David Lynch – „Crazy Clown Time“

VÖ: 04.11.2011
Web: „http://davidlynch.com/“
Label: Sunday Best Records

Ist es sinnvoll, ein Album zu rezensieren, wenn man als Autorin Angst vor dieser Platte hat? Und wie, bitte sehr, kann man ĂŒberhaupt Angst vor einer Platte haben?

Nun, beide Fragen lassen sich mit einem Namen beantworten: David Lynch. Die erste Frage kann man getreu Lynchs Philosophie direkt mit einem Zitat aus dem Song „Good Day Today“ von seinem neuen Album „Crazy Clown Time“ beantworten. „So tired of fearing, so tired of dark“. Stell dich der Angst, scheint der Musiker/Filmregisseur/KĂŒnstler zu entgegnen.

Die Antwort zur zweiten Frage liegt auf der Hand (besser, auf dem Ohr): David Lynch. Der grandiose Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent ist bekannt fĂŒr schwere Kunst. Seine Filme sind angsteinflĂ¶ĂŸend, ekelerregend, abartig und gleichzeitig faszinierend, zauberhaft, erhellend. Mit diesem Vorwissen ist bei der Betrachtung Lynchs Albums plötzlich ein GefĂŒhl da, das GefĂŒhl der Angst. Denn: Was David Lynch auf visueller Ebene kann, kann er auf auditiver Ebene erst recht, oder?

Und ob er das kann! David Lynch hat mit seinem DebĂŒt eine Platte vorgelegt, die all das kann, was seine Filme auch können, nur intensiver. Geben uns Filme noch Bilder mit an die Hand, so sind wir beim Hören unserer Fantasie ausgesetzt. Und die wird ordentlich beflĂŒgelt. „Crazy Clown Time“ ist ein Spiel aus gesanglichen Experimenten und musikalischen SphĂ€ren. Lynch setzt einen Kontrapunkt nach dem anderen, bricht akustische Regeln und ĂŒberschreitet Ă€sthetische Grenzen. Sein Mut zur Verunstaltung der eigenen Stimme ist bewundernswert. Kein StĂŒck ist gesanglich wie das andere. David Lynch flĂŒstert, singt, spricht, verzerrt seine Stimme elektronisch, nutzt Hall und Verfremdungseffekte. Ähnlich wie in seinen Filmen scheint Verfremdung ĂŒberhaupt das Wort zum Album zu sein. Die unendliche Vielfalt, die in „Crazy Clown Time“ anklingt, scheint lediglich Hilfsmittel jener Verfremdung zu sein. Der Musiker tritt auf seinem eigenen Album in den Hintergrund, nimmt sich als Person komplett raus, verweigert sich der gesanglichen Zuordnung. Er verfremdet nicht die Musik, nicht den Ton, nicht den Takt. David Lynch verfremdet sich. Und erzeugt dadurch eine Aura, die den Blick auf die eigene Hörer-Seele lenkt, die zum Reflektieren und Nachdenken anregt und die vor allem eines schafft: eine Mischung aus Angst und Faszination, aus Ekel und EntzĂŒckung, aus Abwehr und Neugierde hervorzurufen.

Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher UnterstĂŒtzung von Panasonic.

Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausfĂŒhrliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Label: Sundy Best Records | Kaufen

Atlas Sound – „Parallax“

31.10.2011 von  

VÖ: 04.11.2011
Web: „http://4ad.com/parallax/“
Label: 4AD

Dieses Jahr war bislang ein hochwertiges, was die QualitĂ€t der Veröffentlichungen nordamerikanischer Indiemusiker anbelangt. Tu Fawning sorgten gleich zu Beginn fĂŒr eine hohe Messlatte; dann folgten Destroyer, Battles, die Fleet Foxes, Bon Iver, CANT, Fucked Up und die Handsome Furs, Future Islands und St. Vincent, die Liste ließe sich leicht noch fortsetzen. Alle haben sie neue Werke veröffentlicht, auch „Within And Without“, das Album Washed Outs, fĂŒr viele zwar hinter den ursprĂŒnglichen Erwartungen zurĂŒckbleibend, ist letztlich ein sehr gutes.

