ĂŸer könnte Musik nicht sein.

Label: 4AD
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Album der Woche: „Master Mix: Red Hot + Arthur Russell“

20.10.2014 von  

Cover der Compilation Master Mix: Red Hot + Arthur RussellVÖ: 17. Oktober 2014
Web: redhot.org
Label: Yep Roc
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Wenn es etwas gibt, auf das bestĂ€ndig Verlass ist, dann sind das die Compilations der Red Hot Organization mit Sitz in New York City. Seit nunmehr 24 Jahren veröffentlicht diese Hilfsorganisation Musikalben, deren Erlös verschiedenen Stiftungen zukommt, die HIV und AIDS bekĂ€mpfen. In dieser Zeit wurden bereits ĂŒber 15 dieser Compilation-Alben veröffentlicht, auf denen KĂŒnstler jeglichen Alters und jeglichen Bekanntheitsgrads Songs beisteuern. Oft stehen diese Zusammenstellungen unter einem besonderen Thema, so wie zum Beispiel die letztjĂ€hrig erschienene Red Hot + Fela, die der afrikanischen Musiklegende Fela Kuti Tribut zollt.

Das aktuelle Projekt will das 1992 verstorbene Multitalent Arthur Russell ehren. Dieser war besonders ab den spĂ€ten 70er-Jahren ein wegweisender Musiker, Cellist, Pionier der elektronischen Tanzmusik. Seine musikalische Genreabdeckung reicht dabei von Klassik ĂŒber Pop bis hin zu avantgardistischen Kompositionen. 26 dieser zeitlosen StĂŒcke werden auf Master Mix: Red Hot + Arthur Russell von rund 20 zeitgenössischen KĂŒnstlern neu interpretiert. Ein gewagtes Unterfangen.

Ein solch monumentales Vorhaben kann leicht in die falsche Richtung kippen: „Ich hatte fast das GefĂŒhl, dass man von derart heiligen Vorlagen lieber die Finger lassen sollte 
 aber wir haben [Losing My Taste For The Night Life] dann schließlich aufgenommen, weil wir damit sagen wollten: ‚Hört euch das Werk von Arthur an!‘, so der amerikanische Singer-Songwriter Devendra Banhart. Andere KĂŒnstler haben weniger Zweifel: Robyn und JosĂ© GonzĂĄlez sind sofort von der Idee begeistert. Letzterer spendiert das EröffnungsstĂŒck, eine ĂŒberarbeitete, rhythmische Fassung von This Is How We Walk On The Moon. Auch Robyn macht aus dem sowieso schon tanzbaren Tell You einen wuchtigen Gute-Laune-Wirbelsturm.

Neben diesen drei Musikern gibt es auch Tracks von Blood Orange, Sufjan Stevens oder Cults. Allen gemein ist die Bewunderung fĂŒr den verstorbenen amerikanischen KĂŒnstler, der als Perfektionist galt und im Laufe der Zeit gerade einmal vier Studioalben veröffentlichte. Auf Grundlage dieser Bewunderung entsteht mit Master Mix: Red Hot + Arthur Russell ein Album, das sich vor dem ƒuvre des KĂŒnstlers verneigt und ein Zeichen setzt: Auserlesene Musik zu genießen und gleichzeitig auch noch fĂŒr einen wichtigen Zweck zu spenden, schließt sich nicht aus.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Red Hot“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Neue Platten: Thurston Moore – „The Best Day“

15.10.2014 von  

Cover des Albums The Best Day von Thurston MooreThurston Moore – „The Best Day“ (Matador)

