MC Hammer wird 50
30.03.2012 von Mike Herbstreuth
Stop – Hammer time! Ein Musikphänomen der 90er wird heute ein halbes Jahrhundert alt. Stanley Kirk Burell wurde am 30. März 1962 in Oakland geboren und verdingte sich als Ballträger des Baseballteams Oakland Athletics, wo er in den Halbzeitpausen die Fans mit seinen tänzerischen Fähigkeiten unterhielt. Aufgrund seiner Ă„hnlichkeit mit der Baseballlegende „Hammerin‘“ Hank Aaron verpasste ihm das Team den Spitznamen „Hammer“.
Fasziniert von der neuen Subkultur HipHop begann der Soul- und Funk-Fan Burell Mitte der 80er in kleinen Clubs als MC Hammer aufzutreten. Mehr Tänzer und exzentrischer Showman als begabter Rapper erspielte er sich in seiner Heimat eine Fangemeinde und nahm 1987 sein erstes Album auf. Mit dem Erfolg seines zweiten Albums „Please Hammer Don’t Hurt ‚Em“ 1990 hätte Burell aber wohl nicht einmal in seinen kĂĽhnsten Träumen gerechnet: Es wurde das erste Rap-Album der Geschichte, das sich ĂĽber zehn Millionen Mal verkaufte. Die Single „U Can’t Touch This“ dominierte MTV und die Mainstreamradiosender wie keine Rap-Single zuvor und gewann zwei Grammys. MC-Hammer-Actionpuppen und eine wöchentliche MC-Hammer-Zeichentrickserie waren die Folgen des Hypes, der jedoch schneller vorbei war, als Stanley Kirk Burell lieb sein konnte. Die nachfolgenden Alben floppten und wegen seines extrem ausschweifenden Lebensstils musste der Musiker 1996 Privantinsolvenz anmelden. Seitdem versuchte sich Burell mehrmals an einem Comeback, bislang allerdings erfolglos.
Heute vor 30 Jahren: David Crosby wird verhaftet
28.03.2012 von Mike Herbstreuth
(dgans | Flickr | cc-by-sa 2.0)
Warum er eine Pistole bei sich trägt, wollten die Polizisten am 28. März 1982 von David Crosby wissen, und der Musiker antwortete schlicht: „John Lennon“. Eine plausible Antwort, nur fand die Polizei in Crosbys Auto, mit dem er gerade auf dem San Diego Highway einen Unfall verursacht hatte, neben der Waffe auch noch eine größere Menge Kokain.
Mit Bands wie den Byrds und Crosby, Stills & Nash wurde David Crosby zu einem der einflussreichsten Musiker des Folk-Rock und prägte jahrzehntelang den Sound der amerikanischen WestkĂĽste. Politische Songs wie „Ohio“ oder „Wooden Ships“ machten Crosby Ende der 60er zu einer Ikone des Protests gegen den Vietnamkrieg, doch Anfang der 80er war in der Berichterstattung ĂĽber ihn die Musik längst nicht mehr das beherrschende Thema. Durch seinen exzessiven Drogenkonsum bekam David Crosby stimmliche Probleme und verbrachte Mitte der 80er wegen eines Rauschgiftvergehens ein Jahr im Gefängnis.
Nach einem Entzug nahm er nach siebenjähriger Pause 1989 wieder ein Album auf und der Erfolg kam langsam zurück. In den 90ern wurde ihm sogar eine besondere Ehre zuteil: Er wurde sowohl mit den Byrds (1991) als auch mit Crosby, Stills & Nash (1997) gleich zweimal in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.
Vor 185 Jahren starb Ludwig van Beethoven
26.03.2012 von Mike Herbstreuth
Dass aus Ludwig van Beethoven „gewiĂź ein zweyter Wolfgang Amadeus Mozart werden“ wĂĽrde, da war sich Christian Gottlob Neefe sicher. Der Kapellmeister gab dem zwölfjährigen Sohn eines Tenorsängers der kurkölnischen Hofkapelle Klavier- und Kompositionsunterricht und erkannte sofort dessen Talent – er sollte Recht behalten.
Das Genie des 1770 geborenen Ludwig van Beethoven ist unbestritten und wer weiĂź, was der Komponist noch alles geschaffen hätte, wären nicht seine vielen gesundheitlichen Probleme gewesen. Koliken, Fieberzustände, EntzĂĽndungen – seit seinem 30. Lebensjahr wurde Beethoven durchgängig von den unterschiedlichsten Krankheiten geplagt. Es kann nur gemutmaĂźt werden, ob eine Bleivergiftung, Brucellose oder ĂĽbermäßiger Alkoholkonsum Schuld an seinem Gesundheitszustand war, der sich im Jahr 1826 nochmals katastrophal verschlechterte. Einer LungenentzĂĽndung folgte eine Leberzirrhose, von der sich Beethoven nicht mehr erholte und ein Jahr später am 26. März verstarb.
