Konzertbericht: Ja, Panik in der Manufaktur, Schorndorf, am 19. November

Ja, Panik (©Christoph Voy)Ja, Panik (©Christoph Voy)

„Wir haben einfach Stil und Geschmack“, behauptet Andreas Spechtl von Ja, Panik in einem Quatsch-Videointerview auf YouTube. Dessen ĂŒberzeugen konnte sich das Publikum beim Auftritt der österreichischen Band in der Manufaktur in Schorndorf. Jedes Bandmitglied kam in schwarzen Schuhen und schwarzer Hose auf die BĂŒhne, und als wollten sie sich an ihre eigenen Song halten, vergaßen sie auch das schwarze Hemd nicht. So ganz in schwarz, stil- und geschmackvoll, standen die fĂŒnf da, wĂ€hrend die Nebelmaschinen so krĂ€ftig arbeiteten, dass man dachte, sie wĂ€ren vielleicht kaputt. Von hinten sparsam beleuchtet sah man durch all den Nebel nur die Umrisse der Band, wĂ€hrend sie die ersten Töne von „Trouble“ aus dem aktuellen Album „DMD KIU LIDT“ spielten. Die Bassdrum mit komplett weißem Fell leuchtete bei jedem Schlag und die einzelnen Lichtstrahlen wirkten im Nebel, als könnte man sie greifen. Sie sehen gut aus und die Band spielt tight. Ein Beginn, der sich sehen lassen konnte.

Die meisten der Songs des gut eineinhalbstĂŒndigen Sets von Ja, Panik stammten aus „DMD KIU LIDT“, und so auch eines der schönsten Lieder des Abends. Ein wenig ĂŒberrascht wirkte das Publikum, als bei „Nevermind“ der Scheinwerfer nur auf Schlagzeuger Sebastian Janata gerichtet war. Er sang die erste Strophe des Songs, die zweite sang Bassist Stefan Pabst und so ging es reihum. Jeder seine Strophe, bis am Ende nur noch Spechtl ĂŒbrig blieb, „wie sich das so gehört“, wie er selbst ein wenig grinsend sang. Ganz im Vordergrund stand Spechtl dann wieder beim letzten Song des regulĂ€ren Sets, als er mit dem Pianisten Christian Treppo die PlĂ€tze tauschte, um dem Schorndorfer Publikum noch ein Gute-Nacht-Lied oder „Lullaby“ zu singen, wie man laut Spechtl im englischsprachigen Teil Österreichs dazu sagt.

„The Evening Sun“ beendete den Ja,-Panik’schen Auftritt so hervorragend, dass man sich ein bisschen wĂŒnschte, dass die Band es damit gut sein lassen wĂŒrde, weil es nun arg viel besser nicht mehr gehen wĂŒrde. Die obligatorische Zugabe fehlte aber natĂŒrlich auch bei Ja, Panik nicht – allerdings hoffte man, dass die Forderungen einiger Anwesender nach dem Song „Marathon“ unerfĂŒllt bleiben wĂŒrden. Nicht, dass es ein schlechter Song wĂ€re, doch nach „The Evening Sun“, das mit seiner simplen, bittersĂŒĂŸen Pianomelodie und der Band als Chor ein wĂŒrdiger und sehr geschmackvoller Abschluss des Konzert war (und nebenbei auch fĂŒr Mixtapes jeglicher Art ist), wĂ€re „Marathon“ unglaublich fehl am Platz gewesen.

Stattdessen entschieden sich Ja, Panik dafĂŒr, 14 Minuten lang mit aller Wucht das Leben und die Bedeutung von „DMD KIU LIDT“ durchzudeklinieren. Und spĂ€testens als Spechtl fast schon erschöpft die letzten Zeilen des TitelstĂŒcks des Albums hauchte – „Du kannst zuhören, oder gehen, nur sei still, ach, sei so lieb“ – verstummt auch das vereinzelte Gerede im Publikum (vielleicht diejenigen, die „Marathon“ hören wollten?), und es war mucksmĂ€uschenstill, als das Lied langsam ausklang. Ja, Panik haben Stil und Geschmack, so viel steht fest. Wie viel Geschmack genau, das wird sich zeigen, sobald ich ein paar Rezepte aus dem seit kurzem erhĂ€ltlichen Ja,-Panik-Kochbuch ausprobiert habe.

Neue Platten: The Fall – „Ersatz G.B.“

The Fall - The Fall – „Ersatz G.B.“ (Cherry Red)

7,0

Vor kurzem habe ich auf einer Party „Touch Sensitive“ gespielt, wohl einer der eingĂ€ngigsten Songs von The Fall, aus dem 99er-Album „The Marshall Suite“. Generell ein sehr gutes Album, das mit komplett neuem Line-up aufgenommen wurde, nachdem sich „the only permanent member of The Fall“ Mark E. Smith auf der BĂŒhne eine wilde SchlĂ€gerei mit dem Rest der Band geliefert hatte (nur seine Keyboarderin und damaligen LebensgefĂ€hrtin Julia Nagle wurde verschont) und daraufhin festgenommen wurde. Ein Partygast fragte, von wem denn der Song sei, der gerade lief, und er fragte mich, ob ich noch mehr von denen hĂ€tte. Sechs Alben, dachte ich, und damit mit gutem Willen gerade mal ein Viertel des Gesamtwerks der Band (von Live-Alben und Compilations mal ganz abgesehen). Kaum ein Jahr ohne Platte von Mark E. Smith – „Ersatz G.B.“ ist das mittlerweile 29. Album in der 35-jĂ€hrigen Bandgeschichte – und wenn er so weitermacht, verschieben sich die VerhĂ€ltnisse nĂ€chstes Jahr in Richtung ein FĂŒnftel.

Wenn eine Band so viele Alben veröffentlicht, stellt sich ja irgendwann die Frage, ob sich das eigentlich nur noch Leute kaufen, die sowieso schon Fans der Band sind und sich das halt nun mal kaufen mĂŒssen (so oder so, ob ihnen die Platte gefĂ€llt oder nicht – aber solche WidersprĂŒche bringt das Fansein ja mit sich), oder ob man damit tatsĂ€chlich noch neue Fans gewinnen kann.