Da fragt man sich, was denn jetzt, da das Jahr langsam dem Ende entgegen rinnt, eigentlich noch kommen könne. Die Antwort legt uns Bradford Cox alias Atlas Sound mit „Parallax“ vor. So heißt sein neuer, aktuell auf 4AD erscheinender Output.

„Parallax“ ist eines dieser Alben, die man so schnell nicht wieder loslassen möchte, eine fesselnde BĂŒndelung faszinierender Musik. Dass Cox ein Musiker ist, der viele Menschen immer wieder aufs Neue mit seinen KlĂ€ngen berĂŒhrt, zeigte sich bereits letztes Jahr wieder, als er mit seiner Hauptband Deerhunter „Halcyon Digest“ unter die Leute brachte. FĂŒr viele war schnell klar, dass das eines der Alben des Jahres werden musste. Bei den – manche wĂŒrden sagen – Göttern des zeitgenössischen Online-Indie-Musikjournalismus, den Redaktionsmitgliedern von Pitchfork, schaffte es das Werk dann auch auf Platz drei der Jahrescharts; nur LCD Soundsystem und Kanye West waren besser. Deerhunters leicht psychedelisch angehauchter Indierock ĂŒberzeugte und ĂŒberzeugt Kritiker weltweit.

Auch Cox‘ Soloprojekt Atlas Sound genießt vor diesem Hintergrund natĂŒrlich besondere Aufmerksamkeit seitens der Musikpresse. Und das zurecht. Auf „Parallax“ sammelt Bradford Cox analog zu den beiden VorgĂ€ngern wieder die Momente, die er nicht mit Deerhunter ausarbeiten möchte, sondern lieber eigenstĂ€ndig verarbeitet. Es sind intime Momente, melancholische, aber auch extrovertiertere, die sich in Liedern wie dem breiter instrumentierten „Angel Is Broken“ ausdrĂŒcken, das nach guten zwei Dritteln des Albums erklingt. Ebenso gut kommen allerdings auch StĂŒcke von reduzierterer instrumentaler Ausstattung vor, geprĂ€gt von Akustikgitarren, Bass, Schlagzeug und dezenten elektronischen AusschmĂŒckungen, die fĂŒr den Feinglanz sorgen. Beispielhaft ist hier nicht nur das introvertiert wirkende, die GefĂŒhle bis aufs Äußerste ausreizende „Terra Incognita“, eines der paar Lieder, die bereits vorab zu hören waren, in dem Bradford Cox‘ Stimme wie so oft geradezu schwebt.

Das Schweben ist indes ein beim Hören von Atlas Sounds Musik auftretender Zustand. Von einer zauberhaften Leichtigkeit beseelt bewegt sich Bradford Cox‘ eigenwillige Stimme hĂ€ufig geradezu, zu keinem Zeitpunkt allerdings so verwaschen, wie es sonst derzeit in Mode ist. Die Stimme ist immer klar, immer prĂ€sent, immer berĂŒhrend, immer im Mittelpunkt. Es ist eine handfeste, eine greifbare Psychedelik, die in diesem Fall vorherrscht, und welche Atlas Sounds Musik so nahbar macht.

Auf dem Cover von „Parallax“ posiert Bradford Cox mit einem Mikrofon in schwarzer Umgebung; es ist nur er selbst, nichts dass ablenkt, es sind nur er und seine Stimme, die im Mittelpunkt stehen. „Everywhere I go / There is a light / And it will guide the way“ singt Cox mit dieser Stimme am Ende. Hoffentlich weist uns das Licht den Weg zu zahlreichen weiteren großartigen Atlas-Sound-Alben. ZunĂ€chst aber macht uns auch „Parallax“ alleine schon unglaublich glĂŒcklich.