Konzertbericht: Ja, Panik in der Manufaktur, Schorndorf, am 19. November
21.11.2011 von Mike Herbstreuth
Ja, Panik (©Christoph Voy)
„Wir haben einfach Stil und Geschmack“, behauptet Andreas Spechtl von Ja, Panik in einem Quatsch-Videointerview auf YouTube. Dessen ĂĽberzeugen konnte sich das Publikum beim Auftritt der österreichischen Band in der Manufaktur in Schorndorf. Jedes Bandmitglied kam in schwarzen Schuhen und schwarzer Hose auf die BĂĽhne, und als wollten sie sich an ihre eigenen Song halten, vergaĂźen sie auch das schwarze Hemd nicht. So ganz in schwarz, stil- und geschmackvoll, standen die fĂĽnf da, während die Nebelmaschinen so kräftig arbeiteten, dass man dachte, sie wären vielleicht kaputt. Von hinten sparsam beleuchtet sah man durch all den Nebel nur die Umrisse der Band, während sie die ersten Töne von „Trouble“ aus dem aktuellen Album „DMD KIU LIDT“ spielten. Die Bassdrum mit komplett weiĂźem Fell leuchtete bei jedem Schlag und die einzelnen Lichtstrahlen wirkten im Nebel, als könnte man sie greifen. Sie sehen gut aus und die Band spielt tight. Ein Beginn, der sich sehen lassen konnte.
Die meisten der Songs des gut eineinhalbstĂĽndigen Sets von Ja, Panik stammten aus „DMD KIU LIDT“, und so auch eines der schönsten Lieder des Abends. Ein wenig ĂĽberrascht wirkte das Publikum, als bei „Nevermind“ der Scheinwerfer nur auf Schlagzeuger Sebastian Janata gerichtet war. Er sang die erste Strophe des Songs, die zweite sang Bassist Stefan Pabst und so ging es reihum. Jeder seine Strophe, bis am Ende nur noch Spechtl ĂĽbrig blieb, „wie sich das so gehört“, wie er selbst ein wenig grinsend sang. Ganz im Vordergrund stand Spechtl dann wieder beim letzten Song des regulären Sets, als er mit dem Pianisten Christian Treppo die Plätze tauschte, um dem Schorndorfer Publikum noch ein Gute-Nacht-Lied oder „Lullaby“ zu singen, wie man laut Spechtl im englischsprachigen Teil Ă–sterreichs dazu sagt.
„The Evening Sun“ beendete den Ja,-Panik’schen Auftritt so hervorragend, dass man sich ein bisschen wĂĽnschte, dass die Band es damit gut sein lassen wĂĽrde, weil es nun arg viel besser nicht mehr gehen wĂĽrde. Die obligatorische Zugabe fehlte aber natĂĽrlich auch bei Ja, Panik nicht – allerdings hoffte man, dass die Forderungen einiger Anwesender nach dem Song „Marathon“ unerfĂĽllt bleiben wĂĽrden. Nicht, dass es ein schlechter Song wäre, doch nach „The Evening Sun“, das mit seiner simplen, bittersĂĽĂźen Pianomelodie und der Band als Chor ein wĂĽrdiger und sehr geschmackvoller Abschluss des Konzert war (und nebenbei auch fĂĽr Mixtapes jeglicher Art ist), wäre „Marathon“ unglaublich fehl am Platz gewesen.
Stattdessen entschieden sich Ja, Panik dafĂĽr, 14 Minuten lang mit aller Wucht das Leben und die Bedeutung von „DMD KIU LIDT“ durchzudeklinieren. Und spätestens als Spechtl fast schon erschöpft die letzten Zeilen des TitelstĂĽcks des Albums hauchte – „Du kannst zuhören, oder gehen, nur sei still, ach, sei so lieb“ – verstummt auch das vereinzelte Gerede im Publikum (vielleicht diejenigen, die „Marathon“ hören wollten?), und es war mucksmäuschenstill, als das Lied langsam ausklang. Ja, Panik haben Stil und Geschmack, so viel steht fest. Wie viel Geschmack genau, das wird sich zeigen, sobald ich ein paar Rezepte aus dem seit kurzem erhältlichen Ja,-Panik-Kochbuch ausprobiert habe.
Neue Platten: The Fall – „Ersatz G.B.“
19.11.2011 von Mike Herbstreuth
The Fall – „Ersatz G.B.“ (Cherry Red)
7,0
Vor kurzem habe ich auf einer Party „Touch Sensitive“ gespielt, wohl einer der eingängigsten Songs von The Fall, aus dem 99er-Album „The Marshall Suite“. Generell ein sehr gutes Album, das mit komplett neuem Line-up aufgenommen wurde, nachdem sich „the only permanent member of The Fall“ Mark E. Smith auf der BĂĽhne eine wilde Schlägerei mit dem Rest der Band geliefert hatte (nur seine Keyboarderin und damaligen Lebensgefährtin Julia Nagle wurde verschont) und daraufhin festgenommen wurde. Ein Partygast fragte, von wem denn der Song sei, der gerade lief, und er fragte mich, ob ich noch mehr von denen hätte. Sechs Alben, dachte ich, und damit mit gutem Willen gerade mal ein Viertel des Gesamtwerks der Band (von Live-Alben und Compilations mal ganz abgesehen). Kaum ein Jahr ohne Platte von Mark E. Smith – „Ersatz G.B.“ ist das mittlerweile 29. Album in der 35-jährigen Bandgeschichte – und wenn er so weitermacht, verschieben sich die Verhältnisse nächstes Jahr in Richtung ein FĂĽnftel.
Wenn eine Band so viele Alben veröffentlicht, stellt sich ja irgendwann die Frage, ob sich das eigentlich nur noch Leute kaufen, die sowieso schon Fans der Band sind und sich das halt nun mal kaufen mĂĽssen (so oder so, ob ihnen die Platte gefällt oder nicht – aber solche WidersprĂĽche bringt das Fansein ja mit sich), oder ob man damit tatsächlich noch neue Fans gewinnen kann.