Diejenigen, die schon Fans sind, können sich jedenfalls freuen: Smith ist auf „Ersatz G.B.“ gallig und nuschelig wie eh und je. Die Band, die seit bemerkenswerten vier Jahren in derselben Besetzung spielt, liefert ein aufgekratztes und lĂ€rmiges, aber durch viele sich wiederholende Rhythmen auch auf gewisse Art geerdetes Fundament fĂŒr Smiths Hasstiraden, in denen er womöglich manchmal gar nichts hasst, die aber eben immer so klingen. Wahrscheinlich gibt es niemanden, der den Namen „Nate“ so giftig aussprechen kann wie Smith im Song „Nate Will Not Return“. Er ist einer der SĂ€nger, die ihre ganz eigene, unverwechselbare Kunstsprache entwickelt haben und die auch niemand anderes so sprechen kann. Mit seinen meist wahllos und surreal wirkenden Aneinanderreihungen hat Smith einen maßgeblichen Teil dazu beigetragen, die Texte der Rockmusik von unbedingter Sinnhaftigkeit zu befreien. Das wiederum kann man nun gut oder schlecht finden, aber wenn Smith in „Mask Search“ „I’m so sick of Snow Patrol / And where to find Esso lubricant and mobile number“ gurgelt, hat das eine unglaubliche Wirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Und birgt natĂŒrlich Identifikationspotenzial. Der Mann ist sauer, angekotzt, angewidert. Von der Gesellschaft, von bestimmten Personen, vom Großen und vom Ganzen. Und gerade diese Einmaligkeit und dieser Identifikationsfaktor, obwohl man nicht mal versteht, worum es so genau geht, sind GrĂŒnde, wieso The Fall seit 35 Jahren auf gleichbleibend hohem Niveau Musik machen. Den Vorwurf des gleichbleibend hohen Niveaus dank exakt gleichbleibender Musik mĂŒssen sich The Fall natĂŒrlich gefallen lassen, allerdings macht man es sich damit ein wenig zu einfach. Die Band hat sich des Öfteren neu erfunden, nicht nur, weil Smith monatlich die Bandmitglieder rauswirft. Mit ihm als alles ĂŒberstrahlender Figur ließen sich diese Stilwechsel aber schon immer recht leicht ĂŒbersehen. Und schon immer hatten The Fall experimentelle Momente auf ihren Alben, seien es Drum-‘n'-Bass-AnflĂŒge, waschechte Country-Soungs oder (fĂŒr Fall-VerhĂ€ltnisse) pure Popmomente. Auch auf „Ersatz G.B.“ gibt es diese Momente, z.B. in „Greenway“, das wie eine VarietĂ©nummer beginnt, dessen Klavier sich aber schnurstracks in harten Metal klimpert. Oder „Happi Song“, gesungen von Smiths Ehefrau und Keyboarderin (was eine Grundvoraussetzung fĂŒr Smiths Liebe zu sein scheint) Elena Poulou, der an den Twee-Pop der Pastels erinnert.

Taugt „Ersatz G.B.“ nun also zur Akquise neuer Fans? Die Antwort lautet: eher nicht. Wahrscheinlich sind The Fall sowieso eine der Bands, der man entweder schon lĂ€ngst verfallen ist oder es eben nie sein wird – dieses Album wird nichts daran Ă€ndern, weder in die eine noch in die andere Richtung. FĂŒr die Fans ist es eine weitere BestĂ€tigung der Großartigkeit von Mark E. Smith, fĂŒr die Nicht-Fans ein weiterer Beweis dafĂŒr, dass man Mark E. Smith immer noch getrost ignorieren kann. Dank „Ersatz G.B.“ kann ich mich allerdings bis spĂ€testens 2016 weiterhin stolzer Besitzer eines Viertels der Studioalben von The Fall nennen.

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Konzertbericht: Apparat in den Wagenhallen, Stuttgart, am 10. November

Apparat (Mute)

Die Wagenhallen am alten BahngelĂ€nde „Innerer Nordbahnhof“ gehören zweifellos zu den schönsten und kreativsten PlĂ€tzen Stuttgarts. In den Backsteinhallen, in denen frĂŒher Waggons der Bahn standen, sind heute KĂŒnstlerateliers und VeranstaltungsrĂ€ume beheimatet. Vor den Hallen befindet sich ein gemĂŒtlicher Biergarten auf Sand und immer gibt es interessante Dinge zu sehen – seien es metergroße Pappmaschee-Monsterköpfe, in Aluminiumfolie eingewickelte BĂ€ume oder abstrakte Metallskulpturen. In Verbindung mit dem industriellen Charme der Hallen eine einzigartige AtmosphĂ€re, die es mindestens noch bis 2015 in dieser Art geben wird. Dann könnte es eng werden fĂŒr die Wagenhallen, denn sie liegen auf dem Teilgebiet C1 – Stuttgart-21-GelĂ€nde.

Ein paar Meter neben den Wagenhallen wird jedenfalls schon fleißig gebaut, dort entsteht der Neubau eines beruflichen Schulzentrums. Auch am Donnerstagabend, als Apparat dort spielen soll, lĂ€rmt die Baustelle. Es wird gehĂ€mmert, gebohrt und „Vorsicht“ geschrien, bevor Dinge aus großer Höhe fallen gelassen werden. Gebohrt, das wurde dann auch wĂ€hrend eines Songs der Vorband von Apparat namens Warren Suicide. Allerdings kam das Bohren nicht von draußen, sondern von der BĂŒhne. Die Band sagte, sie hĂ€tte frĂŒher chaotischen Electro-Punk gemacht, bis sie einen Auftritt von JosĂ© GonzĂĄles und der Göteborg String Theory gesehen hĂ€tten. Jetzt machen sie punklosen, aber immer noch etwas chaotischen Bisschen-Electro-Kammerpop, inklusive Streicher, Bohrmaschine und Megaphon. Das kann man Ă€hnlich gut finden wie die Aussage von Frontmann Patrick „Nackt“ Christensen, er sei froh, dass Stuttgart nicht im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, was wohl der Fall gewesen wĂ€re, hĂ€tte der Krieg noch ein paar Tage lĂ€nger gedauert.