7,9

Das vorlĂ€ufige Ende von Sonic Youth schien das Schlimmste und gleichermaßen Beste heraufzubeschwören, was dem einflussreichen Krachkollektiv widerfahren konnte. Jenes dialektische VerhĂ€ltnis speist sich einerseits aus der enormen Relevanz, die jene Gruppe nicht nur als Rolemodels und IdentifikationsflĂ€che fĂŒr die einst so medienwirksam betitelte Generation X darstellte, sondern darĂŒber hinaus fĂŒr eine radikale Politisierung und Subversion mittels Ästhetik und die Verbindung von Sub- und Hochkultur, von Neuer Musik, Jazz und Punk hatte. Die unprĂ€tentiöse – trotz oder gerade wegen Kunsthochschule zumeist autodidaktische – Herangehensweise des No Wave im New York der spĂ€ten 1970er- und frĂŒhen 1980er-Jahre wurde konsequent weitergedacht und so waren die Makers of Cool mit einer Bandgeschichte von fast drei Dekaden ein popkulturelles Relikt, was die symbiotische Umsetzung verschiedenster kreativer Felder wie Musik, Film, Literatur, Performing Arts und bildender Kunst angeht. Ich möchte bewusst vermeiden, an dieser Stelle von „in WĂŒrde altern“ zu sprechen.

Waren die Soloarbeiten der jeweiligen Individuen einst NebenschauplĂ€tze und vom Projektcharakter geprĂ€gt, so entstand ab der dramatischen Trennung vom einstigen Indie-Traumpaar Gordon-Moore nach 27-jĂ€hriger Ehe und einer gemeinsamen Tochter Raum fĂŒr Neues und so wurde mit durchaus spannenden Releases ĂŒber die schleichende Auflösung (?) hinweggetröstet. Steve Shelley sprang kurzzeitig als vollwertiges Mitglied der Chicagoer Kraut-WiedergĂ€nger Disappears ein und ist als Session-Drummer fĂŒr Spectre Folk, Sun Kil Moon (et al.) tĂ€tig. Lee Ranaldo veröffentlichte indes zwei zeitlos-frische, von Psychedelic, Yo La Tengo und seiner Jugend bzw. Kindheit beeinflusste Alben. Kim Gordon widmete sich u. a. ihrer bald erscheinenden Autobiografie und dem fordernden Noise-Duo Body/Head. Und Thurston Moore?

Der stets extrovertierteste der vier alternden Ewig-Jugendlichen veröffentlicht nach Chelsea Light Moving und gar gruseligen AusflĂŒgen im Black Metal mit „The Best Day“ sein insgesamt viertes Soloalbum und zugleich erstes seit vier Jahren bzw. der Trennung, welcher eine rund sechsjĂ€hrige (!) AffĂ€re mit der gemeinsamen Freundin und Verlagspartnerin Eva Prinz – die Moore im Übrigen ĂŒber Gordon kennenlernte – vorausging. Dieser Fakt und die gleichzeitige Verehrung des kĂŒnstlerischen Schaffens (Stichwort Dialektik) lĂ€sst „The Best Day“ zunĂ€chst vielmehr als Worst Case erscheinen, sodass es ein schier unmögliches Unterfangen darstellt, die Platte unvoreingenommen zu rezensieren. Damit einhergehend bin ich dazu geneigt, solch breitbeinige Gitarrensoli wie im Titelsong nicht mehr als ironische, ĂŒberaffirmative Aneignung stilistischer Mittel klassischer Rockwerke der 70er-Jahre (wie es hingegen auf „Daydream Nation“ aus dem Jahre 1988 der Fall war) zu dechiffrieren, sondern differenzierter und wesentlich kritischer in einem Kontext zu bewerten, von dem sich Moore jederzeit explizit distanzierte und wahrscheinlich auch noch heutzutage lossagen wĂŒrde – nĂ€mlich vom sogenannten „Dude-Core“ (O-Ton Moore), dem Großteil des kulturindustriellen Establishments von Typen, die mit phallisch eingesetzten Gitarren Musik im Allgemeinen und Punk bzw. Indie-Rock im Speziellen fĂŒr ein mĂ€nnliches Publikum produzieren. Von Jungs fĂŒr Jungs eben.

