Meine 80er

15.07.2010 von Martin Böttcher  

Es war einmal …
Über die “Super-Nanny” muss ich lachen. Wahrheitsverdrehungen a la “Bild”? Selber schuld, wer daran glaubt. “Prominent”, “Brisant”, “Goodbye Deutschland”, “Nur die Liebe zĂ€hlt”, “Bauer sucht Frau”, “Vermisst” – alles schon mal gesehen, also nicht mal ignorieren.

Bin ich also völlig abgestumpft? Nein, denn eine Art von Sendung ruft immer, wenn ich auf sie stoße, heftige Abneigung bei mir hervor: 80er-Jahre-Shows. Egal, ob da nun die Musik im Mittelpunkt steht oder nur ein Teil des Ganzen ausmacht. Die 80er, die da gezeigt werden, sind völlig andere 80er, als die, die ich kenne. Meine 80er waren nicht lĂ€cherlich und albern, sie haben nichts mit Schulterpolstern zu tun, sie waren aufregend und heftig.

Am Anfang war ich noch nicht einmal in der PubertĂ€t, am Ende hatte ich meine erste eigene Wohnung, ein erstes Mal ein gebrochenes Herz, eine erste Ahnung davon, dass ich vielleicht mal Journalist werden wĂŒrde. Dazwischen lagen: Abitur, vier oder fĂŒnf verschiedene Haarfarben, Dschungel, Cri Du Chat und Linientreu, PrĂŒgeleien, Ärger mit der Polizei, bemalte WĂ€nde, Gerichtsverfahren, ein Skateboard, Reisen ins ersehnte London, Abtauchen in jugendliche Subkulturen. Das manchmal sehr normale, manchmal etwas extremere Leben eines West-Berliner Jugendlichen aus behĂŒteten VerhĂ€ltnissen, fĂŒr den Musik eine große Rolle spielte.

Zu wem gehörte man? Was wollte man sein? Was fĂŒr GefĂŒhle erschĂŒtterten einen? Musik half, die Antworten auf solch existentielle Fragen zu finden. Mir jedenfalls. Das hatte nichts mit den 80ern zu tun, das hatte mit mir zu tun. Einen Bruchteil der Musik, die mich damals beschĂ€ftigte – und wirklich nur einen Bruchteil – habe ich in einen zweistĂŒndigen Mix gepackt. Die Songs haben fast alle eine gewisse melancholische Grundstimmung. Zum Teil habe ich sie erst Jahr nach ihrer Veröffentlichung entdeckt. Zum Teil haben sie mich bis heute begleitet.

Meine Neue Deutsche Welle waren nicht Nena und Markus und Spider Murphy Gang, meine NDW waren DAF und Nichts und Xmal Deutschland. Depeche Mode war fĂŒr mich eine Zeit lang die beste Band der Welt. Und ihr bester Song war fĂŒr mich die B-Seite ihrer ersten Single. Devo schlummerten lange im Plattenschrank meines großen Bruders, bevor ich sie fĂŒr mich entdeckte. Dass Robert Palmer einen der schönsten Songs der 80er gemacht hatte, entdeckte ich etwa 2005. Damals lief der Song bei einem Oldie-Sender, fĂŒr den ich ab und zu arbeitete. Ein schottisches Frauenduo, das auf poppig-elektronische Weise die Country-SĂ€ngerin Dolly Parton coverte, begleitete mich ein gutes Jahr. Und ĂŒberzeugte vor allem mit den ruhigeren Songs die MĂ€dchen, denen ich Mixtapes aufnahm, von meiner sensiblen Seite. Soft Cell und Blancmange, Yazoo und Visage, Japan und Fun Boy Three, Grace Jones und der Tom Tom Club, Fehlfarben, Boytronic, die Tubeway Army, New Order, Sisterhood und Jona Lewis – sie alle und das Knistern der Platten, auf denen die Songs zu finden sind, ergeben eine 120 Minuten langen Mix, der mir heute nicht mehr viel, aber damals fast alles bedeutete. Gute Musik ist es bis heute geblieben, finde ich.

Den zweistĂŒndigen Back to the 80s Time Tunnel Mix hört Ihr diesen Samstag ab 23 Uhr.

