Natureboy – „Natureboy“

1948 hatte Nat King Cole mit dem Lied „Nature Boy“ einen Hit in den USA. Geschrieben hatte das StĂĽck Eden Ahbez. Den Titel des StĂĽcks entlehnte Ahbez dem Namen einer Proto-Hippie-Gruppierung, der er angehörte, den „Nature Boys“. Inspiriert von den „Wandervögeln“ in Deutschland pflegten diese einen naturnahen Aussteigerlebensstil. Cole hatte das Lied schon seit einiger Zeit in sein Repertoire aufgenommen. Bevor Cole den Titel aber aufnehmen durfte, mussten er und sein Manager Ahbez zur Klärung der Urheberrechte aufsuchen. Ihr Weg fĂĽhrte sie an den FuĂź des berĂĽhmten „Hollywood“-Schriftzuges in L.A. Der Autor Ahbez kampierte dort unter einem „L“.

Ob sich die Band um Sara Kermanshahi bei der Namensgebung von Ahbez‘ „Nature Boy“ hat inspirieren lassen? Die Ăśbersetzung fĂĽr „Natureboy“ lautet schlicht Naturbursche – auch ein schöner Name fĂĽr die Band einer Songschreiberin, weil er eine gendermäßige Finte ist. Parallelen zu Ahbez‘ „Nature Boy“ gibt es. Sein Lied handelt von einem weitgereisten, verwunschenen jungen Mann. Trotz seines jugendlichen Alters verkĂĽndet er die erleuchtete Botschaft, dass die größte und wichtigste Weisheit der Welt ist, zu lieben und geliebt zu werden. Ohne negative Ereignisse oder Erfahrungen zu benennen drĂĽckt „Nature Boy“ auf diese Weise eine Enttäuschung von der Welt aus. Achselzuckend. Eine solche Ruhe findet man auch in der Musik von Natureboy.

Natureboy kommen aus Seattle. Wie viele andere leben und arbeiten die Bandmitglieder aber mittlerweile in Brooklyn, New York. Kermanshahi, Tochter iranischer Eltern, drückt mit ihrer Musik tiefen Weltschmerz aus. Mit bilderarmer Sprache singt sie von Trennungen, von Außenseitern und vom Zweifel. Ihre Stimme ist dafür wie gemacht: Kermanshahi trägt mit langem, atmendem Alt Wenn sich ihre Stimme in den hohen Passagen überschlägt steht ihr das gut. Ihr nasaler Sprechgesang bleibt meist cool. Wo Des Ark oder Tiny Vipers weinen, wählt Kermanshahi die Kühle.

<a href="http://ownrecords.bandcamp.com/track/curses-fired">Curses Fired by Own Records</a>

In der High School in Seattle hat Sara Kermanshahi Freude am Kiffen und an Dylan-Coverabenden gefunden. Zusammen mit den Lehrern. Den Klang von Natureboy hat das nicht unwesentlich beeinflusst. Der Folk und seine Instrumente prägen das DebĂĽt. Wobei Natureboy versuchen, das bloĂźe Zitat, das Abgreifen der billigen Emotionen zu vermeiden. Davon zeugt zum Beispiel der geschmackvolle Einsatz der Orgel in „Pariah“, dem tollen, schunkelnden zweiten StĂĽck des Albums. Auch in „Over & Out“, dem letzten StĂĽck des Albums, verfremden Natureboy die Slide-Gitarre mit grobem Echo zu einem singenden Säge-Ton. Weil Natureboy zu dritt sind – Rory O‘Connor und Co-Produzent Cedar Apffel komplettieren die Band – gibt es auf dem Album auch Synthesizer und Schlagzeug zu hören. Kermanshahi steht im Vordergrund. Mit ihrer lethargischen Indie-Musik versuchen Natureboy den Hörer in einer Art Wachstarre zu halten. Gut gelingt das zum Beispiel bei „Heart to Fool“, einer Ballade mit sechs Minuten Spiellänge und schiefem Rhythmus.

