Neue Platten: Cloud Boat – „Model Of You“

Cloud Boat - Model Of You (Apollo)Cloud Boat – „Model Of You“ (Apollo)

6,8

„Model Of You“ ist das zweite Album des Londoner Duos Cloud Boat, das mit „Lions On The Beach“ 2011 im elektronisch-verspielten Fahrwasser des Londoner Dubstep-Phänomens hochgespĂĽlt wurde. Nicht ganz in die Maske gepasst haben Tom Clarke und Sam Ricketts, die hinter dem Pseudonym Cloud Boat stecken. Mit ihrem prägenden Gesang auf Loops und Effekten, dazu eine Ă„sthetik, die sich von vielen der urbanen Motive und abstrakten Formen unterschied, haben sie sich dennoch in einige Playlists gespielt. Zwei Jahre später tauchten sie wieder auf mit „Wanderlust“ und dem ersten Album „Book Of Hours“, schon mehr als Singer-Songwriter angekommen als in der Tanzmusik verwurzelt.

Es wundert also nicht, dass auch das zweite Album der beiden Produzenten sicher auch einige ihrer ersten Hörer und Hörerinnen vor den Kopf stoßen wird. Ein Jahr Zeit haben sich die beiden Londoner für das neue Album genommen und an dem getüftelt, was nun ihr Sound sein soll. Größer, reicher und epischer sollte es werden, das, was vorher bloß Fahrwasser war, tiefer, mitreißender und abenteuerlicher.

Das Ergebnis ist Pathos. Es liegt in den schweren, oftmals schwermĂĽtigen Produktionen des britischen Duos. Es wabert mit in bösen Gitarren, in dunklen Synths, in pluckernden Bässen, in den In- und Outros der StĂĽcke, die sich langsam aufbauen oder sphärisch verlaufen, sogar im pulsierenden Beat der schon fast positiven StĂĽcke „The Glow“ und „Aurelia“. Ganz besonders steckt es aber im Gesang von Tom Clarke – mal zerbrechlich, mal energetisch, aber immer dramatisch.

Die bereits Ende März veröffentliche Single „Carmine“ versprach schon diese Mischung aus elektronischer Instrumentierung und folkiger Dramaturgie, was das Album einhält. Die größte Stärke hat es dennoch entweder in ebendiesem Song „Carmine“ und seiner mitnehmenden Melodie, oder aber in „Golden Lights“, keine zwei Minuten lang und instrumental, wo nicht nur auf den Gesang, sondern auch auf eine konkrete Richtung verzichtet wird. Wahrscheinlich wieder einmal ein Zeichen dafĂĽr, dass es auch bei Pathos und Drama auf die richtige Dosierung ankommt.

Label: Apollo | Kaufen

Album der Woche: The Raveonettes – „Pe‘ahi“

21.07.2014 von  

The Raveonettes - Pe'ahiVĂ–: 25. Juli 2014
Web: theraveonettes.com
Label: Beat Dies

„Achtung, Geheim-Release!“ So beginnt der spärliche Pressetext zum neuen Album der Raveonettes. Und in der Tat sind die Informationen zum siebten Werk des dänischen Noise-Rock-Duos spärlich. „Pe’ahi“ soll es heiĂźen, genauso wie ein berĂĽhmt-berĂĽchtigter Surfabschnitt der hawaiianischen Insel Maui. WeiĂźer Sandstrand, Palmen, azurblaue Wellen – klingt ziemlich idyllisch. Genauso wie die Musik von Sune Rose Wagner und Sharin Foo?

