ByteFM Themenwoche: Einmal Detroit und zurĂŒck
09.03.2011 von Martin Böttcher

Wann ich das erste Mal von Detroit gehört habe? Vielleicht war es vor Jahrzehnten in der Schule, vielleicht fiel mir der Name in einer der Karten im Atlas auf. Vielleicht war es auch in den Nachrichten, obwohl mir das eher unwahrscheinlich vorkommt. Denn wenn was in den USA passierte, dann war das doch in New York, in L.A., in Washington â oder vielleicht in Memphis, als Elvis starb.
Ich weiĂ aber noch ziemlich genau, wann ich mich das erste Mal BEWUSST mit Detroit beschĂ€ftigte: 1991. In Berlin gab es seit kurzem einen neuen Club, den âTresorâ. Dort lief diese Musik, die so neu und frisch und krass war, dass sie mich wegfegte. Techno. Aufgelegt von DJs, die ich noch nicht kannte, deren Namen mir nichts sagten: Tanith, Rok, Jonzon. Und dann, als ich zum dritten Mal dort war, hieĂ es: Heute legt einer aus Detroit auf. Vielleicht verklĂ€re ich das im Nachhinein ein wenig, aber wie dieses Wort âDetroitâ ausgesprochen wurde! Irgendwie ehrfĂŒrchtig. Dass Detroit die Geburtsstadt des Techno war? Wusste ich nicht, ich dachte, âwirâ hĂ€tten ihn gerade irgendwie selbst erfunden.
Ich wĂŒnschte, ich könnte mich erinnern, wen ich da zuerst im âTresorâ gesehen und gehört hatte. Ich glaube, es war Blake Baxter, sicher bin ich mir nicht. Wie die anderen, die folgten â Eddie âFlashinâ Fowlkes, Jeff Mills, Derrick May â gut an den Plattenspielern, ein wenig Ă€lter als die meisten der Tresor-Besucher. Die Party war dann nicht ganz so euphorisch, wie ich es mir bei einem Detroiter – Detroit! â ausgemalt hatte. Eine Legende sorgt eben nicht automatisch fĂŒr die ausgelassenste Stimmung auf dem Tanzflur. Und seine Musik war gar nicht so sehr der Techno, den ich kannte (wobei man dazu sagen muss, dass ich da noch gar nicht viel kannte, nur die âHitsâ, die bei einer gewissen Moni D alias Monika Dietl im damaligen SFB-Sender Radio 4 U liefen.
Wenig spĂ€ter meine erste Reise in die USA und Kanada, zwei Monate mit dem Bus quer durchs Land, von Ost- zur WestkĂŒste und wieder zurĂŒck. Mittendrin, von Toronto nach Chicago, ein Stopp in Detroit mit einigen Stunden Aufenthalt. Der Busbahnhof, so kam es mir vor, lag mitten im BĂŒrgerkriegsgebiet: Kein Mensch mehr auf den StraĂen, obwohl es gerade erst dunkel wurde. Die HĂ€user und GeschĂ€fte verrammelt, kaputt, verlassen. Und schon im Bus, spĂ€ter auch im Bahnhof, warnten mich Amerikaner: âNicht rausgehen! Detroit ist gefĂ€hrlich! âSo sehr ich auch wollte: irgendwie machte mir das Angst. Und von da ab war Detroit fĂŒr mich die Stadt, aus der groĂartige Musik kam, in der man aber nicht auf die StraĂe gehen kann, ohne erschossen zu werden. Oder zumindest ausgeraubt.
Detroit und Berlin, so hieĂ es immer im âTresorâ-Umfeld, gehörten irgendwie zusammen. âTechno-Allianceâ wurde auf die T-Shirts gedruckt. Da wie dort gab es diese verfallenen, leer stehenden HĂ€user, die alten Fabriken und Werkshallen. Und da wie dort begeisterte man sich fĂŒr Techno, Musik, die futuristisch und industriell und hart klang. Aber war das wirklich so? Techno ist in den USA noch nie ein groĂes Ding gewesen, auch nicht in Detroit. Kein MassenphĂ€nomen, keine Love Parade in Sicht, die Clubszene ĂŒberschaubar. Und wĂ€hrend in Detroit die Stadt weiter verfiel, wurde in Berlin der Nachwende-Aufbau eingeleitet. Arbeitslos in Mitte? Nicht ganz dasselbe wie arbeitslos in Downtown Detroit.
Sie ist schon diverse Male erzĂ€hlt worden, die Geschichte, wie es mit Techno in Detroit losging. Aber selbst ich, der sie schon zig Mal gehört, nachgelesen und selbst erzĂ€hlt hat, kann sie mir nicht wirklich merken. Also hier noch mal die Eckdaten: Als sie Mitte der 80er anfingen, in Detroit Techno zu produzieren, haben die Macher versucht, musikalisch auf ihre Umgebung zu reagieren â auf Detroit als Industriestadt, als Autofabrikzentrum, in der Roboter groĂe Teile der Produktion ĂŒbernommen haben. Und auf Detroit als Stadt, in der das Zentrum nach und nach zerfĂ€llt. Dabei packten sie in ihre elektronischen Instrumente eine Art neuartigen Soul, vor allem dank der streichermĂ€Ăig eingesetzten Synthie-FlĂ€chen.
Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May â die âBelleville Threeâ, die sich an der Belleville High School kennengelernt hatten. Durch die Verschmelzung verschiedener Stile von Soul ĂŒber Synthie-Pop bis zum Electro-Funk schufen sie den Detroiter Techno-Sound, inspiriert durch die Detroiter Radiolegende Charles Johnson alias The Electrifying Mojo, der in seinen Sendungen englischen Synthiepop, P-Funk und Kraftwerk gespielt und damit unbeabsichtigt bewirkt haben soll, dass sich in Detroit viele fĂŒr elektronische Musik interessierten.
Juan Atkins hatte schon 1984 als Teil des Duos Cybotron die Platte âTechno Cityâ veröffentlicht. Auf die Frage, was das fĂŒr Musik sein, antwortete er im Interview: âCall it technoâ. Kevin Saunderson machte als Inner City Chart-Hits wie âGood Lifeâ und âBig Funâ. SpĂ€ter kamen die anderen dazu, Joey Beltram, Robert Hood, Eddie Flashin Fowlkes, die ganze Underground-Resistance-Posse um Mad Mike Banks und Jeff Mills, die im Monat, als die Mauer fiel, UR als Musikprojekt und spĂ€ter auch Plattenlabel grĂŒndeten.
Mills und Banks trennten sich wenig spĂ€ter, aber Banks macht bis heute mit UR weiter, vertritt radikale politischen und geschĂ€ftlichen Ansichten, ihm ist es wichtig, dass die KĂ€ufer der Musikveröffentlichungen die dahintersteckende Philosophie sowie Techno als Kunstform anstatt reiner Musik begreifen. LegendĂ€r sein Streit zunĂ€chst mit Sony Music dann mit der BMG, als die im von Underground Resistance veröffentlichten Song âJaguarâ einen Hit sahen, Trance-Remixe davon rausbringen wollten, aber von UR keine Lizenz bekamen. Was tat Sony? LieĂ den Song Ton fĂŒr Ton nachspielen (das ist auch ohne Erlaubnis des OriginalkĂŒnstlers erlaubt) und von dieser Coverversion Trance-Remixe anfertigen. Als der EntrĂŒstungssturm in der fĂŒr kurze Zeit sichtbaren Techno-Community losging, machte Sony einen RĂŒckzieher, die BMG hatte diese Skrupel aber nicht und brachte das ganze raus. Allerdings, so weit ich weiĂ, ohne groĂen finanziellen Erfolg.
ZurĂŒck nach Detroit, zu den Anfangsjahren: Blake Baxter kam dazu, der die erste EP bei Underground Resistance veröffentlichte, wurde 1991 bei Tresor Records unter Vertrag genommen wurde. Seinen âEhrentitelâ Prince of Techno kann er heute nicht mehr hören. Richie Hawtins, nicht aus Detroit, aber aus dem direkt daneben gelegenen kanadischen Windsor, und sein Projekt F.U.S.E. gehörten irgendwann zur Detroiter Techno-Szene. Und natĂŒrlich der bis heute so relevante Carl Craig.
Damit wĂ€ren wir auch schon in der Gegenwart: Detroit ist gerade Thema. Vielleicht, weil man hier sehen kann, was passiert, wenn eine Stadt aufgegeben wird oder sich selbst aufgibt. Hendrik Lakeberg hat in der aktuellen De:Bug in seiner Rubrik âDurch die Nachtâ seinen Trip nach Detroit beschrieben. Techno, so stellt er fest, spielt dort fast gar keine Rolle mehr. Taxifahrer, die sich eigentlich auskennen mĂŒssten, kennen Jeff Mills nicht und wussten auch mit der Musik nichts anzufangen.
Das deckt sich so halb mit meinem zweiten Besuch in Detroit. 2006 oder 2007 war ich noch einmal da. TagsĂŒber. Mit dem Auto. Begleitet von âbest mateâ Gesine KĂŒhne. Wir kamen aus Kanada und der Bruch zwischen Windsor auf der einen und Detroit auf der anderen Seite, getrennt nur durch eine BrĂŒcke, war krass. Detroit erschien uns wirklich wie ein sterbender Riese. Tote StraĂenzĂŒge und tote HĂ€user. Ich verriegelte den Wagen von innen, sobald wir die Stadtgrenze erreicht hatten, halb im Scherz, halb im Ernst. An einer Tankstelle, die wieder extrem verrammelt war, fragten wir nach dem Weg zum Technomuseum, das gleichzeitig Sitz des Plattenlabels/-vertriebs âSubmergeâ ist. Ein schwarzer Detroiter sagte, wir sollten ihm hinterher fahren. Extrem freundlich, fast schon zu freundlich. Er wusste zwar nicht, was das sein sollte â Technomuseum? â aber die Adresse kannte er. Diesmal besiegte die Neugierde das Misstrauen: Submerge und das Technomuseum sitzen in einem nicht besonders schmucken Haus, man muss klingeln, um reinzukommen. In ein paar SchaukĂ€sten die Originalkisten: Roland 303, 808, 909. Fotos. Ein paar Zeichnungen. Das warâs. Im Keller dann der Plattenladen. Plattenspieler. Und jede Menge SprĂŒche und Namen und Namen aus aller Welt an den WĂ€nden und Decken: Die globale Techno-Community, falls es sie denn gibt, hat sich hier mit Edding und Kugelschreiber verewigt. An diesem schmucklosen Ort wird es einem noch mal bewusst: Wenn es Detroit nicht gegeben hĂ€tte, dann sĂ€he die Musikszene wohl völlig anders aus. Dann gĂ€be es keinen Techno. Ich habe meinen Namen dann auch dazu geschrieben.
