Einmal Krems BrĂ»lĂ©e – Das Donaufestival 2013

Donaufestival 2013

Schaut man sich das Lineup des diesjährigen Donaufestivals an, so fragt man sich schon, wie es kommt, dass mal eben ein beachtlicher Teil der popkulturellen Avantgarde, insbesondere der elektronischen, in der niederösterreichischen Provinz vorbei schaut. Nein, es ist nicht so, dass die Wachau sonst nichts zu bieten hätte. Eines der schönsten Flusstäler Europas sagt man, seit dem Jahr 2000 Teil des berühmten Weltkulturerbes der UNESCO. Weine – vor allem weiße – die sich seit Jahren mit der absoluten Weltspitze messen können. Die Wachau ist ohne jeden Zweifel ein Touristenmagnet. Besucher, wie sie an diesen zwei Frühlingswochenenden die Stadt Krems beehren, sind dann aber doch die Ausnahme. In typisch österreichischer Manier begegnet man diesen dann aber doch sehr unaufgeregt. Die Zeiten, in denen das Festival gerade wegen seiner öffentlicher Unterstützung mit Argwohn betrachtet wurde, scheinen aufgrund des im Kontext der Konzert- und Festivalkultur zwar geradezu zeitlupenhaft wirkenden und doch steten Erfolgs, entfernter denn je. Letztendlich ist es mehr als bemerkenswert, mit welcher Beharrlichkeit und Ruhe hier seit dem Ausfallschritt in Richtung Popkultur im Jahr 2005 kontinuierlich gearbeitet werden kann. Um die eingehende Frage zu beantworten: Die gute Arbeit zahlt sich aus. Man hat sich einen Namen gemacht in der Szene.

Auf der Suche nach Relevanz und inhaltlichen Reibungspunkten wollte der neue künstlerische Leiter Tomas Zierhofer-Kin „nicht mehr die Institutionen und Werte der bürgerlichen Gesellschaft“ vertreten, „sondern jene der Massengesellschaft und ihrer Kultur des Pop.“ In dieser Linie steht das Festival noch immer. So wurden, wie es in der Ankündigung heißt, in diesem Jahr „die Schnittstellen zwischen Experiment und Subkultur, zwischen Klangkunst und Clubkultur ausgelotet.“ Das kann man im 9. Jahr nach der Neuausrichtung sagen: Programmatisch hat sich das Donaufestival neben Unsound (Krakau) als eines der ambitionierten Festivals in Europas popmusikalischer Sphäre etabliert, eine dicke und warme Empfehlung der Pitchfork-Redaktion im Rahmen ihres wunderschönen Sommerfestival-Guides inklusive.

Vielleicht liegt es an der mittlerweile langjährigen Erfahrung, vielleicht an dem Fokussierungseifer der beteiligten Künstler, es gelingt den Veranstaltern jedenfalls beachtlich einen Fluss zu erzeugen. In der Folge wird so etwas wie eine gesamtgestaltliche Wirkung erzielt. Das Ganze ist eben oft mehr als die Summe seiner Einzelteile. Bemerkenswert und vermutlich ebenso Teil des Konzeptes ist hier, dass das alles in einem losgelösten, minimalistischen und geradezu zweckmäßigen Rahmen geschieht. Sozusagen als Antithese zu immer ausladenderen Konzepten anderer Veranstaltungen wird hier nicht der Versuch gestartet, eine Parallelwelt um ihrer selbst wegen zu inszenieren. In Krems ist man dem Inhalt verpflichtet. Selbst die Minoritenkirche, ein zu einem Kulturzentrum umgestalteter frühgotischer Sakralbau im Kremser Vorort Stein, versprüht – bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts säkularisiert – eher den Charme moderner Reduktion als geistlicher Wärme. Vorstellbar ist die Wirkung des Ganzen vielleicht wie ein Vakuum, das einen Sog in Richtung Künstler entwickelt. So wird diesem und damit natürlich auch der Kunst – wobei das ja eigentlich nie zu trennen ist – eine besondere Form der Aufmerksamkeit zu Teil. Gestört wird diese Zentrierung eigentlich nur von der ebenfalls prominent platzierten Gastronomie. Aber wer kann und will sich ein Abdrängen dieser an die Peripherie des Geschehens schon leisten?

Das Festival begann mit Rauschen. Peter Weibel eröffnete den ersten Festivaltag und versuchte in der Minoritenkirche zu Stein das Rauschen nicht nur hör- sondern auch sicht- und fühlbar zu machen. Mit Hilfe von 3D-Brillen konnte das Publikum Weibels Dekonstruktion und Rekonstruktion des Rauschens plastisch erleben. „The Origin of Noise – The Noise of Origin“ machte sich auf die Suche nach dem Ursprung und fand das Rauschen, den „Hammer Gottes“. Weit weniger martialisch und weit weniger zurück blickend gibt sich Geoff Barrow mit seinem Kraut-Rock-Projekt Beak>. Das erste Mal sollte sich die Begeisterung der jüngeren Seite des Publikums offen zeigen. Barrow und Co. öffneten mit ihrer psychedelisch-mechanischen Energie den Abend. Man kann es durchaus als Coup sehen, dass Michael Rother (Gründungsmitglied von Kraftwerk, Neu!), der zusammen mit der Berliner Neo-Krautrock-Band Camera ein großartiges Konzert spielte, noch an diesem Abend auf Beak> folgte. Außerdem erwähnenswert: die Brooklyner Zs, die mit einem ungewöhnlich geradlinigen Set zwischen Noise und Jazz aufwarteten, das zur Abwechslung mal die Beine des Publikums elektrisierte, sowie der Skweee-Club, in dessen Rahmen das Label Laton in einem Showcase eine der aktuellsten Strömungen der Clubmusik vorstellte. Dass dieses extrem funkige „Ausquetschen“ von Vintage-Hardware aufregend ist, zeigt schon, dass Mike Paradinas’ Label Planet Mu bei dieser ursprünglich skandinavischen Spielart mittlerweile die Finger im Spiel hat.

Bereits am zweiten Tag war eine klare Entwicklung im Programm zu erkennen. Stand der Donnerstag noch ganz im Zeichen der Rückbesinnung, herrschte ab Freitag eine Art Gegenwartsdiskurs vor. Das Programm war nun insgesamt deutlich elektronischer und düsterer. Der Tag startete allerdings noch mit Blick in den Rückspiegel. Halls nennt der Londoner Samuel Howard sein Projekt. Ob er dabei den pastoralen Geruch im Kopf hatte, den sein in schwere romanische Mauern aus Elektronik gehüllter Post-Punk versprüht? Orgelpfeifen und Hall waren in der erwähnten Minoritenkirche vermutlich schon über die vergangenen Jahrhunderte sehr präsent. Weit weniger zurückgenommen gingen es danach die Parenthetical Girls an. Wer die Portlander schon einmal Live erleben durfte, weiß um die darstellerischen Qualitäten des affektierten Frontmanns Zac Pennington. Einen der ausufernden Publikumsbesuche, ermöglicht durch zweifach verlängertes Mikrofonkabel, nahm dieser dann zum Anlass, um schlussendlich durch den Hinterausgang zu verschwinden. Der restliche Freitag wartete mit einigen Überraschungen auf. Zunächst Actress, der live leider zu sehr auf dröhnende 4/4-Ästhetik zurückgriff und damit jene tolle Dynamik und streckenweise auch Fragilität einbüßte, die seine Alben auszeichnen. Laurel Halo, die eben jene 4/4-Ästhetik fortführte und sich damit weit näher am Sound ihrer EPs bewegte. Ein luftig-pulsierendes Feuerwerk, das als Steilvorlage zum Tanzen gelten konnte und gerne angenommen wurde. Und Andy Stott, der sich ebenfalls weg bewegte, vom düsteren Dub-Techno seiner Studioarbeiten, hin zu tanzbareren und gebrocheneren Strukturen. Das alles wurde gerne angenommen. Es gab viel drone-beeinflusstes zu hören und irgendwie freuten sich dann doch alle, beim stark dancefloor-orientierten Set von Simian Mobile Discos’ Jas Shaw loslassen und so richtig die Sau raus lassen zu können. Außerdem erwähnenswert: Die Tri-Angle-Label-Night, bei der eines der interessantesten Labels der letzten Jahre sowohl Neues (Wife, Evian Christ) als auch Etablierteres (oOoOO, The Haxan Cloak) aus ihrem Portfolio präsentierte.

