East Meets West – ein Besuch des Waves Festivals

06.10.2011 von  

(Waves Festival)

„Ist es nicht merkwürdig? Wir haben dieselbe Werbung, dieselbe Wirtschaft, dasselbe politische System, aber wir haben keine Idee, welche Musik unsere Nachbarn hören!“ Peter Smidt vom Eurosonic Festival beschreibt ein Phänomen, das für Europa im Allgemeinen und für Osteuropa im Speziellen gilt. „East meets West“ hieß das Motto der Konferenz, die im Hintergrund des Waves Festivals gehalten wurde, Wiens erstem internationalen Showcase Festival, das die Stadt zu einer Drehscheibe für Musik aus dem Osten machen will. Von 28.09. bis 02.10. trafen sich Labelchefs, Festivaldirektoren, Manager, Bookingagents, Vertreter von Musikexportbüros – kurz: die Musikbranche – um über die Zukunft eines gesamteuropäischen Musikmarktes inklusive Osteuropa zu diskutieren.

Dort hat sich seit dem Fall des eisernen Vorhangs musikalisch viel getan, trotzdem wird die Region nach wie vor marginal behandelt. Wenige Bands haben Interesse daran, in Osteuropa zu spielen, da oft die geeigneten Venues fehlen und sich Konzerte dort finanziell nicht wirklich lohnen. Die Digitalvermarktung steckt noch in den Kinderschuhen, bis vor kurzem gab es weder iTunes noch Spotify – dafür kann man so gut wie jeden Content illegal herunterladen oder als Raubkopie kaufen. Mittlerweile habe sich die Lage aber angeglichen, sagt Nick Hobbs. Der Brite lebt in Isanbul und veanstaltet seit Jahrzehnten Konzerte und Tourneen in Osteuropa. Auch hier würde das Live Business immer mehr zu einer wichtigen Einnahmequelle. Hatten Konzerte früher eher eine Promofunktion für das Album, so haben sich die Verhältnisse heutzutage umgedreht – CDs dienen mittlerweile mehr als Marketing Tool.

Und schon wieder die Krise

Dass der Musikmarkt im Wandel ist und althergebrachte Businessmodelle nicht mehr funktionieren, dessen ist sich die Branche bewusst. Während die einen über eingebrochene Verkaufszahlen jammern und der guten alten Vinyl-Zeit nachtrauern, blicken andere der Zukunft positiv entgegen. „Die jetzige Krise der Musikindustrie ist eine Transformationskrise. So etwas geht immer einher mit der Einführung neuer Technologien. Wer schreibt heute zum Beispiel noch auf Schreibmaschinen? Und wer vermisst sie? Genau dasselbe passiert heute mit der traditionellen Plattenindustrie. Viele Labels werden verschwinden, dafür neue, andersartige gegründet.“ Jaro Slavik sieht die Situation nüchtern. Er ist der Geschäftsleiter für Warner Music Osteuropa, TV-Produzent und Manager verschiedener Popstars und Sternchen, die aus Shows wie Pop Idol, Eurovision Song Contest oder Got Talent hervorgegangen sind. Seine Taktik: „Ich verkaufe meine Artists an die Werbung! Dort, bei den Werbeagenturen und Banken ist das Geld zu holen.“ Auch Nick Hobbs, eigentlich immer noch antikapitalistischer Idealist, muss zugeben: „Nicht nur für die Musiker, auch für Clubs und Festivals ist die Werbewirtschaft in Form von Sponsoring extrem wichtig“, und erzählt von verstecktem, weil illegalem Sponsoring von Clubs durch Tabakkonzerne in Istanbul.

Die Werbeindustrie als Retterin des Musikbusiness?

Neben der zunehmenden Wichtigkeit von Live-Konzerten und Merchandising-Produkten, scheint die Werbung für ein fremdes Produkt zunehmend eine wichtige Einnahmequelle für Musiker zu sein. Eine riskante Gratwanderung. Werbespots steigern auf der einen Seite zwar manchmal den Bekannheitsgrad, wie dies für Feist und deren Song „1234″ in der iTunes-Werbung der Fall war. Die versuchte Imageaufbesserung einer Marke führt aber nicht selten zum gleichzeitigen Imageverlust der Künstler. Iggy Pop wirbt für eine Versicherung, Bob Dylan für den Unterwäschehersteller Victoria’s Secret. Die Fans wenden sich befremdet ab. In den USA und vermehrt auch in Europa sind in den letzten Jahren sogenannte Sync-Agenturen wie die Pilze aus dem Boden geschossen. Sie lizensieren Musik für Werbung, Film und TV, vermitteln diese an Werbekunden und entwickeln gleich oft die gesamte Kampagne dazu. Das funktioniere heute aber nicht mehr so simpel wie früher, weiß Babsi Steiner von Swimming Pool, der ersten und einzigen österreichischen Sync Agentur. Da habe man einfach die Marke mit der hippsten Musik kombiniert und fertig. Heute müsse viel mehr eine „Identifizierung“ eintreten, die Fans eingebunden werden und es dürfe auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass der Artist gekauft sei. Die beste Werbung sei die, die vom Konsumenten nicht als solche wahrgenommen werde, findet Fabian Heuser vom Internet-Musiksender Tape TV. Manche Musik würde ohne ein Produkt auch gar nicht funktionieren, so Heuser, mit Verweis auf Skate- und BMX-Videos. Musik in Zukunft als reines Marktingtool – wo bleibt in diesem ganzen Zirkus Platz für künstlerische gesellschaftspolitische Kritik?