SXSW – It’s all over now!

Bands ohne Ende. Karnevalsstimmung auf der Kneipenmeile. Wenig Schlaf. Viel Tex-Mex-Food. Businesshotels, die zu Clubs werden. Super-Konzerte vor fĂŒnf Zuschauern. „Wo bist Du?“ Und wo bin eigentlich ich?

Ein paar Momentaufnahmen von der SXSW. Vier Buchstaben, hinter denen sich ein riesiges, und eines der wichtigsten Musikfestivals plus Messe plus Konferenz verbirgt: South By Southwest Music in Austin, Texas. Nicht zu verwechseln mit der SXSW Interactive und SXSW Film, die nÀmlich sind gerade zu Ende gegangen, wenn es mit der South By Music losgeht.

Es war mein erstes Mal (das erste Mal SXSW und das erste Mal Music Conference ĂŒberhaupt): fĂŒnf Tage in einer Stadt im Ausnahmezustand: Fast 2000 Bands auf 80 offiziellen und etlichen inoffiziellen BĂŒhnen. Spontane Konzerte auf dem BĂŒrgersteig, Diskussionen und Business-Talks – na ja, eben Festival und Messe und Konferenz.

Weil mir das nicht ganz klar war, ich es aber spannend finde, hier eine kurze ErklĂ€rung, wie das alles so vor sich geht. Das wichtigste: The Badge, der Ausweis, der einen, theoretisch zumindest, in alle Konzerte, zu allen Diskussionen, Reden und VortrĂ€gen und in Plattenbörse, Gitarrenausstellung und so weiter hineinbringt. The Badge kostet 750 Dollar, Journalisten können unter UmstĂ€nden einen fĂŒr umsonst abstauben.

2000 Bands und Dutzende Diskussionen in fĂŒnf Tagen bedeuten zwangslĂ€ufig: Niemand kann alles sehen. Ich auch nicht, dazu kam auch noch, dass ich fĂŒr verschiedene Zeitungen und Radiostationen BeitrĂ€ge von der SXSW machen konnte. In einer mathematischen Gleichung heißt das: Musik plus Arbeit plus verlorenes GepĂ€ck plus technische Schwierigkeiten gleich wenig Schlaf plus nicht so viele Bands.

Was die Bands angeht: Weil die Initiative Musik (eine Einrichtung der Bundesregierung, die Popmusik aus Deutschland fördert) sich dieses Jahr ziemlich engagiert hat, konnten vierzehn Bands aus Deutschland bei der SXSW auftreten. Man fĂ€hrt hier nĂ€mlich nicht so einfach hin: Man muss angemeldet werden, selbst bei nur einem einzigen Auftritt werden vor der Einreise 2000 Dollar Auftrittsteuer fĂ€llig, man muss wohnen, herfliegen, die Instrumente rĂŒberschaffen. Und Austin ist noch mal eine ganze Ecke weiter weg von Deutschland als New York.

Ich habe vier deutsche Bands live in Austin gesehen: Nneka, die Kilians, Matias Aguayo und RĂ€uberhöhle. Außerdem kurze DJ-Sets von Heidi und Tobias Thomas mitbekommen. RĂ€uberhöhle ist ein Electro-Punk-Projekt aus Berlin, sehr Casio-mĂ€ĂŸig, aber extrem schrĂ€g. Zwischen den Songs nĂ€mlich spielt RĂ€uberhöhle-Mastermind Krawalla (blonde lange Zöpfe, bunte gepunktete StrĂŒmpfe, pinkfarbenen T-Shirts und lustige Hopse-TĂ€nzerin) Puppentheater. Der Laden, in dem Frau Krawalla alias RĂ€uberhöhle auftrat, war eher eine Art Bar mit BĂŒhne, der Soundmensch nicht besonders interessiert – und trotzdem fand ich es super, weil super-schrĂ€g.