Tatsächlich sprĂĽhen die Songs auf „Pe’ahi“ im Vergleich zum letzten Album „Observator“ geradezu vor Energie und unbeschwerten Melodien. Das Vorgängeralbum entstand nach einer dunklen Lebensphase Wagners, die von Drogenmissbrauch und Depressionen geprägt war. Dementsprechend niederschlagend und oftmals melancholisch klang die Musik auf dem 2012 erschienenen Werk. Keine Frage, The Raveonettes haben sich auch auf „Pe’ahi“ nicht im Entferntesten dem unbeschwerten Zuckerpop hingegeben. Eine gewisse „nachdenkliche“ Grundstimmung muss man als Hörer wohl auch einnehmen, wenn das Albumcover ein Klappmesser auf grĂĽnem Grund zeigt. Der Opener „Endless Sleeper“ steigt direkt mit einem ansteckenden Rhythmus und verzerrten Gitarren ein und setzt so ein erstes Zeichen, welche Richtung die Skandinavier fĂĽr die nächsten 36 Minuten einschlagen werden. Der charakteristische, zweistimmige Gesang ist ebenso vorhanden wie die Abwechslung von ruhigen, melodiösen Parts und ĂĽbersteuerten GitarrenstĂĽrmen. „Sisters“ lässt sich am besten in drei Worten beschreiben: Noise, Harfen und noch mehr Noise. Zugegeben eine ungewohnte Konstruktion, die im Endeffekt den Song jedoch zu einem der besten des gesamten Albums macht. Vertraut-verträumt beginnt das wundervolle „Z-Boys“, welches nach einem rauschenden Intermezzo einen Tonart- und Tempowechsel vollzieht und so mit einer Art instrumentalen Zugabe ein Ende findet. „Wake Me Up“ erschafft sich seine ganze eigene, filmisch-pittoreske Atmosphäre mit Klavier, Streichern und Glockenspiel. Deutlich experimenteller und vor allem elektronischer wird es gegen Ende der LP: „Kill!“ spielt mit einem harten Beat und kratzigem Synth-Bass. Fast ohne rhythmische Begleitung, dafĂĽr mit einer nicht minder rauschenden Synthie-Mauer und zweistimmigem Gesang gibt sich „When Night Is Almost Done“. Post-Punk, Post-Grunge, vielleicht sogar Post-Raveonettes: „Pe’ahi“ zeigt eine neue, experimentellere Facette der beiden Dänen und wird trotz Geheim-Release sicherlich nicht lang unentdeckt bleiben.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „The Raveonettes“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Auf der offiziellen Website gibt es den Track „Sisters“ gratis zum Download.

Label: Beat Dies | Kaufen

Neue Platten: Slow Club – „Complete Surrender“

17.07.2014 von  

Slow Club - Complete Surrender (Caroline)Slow Club – „Complete Surrender“ (Caroline)

„Complete Surrender“ von Slow Club ist Album der Woche bei unserem Partner artistxite.

Zwei wie ihr, die dĂĽrfen sich nie verlieren. Charles Watson und Rebecca Taylor haben zusammen als Slow Club schon einige musikalische Phasen durchlaufen. Vom poppigen Folk ihres DebĂĽts „Yeah So“ ĂĽber das beherztere „Passion“ haben sie sich zum neuen „Complete Surrender“ in soulige Gefilde vorgewagt. Doch eines zieht sich wie ein roter Faden durch ihre musikalische Reise: die perfekte musikalische Harmonie, die sie verbindet. Und genau diese Trumpfkarte spielen sie erneut geschickt aus.

Ihre Hinwendung zum Soul tut dem Duo gut, setzt noch einmal ganz neue Qualitäten frei. Besonders bei Rebecca Taylor, die bereits auf den ersten Alben ihre stimmlichen Qualitäten angedeutet hatte und sich nun in ganz neue Höhen aufschwingt. „The Queen’s Nose“ ist ein eindrucksvoller Beweis, was fĂĽr eine Power in ihr steckt. Slow Club verweben ihre eigene Folk-Vergangenheit mit musikalischen Liebesbekundungen an Marvin Gaye und den Motown-Sound. Und das immer mit dem guten GespĂĽr fĂĽr die richtige Abmischung.

Vor allem lebt „Complete Surrender“ aber vom tiefen Einverständnis zweier Musiker ĂĽber ihren gemeinsamen musikalischen Weg, dem ergreifenden Miteinander ihres Gesangs, der sich durch fast jeden Song zieht. Im Einklang lassen sie Herzen behutsam schmelzen oder tĂĽrmen sich gegenseitig in fragile Höhen auf wie beim gemeinsamen „Jenga“-Spielen. Ăśberhaupt lassen Slow Club, wie der Name schon andeutet, ihre Songs mit Vorliebe bedächtig starten und erst spät in ihrer ganzen FĂĽlle erblĂĽhen. Hier kommt noch ein Streicher dazu, da ein paar Bläser. Alles zu seiner Zeit, alles in der richtigen Dosis. Ungeduldige Geister bestraft das Leben. Geduldige belohnen Slow Club.