Neue Wege

Über alternative Geschäftsmodelle spricht Peter Jenner. Er war Manager von Größen wie Pink Floyd, The Clash und ist eine Legende im Musikbusiness. (Nebenbei: Er kommt auch in dem sehr emfehlenswerten Film Good Copy Bad Copy vor.) Möglich wäre laut Jenner eine geringe monatliche Gebühr pro Internetanschluss – dafür das Recht, alles legal gratis runterzuladen. Ein System müsse entwickelt werden, das gesammelte Geld, ähnlich wie dies Verwertungsgesellschaften heute schon tun, an die Künstler weiterzuverteilen. Außerdem fordert er die Künstler zur Originalität auf. „Anstatt drittklassiger Kopien angloamerikanischer Popmusik, sollten sie aus ihrer eigenen Kultur heraus Stile entwickeln.“ Europaweite, flächendeckende Gebührenerhebung sowie die Förderung lokaler Musik – dafür braucht es politischen Willen, ja überhaupt das Bewusstsein, dass hier Handlungsbedarf besteht. Dafür braucht es Leute und Institutionen, welche die zuständigen Politiker davon überzeugen, dass Pop- und Rockmusik ebenso Kultur und nicht reiner Kommerz ist. Zudem bringen große Festivals einen nicht unerheblichen wirtschaftlichen Mehrwert, wenn etwa zigtausende Besucher des Sziget Festivals ihr Geld in Budapest ausgeben oder eine lebendige Clubkultur Touristen aus aller Welt anzieht. Nach wie vor geht aber ein Großteil der finanziellen Zuschüsse für Musik an den Klassik-Sektor – sowohl auf nationaler als auch auf Europaebene.

Vernetzung

Die Hürden, an eine EU-Förderung zu kommen, sind hoch. Umständlicher Papierkram, lange Wartezeiten oder schlichtweg der Fakt, dass viele Musiker gar nicht wissen, dass es solche Förderungen gibt. Die Bedingung, eine ebenso große Menge Eigenkapital wie die beantragte Fördersumme mitzubringen, lässt es für viele utopisch erscheinen, ihr Musikprojekt von der EU mitfinanzieren zu lassen. „Die Europäische Kommission ist weit weg von der Realität der Musiker“, findet Jean-Marc Leclerc vom European Music Office. Nicht, dass sie nicht interessiert wäre, es brauche aber stärkeres Lobbying, um die Wünsche der Musikindustrie an die Leute in Brüssel heranzutragen. Und genau das tut das European Music Office (EMO) – ein Zusammenschluss aus nationalen europäischen Musikexportbüros, Verwertungsgesellschaften und Musikinitiativen. Ziel der Lobbyorganisation ist es, einen starken, vernetzten europäschen Musikmarkt zu schaffen, ähnlich dem „Europa Cinemas“-Netzwerk.

Ein Zentrales Projekt des EMO ist das European Talent Exchange Programme (ETEP), ein Austauschprogramm zwischen europäischen Festivals und Radiostationen, das in den ersten Jahren, 2005 und 2006, von der Europäischen Union gefördert wurde. Die Festivals schaffen Pools mit den besten Bands des Landes, aus dem beim Eurosonic Festival in Groeningen die anderen Festivals auswählen, und ihrerseits mit dem Support der Radiostationen auf die Bühne stellen. Mittlerweile werden durch ETEP an die 200 Shows pro Jahr vermittelt. Das Problem: Es profitieren davon fast ausschließlich westeuropäische Musiker. Deshalb wurde nun nachjustiert und eine eigene Sektion gegründet, in der hauptsächlich osteuropäische Acts, Festivals und Medienpartner vertreten sind: das Central Eastern European Talent Exchange Programme (CEETEP), das 2012 an den Start geht.

Eine Studie über die Zirkulation von Musik in Europa, z.B. wie viel österreichische Musik in Frankreich gespielt wird, wie viel dänische in Deutschland usw., soll im Januar präsentiert werden. Dann wird schwarz auf weiß zu sehen sehen sein, wer die „Winner“ und wer die „Loser Countries“ sind. Damit osteuropäische Acts eine Chance auf dem Markt bekommen, dafür muss sich in den Worten vom zu Beginn erwähnten Nick Hobbs vor allem eines ändern: der Zeitgeist. „Statt nach Amerika zu blicken, sollten die Leute endlich anfangen, sich für die sie umgebenden Länder zu interessieren.“

Neue Platten: A Hawk And A Hacksaw – „Cervantine“

16.02.2011 von  

Wer? Was? Warum? ByteFM Redakteure besprechen eine Auswahl aktueller Neuerscheinungen.

Wer? A Hawk And A Hacksaw sind Jeremy Barnes am Akkordeon und die Violinistin Heather Trost. Das Duo aus Albuquerque, New Mexico, USA, gründete sich 2003, der Bandname ist eine Anspielung auf den Roman Don Quixote, wobei es dort „A Hawk And A Handsaw“ heißt.

Was? Als eine einzige Aneinanderreihung von Zitaten ist auch die Musik von A Hawk And A Hacksaw zu sehen. Vermischt werden diverse osteuropäische Musikgenres, angefangen von ungarischer Cimbal- und Fidelmusik, rumänischem Gipsy Brass, jugoslawischer Volksmusik, jüdischem Klezmer und vielem mehr. Umgesetzt relativ traditionell und meist rein instrumental.
„Cervantine“ heißt das nun fünfte Studioalbum von A Hawk And A Hacksaw. Wieder eine Anspielung auf Don Quixote bzw. dessen Erfinder Miguel De Cervantes.

Diesmal orientierten sich Barnes und Trost vor allem an den schwermütigen Melodien des südlichen Balkans, Griechenland und der Türkei (mit Üsküdar covern sie sogar ein Lied, das in der gesamten Region gesungen wird) und versuchen eine Brücke zu schlagen zur spanisch-mexikanisch beeinflussten Musik New Mexico’s.

Warum? Aus musikethnologischer Sicht mag das vielleicht ganz interessant sein, tatsächlich sind A Hawk And A Hacksaw nicht mehr, aber auch nicht weniger, als eine Osteuropa-Coverband. Obwohl das Duo in der Vergangenheit mit vielen verschiedenen Künstlern aus Slowenien, Rumänien und Ungarn gearbeitet hat, fehlt ihrem Sound der Drive, für den osteuropäische Musik so bekannt und beliebt ist.