Am letzten Tag folgte der Blick in die Zukunft. Die konventionellen Strukturen wurden mehr und mehr aufgegeben. Selbst Zs setzten noch einen drauf und ließen ihr Werk Score in einem interaktiven Workshop live remixen. Der Tag auf der Bühne begann mit dem PAN-Label-Afternoon in der Minoritenkirche. Hier stellte der Wahl-Berliner Bill Kouligas sein kleines Label vor, das sich mittlerweile durchaus so etwas wie einen Kultstatus erarbeitet hat. Und auch wenn das Publikum am dritten Tag sichtlich erschöpft im Sitzen genießt, ist Zustimmung zu spüren. Mit Wohlwollen werden Pioniere wie SND empfangen, auch wenn sie es dem Publikum nicht immer leicht machen. Exemplarisch für die vielen anderen großartigen Performances seien hier zwei komplett gegensätzliche erwähnt. Bella Angora aus Wien ließ über mehrere Stunden in einem abgetrennten Raum einen kitschigen Popsong nach dem anderen zerbrechen, während der Zuschauer zum Voyeur gemacht wurde und das Schauspiel nur durch verschiedengroße Verkleinerungslinsen von der anderen Seite der trennenden Wand aus, verfolgen konnte. Kasper T. Toeplitz, norwegischer Komponist zwischen Drone und Ambient, entwickelte zusammen mit dem französischen Tänzer Jonathan Schatz einen reduzierten Akt, in dem Schatz einen elegischen Kampf abliefert. Voller Anspannung gegen das oder mit dem Sound-Gewitter, bis die Grenzen verschwimmen und nicht mehr klar ist, ob sich Toeplitz von Schatz krampfhaften Bewegungen inspirieren lässt oder Schatz von Toeplitz krampfhafter Musik. Nach dem letztjährigen Auftritt von Laurie Anderson war das Booking von Holly Herndon nur konsequent. Ihre sprachloopbasierten, zerfetzten Songs gewannen vor allem – manchmal ist es so einfach – durch die bloße Präsenz der Künstlerin. Pete Swanson nahm danach alles was er kriegen konnte und feuerte es in einer 4/4-Noise-Welle Richtung Publikum. Den Abschluss lieferten Emptyset in einem famosen Gig, in dem sie das kaputt machten, was noch irgendwo übrig geblieben war.

Und am Ende ist wie am Anfang: Rauschen.

Radiohead – „OK Computer“

Radiohead - OK ComputerVĂ–: 13.06.1997
Web: radiohead.com/
Label: EMI

Im Juni 1997 erschien Radioheads 90er-Jahre-Opus „OK Computer“ und machte sie zur größten Band der Welt. Es markierte einen riesigen Schritt in der Entwicklung der Band und ist von besonderer Relevanz, weil es perfekt in seine Zeit passte und doch weiterhin aktuell bleibt. Zum 15. Jubiläum widmen wir dem Meisterwerk in dieser Woche besondere Aufmerksamkeit.

„In a city of the future / It is difficult to find a space / I‘m too busy to see you / You‘re too busy to wait“, sang Thom Yorke in „Palo Alto“, einem StĂĽck aus den Sessions zu „OK Computer“, das den Cut nicht ĂĽberstanden hat. UrsprĂĽnglich hieĂź „Palo Alto“ „OK Computer“ und war damit das titelgebende StĂĽck des Ăśberalbums von 1997.

Auch wenn der Ort Palo Alto in Silicon Valley, Keimzelle der New Economy und noch immer Heimat des Apple-Konzerns, heute mit Sicherheit einer deutlich größeren Öffentlichkeit ein Begriff sein wird, als es damals der Fall war: Die Referenz wird so oder so klar. Die steigende Computerisierung im Informationszeitalter führt aufgrund begrenzter menschlicher Kapazitäten (des beschränkten Bewusstseins) zu einer Überforderung. Die Technik ist Multiplikator der Mensch-eigenen Fähigkeiten. Und was zunächst riesige Potenziale birgt, wird alsbald zurückgeschleudert. Wie die Wurzeln eines Baumes werden die Verbindungstränge von der schieren Informationsmenge unterspült. Das war vor dem Durchbruch des Internets, vor Google, vor Napster. Apple stand vor dem Konkurs, es war vor dem iPod, vor iTunes, vor Smartphones und lange vor Facebook.

„The Bends“ erschien 1995 und bescherte Radiohead nicht nur den kommerziellen, sondern auch kĂĽnstlerischen Durchbruch. Die Vorbehalte der Band gegen Stagnation und bloĂźer Entsprechung der Erwartungen äuĂźerten sich schon auf diesem Album („My Iron Lung“), und diese Ruhelosigkeit kann wohl auch als Antrieb fĂĽr „OK Computer“ gesehen werden. So ist es zu erklären, dass sich die Band komplett mit eigenem Equipment eindeckte und in eine Art mobiles Studio investierte. Was ihnen wiederum ermöglichte, sich auf’s Land zurĂĽckzuziehen, um der gewohnten Umgebung und den damit verbundenen EinflĂĽssen zu entgehen. Nicht nur die Abgeschiedenheit und die Aufnahmeorte hatten Einfluss auf den Klang von „OK Computer“, auch die Instrumentierung ist maĂźgeblich von der Entscheidung fĂĽr die Unabhängigkeit beeinflusst. Die Aufnahmen starteten 1996 in „Canned Applause“, einer zum Studio umgebauten HĂĽtte ohne flieĂźend Wasser und Toilette. Wobei sich die widrigen Umstände bald negativ bemerkbar machten und man sich fĂĽr einen weniger radikalen Ort, den Landsitz St Catherine’s Court, entschied. Die Band experimentierte mit Raumklang und starken Variationen in der ihrer eigenen Instrumentierung. Dabei hatten sie ganz spezielle Vorstellungen von der Atmosphäre des Albums und wie es zu klingen hatte. Sie orientierten sich am dichten Sound der groĂźen Jazz-Fusion-Alben von Ende der 60er-Jahre und bedienten sich dabei bei Strukturen und Elementen der elektronischen Avantgarde. „Airbag“ eröffnet das Album mit einem zwar von Phil Selway eingespielten, aber später programmierten Drum-Loop. Eine Hommage an DJ Shadows Sampling-Meisterwerk „Entroducing…..“. Der Hall, der Thom Yorkes Gesang in „Exit Music (For A Film)“ begleitet, ist dem steinernen Treppenhaus zu verdanken, in dem es aufgenommen wurde. Einfach unglaublich, die klaustrophobische Stimmung in „Climbing Up The Walls“, mit den metallischen Drums, dem gefuzzten Bass und Johnny Greenwoods unglaublichem Streicherarrangement, welches Yorkes verzerrten und fast schon zu Staub zerfallenden Gesang so eindringlich akzentuiert. Dazu die Reverb-Gitarren und der verstörende Raum – durch die elektronischen Verzerrungen und das ständige „Flirpen“. „And either way you turn. I‘ll be there“ – alles scheint sich zusammenzuziehen. Wenn man auch nach 15 Jahren noch einen Song aus der Gesamtheit dieses Albums hervorheben will, dann ist es dieser.