Weitere Neuerscheinungen besprechen wir in unserem neuen wöchentlichen Podcast. Alle vorgestellten Veröffentlichungen findet Ihr auch im Download-Shop unseres Partners artistxite. Weitere Album-Empfehlungen von artistxite findet ihr im artistxite-Blog.

Label: Caroline | Kaufen

Album der Woche: Jungle – „Jungle“

14.07.2014 von  

Jungle - JungleVĂ–: 11. Juli 2014
Web: junglejunglejungle.com
Label: XL

Wenn man die bisher von Jungle veröffentlichten Musikvideos betrachtet, fallen zwei Dinge ganz besonders auf: Zum einen ist da die offensichtliche Vorliebe fĂĽr eine bekannte Sportartikelmarke. Zum anderen wird getanzt. Und wie! Ekstatisch. Lebensfroh. Hemmungslos. Noch nie wurde auf Rollschuhen so beeindruckend zu einem Song getanzt wie im Video zu „The Heat“. Noch nie hat eine sechsjährige Breakdancerin so ĂĽberzeugend Head Spins, Windmills und dergleichen abgeliefert wie bei „Platoon“. Noch nie war der Wunsch größer, den Bildschirm zu durchbrechen, um mit zwei älteren Herren das Tanzbein zu schwingen – so wie im Musikvideo zur aktuellen Single „Time“. Kurzum: Die Musikvideos von Jungle machen einfach SpaĂź. Doch dies ist nur ein Aspekt, warum Jungle als eine der interessantesten Newcomer-Konstellationen gilt.

Beim Erscheinen der ersten Songs Ende 2013 hüllen sich die Musiker und das Label in Schweigen bezüglich Hintergrundinfos. Eine siebenköpfige Live-Besetzung sowie zahlreiche Tänzer vervollständigen die Verwirrung und lassen offen, ob Jungle nun ein Duo, Trio, Quartett oder etwas ganz anderes ist. Mit der Zeit kommen spärliche Infos ans Tageslicht, etwa dass es sich tatsächlich um ein Duo handelt und dieses aus Josh Lloyd-Watson und Tom McFarland besteht. Die beiden sind bereits seit dem zehnten Lebensjahr beste Freunde. Nicht die schlechteste Ausgangsituation, um zusammen Musik zu machen. Gemeinsam kommen sie beim renommierten Label XL Recordings unter Vertrag und starten mit den Aufnahmen zu ihrem Debütalbum. Zur einen Hälfte entsteht dieses im heimischen Studio, zur anderen Hälfte im Londoner XL Studio.

Das Resultat ist erschreckend ĂĽberzeugend. Was da aus dem Kopfhörer dringt, klingt nicht wie eine Band, die noch in den Startlöchern sitzt und versucht, einen eigenen Sound zu finden. Jungle ist bereits mit dem DebĂĽtalbum unverwechselbar. Wie Anfangs erwähnt, gibt es (bisher) kein Musikvideo, in welchem die Beine stillstehen. Das Herz in der Musik von Jungle ist der Rhythmus – und die Seele der Groove. Die stets tanzbare Mischung aus HipHop, Rock, Elektro, Soul, Reggae, Disko, Funk und Soul mit 70er-Jahre-Reminiszenz ist trotz dieser Vielfalt nie ĂĽberladen oder gekĂĽnstelt. Josh und Tom sind stets gleichberechtigte Gesangspartner und geben den Songs mit ihren Falsett-Stimmen eine regelrechte Glanzpolitur. FĂĽr eine Ăśberraschung sorgt der letzte Song der Platte mit dem malerischen Titel „Lemonade Lake“. Dieser beinhaltet einen Hidden Track, der eine gänzlich unerwartete Facette zeigt: Ăśber schleppenden, tremolierenden Orgelklängen und E-Gitarren-Gezupfe jault eine verzerrte Stimme. Ganz ohne Beat und im Vergleich zu den restlichen Songs auf dem Album keineswegs tanzbar. Doch gerade hier zeigt sich eine willkommene Abwechslung, und man darf gespannt sein, ob das Duo fĂĽr den Nachfolger mehr dieser ruhigen Passagen einbaut. FĂĽr Tom und Josh zählt im Moment wohl aber erst mal der Genuss und Stolz, eines der besten DebĂĽtalben diesen Jahres zu veröffentlichen: „Jungle brought us closer together. It made us realize why we’re best friends, and why we wanted to make music that’s fun and honest and true to itself.“