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Label: 4AD | Kaufen

Buraka Som Sistema – „Komba“

24.10.2011 von  

VÖ: 28.10.2011
Web: „http://www.buraka.tv//“
Label: Enchufada

Wenn afrikanische KlĂ€nge auf europĂ€ische Beats treffen, dann kann das zu einer Explosion der Boxen fĂŒhren. Bisher waren Buraka Som Sistema genau fĂŒr solche zĂŒndlastige Musik bekannt. Das portugiesisch-angolanische Quartett hat 2006 mit der Veröffentlichung ihrer ersten EP „From Buraka To The World“ den Ruf einer Multikulti-Kombo erworben, die tanzbaren Kuduro spielt (Kuduro ist eine angolanische Musikrichtung, die sich aus elektronischen Beats und traditionellen Rhythmen zusammensetzt) und gerne auch mal hĂ€rtere Beats anschlĂ€gt.

Nun erscheint nach dem DebĂŒt „Black Diamond“ ihre zweite Langspielplatte „Komba“ und lĂ€sst den harten Beat hinter sich. Beim ersten Hören der Platte bleibt das bestĂ€ndige GefĂŒhl, dass da irgendwas fehlt. Es wirkt beinahe so, als wollten sie, aber sie können nicht. Jedes Mal, kurz vor der Explosion, wird die ZĂŒndschnur gekappt. So richtig will der Funke nicht zĂŒnden, wollen die Beats nicht ausbrechen. Die harten Rhythmen bleiben verschollen und statt ihrer legen sich im Hintergrund schwingende Tunes, die einen schier in den Wahnsinn treiben können.

„Komba“ ist ein Album, das den Erwartungen seines Hörers trotzt. Es knallt und wummst nicht vordergrĂŒndig. Buraka Som Sistema scheinen dieses Mal den sanften Weg gewĂ€hlt zu haben. Statt animierender Tanzmusik, die mit afrikanischen Rhythmen das europĂ€ische TaktgefĂŒhl herausfordert, zeigt die Band, dass angolanische Grundbeats auch ganz leise und schleichend den selben Effekt auslösen können. Beim mehrmaligen Hören wird das ursprĂŒnglich Fehlende plötzlich zum Grundkonzept des Albums. Die Songs wirken gerade wegen der fehlenden Hau-Drauf-MentalitĂ€t. Die VerhĂŒllung der Songs fĂŒhrt zu einer Vorsicht beim Hören, die die IntensitĂ€t der Musik hinaufbefördert. Der DĂ€mpfer auf den Boxen lĂ€sst die Musik beinahe zerbrechlich wirken. Man möchte tanzen, aber in Wollsocken.

NatĂŒrlich enthĂ€lt auch das zweite Album der Multikulti-Musiker die obligatorischen Ausnahmen. „(We Stay) Up All Night“ ist eine solche Erscheinung, bei der die Band zeigt, dass sie auch anders kann. Rhythmen wallen durch den Raum, Synthies sind auf Anschlag und die FĂŒĂŸe fangen an zu tanzen.

Buraka Som Sistema haben mit ihrem zweiten Album bewiesen, dass Beat-Multikulti ganz leise und trotzdem unglaublich laut sein kann, dass europĂ€isches TaktgefĂŒhl und afrikanische Rhythmen eine gelungene Kombination darstellen können und dass Tanzen gar nicht so schwer ist.

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M83 – „Hurry Up, We‘re Dreaming“

17.10.2011 von  

VÖ: 14.10.2011
Web: „http://ilovem83.com/“
Label: Naive

Im Jahr 2000 grĂŒndete Anthony Gonzales zusammen mit Nicolas Fromageau in der französischen Stadt Antibes M83. 2004 verließ Fromageau die Band wieder und ĂŒberraschte vor einigen Jahren mit wunderbaren Solo-Ambient-Alben: „Dead Cities, Red Seas & Lost Ghosts“ hieß sein zweites, mit dem er sich als kluger Elektroniker bewies. Gonzalez hingegen feilte weiter am Sound von M83 und schaffte 2008 mit dem vierten Album – „Saturdays = Youth“ – den Sprung in die Pop-Masse. Das Werk wurde u.a. von Drowned In Sound zum besten Album des Jahres gekĂŒrt. „Hurry Up, We’re Dreaming“ heißt nun das neue Studio-Album, ein Doppel-Album mit 22 Songs. Die Idee, ein Doppel-Album aufzunehmen, faszinierte ihn schon lĂ€nger. So waren das „White Album“ der Beatles, Pink Floyds „Ummagumma“ und „Mellon Collie And The Infinite Sadness“ der Smashing Pumpkins aus dem Jahr 1995 von besonderer Bedeutung bei der Produktion von „Hurry Up, We’re Dreaming“. Produziert wurde es von Justin Meldal-Johnsen, der bereits mit Beck, Goldfrapp und den Nine Inch Nails arbeitete.