„Ok Computer“ stellt einen wichtigen Schritt Radioheads auf ihrem Weg in Richtung Postmoderne dar. Es hinterfragt – sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der kĂĽnstlerischen Ebene – vergleichbar vorsichtig, löst sich dabei aber nicht komplett von seinen Wurzeln. Auch wenn es kritisiert, bricht es doch nicht ganz mit der Vergangenheit. Am Ende wirft es mehr Fragen auf, als es zu beantworten vermag. Eigentlich geht es sogar viel weiter: Es verweigert sich gezielt der Beantwortung jeder Frage. Es tut sich ein doppelter Boden auf, wenn man „OK Computer“ hört. „Paranoid Android“, der gefeierte Ersteindruck des Albums, wird von der Band im Nachhinein immer wieder als Witz bezeichnet. Der Prozess der Entstehung des Progrock-Experiments schien fĂĽr die Beteiligten geradezu absurd. So äuĂźerte sich Colin Greenwood in Marc Randalls Radiohead-Biografie „Exit Music“ wie folgt: „[We] felt like irresponsible schoolboys who were doing this … naughty thing, ’cause nobody does a six-and-a-half-minute song with all these changes. It’s ridiculous.“ Der Titel gilt als Anspielung auf Marvin, den unfreiwillig komischen, depressiven Roboter aus Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Er ist als Antwort auf den Vorwurf des Selbstmitleids zu verstehen, der auf das sehr persönliche und emotionale Vorgängeralbum „The Bends“ folgte. Aber dieser gewollten Abgrenzung, dem Auslassen der persönlichen Motive, liegen doch gerade persönliche Motive zugrunde. Yorkes Texte auf „OK Computer“ beschäftigen sich immer wieder mit der Rolle des Individuums in der sich wandelnden Gesellschaft. Obwohl einzelne Passagen diesen Wandel aus einer sehr persönlichen Perspektive begleiten, sind die Themen an sich eigentlich gar nicht persönlicher Natur. Der Kniff, Alltagsphrasen und Schlagworte aufzugreifen und in den Kontext des persönlich Erlebten zu stellen, funktioniert hervorragend. Es passt so grandios in die Zeit der „Icons“ und der „Slogans“. In die Zeit, in der die Marke zu Mainstream wurde. „Fitter Happier“ bringt das alles ĂĽberragend auf den Punkt. Eine kĂĽhle Beobachtung, und doch höchst subjektiv. „Concerned (but powerless).“ Auch hier befindet sich die Band eher auf dem Weg in Richtung einer späteren abstrakten Ebene. Die Betrachtung ist nicht losgelöst, es gibt eigentlich keine Distanz. Auf „OK Computer“ findet man noch kein „Idioteque“. Die bekannteste Geschichte ist vermutlich der nachhaltige Einfluss einer Barszene in Los Angeles, in der eine „Schönheit“ auf Koks ausfallend wurde – Inspiration fĂĽr die Zeilen: „Ambition makes you look pretty ugly / Kicking and squealing Gucci little piggy“ aus dem bereits erwähnten „Paranoid Android“. Dem scherzhaften Versuch, der zur Perfektion getrieben wurde. Ehrgeiz ist eben auch der Ursprung eines jeden Wertes.

„Don’t get sentimental, it always ends up drivel“ – wieder eine Alltagsphrase. „Let Down“ steht beispielhaft fĂĽr die Antinomie gesamten des Albums. Die Hoffnung auf den Fortschritt als Lösung der Probleme wird jäh zerstört, von dem GefĂĽhl Bedeutungslosigkeit einer Existenz im anonymen Raum. Und doch folgt keine Resignation. Es bleibt Hoffnung. „And one day, I am gonna grow wings.“ Die Frage ist nun: Ist der offene Umgang mit Emotionen angebracht, oder ist das Gros der Emotionen nur noch bloĂźe Sentimentalität? Ist in einer funktionierenden Gesellschaft Platz fĂĽr die offene Konfrontation? Wenn alles und jeder nur noch an einem vorbeifliegt, wem oder was öffnet man sich?

Durch seine überdauernde Aktualität ist einem die Größe „OK Computers“ in jeder Sekunde bewusst. Das Album stellt den vorläufigen Höhepunkt von Radioheads Werk dar. Es ist die an den Rand getriebene Evolution ihres Sounds. Die Revolution sollte erst noch folgen.

Das ByteFM Album der Woche.

Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Label: EMI | Kaufen

Dirty Projectors – „Swing Lo Magellan“

Dirty Projectors - VĂ–: 06.07.2012
Web: dirtyprojectors.net
Label: Domino

Eine Menschenmenge. Der Blick jedes Einzelnen hat das gleiche Ziel. Die offensichtliche Verbildlichung der Konformität, der absonderlichen Gleichgestimmtheit hinter dem kapitalistischen Individualismus, des Konsumismus als Folge einer Sehnsucht nach Distinktion ist eine 3D-Brille. Ein vergängliches Accessoire, um den effekthascherischen Drang der Massen zu befriedigen. Eine vorgelagerte, platte Ebene, die Tiefe suggeriert. Es ist ein irreführender Tiefgang. Eine Täuschung. Ein Schmu. Ein Fraud. Das Foto der Kinobesucher mit den 3D-Brillen ziert das Cover der amerikanischen Version von Guy Debords erschütternder Kritik an dem, was 1968 aus der westlichen Zivilgesellschaft geworden war, an der westlichen Kultur, es ziert sein Hauptwerk „Die Gesellschaft des Spektakels“.

David Longstreth, der konstante Leuchtturm und Hauptantrieb hinter den Dirty Projectors, hat sich zurĂĽckgezogen fĂĽr dieses Album. In ein abgelegenes Haus im ländlichen Delaware County (auf dem Cover ist der Nachbar Gary zu sehen). Die restlichen Bandmitglieder schauten von Zeit zu Zeit vorbei und teilten ihre Ideen. Debords‘ Werk diente als Inspiration. Trotzdem ist es kein politisches Album, zumindest nicht mehr, als Longstreth eben selbst von politischen Fragen getrieben wurde. Es ist ein persönliches Album. Das Album besitzt kein ĂĽbergeordnetes Thema, keine spezielle Richtung. Vielmehr findet es auf einer Metaebene statt. Ein Album bestehend aus Songs, und auf eine ungewöhnliche Weise handelt dieses auch davon wie es ist, diese Songs zu schreiben. Persönliche, sehr direkte StĂĽcke (Das selbstzweifelnde „Irresponsible Tune“) stehen abstrakten HĂĽllen (Das Koordinatensystem „Swing Lo Magellan“) gegenĂĽber.