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Jungle“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Jungle – Platoon from Jungle on Vimeo.

Label: XL | Kaufen

Neue Platten: Julius Steinhoff – „Flocking Behaviour“

10.07.2014 von  

Julius Steinhoff - Flocking Behaviour (Smallville)Julius Steinhoff – „Flocking Behaviour“ (Smallville)

„Flocking Behaviour“ von Julius Steinhoff ist Album der Woche bei unserem Partner artistxite.

Nach diversen EPs und Singles folgt endlich das erste Album. Ein Format, das seit einigen Jahren auch in der elektronischen Musik als Krönung der KĂĽnstlerlaufbahn gilt. Dass es dem MitgrĂĽnder von Smallville kaum an Inspiration mangeln dĂĽrfte, ist offensichtlich. Das Hamburger Label ist längst eine zentrale Kultadresse fĂĽr subtilen, unaufdringlichen House. „Flocking Behaviour“ ist dann auch nichts weniger als eine Huldigung an den Stil: Bassdrums, genauso unaufdringlich wie wirkungsvoll, gelegentlich aufblitzende Gesangsamples und ein gutes GespĂĽr fĂĽr die richtige Track-Dramaturgie. Das zeigt sich besonders in „Hey You“, in dem ein vom Synthesizer eingefĂĽhrtes Rhythmusmotiv von metallischen Percussions abgelöst wird, bevor eine elegische Streichermelodie alles in einen warmen Schleier hĂĽllt. Auch die anderen Tracks kleiden sich in ein angenehmes Pathos. Denn wo sonst, wenn nicht im Club, so weiĂź womöglich auch der routinierte DJ Julius Steinhoff, liegen Melancholie und Euphorie so nahe beieinander.

Auf unserer SoundCloud-Seite findet Ihr unseren neuen wöchentlichen Podcast, in dem wir auch das Album von Julius Steinhoff besprechen. Alle vorgestellten Veröffentlichungen findet Ihr auch im Download-Shop unseres Partners artistxite. Weitere Album-Empfehlungen von artistxite findet ihr im artistxite-Blog.

Label: Smallville | Kaufen

Album der Woche: Fink – „Hard Believer“

07.07.2014 von  

Fink - Hard BelieverVĂ–: 11. Juli 2014
Web: finkworld.co.uk
Label: R‘COUP‘D / Ninja Tune

Es gibt wohl wenig Künstler, die eine ähnlich bedeutende 180°-Wendung hingelegt haben: Grob zwanzig Jahre sind vergangen, seit Fin Greenall sein erstes Musikprojekt startete. Sein Herz schlägt damals noch ausschließlich für britische elektronische Musik. Als DJ und Produzent wird er Mitte der 90er-Jahre zu einem der angesagtesten Acts der Insel. 2006 dann der Wandel: Das Album „Biscuits For Breakfast“ erscheint, und Fink ist nicht mehr nur Fink allein, sondern ein Trio: Zusammen mit seinen langjährigen Freunden Tim Thornton und Guy Whittaker nimmt Fin Greenall das Album auf, welches erstmalig eine erdige Singer-Songwriter-Seite zum Ausdruck bringt. Nicht nur, dass Fink damit der erste Singer-Songwriter ist, der beim traditionsreichen, elektronisch orientierten Label Ninja Tune unter Vertrag ist – auch der Eintausch von Plattenspieler gegen Akustikgitarre macht Greenall zu einem beeindruckend Beispiel, wie lebendig die Musikszene ist und wie sehr sich die Durchbrechung musikalischer Grenzen und Erwartungen auszahlt: Von Kritikern gelobt, von den Fans damals vereinzelt kritisch betrachtet, arbeitet sich Fink über die Jahre zu einem Indie-Blues-Act, der viele neue Fans begeistert, darunter zahlreiche Musikerkollegen: So kollaboriert er mit Amy Winehouse, John Legend und Bonobo.