Doch zurĂŒck zum besten Tag: Das Coverartwork zeigt Moores Mutter. Diese sieht darauf Ă€hnlich unbeschwert und losgelöst aus, wie der Eröffnungstrack mit dem Titel „Speak To The Wild“ klingt. Bewegte sich der passionierte Sammler von Sun-Ra-Platten zuvor meist im Spannungsfeld von Avantgarde, Impro bzw. Noise und 12-saitigen Akustikversionen mit Beck Hansen, so vermag „The Best Day“ noch mehr als die letzten Outputs von Lee Ranaldo Assoziationen zu den SpĂ€twerken Sonic Youths oder auch „A Thousand Leaves“ (von 1998) hervorzurufen und spielt mit altbekannten Songwriting-Trademarks wie dissonanten, atonalen Akkorden und Steve Shelleys Neu!-beeinflussten Motorik-Beats, aber auch mit Moores AffinitĂ€t fĂŒr endlos mĂ€andernde Jams, wie das darauffolgende gut 11-minĂŒtige „Forevermore“ hypnotisch-vertrippt unter Beweis stellt. Aber DiversitĂ€t möchte nach wie vor gewahrt werden: So jongliert das akustische „Tape“ erneut mit arabischen Skalen und ein eigentlich so prĂ€destinierter Kim-Gordon-Track wie „Grace Lake“ oszilliert in einem entrĂŒckten Intrumental. Neben Shelley – dem bereits erwĂ€hnten WeggefĂ€hrten aus Sonic-Youth-Zeiten – wird Moore des Weiteren vom britischen Musiker James Sedwards und Debbie Googe von My Bloody Valentine begleitet, was den Wegfall von Gordon und Ranaldo natĂŒrlich nicht kompensieren kann, dies womöglich aber auch gar nicht will.

Insofern ist dieses Album als fĂŒr sich allein stehender, begeisternder Neuanfang mit fadem Beigeschmack zu verorten, der es durchaus versteht, das entstandene Vakuum zu fĂŒllen und gespannt in eine ungewisse Zukunft blicken lĂ€sst.

Und vielleicht wird es ja irgendwann doch noch was mit einer Reunion, wenn auch nur als Finanzspritze. So gab Moore bereits 2007 gegenĂŒber einer Onlineplattform offen zu, sich darĂŒber zu Ă€rgern, Sonic Youth nicht frĂŒhzeitig aufgelöst zu haben und im Gegensatz zu Dinosaur Jr. oder den Pixies nun keine gut bezahlten Reunion-Shows zu spielen.

Label: Matador
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Neue Platten: Iceage – „Plowing Into The Field Of Love“

Cover des Albums Plowing Into The Field Of Love von IceageIceage – „Plowing Into The Field Of Love“ (Matador)

7,7

Den Preis fĂŒr den schönsten Albumtitel des Jahres haben sie schon mal verdient. „Plowing Into The Field Of Love“ heißt das neue Album der dĂ€nischen Garagerock-Combo Iceage. Und das PflĂŒgen auf dem Feld der Liebe gelingt auch auf ihrem dritten Album ziemlich gut. Ein Album, das nach abgestandenem Bier, kaltem Zigarettenrauch im Proberaum, aber auch nach jugendlichen SehnsĂŒchten klingt. Ein blechernes Schlagzeug, halbverstimmte Gitarren, ein roher, unbearbeiteter E-Bass und ein leidenschaftlich vernuschelter Gesang, der zwischen Husten und gelegentlichen Kotzlauten pendelt und sich stilistisch an einer Kreuzung aus dem sprechhaften ErzĂ€hlgesang von Julia Casablancas (The Strokes) und Cursives Tim Kasher versucht. Im instrumentalen Grundrauschen blitzen dann, im Gegensatz zu dem noch wesentlich punkigeren VorgĂ€nger „You’re Nothing“, gelegentlich Klavierakkorde und Trompeten auf.

Die Welt der vier Musiker Anfang 20 lĂ€sst sich relativ einfach in Schwarz und Weiß aufteilen, was den Älteren eine Reise in die Sorglosigkeit der Jugend ermöglicht und den Gleichaltrigen zu ersten Schritten auf dem Gebiet des Weltschmerzes und des Exzesses verhilft. Die Texte bewegen sich dabei zwischen sympathischer SelbstĂŒberschĂ€tzung wie in „The Lord’s Favorite“ („I am God’s favorite one“) und melancholisch-schönen Liebeshuldigungen wie in „Forever“ („If I could dive into the other / I would lose myself forever“). Womöglich ist die Band aus Kopenhagen nicht ohne Hintergedanken nach einem Song der Postpunkband Joy Division benannt. Denn er brachte Mitte der 80er-Jahre die Hoffnungslosigkeit der Gegenwart prĂ€zise auf den Punkt. Mit Songs wie „How Many“, einer wiederum punkigeren Hymne inklusive epischem Refrain mit Rhythmuswechsel, zeigen Iceage dann jedoch, dass es ihnen eigentlich um nichts anderes als die Essenz der Popmusik geht: dem Alltag sinnvoll zu entfliehen, sei es mit erhobenem Mittelfinger oder offenen Armen.