Schon auf „Saturdays = Youth“ beherrschte Gonzales die ganz großen Popgesten. Auch „Hurry Up, We’re Dreaming“ startet bombastisch. Eine zarte MĂ€dchenstimme von keiner Geringeren als Nika Roza Danilova, besser bekannt als Zola Jesus, flĂŒstert von weit entfernten Welten, die existierten, „before you even existed“. Dann setzt Gonzales ein und es erklingt ein so herzzerreißendes und eindringliches „Carry On, Carry On“, das jeden ĂŒberzeugen wird: auszuhalten und weiterzumachen. Das klingt sehr episch und sehr schön. Es folgt die Single-Auskopplung, die vor einigen Wochen bereits fĂŒr große Begeisterung sorgte: „Midnight City“ ĂŒberwĂ€ltigte im wahrsten Sinne des Wortes. Da wird an Effekten und Opulenz nicht gespart, sogar ein Saxofon kommt zum Einsatz, was an Bands aus Gonzales Kindheit erinnern lĂ€sst. SpĂ€testens beim Song „Reunion“ tauchen sogar die fast vergessenen Toto wieder in der Erinnerung auf und auch U2 muss man hier als Referenz heranziehen. Das ist wahrlich ĂŒberwĂ€ltigend! Es darf und soll mitgeklatscht werden und ausnahmsweise lĂ€sst man sich hinreißen. Gonzales weiß aber auch darum, seine alten Fans nicht zu verstören und so folgt darauf „Where The Boats Go“, welches alte Songs des 2005 erschienenen „Before The Dawn Heals Us“-Albums in der Erinnerung wachwerden lĂ€sst. In „Raconte-Moi Une Histoire“ erzĂ€hlt ein kleines MĂ€dchen die Geschichte eines Frosches: „if you touch its skin you can feel your body changing“ heißt es da. Mit „Soon My Friend“ verabschiedet sich Gonzales auf der ersten CD.

„New Map“ ist Ă€hnlich wie „Reunion“ eine Verbeugung vor den pompösen Bands der 80er und 90er Jahre. Bei „OK Pal“ hört man kurz die Simple Minds, eine weitere Referenz an Gonzales Jugend; deren „Don’t You Forget About Me“ sollte zur Hymne des 80er-Jahre-Kultfilmes „Breakfast Clubs“ von John Hughes werden. Bei „Splendour“ ertönt dann noch der obligatorische Kinderchor und man kann wohl sagen, Gonzales zieht alle Register. „Splendour“ ist ein wunderschöner kitschiger Song. Aber Kitsch ist doch auch mal schön! Gerade so zum Herbst kann man doch auch mal die Welt umarmen. So ist „Hurry Up, We‘re Dreaming“ eine Art Kulmination der M83-Geschichte. Gonzales kĂ€mpft auf dem Album gegen alle Klischees, in dem er sie sich zunutze macht und den Hörer sprachlos und wie in einem Rausch zurĂŒck lĂ€sst.