Die Aufnahmen fĂĽr das Album haben Natureboy bereits 2008 in den Apartments der Bandmitglieder gemacht und mit seinem Bastel-Charme atmet das Album die Luft von Wohnzimmer-Alben wie Grizzly Bears „Horn of Plenty“. In Nordamerika sind Natureboy noch ohne LabelunterstĂĽztung und vertreiben ihr DebĂĽt selbst. In Europa sind sie bei Own Records gelandet. Das lässt hoffen, dass die Gruppe in naher Zukunft auch auf den BĂĽhnen hier zu sehen sein wird. Dann bekommt man vielleicht noch ein paar mehr StĂĽcke zu hören als die nur neun StĂĽcke des DebĂĽts. Kermanshahi könnte das Set mit Bob Dylan-Coverversionen auffĂĽllen. Davon kennt sie jede Menge.

Einen Song von Natureboy aus dem gleichnamigen neuen Album hört Ihr am 08.07. im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr.

Christy & Emily „No Rest“

VĂ–: 05.02.2010
Web: http://www.myspace.com/christyandemily
Label: klangbad
Kaufen: ”iTunes"

Das Cover von „No Rest“ zeigt in gewisser Weise eine Auferstehung der Toten. Eine, wie man sie beispielsweise in Michael Jacksons Thriller-Video sieht. Nun sehen Christy & Emily nicht aus wie untot. In dieser unserer Welt scheinen sie sich aber nicht zu befinden: Aus einem Dickicht von schwarzem Haar erheben sich verschwommen die Gesichter der beiden Musikerinnen. Vier Augen blicken erwartungsvoll zum Licht. Was begehren diese geisterhaften Gestalten? Welche Sehnsucht treibt sie fort aus der Dunkelheit und zurück in die Welt? Dort, wo sie sich eben noch befanden, möchten sie nicht bleiben, das verrät schon der Titel.

„Auf in die Natur!“, sagt zumindest die Musik. Es geht um Sonne und Licht, Sturm und Rauch, Tag und Nacht. Wäre „No Rest“ nicht Musik, sondern ein Ort, es handelte sich wahrscheinlich um einen Wald. Die zehn Stücke des Albums fließen langsam und ruhig dahin. Ihnen haftet dabei etwas Beschwörendes, fast Meditatives an. Nur sehr sparsam setzen Emily Edwards (Gitarre) und Christy Manzo (Wurlitzer/Piano) ihre Instrumente ein. Schlagzeug nur für die Atmosphäre und viel Platz für den betont unaufgeregten Gesang.

Folk mit einem Hang zur Avantgarde. Besonders schön klingt das im hypnotischen „Cave“, das mit archaischem Opfer-Trommeln den Schatten eines Liebesliedes an die Höhlenwand wirft. Gelungen ist auch die Coverversion von Tom Brosseaus „Here Comes The Water Now“ gegen Ende des Albums. Hier kommt das Wasser, das die latent präsente Schwere aus dem Album wäscht. Eine gelungene Wahl auch deshalb, weil sich „Here Comes the Water Now“ nahtlos in die Natur-Metaphorik und Eigenbrötler-Ă„sthetik der anderen StĂĽcke einfĂĽgt: die Erd-Assoziationen, die das Cover hervorruft, der sanfte Fluss der Musik, die unaufgeregte Dramatik und die Beschäftigung mit den Elementen in den Texten. Christy & Emily inszenieren sich hier als Geisterbeschwörer – als Zwischenweltler. Wenn Esoterik so klingt, dann Bitte.

„No Rest“, das dritte Album der beiden Musikerinnen aus Brooklyn, erscheint bei klangbad, das damit wieder einmal seinen Geschmack für das Besondere unterstreicht. Der avantgardistische Anspruch, den diese Musik erhebt, dürfte aber weniger auf die Krautrock-Vergangenheit des Produzenten Hans Joachim Irmler als auf Emily Manzos Interesse an John Cage zurückzuführen sein.

Christy & Emily live im Februar – präsentiert von ByteFM

07.02.2010 Riedlingen – Lichtspielhaus
09.02.2010 Wien (A) – Rhiz
10.02.2010 Reutlingen – Franz K
11.02.2010 ZĂĽrich (CH) – La Catrina

Alle weiteren Termine hier.

Es lockt die Kiste mit hellem Leuchten oder Kneipendemokratie

23.11.2009 von  

Am 23.11.1899 installierte die Pacific Phonograph Company die erste Jukebox im Palais Royal Hotel in San Francisco. Seit genau 110 Jahren also erfreuen sich die Besucher von Kneipen, Tanzcafés und Milchbars an der Möglichkeit, ihre Wunschmusik zu hören.