Label: Lm Dupli-Cation | Kaufen

Rezension: Gang Of Four – „Content“

25.01.2011 von  

Wer? Was? Warum? ByteFM Redakteure besprechen eine Auswahl der Neuerscheinungen in der aktuellen Kalenderwoche.

Wer? Gang Of Four klingen wie Franz Ferdinand, Bloc Party, The Rapture, Futureheads und Konsorten.
Oder besser: Franz Ferdinand, Bloc Party, The Rapture, Futureheads und Konsorten klingen wie Gang Of Four.
Denn die Viererbande um Jon King und Andy Gill gibt’s immerhin seit 1977!

Als „Funk-Punk“ bezeichnete man ihren Musikstil und 1979 kamen sie mit ihrer zweiten Single „At Home He’s A Tourist“ gar in die UK Top 40. Auf einen Fernsehauftritt in „Top Of The Pops“ verzichtete man, da sie sich weigerten das Wort „rubbers“, also „Gummis“ aus dem Text zu streichen. Einem größeren Publikum wurden Gang Of Four somit nie bekannt, was sie aber nicht besonders gestört haben dürfte. Mit politischen Aussagen und Covern suchten sie regelmäßig die Konfrontation und wurden auch ohne Charterfolge zu Legenden.
Seit Mitte der 80er war dann aber erst mal Schluss, nur noch sporadisch kam es zur Zusammenarbeit der Bandmitglieder. 2005 dann die Reunion, „Return The Gift“ erschien mit vierzehn Neuaufnahmen alter Songs plus Remixen.

Was? Nun also „Content“. Zehn neue Titel, verpackt in eine flache Metallbox, die an Manzonis verpackte Exkremente (Artist’s Shit 1961) erinnern soll, wie auf der Homepage von Gang Of Four nachzulesen ist.
So spektakulär und kreativ die Verpackung – der „content“, der Inhalt, ist weniger spannend. Den Sound kennt man mittlerweile schon und somit bietet das Album nichts Neues.

Warum? Die Presse freut sich aber über die Rückkehr „einer der wichtigsten und einflussreichsten Bands der Post-Punk Ära der 80er Jahre“. Vor allem die Finanzierung von „Content“ erregte Aufsehen: Vergangenes Frühjahr konnte man um 45 britische Pfund ein streng limitiertes Paket erwerben, das neben gewöhnlichen Fanartikeln auch Fläschchen mit Blut der Musiker enthielt.
Schade, dass der Ideenreichtum der Gang Of Four in ihrem neuen Album nicht auch hörbar ist. (Selina Nowak)

Label: Groenland Records | Kaufen

„Ich höre keine Musik“: Sophie Hunger im Interview

11.12.2010 von  

Schon im Vorfeld meines Treffens mit Sophie Hunger wurde ich nervös gemacht. Erst wenn er meine Bestätigung hätte, daß ich das neue Album „1983″ gehört habe, würde er das Interview freigeben, so der Tourmanager. Dazu schickte er mir die offizielle Presseinfo sowie die Texte des Albums. Sophie merke es schnell, wenn ein Journalist nicht richtig vorbereitet ist und es würde dann kein gutes Interview werden.
Entweder ist es anscheinend für viele meiner Kollegen keine Selbstverständlichkeit, sich ordentlich vorzubereiten, oder Sophie Hunger ist außerordentlich zickig, dachte ich. Unbegründete Befürchtungen.

Eine etwas angeschlagene, nicht gerade herzliche, aber trotzdem freundliche Sophie Hunger trittt mir entgegen. Bedächtig sprechend, wohlüberlegt, zwischendrin immer wieder enthusiastisch mit einem Blitzen in den Augen – wie ein kleines Kind, das aufgeregt seinen Eltern ein Erlebnis erzählt.
Als ich Hungers Biographie las, war eine der ersten Fragen, die mir in den Kopf schoss: Was für eine Kindheit muss sie wohl gehabt haben? Als schweizer Diplomatentochter zwischen Bern, London, Bonn und Zürich aufzuwachsen, ständig den Ort und somit die Freunde zu wechseln, das war doch sicher nicht einfach?

„Für mich war das eine Normalität. Ich habe ja selber nicht verstanden, dass das etwas Außergewöhnliches ist und das dadurch auch nicht so reflektiert. Es war einfach so. Mein Vater hat mir schon ganz früh erklärt, dass wir alle vier Jahre umziehen würden. Als Kind war ich darüber begeistert und dachte: Man kann ja dann immer wieder von vorne anfangen. Man kann immer wieder vergessen, was vorher war und sich neu erfinden. Und ich habe eher das in Erinnerung, dass ich ganz fest daran geglaubt habe, dass das Leben wie ein Film ist mit verschiedenen Kapiteln oder mehrere Filme, die nichts miteinander zu tun haben und man immer wieder jemand Neues sein kann.“

In welcher Rolle sie sich wohl gefunden hätte, wenn’s mit der Musikkarriere nicht geklappt hätte? Welche Pläne für die Zukunft hatte Sophie Hunger?

„Ich hatte eigentlich nie irgendwelche Zukunftspläne, mir nie Gedanken gemacht über die Zukunft. Ich habe einfach gekellnert um Geld zu verdienen und das auch nicht ungern getan. Ich habe sehr gern gedient und diesen Beruf auf sehr theatralische Art und Weise ausgeübt, immer gern in schönen Restaurant gearbeitet und habe sehr unterwürfig gespielt. Das hat mir eigentlich sehr gut gefallen. Wahrscheinlich wäre ich einfach Kellnerin geblieben. Ich weiß es nicht.“

Und das Studium?

„Ja, ich studiere eigentlich immer noch Deutsche und Englische Literatur. Aber das ist schwierig, heutzutage gibt es ja diese strengen Regulierungen hinsichtlich der Anwesenheitszeiten. Deshalb ist ein Studium für mich unmöglich und ich muss es jetzt leider aufgeben.“

Und die Uni kann keine Ausnahme machen?