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My Brightest Diamond – „All Things Will Unwind“

10.10.2011 von  

VÖ: 14.10.2011
Web: „http://www.mybrightestdiamond.com/“
Label: Asthmatic Kitty Records (Soulfood)

My Brightest Diamond heißt mit bĂŒrgerlichen Namen Shara Worden, hat in Texas den Studiengang Opernmusik besucht und ist dann in ihrer damaligen Wahlheimat New York auf die dortige Underground-Szene gestoßen. Diese Inspiration brachte sie darauf, ihre klassische Ausbildung mit Elementen der Rock, Pop und Folkmusik zu verbinden. Nachdem Worden an den Aufnahmen zu Sufjan Stevens‘ Album Illinois als SĂ€ngerin beteiligt war, kam sie als My Brightest Diamond bei dessen Label Asthmatic Kitty unter.
Mit ihrem 2006 erschienen DebĂŒtalbum „Bring Me to the Workhouse“ im GepĂ€ck war sie im Vorprogramm fĂŒr Stevens auf Tour und bekam damit viel Aufmerksamkeit. Bereits zwei Jahre spĂ€ter veröffentlichte sie das zweite Studioalbum „A Thousand Shark’s Teeth“, das zunĂ€chst fĂŒr ein Streicherquartett konzipiert, schließlich aber mit 20 Musikern eingespielt wurde. Dennoch war auch die Musik auf dieser zweiten Platte eine ganz persönliche Form von Folkmusik.

Nun hat Shara Worden mit „All Things Will Unwind“ ihre dritte Platte als My Brightest Diamond aufgenommen – vielleicht eines der innovativsten und ausgefeiltesten Alben des Jahres. Die meisten Lieder stammen aus dem Kontext eines Auftritts im Rahmen der American Songbook–Reihe des New Yorker Lincoln Center Anfang diesen Jahres. HierfĂŒr hatte Worden neue Musik fĂŒr das Kammermusikensemble yMusic komponiert, ein Sextett, das u.a. schon mit Bon Iver, Antony & the Johnsons, Rufus Wainwright und den New York Philharmonikern gearbeitet hat. Innerhalb von 21 Tagen nahm Shara Worden zusammen mit yMusic unter der technischen Leitung von Pat Dillitt diese und einige zusĂ€tzliche Songs fĂŒr das nun vorliegende Album auf.

Die Musik ist kunstvoller Art-Pop, sehr unprĂ€tentiös und unaufdringlich. Trotz ĂŒberwiegend kammermusikalischer Instrumentierung erstaunlich unakademisch und eingĂ€ngig. Das liegt daran, dass Shara Worden die Streicher und BlĂ€ser eher sacht als sinfonisch einsetzt, als perfekte und sehr pointierte Ornamente ihrer frei fließenden Songs. Ähnlich wie eine erwachsene Kate Bush beherrscht Worden es, ihre Songs schwerelos dahin treiben zu lassen und den Hörer mit der Musik nur zu streifen oder zu streicheln. Inhaltlich verarbeitet sie die Stationen ihres Lebens seit ihrem letzten Album, wie z.B. den Umzug nach Detroit oder die Geburt ihres Sohnes.

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Label: Asthmatic Kitty | Kaufen

Bonnie ‚Prince‘ Billy – „Wolfroy Goes To Town“

VÖ: 07.10.2011
Web: „http://www.myspace.com/princebonniebilly/“
Label: Domino

Will Oldham, alias Bonnie „Prince“ Billy, ist ein umtriebiger Zeitgenosse. Seit fast 20 Jahren macht er unter wechselnden Pseudonymen Musik. Daneben spricht Oldham HörbĂŒcher oder er spielt in Filmen mit. Vor allem in den letzten fĂŒnf Jahren war er außerordentlich produktiv. Bei so viel Output besteht die Gefahr, sich in der MittelmĂ€ĂŸigkeit zu verlieren. Bei seinem neuen Album „Wolfroy Goes To Town“ ist dies keineswegs der Fall.

FĂŒr die Arbeit an „Wolfroy Goes To Town“ hat sich Will Oldham zur UnterstĂŒtzung die Musiker Ben Boye, Van Campbell, Shahzad Ismaily, Emmett Kelly, Danny Kiely und Angel Olsen ausgesucht. Sie haben gehörigen Anteil am Gelingen des Albums. Trotzdem hat „Wolfroy Goes To Town“ seine besten Momente, wenn die mit brĂŒchiger Stimme vorgetragenen, expliziten Lyrics von Will Oldham auf eine reduzierte Instrumentalisierung treffen.