Ein Wiedersehen mit Christensen gab es dann auch, als Sascha Ring alias Apparat schließlich die BĂŒhne betrat. Christensen ist nicht nur Frontmann von Warren Suicide, sondern auch Produzent von Rings aktuellem Album „The Devil’s Walk“ und Gitarrist der Apparat Band. Und auch zwei weitere Mitglieder von Warren Suicide (Geige, Cello) standen spĂ€ter wieder auf der BĂŒhne, um die doch sehr orchestralen Songs von „The Devil’s Walk“ originalgetreu umzusetzen.
Neben den Instrumenten, Mikrophonen und 3/4 von Warren Suicide standen auf der BĂŒhne auch noch mehrere unterschiedlich hohe StĂ€be mit GlĂŒhwendeln an ihrem Ende, die abwechselnd zur Musik leuchteten. Ein schlichter und schöner Effekt, der am besten wirkte, wenn das GlĂŒhen schnell hin- und herwanderte. Waren die StĂ€be permanent erleuchtet, erinnerte das Bild sehr an KerzenstĂ€nder und zusammen mit dem Rauch ein wenig an die Szene aus dem Video zu Meatloafs „I‘d Do Anything For Love“, als er alleine im verlassenen Schloss vor dem Kamin sitzt.

Gespielt wurden von der Apparat Band hauptsĂ€chlich Songs von „The Devil’s Walk“, was im Publikum allerdings kaum jemanden störte – mit Sicherheit Apparats schönstes und bekanntestes Album. Zu schön vielleicht, fĂŒr meinen Geschmack. Bei den allzu epischen Songs lĂ€uft Ring manchmal Gefahr, in der eigenen Schönheit zu ertrinken. Dann wird es fast schon etwas kitschig und erinnert bisweilen an Coldplay. Nicht, dass das etwas Schlechtes sein muss, aber live ist Ring am stĂ€rksten, wenn seine Songs kantig sind, wenn es wummert, klickt, fiept und knarrt. Auch wenn es sicher seine Vorteile hat, bei Konzerten sowohl tanzen als sich auch vertrĂ€umt hin und her wiegen zu können. Das Stuttgarter Publikum war jedenfalls mit beidem hochzufrieden, genau wie Ring mit dem Publikum. Es sei sein erstes Konzert in Stuttgart und da wisse man nie genau, was einen erwarte. Das „Brighton-PhĂ€nomen“ wĂŒrden sie das in der Band nennen. Dort gab es ein Konzert, bei dem 170 EnglĂ€nder vor der BĂŒhne gestanden wĂ€ren, sich permanent unterhalten und eher wenig bis gar nicht um den Auftritt gekĂŒmmert hĂ€tten. Nicht so die 500 Stuttgarter, die tanzen und eine gute Zeit haben wĂŒrden. Die Anwesenden: begeistert darĂŒber, dass die Band von ihnen begeistert ist. Erst Warren Suicide, dann Apparat – sie wollten an diesem Abend anscheinend kein Ende nehmen, die Lobe fĂŒr Stuttgart. Und wenn man sich nach dem Konzert im Publikum so umhörte, dann beruht diese WertschĂ€tzung auf Gegenseitigkeit.

Neue Platten: Zola Jesus – „Conatus“

28.09.2011 von  

(Souterrain Transmissions)

Wer? Was? Warum? ByteFM Redakteure besprechen eine Auswahl aktueller Neuerscheinungen.

Wer? Nika Roza Danilova ist Zola Jesus. Die SĂ€ngerin mit Opernausbildung aus Madison, Wisconsin, veröffentlichte nach einigen EPs im Jahr 2010 ihr DebĂŒt „Stridulum II“, machte sich mit ihrem Nebenprojekt Nika & Rory einen Namen und hat auf mehreren Songs der Band Former Ghosts mitgewirkt, der Kollaboration von Freddy Ruppert und Xiu-Xiu-Frontmann Jamie Stewart.

Was Danilovas wuchs in den WĂ€ldern von Wisconsin auf, einem Staat mit unendlich weiten Feldern und der doppelten GrĂ¶ĂŸe, aber nicht mal der HĂ€lfte der Einwohner Bayerns. Sie hĂ€tte kaum Zeit mit jemand anderem als ihrem Bruder verbracht, Internet und Fernsehen hĂ€tte es bei ihnen nicht gegeben, und das Abendessen wurde selbst geschossen und geschlachtet – ĂŒberall im Haus seien Tierteile herumgelegen, erinnert sich Danilova.
Weite, Isolation und Tod meint man auch in den Songs von Zola Jesus zu hören. Ihre Musik, angetrieben von Danilovas unglaublich kraftvollen Stimme, ist dĂŒster, kĂŒhl, unheimlich und manchmal unangenehm, aber unter der Goth-Decke verstecken sich meist sehr eingĂ€ngige Melodien.