Diejenigen, die schon Fans sind, können sich jedenfalls freuen: Smith ist auf „Ersatz G.B.“ gallig und nuschelig wie eh und je. Die Band, die seit bemerkenswerten vier Jahren in derselben Besetzung spielt, liefert ein aufgekratztes und lärmiges, aber durch viele sich wiederholende Rhythmen auch auf gewisse Art geerdetes Fundament fĂĽr Smiths Hasstiraden, in denen er womöglich manchmal gar nichts hasst, die aber eben immer so klingen. Wahrscheinlich gibt es niemanden, der den Namen „Nate“ so giftig aussprechen kann wie Smith im Song „Nate Will Not Return“. Er ist einer der Sänger, die ihre ganz eigene, unverwechselbare Kunstsprache entwickelt haben und die auch niemand anderes so sprechen kann. Mit seinen meist wahllos und surreal wirkenden Aneinanderreihungen hat Smith einen maĂźgeblichen Teil dazu beigetragen, die Texte der Rockmusik von unbedingter Sinnhaftigkeit zu befreien. Das wiederum kann man nun gut oder schlecht finden, aber wenn Smith in „Mask Search“ „I’m so sick of Snow Patrol / And where to find Esso lubricant and mobile number“ gurgelt, hat das eine unglaubliche Wirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Und birgt natĂĽrlich Identifikationspotenzial. Der Mann ist sauer, angekotzt, angewidert. Von der Gesellschaft, von bestimmten Personen, vom GroĂźen und vom Ganzen. Und gerade diese Einmaligkeit und dieser Identifikationsfaktor, obwohl man nicht mal versteht, worum es so genau geht, sind GrĂĽnde, wieso The Fall seit 35 Jahren auf gleichbleibend hohem Niveau Musik machen. Den Vorwurf des gleichbleibend hohen Niveaus dank exakt gleichbleibender Musik mĂĽssen sich The Fall natĂĽrlich gefallen lassen, allerdings macht man es sich damit ein wenig zu einfach. Die Band hat sich des Ă–fteren neu erfunden, nicht nur, weil Smith monatlich die Bandmitglieder rauswirft. Mit ihm als alles ĂĽberstrahlender Figur lieĂźen sich diese Stilwechsel aber schon immer recht leicht ĂĽbersehen. Und schon immer hatten The Fall experimentelle Momente auf ihren Alben, seien es Drum-‘n'-Bass-AnflĂĽge, waschechte Country-Soungs oder (fĂĽr Fall-Verhältnisse) pure Popmomente. Auch auf „Ersatz G.B.“ gibt es diese Momente, z.B. in „Greenway“, das wie eine VarietĂ©nummer beginnt, dessen Klavier sich aber schnurstracks in harten Metal klimpert. Oder „Happi Song“, gesungen von Smiths Ehefrau und Keyboarderin (was eine Grundvoraussetzung fĂĽr Smiths Liebe zu sein scheint) Elena Poulou, der an den Twee-Pop der Pastels erinnert.
Taugt „Ersatz G.B.“ nun also zur Akquise neuer Fans? Die Antwort lautet: eher nicht. Wahrscheinlich sind The Fall sowieso eine der Bands, der man entweder schon längst verfallen ist oder es eben nie sein wird – dieses Album wird nichts daran ändern, weder in die eine noch in die andere Richtung. FĂĽr die Fans ist es eine weitere Bestätigung der GroĂźartigkeit von Mark E. Smith, fĂĽr die Nicht-Fans ein weiterer Beweis dafĂĽr, dass man Mark E. Smith immer noch getrost ignorieren kann. Dank „Ersatz G.B.“ kann ich mich allerdings bis spätestens 2016 weiterhin stolzer Besitzer eines Viertels der Studioalben von The Fall nennen.
Label: Cherry Red | Kaufen
Konzertbericht: Apparat in den Wagenhallen, Stuttgart, am 10. November
13.11.2011 von Mike Herbstreuth
Apparat (Mute)
Die Wagenhallen am alten Bahngelände „Innerer Nordbahnhof“ gehören zweifellos zu den schönsten und kreativsten Plätzen Stuttgarts. In den Backsteinhallen, in denen frĂĽher Waggons der Bahn standen, sind heute KĂĽnstlerateliers und Veranstaltungsräume beheimatet. Vor den Hallen befindet sich ein gemĂĽtlicher Biergarten auf Sand und immer gibt es interessante Dinge zu sehen – seien es metergroĂźe Pappmaschee-Monsterköpfe, in Aluminiumfolie eingewickelte Bäume oder abstrakte Metallskulpturen. In Verbindung mit dem industriellen Charme der Hallen eine einzigartige Atmosphäre, die es mindestens noch bis 2015 in dieser Art geben wird. Dann könnte es eng werden fĂĽr die Wagenhallen, denn sie liegen auf dem Teilgebiet C1 – Stuttgart-21-Gelände.
Ein paar Meter neben den Wagenhallen wird jedenfalls schon fleiĂźig gebaut, dort entsteht der Neubau eines beruflichen Schulzentrums. Auch am Donnerstagabend, als Apparat dort spielen soll, lärmt die Baustelle. Es wird gehämmert, gebohrt und „Vorsicht“ geschrien, bevor Dinge aus groĂźer Höhe fallen gelassen werden. Gebohrt, das wurde dann auch während eines Songs der Vorband von Apparat namens Warren Suicide. Allerdings kam das Bohren nicht von drauĂźen, sondern von der BĂĽhne. Die Band sagte, sie hätte frĂĽher chaotischen Electro-Punk gemacht, bis sie einen Auftritt von JosĂ© Gonzáles und der Göteborg String Theory gesehen hätten. Jetzt machen sie punklosen, aber immer noch etwas chaotischen Bisschen-Electro-Kammerpop, inklusive Streicher, Bohrmaschine und Megaphon. Das kann man ähnlich gut finden wie die Aussage von Frontmann Patrick „Nackt“ Christensen, er sei froh, dass Stuttgart nicht im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, was wohl der Fall gewesen wäre, hätte der Krieg noch ein paar Tage länger gedauert.