Ziemlich professionell: Nneka, in Hamburg wohnende Hip-Hop-/Pop-/SoulsĂ€ngerin mit deutschen und nigerianischen Wurzeln. Die Amis (und der Rest der Musikwelt) standen Schlange, um sie live bei einem ihrer fĂŒnf Auftritte in Austin zu sehen – sieht so aus, als wĂŒrde da eine grĂ¶ĂŸere Karriere losgehen. Nur komisch, dass sie keine Interviews auf Deutsch geben wollte. HĂ€ngt wahrscheinlich auch mit der angepeilten großen internationalen Karriere zusammen.

Die Kilians: Tja, kann ich gar nicht so viel zu sagen. Nur soviel: Der Soundcheck dieser jungen Indie-Band dauerte gefĂŒhlte 400 Stunden zu lang. So gewinnt man hier keine Freunde.

Matias Aguayo: Was fĂŒr ne coole Sau! Legt Cds mit Beats auf uns singt dazu, irgendwie die perfekte Symbiose aus deutschem TechnogefĂŒhl und lateinamerikanischer Lockerheit.

Tobias Thomas: Musste zuerst ohne Plattenspieler auskommen. In den USA bringt man angeblich seine eigenen Systeme mit. Vielleicht ist so zu erklĂ€ren, warum er zunĂ€chst eher alte Sachen von vor vier, fĂŒnf Jahren gespielt hat. Dann wurde es sehr viel besser.

Heidi: Amerikanischer DJ, die in Berlin wohnt. Und nicht umsonst so einen guten Namen hat. Die letzten drei haben ĂŒbrigens auf einer echt gelungenen Veranstaltung in Austin gespielt: Der „Wunderbar – Lunch with the Germans“. Eigentlich ein Treffen fĂŒr Musikbusinessleute, die mit ihren deutschen Kollegen in Kontakt treten wollten. Aber eben mit guter elektronischer Tanzmusik, Alkohol, einer Terrasse, Sonne und Essen, das zwei eingeflogene Köche der legendĂ€ren Berliner Bar 25 gekocht hatten (Gurkensuppe, Buletten, Schweinebraten, Knödel, Kalbsbraten, Kartoffelpuffer und Rote GrĂŒtze). Erinnerte irgendwie an relaxte Sonntagnachmittage am Love-Parade-Wochenende im sonnigen Berlin und war vielleicht die coolste Veranstaltung der ganzen SXSW (aber, wie gesagt, ich habe ja nur einen Bruchteil gesehen).

Ansonsten: Tolle Punkband gesehen und gehört, aber ihren Namen nicht erfahren. Werde ich wohl nie wieder sehen. Ein Duo erlebt, das seinem Namen alle Ehre gemacht hat: Ferocious Few. Und eine extrem sympathische und gute Band namens Surfer Blood entdeckt und mich ein bisschen in die verliebt.

Ich sehe schon, das wird hier ganz schön lang. Also noch ganz kurz, was amerikanische Music-Business-People deutschen Bands raten, um es in den USA zu schaffen. Eigentlich ganz einfach: LANGE VOR einer Tour versuchen, ĂŒber das Netz ganz gezielt Musikinteressierte aus den jeweiligen Regionen finden und von sich ĂŒberzeugen. Mit Albumpromotion lange vor dem eigentlichen Veröffentlichungstermin anfangen. Und dann: Touren, touren, touren – nur so besteht die Chance, es zumindest ein bisschen zu schaffen. Oder so Ă€hnlich.

Und noch eins: Wer jemals zu einer Music Conference wie der SXSW fahren sollte: Auf jeden Fall an einer der öffentlichen Demo-Sessions teilnehmen: Bands werfen vor einer solchen Veranstaltung ihre Demo-CDs in eine Kiste, wenn sie GlĂŒck (oder, je nach Perspektive, auch Pech) haben, wird ihre CD gezogen, ein Song angespielt und dann von Musikprofis aus der Branche kommentiert und analysiert. Ging sehr gesittet zur Sache, die zehn Songs, die da in einer Stunde geschafft wurden (von Techno-Pop, Folk, Hip Hop bis hin zu Metal), waren technisch ganz schön gut, aber von der Art her eher nach dem Motto „schon tausend Mal woanders so oder fast genauso gehört).

Fazit: NĂ€chstes Mal weniger arbeiten, mehr Bands sehen, mehr Diskussionen zu Themen wie „Wie hören wir Musik im Jahr 2020?“ und „Social Media for Musicians“ mitnehmen – und das GepĂ€ck nicht verlieren. Yeah!