Standen in den frĂĽhen Jahren vor allem noch ökonomische Aspekte im Vordergrund – es war nicht mehr nötig eine Kapelle zu engagieren, um das Publikum mit Tanzmusik zu unterhalten – wurde die Jukebox im Deutschland der fĂĽnfziger Jahre vor allem zum Symbol fĂĽr den Rock‘n'Roll.
Zwar setzte sich der Name „Jukebox“, frei übersetzt „wilde Kiste“, in Deutschland nicht durch. Der Verbreitung der „Musikbox“, wie sie hier genannt wurde, tat das aber keinen Abbruch. Zwischen 1955 und 1960 verzehnfachte sich ihre Zahl in Westdeutschland auf 50.000 Exemplare. Jugendliche, die weder Radio noch Plattenspieler besaßen, konnten so trotzdem ihre Lieblingsmusik hören.

Und heute? Was ist los mit der Jukebox in einer Zeit, in der Musik immer und ĂĽberall verfĂĽgbar ist?
Ein Blick in die Kneipen von St. Pauli soll Aufschluss geben.

Fünf Kneipen hatte ich mir im Vorfeld ausgesucht, indem ich bei Ortsansässigen nachgefragt habe, wo noch Jukeboxen zu finden seien. Schon auf dem Weg zu meiner ersten Station, dem „Silbersack“, wurde aber klar, dass meine Liste mehr als unvollständig war. In fast jedem dritten Fenster lockt eine der Kisten mit hellem Leuchten.

Vor einem der Fenster bleibe ich kurz stehen. Ein junger Mann macht sich an einem bunten Automaten zu schaffen, hält kurz inne und dreht sich dann mit stolzer Miene und einem Jaulen zu seinen Mittrinkern um. AC/DC. „T.N.T“. Und dann plötzlich laute „Oi“-Schreie und Luftgitarrenspiel am Tresen. Das fängt ja vielversprechend an.

Weiter zum „Silbersack“. Vor der Jukebox ist genug Platz zum Tanzen. Die Leute sitzen aber dicht gepackt an ihren Tischen. Die Frau am Tresen hat nicht richtig Lust, sich mit mir über das Ding zu unterhalten und deutet auf einen jungen Mann am Ende der Bar. Die Jukebox, sagt der, gebe es schon so lange wie die Kneipe selbst, und dass sie da stehe „weil sie immer schon da steht“. Der Aufbau kam dann aber erst später. Jetzt spielt das Ding Schallplatten und CDs. Das hier sei eben St. Pauli, sagt er, und deswegen hörten die Leute hier auch am liebsten Hans Albers, Freddy Quinn oder Udo Lindenberg. Und seine eigenen Lieblinge? „Die 535, die 581 oder die 428“, sagt er ohne zu überlegen. Zu den Klängen der 428, Freddy Quinns „Ganz da hinten wo der Leuchtturm steht“, verlasse ich die Kneipe und gehe weiter zum „Old Sailor“ in die Hein-Hoyer-Straße.

Im „Old Sailor“ ist noch nichts los und die groß gewachsene Frau hinter dem Tresen gibt mir bereitwillig Auskunft. Wieso denn hier überhaupt eine Jukebox stehe, frage ich sie. „Die gehört da hin. Die steht da schon seit hundert Jahren. Also gefühlt.“ Kölsche Musik und Hamburger Lieder seien hier besonders beliebt. Auf die Frage nach ihren persönlichen Favoriten das gleiche Bild wie im Silbersack. Keine Sekunde muss sie überlegen und nennt mir die Nummern: „die fünfundneunzig einundzwanzig, die dreiundneunzig elf und die einundvierzig zwölf.“ De Boore, Lotto King Karl und die Dire Straits.