Label: Matador
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Album der Woche: Kindness – „Otherness“

13.10.2014 von  

Kindness - OthernessVÖ: 10. Oktober 2014
Web: kindness.es
Label: Female Energy
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Das verflixte zweite Album. Es ist immer von Neuem spannend: Wird sich der KĂŒnstler aus den FĂ€ngen seines DebĂŒts freispielen? Oder ist die Angst vor VerĂ€nderung zu groß? Otherness von Kindness signalisiert die Andersartigkeit direkt im Titel. Er hĂ€tte das Album genauso gut „Timeless“ oder „Togetherness“ nennen können: Die HĂ€lfte der Songs sind Kollaborationen. Und das alles klingt ziemlich zeitlos.

Vor zwei Jahren veröffentlicht Adam Bainbridge, der Brite mit den indisch-afrikanischen Wurzeln alias Kindness sein DebĂŒtalbum mit dem provokanten Titel World, You Need A Change Of Mind. Das zugehörige Cover ist schwarz, weiß, schlicht: Es zeigt Bainbridges Körper, zumindest den Ausschnitt zwischen Bauchnabel und Nase. Zwei Jahre spĂ€ter, zweites Album: Das Cover ist farbig, nĂ€her, ‚anders‘: Die Großaufnahme seines Kopfes mit undurchsichtiger Mimik stellt das zwangslĂ€ufige Gegenteil zum anonymen Erstlingswerk dar. Ist es angesichts dessen nicht bezeichnend, dass gerade der Albumopener World Restart heißt? Und dass Kindness bei diesem Song im Hintergrund bleibt und stattdessen R&B-Wunderkind Kelela und Ade die Leadvocals ĂŒberlĂ€sst?

Und trotzdem – oder gerade deshalb – gibt Bainbridge mehr von sich preis. Er wĂŒhlt sich durch ernste Themen, offenbart StĂŒck fĂŒr StĂŒck seine musikalische GenialitĂ€t, die er auf dem VorgĂ€nger schon andeutet. FĂŒr Songs wie I’ll Be Back muss man Kindness einfach bewundern: Glasklare Klavierakkorde und warme Synthies tanzen mit einem schweren Beat und Fingersnips um die Wette – dennoch klingt das Resultat unheimlich schwerelos. „Baby, tell me your fantasies“, haucht die betörende Stimme von Kelela auf With You, das mit dumpfen BĂ€ssen und einer Saxofonbegleitung die richtige Mischung aus Kitsch und tiefer Ernsthaftigkeit findet. Und mit der schwedischen Pop-Chanteuse Robyn werden auf Who Do You Love? sĂ€mtliche Reminiszenzen an die spĂ€ten 80er ausgepackt: Rock-Orgel, sehnsĂŒchtige Synthies, hĂŒpfende BĂ€sse und ein unbeschwerter Rhythmus. Die anderen Songs, darunter auch Features mit Dev Hynes alias Blood Orange, Tawiah oder M.anifest sind nicht weniger experimentell und rĂŒcken Future Soul, R&B und Pop in ein neues, glanzvolles Licht.