Warum Zola Jesus‘ zweites Album „Conatus“ ist eine weiterer kleiner Schritt in Richtung Pop und geht somit den Weg weiter, den sie schon auf ihrem ersten Album einschlug, auf dem der Noise im Gegensatz zu ihren EPs schon stark reduziert wurde. Aber nicht nur weniger noiseig ist das Ganze, auch die ewige Verdammnis ist nicht mehr in jedem Song so deutlich zu spĂŒren. Aber keine Sorge, die MorbiditĂ€t ist geblieben. In „Seekir“ wird der eine oder andere Geist beschworen, und auch Titel wie „Lick The Palm Of The Burning Handshake“ oder „Hikikomori“, das japanischen Wort fĂŒr Menschen, die sich vollstĂ€ndig aus der Gesellschaft zurĂŒckziehen, zeigen, dass sich Nika Roza Danilova immer noch auf der dunklen Seite befindet. Und dort treibt wie schon auf „Stridulum II“ ein recht ungesunder Herzschlag konsequent voran und im Hintergrund flĂŒstern auch diesmal die Industrial-Elemente, nur wirkt die Musik auf „Conatus“ noch ein StĂŒck epischer als auf dem VorgĂ€nger: die Drums sind breiter, die RĂ€ume grĂ¶ĂŸer und Streicher (was epischen Klang angeht ja immer eine ganz gute Wahl) verleihen den Songs hier und da einen leicht orchestralen Touch. Und das Herz, es pumpt nicht immer wie verrĂŒckt. Bei der glasklaren Ballade „Skin“ oder dem ruhigeren „Collapse“ fĂŒllt Danilova die ZwischenrĂ€ume mit atmosphĂ€rischen KlĂ€ngen oder ĂŒbersteuerten Synthies, was den Songs noch zusĂ€tzliche Meldodramatik verleiht (als hĂ€tten sie es nötig). Selten wurde Leiden so kraftvoll und tanzbar prĂ€sentiert.

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Pure Grunge! Pure Noise! Pure Shit!

26.09.2011 von  

Mochten auch Sonic Youth: Nirvana (Universal)

Heute startet ByteFM in die Themenwoche „Nevermind“. Eine Woche lang dreht sich unser Programm um Nirvana, VorgĂ€nger, Begleiter und Nachfolger. Alle themenwochenbezogenen Sendungen sind im Programm mit „Thema: Nevermind“ hinterlegt. Aber was ist eigentlich Grunge? Unser Autor Mike Herbstreuth hat sich auf die Suche begeben.

Grunge. Grunge. Grunge. Ein Wort, das gleichzeitig kratzig und irgendwie glibberig klingt. Ein Wort, das ein bisschen klingt, als wĂŒrde man eine Portion Schlamm in die Hand nehmen und sie fest zusammendrĂŒcken. Ein Wort, das seiner Bedeutung entsprechend klingt: schmutzig, dreckig, schĂ€big.
Der erste, der es benutzte, war Mark Arm, der SĂ€nger der Seattler Band Mr Epp And The Calculations, der 1981 seine Gruppe als „Pure grunge! Pure noise! Pure shit!“ beschrieb. Arm grĂŒndete spĂ€ter zwei der wichtigsten Bands des Genres: Green River und Mudhoney. Und spĂ€testens als das in Seattle heimische Plattenlabel Sub Pop 1988 sein Box-Set „Sub Pop 200“ mit einheimischen Bands wie Nirvana, Mudhoney und Soundgarden veröffentliche und unter dem Name „Grunge“ vermarktete, war der Begriff etabliert und unweigerlich mit der Stadt verbunden. Laut Sub-Pop-GrĂŒnder Jonathan Poneman hĂ€tte es aber genauso gut „sludge, grime oder crud“ sein können – Hauptsache irgendwie dreckig. Soviel zum Wort. Nur was Grunge eigentlich ist, das fand ich schon immer schwer zu erklĂ€ren.

Als ich 15 war und (wie jeder in meinem Alter, der Gitarrenmusik gut fand) Nirvana hoch und runter gehört habe, fragte mich mal ein MĂ€dchen, was ich denn so fĂŒr Musik hören wĂŒrde. Ich wollte natĂŒrlich cool sein und nicht einfach nur wie jeder in meinem Alter, der Gitarrenmusik gut fand, „Nirvana“ antworten, also sagte ich souverĂ€n: „Ich hör‘ Grunge.“ Ohne damit zu rechnen, dass sie fragen könnte, was denn Grunge sei. Was sie leider tat. Ich musste erstmal ziemlich lange ĂŒberlegen und sagte wenig souverĂ€n: “Ähm, das ist so wie Punk…“, wĂ€hrend ich gleichzeitig betete, dass sie nicht weiter nachfragen wĂŒrde. Sie hat das dann glĂŒcklicherweise so hingenommen, aber es war klar, dass sie meine Ahnungslosigkeit entlarvt hatte. Und sie hatte recht. HĂ€tte mir damals jemand gesagt, dass Black Sabbath einer der wichtigsten EinflĂŒsse fĂŒr die Grunge-Bewegung und Nirvana gewesen wĂ€re, hĂ€tte ich nur unglĂ€ubig den Kopf geschĂŒttelt. Klar, sie benutzten auch ĂŒbersteuerte Gitarren, aber sonst? Ich habe mir damals zwar jede Biografie ĂŒber Kurt Cobain besorgt, die ich finden konnte, und als seine TagebĂŒcher veröffentlicht wurden, hatten ich sie mir schon vor Monaten vorbestellt, aber dass Cobain gesagt hat, dass Nirvana so klingen sollten, als wĂŒrden „Black Sabbath The Knack spielen“, das hatte ich konsequent ĂŒberlesen.

Black Sabbath war fĂŒr mich eine von den Bands, deren Antithese die Grunge-Bands eigentlich sein sollten. Eine von den Bands, die wie der breitbeinige Rockerfeind Guns ’N Roses hauptsĂ€chlich ĂŒber Frauen, Alkohol und darĂŒber, wie geil sie selbst eigentlich sind, gesungen haben. Damit tat ich Black Sabbath natĂŒrlich extrem Unrecht, und ohne den dĂŒsteren, zĂ€hen Metal der Band wĂ€re Grunge gar nicht erst möglich gewesen. Black Sabbath machten die Art Musik, die mit ihrer Ästhetik genau das ausdrĂŒckte, worum es im Grunge textlich ging: Apathie, Entfremdung, Teenage Angst. Diese Ästhetik war zusammen mit dem Punk der Bands der amerikanischen Hardcore-Szene der 80er wie Black Flag oder den Melvins die Hauptzutat fĂŒr Grunge, und bei Bands der ersten Grunge-Welle wie z.B. Green River hört man sie sehr deutlich heraus. Nirvana ebneten mir ihrer melodischeren Version und ihrer Start-Stop-Dynamik den Weg des Grunge in den Mainstream, und die Bewegung schwappte ĂŒber die Grenzen ihrer BrutstĂ€tte Seattle hinaus. SpĂ€testens als „Nevermind“ 1992 Michael Jacksons „Dangerous“ von Platz 1 der Billboard Charts verdĂ€ngte, war aus der Subkultur einer Stadt ein weltweites Pop-PhĂ€nomen geworden.