Ich mache mich auf zum Hamburger Berg. Die Jukebox-Dichte hier ist erstaunlich. Im „Knallermann“, eine Tür weiter im „Zum Goldenen Handschuh“, gegenüber im „Lucky Star“, im „Kiek Ut“ und ein paar Meter weiter im „Schlemmereck“. Überall sind gut zugänglich Jukeboxen aufgestellt. Ich habe mir das „Hotel Hongkong“ notiert. Der Mann hinter dem Tresen kann mir keine Lieblingslieder nennen. „Das Ding plärrt von elf bis sechs Uhr früh durchgehend. Von mir aus müsste hier gar nichts laufen. Bei der Lautstärke versteht man eh nicht, was da läuft“, lässt er mich wissen. Das Gerät hier ist das modernste, das ich bisher gesehen habe. Ein Kasten halb so groß wie ein Zigarettenautomat mit einem Touchscreen vorne dran. Für die alte Jukebox gab es keine Ersatzteile mehr und der neue Apparat wird vom Aufsteller bestückt. Aha. Sogar Bon Iver ist da drin. Bisher war es still im Hotel Hongkong – und dann schmeißt doch noch eine Frau die Maschine an. „Born In The U.S.A“ läuft an. Kaum Regung an der Theke. Ich gehe weiter.

Es ist 22 Uhr und der Chef vom „Na Und?“ in der Wohlwillstraße hat viele Gäste und keine Zeit für mich. Ich warte ab und unterhalte mich solange mit einem Mann, der an der Jukebox steht. „Irgendjemand schmeißt Geld rein und dann teilen wir uns das. Manchmal hört man die Stücke gar nicht, die man aussucht. Das macht aber nix. Das gehört dazu“, sagt er. Er freue sich auf die Jukebox, wenn er in die Kneipe gehe.
Und was hat er ausgewählt? „Udo Lindenberg.“ Tatsächlich. Zwanzig Minuten lang nur Udo Lindenberg. Von hinten schreit einer „Super! Geht doch!“ und zwei Anzugträger fangen an zu tanzen. Ich bestelle mir ein Bier und beschließe, noch kurz zu bleiben.
Und dann hat der Chef doch noch Zeit fĂĽr mich. Sein Lieblingslied in der Maschine ist die neunundfĂĽnfzig null drei. „‘Heavy Cross‘, von so ‚ner Tante. Keine Ahnung wie die heiĂźt.“ Und warum hat er eine Jukebox in der Kneipe und lässt nicht einfach eine CD durchlaufen? „Weil’s geil ist! Und weil’s Kohle bringt. Da wär ich ja schön blöd.“

Apropos Geld. Wer sich einen Kneipenbesuch leisten kann, kann sich auch den Spaß leisten, die Jukebox zu bedienen. Für nur zwei Euro kann man, je nach Gerät, zwischen acht und fünfzehn Liedern abspielen. Das reicht dann im besten Fall für eine gute dreiviertel Stunde der eigenen Lieblingslieder. Mit der Demokratie ist es dann zwar nicht mehr weit her. Es macht aber auch Spaß, sich mal selbst zum Musikdiktator aufzuwerfen.

Viele der Leute, mit denen ich mich unterhalten habe, bekamen ein nostalgisches Leuchten in den Augen, als sie von ihrer Jukebox sprachen. Vielleicht ist das Bedienen einer Jukebox ja eine Flucht in einfachere Zeiten. Und die Jukebox das ewige Relikt, das nie verschwindet.

Jukeboxen dieser Welt, alles Gute zum Geburtstag. Möget ihr noch lange laufen.

20 Jahre MTV Unplugged

Heute vor zwanzig Jahren wurde die erste Episode der Show MTV Unplugged aufgezeichnet. Aufgetreten sind damals Squeeze, Syd Straw und Elliot Easton. Die MTV-Show, bei der Künstler ihr eigentlich elektrisch verstärktes Repertoire auf unverstärkten Instrumenten darbieten, erfreute sich in den folgenden Jahren größter Beliebtheit und machte das Wort „unplugged“ zu einem feststehenden Begriff.

Ein Grund für den großen Erfolg des Formats ist vermutlich die vergleichsweise intime Atmosphäre, die bei solchen Auftritten geschaffen wird. Das Publikum ist begrenzt, die Hallen sind oft klein und die Künstler präsentieren ihre Lieder so, wie sie scheinbar einmal entstanden sind. Andächtig und still, als würden sie an einem Lagerfeuer sitzen und dem einzigen Troubadur am Platz lauschen, verhalten sich die Zuschauer meist. Das Publikum scheint sich sicher zu sein, dass es an etwas Außergewöhnlichem teil hat.