Unaufdringlich kommen die zehn Songs daher. Die Saiten werden grĂ¶ĂŸtenteils sorgsam gezupft, nicht wĂŒtend geschlagen. Nur selten weichen Oldham und Band von der ruhigen Grundstimmung ab, beispielsweise bei „New Tibet“. Aber auch hier finden sie schnell zur Ruhe zurĂŒck. Allein die erste Single-Auskoppelung „Quail And Dumplings“ hebt sich in dieser Hinsicht vom restlichen Album ab: In dem countryesquen StĂŒck finden die gelegentlichen AusbrĂŒche ihren Höhepunkt. Hier kommt auch SĂ€ngerin Angel Olsen mit einem Solo-Part aus ihrer hinteren Ecke der Backing Vocals hervor.

Die grĂ¶ĂŸte StĂ€rke Oldhams ist ohne Zweifel seine lyrische Brillanz und sein Talent als ErzĂ€hler. Kaum ein anderer schafft es in Ă€hnlich geschmeidiger Art und Weise, komplexe Metaphern neben infantile Reime zu stellen. Die dabei entstehenden Überraschungen bewirken beim Hörer immer wieder ein freudiges Schmunzeln. Besonders im Ohr bleibt da die Zeile: „Lover! Oh Lover, please buy me a beer and bring all your enemies here“.

Manche seiner Texte sind optimistisch, andere nachdenklich oder enttĂ€uscht. Gleich bei „No Match“ stellt Will Oldham klar, wer nicht zu ihm passt: LĂŒgner, Leute, die aufgegeben haben oder den „Lord“ lieben. In „Cows“ fragt er sich, wer willkommen ist und wer nicht. Die QualitĂ€t des vielleicht besten Song „We Are Unhappy“ offenbart sich erst nach mehrmaligem Hören: „Nothing is better, nothing is best, we are unhappy, we are unblessed“ beginnt das StĂŒck. Das klingt traurig und resigniert, ist es aber nur bedingt. Denn letzten Endes schöpft Oldham aus dem Zustand der Unzufriedenheit die nötige Kraft, sich fĂŒr VerĂ€nderungen stark zu machen. „There Will Be Spring“ heißt ein anderer Song. Der nĂ€chste FrĂŒhling kommt bestimmt, Herbst und Winter ĂŒberstehen wir aber gut mit einer Tasse Tee und „Wolfroy Goes To Town“.

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Bonnie „Prince“ Billy – Quail And Dumplings

Emika – „Emika“

26.09.2011 von  

VÖ: 30.09.2011
Web: „http://www.emika.co.uk/“

Emika, die eigentlich Ema Jolly heißt, studierte einst Komposition und Klavier. Ihre eigentliche musikalische Karriere begann aber mit einem Umzug von Bristol nach Berlin. Dort erst fand sie zu sich und ihrem eigenen Stil. Besonders ihre Liebe zum Dubstep und Techno vertiefte sie in Berlin. Großen Einfluss darauf hatte der Techno-Club Berghain, ein grenzenloser, dunkler aber auch sicherer Ort, wie sie selbst sagt. Dort fĂŒhrte sie dann auch so genannte „Field Recordings“ durch, um diese fĂŒr ihre eigene Musik zu nutzen. Eigentlich ist sie nĂ€mlich auch noch Sounddesignerin bei „Native Instruments“.

Auf „Emika“ steht nun, Ă€hnlich wie auch schon bei James Blake, das Klavier im Mittelpunkt der Musik, um das herum sie eine gewaltige Soundlandschaft mit viel Klicker-Klacker, Beat und Bass entwirft. Dabei fĂ€llt immer wieder der Kontrast zwischen ihrer zarten, zerbrechlichen Stimme und den wummernden BĂ€ssen besonders auf.

Aufgenommen hat sie das Album zusammen mit Rashad Becker, der sie fĂŒr die Produktion des selbstbetitelten Albums an die Hand nahm und stark beeinflusste und ihr half, ihren Sound zu finden. Nach zwei EPs ist dies nun ihr erster Langspieler, der besonders dadurch besticht, dass er zwischen FragilitĂ€t und Wucht, Optimismus und Verzweiflung changiert.