Mensch, was der Kontext doch für eine Rolle spielt. „Bitte Orca“, die Wundertüte aus dem Jahr 2009, riesiger Rucksack voller „Weirdness“ und unglaublicher Ideen, ein Erfahrungschatz aus eindringlichem Folk, leuchtender Weltmusik und gefühlvollem RnB, stieß praktisch alle Türen auf. Longstreth schien nun alle Möglichkeiten zu haben. Und er wurde geliebt für das, was er machte. Josh Triangle vom Time Magazine beispielsweise sagte, dass Longstreth den Job eines Kritikers zu einer Unmöglichkeit verkommen ließe, schließlich sei dieser ja, die Musik zu beschreiben. „Bitte Orca“ führte bei Grizzly Bears Ed Droste mal zu ähnlichen Schwierigkeiten, als er in einem Interview das Album beschreiben sollte, das ihn so nachhaltig begeisterte. Jetzt also ein sehr viel songbasierteres, klassischeres Album. Es sieht so aus, als würde er die Kritiker damit wieder vor Schwierigkeiten stellen, wenn auch auf eine gänzlich andere Weise.

Denn es scheint sich so etwas wie eine Enttäuschung breit zu machen. Die Erwartungen sahen anders aus. Aber Weiterentwicklung kann eben auch bedeuten, geradlinigere Songs zu schreiben, die direkter, unmittelbarer wirken. Longstreth zu dieser UrsprĂĽnglichkeit: „[Swing Lo Magellan] asks a lot of questions, and it comes from that curious place, the place where you start from as opposed to the stage where you end up on.“ Auch er ist sich des schweren Rucksacks, der Rolle „Swing Lo Magellans“ als Nachfolger des gefeierten Werkes von 2009 bewusst: „‚Bitte Orca‘ was this collection of really bright, iridescent surfaces“, also ein skizzenhaftes Zusammentragen verschiedener Ideen. Eine oberflächliche Tiefe. „Swing Lo Magellan“ ist die tiefgrĂĽndige Einfachheit. „It’s more like unbleached fucking leather, or untreated wood that’s warping in the elements.“

Man sollte nicht hereinfallen auf diesen Bluff. Dieses Album ist mehr als eine vorgelagerte, platte Ebene, die Tiefe bloĂź suggeriert. Es steht „Bitte Orca“ in nichts nach. So „straightforward“ es auch ist. So zugänglich die Songs sich auch geben. Es ist ein ehrlicher, ein direkter Ausdruck. Und doch gibt es etliche groĂźartige Details. Allen voran sind da natĂĽrlich die choralen Vokalharmonien, die verschiedenen Gesangsebenen, welche die Stimmung eines Songs so wundervoll unterstreichen. Fast alle Gesangsspuren sind als One-Shot entstanden. Gleich die erste Aufnahme wurde einfach verwendet. Es sind auch unperfekte Reste, Unwägbarkeiten und Fehler, die den Prozess der Entstehung, des Musikmachens an sich dokumentieren und die UrsprĂĽnglichkeit des Albums unterstreichen. Im Eröffnungssong „Offspring Are Blank“ räuspert sich Longstreth vor seinem Gesangseinsatz, in „Unto Caesar“ fragen Amber Coffman und Haley Dekle nach ihrem Einsatz und schlieĂźlich singt Longstreth „Down the line / Dead, the martyrs‘ morbid poetry“, worauf Coffman im Studio erwidert: „Uhh, that doesn’t make any sense, what you just said.“ Kann man sich der ursprĂĽnglichen Kreativität einer Band näher fĂĽhlen? Nein. Und diese Band ist weiterhin beängstigend kreativ. So sind da zum Beispiel die atypischen Arrangements. Da ist das ständige Ausloten des Stereospektrums, da sind die ständigen Kanalwechsel, die fĂĽr eine Dynamik zwischen diesen sorgen. Nun ja, und dort sitzt ja bekanntlich der Kopf. Von dort aus aber wandert es herab. Es ist mehr als ein intelligentes Popalbum. Das wird klar, wenn Amber Coffman in „The Socialites“ eine bittersĂĽĂźe Kritik an der oberflächlichen, hippen, städtischen Gesellschaft abliefert: „The socialites who act so nice / Won’t ever begin to let you in“ singt sie. Am deutlichsten aber wird es klar, wenn „Impregnable Question“ mit seinem geradeheraus liebreizenden Statement abschlieĂźt. „You‘re my love, and I want you in my life“.

Als er die minimalistische Vorabsingle „Gun Has No Trigger“ (oder: das GefĂĽhl der Machtlosigkeit, wenn man eigentlich anderer Meinung ist und doch keine Alternative zu haben scheint) spielte, da sagte Klaus Walter, dass die Dirty Projectors mal wieder ihrem Ruf gerecht werden wĂĽrden, „der da besagt, dass sie sich immer wieder neu erfinden“, um dann gleich hinterher zu schieben, dass man die Formulierung eigentlich nicht mehr in den Mund nehmen sollte. Dabei ist es ihm nicht zu verĂĽbeln, denn schlieĂźlich ist es ja wirklich so, dass Longstreth mit seinem Projekt „immer wieder neues Terrain betritt“. Daraus macht er auch selbst keinen Hehl: „One of the things that’s been consistent about Dirty Projectors is that the band reinvents itself“, sagt er, und meint damit ganz sicher auch die ständigen personellen Veränderungen in der Band. Letztendlich ginge es darum, Risiken einzugehen, und auch immer wieder zu scheitern und die Fehler mitzunehmen. In diesem Kontext stehen Pracht und Unzulänglichkeit nebeneinander. Sie vereinen sich in Schönheit. Denn dort liegt sie, die kĂĽnstlerische Relevanz.

Das ByteFM Album der Woche.

Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Dirty Projectors“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Label: Domino | Kaufen

DIIV – „Oshin“

DIIV - OshinVĂ–: 29.06.2012
Web: DIIV | Captured Tracks
Label: Captured Tracks

Die Story ist so klischeehaft, dass man sie am liebsten gar nicht erzählen würde. Aber gut, nennt sich eine Band Dive (so hieß das Projekt bis zuletzt, und sogar Versionen das Albumcovers mit dem „alten“ Namen sind im Netz noch zu finden), dann möchte man schon gerne wissen, warum. Vor allem, wenn die Musik klingt, als habe man den shoegazenden Slowdive einfach das „Slow“ gestrichen.