Von ungefähr kommt dieses Gefühl nicht. Denn tatsächlich handelte es sich bei den meisten der MTV Unplugged-Shows – wenn nicht noch ein zweiter Aufguss in Form einer Tour oder ähnlichem folgte – um einmalige Veranstaltungen. Und unabhängig davon, ob ein ganzes Orchester aufgefahren wurde oder die Künstler sich solo mit der obligatorischen Akustikgitarre präsentierten: Der Lagerfeuer-Effekt schien immer zu funktionieren. Die Lieder, zumindest oberflächlich, bis aufs Gerüst nackt, ungeschminkt und so wie der Schreiber sie einst erschaffen hat.

Auch die Künstler gingen ganz in dem ungewohnten Rahmen auf und zeigten sich mitunter ungewohnt emotional. Ob Eric Clapton, der seinen MTV Unplugged-Auftritt 1992 dazu nutzte, zum ersten mal „Tears In Heaven“, das Lied, das er zur Verarbeitung des Todes seines verunglückten Sohnes schrieb, live aufzuführen oder Lauryn Hill, die 2002 während ihrer Unplugged-Performance so gerührt war, dass sie mehrere Male weinte – die Musiker und das Publikum schienen oft wie von einem Zauber belegt zu sein.

Gemein ist allen Konzerten, dass sie etwas Besonderes sein sollten. Und wenn die Konzerte schon nicht besonders emotional wurden, wurde auf andere Weise versucht, einen besonders reizvollen Abend zu gestalten. Auffällig ist das vor allem bei den deutschen KĂĽnstlern, denen die „Ehre“ zuteil wurde, sich im Rahmen eines MTV Unplugged-Konzerts zu präsentieren: Den Anfang machte 1994 Herbert Grönemeyer, der ein noch recht puristisches Konzert ablieferte. Im Jahr 2000 folgten aber die Fantastischen Vier, die einen amtlichen Auftritt mit allem Pipapo ablieferten. Besonderes Gimmick: der Spielort. Nämlich die Balver Höhle mit ihrem ganz eigenen Klang und einer eher speziellen Atmosphäre. Damit lag die Latte fĂĽr die Nachkommenden recht hoch. Die Ă„rzte zogen 2002 nach und machten mit viel KostĂĽmierung sowie SchĂĽlerchor und -orchester die Rock‘n'Roll Highschool zur „Rock‘N'Roll Realschule“. Dann zogen Die Toten Hosen mit einem Sitzkonzert im Wiener Burgtheater statt Stadion und Fankurve. Und dann noch die Sportfreunde Stiller in groĂźer New York-Kulisse.

International hat man auf solch obskure Dreingaben verzichtet. Stattdessen holten sich die jeweiligen Gäste der Show lieber Prominente Mitstreiter ins Boot. So waren unter anderem Korn mit Robert Smith, Alicia Keys mit Mos Def oder The Roots mit Jay-Z auf einer Bühne zu sehen.

Seine Hochphase hatte das MTV Unplugged eindeutig in den Neunzigern. In dieser Zeit konnte MTV Größen wie Bob Dylan, REM, Elvis Costello, The Cure, Eric Clapton, Björk, Bruce Springsteen – der aber nicht auf elektrische Verstärkung verzichten wollte – Sting, Nirvana, Kiss, Oasis und Pearl Jam für die Show gewinnen. 1998 fing man an, nur noch unregelmäßig MTV Unplugged-Konzerte aufzuzeichnen. Seitdem waren zum Beispiel. Alanis Morrisette, Shakira, Ricky Martin, Jay-Z oder Alicia Keys zu sehen.

Einen offiziellen Neustart erfuhr MTV Unplugged in diesem Jahr. Die Konzerte der neuen Staffel werden aber nicht mehr in voller Länge ausgestrahlt, sondern online verfĂĽgbar gemacht oder in die Rotation eingefĂĽgt. Das ist einerseits keine groĂźe Ăśberraschung, weil MTV – und das ist eine Banalität – seit geraumer Zeit kaum noch echtes Musikprogramm sendet und andererseits auch gar nicht so schlimm, wenn man sich die Liste derjenigen ansieht, die seit dem Neustart zu sehen waren: Paramore, All Time Low, Adele oder Katy Perry.