„Universitäten sind Institutionen und jedesmal wenn sie eine Ausnahme machen, kreieren sie einen Präzedenzfall, nach dem dann alle sagen können: Das will ich jetzt auch. Deswegen kann man eigentlich keine Ausnahme machen.“

Und wie sah Sophies musikalisches Leben vor ihrem Karrieresprung aus?

„Ich habe viel auf der Straße und in der Straßenbahn gesungen und damit in Zürich eigentlich auch nicht schlecht Geld gemacht. Die Leute in Zürich haben viel Geld…Und dann hatte ich zum Beispiel mal so ne Phase, wo ich in der Schule immer Zeilen von Liedern zitiert habe anstatt zu antworten.“

Das Singen hat sich Sophie Hunger selbst beigebracht, indem sie einfach Lieder nachsang und versuchte, die jeweilige Geasngstechnik zu imitieren. Was ist aber das erste Lied, an das sie sich bewusst erinnern kann?

„Ich glaube das war in England in der Schule. Ich habe in der Anglikanischen Kirche Kirchenlieder mitgesungen. Und später kann ich mich an eine Platte von Ray Charles erinnern, die mein Vater hatte. Da habe ich das erste Mal diese Blues-Schemen gehört – die hab ich gefressen.“

Welche Musik Sophie Hunger jetzt wohl hört, frage ich. Direkt, ohne zu überlegen, in geradezu harschem Tonfall antwortete sie: „Ich höre keine Musik. Nein, ich höre eigentlich fast nie Musik.“ Dann realtivierte sie aber doch.
„Ich höre gerne instrumentale Musik, zum Beispiel Glenn Gould. Und Jazz – Charlie Parker – so was hör ich gern.“

Stichwort Glenn Gould. Welch Zufall, dass ich noch kurz vor dem Interview Thomas Bernhards „Untergeher“ gelesen habe, ein Buch, in dem Glenn Gould eine zentrale Rolle spielt. Wir unterhalten uns eine Weile über Thomas Bernhard und Sophie Hungers Eindruck von Salzburg, der Heimatstadt Thomas Bernhards. Denn dort war Sophie Hunger letzten Sommer, um für Die Zeit von den Salzburger Festpielen zu berichten. Schon 2009 kolumnierte sie für die schweizer Ausgabe der Wochenzeitung.
Ob sie sich vorstellen könne mehr journalistisch zu machen?

„Das kann ich mir nur vorstellen, wenn ich absolut frei bin. Ich kann keine wissenschaftlichen Arbeiten schreiben, sondern muss das auf einer fiktionalen Ebene handhaben können. Wenn sie mir diese Freiheit geben, dann kann ich mir schon vorstellen, mehr zu schreiben.“

Ein Interesse am Journalismus scheint bei Sophie Hunger aber zu bestehen. Sie lese gerade eine Biographie von Marion Dönhoff, einer der prominentesten und wichtigsten Persönlichkeiten im deutschen Journalismus der Nachkriegszeit, erzählt sie mir.
Aber zurück zur Musik, zurück zu Sophie Hungers Texten. Auf ihrem neuen Album gibt sie sich um einiges politischer und sozialkritischer als auf dem Vorgänger „Monday’s Ghost“. Ein bewusster Schritt? Sophie überlegt.

„Ich glaube schon, dass sich mein Blick im letzten Jahr mehr zu den Menschen gerichtet hat. Auch auf Grund der Ereignisse auf der Welt, die ja nicht einfach so an mir vorbeigehen. Das hat mich alles geprägt und ich habe sehr viel darüber nachgedacht und das alles vermischt sich dann mit der Musik.
Im Gegensatz zur Zeit von „Monday’s Ghost“ habe ich jetzt mehr aufgeschaut, nach außen und die Leute angeschaut, in ihnen etwas gesucht und nicht in mir.“

Trotzdem ist der Titel des Albums sowie der ersten Singleauskoppelung „1983″ ein sehr persönlicher. 1983 ist Sophie Hungers Geburtsjahr.

„Einerseits ist es eine Zahl. Und das hat mir gefallen. Ein Element, das zu keiner Sprache gehört, eine Abstraktion, sie gehört niemandem. Man kann ‚Neunzehndreiundachzig’ sagen, man kann ‚Mille neuf cent quatre-vingt-trois“ sagen oder „Nineteeneightythree“. Außerdem ist 1983 nicht nur mein Geburtsjahr, sondern auch das Geburtsjahr von ganz vielen anderen Menschen. Es ist der Anfang von dem was ich weiß, alles was ich kenne begann in diesem Jahr. Irgendwie hat es für mich Sinn gemacht so einen Titel zu wählen, einen Anfangspunkt, den ich aber mit Millionen teile.“

Nicht nur die 1983-Geborenen fühlen sich von Hungers Musik angesprochen. Die letzten zwei Jahre waren für die schweizer Musikerin außerordentlich erfolgreiche. Innerhalb kurzer Zeit nahm sie die Alben „Monday’s Ghost“ sowie „1983″ auf, die in ihrem Heimatland auf Platz 1 der Chart landeten und sich auch im Rest Europas gut verkauften. Arte und 3sat sowie diverse Printmedien haben die junge Künstlerin zu ihrem Liebling auserkoren. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, betrachtet man all die Artikel und Special-Features, die über Sophie Hunger erschienen und erscheinen. Natürlich sind auch negative Stimmen dabei. Ob sie das beeinflusse?

„Ich glaube es ist sehr schwierig das vollständig zu verneinen. Es gibt immer wieder Momente, in denen irgendeine Form von Kritik hängenbleibt und etwas in mir auslöst. Auch wenn man sich noch so abschottet – man hat ja auch selbst Ängste und weiß eigentlich genau, was die schlimmste Kritik wäre. Jeder Mensch hat sich selbst gegenüber ganz klare Vorstellungen davon, was seine schlechten Seiten sind oder was er nicht sein kann aber gerne wäre. Und dann ist man natürlich immer ein bißchen auf der Lauer nach der Kritik, die genau in diese Richtung stößt. Es ist schwierig das ganz auszuschalten.“

Und wie geht Sophie Hunger mit der Erwartungshaltung des Publikums um? Spürt sie einen Leistungsdruck, hat sie keine Angst vor einem kreativen Burn Out?