Als der Initiator des Projekts Zachary Cole Smith nach kurzer Zeit das Potenzial zu erkennen glaubte, den ersten Songs eine komplette Band folgen zu lassen, traf er in den Untiefen der Brooklyner Musikszene den Bassisten Devin Ruben Perez und der, ja, der hat offensichtlich einen weg: „He explained exactly what was perfect to me once on an acid trip, but I could not tell you what he said – he wrote me this epic text about how everything lines up and then he called me at 5 a.m. and explained everything. I was groggy, but I remember it definitely involved how the Nirvana song „Dive“ is actually about us. Everybody in the band is a water sign…“ Ein Acid-Trip, Astrologie und ein Nirvana-Song, wirklich? Na super. Fehlt nur noch die unmittelbare interstellare Begegnung mit Mr. Cobain persönlich. Aber gut, blendet man den Hintergrund aus, bleibt ein wirklich schöner Name und der Umstand, dass eine belgische Industrial-Band das Anfang der 90er-Jahre ebenso sah. „I don’t really give a fuck what the band is called. I originated this project in a bedroom with no internet and didn’t know it would ever leave…“ Da man sich nicht mit solch oberflächlichen Belanglosigkeiten wie Namen beschäftigt, wurden Dive respektvoll zu DIIV.

DIIVs impressionistischer Gitarrenpop lädt zum Träumen ein. Direkt der erste Song auf ihrem ersten Album „Oshin“, „(Druun)“, ist ein traumhaftes Abbild ihres Spektrums. Kein perfekt belichtetes Bild, keine kunstvolle Darstellung, eher eine verwaschene Fotografie in Polacolor, die ihre Schönheit durch eine subtile Frugalität erlangt. Ein Bild, dessen Ausdruckskraft nicht an den Inhalt, sondern an der Präsentation ebenjenes Bildes knĂĽpft. L‘art pour l‘art.

Die Komposition vermittelt den Eindruck eines nachdenklichen Schwelgens im Moment. „Oshin“ ist mal die Leichtigkeit eines frühen Frühlingstages, mal die Kraft eines heißen Sommertages. Mal bringt es herbstliche Melancholie, mal winterliche Kühle. „Oshin“ ist so stark, weil es, während man gedankenvoll zurückblickt, stets den nächsten Moment findet. Weil die Gradwanderung gelingt und es trotz seiner stilistischen Ausgewogenheit genügend Kontrast besitzt. So folgen dem relativ klaren Bild aus dem einführenden „(Druun)“ mit „Past Lives“ und „Human“ zwei stark verwischte Stücke mit 80er-Anleihen, in denen der Gesang kaum wahrnehmbar die Gitarrenebenen umhüllt. Auch das ist Shoegazing. Kurz bevor man jetzt das Gefühl hat, eingelullt zu werden, bringt einen das Bass-Synth-getriebene „Air Conditioning“ mit seinem repetitiven Kraut-Riff wieder zurück auf den Boden.

Und so geht es immer weiter. Stilprägend für das Album sind wie bei diversen Captured-Tracks-Labelmates (beispielweise die Beach Fossils, an denen Smith auch beteiligt ist) und anderen zeitgenössischen Bands die Shoegaze-Anleihen. Erinnert fühlt man sich immer wieder auch an Bradford Cox’ Deerhunter. Wie diese aber sind Smith und Co. zu intelligent, um sich mit dem übertragen des Early-90s-Vibes zufriedenzugeben. Das Songwriting und die Songs strotzen nur so vor klugen Einwürfen aus allen Richtungen. Kraut. Psychedelic. Wave. Auch das Tempo ändert sich immer wieder. Mittendrin wird „(Druun)“ dann noch einmal von einer anderen Seite beleuchtet. Huch, auf einmal hat sich eine Prise „Daydream Nation“ (Anm. d. Red.: ein Sonic-Youth-Album) auf das Album geschlichen. Noise. Punk. Und dann folgt die träumerische Hymne des Albums: „Follow“. Eine spontane Liebe.

Auch beim Einweben der Referenzen gelingt eine Gradwanderung: Niemals wird übertrieben, nichts wird zu sehr ausgereizt. Ganz kleine Brüche im homogenen Raum werden zugelassen oder sind sogar gewollt. Die meiste Zeit raubte wahrscheinlich gar nicht das klassische Songwriting, sondern das Finden des passendes Sounds. Das Potenzial und die Liebe zum Detail aus dem Studio heraus auf ein Album zu bringen, ist eine schwierige Aufgabe. Das Album klingt so gut abgemischt, dass es eine souveräne Leichtigkeit versprüht. Es ist zu befürchten, dass hinter der Leichtigkeit harte, harte Arbeit steckt.

Das ByteFM Album der Woche.

Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „DIIV“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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Neue Platten: Peaking Lights – „Lucifer“

(Weird World/Domino)Weird World/Domino

8,0

„Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ Wahrnehmung gründet auf einer gänzlich subjektiven Ebene. In seinem Aufsatz fragte Thomas Nagel also, wie es denn sei, eine Fledermaus zu sein, und holte damit eine grundsätzliche Frage zurück in eine gegenwärtige Debatte: Wie erlebt man?

Die subjektive Wahrnehmung ist eines der interessantesten Themen der Bewusstseinsforschung. In gewisser Weise kann man wohl sagen, dass unsere Qualia uns unser Leben auf eine bestimmte Weise erzählen. Und so erleben wir unsere eigene Geschichte. Geradezu freimütig trägt das herausragend berauschende Stück auf „Imaginary Falcons“, dem Debütalbum des Ehepaares Aaron Coyes und Indra Dunis als Peaking Lights, den Namen „All The Good Songs Have Been Written“ – alles ist schon einmal da gewesen. Alle Geschichten wurden schon erzählt. Nichts ist neu. Die Angst vor der Wiederholung ging so weit bei Aaron Coyes, dass er das traditionelle Songwriting aufgegeben hatte und mehrere Jahre ziellos-chaotisch herumexperimentierte, auch mit dem eigenen Bewusstsein. Trotzdem ging der Blick stets zurück. Sehnsüchtig nach dem analogen Vintage-Sound der Vergangenheit, baute er sich eigene Synthesizer, da die Originale einfach nicht erschwinglich waren. Erst 2006 gelang es jemandem, ihm diese Angst zu nehmen, und ihn dazu zu bewegen, sich wieder an klassische Songstrukturen zu wagen. Er traf auf Indra Dunis. Ein Glück, denn – und das ist es, was einem die Peaking Lights immer wieder vor Augen führen – der Blick zurück ist wertvoll. Eine Rückbesinnung stellt auch der Titel des Albums dar, der auf die ursprüngliche mythologische Bedeutung Luzifers als Lichtträger zurück geht. Die Venus weist den Weg.

Es kommt manchmal nicht so sehr darauf an, was jemand zu erzählen hat, sondern wie es erzählt wird. Wir können Bereicherung finden in der Vielzahl sich wiederholender Erfahrungen. Die Sehnsucht lässt etwas besonders intensiv erscheinen. Die Lust kehrt unser Empfinden um. Ein identischer Reiz löst etwas völlig anderes in uns aus. Das Heil liegt im Anachronismus. Nimm etwas, das schon einmal da war, und betrachte es aus einem anderen Blickwinkel, in einem anderen Licht. Spiele mit den Informationen. Lass etwas weg, fĂĽge etwas hinzu – genau das ist es doch, was King Tubby, Lee „Scratch“ Perry und Co. taten. Die Väter des Dub fanden ihr Heil. Ja, der Dub war immer schon anachronistisch.