Kindness spielt, singt, (ent)zaubert sich aus seinem DebĂŒt an einen Ort, an dem drei Dinge oberstes Gebot sind: Mut zum kollektiven Arbeiten, Mut zu neuen Experimenten und Mut, die im Albumtitel angedeutete Andersartigkeit auszuleben: „There’s a lot of great, direct contemporary-sounding pop music to choose from, but even the most mainstream of mainstream audiences might also want something that sounds different from time to time. My motivation is: ‚What do I feel I can do better than anyone else?‘ I hope I’ve made that record.“

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Kindness“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Neue Platten: Foxygen – „
And Star Power“

Cover des Albums 
And Star Power von FoxygenFoxygen – „
And Star Power“ (Jagjaguwar)

7,8

Diese zwei Jungs von Foxygen 
 Die haben es faustdick hinter den Ohren. Hat man ihnen bei ihren letzten zwei Alben noch die MĂ€r vom zu schnellen, zu hĂ€ufigen Genrewechsel erzĂ€hlt, hat sie geliebt oder gehasst fĂŒr ihren stringenten Sixties-Sound, in dem sie nun wirklich alles – von Motown ĂŒber Kinks bis hin zu The Mamas & The Papas – in einem Song miteinander verzwirbelten, hat dieser Band Fortschritt im RĂŒckbezug attestiert, ja, hat gar den Fehdehandschuh geworfen, bereit, sich mit den Engsten fĂŒr diese Band zu ĂŒberwerfen. WofĂŒr? FĂŒr nichts. FĂŒr eine Sturheit, die beinahe schon frech daherkommt. FĂŒr eine AttitĂŒde, die man mit „Wir machen das schon immer so“ ĂŒberschreiben möchte.

Mit ihrem dritten Werk „
And Star Power“ gehen die zwei Kalifornier dem Erwartungsdruck, der auf dem Album nach DEM Album („We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic“) lastet, ganz einfach aus dem Weg, schnallen sich ihr akustisches Skateboard an und rollen genau die Routen entlang, auf die sie Lust haben. Ohne RĂŒcksicht auf Erwartungen, ohne Vorgaben, mit großer Freude am Klang und mit unendlicher Vielfalt im Detail.

„
And Star Power“ erzĂ€hlt die Geschichte einer fiktiven Punkband. Eine Punkband, in der du und ich und alle anderen auch spielen könnten. Eine Punkband des Konsens. So widersprĂŒchlich diese Beschreibung ist, so widersprĂŒchlich ist auch das neue Werk von Foxygen. Sie bleiben dem, was sie schon immer tun, in einer Konsequenz treu, dass es beinahe wehtut. Man möchte sie anschreien, die beiden Jungspunde: „Ihr seid jung! Ihr seid wild! Ihr wart mal frisch und neu! Entwickelt euch!“. Nun, da lĂ€cheln sie einem nur gelassen ins Ohr und greifen wieder zu ihren DreiklĂ€ngen, zu ihrem choralen Gesang, zu ihrem prĂ€senten Piano, dem Verzerrer und dem ĂŒbersteuerten Mikrofon. Das passt insgesamt hervorragend zusammen. Die Songs sind clever aufgebaut, haben disharmonische Momente, kleine raffinierte StilbrĂŒche oder ein dauerhaft nervendes E-Piano. Sie funktionieren gut, schweifen ins Psychedelische ab und fordern beim Hören heraus.

Und trotzdem. „
And Star Power“ liegt eine Nonchalance zugrunde, die manchmal ins Belanglose abrutscht. Das Album wirkt in seiner Gesamtheit wie ein verkrampfter Versuch, der alten LĂ€ssigkeit gerecht zu werden. Das liegt an dem wahllosen Einstreuen einzelner Fragmente, das hĂ€ngt zusammen mit dem ewigen Hin und Her zwischen Rock, Punk, Psychedelic, Pop und Surfer-Musik. Das liegt insgesamt aber wohl an der bereits erwĂ€hnten Konsequenz, mit der Foxygen sich dem Sixties-Einschlag verschrieben haben. Das Album hat eine GesamtlĂ€nge von 82 Minuten. FĂŒr heutige Hörgewohnheiten durchaus eine Herausforderung.

Vielleicht ist weniger manchmal mehr? Vielleicht heißt Stillstand manchmal doch RĂŒckschritt? Vielleicht ist vielleicht aber auch nur ein relativierendes Wort fĂŒr ein ganz und gar gelungenes Album, das eben nicht die Erwartungen ĂŒbertrifft, sondern anvisiert und zerschießt.

Trotzdem möchte man den Foxygen-Jungs die langen Zotteln aus dem Gesicht streichen, sie fest an sich drĂŒcken, ihnen zu ihrem Mut zur Sturheit gratulieren und mit ihnen eine Runde Skaten gehen.