Am Samstag, 12.03., von 20:00 bis 22.00 Uhr lĂ€uft Martin Böttchers Sendung „Electro Royale“ mit einem Special zur ByteFM Themenwoche „The Sound Of Detroit – Der Klang einer Stadt“..
Tricky – ein ganzer Kerl dank Trip-Hop
22.09.2010 von Martin Böttcher

Und noch ein neues Album von Tricky: Mixed Race, unser Album der Woche, heiĂt seine neue CD und wenn ich mal kurz persönlich werden darf: Es ist das Beste, das er seit langem gemacht hat. Tricky, wir erinnern uns, wird immer noch gerne von Schubladensteckern als der âPate des Trip-Hopâ bezeichnet. Warum er nicht nur diesen Titel, sondern auch den Begriff âTrip Hopâ schwachsinnig findet, erzĂ€hlt er im Interview. AuĂerdem geht es um schusssichere Westen, eingeknastete Freunde, Nachtclub-Eskapaden, um eine erneute Zusammenarbeit mit Massive Attack und das britische Klassensystem. Also eigentlich alles drin!
Schmuddelwetter, von der Sonne keine Spur â der perfekte Tag, um ĂŒber ein neue Tricky-Album zu reden, oder?
Warum das?
Ihre Musik hat fast immer eine dunkle und melancholische Seite, das passt doch hervorragend zu grauem Himmel und grauen Gesichtern.
Mein neues Album ist dunkel, aber das hat nichts mit grauen Tagen zu tun. Es ist es eine Art von Dunkelheit, die man in der kriminellen Unterwelt findet. Wie der Soundtrack fĂŒr einen Gangster-Film.
Haben Sie eine dĂŒstere Persönlichkeit?
Ich habe eine dunkle Seite. Wenn ich nicht mit der Musik angefangen hÀtte, dann wÀre ich vermutlich ein Krimineller. Ich bin kein gewalttÀtiger Typ, das liegt nicht in meiner Natur, aber ich weià ganz genau: Ich wÀre ein Verbrecher geworden, so wie viele andere aus meiner Familie.
Sie sagen, Sie hÀtten auch kriminell werden können. Fasziniert Sie das Gangster-Leben?
Es gibt jede Menge Platten, auf denen vom Gangster-Lifestyle geschwĂ€rmt wird. Aber das ist wirklich nicht mein Ding. Ich will keine Werbung fĂŒr Waffen machen, ich will keine Werbung fĂŒr Gewalt machen. Aber ich habe einen bestimmten Lifestyle gelebt. Als ich in den USA wohnte, trug ich Waffen mit mir rum, eine kugelsichere Weste, in New York im Club haben wir manchmal 5000 Dollar fĂŒr Champagner ausgegeben â wie Gangster. Ich habe das also alles mitgemacht, aber das ist nichts Tolles, nichts, was man glorifizieren solle.
Schon gar nicht, wenn man an die Gewalt denkt, die so ein Leben mit sich bringt.
Drei von meinen Verwandten wurden ermordet. Zwei erschossen, einer erstochen. Ich habe einen Freund, der zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Das betrifft mich nicht direkt, aber ich kann dem ganzen auch nicht entfliehen.
Sind Ihre Songs eine Art Selbsttherapie?
Manchmal sind sie wie ein Tagebuch, manchmal eher wie ein Dokumentarfilm. Es geht um meine Vergangenheit, es geht um mein Leben. Nehmen wir zum Beispiel das neue Album: Im Booklet ist ein Foto, darauf bin ich als ZweijĂ€hriger zu sehen, gemeinsam mit meiner Mutter. Ich habe dieses Foto erst vor wenigen Monaten bekommen, es war das erste Mal, dass ich mich gemeinsam mit meiner Mutter auf einem Foto gesehen habe. Mir haben die Knie … ich weiĂ nicht, es war ein sehr, sehr seltsames GefĂŒhl. Und jetzt ist das Teil der CD. Ich kann also sagen: Ok, auch das darf ich jetzt hoffentlich hinter mir lassen. So gesehen ist es Selbsttherapie.
NĂ€chstes Jahr steht das 20. JubilĂ€um des Massive-Attack-DebĂŒts âBlue Linesâ an â fĂŒr manche das erste Trip-Hop-Album und Sie waren daran beteiligt. War das damals eine musikalische Revolution?
Ich weiĂ nicht …wir hatten diese Art von Musik schon lange vorher gemacht. HipHop war eine musikalische Revolution und wir kamen aus dem HipHop. Aber HipHop war damals noch nicht das Riesending, das es jetzt ist, vor allem nicht in England. Wir waren die Ersten, die etwas mit diesem HipHop gemacht haben und damit erfolgreich waren. Also kann man wahrscheinlich wirklich sagen, dass das eine Art von musikalischer Revolution war.
Noch immer gibt es Journalisten, die Sie als âGodfather of Trip Hopâ, als den âTrip-Hop-Patenâ bezeichnen. Sie mochten diesen Titel nie. Was gefĂ€llt Ihnen daran nicht?
Was soll das sein, der Trip-Hop-Pate? So etwas gibt es doch gar nicht. AuĂerdem ist das fĂŒr jeden Musiker ein gefĂ€hrliches Spiel, sich in eine Schublade stecken zu lassen: Ist es mit der Musik, fĂŒr die Du stehst, vorbei, dann ist es auch mit Dir vorbei!