Dieser unter weitere Artikel findet Ihr auf Martin Böttchers Homepage www.technoarm.de.

Mein erstes Mal GZSZ

17.12.2009 von Martin Böttcher  

Ich bin das, was man einen echten Teilzeit-Fan der RTL-Vorabend-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ nennt: Von 4388 bis zum 11. Dezember ‘09 ausgestrahlten Folgen habe ich 0,8 Folgen gesehen. Folge 4388 war also mein erstes Mal. Das hatte einen Grund: Techno!

Pia – ich fange jetzt nicht an, die einzelnen Darsteller und ihre Rollen bei GZSZ zu erklĂ€ren, wozu auch? – Pia jedenfalls ist DJ und konnte in einem Club auflegen. Genau genommen ist Pia DJane, so sagt sie es zumindest selbst, aber man möchte ihr zurufen: „Nein, Pia, die Jane bist Du nicht, die ist die Braut von Tarzan!“ Aber das wĂ€re ja platt. Pia also legt Platten in einem Club auf, den ich leider nicht identifizieren konnte, schön im Keller, und ich dachte mir beim Zuschauen, dass es diese Szenen verdienen, etwas nĂ€her betrachtet zu werden. Fundierte Medienanalyse haben sie verdient! Und sollen sie bekommen – und ihr auch, inklusive der Filmausschnitte, deren HandlungsstrĂ€nge zusammengeschnitten noch deutlicher werden. Den Anfang macht Pia, wir beobachten dieses junge, etwas naive MĂ€dchen beim Auflegen:


30 Sekunden, die DJ Pia zeigen. Erst ernst, dann ganz vergnĂŒgt. Etwas ist geschehen. Drogen? Könnte natĂŒrlich sein, in dem Moment, als eine andere, hier rausgeschnittene Szene die Clubgeschichte unterbricht (da war sogar irgendein Streit unter Dealern oder Ex-Dealern in einem Kiosk am anderen Ende der Stadt), könnte sie eine Pille geklinkt oder eine Nase genommen haben. Aber, wie gesagt, man sieht es nicht. Gehen wir also davon aus, dass es etwas mit der Musik zu tun hat: Die erste Platte (scheint was von Paul Kalkbrenner zu sein, aber nicht „Sky and Sand“) reißt noch niemanden mit, aber als Pia den „Bass Generator“ auflegt, geht‘s ab, verdammt noch mal! Glaubt ihr nicht? Dann bitte mal die TĂ€nzer anschauen:


Ein paar Beobachtungen dazu: Mir scheinen das ziemlich wenig GĂ€ste zu sein. Schön, dass der „Pfeifer“ auch dabei ist (in Berlin, vor allem im „Cookies“ und „Crackers“, treibt sich ein anderer, aber Ă€hnlich lauter und ausdauernder Pfeifer herum, der gerne auf dem Tresen tanz). Coole Frisur hat der dunkelhaarige Hip-Hop-Fan, der kurz zu sehen ist. Ein Typ gefĂ€llt mir besonders, drei Mal dĂŒrft ihr raten, welcher….

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Sinfonie einer Großstadt

Ist er das, dieses „Diiiiiit, Diiiiit, Diiiiit, Diiiiit“ kurz bevor sich die U-Bahn-TĂŒren schließen? Oder doch eher das andere, das „Niiiiii Nii Niiiiiiiiii“ der Schwester S-Bahn? Welches ist der „Sound of Berlin“? Eine Frage, die der Clubszene ein durchgefeiert-verzerrtes SonntagnachmittaglĂ€cheln entlockt. Schließlich ist sie lĂ€ngst beantwortet. Martin Böttcher versucht, sich mit dem Ergebnis anfreunden.