„Smells Like Teen Spirit“ lief auf MTV, und auf den Laufstegen der Welt liefen Models in Flannelhemden, WollmĂŒtzen, zerrissenen Jeans und fettigen Haaren. „A hippied romantic version of punk“ nannte Marc Jacobs damals seine Kollektion, die er an den Look von Nirvana angelehnt hatte. SpĂ€testens da war es den meisten Grunge-Fans zu viel. Grunge war Mode, und mit ihm die Stadt Seattle, die von einer Hypewelle ĂŒberrollt und trotz einer vielfĂ€ltigen Musikszene auf eine Subkultur reduziert wurde. „Everybody loves us / Everybody loves our town / That’s why I’m thinking lately / The time for leaving is now“, singen Mudhoney in ihrem Song „Overblown“. Und der Schuldige fĂŒr die Misere war schnell gefunden. Kurt Cobain, mittlerweile ein reicher Mann und mit Courtney Love verheiratet, erhielt tĂ€glich Briefe, in denen er als VerrĂ€ter seiner eigenen Ideale beschuldigt wurde. Und er konnte es verstehen: „I don’t blame the average 17 year-old punk-rock kid for calling me a sellout. I understand that. Maybe when they grow up a little bit, they’ll realize there’s more things to life than living out your rock and roll identity so righteously.“

Mit dem Tod Cobains begann Mitte der 90er auch der Abstieg der Szene. Der Hype war vorbei, Bands der ersten Stunde wie Soundgarden oder Alice in Chains lösten sich auf, eine neue Generation „Grunge“-Bands wie Bush trimmten das Genre auf Formatradiotauglichkeit und Britpop war der neue heiße Rockscheiß. „If punk was about getting rid of hippies, then I‘m getting rid of grunge“, sagte Damon Albarn und nannte seine Band Blur eine „anti-grunge band“. Die Wut und der Pessimismus des Grunge wurden abgelöst vom launigeren und ausgelasseneren Britpop. Oder wie es Noel Gallagher ausdrĂŒckte: „As much as I fucking like him [Cobain] and all that shit, I‘m not having that. I can’t have people like that coming over here, on smack, fucking saying that they hate themselves and they wanna die. That’s fucking rubbish.“

Vielleicht „New-R&B“.

Man sagt, musikalische Trends folgten einem Zyklus. 1970 gab es das Revival von 50s-Rock‘n'Roll, die 80er waren stark von den 60ern beeinflusst und die 90er schließlich wieder von den 70ern.
Im ersten Jahrzehnt des neuesten Jahrtausends durften wir dann gleich mehrere Renaissancen erleben. Zu Beginn gab es durch Bands wie The White Stripes, The Strokes oder The Libertines eine Garagen-Rock-Welle, die klang, als sei sie direkt aus den spĂ€ten 60ern und 70ern herĂŒbergeschwappt. Kurz darauf bzw. schon wĂ€hrenddessen waren aber auch schon wieder die 80er in Mode, sei es deren Post-Punk (Franz Ferdinand, Interpol, Bloc Party, LCD Soundsystem…) oder Electropop in allen möglichen AuswĂŒchsen, von Daft Punks Retro-Futurismus ĂŒber Robyns Hochglanzpop bis zu Hurts‘ Kitschballaden.
Und auch ein brandneues (Pseudo-)Genre, das auf die Namen „Chillwave“ und „Glo-Fi“ getauft wurde, nahm sich die elektronischere Popmusik der 80er zum Vorbild und kreuzte sie mit einer introvertierten, vertĂ€umten und verwaschenen DIY-SoundĂ€sthetik.

Als Urvater des Chillwave gilt der Musiker Ariel Pink, dessen neo-psychedelischer LoFi-Sound voller Referenzen an den Radio-Pop der 70er und 80er steckt, seien es die Bee Gees, Hall & Oates oder Men At Work. Wie Pink selbst immer wieder betont, hatte MTV den grĂ¶ĂŸten Einfluss auf seine musikalische Sozialisation. MTV sei fĂŒr ihn sogar so etwas wie „ein Babysitter“ gewesen, seit seinem fĂŒnften Lebensjahr (was ca. 1983 gewesen sein muss) habe er tĂ€glich stundenlang vor dem Fernseher gesessen und sich Musikvideos angeschaut.

Nachdem die 70er und 80er also schon zu GenĂŒge wiederverwertet wurden, wĂ€re es nun eigentlich, rein zyklisch betrachtet, Zeit fĂŒr ein massives 90er-Revival. Es wĂ€re Zeit fĂŒr die nun Mitte 20-jĂ€hrigen, die ihre Kindheit wie Pink mit MTV verbracht haben, ein bisschen nĂ€her vor dem Fernseher, als es die Eltern erlaubten.
Und tatsÀchlich: WÀhrend sich in letzter Zeit immer mal wieder Bands an einem Grunge-Revival versuchen, verdichten sich auch die Zeichen, dass die Verarbeitung eines anderen speziellen Genres der 90er ihren Lauf nimmt: R&B.

Vielleicht hat es so lange gedauert, weil der gemeine Indie-Fan jahrelang partout nichts mit dem „schwĂŒlstigen“ R&B der 90er anzufangen wusste. Wir gegen die. Die unbeholfen-schrĂ€gen Liebesbekundungen von Built To Spill oder Pavement hatten nur wenig mit dem selbstbewussten Baby-lass-uns-Liebe-machen von R. Kelly oder Usher zu tun. Man mochte schrammelige Gitarrenmusik oder man mochte verschwitzte Beats. Und als junge Indie-Band musste man das natĂŒrlich auch durch seine EinflĂŒsse klar machen, bei denen wahlweise die Beach Boys, The Kinks (Beatles sagen kann ja jeder), Velvet Underground, Joy Division oder Gang Of Four angegeben wurden.
Der erste Indie-Hype, der offenkundig seine Liebe zum R&B gestand, war vor zwei Jahren eine Band namens The XX. Da wurden plötzlich Aaliyah und TLC als prĂ€gende EinflĂŒsse genannt, und wem die gehauchten Stimmen und zarten Beats des DebĂŒts noch nicht Beweis genug waren, der konnte sich beim Cover von Aaliyahs „Hot Like Fire“ ĂŒberzeugen, dass die jungen Briten es mit ihrer Verehrung ernst meinten.