Viele der Konzerte wurden auch als Alben veröffentlicht und haben zum Teil riesige Erfolge eingefahren. Aber auch Bands, die nicht bei MTV auftraten, erreichten mit dem Konzept, unverstärkt zu spielen, hohe Verkaufszahlen. Tesla, die Band, die im Zuge des Hairmetal-Booms zu Größe kam, hatte so zum Beispiel 1989 bereits vor der ersten Ausstrahlung von MTV Unplugged einen Überraschungserfolg mit „Five Man Acoustical Jam“.

Das Interesse des Publikums, noch näher an den Künstlern dran zu sein, ebbte auch in den späten Neunzigern nicht ab. Von der VH1-Show „Storytellers“, bei der Musiker zusätzlich zur Akustik-Performance ihre Lieder kommentierten, über öffentlich ausgestrahlte Proben bis hin zu Musikern, die im Fernsehen erklärten, wie sie ihre populärsten Lieder spielen, war bald nichts mehr undenkbar. Ob die heute sehr präsenten Reality-Shows mit Prominenten aus dem Musikgeschäft nur eine logische Konsequenz aus dieser Entwicklung sind? Möglich ist es.

Nur einer hatte auf den ganzen Quatsch am Ende anscheinend doch keine Lust: Liam Gallagher lieĂź seinen Bruder im Stich, guckte von oben zu und nippte an seiner Bierflasche.

Jumoke Olusanmi erinnert heute im TourKalender ab 16 Uhr an 20 Jahre MTV Unplugged.

Das groĂźe GefĂĽhl: Codes In The Clouds „Paper Canyon“

Paper CanyonCodes In The Clouds – „Paper Canyon“
VĂ–: 23.10.2009
Web: http://www.myspace.com/codesintheclouds
Label: Erased Tapes Records
Kaufen: ”iTunes"

„Stets überraschend und unvorhersehbar“ ist die Musik auf „Paper Canyon“, wenn man dem Pressetext glauben darf.

Nach dem ersten Durchlauf wird klar, dass in Wahrheit die einzige Überraschung auf dem Langspiel-Debüt der fünf jungen Männer aus dem County Kent darin besteht, wann die verzerrten Gitarren und wann die oft Mandolinen-artig gespielten Melodien wieder einsetzen. Wer hier unvorhersehbare Stimmungsänderungen oder Melodiebögen erwartet, wird enttäuscht. Das Fazit muss vorerst lauten: Nicht besonders originell.

Aber Halt. Auf „Paper Canyon“ geht es gar nicht darum, mit besonders ausgefuchsten Tonfolgen oder ungewöhnlichen Strukturen aufzuwarten. Worum es Codes In The Clouds mit ihrem instrumentalen Post-Rock tatsächlich gehen dürfte, ist das große Gefühl. Die große Geste. Dabei schnappen sie sich einen ausdrucksstarken Moment und schleifen ihn ein in den Emotionsverstärker. Sie drehen an Equalizer und Lautstärke so lange herum bis sie jeden Winkel des Augenblicks ausgeleuchtet haben und am Ende alle erschöpft in ihre Kissen sinken dürfen.

Und die Bett-Metapher wird hier nicht zu Unrecht bemĂĽht. Man muss nämlich gar nicht so genau hinhören um zu bemerken, wie warm es da aus den Boxen dringt. Ăśberproduziert klingt anders. Nicht zuletzt der vergleichsweise naturbelassene Klang der Instrumente – dem Schlagzeug wurde zum Beispiel jeder Oberton und jeder Nachklang erlaubt – lässt die Aufnahme geradezu organisch wirken und gibt einem fast das GefĂĽhl, die Musik wĂĽrde ĂĽberhaupt erst in diesem Moment des Zuhörens entstehen.

Stadiontauglich ist das Ganze. Und wenn der Band in der nächsten Festivalsaison die richtigen BĂĽhnenzeiten zugewiesen werden – nämlich tief in der dunklen Nacht – dann ist der richtige Rahmen gegeben, um so manchen im Publikum in eine leichte Melancholie zu stĂĽrzen und vielleicht sogar eine kleine Freudenträne zu entlocken. An Pathos mangelt es der Musik mit ihren weiten Klangflächen nämlich nicht.
Ab Ende Oktober gibt es schon mal Gelegenheit, Codes In The Clouds zusammen mit pg.lost in geschlossenen Räumen zu sehen.