„Ja natürlich hab ich diese Angst, aber das ist mit dabei wenn man etwas so sehr liebt oder wenn einem etwas so viel bedeutet, wie die Musik für mich bedeutet. Ich versuche mir dann vorzustellen, wie es ganz am Anfang war. Der Zustand, als alles leicht war und einfach so von mir fiel.“

Ein geistiges Refugium um Kraft zu schöpfen?

„Ich weiß nicht. Vielleicht ist es nicht mal so kompliziert. Oft sind es auch ganz banale Dinge, wie das Klavier im Haus meiner Eltern. Oder dass ich einfach alleine bin, das zum Beispiel gibt mir auch viel Kraft.“

Die Kraft beispielsweise auf der Bühne zu stehen? Wenn man viel auf Tour ist hat man doch sicher auch so manch schlechtes Erlebnis?

„Es gab einige schlimme Konzerte. Aber an eines kann ich mich noch genau erinnern. Das war noch ganz am Anfang, mein erstes großes Konzert in Zürich vor 1200 Leuten. Gerade in dieser Zeit war mir ständig schlecht, ich musste mich dauernd übergeben. Und an diesem Tag vor diesem Konzert war das ganz schlimm, außerdem hatte rasende Kopfschmerzen, konnte fast nicht sprechen kann und dachte, daß meine Augen aus dem Kopf rausplatzen. Nicht mal den Soundcheck konnte ich machen, sondern bin im Taxi nach Hause gefahren und wollte das Konzert absagen. Da kam im Taxi übers Radio eine Sendung, heute Abend sei dieses Konzert und man hörte Leute darüber sprechen, wie sehr sie sich darauf freuten. Mir wurde bewusst, dass ich dieses Konzert auf keinen Fall absagen konnte! Ich bin bis 15 Minuten vor dem Auftritt in einem dunklen Raum gelegen und hab mich immer wieder übergeben und dann bin ich auf die Bühne und hab das Konzert gespielt. Ich bin fast durchgedreht, aber ich musste einfach da durch. Das ist so ein Druck, all diese Leute, die da sitzen, man kann nicht aufhören, man muss spielen und man muss gut sein, man muss sehr gut sein. Vor allem in der Heimatstadt, da sind alle da. Auch die, die einen nicht mögen, kommen um dich da anzugucken.“

Ein paar Möglichkeiten, Sophie Hunger anzugucken und zu hören gibt es noch.
Sie spielt heute im Berliner Lido. Dann gehts für drei weitere Termine in die Schweiz, worauf erst mal wohlverdiente Weihnachtsferien folgen. Im Januar ist Sophie Hunger dann wieder in Deutschland:
Am 28.01. im Konzerthaus Dortmund und am 30.01. im Burghof Lörrach.

PROMO PLAYER WORDING

Variante 1 – mit etwas größerem Player-Fenster:

Die Spex Jahrescharts 2010
Der Countdown unserer Top 30 im ByteFM Player
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Und Variante 2 mit einem etwas kleineren Player-Fenster:

Die Spex Jahrescharts 2010
Der Countdown unserer Top 30 im ByteFM Player
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Bis auf die Unterhose – Tricky live in Hamburg

27.11.2010 von  


Adrian Thaws findet sich ziemlich geil. Deshalb zieht er sich aus und präsentiert seinen drogenverzerrten Körper einem geifernden Publikum. Und er tut gut daran, denn viel mehr als seine physische Präsenz hat Tricky, so heißt er auf der Bühne, ebendort auch nicht zu bieten. Ein paar Mal ins Mikro zu röcheln ist noch keine Musik, zur Erzeugung harmonischer Klänge engagiert er sowohl für Liveauftritte als auch fürs Studio Gastmusiker und -sänger. Tricky kann stolz sein auf seine Leistung, die Besten der Besten zusammengebracht und produziert zu haben. Die Liste ist lang und auf Wikipedia nachzulesen. Aber nicht diese Zusammenarbeiten, sondern vor allem sich selbst stellt er in den Vordergrund. Speziell auf der Bühne würde er ohne egomanische Selbstinszenierung zum bloßen Statisten seiner Band, denn musikalisch funktioniert ein Tricky-Konzert auch ohne Tricky. Vielleicht um nicht in den Hintergrund katapultiert zu werden, behandelt er seine Mitmusiker auf der Bühne als bloße Staffage und stellt diese nicht mal dem Publikum vor.

Aber nur um ihn zu sehen haben sich die Leute ja an diesem Abend in den Hamburger Docks zusammengefunden. Und ihr halbnackter Messias lässt seine Schäfchen zu sich kommen. „Gleich zweimal!“, wie man einen Gläubigen nach dem Konzert ungläubig staunen hört. Wie bei fast allen seiner Konzerte holt Tricky beim obligatorischen Motörhead-Cover „The Ace Of Spades“ die vordersten Reihen zu sich auf die Bühne. Wow! Auf tanzender Schweißfühlung mit einem Star!

Dasselbe Schauspiel, nur bis ins Unerträgliche gesteigert dann zum Ende der Show. Aus der Zeile „I Want Jesus Come“ wird mehr und mehr ein „Come“ und mit weit offenen Armen signalisiert der Gottgleiche seine Empfängnisbereitschaft. Und wieder strömt das Publikum zu ihm hinauf. Dann kommt er sogar herab, um sich unters gemeine Volk zu mischen, Hände zu schütteln, sich fotografieren zu lassen. Wo in der Menge er sich gerade befindet ist an den in die Luft gestreckten Handykameras zu beobachten.

Zur Performance während der Show gehören folgende Features: mit dem Rücken zum Publikum stehen um die tollen Tattoos zu zeigen, einen Spliff nach dem anderen zu bauen und rauchen, zur Musik abzugehen, als würde er sich einen runterholen, mit dem Mikro in der Hand zu rocken, ohne einen Ton zu singen, Herzklopfen durch Stoßen des Mikrophons gegen seine Brustkorb zu simulieren.