The XX – Hot Like Fire (Aaliyah Cover)

Ebenfalls keinen Hehl aus seiner Bewunderung fĂŒr den romantischen R&B der 90er machte ein Jahr spĂ€ter der Amerikaner Chris Laufman alias Wise Blood. Aufgrund seiner SoundĂ€sthetik gerne in einen Topf mit Chillwave-Vertretern wie Toro Y Moi, Washed Out oder Neon Indian geworfen, legte er großen Wert darauf, dass seine EinflĂŒsse nicht im Pop der 80er liegen, sondern dass er mit KĂŒnstlern wie Boyz II Men, All 4 One oder K-Ci & JoJo sozialisiert wurde. Von Letzteren samplete er den Hit „Tell Me It’s Real“ fĂŒr seinen Song „2 The Bitter End“.

Wise Blood – 2 THE BITTER END

War bis 2010 die Liebe zwischen R&B und Indie also noch eine zarte Knospe, begann sie nun langsam zu blĂŒhen und sich gen Sonne zu öffnen. Zum Beispiel in Form von Tom Krell alias How To Dress Well, der schon auf seinem letztjĂ€hrigen DebĂŒt „Love Remains“ mit einer Mischung aus softem R&B, gelayertem Falsetto-Gesang und Ă€therischer AtmosphĂ€re der Vorreiter des „New R&B“ war, wie die Musik auf manchen Blogs genannt wird und wie wir es vielleicht auch im Verlauf dieses Artikels tun werden. Im Refrain seiner neuesten Single „Us In The Sense Of Forever“ klingt Krell schon unheimlich wie Michael Jackson in „Will You Be There“ aus dem Jahr 1993.

How To Dress Well – Us in the Sense of Forever

Und es sprießen neben How To Dress Well noch mehr Musiker und Bands aus dem mit R&B gedĂŒngten popmusikalischen Boden, um eine weitere botanische Metapher zu bemĂŒhen.
Hinter dem Pseudonym Clams Casino versteckt sich der 23-jĂ€hrige Student und HipHop-Produzent Mike Volpe aus New Jersey, der schon Rapper wie Lil B oder Soulja Boy mit Beats versorgt hat. Erst auf seinem sehr hörenswerten instrumentalen Gratis-Mixtape, das Ihr Euch hier umsonst herunterladen könnt, wird die Detailreiche seiner vielschichtigen und verwaschenen Beats deutlich und wie sehr diese How To Dress Wells LoFi-Pop Ă€hneln. Man weiß nicht so recht, ob man zu Clams Casinos Songs mit dem Kopf nicken oder ihn vertĂ€umt hin- und herwiegen soll.

Clams Casino – I‘m God (instrumental)

Ebenfalls aus dem HipHop kommend scheint sich neben Clams Casino Rimar aus Columbus, Ohio zum beliebtesten Produzenten des „New-R&B“ zu entwickeln. Seine Beats sind verhallt-psychedelische Mantras, die durchsetzt sind von Funk- und Dance-EinflĂŒssen. Seine EP „Higher Ground“ könnt Ihr Euch hier umsonst herunterladen.

Rimar- WAYS

Das Zentrum der sehr internationalen „New-R&B“-Szene scheint sich gerade um Evan Adams aus North Carolina zu bilden. Unter dem Namen Top Girls veröffentlichte er kĂŒrzlich seine zweite EP „RISE“, die Ihr auf Adams‘ bandcamp-Seite unter dem Motto „Pay what you want“ zum Download findet. Darauf befindet sich auch der Song „Bordello“.

Bordello by TOP GIRLS

Adams ist auch die treibende Kraft hinter Skylines, einer Kollaboration der Bands Top Girls, Party Trash und Raw Moans, die den smoothen Sound von Gesangsgruppen wie Boyz II Men mit LoFi-Synthies mixen und offensichtlich in einer Unterwasserhöhle wieder abspielen.

SKYLINES by 5kyline5

Ebenfalls kollaboriert haben Top Girls mit Lavurn Lee alias Guerre, einem jungen kanadischen Produzenten, der momentan in Sydney heimisch ist. Guerres souliger Falsetto-Gesang wird von sanftem Noise und verhuschten elektronischen Beats begleitet, die manchmal an James Blake oder auch Burial erinnern, was ja in letzter Zeit nicht die allerschlechtesten Referenzen sind. Seine EP „Darker My Love“ und das hervorragende Remix-Album könnt Ihr Euch auf dieser Seite gratis herunterladen.

Guerre – Millenium Blues

Es bleibt abzuwarten, ob „New-R&B“ nur eine kurzlebige Erscheinung ist oder sich zu einem veritablen Trend entwickelt. Ich freue mich jedenfalls schon auf das Kirmestechno-Eurodance-Revival, wobei manche das ja schon Lady GaGa andichten. Danach könnte es allerdings langsam knapp werden mit wiederverwertbaren Jahrzehnten. Aber man könnte sich ja mal wieder in den 50ern und 60ern umschauen. Da gab es glaube ich recht gute Musik.