Die Termine:
29.10.2009 Wien (A) – Rhiz
30.10.2009 Innsbruck (A) – PMK Bogen
31.10.2009 Oberhausen – Druckluft
01.11.2009 Siegen – Vortex
02.11.2009 Berlin – LiveAtDot
03.11.2009 Chemnitz – Subway To Peter
04.11.2009 Dresden – Beatpol
05.11.2009 Leipzig – Conne Island
06.11.2009 Chur (CH) – Werkstatt

Die Tour wird präsentiert von ByteFM.

Viel Delay, Raum und Dynamik: Do Make Say Think „Other Truths“

16.10.2009 von  

Other TruthDo Make Say Think – „Other Truths“
VĂ–: 16.10.2009
Web: www.myspace.com/domakesaythink
Label: Constellation Records
Kaufen: ”iTunes"

Wie oft habe ich den Namen der Band schon in meinem Kopf durchgewĂĽrfelt? Oft, soviel steht fest. Do Think Make Say, Make Think Do Say und so weiter. Geholfen hat mir das bisher wenig. Ich vergesse immer wieder, welche Variante ich schon hatte und der Sinn bleibt am Ende immer der gleiche: Anklage, Aufruf. Also, los.

Auf ‚‘Other Truths'‘ befinden sich gerade einmal vier Tracks. Das Album kommt trotzdem auf gute 40 Minuten Spielzeit. Ich ahne es: es wird episch. Und tatsächlich. Postrock, der mĂĽhelos einen 40minĂĽter untermalen könnte. Filmreif im besten Sinne.

Der sporadische Gesang bleibt Stilelement. Leicht verhallt nimmt derselbe vielleicht mal einen Titel bei der Hand und führt ihn sanft in den Fade-Out oder stimmt an zum Chor. Ansonsten vertraut das Oktett aus Toronto aber auf die Kraft der Instrumente. Und da wird aufgefahren, was das Line-Up hergibt: Geige, apokalyptische Bläser, zwei Schlagzeuge, verzerrte Gitarren und ein ständig arbeitender Bass, der mal aufs Fuzz-Pedal tritt und mal die Kirchenglocken läutet. Viel Delay, Raum und Dynamik.

Zwar stimmen auch manche der Songs auf ‚‘Other Truths“ zum genretypischen Noise-Höhepunkt an. Statt den gegebenen Raum zuzukleistern, schafft es die Band aber, der Musik Zwischenräume zu lassen, in der sich eine Intensität abseits von bloĂźer Lautstärke entfalten kann. Eindrucksvoll nachzuhören vor allem bei ‚‘Make'‘, dem zweiten StĂĽck auf dem nunmehr sechsten Album der Gruppe.

Zur Stimmung: Nur beim ersten StĂĽck ‚‘Do'‘ lässt eine hoffnungsvolle Gitarrenmelodie kurz die Sonne scheinen. Ansonsten bleibt der Himmel auf ‚‘Other Truths'‘ wolkenverhangen bis bedrohlich. Zwar ist die Musik nicht ĂĽbermäßig sperrig, so manchem Hörer dĂĽrfte die Farbpalette mit ihrer Moll-Lastigkeit aber zu eindimensional sein. Wer jedoch nichts gegen musikalisches Malen in dunklen Tönen hat, darf sich ĂĽber ein gelungenes, in der Tiefe facettenreiches Album freuen.

Auffällig ist noch, dass der Bandname titelgebend auf die vier StĂĽcke des Albums verteilt wurde. Der Reihe nach ‚‘Do'‘, ‚‘Make'‘, ‚‘Say'‘ und ‚‘Think'‘. Ist ‚‘Other Truths'‘ das Album, mit dem die Band bei ihrem definitiven Sound angekommen ist? Vielleicht gibt der Besuch eines ihrer anstehenden Konzerte Aufschluss.

Die Termine:
26.10.2009 Leipzig – Conne Island
27.10.2009 MĂĽnchen – Feierwerk
28.10.2009 Schorndorf – Manufaktur
29.10.2009 DĂĽdingen (CH) – Bad Bonn
10.11.2009 Hamburg – Molotow
15.11.2009 Bielefeld – Forum
16.11.2009 Berlin – Magnet Club

Die Tour wird präsentiert von ByteFM.
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