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Foxygen live, prÀsentiert von ByteFM:

05.11.14 Berlin – Frannz

Neue Platten: SBTRKT – „Wonder Where We Land“

Cover des Albums Wonder Where We Land von SBTRKTSBTRKT – „Wonder Where We Land“ (Young Turks)

7,2

Wer hĂ€tte das gedacht? Dass Dubstep, diese in ihrer radikalen Entschleunigung und DĂŒsterheit beispiellose Clubmusik, ein Jahrzehnt nach ihrer Entstehung in London mal zu einem der effektivsten WerkzeugkĂ€sten des zeitgenössischen Pop werden wĂŒrde. Ob der ĂŒberdrehte Stadion-Electro von Skrillex oder der aufgerĂ€umte Neo-Soul von James Blake, der Erfolg so einiger aktueller KĂŒnstler wĂ€re ohne den Londoner Musikstil nicht möglich gewesen. Beim britischen Produzenten Aaron Jerome alias SBTRKT ist das Ă€hnlich, auch wenn sein neues Album „Wonder Where We Land“ immer noch mit dem Dancefloor verwurzelt ist. So sind tiefe BĂ€sse, House-Claps und treibende Dance-Bassdrums immer noch allgegenwĂ€rtig.

Dass die meisten der 15 StĂŒcke jedoch weitgehend nach radiotauglichen Songs als nach Dancefloor-Tracks klingen, liegt vor allem an den GastsĂ€ngern. Neben BeitrĂ€gen des Londoners und langjĂ€hrigen SBTRKT-Wegbegleiters Sampha, der PopsĂ€ngerin Jessie Ware und dem 18-jĂ€hrigen Rap-Newcomer Raury arbeitete Jerome auch mit Ezra Koenig von den New Yorker Indie-Hipstern Vampire Weekend zusammen. Das aus diesem Feature entstandene „New Dorp New York“ ist mit seiner Kreuzung aus Funk, frĂŒhem House und klappernden Livepercussions einer der ungewöhnlichsten Tracks. Aber auch „Wonder Where We Land“, bei dem der sonore Soulgesang von Sampha ĂŒber obskuren 8-Bit-Sounds schwebt, ist ein Beweis fĂŒr die stilistische Bandbreite von SBTRKT, der trotz aller PopaffinitĂ€t nicht die Lust am Experiment zu verlieren scheint. Demnach bleibt der Brite der Vision von Dubstep verhaftet:  eine Musik jenseits von Stilkonventionen zu schaffen, die die kulturelle Situation des Jahrhunderts in ihrer Ă€sthetischen UnĂŒbersichtlichkeit widerspiegelt.

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Album der Woche: She Keeps Bees – „Eight Houses“

Cover des Albums Eight Houses von She Keeps BeesVÖ: 26. September 2014
Web: shekeepsbees.com
Label: BB*Island
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„Es ist, wie es ist“. Ein Satz, der mit hoher Wahrscheinlichkeit genau in diesem Moment, an einem beliebigen Ort in Deutschland gesagt wird. Es ist die Lieblingsweisheit der verzweifelten Fatalisten, eine Alltagsdroge, die  ĂŒber den unbeirrbaren Lauf des Schicksals hinwegtröstet. Im Song „Is What It Is“ des US-amerikanischen Pop-Duos She Keeps Bees bedeutet der Satz jedoch keine Resignation, sondern ist ein Aufruf zur SelbstermĂ€chtigung. Denn er wird in der zweiten HĂ€lfte mit der schönen Zeile beantwortet: „You are worthy“, also: Du bist wĂŒrdig. Mit der zwischen reserviert und entschlossen wechselnden Stimme von Jessica Larrabee, die ĂŒber einem vernebelten Beat schwebt, wirkt das noch nicht mal kitschig, sondern auf unheimliche Weise authentisch. Ein Leitmotiv, das sich durch das gesamte neue Album zieht. Mit „Eight Houses“ knĂŒpft das Brooklyner Duo, bestehend aus der SĂ€ngerin Jessica Larrabee und dem Schlagzeuger Andy LaPlant, daran an, wo es mit seinem DebĂŒt 2009 begonnen hat: vereinnahmende, von Weltschmerz und Straßenweisheiten durchtrĂ€nkte Popsongs zu schreiben – und damit eine Art Zeitgeist zu spiegeln.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „She Keeps Bees“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