Aber ist Trip-Hop nicht einfach nur ein Name fĂŒr eine bestimmte Art von Musik, so wie Jazz oder HipHop oder Techno, die es einfacher macht, sie zu beschreiben?
Ja, aber Trip-Hop, das ist ein Begriff fĂŒr eine Musik, die nicht existiert. Es ist ein dummer Begriff, es hört sich blöd an.
Auch wenn Sie den Begriff âTrip-Hopâ ablehnen â verspĂŒren Sie trotzdem so etwas wie Dankbarkeit, wenn Sie zurĂŒckdenken? SchlieĂlich fuĂt Ihre Karriere auch auf dem Erfolg von damals.
Definitiv! Massive Attack waren ein Super-Ding fĂŒr mich. Wenn ich damals nicht in dieser Szene drin gewesen wĂ€re…also, ich wĂŒrde auf jeden Fall bis heute Musik machen, aber der Erfolg damals war die AbkĂŒrzung, die mich aus all meinen Schwierigkeiten rausgeholt hat. Oder verhindert hat, dass ich noch mehr Schwiergkeiten bekomme.
Jetzt heiĂt es, dass Massive Attack und Tricky wieder gemeinsam arbeiten wollen, obwohl sie sich so lange aus dem Weg gegangen sind.
Wir haben darĂŒber geredet. Danach ist Daddy G. von Massive Attack an die Ăffentlichkeit gegangen, deshalb weiĂ jetzt jeder davon. Aber Reden allein macht keine Musik. Wir sollten ins Studio gehen und zusammen etwas aufnehmen, nicht mit der Presse darĂŒber reden. Ich bin jedenfalls bereit und warte darauf, dass ihre Leute mit meinen Leuten reden. Ich hoffe, dass es klappt.
Das ganze Interview mit Tricky lest ihr auf dem Blog von Martin Böttcher www.technoarm.de
Meine 80er
15.07.2010 von Martin Böttcher

Es war einmal …
Ăber die „Super-Nanny“ muss ich lachen. Wahrheitsverdrehungen a la „Bild“? Selber schuld, wer daran glaubt. „Prominent“, „Brisant“, „Goodbye Deutschland“, „Nur die Liebe zĂ€hlt“, „Bauer sucht Frau“, „Vermisst“ – alles schon mal gesehen, also nicht mal ignorieren.
Bin ich also völlig abgestumpft? Nein, denn eine Art von Sendung ruft immer, wenn ich auf sie stoĂe, heftige Abneigung bei mir hervor: 80er-Jahre-Shows. Egal, ob da nun die Musik im Mittelpunkt steht oder nur ein Teil des Ganzen ausmacht. Die 80er, die da gezeigt werden, sind völlig andere 80er, als die, die ich kenne. Meine 80er waren nicht lĂ€cherlich und albern, sie haben nichts mit Schulterpolstern zu tun, sie waren aufregend und heftig.
Am Anfang war ich noch nicht einmal in der PubertĂ€t, am Ende hatte ich meine erste eigene Wohnung, ein erstes Mal ein gebrochenes Herz, eine erste Ahnung davon, dass ich vielleicht mal Journalist werden wĂŒrde. Dazwischen lagen: Abitur, vier oder fĂŒnf verschiedene Haarfarben, Dschungel, Cri Du Chat und Linientreu, PrĂŒgeleien, Ărger mit der Polizei, bemalte WĂ€nde, Gerichtsverfahren, ein Skateboard, Reisen ins ersehnte London, Abtauchen in jugendliche Subkulturen. Das manchmal sehr normale, manchmal etwas extremere Leben eines West-Berliner Jugendlichen aus behĂŒteten VerhĂ€ltnissen, fĂŒr den Musik eine groĂe Rolle spielte.
Zu wem gehörte man? Was wollte man sein? Was fĂŒr GefĂŒhle erschĂŒtterten einen? Musik half, die Antworten auf solch existentielle Fragen zu finden. Mir jedenfalls. Das hatte nichts mit den 80ern zu tun, das hatte mit mir zu tun. Einen Bruchteil der Musik, die mich damals beschĂ€ftigte – und wirklich nur einen Bruchteil – habe ich in einen zweistĂŒndigen Mix gepackt. Die Songs haben fast alle eine gewisse melancholische Grundstimmung. Zum Teil habe ich sie erst Jahr nach ihrer Veröffentlichung entdeckt. Zum Teil haben sie mich bis heute begleitet.
Meine Neue Deutsche Welle waren nicht Nena und Markus und Spider Murphy Gang, meine NDW waren DAF und Nichts und Xmal Deutschland. Depeche Mode war fĂŒr mich eine Zeit lang die beste Band der Welt. Und ihr bester Song war fĂŒr mich die B-Seite ihrer ersten Single. Devo schlummerten lange im Plattenschrank meines groĂen Bruders, bevor ich sie fĂŒr mich entdeckte. Dass Robert Palmer einen der schönsten Songs der 80er gemacht hatte, entdeckte ich etwa 2005. Damals lief der Song bei einem Oldie-Sender, fĂŒr den ich ab und zu arbeitete. Ein schottisches Frauenduo, das auf poppig-elektronische Weise die Country-SĂ€ngerin Dolly Parton coverte, begleitete mich ein gutes Jahr. Und ĂŒberzeugte vor allem mit den ruhigeren Songs die MĂ€dchen, denen ich Mixtapes aufnahm, von meiner sensiblen Seite. Soft Cell und Blancmange, Yazoo und Visage, Japan und Fun Boy Three, Grace Jones und der Tom Tom Club, Fehlfarben, Boytronic, die Tubeway Army, New Order, Sisterhood und Jona Lewis – sie alle und das Knistern der Platten, auf denen die Songs zu finden sind, ergeben eine 120 Minuten langen Mix, der mir heute nicht mehr viel, aber damals fast alles bedeutete. Gute Musik ist es bis heute geblieben, finde ich.