Konzertbericht: Future Islands in Esslingen

„Eine der besten Live-Bands“. Eine Band mit diesem Satz zu bewerben, ist nicht ganz unproblematisch. Man benutzt womöglich nur eine ausgelutschte Phrase („Jaja, bestimmt sind sie auch total ‚echt‘ und „Musiker mit Herzblut‘“). Man könnte zu hohe Erwartungen wecken („Also Bonaparte fand ich besser…“). Oder jemand könnte seinen Konzertbericht damit beginnen („Eine der besten Live-Bands“).
Viele Bands bekommen in dieser an Superlativen nicht gerade armen Zeit dieses PrĂ€dikat verliehen. Nehmen wir zum Beispiel Bonaparte. Eine unterhaltsame Live-Show. Ein bisschen anarchistisch, schöne KostĂŒme. Schaut man sich die Band ein, zwei Jahre spĂ€ter zum zweiten Mal an, hat man allerdings das GefĂŒhl, dass sich nichts geĂ€ndert hat. Am Ablauf nicht, an den KostĂŒmen auch nicht. Man bekommt den Eindruck von gespielter SpontaneitĂ€t – plötzlich wirkt aufgesetzt, was einst begeistert hat.

Einst begeistert hat mich auch die Band Future Islands aus Baltimore. Genauer gesagt hat sie das letztes Jahr in Hamburg getan. Auch sie wurde damals als „eine der besten Live-Bands“ beworben und es war tatsĂ€chlich eins der besten Konzerte, die ich seit langem gesehen hatte. HauptsĂ€chlich lag das an Samuel Herring, dem Frontmann des Trios. Die IntensitĂ€t seiner BĂŒhnenprĂ€senz ist nur schwer in Worte zu fassen. Kollege Kevin Hamann hat es damals als „Mischung aus Meat Loaf, Robbie Williams und James Hetfield“ beschrieben, und dem ist eigentlich nichts hinzuzufĂŒgen.
Aber lÀsst sich so eine IntensitÀt glaubhaft wiederherstellen? Oder wirkt sie, wenn man die Band zum zweiten Mal sieht, plötzlich aufgesetzt?

Am gestrigen Abend hĂ€tte kaum noch jemand ins Komma in Esslingen gepasst. Das war umso schöner, weil die Veranstalter nicht unbedingt damit gerechnet hatten – am selben Abend spielten in der Stuttgarter Innenstadt noch zwei andere Bands, die eine Ă€hnliche Zielgruppe hatten. SpĂ€testens beim dritten Song „An Apology“ war sich das Publikum allerdings sicher, dass sich der Weg nach Esslingen gelohnt hatte. Denn dass eine Entschuldigung eben doch „the hardest thing“ ist, wie Herring den Song ankĂŒndigte hatte, machte er nicht nur durch seinen Gesang klar, der von einer Sekunde zur anderen von zerbrechlich in bedrohlich kippen kann. Mit leidendem Gesichtsausdruck schlug er sich im Takt mit einer Wucht auf den Brustkorb, bei der man meinte, Rippen brechen zu hören, bis er sich symbolisch sein Herz herausriss, manisch dem Publikum prĂ€sentierte und am Ende ganz zĂ€rtlich zum Mund fĂŒhrte und wieder hinunterschluckte.

Diese Spannung, die aus den unterkĂŒhlten Sounds (zu denen auch das stoische Spiel des Bassisten William Cashion und des Keyboarders Gerrit Welmers passt) und der theatralischen Performance von Herring ist das, was die Shows von Future Islands zu etwas so Besonderem machen. Es sollte eigentlich nichts Einfacheres geben, als sich zu den Beats von Future Islands zu bewegen. Aber man kommt jedes Mal wieder aus dem Rhythmus, wenn Herring plötzlich wild auf das Publikum zuprischt oder einen mit fiebrigem Blick fixiert.

Davon bekamen auch die Anwesenden im Komma nicht genug und klatschten das Trio nach der standardmĂ€ĂŸigen Zugabe nochmals fĂŒr einen Song auf die BĂŒhne. Vielleicht wĂ€ren es sogar mehr geworden, aber wie sich Samuel Herring geehrt entschuldigte: „Man, sorry, I don’t think we have any songs left“. Das Publikum war trotzdem glĂŒcklich. Denn es hatte eben das Konzert von einer der besten Live-Bands gesehen. Von Musikern mit Herzblut und einer Leidenschaft, die nicht aufgesetzt war, sondern echt.

ByteFM prÀsentiert Future Islands:

19.07. Berlin – Lovelite
20.07. Chemnitz – Beta Bar
21.07. Köln – Sonic Ballroom

Konzertbericht: MIT in Stuttgart

07.05.2011 von  

Mit Leuchtröhren kann man viel machen: Dinge bleuchten, hauptsÀchlich. Aber was die Verwendung dieser FÀhigkeit angeht, sind dem kreativen Leuchtröhrenverwender keine Grenzen gesetzt.
Die Band MIT aus Köln benutzt Leuchtröhren auf sehr gute Art und Weise: Hinter jedem Musiker des Trios hingen beim Konzert am 06.05. im Stuttgarter Keller Klub jeweils fĂŒnf Leuchtröhren untereinander, und sie leuchteten im Rhythmus der Musik. „Schnell langsam, langsam schnell / Hell dunkel, dunkel hell“. Mal weiß, mal blau, mal rot, mal kontinuierlich, mal im Wechsel, mal bildeten sich Muster.

Das klingt nun womöglich nicht besonders spektakulĂ€r, hatte aber einen schönen Effekt. Zum einen sah es schlicht sehr gut und durchdacht aus. Zum anderen sah man die Bandmitglieder nur als Schatten. Als schwarz gekleidete, dunkle Gestalten, auf deren Gesichter nur kurz Licht fiel, wenn ein Konzertbesucher sein Telefon zĂŒckte und versuchte, per Blitz die Geschehnisse auf der BĂŒhne einzufangen, was damit aber auch gleichzeitig zum Scheitern verurteilt war.
Und das wiederum passt zur Musik von MIT. Schwer greifbar, minimalistisch, kĂŒhl und spannungsgeladen. Elektronische Klanglandschaften verbinden sich mit trockenem Schlagzeugspiel, und auch der Ă€therische und emotionsarme Gesang funktioniert wie eine weitere Klangebene. Es spielt weniger eine Rolle, was SĂ€nger Edi Winarni singt, seine Worte fließen und verschmelzen mit der Musik. An die eher krawallige Synthiepunk-Vergangenheit von MIT wird man nur noch ganz selten erinnert, z.B. wenn Winarni im Refrain von „Pudong“ plötzlich aus dem Nichts heraus und aus vollem Hals des Hais „Hightech, Haut und Flossen“ beschreit. Diese AusbrĂŒche sind spĂ€rlich, aber wenn sie passieren, zuckt man kurz zusammen und spĂŒrt die Dringlichkeit der Musik von MIT.