Das neueste Album „Hard Believer“ ist in vielerlei Hinsicht eine Anknüpfung an das 2011 erschienene „Perfect Darkness“. Beide entstanden zusammen mit dem populären Produzenten Billy Bush und enthalten jeweils zehn Songs. Der Vorgänger wurde in 20 Tagen entwickelt und aufgenommen, „Hard Believer“ sogar nur in 17. Die Musiker setzen sich bewusst einen straffen zeitlichen Rahmen aus Angst vor Überproduktion und zu vielen Ideen, welche die Authentizität des Werks zerstören könnten. Die zehn Songs der aktuellen LP klingen folglich sehr rau, intuitiv und ehrlich. Fink geben den Songs genügend Raum und Zeit zum Atmen und Entfalten. Lange Intros und Outros sind die Folge, die aus „Hard Believer“ ein fast meditatives Werk machen. Der Titeltrack klingt da mit seinem stampfenden Beat und den repetitiven Gesangs- und Gitarrenparts gar wie eine Beschwörung, mit der Fin Greenall das Objekt seiner Begierde für sich gewinnen will: „We were made for each other, won’t you believe me now?“ Verschwommene konzentrische Kreise auf dem Albumcover sowie in den beiden bisher veröffentlichten Musikvideos unterstreichen die teils hypnotische Wirkung dieser Musik.

Nachdenkliche Lyrics führen nicht zwangsläufig zu melancholischer Musik, im Falle von „Hard Believer“ überwiegt aber doch die Kombination aus beidem, wie auch bei „Looking Too Closely“: „You don’t wanna hurt yourself, by looking too closely“ singt Greenall und übt damit Kritik an der Gesellschaft und dem Individuum, die Welt nicht so zu sehen, wie sie ist. Stattdessen erkennt man eigene Fehler nicht an und versteckt sich vor der Wahrheit. Die Musik transportiert die nötige Emotion in Form von klugen Gitarrenriffs und traurig-schön klingenden Pianoakkord-Folgen. Der Song beginnt, wie auch der Großteil der restlichen Stücke, ruhig und verhalten, bevor er sich zu einer Welle von heftigen Gitarrenmauern und treibenden Drums zusammenbraut, um dann schlussendlich in sich zusammenfallend den Hörer vom gerade erlebten Alternative-Blues-Rock-Sturm überrascht zurückzulassen. Mit genügend Aufopferung, Talent und Hingabe entstehen große Alben, und mit „Hard Believer“ zeigt Fin Greenall ein weiteres Mal, dass seine Entscheidung genau richtig war.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Fink“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Album der Woche: The Acid – „Liminal“

30.06.2014 von  

The Acid - LiminalVĂ–: 4. Juli 2014
Web: wearetheacid.com
Label: Infectious Music

Als im vergangenen Jahr ganz unscheinbar eine EP von einer Band namens The Acid auftaucht, ahnt noch niemand, wer hinter den vier atmosphärischen Song-Schöpfungen steckt. Trotzdem verbreitet sich die EP in rasanter Geschwindigkeit und die Frage nach den Urhebern scheint unentbehrlich. Wer verbirgt sich hinter The Acid? Es taucht ein Pressefoto auf, welches augenscheinlich drei Personen zeigt, die Gesichter liegen im Schatten von mĂĽllsackähnlichen Kopfbedeckungen. Das Rätselraten geht zwangsläufig in eine zweite Runde. Erst Anfang 2014 dann die Er- bzw. Auflösung: Das Trio besteht zum einen aus dem australischen Singer-Songwriter RY X mit seiner unverwechselbaren Stimme, der schon mit seiner „Berlin“-EP einige Ohren verzĂĽckt haben dĂĽrfte. Zum anderen sind da die Produzenten Steve Nalepa aus Los Angeles und Adam Freeland aus GroĂźbritannien.