Den zweistĂŒndigen Back to the 80s Time Tunnel Mix hört Ihr diesen Samstag ab 23 Uhr.
SXSW â It’s all over now!
23.03.2010 von Martin Böttcher
Bands ohne Ende. Karnevalsstimmung auf der Kneipenmeile. Wenig Schlaf. Viel Tex-Mex-Food. Businesshotels, die zu Clubs werden. Super-Konzerte vor fĂŒnf Zuschauern. âWo bist Du?â Und wo bin eigentlich ich?
Ein paar Momentaufnahmen von der SXSW. Vier Buchstaben, hinter denen sich ein riesiges, und eines der wichtigsten Musikfestivals plus Messe plus Konferenz verbirgt: South By Southwest Music in Austin, Texas. Nicht zu verwechseln mit der SXSW Interactive und SXSW Film, die nÀmlich sind gerade zu Ende gegangen, wenn es mit der South By Music losgeht.
Es war mein erstes Mal (das erste Mal SXSW und das erste Mal Music Conference ĂŒberhaupt): fĂŒnf Tage in einer Stadt im Ausnahmezustand: Fast 2000 Bands auf 80 offiziellen und etlichen inoffiziellen BĂŒhnen. Spontane Konzerte auf dem BĂŒrgersteig, Diskussionen und Business-Talks â na ja, eben Festival und Messe und Konferenz.
Weil mir das nicht ganz klar war, ich es aber spannend finde, hier eine kurze ErklĂ€rung, wie das alles so vor sich geht. Das wichtigste: The Badge, der Ausweis, der einen, theoretisch zumindest, in alle Konzerte, zu allen Diskussionen, Reden und VortrĂ€gen und in Plattenbörse, Gitarrenausstellung und so weiter hineinbringt. The Badge kostet 750 Dollar, Journalisten können unter UmstĂ€nden einen fĂŒr umsonst abstauben.
2000 Bands und Dutzende Diskussionen in fĂŒnf Tagen bedeuten zwangslĂ€ufig: Niemand kann alles sehen. Ich auch nicht, dazu kam auch noch, dass ich fĂŒr verschiedene Zeitungen und Radiostationen BeitrĂ€ge von der SXSW machen konnte. In einer mathematischen Gleichung heiĂt das: Musik plus Arbeit plus verlorenes GepĂ€ck plus technische Schwierigkeiten gleich wenig Schlaf plus nicht so viele Bands.
Was die Bands angeht: Weil die Initiative Musik (eine Einrichtung der Bundesregierung, die Popmusik aus Deutschland fördert) sich dieses Jahr ziemlich engagiert hat, konnten vierzehn Bands aus Deutschland bei der SXSW auftreten. Man fĂ€hrt hier nĂ€mlich nicht so einfach hin: Man muss angemeldet werden, selbst bei nur einem einzigen Auftritt werden vor der Einreise 2000 Dollar Auftrittsteuer fĂ€llig, man muss wohnen, herfliegen, die Instrumente rĂŒberschaffen. Und Austin ist noch mal eine ganze Ecke weiter weg von Deutschland als New York.
Ich habe vier deutsche Bands live in Austin gesehen: Nneka, die Kilians, Matias Aguayo und RĂ€uberhöhle. AuĂerdem kurze DJ-Sets von Heidi und Tobias Thomas mitbekommen. RĂ€uberhöhle ist ein Electro-Punk-Projekt aus Berlin, sehr Casio-mĂ€Ăig, aber extrem schrĂ€g. Zwischen den Songs nĂ€mlich spielt RĂ€uberhöhle-Mastermind Krawalla (blonde lange Zöpfe, bunte gepunktete StrĂŒmpfe, pinkfarbenen T-Shirts und lustige Hopse-TĂ€nzerin) Puppentheater. Der Laden, in dem Frau Krawalla alias RĂ€uberhöhle auftrat, war eher eine Art Bar mit BĂŒhne, der Soundmensch nicht besonders interessiert â und trotzdem fand ich es super, weil super-schrĂ€g.
Ziemlich professionell: Nneka, in Hamburg wohnende Hip-Hop-/Pop-/SoulsĂ€ngerin mit deutschen und nigerianischen Wurzeln. Die Amis (und der Rest der Musikwelt) standen Schlange, um sie live bei einem ihrer fĂŒnf Auftritte in Austin zu sehen â sieht so aus, als wĂŒrde da eine gröĂere Karriere losgehen. Nur komisch, dass sie keine Interviews auf Deutsch geben wollte. HĂ€ngt wahrscheinlich auch mit der angepeilten groĂen internationalen Karriere zusammen.
Die Kilians: Tja, kann ich gar nicht so viel zu sagen. Nur soviel: Der Soundcheck dieser jungen Indie-Band dauerte gefĂŒhlte 400 Stunden zu lang. So gewinnt man hier keine Freunde.