Ein Wiedersehen mit Christensen gab es dann auch, als Sascha Ring alias Apparat schlieĂźlich die BĂĽhne betrat. Christensen ist nicht nur Frontmann von Warren Suicide, sondern auch Produzent von Rings aktuellem Album „The Devil’s Walk“ und Gitarrist der Apparat Band. Und auch zwei weitere Mitglieder von Warren Suicide (Geige, Cello) standen später wieder auf der BĂĽhne, um die doch sehr orchestralen Songs von „The Devil’s Walk“ originalgetreu umzusetzen.
Neben den Instrumenten, Mikrophonen und 3/4 von Warren Suicide standen auf der BĂĽhne auch noch mehrere unterschiedlich hohe Stäbe mit GlĂĽhwendeln an ihrem Ende, die abwechselnd zur Musik leuchteten. Ein schlichter und schöner Effekt, der am besten wirkte, wenn das GlĂĽhen schnell hin- und herwanderte. Waren die Stäbe permanent erleuchtet, erinnerte das Bild sehr an Kerzenständer und zusammen mit dem Rauch ein wenig an die Szene aus dem Video zu Meatloafs „I‘d Do Anything For Love“, als er alleine im verlassenen Schloss vor dem Kamin sitzt.
Gespielt wurden von der Apparat Band hauptsächlich Songs von „The Devil’s Walk“, was im Publikum allerdings kaum jemanden störte – mit Sicherheit Apparats schönstes und bekanntestes Album. Zu schön vielleicht, fĂĽr meinen Geschmack. Bei den allzu epischen Songs läuft Ring manchmal Gefahr, in der eigenen Schönheit zu ertrinken. Dann wird es fast schon etwas kitschig und erinnert bisweilen an Coldplay. Nicht, dass das etwas Schlechtes sein muss, aber live ist Ring am stärksten, wenn seine Songs kantig sind, wenn es wummert, klickt, fiept und knarrt. Auch wenn es sicher seine Vorteile hat, bei Konzerten sowohl tanzen als sich auch verträumt hin und her wiegen zu können. Das Stuttgarter Publikum war jedenfalls mit beidem hochzufrieden, genau wie Ring mit dem Publikum. Es sei sein erstes Konzert in Stuttgart und da wisse man nie genau, was einen erwarte. Das „Brighton-Phänomen“ wĂĽrden sie das in der Band nennen. Dort gab es ein Konzert, bei dem 170 Engländer vor der BĂĽhne gestanden wären, sich permanent unterhalten und eher wenig bis gar nicht um den Auftritt gekĂĽmmert hätten. Nicht so die 500 Stuttgarter, die tanzen und eine gute Zeit haben wĂĽrden. Die Anwesenden: begeistert darĂĽber, dass die Band von ihnen begeistert ist. Erst Warren Suicide, dann Apparat – sie wollten an diesem Abend anscheinend kein Ende nehmen, die Lobe fĂĽr Stuttgart. Und wenn man sich nach dem Konzert im Publikum so umhörte, dann beruht diese Wertschätzung auf Gegenseitigkeit.
Neue Platten: Zola Jesus – „Conatus“
28.09.2011 von Mike Herbstreuth
(Souterrain Transmissions)
Wer? Was? Warum? ByteFM Redakteure besprechen eine Auswahl aktueller Neuerscheinungen.
Wer? Nika Roza Danilova ist Zola Jesus. Die Sängerin mit Opernausbildung aus Madison, Wisconsin, veröffentlichte nach einigen EPs im Jahr 2010 ihr DebĂĽt „Stridulum II“, machte sich mit ihrem Nebenprojekt Nika & Rory einen Namen und hat auf mehreren Songs der Band Former Ghosts mitgewirkt, der Kollaboration von Freddy Ruppert und Xiu-Xiu-Frontmann Jamie Stewart.
Was Danilovas wuchs in den Wäldern von Wisconsin auf, einem Staat mit unendlich weiten Feldern und der doppelten Größe, aber nicht mal der Hälfte der Einwohner Bayerns. Sie hätte kaum Zeit mit jemand anderem als ihrem Bruder verbracht, Internet und Fernsehen hätte es bei ihnen nicht gegeben, und das Abendessen wurde selbst geschossen und geschlachtet – ĂĽberall im Haus seien Tierteile herumgelegen, erinnert sich Danilova.
Weite, Isolation und Tod meint man auch in den Songs von Zola Jesus zu hören. Ihre Musik, angetrieben von Danilovas unglaublich kraftvollen Stimme, ist düster, kühl, unheimlich und manchmal unangenehm, aber unter der Goth-Decke verstecken sich meist sehr eingängige Melodien.