In nur neun Tagen erschaffen die drei Musiker das DebĂĽtalbum, den Opener „Animal“ gar in unglaublichen 24 Stunden. „It’s like painting before you know what you are painting. You’re stuck in the process before you’ve got an idea of what you’re making. The beauty of that is complete freedom.“ So beschreibt RY X den Aufnahmeprozess. Dass auf „Liminal“ drei regelrechte TonkĂĽnstler zusammenarbeiten, hat erhebliche Auswirkungen: Der Begriff des Genres scheint bei The Acid abgeschafft, es gibt keine Grenzen, keine Limits. Vibrierend-wimmernde Synthesizer; Soundsamples von StraĂźengeräuschen, Vögeln, Heuschrecken, Fahrrädern und stöhnenden Frauen; verzerrte Bassdröhnungen und die ĂĽber allem segelnde Stimme von RY X – all dies macht „Liminal“ zu einem unvergleichlichen, neuartigen Meilenstein. Die pulsierenden Soundschichten scheinen ein Eigenleben zu entwickeln und sich ĂĽber jegliche Konventionen und Erwartungen hinwegzusetzen. Es gibt wenig Alben, die zugleich Herz, Ohren und Verstand fesseln. Doch wenn man das GlĂĽck hat eines zu entdecken, gibt es kein Entkommen.

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Label: Infectious Music | Kaufen

Album der Woche: The National Jazz Trio Of Scotland – „Standards Vol. III“

23.06.2014 von  

The National Jazz Trio Of Scotland - Standards Vol. IIIVĂ–: 27. Juni 2014
Web: TNJTOS bei Facebook
Label: Karaoke Kalk

Um eventueller Verwirrung vorzubeugen: The National Jazz Trio Of Scotland ist weder ein Trio noch besonders dem Jazz verpflichtet. Doch diese „Enttäuschung“ hält sich in Grenzen angesichts „Standards Vol. III“, dem dritten Album der schottischen Truppe, das Ende Juni erscheint.

Seit drei Jahrzehnten mischt der Multiinstrumentalist Bill Wells die schottische Musikszene gehörig auf und spielt in den unterschiedlichsten Formationen. 2007 grĂĽndet er The National Jazz Trio Of Scotland, ein Projekt, womit Wells etwas sehr persönliches realisiert: „And for me these National Jazz Trio Of Scotland records are probably the closest I’ve got to doing something as I intended.“ 2012 gab es eine wahrlich stimmungsvolle Bescherung: Nicht viele Bands erwählen als Erstveröffentlichung ein Weihnachtsalbum. Und tatsächlich ist der Start von The National Jazz Trio Of Scotland schon zu Beginn weit von traditionellem Jazz entfernt. Es sind die Stimmen von Aby Vulliamy, Kate Sugden und Lorna Gilfedder, die dem DebĂĽt den nötigen, schwerelos-harmonischen Anstrich geben. „Standards Vol. II“ erscheint im Jahr darauf, der erste Teil der Reihe ist und bleibt wohl unveröffentlicht.

Der GroĂźteil der Songs auf „Standards Vol. III“ wird von Wells in seinem eigenen Apartment in Glasgow geschrieben, aufgenommen und produziert. Dabei bleibt er wie der Titel vermuten lässt seinem eingeschlagenen Weg treu: Der Kreativkopf legt den Fokus auf weiche Melodien und die Stimmen der drei Sängerinnen. Rhythmische Begleitung spielt eine untergeordnete Rolle. Dies wird beim chorischen Cover „With Me Tonight“ von den Beach Boys besonders deutlich. „Unguarded Moment“ beginnt mit einer tapsigen, filmmusikartigen ersten Hälfte, bevor der 6/8-Takt dem Song eine unerwartete Wendung bringt. Den Abschluss des Albums bildet das sechsminĂĽtige „Trying To Escape You“, welches sich gekonnt durch Tonartwechsel schlängelt und wohl das Paradebeispiel fĂĽr Wells’ Wunsch nach „light and airy“ Songs ist. Dies ist ihm gelungen, in jeglicher Hinsicht. „Standards Vol. III“ lebt von der puristischen Instrumentation und dem sanften, mehrstimmigen Gesang. Die Messlatte fĂĽr „Standards Vol. IV“ liegt hoch …