Matias Aguayo: Was fĂŒr ne coole Sau! Legt Cds mit Beats auf uns singt dazu, irgendwie die perfekte Symbiose aus deutschem TechnogefĂŒhl und lateinamerikanischer Lockerheit.
Tobias Thomas: Musste zuerst ohne Plattenspieler auskommen. In den USA bringt man angeblich seine eigenen Systeme mit. Vielleicht ist so zu erklĂ€ren, warum er zunĂ€chst eher alte Sachen von vor vier, fĂŒnf Jahren gespielt hat. Dann wurde es sehr viel besser.
Heidi: Amerikanischer DJ, die in Berlin wohnt. Und nicht umsonst so einen guten Namen hat. Die letzten drei haben ĂŒbrigens auf einer echt gelungenen Veranstaltung in Austin gespielt: Der âWunderbar â Lunch with the Germansâ. Eigentlich ein Treffen fĂŒr Musikbusinessleute, die mit ihren deutschen Kollegen in Kontakt treten wollten. Aber eben mit guter elektronischer Tanzmusik, Alkohol, einer Terrasse, Sonne und Essen, das zwei eingeflogene Köche der legendĂ€ren Berliner Bar 25 gekocht hatten (Gurkensuppe, Buletten, Schweinebraten, Knödel, Kalbsbraten, Kartoffelpuffer und Rote GrĂŒtze). Erinnerte irgendwie an relaxte Sonntagnachmittage am Love-Parade-Wochenende im sonnigen Berlin und war vielleicht die coolste Veranstaltung der ganzen SXSW (aber, wie gesagt, ich habe ja nur einen Bruchteil gesehen).
Ansonsten: Tolle Punkband gesehen und gehört, aber ihren Namen nicht erfahren. Werde ich wohl nie wieder sehen. Ein Duo erlebt, das seinem Namen alle Ehre gemacht hat: Ferocious Few. Und eine extrem sympathische und gute Band namens Surfer Blood entdeckt und mich ein bisschen in die verliebt.
Ich sehe schon, das wird hier ganz schön lang. Also noch ganz kurz, was amerikanische Music-Business-People deutschen Bands raten, um es in den USA zu schaffen. Eigentlich ganz einfach: LANGE VOR einer Tour versuchen, ĂŒber das Netz ganz gezielt Musikinteressierte aus den jeweiligen Regionen finden und von sich ĂŒberzeugen. Mit Albumpromotion lange vor dem eigentlichen Veröffentlichungstermin anfangen. Und dann: Touren, touren, touren â nur so besteht die Chance, es zumindest ein bisschen zu schaffen. Oder so Ă€hnlich.
Und noch eins: Wer jemals zu einer Music Conference wie der SXSW fahren sollte: Auf jeden Fall an einer der öffentlichen Demo-Sessions teilnehmen: Bands werfen vor einer solchen Veranstaltung ihre Demo-CDs in eine Kiste, wenn sie GlĂŒck (oder, je nach Perspektive, auch Pech) haben, wird ihre CD gezogen, ein Song angespielt und dann von Musikprofis aus der Branche kommentiert und analysiert. Ging sehr gesittet zur Sache, die zehn Songs, die da in einer Stunde geschafft wurden (von Techno-Pop, Folk, Hip Hop bis hin zu Metal), waren technisch ganz schön gut, aber von der Art her eher nach dem Motto âschon tausend Mal woanders so oder fast genauso gehört).
Fazit: NĂ€chstes Mal weniger arbeiten, mehr Bands sehen, mehr Diskussionen zu Themen wie âWie hören wir Musik im Jahr 2020?â und âSocial Media for Musiciansâ mitnehmen â und das GepĂ€ck nicht verlieren. Yeah!
Dieser unter weitere Artikel findet Ihr auf Martin Böttchers Homepage www.technoarm.de.
Mein erstes Mal GZSZ
17.12.2009 von Martin Böttcher
Ich bin das, was man einen echten Teilzeit-Fan der RTL-Vorabend-Soap âGute Zeiten, schlechte Zeitenâ nennt: Von 4388 bis zum 11. Dezember â09 ausgestrahlten Folgen habe ich 0,8 Folgen gesehen. Folge 4388 war also mein erstes Mal. Das hatte einen Grund: Techno!