Warum Zola Jesus‘ zweites Album „Conatus“ ist eine weiterer kleiner Schritt in Richtung Pop und geht somit den Weg weiter, den sie schon auf ihrem ersten Album einschlug, auf dem der Noise im Gegensatz zu ihren EPs schon stark reduziert wurde. Aber nicht nur weniger noiseig ist das Ganze, auch die ewige Verdammnis ist nicht mehr in jedem Song so deutlich zu spĂĽren. Aber keine Sorge, die Morbidität ist geblieben. In „Seekir“ wird der eine oder andere Geist beschworen, und auch Titel wie „Lick The Palm Of The Burning Handshake“ oder „Hikikomori“, das japanischen Wort fĂĽr Menschen, die sich vollständig aus der Gesellschaft zurĂĽckziehen, zeigen, dass sich Nika Roza Danilova immer noch auf der dunklen Seite befindet. Und dort treibt wie schon auf „Stridulum II“ ein recht ungesunder Herzschlag konsequent voran und im Hintergrund flĂĽstern auch diesmal die Industrial-Elemente, nur wirkt die Musik auf „Conatus“ noch ein StĂĽck epischer als auf dem Vorgänger: die Drums sind breiter, die Räume größer und Streicher (was epischen Klang angeht ja immer eine ganz gute Wahl) verleihen den Songs hier und da einen leicht orchestralen Touch. Und das Herz, es pumpt nicht immer wie verrĂĽckt. Bei der glasklaren Ballade „Skin“ oder dem ruhigeren „Collapse“ fĂĽllt Danilova die Zwischenräume mit atmosphärischen Klängen oder ĂĽbersteuerten Synthies, was den Songs noch zusätzliche Meldodramatik verleiht (als hätten sie es nötig). Selten wurde Leiden so kraftvoll und tanzbar präsentiert.
Label: Souterrain Transmissions | Kaufen
Pure Grunge! Pure Noise! Pure Shit!
26.09.2011 von Mike Herbstreuth
Mochten auch Sonic Youth: Nirvana (Universal)
Heute startet ByteFM in die Themenwoche „Nevermind“. Eine Woche lang dreht sich unser Programm um Nirvana, Vorgänger, Begleiter und Nachfolger. Alle themenwochenbezogenen Sendungen sind im Programm mit „Thema: Nevermind“ hinterlegt. Aber was ist eigentlich Grunge? Unser Autor Mike Herbstreuth hat sich auf die Suche begeben.
Grunge. Grunge. Grunge. Ein Wort, das gleichzeitig kratzig und irgendwie glibberig klingt. Ein Wort, das ein bisschen klingt, als würde man eine Portion Schlamm in die Hand nehmen und sie fest zusammendrücken. Ein Wort, das seiner Bedeutung entsprechend klingt: schmutzig, dreckig, schäbig.
Der erste, der es benutzte, war Mark Arm, der Sänger der Seattler Band Mr Epp And The Calculations, der 1981 seine Gruppe als „Pure grunge! Pure noise! Pure shit!“ beschrieb. Arm gründete später zwei der wichtigsten Bands des Genres: Green River und Mudhoney. Und spätestens als das in Seattle heimische Plattenlabel Sub Pop 1988 sein Box-Set „Sub Pop 200“ mit einheimischen Bands wie Nirvana, Mudhoney und Soundgarden veröffentliche und unter dem Name „Grunge“ vermarktete, war der Begriff etabliert und unweigerlich mit der Stadt verbunden. Laut Sub-Pop-Gründer Jonathan Poneman hätte es aber genauso gut „sludge, grime oder crud“ sein können – Hauptsache irgendwie dreckig. Soviel zum Wort. Nur was Grunge eigentlich ist, das fand ich schon immer schwer zu erklären.
Als ich 15 war und (wie jeder in meinem Alter, der Gitarrenmusik gut fand) Nirvana hoch und runter gehört habe, fragte mich mal ein Mädchen, was ich denn so fĂĽr Musik hören wĂĽrde. Ich wollte natĂĽrlich cool sein und nicht einfach nur wie jeder in meinem Alter, der Gitarrenmusik gut fand, „Nirvana“ antworten, also sagte ich souverän: „Ich hör‘ Grunge.“ Ohne damit zu rechnen, dass sie fragen könnte, was denn Grunge sei. Was sie leider tat. Ich musste erstmal ziemlich lange ĂĽberlegen und sagte wenig souverän: “Ähm, das ist so wie Punk…“, während ich gleichzeitig betete, dass sie nicht weiter nachfragen wĂĽrde. Sie hat das dann glĂĽcklicherweise so hingenommen, aber es war klar, dass sie meine Ahnungslosigkeit entlarvt hatte. Und sie hatte recht. Hätte mir damals jemand gesagt, dass Black Sabbath einer der wichtigsten EinflĂĽsse fĂĽr die Grunge-Bewegung und Nirvana gewesen wäre, hätte ich nur ungläubig den Kopf geschĂĽttelt. Klar, sie benutzten auch ĂĽbersteuerte Gitarren, aber sonst? Ich habe mir damals zwar jede Biografie ĂĽber Kurt Cobain besorgt, die ich finden konnte, und als seine TagebĂĽcher veröffentlicht wurden, hatten ich sie mir schon vor Monaten vorbestellt, aber dass Cobain gesagt hat, dass Nirvana so klingen sollten, als wĂĽrden „Black Sabbath The Knack spielen“, das hatte ich konsequent ĂĽberlesen.