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „The National Jazz Trio Of Scotland“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Label: Karaoke Kalk | Kaufen

Neue Platten: Driftmachine – „Nocturnes“

Driftmachine - Nocturnes (Umor Rex)Driftmachine – „Nocturnes“ (Umor Rex)

8,0

„Nocturnes“ – so viel verrät bereits der Titel – ist ein Album voller Nachtmusik. Sechs elektronische Instrumentals fĂĽr eine Welt im Dämmerzustand. Repetitive, nebulöse Dub-Tracks, die langsam und monoton dahingleiten, voll dunkel schillernder Synthsounds sind und dabei die erhabenen Tiefen im Bassbereiche auszufĂĽllen verstehen.

Bereits im Namen des gemeinsamen Projekts der beiden Berliner Andreas Gerth (Tied & Tickled Trio) und Florian Zimmer (Saroos), Driftmachine, treffen die wesentlichen Momente der Musik aufeinander. Auf der einen Seite steht mechanische Präzision und eine auf Minimalismus und Reduktion bedachte Maschinenästhetik, auf der anderen Seite das Hypnotische, Abschweifende und schlafwandlerische Geheimnis von zeitlupenhaftem Ambient-Dub.

Ihrem Ursprung nach sind die sechs Tracks der stark limitierten Vinyl-Veröffentlichung (der digitale Download beinhaltet den zusätzlichen Bonus-Track „Call Mr. Moriba“) jedoch erst mal Studien in Sachen Selbstkontrolle. Laut Aussage der beiden Musiker liegt den Strukturen der StĂĽcke eine intensive Beschäftigung mit modularen Systemen und Synthezisern zugrunde und nicht irgendeine Quelle romantischer Inspiration, wie dies bei klassischen NachtstĂĽcken der Fall ist. Trotz der nĂĽchternen Ausgangssituation fĂĽhrt die Musik den Zuhörer jedoch bald in eine monochrome Halbwelt zwischen Schlafen und Wachen, in schattenhafte Räume, deren Faszination aus der Verwendung warmer Basslinien, ausgedehnter Halleffekte und matt schimmernder Synthesizer-Sounds heraus entsteht.

Gleich beim Eröffnungstrack „Claire Obscure“ ticken metallische Percussionklänge wie ein mysteriöses Uhrwerk zur Geisterstunde, während sich monotone Bässe und nebulös-verwaschene Soundschwaden in minimaler Variation ĂĽber das siebenminĂĽtige StĂĽck erstrecken. Auch beim folgenden „Drift“ bleibt die Stimmung trotz eines stärker treibenden Rhythmus recht dunkel. Stein trifft auf Stein. Es klingt nach groĂźen, leeren Fabrikhallen oder verlassenen Industriebrachen bei Mondschein. Geistermusik eben. Beim zweigeteilten „To Nowhere“ schnalzen und schmatzen fremdartige Splittergeräusche zu einem majestätisch schleppenden Groove, der im zweiten Teil des StĂĽckes deutlich an Fahrt aufnimmt. Gleichförmig und mit wenig Bewegung an der Oberfläche, dafĂĽr aber enorm detailreich und voll flirrender Energie in den darunter liegenden Klangschichten.

Nach dem ebenfalls dicht gefĂĽgten „Sternenmeer“ bildet „RĂ©veil Des Oiseaux“, das anfänglich von präparierten Pianosounds durchzogen wird, einen fast schon flotten, luftigen Abschluss der Vinyl-Version des Albums. In der Digital-Version sorgt der Bonustrack „Call Mr. Moriba“ mit leicht angezerrten Synths, einem strafferen Arrangement, kurzen Melodiefragmenten und einer leicht nervösen Spannung dann sogar fĂĽr eine Stimmung, die etwas ĂĽber den Nacht-Kontext des ĂĽbrigen Albums hinausgeht.