Pia – ich fange jetzt nicht an, die einzelnen Darsteller und ihre Rollen bei GZSZ zu erklĂ€ren, wozu auch? – Pia jedenfalls ist DJ und konnte in einem Club auflegen. Genau genommen ist Pia DJane, so sagt sie es zumindest selbst, aber man möchte ihr zurufen: âNein, Pia, die Jane bist Du nicht, die ist die Braut von Tarzan!â Aber das wĂ€re ja platt. Pia also legt Platten in einem Club auf, den ich leider nicht identifizieren konnte, schön im Keller, und ich dachte mir beim Zuschauen, dass es diese Szenen verdienen, etwas nĂ€her betrachtet zu werden. Fundierte Medienanalyse haben sie verdient! Und sollen sie bekommen – und ihr auch, inklusive der Filmausschnitte, deren HandlungsstrĂ€nge zusammengeschnitten noch deutlicher werden. Den Anfang macht Pia, wir beobachten dieses junge, etwas naive MĂ€dchen beim Auflegen:
30 Sekunden, die DJ Pia zeigen. Erst ernst, dann ganz vergnĂŒgt. Etwas ist geschehen. Drogen? Könnte natĂŒrlich sein, in dem Moment, als eine andere, hier rausgeschnittene Szene die Clubgeschichte unterbricht (da war sogar irgendein Streit unter Dealern oder Ex-Dealern in einem Kiosk am anderen Ende der Stadt), könnte sie eine Pille geklinkt oder eine Nase genommen haben. Aber, wie gesagt, man sieht es nicht. Gehen wir also davon aus, dass es etwas mit der Musik zu tun hat: Die erste Platte (scheint was von Paul Kalkbrenner zu sein, aber nicht âSky and Sandâ) reiĂt noch niemanden mit, aber als Pia den âBass Generatorâ auflegt, gehtâs ab, verdammt noch mal! Glaubt ihr nicht? Dann bitte mal die TĂ€nzer anschauen:
Ein paar Beobachtungen dazu: Mir scheinen das ziemlich wenig GĂ€ste zu sein. Schön, dass der âPfeiferâ auch dabei ist (in Berlin, vor allem im âCookiesâ und âCrackersâ, treibt sich ein anderer, aber Ă€hnlich lauter und ausdauernder Pfeifer herum, der gerne auf dem Tresen tanz). Coole Frisur hat der dunkelhaarige Hip-Hop-Fan, der kurz zu sehen ist. Ein Typ gefĂ€llt mir besonders, drei Mal dĂŒrft ihr raten, welcher….
Den kompletten Artikel findet Ihr auf Martin Böttchers Blog www.technoarm.de
Sinfonie einer GroĂstadt
05.10.2009 von Martin Böttcher
Ist er das, dieses âDiiiiiit, Diiiiit, Diiiiit, Diiiiitâ kurz bevor sich die U-Bahn-TĂŒren schlieĂen? Oder doch eher das andere, das âNiiiiii Nii Niiiiiiiiiiâ der Schwester S-Bahn? Welches ist der âSound of Berlinâ? Eine Frage, die der Clubszene ein durchgefeiert-verzerrtes SonntagnachmittaglĂ€cheln entlockt. SchlieĂlich ist sie lĂ€ngst beantwortet. Martin Böttcher versucht, sich mit dem Ergebnis anfreunden.
Sina Jantsch hat es geschafft. Sie hat den âSound of Berlinâ eingefangen. Jetzt, da sie ihn auf zwei CDs gebrannt ist, kann er nicht mehr entkommen. Der âSound of Berlinâ, so wie sie ihn versteht, ist ziemlich minimal, cluberprobt und Techno. Sina Jantsch, das muss man vielleicht erst einmal erklĂ€ren, ist 22 Jahre alt und arbeitet bei einem Plattenlabel. Und zwar bei einem, fĂŒr das die Frage nach Kommerz stets wichtiger war als die Frage nach Stil: Ministry of Sound Germany hat KĂŒnstler wie Shaggy, Robyn und Bob Sinclair unter Vertrag, ist aber vor allem fĂŒr seine Compilations bekannt. Die tragen dann Namen wie âViva Club Rotationâ (aktuelle Nummer: 42) oder âIbiza 2009â und passen normalerweise besser in die GroĂraumdisco als in die Berliner Clubs.
Jetzt ist es umgekehrt. 20 Tracks hat Sina Jantsch zusammengesucht und unter dem Titel âSound of Berlinâ zusammengefasst. Die Compilation erscheint erst einmal als MP-3-Sampler, ob spĂ€ter auch noch mehr als nur ein paar Promotion-CDs gepresst werden, hĂ€ngt davon ab, wie erfolgreich sich das Ganze verkauft. Die Chancen stehen ganz gut: Berlins Ruf als Partystadt, als Hauptstadt der Clubs, ist legendĂ€r â jetzt liegt der Berliner Wochenendwahnsinn nur wenige Clicks entfernt von Tokio oder Sydney, von Freiburg oder Leipzig. Denn der griffige Titel ist vor allem eins: Ein Marketinginstrument, er soll helfen, Musik zu verkaufen. âDer Begriff macht neugierigâ, heiĂt das bei Sina Jantsch, Berlin sei schlieĂlich eine coole Stadt.
Wenn wir schon von âcoolâ reden: Das coolste an Berlin ist natĂŒrlich, dass hier tausend verschiedene Sachen stattfinden. Aber das bedeutet, dass es DEN Berliner Sound gar nicht gibt. Es gibt viele verschiedene. Wer schon mal im einschlĂ€gigen Plattenladen gearbeitet hat oder als Radio-DJ, der weiĂ das. Immer wieder fragen Leute nach dem âBerliner Soundâ und meinen komplett Unterschiedliches. FĂŒr den einen sind das melodie- und synthesizerlastige Electro-Tracks. FĂŒr den anderen harter Techno mit Detroit-Einschlag. Oder sehr minimalistische Musik, selbst wenn sie sich auf einem Sampler namens âThe Sound of Cologneâ tummelt und auch aus Köln stammt.
In den letzten Jahren war es allerdings meist genau dieser minimale Sound, der Minimal Techno, der mit Berlin in Verbindung gebracht wurde. Beats, BĂ€sse, Geklicker, sehr reduzierte, monotone Musik mit hypnotischer Wirkung, UrsprĂŒnglich in Detroit erfunden, aber wie geschaffen fĂŒr eine Stadt, die keine Sperrstunde kennt und die das Partywochenende gerne am Sonntagnachmittag oder Montagmorgen ausklingen lĂ€sst. Aber Minimal Techno ist eben nicht die einzige Art von Musik in Berlin. Gernot Bronsert, er ist ein Teil des sehr wild und laut und international sehr erfolgreich agierenden Duos Modeselektor, fĂŒhlt sich sogar beleidigt, wenn der Berliner Sound darauf reduziert wird. Ihn nervt der Hype, den sich âirgendjemand ausgedacht hat, eine kleine Gruppe von zugereisten DJs und Produzenten, nur weil das zwei oder drei After-Hour-Partys sindâ.