Black Sabbath war für mich eine von den Bands, deren Antithese die Grunge-Bands eigentlich sein sollten. Eine von den Bands, die wie der breitbeinige Rockerfeind Guns ’N Roses hauptsächlich über Frauen, Alkohol und darüber, wie geil sie selbst eigentlich sind, gesungen haben. Damit tat ich Black Sabbath natürlich extrem Unrecht, und ohne den düsteren, zähen Metal der Band wäre Grunge gar nicht erst möglich gewesen. Black Sabbath machten die Art Musik, die mit ihrer Ästhetik genau das ausdrückte, worum es im Grunge textlich ging: Apathie, Entfremdung, Teenage Angst. Diese Ästhetik war zusammen mit dem Punk der Bands der amerikanischen Hardcore-Szene der 80er wie Black Flag oder den Melvins die Hauptzutat für Grunge, und bei Bands der ersten Grunge-Welle wie z.B. Green River hört man sie sehr deutlich heraus. Nirvana ebneten mir ihrer melodischeren Version und ihrer Start-Stop-Dynamik den Weg des Grunge in den Mainstream, und die Bewegung schwappte über die Grenzen ihrer Brutstätte Seattle hinaus. Spätestens als „Nevermind“ 1992 Michael Jacksons „Dangerous“ von Platz 1 der Billboard Charts verdängte, war aus der Subkultur einer Stadt ein weltweites Pop-Phänomen geworden.
„Smells Like Teen Spirit“ lief auf MTV, und auf den Laufstegen der Welt liefen Models in Flannelhemden, Wollmützen, zerrissenen Jeans und fettigen Haaren. „A hippied romantic version of punk“ nannte Marc Jacobs damals seine Kollektion, die er an den Look von Nirvana angelehnt hatte. Spätestens da war es den meisten Grunge-Fans zu viel. Grunge war Mode, und mit ihm die Stadt Seattle, die von einer Hypewelle überrollt und trotz einer vielfältigen Musikszene auf eine Subkultur reduziert wurde. „Everybody loves us / Everybody loves our town / That’s why I’m thinking lately / The time for leaving is now“, singen Mudhoney in ihrem Song „Overblown“. Und der Schuldige für die Misere war schnell gefunden. Kurt Cobain, mittlerweile ein reicher Mann und mit Courtney Love verheiratet, erhielt täglich Briefe, in denen er als Verräter seiner eigenen Ideale beschuldigt wurde. Und er konnte es verstehen: „I don’t blame the average 17 year-old punk-rock kid for calling me a sellout. I understand that. Maybe when they grow up a little bit, they’ll realize there’s more things to life than living out your rock and roll identity so righteously.“
Mit dem Tod Cobains begann Mitte der 90er auch der Abstieg der Szene. Der Hype war vorbei, Bands der ersten Stunde wie Soundgarden oder Alice in Chains lösten sich auf, eine neue Generation „Grunge“-Bands wie Bush trimmten das Genre auf Formatradiotauglichkeit und Britpop war der neue heiĂźe RockscheiĂź. „If punk was about getting rid of hippies, then I‘m getting rid of grunge“, sagte Damon Albarn und nannte seine Band Blur eine „anti-grunge band“. Die Wut und der Pessimismus des Grunge wurden abgelöst vom launigeren und ausgelasseneren Britpop. Oder wie es Noel Gallagher ausdrĂĽckte: „As much as I fucking like him [Cobain] and all that shit, I‘m not having that. I can’t have people like that coming over here, on smack, fucking saying that they hate themselves and they wanna die. That’s fucking rubbish.“
Vielleicht „New-R&B“.
21.07.2011 von Mike Herbstreuth

Man sagt, musikalische Trends folgten einem Zyklus. 1970 gab es das Revival von 50s-Rock‘n'Roll, die 80er waren stark von den 60ern beeinflusst und die 90er schlieĂźlich wieder von den 70ern.
Im ersten Jahrzehnt des neuesten Jahrtausends durften wir dann gleich mehrere Renaissancen erleben. Zu Beginn gab es durch Bands wie The White Stripes, The Strokes oder The Libertines eine Garagen-Rock-Welle, die klang, als sei sie direkt aus den späten 60ern und 70ern herĂĽbergeschwappt. Kurz darauf bzw. schon währenddessen waren aber auch schon wieder die 80er in Mode, sei es deren Post-Punk (Franz Ferdinand, Interpol, Bloc Party, LCD Soundsystem…) oder Electropop in allen möglichen AuswĂĽchsen, von Daft Punks Retro-Futurismus ĂĽber Robyns Hochglanzpop bis zu Hurts‘ Kitschballaden.
Und auch ein brandneues (Pseudo-)Genre, das auf die Namen „Chillwave“ und „Glo-Fi“ getauft wurde, nahm sich die elektronischere Popmusik der 80er zum Vorbild und kreuzte sie mit einer introvertierten, vertäumten und verwaschenen DIY-Soundästhetik.
Als Urvater des Chillwave gilt der Musiker Ariel Pink, dessen neo-psychedelischer LoFi-Sound voller Referenzen an den Radio-Pop der 70er und 80er steckt, seien es die Bee Gees, Hall & Oates oder Men At Work. Wie Pink selbst immer wieder betont, hatte MTV den größten Einfluss auf seine musikalische Sozialisation. MTV sei fĂĽr ihn sogar so etwas wie „ein Babysitter“ gewesen, seit seinem fĂĽnften Lebensjahr (was ca. 1983 gewesen sein muss) habe er täglich stundenlang vor dem Fernseher gesessen und sich Musikvideos angeschaut.
Nachdem die 70er und 80er also schon zu Genüge wiederverwertet wurden, wäre es nun eigentlich, rein zyklisch betrachtet, Zeit für ein massives 90er-Revival. Es wäre Zeit für die nun Mitte 20-jährigen, die ihre Kindheit wie Pink mit MTV verbracht haben, ein bisschen näher vor dem Fernseher, als es die Eltern erlaubten.