Label: Umor Rex | Kaufen

Neue Platten: The Antlers – „Familiars“

18.06.2014 von  

The Antlers - Familiars (Transgressive)The Antlers – „Familiars“ (Transgressive)

8,2

„Well this is my house. So fuck your doubts and your cute battalion.“ (The Antlers – „Intruders“)

2003 veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller Matt Ruff ein Buch über einen jungen Mann, der aufgrund von traumatischen Kindheitserlebnissen eine multiple Persönlichkeitsstörung entwickelt hat. Eine Vielzahl an Seelen lebt in dem Körper von Andrew Gage, sowohl weibliche als auch männliche, die alle die Kontrolle über ihn erlangen wollen. Durch eine langjährige Therapiearbeit schafft es Gage allerdings, ein Haus für diese Seelen in seinem eigenen Verstand zu bauen. Und er bestimmt im permanenten Dialog mit ihnen, wann sie das Haus verlassen und seine Persönlichkeit für kurze Zeit übernehmen können.

Ob Peter Silberman, Mastermind und Texter der aus Brooklyn stammenden Formation The Antlers, Ruff gelesen hat, weiĂź man nicht. Fakt ist allerdings, dass das neue Album der Antlers, „Familiars“, die Thematik von „Ich und die anderen“ so treffend vertont, als sei es als Teil des Romans konzipiert worden. „Familiars“ handelt von Häusern, die der Protagonist erbaut, von sterilen Hotels, als emotional unbefleckte Orte zur persönlichen Reflexion, von einem Palast als finalen RĂĽckzugsort, von „Intruders“, also Eindringlingen, gegen die es sich zu verteidigen gilt, von einem „Director“, einem Regisseur, der alles zusammenhalten soll.

Aber nichts davon spielt sich in einer Realität ab, die sich auĂźerhalb eines Kopfes befindet. Die Eindringlinge sind Teil der Persönlichkeit, der Ruf nach einem „Director“ ist die Hoffnung auf einen klaren Ăśberblick ĂĽber den eigenen Verstand, das „Hotel“ kann nicht emotional unbefleckt sein, es ist ja im eigenen Geist gebaut. Die zwei auf dem Cover von „Familiars“ in starrer Umarmung verharrenden Zwillings-Statuen visualisieren die Zwiesprache der verschiedenen Persönlichkeiten.

The Antlers hauen damit einmal mehr eine tiefsinnige, feinst gesponnene lyrische Meisterleistung raus. Anders als bei ihrem Durchbruchs-Album „Hospice“ aus dem Jahr 2009 wird das höchst dramatische, einen emotional attackierende Thema dieses mal jedoch nicht eins zu eins musikalisch umgesetzt. Während Silberman 2009 noch mit lauten Shoegaze-Gitarren, dem molligsten Moll aller Molls und einer musikalischer Klimax nach der anderen einen seelischen Trip mit Unhappy End fĂĽr den Hörer garantierte, gehen es The Antlers auf „Familiars“ sanfter, teilweise fast loungig an. Silbermans Stimme klingt so „schön“ wie nie, das heiĂźt auch, dass sie ihm in den hohen Falsett-Lagen nicht mehr so (gewollt) entgleitet wie noch auf „Hospice“ und dem 2011 erschienenen „Burst Apart“. Stattdessen beeindrucken Sicherheit und Facettenreichtum seines Organs. Silberman singt teilweise so tief wie noch nie, vor allem in „Doppelgänger“ muss man sich kurz am Kopf kratzen: Hat Silberman hier gerade böse geklungen?

Aber das ist die Ausnahme. Zumeist könnte man „Familiars“ auch einfach nebenbei hören. Aber dann erwischt es einen doch immer wieder, diese eine gewisse Wendung, die ihre Krallen ins Herz schlägt. Wie nach der Hälfte von „Parade“ oder beim Einsatz des Schlagzeugs im Opener „Palace“. Auch hier lässt sich dann wieder eine BrĂĽcke zu „Ich und die anderen“ schlagen. Traurigkeit und Dramatik des Themas schwimmen nicht an der Oberfläche, aber sie sind definitiv da. Und gibt man diesem Album Zeit, gerne auch mal eine Woche und zehn Durchläufe, dann hat es einen. Dann klopft das Herz.

„We have to make our history less commanding“, singt Silberman in „Surrender“. Wir wĂĽnschen viel GlĂĽck, sind aber bei der weiteren Aufarbeitung gerne noch lange dabei!

Label: Transgressive | Kaufen

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