Eine gute Geschichte besitzt Höhen und Tiefen. Es ist dieser Verve, der den Reiz einer Erzählung ausmacht. Welch interessante Geschichte ist es, die die Peaking Lights zu erzählen haben. Natürlich erzählt auch ihr aktuelles Album eine Geschichte, und es erzählt diese auf eine ganz besondere Art und Weise. Es spielt mit der Wahrnehmung, mit Erlebtem und Erlebnissen. Eine große Bedeutung für das Album hatte die letztjährige Geburt des gemeinsamen Sohnes Mikko. Dieser war aber nicht bloß Muse, sondern hatte unmittelbareren Einfluss auf den künstlerischen Ausdruck (zu hören in „Lo Hi“). Im Vordergrund stehen dabei aber gar nicht das bloße Weitertragen der Erfahrungen an sich, sondern das Teilen eines Gefühls. Diese Auseindersetzung ist geprägt von bemerkenswerter Klarheit. Auf keinen Fall sollte man diese aber als Oberflächlichkeit missverstehen. In der Reduziertheit liegt nämlich der eigentliche Charme des Albums: Sie wirkt indirekt, fast schon hinterhältig. Wie ein Mantra verführt es zum Loslassen, verführt es zur Trance. “There are sounds in every little thing. It’s like when it rains and you hear it fall in a pattern, maybe only you can recognize that voice pumping out that liquid rhythm, but it’s there; you just gotta find a way to share it with others.”

Auf der Suche nach diesem Weg geht es darum, sich immer wieder selbst auszuprobieren. Dieser Improvisationsdrang ist zu spüren. Der Retrorausch, der nicht bloß Schick ist: die analoge Wärme. Die reggaehafte Lässigkeit und betonte Langsamkeit. Die krautige Verspultheit. Der dunkel-wavige Raum. Über die bassgetriebenen Rhythmen fließen meist skizzenhafte Schichten über- und ineinander, die ebenjene freiheitliche Struktur erzeugen, die genau das Gefühl für den Klang, den energiegeladenen Moment, herauszustellen vermag, der den beiden am Herzen zu liegen scheint. Das Dunis’ Gesang dabei viel mehr weiteres hypnotisches Element mit ebenso atmosphärischer wie inhaltlicher Botschaft ist, passt nur zu gut. Die Musik der beiden lebt. Der Mond geht auf, ein Stern pulsiert. Ebbe folgt auf Flut und umgekehrt. Alles ist im Fluss. Am Anfang und am Ende steht der Morgenstern. Oder wie es Coyes in der autobiografischen Darstellung ausdrückt: “There’s a lot more in this story, but it’s not linear, it’s a cycle. A bunch of circles rotating at different speeds but still intertwined like the Mayan calendar or how I visually imagine gamelan.”

Label: Weird World/Domino | Kaufen

Dntel – „Aimlessness“

Dntel - AimlessnessVĂ–: 01.06.2012
Web: Dntel bei SoundCloud
Label: Pampa Records

Schafft man es, über Dntel zu schreiben, ohne dabei The Postal Service zu erwähnen? Ups.

Anfang des vergangenen Jahrzehnts erschien ein Album, das die Glitch-Ă„sthetik der 90er-Jahre in eine völlig neue Richtung definierte. Eine Ansammlung aufgebrochener Popsongs, die viel mehr in ihrer vertikalen als in ihrer horizontalen Struktur ĂĽberraschten. Bandmitglied Jimmy Tamborellos (alias Dntel) eigentliche Leistung lag gar nicht in der bloĂźen Innovation und Inspiration, die seine Musik damals versprĂĽhte, sondern darin, scheinbare Paradoxien in Einklang zu bringen, Digitales warm klingen zu lassen und mit seinen verfremdeten Versätzen auf emotionaler Ebene zu berĂĽhren. Der schleppende Drumloop, diese zuckersĂĽĂź schrägen Synth-Melodien und dann das Glockenspiel. Man kann förmlich spĂĽren, wie sehr Tamborello den Nerv der damals noch immer orientierungslos wirkenden Milleniumkids getroffen haben muss. Der Zustand der Verwirrung gegen Ende der 80er-Jahre, Folge der zunehmenden Abkopplung des Wirtschaftsprozesses von der Gesellschaft, die ihn eigentlich prägen sollte, sorgte paradoxerweise dafĂĽr, dass sich plötzlich eine ganze Generation als AuĂźenseiter fĂĽhlte. Dieses GefĂĽhl wurde als Grunge bekannt und was folgte, war ein Jahrzehnt voller emotional geprägter Rockmusik, die ebenjene Perspektivlosigkeit vertont hat, aber letztlich ĂĽberhaupt nichts an diesem Zustand ändern konnte. Musik ohne Perspektive. Nur unter BerĂĽcksichtigung dieser RĂĽckwärtsgewandtheit kann man verstehen, welche Rolle Dntels Album „Life Is Full Of Possibilities“ neben Radioheads „Kid A“ wirklich zukam. Die progressiven Strömungen der elektronischen Musik – allen voran ist hier natĂĽrlich das Label Warp zu nennen – waren bestenfalls Nische und erreichten nur eine Minderheit. „Kid A“ änderte dies zwar, galt aber noch als verkopfter, ambitionierter Eisbrocken. Und jetzt fragt plötzlich jemand „How can you love me if you don’t love yourself?“ – immer wieder. „(This Is) The Dream Of Evan And Chan“ – das verrauschte ĂśberstĂĽck mit Psyence-Fiction-Drummachine und den typischen Sehnsuchtsvocals von Death-Cab-For-Cutie-Mastermind Ben Gibbard brachte die groĂźe Aufmerksamkeit fĂĽr Dntel. Die Folgen sind bekannt.

Dass Tamborello keine Angst vor Experimenten hat, zeigt nicht nur sein bisheriger Katalog, sondern auch die Offenheit für Kollaborationen jeglicher Art, sei es für sein Hauptprojekt Dntel oder für eines der zahlreichen Nebenprojekte (Figurine, die äußerst beliebte Radioshow „Dying Songs“ und allen voran eben The Postal Service). Im letzten Jahr bewies er die Abwesenheit jedweder Berührungsängste durch die Veröffentlichung einer EP mit großartigen Enya-Remixes. Genau diese EP erregte dann auch die Aufmerksamkeit von DJ Koze, der es sich mit seinem Label Pampa zum Ziel gesetzt hat, ambitionierte elektronische Musik zu veröffentlichen. Rechtliche Probleme verzögerten die Zusammenarbeit allerdings – bis jetzt.

„A home for house and techno tunes that will conquer hearts and take root there forever, music that’s brave and not afraid to break with convention”, das sagen die Betreiber, namentlich DJ Koze und Marcus Fink selbst ĂĽber ihr relativ junges Label Pampa und haben sich mit dieser Vision bereits einen exzellenten Ruf erarbeitet. Letztes Jahr veröffentlichten sie eines der besten Alben des Jahres: Thora Vukk, des Jenaer Produzenten Gabor Schablitzki aka Robag Whrume. „I thought you might like to come home“, lässt Tamborello Will Wiesenfeld (Baths) in „Still“ singen. Man kann, während man Tamborellos aktuelles Album „Aimlessness“ hört, das GefĂĽhl gewinnen, er habe ein Zuhause gefunden. Genau der RĂĽckzugsort, der ihm die Sicherheit, aber auch die Inspiration gibt, seine GefĂĽhle in das Jetzt zu transportieren. „Aimlessness“ klingt aktuell. Und es klingt ĂĽberraschend europäisch. Schreiben wir DJ Koze und Pampa nun einen Einfluss auf Tamborellos musikalischen Schaffensprozess zu, lässt sich dieser in „Aimlessness“ entdecken. Es verleugnet seine Wurzeln nicht, hier ist Ambient, hier ist Glitch-Samplework, aber alles wird ein wenig fester geschnĂĽrt.