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Label: Ninja Tune | Kaufen

Apparat – „The Devil’s Walk“

19.09.2011 von  

VÖ: 23.09.2011
Web: „http://www.apparat.net/“
Label: Mute

Vor zwei Jahren erschien das nach der Band betitelte Album von Moderat, ein elektronisches Werk als Kooperation des Berliner Produzentenduos Modeselektor und des ebenfalls in der Hauptstadt residierenden Traumpop-Elektronikers Sascha Ring alias Apparat. Obwohl es ein Ă€ußerst gelungenes, homogenes Album ist, ließ es, neben der Begeisterung darĂŒber, die Vorfreude auf ein neues Werk von Apparat selbst aufkommen, der bereits zuvor drei herrliche Alben veröffentlicht hat, zuletzt „Walls“ im Jahr 2007. Im Laufe der Zeit hat sich Sascha Rings musikalisches Schaffen zusehends weg von der reinen Computermusik hin zu songorientiertem, elektronisch geprĂ€gtem Pop entwickelt, der auf dem dieser Tage auf Mute erscheinendem neuen Album „The Devil’s Walk“ stellenweise Ă  la Sigur RĂłs daher kommt.

Apparat beherrscht die Klaviatur des Pop nahezu perfekt, das ist auch auf „The Devil’s Walk“ ersichtlich; er weiß, wie man ein Album beginnen muss, mit dem sphĂ€rischen, sich immer weiter steigernden und letztlich gefĂŒhlvoll verebbendem „Sweet Unrest“, er beherrscht es, ein Album kunstvoll zu beenden, in Form des pittoresken „Your House Is My World“, gleichsam emotionsgeladen wie der Beginn, mit dem der Kreis sich schließt. „The Devil’s Walk“ ist wunderbarer Pop der subtileren, der nicht allzu augenscheinlichen Art, was sicherlich nicht zuletzt auch am Koproduzenten Patrick „Nackt“ Christensen liegt, von dem Sascha Ring selbst sagt, er habe ein GespĂŒr dafĂŒr, nicht jedes Mal das Offensichtliche zu tun.

Nach dem instrumentalen EröffnungsstĂŒck ist zum ersten Mal Sascha Rings Stimme zu hören, welche mit ebenso melancholischem Klang wie der Inhalt der vorgetragenen Texte singt. Um eine Melancholie von der Art handelt es sich, die es vermag, die Traurigkeit vieler Lebenssituationen mit der Freude am Leben perfekt unter einen Hut zu bringen. ErgĂ€nzt wird Rings eigene Stimme von der einer weiteren Meisterin der Melancholie: Anja Plaschg aka Soap&Skin. Bei dem Lied „Goodbye“ handelt es sich um eine gelungene Zusammenarbeit der beiden KĂŒnstler.

„The Devil’s Walk“ ist eine Anspielung auf ein gleichnamiges Gedicht von Percy Bysshe Shelly aus dem Jahr 1812, eine satirische Kritik an der Politik der britischen Regierung des frĂŒhen 19. Jahrhunderts, zudem eine Reminiszenz an den von Sascha Ring bei einem lĂ€ngeren Aufenthalt in Mexiko kennengelernten, ungewöhnlichen Umgang der Einwohner mit dem Tod, welcher in dem Land nicht unbedingt Grund zur Trauer ist. Als Musikalbum aber funktioniert „The Devil’s Walk“ auf einer anderen, nicht primĂ€r sozialkritischen Ebene wie in Shellys Gedicht, es ist vielmehr eines der schönsten, vertrĂ€umtesten Alben, die 2011 bislang erschienen sind.

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Label: Mute | Kaufen

Gui Boratto – „III“

12.09.2011 von  

VÖ: 16.09.2011
Web: „http://www.guiboratto.com.br/“
Label: Kompakt

„III“- ganz schnörkellos titelt der Brasilianer Gui Boratto sein neues Album. Und seit drei Platten ist auch das Kölner Kompakt-Label seine musikalische Heimat. Borattos Clubmusik ist langsam, aber nicht so langsam wie die von Nicolas Jaar, Borattos Techno ist melodiös, aber nicht so melodiös wie der von Paul Kalkbrenner. Borattos Zwischendrin ist die zugĂ€ngliche Melange eines studierten Architekten, eine gekonnte Symbiose verschiedener Baustile; in diesem Haus wummert es im Keller mĂ€chtig.