Einmal fängt er an, während eines Songs (den ja nicht er, sondern die Gastsängerin sang) mit dem Keyboarder zu quatschen, bekommt einen Lachanfall, hüpft herum wie ein Kind und stürmt in Richtung Backstage, wobei er doch glatt die Gitarristin umschmeißt. Er bleibt für eine Weile verschwunden, Musiker und Sängerin machen weiter. Als er wiederkommt, fehlt die Unterhose. Die Shorts hatten zuvor noch weiß strahlend unter seiner tief sitzenden Jeanshose hervorgelugt.

Das gibt Adrian Thaws dann doch noch etwas menschlich Warmes. Tricky ist entmystifiziert.

Die neuen Singstars

22.11.2010 von  

Als „The next Big Thing in HipHop“ wird der „King of Mixtapes“ Theophilus London derzeit gehandelt. Musikalische Parallelen zu Aloe Blacc oder Gnarls Barkley ließen mich auf ein Konzerterlebnis voller großartiger DJ-Skills und vielleicht sogar einer Live-Band hoffen.
Welch Enttäuschung musste ich erleben! Verzeihlich, dass der 24-jährige New Yorker das Publikum lange warten ließ, verzeihlich, dass er offensichtlich etwas bekifft, etwas verplant wirkte und beim zweiten Stück erst mal den falschen Track erwischte. Unverzeihlich war: der Grund für diesen Fehler: Er fand die richtige Datei in iTunes nicht! Wie jetzt? iTunes? Tatsächlich, ich traute meinen Augen nicht. Theophilus London spielte die Hintergrundmusik zu seinem Gesang per Mausklick vorgefertigt vom Player ab. Ganz offen einsehbar. Mitsamt Background Vocals. Keine Band, ja nicht mal ein DJ, der diesem Auftritt wenigstens oberflächlich den Anschein einer Livem-Show gegeben hätte. Was ist los in der Musikwelt?
Schon vor zwei Wochen hatte ich ein ähnliches Erlebnis.
Zola Jesus, die von der Musikkritik hochgehypte neue Königin des Goth, drückte nicht einmal das Knöpfchen selbst. Musik kam aus dem Off, die junge Dame sang dazu und machte komische Bewegungen, ohne das Publikum dabei überhaupt nur anzusehen. Die Instrumente auf der Bühne waren für die Folgeband Xiu Xiu gedacht und blieben unberührt. Ja wo war denn ihre Band? „I was touring with the band but I couldn’t afford to bring them over to Europe. So I had to do it alone.“ gestand sie mir nach dem Konzert. Wie jetzt? Finanziert sie sich die Tour selber? Wie tief muss die Musikindustrie tatsächlich in er Krise stecken, dass sie ihren Künstlern nicht einmal die Flüge bezahlen kann? Wird hier aus Kostengründen ein neues Konzept erprobt? Eine neue Schlichtheit, nach all dem teuren Big Band- und Sinfonieorchester-Pomp?
Es gibt Formate, bei denen es tatsächlich nicht mehr braucht, als einen Menschen und einen Computer auf der Bühne. Elektronik-Liveacts wie Former Ghosts beispielsweise, dessen LapTop nunmal sein Instrument ist. Oder Hanne Hukkelberg, die ihre Beats zwar auch vom Band laufen lässt, aber mittels Effektgerät ihre Stimme doppelt und durch die Nutzung von Keyboard und Gitarre auf der Bühne den Zuschauern das Gefühl gibt, es mit handgemachter Musik zu tun zu haben.
Doch Musik aus dem Off oder von iTunes eingespielt – da verkommt der Auftritt zu einer besseren Karaokeshow. Die fehlenden Live-Musiker können auch vom extravaganten Look eines Theophilus London oder dem eurythmetischen Ausdruckstanz einer Zola Jesus nicht kompensiert werden.
Da hat wohl jemand zu viel Playstation Singstar gespielt!

Raue, harsche Tanzmusik: Harmonious Thelonious

23.10.2010 von  


Es gibt vielerlei musikalische Rezepte, die Klänge fremder Kulturen als Zutaten haben. Berühmtestes Beispiel dafür ist momentan vielleicht M.I.A, die konsequent mit globalem Repertoire von Bollywood bis Brasilien kocht. Oder Mos Def, dessen Album „The Ecstatic“ voll mit orientalischen Samples ist und sogar eine Grammy Nominierung für das beste Rap-Album 2009 erhielt. Ein subtileres, weniger überproduziertes Beispiel lieferte Gonjasufi, der sich an türkischem Material der 70er bedient.

Ein weiteres interessantes Rezept kommt nun aus Deutschland. Harmonious Thelonious heißt das Projekt von Stefan Schwander, der bisher unter dem Namen Antonelli Minimal Techno produzierte. Im Dunstkreis des Düsseldorfer Salon des Amateurs, einem Club, der experimentierfreudigen Musikern einen fruchtbaren Boden bietet, kreierte er einen Sound, der Minimal Music der 60er Jahre mit afrikanischer Perkussion verbindet.

Schon länger war Stefan Schwander auf der Suche nach einer neuen Soundästhetik. Wie viele seiner Musikerkollegen lechzte auch er nach neuem Input, den cleanen Club Sound der letzten Jahre konnte keiner mehr hören. „Es war der Punkt erreicht, an dem es im Minimal House, Electro oder Techno mit den Rhythmusstrukturen nicht mehr weiterging und langweilig wurde“, erklärt er. Inspiration fand er in Afrika – unabhängig vom Afrika-Hype, den die WM in Südafrika losgetreten hatte.

Bei Stefan Schwander führte der Umweg zunächst einmal über die Minimal Music der 60er Jahre. Angeregt von Pionieren wie Phillip Glass oder Terry Riley wollte er etwas machen, das „nicht so sehr dem Dancefloor verpflichtet ist und nicht mit Bassdrums und High Heads arbeitet“, sondern etwas, bei dem die Rhythmik durch das „Ineinanderweben von Melodien entsteht.“
Anfangs arbeitete er ausschließlich mit Orgel Sounds, doch da sein musikalisches Interesse parallel dazu immer mehr in Richtung Afrika ging, war es naheliegend, diese Einflüsse zu verarbeiten.