Und tatsächlich: Während sich in letzter Zeit immer mal wieder Bands an einem Grunge-Revival versuchen, verdichten sich auch die Zeichen, dass die Verarbeitung eines anderen speziellen Genres der 90er ihren Lauf nimmt: R&B.
Vielleicht hat es so lange gedauert, weil der gemeine Indie-Fan jahrelang partout nichts mit dem „schwĂĽlstigen“ R&B der 90er anzufangen wusste. Wir gegen die. Die unbeholfen-schrägen Liebesbekundungen von Built To Spill oder Pavement hatten nur wenig mit dem selbstbewussten Baby-lass-uns-Liebe-machen von R. Kelly oder Usher zu tun. Man mochte schrammelige Gitarrenmusik oder man mochte verschwitzte Beats. Und als junge Indie-Band musste man das natĂĽrlich auch durch seine EinflĂĽsse klar machen, bei denen wahlweise die Beach Boys, The Kinks (Beatles sagen kann ja jeder), Velvet Underground, Joy Division oder Gang Of Four angegeben wurden.
Der erste Indie-Hype, der offenkundig seine Liebe zum R&B gestand, war vor zwei Jahren eine Band namens The XX. Da wurden plötzlich Aaliyah und TLC als prägende EinflĂĽsse genannt, und wem die gehauchten Stimmen und zarten Beats des DebĂĽts noch nicht Beweis genug waren, der konnte sich beim Cover von Aaliyahs „Hot Like Fire“ ĂĽberzeugen, dass die jungen Briten es mit ihrer Verehrung ernst meinten.
The XX – Hot Like Fire (Aaliyah Cover)
Ebenfalls keinen Hehl aus seiner Bewunderung fĂĽr den romantischen R&B der 90er machte ein Jahr später der Amerikaner Chris Laufman alias Wise Blood. Aufgrund seiner Soundästhetik gerne in einen Topf mit Chillwave-Vertretern wie Toro Y Moi, Washed Out oder Neon Indian geworfen, legte er groĂźen Wert darauf, dass seine EinflĂĽsse nicht im Pop der 80er liegen, sondern dass er mit KĂĽnstlern wie Boyz II Men, All 4 One oder K-Ci & JoJo sozialisiert wurde. Von Letzteren samplete er den Hit „Tell Me It’s Real“ fĂĽr seinen Song „2 The Bitter End“.
War bis 2010 die Liebe zwischen R&B und Indie also noch eine zarte Knospe, begann sie nun langsam zu blĂĽhen und sich gen Sonne zu öffnen. Zum Beispiel in Form von Tom Krell alias How To Dress Well, der schon auf seinem letztjährigen DebĂĽt „Love Remains“ mit einer Mischung aus softem R&B, gelayertem Falsetto-Gesang und ätherischer Atmosphäre der Vorreiter des „New R&B“ war, wie die Musik auf manchen Blogs genannt wird und wie wir es vielleicht auch im Verlauf dieses Artikels tun werden. Im Refrain seiner neuesten Single „Us In The Sense Of Forever“ klingt Krell schon unheimlich wie Michael Jackson in „Will You Be There“ aus dem Jahr 1993.
How To Dress Well – Us in the Sense of Forever
Und es sprieĂźen neben How To Dress Well noch mehr Musiker und Bands aus dem mit R&B gedĂĽngten popmusikalischen Boden, um eine weitere botanische Metapher zu bemĂĽhen.
Hinter dem Pseudonym Clams Casino versteckt sich der 23-jährige Student und HipHop-Produzent Mike Volpe aus New Jersey, der schon Rapper wie Lil B oder Soulja Boy mit Beats versorgt hat. Erst auf seinem sehr hörenswerten instrumentalen Gratis-Mixtape, das Ihr Euch hier umsonst herunterladen könnt, wird die Detailreiche seiner vielschichtigen und verwaschenen Beats deutlich und wie sehr diese How To Dress Wells LoFi-Pop ähneln. Man weiß nicht so recht, ob man zu Clams Casinos Songs mit dem Kopf nicken oder ihn vertäumt hin- und herwiegen soll.
Clams Casino – I‘m God (instrumental)
Ebenfalls aus dem HipHop kommend scheint sich neben Clams Casino Rimar aus Columbus, Ohio zum beliebtesten Produzenten des „New-R&B“ zu entwickeln. Seine Beats sind verhallt-psychedelische Mantras, die durchsetzt sind von Funk- und Dance-EinflĂĽssen. Seine EP „Higher Ground“ könnt Ihr Euch hier umsonst herunterladen.
Das Zentrum der sehr internationalen „New-R&B“-Szene scheint sich gerade um Evan Adams aus North Carolina zu bilden. Unter dem Namen Top Girls veröffentlichte er kĂĽrzlich seine zweite EP „RISE“, die Ihr auf Adams‘ bandcamp-Seite unter dem Motto „Pay what you want“ zum Download findet. Darauf befindet sich auch der Song „Bordello“.
Adams ist auch die treibende Kraft hinter Skylines, einer Kollaboration der Bands Top Girls, Party Trash und Raw Moans, die den smoothen Sound von Gesangsgruppen wie Boyz II Men mit LoFi-Synthies mixen und offensichtlich in einer Unterwasserhöhle wieder abspielen.