She Keeps Bees auf Tour, prÀsentiert von ByteFM:

24.11.14 Heidelberg – Karlstorbahnhof
25.11.14 Mainz – Schon Schön
26.11.14 Schorndorf – Manufaktur
28.11.14 ZĂŒrich (CH) – Bogen F
29.11.14 MĂŒnchen – Hauskonzerte.com
30.11.14 Darmstadt – Bedroomdisco-Wohnzimmerkonzert
01.12.14 Berlin – Kantine am Berghain
03.12.14 Hamburg – Aalhaus (Jever Kneipenkonzert)

Album der Woche: Caribou – „Our Love“

29.09.2014 von  

Caribou - Our LoveVÖ: 3. Oktober 2014
Web: caribou.fm
Label: City Slang
Kaufen: artistxite-Shop

„Es geht mir diesmal nicht um einen Sound oder ein Genre. Ich möchte mit meiner Musik nach vorne schauen können. All die Musiker, die ich verehre, reprĂ€sentieren diesen Ansatz: Miles Davis, John Coltrane, Can, die Zombies.“

Nichts ist so prĂ€gend wie die Erfahrung, ein Kind zu bekommen. Als Vater einer kleinen Tochter hat sich im Leben von Dan Snaith einiges geĂ€ndert. Sein neues Album Our Love klingt reifer, ĂŒberlegter und tiefer als die VorgĂ€nger. Snaith ist erwachsen geworden.

Vor rund zehn Jahren kommt das Album The Milk Of Human Kindness in die PlattenlĂ€den. Damit wird der Kanadier mit dem Pseudonym Caribou erstmals einer breiteren Hörerschicht bekannt. Als Manitoba veröffentlicht er schon zuvor einige Platten; die meisten werden in seiner erfolgreichen spĂ€teren Phase wiederveröffentlicht. 2012 kommt das bisher letzte Album von Snaith heraus, damals unter dem KĂŒnstlernamen Daphni. Mit diesem Album vollzieht sich auch eine stilistische Wandlung: „Wir werden inzwischen mehr fĂŒr Dance-Music-Festivals gebucht und spielen in Dance-Clubs. Das ist fĂŒr mich immer noch eine aufregende Entwicklung.“

Allein das kunstvolle Cover von Our Love, dem vierten Album von Caribou, spricht BĂ€nde. Ähnlich dem abstrakten, bunt gefĂ€rbten Pflanzenmeer findet Caribou in seiner Musik gekonnt die perfekte Mischung aus Minimalismus und Opulenz, nostalgischen KlĂ€ngen und futuristischen Rhythmen, Wehmut und GlĂŒckseligkeit. Sinnliche Tanzmusik-Nummern wie der Titeltrack oder All I Ever Need sind wie gemacht fĂŒr die kĂ€lter werdenden, herbstlichen NĂ€chte. Liebe ist wie zu erwarten eines der bestimmenden Themen. Der Opener Can’t Do Without You ist ein pulsierendes Mantra, das mit organischen Drums und kontinuierlichem Crescendo einen markanten Startpunkt setzt.

UnterstĂŒtzung bekommt Caribou von seinen kanadischen Kollegen Jessy Lanza und Owen Pallett. Second Chance lebt vom gehauchten Gesang der jungen SĂ€ngerin, deren letztjĂ€hriges DebĂŒt ein jubelndes Echo fand. Owen Pallett steht Caribou mit Rat und Tat zur Seite, gibt Feedback und VerbesserungsvorschlĂ€ge. Außerdem arrangiert er die Streicherparts von vier Songs, darunter dem metallisch-kaltem Silver: Ein verzerrter, prall klingender Beat steht im Gegensatz zu Caribous hoher, hallreicher Stimme.