Durch ein Plattencover wurde er auf Musik aus Simbabwe aufmerksam, Feldaufnahmen aus den 70ern, und stellte erstaunt fest, dass diese Musikstrukturell seiner Sequenzer-Arbeit ähnelte. Im Zuge dessen entdeckte er auch die Mbira, ein Daumenklavier als Instrument – und zwar als digitales. Denn an der Musik von Harmonious Thelonious ist nichts analog und es werden auch keine Samples verwendet.

„Alle Leute sind überrascht wenn ich sage, ich habe jede einzelne Note selbst eingegeben. Aber einfach Samples zu benutzen ist mir ein bisschen zu billig. Ich will die Strukturen verstehen und mir erarbeiten.“

Stefan Schwander schreibt in mühsamer Kleinarbeit Note für Note selbst und tüftelt lange an den Melodien und Akkorden, kreiert repetitive psychodelische Stücke, einerseits minimalistisch, andererseits mit vielen Ebenen, in die man tranceartig eintauchen kann. Als „Steve Reich auf Acid“ wurde Harmonious Thelonious unlängst beschrieben.

Obwohl seine Musik eindeutig ethnologische Anleihen hat und er sein afrikanisches Ausgangsmaterial genau analysiert, will Schwander dieses nicht nachspielen. Er spricht eher von Nachinterpretieren.
„Ich will ja keine afrikanische Musik machen, das würde ich mir gar nicht anmaßen. Ich mache das mit meinem Blick und Verständnis und will es auch mischen.“

Vielmehr spielt er mit gewissen Klischeevorstellungen darüber, wie ein Kontinent klingt, Vorstellungen, denen er, wie er zugibt, selbst immer wieder anheim fällt. Auch das Cover des Albums „Talking“, eine Maske, gibt vor, afrikanischen Ursprungs zu sein. In Wirklichkeit ist sie aus Polynesien. Dass dieser eklektische Zugang für manche Ethnologen und Musikpuristen problematisch sein kann, dessen ist sich Schwander bewusst. Aber er findet den Vorwurf, der reiche Westen bediene sich an den armen Afrikanern, ohne die Hintergründe genauer zu reflektieren, zu kurz gedacht. Der Strom der Beeinflussung ginge in beide Richtungen, wie das Beispiel Ghanaischer Bands sehr schön zeige, die James Brown für sich entdeckten und nachspielten, nur eben auf Ghanaisch. Die europäische Handschrift jedenfalls bleibt bei Harmonious Thelonious erhalten.

„Ich will raue, harsche tanzbare Musik machen. Es geht nicht nur um Afrika, sondern auch darum, andersartige Clubmusik zu kreieren, mit Sounds, die es nicht tagtäglich zu hören gibt.“ Obwohl das Projekt gewissermaßen als Abwendung vom Dancefloor begann, ist Stefan Schwander genau dorthin zurückgekehrt. „Es hat mich dann irgenwann interessiert, diesen Sound tanzbar hinzukriegen. Das macht mehr Sinn und Spaß“.

Live tritt Harmonious Thelonious als Trio auf. Unterstützt wird Stefan Schwander von Marc Matter (Institut für Feinmotorik, Durian Brothers) an Plattenspieler und Effektgeräten sowie Stefan Suhr, der afro-kubanische Perkussion spielt.

Bleibt nur noch die Frage nach der Namensfindung. Diese beantwortet Schwander lachend: „Ich wollte einfach irgendwas, das sich reimt“.

Mehr über Stefan Schwander und sein Projekt Harmonious Thelonious könnt Ihr Sonntagabend bei Klaus Walter erfahren. Was ist Musik, ab 20 Uhr.

Wie die Faust aufs Auge: Sophie Hunger in der Fabrik

18.10.2010 von  


Sophie Hunger, allerorts gehypte Senkrechtstarterin und vermutlich momentan erfolgreichster musikalischer Exportschlager der Schweiz, war am Wochenende zu Gast in der Hamburger Fabrik. Der Abend war wahrlich ein Erlebnis – und das schon vor Konzertbeginn.
Denn die Luft war merkwürdig aggressiv aufgeladen, nach dem Supportact drängten sich in der Umbaupause ständig Leute nach vorne, was zu Streitereien und fast zu einer Prügelei führte. Plötzlich schüttete jemand mit Bier um sich, „Schlampe“, maulte es zurück. Zu dieser Stimmung passte Sophie Hungers erstes Lied, ein akustisches Stück auf Schweizerdeutsch, das von Mord und Totschlag handelt, wie die Faust aufs Auge. Mit strenger Miene vorgetragen, als ob sie selbst dazu bereit sei, ohne einen Wimpernschlag zu töten. Welch krasser Gegensatz zum Supportact Kyrie Kristmanson, einer süß lächelnden Vokalakrobatin aus Kanada!

Sophie Hunger zog das Publikum in einen magischen Bann. Ihr Mienenspiel faszinierte, mal ironisch lächelnd, mal mit diabolischem Blick, mal hochkonzentriert, dann wieder merkwürdig entrückt und introvertiert. Jedes einzelne Lied sang sie mit einer solchen Hingabe, Ehrlichkeit und Glaubhaftigkeit, dass man, so wie sie, auch die ein oder andere Träne verdrücken musste.
Hunger spielte abwechselnd Klavier und Gitarre, beugte sich an ersterem wie eine verrückte Virtuosin vor und zurück, haute auf der letzteren bei manchen Stücken fast epileptisch in die Saiten.