Ebenfalls kollaboriert haben Top Girls mit Lavurn Lee alias Guerre, einem jungen kanadischen Produzenten, der momentan in Sydney heimisch ist. Guerres souliger Falsetto-Gesang wird von sanftem Noise und verhuschten elektronischen Beats begleitet, die manchmal an James Blake oder auch Burial erinnern, was ja in letzter Zeit nicht die allerschlechtesten Referenzen sind. Seine EP „Darker My Love“ und das hervorragende Remix-Album könnt Ihr Euch auf dieser Seite gratis herunterladen.
Es bleibt abzuwarten, ob „New-R&B“ nur eine kurzlebige Erscheinung ist oder sich zu einem veritablen Trend entwickelt. Ich freue mich jedenfalls schon auf das Kirmestechno-Eurodance-Revival, wobei manche das ja schon Lady GaGa andichten. Danach könnte es allerdings langsam knapp werden mit wiederverwertbaren Jahrzehnten. Aber man könnte sich ja mal wieder in den 50ern und 60ern umschauen. Da gab es glaube ich recht gute Musik.
Konzertbericht: Future Islands in Esslingen
19.07.2011 von Mike Herbstreuth

„Eine der besten Live-Bands“. Eine Band mit diesem Satz zu bewerben, ist nicht ganz unproblematisch. Man benutzt womöglich nur eine ausgelutschte Phrase („Jaja, bestimmt sind sie auch ‚Musiker mit Herzblut‘ und ‚echt‘“). Man könnte zu hohe Erwartungen wecken („Also Bonaparte fand ich besser…“). Oder jemand könnte seinen Konzertbericht damit beginnen („Eine der besten Live-Bands“).
Viele Bands bekommen in dieser an Superlativen nicht gerade armen Zeit dieses Prädikat verliehen. Nehmen wir zum Beispiel Bonaparte. Eine unterhaltsame Live-Show. Ein bisschen anarchistisch, schöne KostĂĽme. Schaut man sich die Band ein, zwei Jahre später zum zweiten Mal an, hat man allerdings das GefĂĽhl, dass sich nichts geändert hat. Am Ablauf nicht, an den KostĂĽmen auch nicht. Man bekommt den Eindruck von gespielter Spontaneität – plötzlich wirkt aufgesetzt, was einst begeistert hat.
Einst begeistert hat mich auch die Band Future Islands aus Baltimore. Genauer gesagt hat sie das letztes Jahr in Hamburg getan. Auch sie wurde damals als „eine der besten Live-Bands“ beworben und es war tatsächlich eins der besten Konzerte, die ich seit langem gesehen hatte. Hauptsächlich lag das an Samuel Herring, dem Frontmann des Trios. Die Intensität seiner BĂĽhnenpräsenz ist nur schwer in Worte zu fassen. Kollege Kevin Hamann hat es damals als „Mischung aus Meat Loaf, Robbie Williams und James Hetfield“ beschrieben, und dem ist eigentlich nichts hinzuzufĂĽgen.
Aber lässt sich so eine Intensität glaubhaft wiederherstellen? Oder wirkt sie, wenn man die Band zum zweiten Mal sieht, plötzlich aufgesetzt?
Am gestrigen Abend hätte kaum noch jemand ins Komma in Esslingen gepasst. Das war umso schöner, weil die Veranstalter nicht unbedingt damit gerechnet hatten – am selben Abend spielten in der Stuttgarter Innenstadt noch zwei andere Bands, die eine ähnliche Zielgruppe hatten. Spätestens beim dritten Song „An Apology“ war sich das Publikum allerdings sicher, dass sich der Weg nach Esslingen gelohnt hatte. Denn dass eine Entschuldigung eben doch „the hardest thing“ ist, wie Herring den Song angekĂĽndigte hatte, machte er nicht nur durch seinen Gesang klar, der von einer Sekunde zur anderen von zerbrechlich in bedrohlich kippen kann. Mit leidendem Gesichtsausdruck schlug er sich im Takt mit einer Wucht auf den Brustkorb, dass man meinte, Rippen brechen zu hören, bis er sich symbolisch sein Herz herausriss, manisch dem Publikum präsentierte und am Ende ganz zärtlich zum Mund fĂĽhrte und wieder hinunterschluckte.
Diese Spannung, die aus den unterkühlten Sounds (zu denen auch das stoische Spiel des Bassisten William Cashion und des Keyboarders Gerrit Welmers passt) und der theatralischen Performance von Herring ist das, was die Shows von Future Islands zu etwas so Besonderem machen. Es sollte eigentlich nichts Einfacheres geben, als sich zu den Beats von Future Islands zu bewegen. Aber man kommt jedes Mal wieder aus dem Rhythmus, wenn Herring plötzlich wild auf das Publikum zuprischt oder einen mit fiebrigem Blick fixiert.
Davon bekamen auch die Anwesenden im Komma nicht genug und klatschten das Trio nach der standardmäßigen Zugabe nochmals fĂĽr einen Song auf die BĂĽhne. Vielleicht wären es sogar mehr geworden, aber wie sich Samuel Herring geehrt entschuldigte: „Man, sorry, I don’t think we have any songs left“. Das Publikum war trotzdem glĂĽcklich. Denn es hatte eben das Konzert von einer der besten Live-Bands gesehen. Von Musikern mit Herzblut und einer Leidenschaft, die nicht aufgesetzt war, sondern echt.
ByteFM präsentiert Future Islands:
19.07. Berlin – Lovelite
20.07. Chemnitz – Beta Bar
21.07. Köln – Sonic Ballroom
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