So klein ist dieser Kreis von Zugereisten aber gar nicht. In den letzten Jahren gab es in Berlin eine regelrechte Invasion von DJs und Produzenten. Der kanadische Plattenaufleger Konrad Black soll einmal bei einem seiner Sets im Watergate gesagt haben: Wenn jetzt eine Bombe explodierte, dann wÀre fast die komplette kanadische Techno-Riege ausradiert. Alle leben in Berlin, alle waren in dieser Nacht in dem Club mit Spreeblick. Dann sind da noch die Italiener, die Spanier, die gesamte Clique rund um Richie Hawtin und sein Minus-Label. Dazu der chilenischstÀmmige Ricardo Villalobos als Ausnahmegestalt der Berliner Techno-Szene. Und und und.
Sie alle prĂ€gen den Berliner Klang und dĂŒrften umgekehrt vom griffigen Begriff des âSound of Berlinâ profitieren: Feiersuchende kommen hierher und fĂŒllen die Clubs. Veranstalter in der ganzen Welt buchen die DJs aus der Stadt. Nico SchĂ€fer, er ist fĂŒr viele von ihnen mit seinem âRotation Recordsâ-Laden der PlattenhĂ€ndler des Vertrauens, hĂ€lt die Vermarktungsnummer fĂŒr fragwĂŒrdig: âWenn du Leute erreichen willst, die nicht so eine Ahnung haben, die nicht so in der Szene drin sind, dann ist das O.K.â Was ihn an der Ministry of Sound-Compilation stört: âDass da Sachen zusammengefasst werden, die inhaltlich nicht besonders viel miteinander zu tun haben.â Ein Teil der Tracks ist ursprĂŒnglich auf Berliner Labels wie Mobilee und Connaisseur veröffentlicht worden, ein Teil der Musiker lebt in Berlin, einige aber kommen nur ab und zu zum Auflegen in die Stadt.
Menschen verĂ€ndern sich. Moden verĂ€ndern sich. KlĂ€nge verĂ€ndern sich. Sina Jantsch hat sehr schöne Tracks ausgewĂ€hlt, aber das ein wenig wahllos. âSound of Berlinâ ist eine Momentaufnahme. Und bald schon wieder Vergangenheit. Die Reise geht ohnehin seit einiger Zeit woanders hin: Minimal, lange Zeit dominant, ist langweilig geworden, lĂ€uft sich langsam tot. House, die organischere, melodischere Seite der elektronischen Musik, feiert seit einiger Zeit ein Comeback. Wir warten also auf eine neue Compilation. Arbeitstitel: The House Sound of Berlin.
Dieser Artikel ist ursprĂŒnglich im Berliner âTagesspiegelâ erschienen. Mehr Geschriebenes von Martin Böttcher auf seiner Seite www.technoarm.de
Martin Böttcher bei ByteFM:
Electro Royale, immer Samstag von 20-22 Uhr.
Time Tunnel, immer Dienstag von 17-18 Uhr.
Oliver Kalkofe im ByteFM Mixtape
01.10.2009 von Martin Böttcher
Mixtape mit Oliver Kalkofe. Aufgeregt. Na ja, „freudig erregt“ trifft es besser. Und ich wurde nicht enttĂ€uscht. Aber der Reihe nach: „Du“ oder „Sie“? – diese Frage steht ganz am Anfang des Mixtapes, das Oliver Kalkofe und ich zusammen im kleinen, aber kahlen BĂŒro seiner PR-Menschen aufgezeichnet haben. Er entschied sich fĂŒr das „Du“ und alles andere wĂ€re auch eine echte EnttĂ€uschung gewesen.
Was ich nicht wusste, und was fĂŒr einen Menschen, der vor allem fĂŒr seine respektlosen und sehr lustigen Fernsehverarsche bekannt ist, nicht selbstverstĂ€ndlich ist: Oliver Kalkofe ist ein Musik-Freak. Also nicht nur, dass er sich fĂŒr TV-Melodien und Soundtracks begeistert, nein, der Typ (der ĂŒbrigens gar nicht so groĂ und auch gar nicht so dick ist, wie ich gedacht habe) kennt sich auch aus. Und er redet und redet und redet, aber so, dass es SpaĂ macht, ihm zuzuhören. Besonders schön wird es, wenn er ĂŒber seine Lieblingsband Madness redet.
Tolle Geschichten – ich wusste zum Beispiel nicht, dass Kalkofe schon mal eine Single von Madness finanziert hat. Und auch nicht, wie chaotisch es dabei zuging. Meine absolute Lieblingsstelle in diesem Mixtape aber ist, wenn Olli ĂŒber die Schwierigkeiten redet, die er mit dem Titel seines Films „Der Wixxer“ hatte. Da versteht Medien-Deutschland keinen SpaĂ. Er schon, zum GlĂŒck.
Die Sendung lÀuft am Freitag ab 17 Uhr, weitere Infos hier