Sina Jantsch hat es geschafft. Sie hat den „Sound of Berlin“ eingefangen. Jetzt, da sie ihn auf zwei CDs gebrannt ist, kann er nicht mehr entkommen. Der „Sound of Berlin“, so wie sie ihn versteht, ist ziemlich minimal, cluberprobt und Techno. Sina Jantsch, das muss man vielleicht erst einmal erklĂ€ren, ist 22 Jahre alt und arbeitet bei einem Plattenlabel. Und zwar bei einem, fĂŒr das die Frage nach Kommerz stets wichtiger war als die Frage nach Stil: Ministry of Sound Germany hat KĂŒnstler wie Shaggy, Robyn und Bob Sinclair unter Vertrag, ist aber vor allem fĂŒr seine Compilations bekannt. Die tragen dann Namen wie „Viva Club Rotation“ (aktuelle Nummer: 42) oder „Ibiza 2009“ und passen normalerweise besser in die Großraumdisco als in die Berliner Clubs.

Jetzt ist es umgekehrt. 20 Tracks hat Sina Jantsch zusammengesucht und unter dem Titel „Sound of Berlin“ zusammengefasst. Die Compilation erscheint erst einmal als MP-3-Sampler, ob spĂ€ter auch noch mehr als nur ein paar Promotion-CDs gepresst werden, hĂ€ngt davon ab, wie erfolgreich sich das Ganze verkauft. Die Chancen stehen ganz gut: Berlins Ruf als Partystadt, als Hauptstadt der Clubs, ist legendĂ€r – jetzt liegt der Berliner Wochenendwahnsinn nur wenige Clicks entfernt von Tokio oder Sydney, von Freiburg oder Leipzig. Denn der griffige Titel ist vor allem eins: Ein Marketinginstrument, er soll helfen, Musik zu verkaufen. „Der Begriff macht neugierig“, heißt das bei Sina Jantsch, Berlin sei schließlich eine coole Stadt.

Wenn wir schon von „cool“ reden: Das coolste an Berlin ist natĂŒrlich, dass hier tausend verschiedene Sachen stattfinden. Aber das bedeutet, dass es DEN Berliner Sound gar nicht gibt. Es gibt viele verschiedene. Wer schon mal im einschlĂ€gigen Plattenladen gearbeitet hat oder als Radio-DJ, der weiß das. Immer wieder fragen Leute nach dem „Berliner Sound“ und meinen komplett Unterschiedliches. FĂŒr den einen sind das melodie- und synthesizerlastige Electro-Tracks. FĂŒr den anderen harter Techno mit Detroit-Einschlag. Oder sehr minimalistische Musik, selbst wenn sie sich auf einem Sampler namens „The Sound of Cologne“ tummelt und auch aus Köln stammt.

In den letzten Jahren war es allerdings meist genau dieser minimale Sound, der Minimal Techno, der mit Berlin in Verbindung gebracht wurde. Beats, BĂ€sse, Geklicker, sehr reduzierte, monotone Musik mit hypnotischer Wirkung, UrsprĂŒnglich in Detroit erfunden, aber wie geschaffen fĂŒr eine Stadt, die keine Sperrstunde kennt und die das Partywochenende gerne am Sonntagnachmittag oder Montagmorgen ausklingen lĂ€sst. Aber Minimal Techno ist eben nicht die einzige Art von Musik in Berlin. Gernot Bronsert, er ist ein Teil des sehr wild und laut und international sehr erfolgreich agierenden Duos Modeselektor, fĂŒhlt sich sogar beleidigt, wenn der Berliner Sound darauf reduziert wird. Ihn nervt der Hype, den sich „irgendjemand ausgedacht hat, eine kleine Gruppe von zugereisten DJs und Produzenten, nur weil das zwei oder drei After-Hour-Partys sind“.

So klein ist dieser Kreis von Zugereisten aber gar nicht. In den letzten Jahren gab es in Berlin eine regelrechte Invasion von DJs und Produzenten. Der kanadische Plattenaufleger Konrad Black soll einmal bei einem seiner Sets im Watergate gesagt haben: Wenn jetzt eine Bombe explodierte, dann wÀre fast die komplette kanadische Techno-Riege ausradiert. Alle leben in Berlin, alle waren in dieser Nacht in dem Club mit Spreeblick. Dann sind da noch die Italiener, die Spanier, die gesamte Clique rund um Richie Hawtin und sein Minus-Label. Dazu der chilenischstÀmmige Ricardo Villalobos als Ausnahmegestalt der Berliner Techno-Szene. Und und und.