In den wenigen Momenten, in denen sie mit leiser Stimme sprach, bewies sie Humor. Sie zeigte sich überrascht, dass so viele Leute gekommen seien. „Wir gucken 3sat“, kam eine Antwort zurück. „Ich weiß nicht was du meinst, ich habe keinen Fernseher.“ Kurze Pause. „Aber ich lebe ganz gut davon“. Lachend setzte sie noch einen drauf „Das wird mich noch was kosten!“

Eigentlich war Sophie Hunger krank an diesem Abend. Trotzdem sang sie mit unglaublicher Stimmgewalt, unterstützt vom Hintergrundchor ihrer vierköpfigen Band, die Hunger an musikalischem Können um nichts nachsteht. Man wurde durch das volle Spektrum aller erdenklichen Emotionen gejagt. Höhepunkt war das letzte Stück des regulären Programms, „Rise And Fall“ vom Album „Monday’s Ghost“. Eine monströse Klavierpartitur, die überging zu einem donnernden Männerchor und in einem todtraurigen Lied endete. Die Begeisterungsstürme führten zu zwei Zugaben und einem ruhigen Abschluss des Konzertes, das friedlicher endete als es begonnen hatte.

Die weiteren Termine, präsentiert von ByteFM:

18.10.10 – Darmstadt @ Centralstation
09.12.10 – Berlin @ Lido
28.01.11 – Dortmund @ Konzerthaus
30.01.11 – Lörrach @ Burghof

Wir wollen Euch schreien hören!

19.09.2010 von  


Es war ein göttliches Bild: Eine Gruppe kleiner japanischer Groupies, die aufgereiht vor der Bühne mit den Hüften hin und her wackelten. Alllesamt trugen sie Fan T-Shirts des Tokyo Ska Paradise Orchestra, in Japan Stars, in Europa trotz ausgedehnter Tourneen weitestgehend unbekannt.
Letzten Donnerstag, 16.09., brachte die Kult-Truppe das Hamburger Knust zum kochen.
Vielleicht waren viele der nicht-japanischen Zuschauer zunächst wegen des Exoten-Faktors gekommen – nicht alle Tage sieht man eine japanische Ska Band – geboten wurde aber vor Allem eine fulminante Show, mit perfekter Beherrschung der Instrumente – Trompete, Posaune, zwei Saxophone, E-Gitarre, Schlagzeug, Schlagwerk, Keyboard und einmal sogar ein Akkordeon. Insgesamt standen, nein hüpften, neun Personen auf der Bühne, einheitlich mit weißen Jacketts, teils mit Hut oder Sonnenbrille bekleidet und verausgabten sich, dass der Schweiß nur so tropfte. Der Gitarrist würge seine Gitarre wie ein Rockstar, der Keyboarder spielte verrückte Soli am vorderen Bühnenrand, einmal auf einem Minikeyboard mit, ein zweites Mal mit einem ähnlichen Instrument, an dem eine Lichterorgel befestigt war und Discostimmung machte. Daraufhin sprang der Posaunist hinab in den Saal und mischte sich unter die tanzenden Leute.
Musikalisch reichte das Repertoire von klassischem Ska, Rhythm and Blues à la Blues Brothers, Jazz und Rock und immer wieder mit Anlehnungen an altbekannte Melodien, wie Summertime, der Batman Titelmelodie oder Thunderstruck.
Gesungen wurde teils neun!-stimmig auf Japanisch und manchmal Englisch.
Überraschenderweise begrüßte der Bariton-Saxophonist das Publikum mit den deutschen Worten „Wir wollen euch tanzen sehen, wir wollen Euch schreien hören!“
Ihr Wille wurde den neun Jungs vom Tokyo Ska Paradise Orchestra an diesem Abend erfüllt.

Elfenheulen im Zauberwald – Hanne Hukkelberg im Knust

14.09.2010 von  


Ob es am schlechten Wetter lag oder daran, dass St. Pauli am selben Abend verloren hatte? Nicht viele Leute waren gekommen, um Hanne Hukkelberg am vergangenen Sonntag im Hamburger Knust zu erleben. Allen, die nicht da waren, sei gesagt: Ihr habt etwas verpasst!

Die norwegische Sängerin entführte das Publikum in einen Kosmos voller mehrschichtiger Klangstrukturen, liebevoll ineinander verwoben, magisch und fantastisch wie ein nebliger Zauberwald voller mystischer Wesen. So weit die Assoziatonskette bei geschlossenen Augen. Öffnete man die Lider, so sah man eine kleine, schwangere – wir wollen hier keine falschen Gerüchte verbreiten, doch das Bäuchlein war auffällig – Frau allein mit einem Laptop, einem Keyboard und einer Gitarre auf der Bühne stehen – aber mit einer Stimme, die das Herz zum Erzittern brachte.

Schneidend scharfe Töne, mit Hilfe des Computers gedoppelt oder mit Hintergrundgesang begleitet, untermalt von hallenden Flächen, donnernden Trommeln und wunderbaren kleinen Geräuschdetails, wie z.B. dem Schreibmaschinentippen, live mit dem Keyboard erzeugt, dem Tönen einer Klangschale in den Händen der Sängerin, zerbrechendem Glas oder Glockenklingen. Die einzelnen Lieder bauten sich langsam auf, begannen meist simpel und steigerten sich zu voluminösen Sinfonien, ohne je schwülstig zu wirken, da immer wieder jazzige Tonfolgen die Melodien durchkreuzten. Hukkelbergs Gesang schraubte sich immer wieder in unglaubliche Höhen, sodass man fast glauben konnte, es würde technisch nachgeholfen. Das Elfenheulen war aber echt, genauso wie die Person Hukkelberg eine faszinierende Authentizität ausstrahlte. Keine Starallüren, keine Arroganz den Zuhörern gegenüber.
Fast schon schüchtern wirkte sie bei der Verabschiedung nach dem letzten Song und man fragte sich, woher dieser zierliche Mensch all die Kraft für solch starke Musik hernimmt.

Wer nun bereut, Hanne Hukkelberg nicht gesehen und gehört zu haben, der sei getröstet. Die Dame kann man noch am 20.09. in der Tonhalle Düsseldorf und am 21.09. im Capitol in Offenbach als Support von Wilco bewundern. Ansonsten bleibt einem vorerst nur ihr aktuelles Album „Blood From A Stone“.

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