Our Love ist ein Album, das sowohl zum Tanzen als auch zum TrÀumen einlÀdt. So etwas findet man leider viel zu selten. Grund genug, um Our Love einen Ehrenplatz im Plattenregal zu reservieren.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Caribou“ und seiner/ihrer vollstĂ€ndigen Postanschrift an radio@byte.fm.

PrĂ€sentiert von ByteFM kommt Caribou fĂŒr sechs Konzerte nach Deutschland:

10.10.14 – Köln – E-Werk
11.10.14 – Hamburg – Grosse Freiheit 36
14.10.14 – Berlin – Berghain
15.10.14 – Leipzig – Conne Island
19.10.14 – MĂŒnchen – Muffathalle
12.03.15 – Berlin – Columbiahalle

Neue Platten: Martin Carr – „The Breaks“

Cover des Albums The Breaks von Martin CarrMartin Carr – „The Breaks“ (Tapete)

6,4

Eigentlich wird dieses Album ein halbes Jahr zu spĂ€t veröffentlicht. Martin Carrs „The Breaks“ lĂ€dt nĂ€mlich zum Radfahren ein. Nicht zum Im-grauen-Herbst-mit-ersten-MĂŒtzenversuchen-und-Triefnase-hochgezogenen-Schultern-und-Grummelfalte-Radfahren, sondern zum Arme-breit-ausbreiten-und-den-Sonnenstrahlen-entgegenblinzeln-mit-die-Straße-gehört-mir-AttitĂŒde-und-leicht-eierndem-Vorderrad-Radfahren.

Klingt pathetisch. Klingt nach unbeschwerter Laune. Klingt teilweise zum Erbrechen flatterhaft. Klingt nach Martin Carr.

Der Brite hat nach lĂ€ngerer Labelsuche sein neues Album auf Tapete Records veröffentlicht und schĂ€mt sich nicht, seinen leicht verdaulichen, leichtfĂŒĂŸigen und leicht beschwingenden Pop in die Welt hinauszutragen. Wobei der Sound in bizarrer Weise den Inhalten widerspricht. Die Songs haben durchaus schwere Themen. Stellen den Sinn des Daseins infrage („Mainstream“) oder beteuern die ewige Liebe („I Don’t Think I’ll Make It“).

Doch Carr klingt dabei alles andere als melancholisch. Eher klingt er wie der ewige Optimist. Wie einer, der den Problemchen der Welt auf dem Sattel seines Rades davonfĂ€hrt. Immer den Blick nach vorne. Immer ein LĂ€cheln auf den Lippen. Das wird durch den steten Einsatz von Chor- und Orchestereinlagen beinahe grotesk unterstrichen. Auch die PrĂ€senz des E-Pianos, ob mit Orgelton oder mit Melodica-Anmut, und die wirklich immer und immer vordergrĂŒndige Akustikgitarre lassen die Songs von Martin Carr leicht ĂŒberspitzt erscheinen. Beinahe lĂ€sst sich vermuten, dass er mit der Übertreibung spielt, sie als Kontrast nutzt, den Pathos zur Entlarvung der Fröhlichkeit verwendet.

Und doch fehlt es an der Konsequenz. Kleine Aufnahmefehler wie verpasste ChoreinsĂ€tze oder schiefe Töne („St Peter In Chains“) verweisen genauso auf die Ernsthaftigkeit der pathetischen Stilmittel wie die Gitarre, die nur allzu oft und manchmal ein bisschen nervend als Dialogpartner zur Carrs Gesang fungieren muss. Das passt strukturell durchaus zusammen, fĂŒhrt aber dazu, dass die teils schweren Texte unwirklich wirken. Beinahe so, als wĂŒrde Carr mit Fahrradhelm bei rot ĂŒber die Ampel fahren – der Versuch von lingualer Rebellion unter dem Mantel der tonalen Sicherheit.

Letztlich funktioniert „The Breaks“ als Gesamtwerk wunderbar, es ist ein Album fĂŒr gute Momente, erinnert bruchstĂŒckhaft an Belle And Sebastian oder Stephen Malkmus ohne wahnwitzige Einlagen, lĂ€sst die Welt Welt sein und kann belanglose Momente zu dauerhaften Erinnerungen werden lassen.

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