Es heißt, Gui Boratto ließe sich bei Live-Auftritten ab und an von einem Gitarristen begleiten. Vielleicht ist es auch eine Gitarre, die in „Stems From Hell“, dem zweiten Song auf dem neuen Album, das Finale des AchtminĂŒters heraufbeschwört. Hin oder her, Borattos Sounds sind das Gegenteil des allseits gelobten „Organischen“, sie sind hochgradig artifiziell, da hilft auch keine Gitarre.

Mit diesem Merkmal grenzt sich Boratto ab von dem, was gerade en vogue ist, aber tritt damit womöglich an die Speerspitze dessen, was kommt. Stein auf Stein zimmert er sich ein buntes, synthetisches Konstrukt.

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St. Vincent – „Strange Mercy“

05.09.2011 von  

VÖ: 09.09.2011
Web: „http://www.ilovestvincent.com/“
Label: 4ad

Wie glĂŒhend-heiße Kometen fallen die ersten KlĂ€nge auf „Strange Mercy“, als sei dies der Beginn eines neuen, sich einbrennenden Abenteuers. Und Annie Clark alias St. Vincent bewegt sich mit ihrem dritten Album tatsĂ€chlich auf einem ganz neuen Planeten. „FrĂŒher habe ich eher schöne und sĂŒĂŸe Musik gemacht. Mit dieser Platte wollte ich jedoch emotional so direkt wie möglich sein und alles etwas dĂŒster und furchteinflĂ¶ĂŸend gestalten“, erklĂ€rt sie uns im Interview.

Auf „Strange Mercy“ spielt St. Vincent mit der RealitĂ€t und der Wahrnehmung, verdreht Fakten, verschönert und verdunkelt. Diese Taktik macht sich nicht nur textlich bemerkbar. Musikalisch taucht die Texanerin in ein Wechselbad von roher Instrumentierung und elektronischer Verspieltheit. Die von ihr selbst eingespielte Gitarre wird zum tragenden Element der Platte. WĂ€hrend elektronische Computertöne benebeln, verwirren und vom handfesten Musizieren entfernen, zerrt die Gitarre – dieses greifbare, aber auch brutale Saiteninstrument – zurĂŒck auf den Boden der Tatsachen.

St. Vincent probiert auf „Strange Mercy“ aus, was machbar ist und was nicht. Dabei lĂ€sst sie kaum etwas unversucht. Stimmlich geht sie an ihre Grenzen. Sie singt in hohen Tönen, japst erschöpft nach Luft und lĂ€sst sich dann auf angenehm bezirzender Tonlage nieder. Dazu wechseln sich schnelle und gemĂ€chliche Rhythmen ab. Songs wie „Cruel“ werden dadurch tanzbar, andere StĂŒcke wie „Surgeon“, das sich im Tempo steigert, wirken wiederum unheimlich und fast schon hysterisch. Pop, Soul und Rock‘n'Roll kĂ€mpfen, versöhnen und vereinigen sich, sodass ein unmittelbares und robustes Klangbild entsteht.

In der Produktion von „Strange Mercy“ stand St. Vincent vor allen Dingen kreativer Kopf John Congleton zur Seite. Er unterstĂŒtzte sie in ihrer Ideenfindung und in technischen Angelegenheiten. FĂŒr den weiteren Feinschliff sorgten Midlakes McKenzie Smith (Schlagzeug) und Beck-Mitglied Brian LeBarton (Keyboard). Gemeinsam haben sie eine reife Platte geschaffen, die sich textlich und musikalisch deutlich von St. Vincents frĂŒheren Alben „Marry Me“ und „Actor“ absetzt. „Strange Mercy“ ist schließlich nicht nur dem spukhaften Albumcover nach zu urteilen eine Platte, die ihre greifenden Spuren hinterlassen wird.

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