Sie alle prĂ€gen den Berliner Klang und dĂŒrften umgekehrt vom griffigen Begriff des „Sound of Berlin“ profitieren: Feiersuchende kommen hierher und fĂŒllen die Clubs. Veranstalter in der ganzen Welt buchen die DJs aus der Stadt. Nico SchĂ€fer, er ist fĂŒr viele von ihnen mit seinem „Rotation Records“-Laden der PlattenhĂ€ndler des Vertrauens, hĂ€lt die Vermarktungsnummer fĂŒr fragwĂŒrdig: „Wenn du Leute erreichen willst, die nicht so eine Ahnung haben, die nicht so in der Szene drin sind, dann ist das O.K.“ Was ihn an der Ministry of Sound-Compilation stört: „Dass da Sachen zusammengefasst werden, die inhaltlich nicht besonders viel miteinander zu tun haben.“ Ein Teil der Tracks ist ursprĂŒnglich auf Berliner Labels wie Mobilee und Connaisseur veröffentlicht worden, ein Teil der Musiker lebt in Berlin, einige aber kommen nur ab und zu zum Auflegen in die Stadt.

Menschen verĂ€ndern sich. Moden verĂ€ndern sich. KlĂ€nge verĂ€ndern sich. Sina Jantsch hat sehr schöne Tracks ausgewĂ€hlt, aber das ein wenig wahllos. „Sound of Berlin“ ist eine Momentaufnahme. Und bald schon wieder Vergangenheit. Die Reise geht ohnehin seit einiger Zeit woanders hin: Minimal, lange Zeit dominant, ist langweilig geworden, lĂ€uft sich langsam tot. House, die organischere, melodischere Seite der elektronischen Musik, feiert seit einiger Zeit ein Comeback. Wir warten also auf eine neue Compilation. Arbeitstitel: The House Sound of Berlin.

Dieser Artikel ist ursprĂŒnglich im Berliner „Tagesspiegel“ erschienen. Mehr Geschriebenes von Martin Böttcher auf seiner Seite www.technoarm.de

Martin Böttcher bei ByteFM:
Electro Royale, immer Samstag von 20-22 Uhr.
Time Tunnel, immer Dienstag von 17-18 Uhr.

Oliver Kalkofe im ByteFM Mixtape

01.10.2009 von Martin Böttcher  

Mixtape mit Oliver Kalkofe. Aufgeregt. Na ja, “freudig erregt” trifft es besser. Und ich wurde nicht enttĂ€uscht. Aber der Reihe nach: “Du” oder “Sie”? – diese Frage steht ganz am Anfang des Mixtapes, das Oliver Kalkofe und ich zusammen im kleinen, aber kahlen BĂŒro seiner PR-Menschen aufgezeichnet haben. Er entschied sich fĂŒr das “Du” und alles andere wĂ€re auch eine echte EnttĂ€uschung gewesen.

Was ich nicht wusste, und was fĂŒr einen Menschen, der vor allem fĂŒr seine respektlosen und sehr lustigen Fernsehverarsche bekannt ist, nicht selbstverstĂ€ndlich ist: Oliver Kalkofe ist ein Musik-Freak. Also nicht nur, dass er sich fĂŒr TV-Melodien und Soundtracks begeistert, nein, der Typ (der ĂŒbrigens gar nicht so groß und auch gar nicht so dick ist, wie ich gedacht habe) kennt sich auch aus. Und er redet und redet und redet, aber so, dass es Spaß macht, ihm zuzuhören. Besonders schön wird es, wenn er ĂŒber seine Lieblingsband Madness redet.

Tolle Geschichten – ich wusste zum Beispiel nicht, dass Kalkofe schon mal eine Single von Madness finanziert hat. Und auch nicht, wie chaotisch es dabei zuging. Meine absolute Lieblingsstelle in diesem Mixtape aber ist, wenn Olli ĂŒber die Schwierigkeiten redet, die er mit dem Titel seines Films “Der Wixxer” hatte. Da versteht Medien-Deutschland keinen Spaß. Er schon, zum GlĂŒck.

Die Sendung lÀuft am Freitag ab 17 Uhr, weitere Infos hier