Deshalb ist oben genanntes „Thora Vukk“ vielleicht gar nicht mal die verkehrteste Referenz. „Aimlessness“ klingt ein wenig so, als wĂĽrden Schablitzkis Minimal-beeinflusste Hauptsongs und seine Ambient-beeinflussten Interludes zusammen passieren. Immer schön, oft treibend, manchmal sogar tanzbar. Insgesamt ist der Sound zwar dichter geworden, aber die grundsätzliche Offenheit, die schon „Life Is Full Of Possibilities“ so schön gemacht hat, herrscht auch in „Aimlessness“ vor. Geradezu spĂĽrbar ist er, der Raum, den die Musik bekommt, sich trotz der – pardon – Vielschichtigkeit zu entfalten. Was auf seinem skizzenhaften Meisterwerk von 2001 immer wahrzunehmen war, ist nun zentrale Eigenschaft geworden: die Ausgefeiltheit der Arrangements, die unglaubliche Arbeit, das Abwägen, aber auch das Weglassen. Eine weitere Parallele zu Schablitzki ist das Faible fĂĽr die Wärme, fĂĽr analog anmutende Samples, Piano-Loops und den speziellen Einsatz der Field-Recordings; auf die Spitze getrieben im abschlieĂźenden „Paper Landscape“, einer freien Klangcollage auf Popol Vuhs herzzerreiĂźenden Fitzcarraldo-Beitrag „Engel der Luft“. Passend, dass man am Ende dann irgendwie noch an Klaus Kinski denkt. Ein immer wieder als sanftmĂĽtig beschriebener Charakter, ein einmaliger KĂĽnstler, aber auch ein von Tobsuchtsanfällen geplagter, krankhafter Egomane. Eine höchst paradoxe Persönlichkeit. Ein Mensch.

In Zeiten der fortgeschrittenen Autonomisierung der Musikproduktion, in denen Jedermann auf Multispur-Sequencer zurĂĽckgreifen kann und dann nicht einmal sein Bett verlassen muss, um an Field-Recordings und Samples jeder Art zu kommen, in denen jede Idee sofort verarbeitet wird. In Zeiten von Skrillex, von Kompressions- und Loundness-War, von 4-To-The-Floor-Club-Konformität, von freiem Zugang zu Information, von „Mehr ist mehr“, „ich will alles“ und „ich will immer“, von sinkenden Aufmerksamkeitsspannen. In diesen Zeiten ist es schön, ein Album zu haben wie dieses. Eines, das Strukturen aufbricht, wirkliche Dynamik besitzt und dabei trotzdem so melodisch, so warm, so schön klingt. Dieses Album ist keine widersprĂĽchliche Herausforderung, sondern eine wĂĽrdigende Bereicherung.

Das ByteFM Album der Woche.

Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Dntel“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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Fehlfarben – „Xenophonie“

VĂ–: 18.05.2012
Web: http://www.fehlfarben.com/
Label: Tapete

Feindseligkeit entsteht aus Angst. Und so wird Fremdenfeindlichkeit gemeinhin auch als Xenophobie bezeichnet. Dieses Album vertont nun die Angst vor dem Fremden, vor der Veränderung, die Konstruktion eines negativen Fremdbildes, um die Erhabenheit des Selbstbildes zu legitimieren. Ob die resultierende Ignoranz nun Folge oder Basis des auf die Spitze getriebenen egoistischen Individualismus der aktuellen Gesellschaft ist, wird nicht beantwortet. Das ĂĽberrascht auch keineswegs, trat Peter Hein doch schon immer als schräg lakonischer Beobachter auf. „Ich muss doch schon lang nicht mehr probieren / Die Lage, wie sie ist, zu kommentieren“, stellt er fest, nachdem er zuvor in gewohnter Eindringlichkeit „diverse Ekelhaftigkeiten unseres alltäglichen Lebens“ (Tocotronics Jan MĂĽller) benannt hat. Erwähnenswert: der darauf reimende Verweis auf den ehemals so ernsthaften Job, der einen groĂźen Teil Heins‘ Lebens geprägt hat. Irgendwie kauft man ihm diese Gelassenheit nun aber nicht so ganz ab, wie jemandem, der sich gerade echauffiert, indem er ähnlich eindringlich betont, wie fĂĽrchterlich egal ihm das doch alles ist. Die erste Single „Platz Da“ besitzt mächtige Ellenbogen und bringt die oben angedeuteten AuswĂĽchse ziemlich gut auf den Punkt – und wenn es nur darum geht, als erster seine morgendlichen Brötchen zu bekommen, man hat sie sich ja schlieĂźlich verdient. Dass dabei vielleicht andere auf der Strecke bleiben, interessiert nicht.

Kein Artikel zu den Fehlfarben ohne ihre besondere Stellung im Kontext der deutschen Popmusik zu erwähnen. Eine Tatsache, welche die Band scheinbar selbst als Bürde empfindet und dementsprechend „das Frühwerk am Hals wie einen Mühlstein“ trägt. Eben dieses frühe Meisterwerk „Monarchie Und Alltag“ von 1980 stand ganz im Zeichen der damals noch recht jungen britischen Post-Punk-Bewegung um Pere Ubu, The Pop Group und der mittlerweile legendären Gang Of Four. Ohne jetzt die Klassenkampf-Plattitüde hervorzuholen, kann man sagen, dass dieses Album für die Working Class, für den kleinen Mann spricht. Wie es ebenjene Gang Of Four schon immer getan haben. Eine Zielgruppe, die in den 80ern unter dem aufkommenden Thatcherismus in Großbritannien jeden Fürsprecher gebrauchen konnte und es nach wie vor kann. Das haben die Riots in London eindrucksvoll bewiesen. Aber zwischen „Wutbürgern“, Umweltschützern und Internetaktivisten entfernen sich die so oft zitierten Scherenarme auch in Deutschland immer weiter voneinander. Soziale Missstände sollten, nein: müssen, wieder einen stärkeren thematischen Fokus auf sich ziehen. Kritik auf der Systemebene ist auch in dem Land, dem die wirtschaftliche Führungsrolle der gemeinschaftlichen – man beachte den militärischen Duktus – „Währungsfront“ zukommt, kein Tabu mehr. Wobei Peter Hein niemals direkt auf solche Ebenen vordringt, vielmehr ergibt sich die dringliche Botschaft als Gesamtton aus all den einzelnen Beobachtungen, die ungeschönt zur Schau gestellt werden.