Es wĂ€re also alles angerichtet gewesen fĂŒr einen großen Konzertabend in Stuttgart. Schade nur, dass der Stuttgarter KonzertgĂ€nger an sich zwei große Probleme hat, die nun schon des Öfteren beobachtet wurden:

1.) Er bewegt sich nicht gerne. Er steht lieber. Er beobachtet. Er versucht mit seinem Telefon die Geschehnisses auf der BĂŒhne einzufangen. Aber sich bewegen, das tut er nicht so gerne.
2. und viel schlimmer) Er ist in der klaren Unterzahl. Und zwar in der klaren Unterzahl zu ungefĂ€hr allem. Es gibt wahrscheinlich mehr Vogelstraußbesitzer oder Arachibutyrophobiker als Konzertbesucher in Stuttgart, möchte man meinen. Denn da spielt mal wieder eine sehenswerte (und sowohl von Musikpresse als auch Feuilleton wohlwollend besprochene) Band in Stuttgart, und es gehen nur 53 Menschen hin. Das ist nicht geschĂ€tzt. Ich habe nachgezĂ€hlt.

Zu der Party danach, auf der so unspektakulÀre wie beliebige Indiemusik aufgelegt wurde, waren plötzlich viermal so viele Menschen. Das soll verstehen, wer will. Sollten MIT hier nochmal spielen, ich werde dort sein. Und tanzen.

Das letzte Konzert ihrer Nanonotes Tour spielen MIT am 07.05. im Feierwerk in MĂŒnchen, prĂ€sentiert von ByteFM.

Neue Platten: Moon Duo – „Mazes“

01.04.2011 von  

Wer? Was? Warum? ByteFM Redakteure besprechen eine Auswahl aktueller Neuerscheinungen.

Wer? Moon Duo kommen aus San Francisco und sind, wie viele KĂŒnstler mit Ă€hnlichen Namen (Safri Duo, Original Naabtal Duo), zu zweit. Erik „Ripley“ Johnson, Gitarrist der Psychedelic-Band Wooden Shjips, hat sich fĂŒr sein Nebenprojekt mit der SĂ€ngerin und Keyborderin Sanae Yamada zusammengetan.

Was? Moon Duo haben „Mazes“ in Berlin aufgenommen, was wohl nach wie vor absolut essentiell ist, damit ein Album eine dĂŒstere und rastlose Aura bekommt. Und im Fall von Moon Duo hat das auch bestens funktioniert. Das mag an der Hauptstadt liegen, oder vielleicht auch daran, dass das Moon Duo extrem gut aufgepasst hat, als es um Velvet Underground, Suicide und Spiritualized ging.

Warum? Es dröhnt, es zerrt, es wabert. Stoisch klappert der Drumcomputer, heftig schneiden die Gitarren, psychedelisch orgelt die Orgel. Obwohl Moon Duo großen Wert auf tranceartige Soundschichten und AtmosphĂ€ren legen, verlieren sie nie den Fokus. Die Songs auf „Mazes“ haben zwar eine hypnotische Wirkung, sind jedoch gleichzeitig extrem zugĂ€nglich und melodisch. Und mit „When You Cut“ haben Moon Duo sogar das KunststĂŒck geschafft, einen dĂŒsteren, schwer psychedelischen Dance-Hit zu schreiben. Ich werde das nĂ€chste Mal in der dĂŒsteren, schwer psychedelischen Disco danach verlangen.

Label: Souterrain Transmissions | Kaufen

Neue Platten: The Mountain Goats – „All Eternals Deck“

Wer? Was? Warum? ByteFM Redakteure besprechen eine Auswahl aktueller Neuerscheinungen.

Wer? John Darnielle ist laut der Zeitschrift The New Yorker einer der „greatest living lyricists“. Er ist eine Indie-Ikone, die in einem Atemzug mit Robert Pollard und Jeff Mangum genannt werden kann. Und auch sollte. Und er ist seit Mitte der 90er nun schon insgesamt 14 Alben das Gesicht der Mountain Goats.

Was? FĂŒr viele Fans sind Darnielles Alben aus dem letzten Jahrtausend seine besten. Als er seine minimalistischen und poetisch-kryptischen Songs noch mit einem simplen Kassettenrekorder aufnahm, als er sich ab und zu verspielte und als das stĂ€ndige Hintergrundrauschen ein festes Bandmitglied war. Doch mit der Zeit Ă€nderte Darnielle seinen Stil. Die Produktion seiner Alben wurde professioneller, die Arrangements wurden ausgefeilter und mittlerweile sind The Mountain Goats mit Peter Hughes (Bass) und Jon Wurster (Drums) sogar zu einem Trio angewachsen.

Warum? Spielt es eine Rolle, wie Songs produziert sind? Eine Hochglanzproduktion macht einen furchtbaren Song nicht gut, und eine noch so primitive Produktion kann einen großartigen Song nicht verderben. Vielleicht verleiht sie ihm sogar noch ein wenig mehr Charme. Von John Darnielle bekam man schon immer großartige Songs, egal ob primitiv oder auf Hochglanz produziert, und das Ă€ndert sich auch auf dem warmen, eleganten und souverĂ€nen „All Eternals Deck“ nicht. Mal ausgelassene, mal entspannte Lieder voller fesselnder Geschichten und Textzeilen, die man anderen Menschen in ihre Poesiealben respektive Facebook-Seiten schreiben kann und sich selbst auf den Oberarm tĂ€towieren lassen möchte.

Label: Tomlab | Kaufen

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