Ungeschönt trifft auch auf den Klang von „Xenophonie“ zu, dafĂĽr hat Produzent Moses Schneider mal wieder hinreichend gesorgt. Das beste Beispiel fĂĽr diesen rohen und doch jederzeit ausbalancierten Klang ist das HerzstĂĽck „Lang Genug“, in dem das Saxofon so wahnsinnig staubtrocken treibt. Was aber auch zu hören ist, – und das macht es zum besten Werk der Fehlfarben seit „Knietief Im Dispo“ – ist diese gewisse Spontaneität und Verspieltheit. Man kann sich gut vorstellen, wie Schneider, mit der ĂĽblichen Zigarette im Mund, in irgendeinem improvisierten Studio steht und die Bandmitglieder wild gestikulierend dazu anstachelt, einfach zu sagen, was sie zu sagen haben. Und sie haben viel zu sagen. Es gibt viel zu sagen. In der aktuellen, krisengeschĂĽttelten Welt wirkt das Album wie eine ziemlich raue Brise. Manchmal fast unangenehm und doch notwendig – wie ein nasskĂĽhler Herbstwind. Und gegen diesen Herbstwind hilft auch kein Fortuna-Schal.

Das ByteFM Album der Woche.

Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag von Montag bis Samstag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Fehlfarben“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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Neue Platten: Django Django – „Django Django“

Warner(Warner)

9,1

Bereits zu Beginn des Jahres erschien in Großbritannien das Debütalbum der ehemaligen Edinburgher Kunststudenten von Django Django, auf dem sie popmusikalische Stilmittel der 60er-Jahre mit allerhand Einflüssen aus den folgenden Jahrzenten verweben. Die Resonanz der britischen Presse hierauf als positiv zu bezeichnen wäre eine ziemlich starke Untertreibung. Die Briten rasten mal wieder aus.

Das in London lebende Quartett um Drummer und federführende Instanz David Maclean wählt einen interessanten Weg. Ihre Idee, Psychedelic Rock der 60er mit synthetischen Elementen anzureichern, ist keinesfalls neu, sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks. Vor gar nicht mal so langer Zeit führte sie sogar zu einem der überraschendsten Durchbrüche der jüngeren Popgeschichte. Und wer sich fragt, wie genau sich doch gleich noch einmal der Moment anfühlt, in dem MGMTs „Oracular Spectacular“ nach der Hälfte umkippt, der findet hier eine knapp 49 Minuten lange, perfekt ausbalancierte Antwort.

Im letzten Dezember erschien die unglaubliche Vorabsingle „Default“, ein ĂĽberbordendes, verrĂĽckt phrasiertes Rythmuswirrwarr, in dem verspulte Synths und entfremdete, ĂĽbereinandergeschichtete „Default“-Vocalschnipsel fĂĽr die MelodiefĂĽhrung zuständig sind. Doch die Band sorgte bereits im Jahr 2009 mit ihrer ersten Single „Storm / Love’s Dart“ – beide Songs finden sich nun, in ebenbĂĽrtiger Gesellschaft, ĂĽbrigens auch auf dem Album – das erste Mal fĂĽr Aufsehen. Eine Folge: vom Start weg ausverkaufte Konzerte im Heimatland. Schon damals erklärte Maclean, Herr im Studioreich Django Djangos (seinem eigenen Schlafzimmer), in einem Interview die Herangehensweise: „I helped beef out the songs and helped structure them, … then working backwards to give it a PG certificate.“ Reduktion ganz im Stile eines Dub, und bevor er den SongentwĂĽrfen der Band beim Erwachsenwerden half, hat er noch an Acid-House-Produktionen gefeilt: „I tried to let the songs dictate. Production wise, definitely I think I’d have more in common with the way Public Enemy produce, or the way that house guys produce than a rock engineer.“ Und genau das ist trotz der enorm vielfältigen Instrumentierung und generellen Bandbreite des Albums auch immer wieder bemerkbar. Ganze Flächenstrukturen in den Songs kommen und gehen, einzelne Elemente verschwinden ersatzlos und machen damit Platz fĂĽr Neues. Was passiert wann? Wann wird ein Muster aufgebrochen? Wann ein Thema wieder aufgegriffen? Es ist vorstellbar, wie schwer diese ZurĂĽckhaltung manchmal gefallen sein muss und wie viel Zeit sie gekostet hat. Perfekt zu hören ist dieses Prinzip in „Firewater“, einem Countryfolk-Stampfer mit Krautrock-Sporen, der ein groĂźartiges Beispiel fĂĽr einen gut arrangierten Popsong und die daraus folgende Harmonik ist. Manchmal sind es nur Andeutungen, wie die leicht schlotterige Cowbell in „Zumm Zumm“, aus dessen Rhymthmusstruktur sich im Ăśbrigen gut und gerne auch drei Songs herausschälen lieĂźen; manchmal aber auch elementare Bestandteile, wie die Chöre und Synthieflächen im Outro des erstgenannten. In eine ganz andere Richtung zeigt der Kompass im von Spaghettiwestern-Gitarren getriebenen „WOR“, das schon in seiner Breite eher an den Sound zeitgenössischer britischer Bands wie Primal Scream oder Kula Shaker erinnert. Ein Rezept, das schon Kasabian zu beachtlichen Erfolgen fĂĽhrte, hier jedoch nicht annähernd so dreist verfolgt wird.

Die nicht zu überhörende Ähnlichkeit zur stetig gefeierten, 2004 zerbrochenen Beta Band müsse im Blut liegen, meinte Maclean einmal scherzhaft und meinte das wohl wörtlicher als man zunächst denken könnte, ist Beta-Keyboarder John Maclean doch sein Bruder. Tatsächlich liegen die Einflüsse nah beieinander: Der mittlerweile wieder oft anzutreffende mehrstimmige Gesang, die Surfgitarren – die 60er eben. Kennt man schon? Nicht so. Darüber hinaus ist das Album ist ein wahrer Genuss für diejenigen, die Syd Barretts Pink Floyd aus der „The-Piper-At-The-Gates-Of-Dawn“-Ära lieben, wegen der zahlreichen Psychedelic-Verweise, aber auch wegen des ähnlichen, leicht ungeschliffenen Sounds. Und wenn Du denkst, das könnte gut klingen, dann, denke ich, sollte es das auch.

„You‘re on the go / You‘re always wanna go / You want to go somewhere / Where you don’t know“ – wie die rastlose, von Aktionismus getriebene Person, welche in „Storm“ gezeichnet wird, ist das Album immer wieder in der Lage, einen herauszufordern. Als wäre Maclean der personifizierte und genau richtige Ort fĂĽr die Ideen der Band; wie die Studiokapelle in Englewood Cliffs, die Rudy Van Gelder Anfang der 60er-Jahre so zahlreichen Jazzgrößen zur VerfĂĽgung stellte, die es zu dieser Zeit in die spirituelle Richtung trieb. Der Freiraum, auf den die Ansätze treffen konnten, die Zeit die sich genommen wurde, all dies lässt das Album nach Spielfreude klingen. „A complex sum“ also.

Weil die Schubladen, derer sie sich bedienen, mehr als interessant und keinesfalls ausgenudelt sind. Weil eben nicht bloß die zitierten Elemente, sondern das Songwriting für sich überzeugt. Ja, weil sie es über die gesamte Zeit schaffen, die Spannung hoch zu halten und immer wieder Momente zu erzeugen, die einen dieses Kribbeln in den Fingern spüren lassen, das man in dem Moment fühlt, in dem man die Rückspultaste drücken oder die Nadel zurücksetzen möchte, einfach um das gerade Gehörte nochmals zu hören, verdient der Ansatz, den Django Django auf ihrem ersten Album wählen, jede Aufmerksamkeit.

Label: Warner | Kaufen