!!! – „Strange Weather, Isn’t It?“

16.08.2010 von  

VĂ–: 20.07.2010
Web: http://www.myspace.com/chkchkchk
Label: Warp

War nicht schon in der letzten Albumrezension die Rede davon, dass das Musikjahr 2010 erstaunliche Parallelen zum Super-Musikjahr 2007 aufweist? Und ging es dabei nicht auch schon um coole Album-Opener? Hieran schlieĂźen !!! nahtlos an.

Knapp dreieinhalb Jahre sind seit dem Erscheinen des hervorragenden Albums „Myth Takes“ vergangen. Und wenn man es nicht besser wĂĽsste, könnte man denken, !!! hätten dessen etwas poppigere Seite („Must Be The Moon“, „Heart Of Hearts“) aufgegriffen und auf ihrem vierten Album „Strange Weather, Isn’t It?“ konsequent zu Ende gedacht. Dabei hat die Band in den letzten drei Jahren tatsächlich einen enormen Veränderungsprozess erlebt. Co-Sänger John Pugh verlieĂź !!! bereits in 2007, und inzwischen sind auch Tyler Pope und Justin Van Der Volgen, die zum Teil noch an der Entstehung von „Strange Weather, Isn’t It“ beteiligt waren, von Bord gegangen. Zu allem Ăśberfluss ist dann auch noch !!!s ehemaliger Drummer Gerhardt „Jerry“ Fuchs im November 2009 tödlich verunglĂĽckt.

All das merkt man „Strange Weather, Isn’t It?“ nicht an. Vom betont coolen Opener und Sommerhit „AM/FM“ bis zum letzten CD-Track „The Hammer“, an dessen Aufnahme Jerry Fuchs noch mitgewirkt hat, ist das Album unverschämt funky und catchy. Eindrucksvoll, mit welcher Lässigkeit und Selbstverständlichkeit hier ein wunderbarer Groove nach dem anderen erzeugt wird. Was auf den ersten beiden Alben “!!!“ (2001) und „Louden Up Now“ (2004) noch rau klang, war auf „Myth Takes“ (2007) schon erheblich glatter und ist auf „Strange Weather, Isn’t It?“ nun hochglanzpoliert. Dieses Album zielt konsequent auf die Tanzfläche. Sei es der unterstĂĽtzende Gesang von Shannon Funchess, sei es das gelegentlich eingesetzte Saxophon, sei es der Sound der Gitarren – die VersatzstĂĽcke mögen innerhalb des musikalischen Genres bekannt erscheinen, aber nur selten wurden sie in den letzten Jahren derart gut und konzentriert auf einem Album dargebracht. Dabei lassen sich !!! auch hin und wieder zu Spielereien hinreiĂźen; so erfährt „The Most Certain Sure“ in der zweiten Hälfte des Songs quasi seinen eigenen Remix, oder man beachte beispielsweise den Ăśbergang von „Jump Back“ zu „Even Judas Gave Jesus A Kiss“. Dieser Song ist mit seiner echoartigen Gitarre ohnehin eines der Highlights, und gegen dessen Ende glaubt man sogar, eine musikalische Referenz an „Bend Over Beethoven“ zu erkennen.

Eines so ausdrĂĽcklichen Songtitels wie „Jamie, My Intentions Are Bass“ hätte es allerdings nicht bedurft, denn daran lassen !!! mit ihren fetten Bassbeats ohnehin keinen Zweifel. In „AM/FM“ singt Nic Offer: „You can turn on the radio but you can’t drown out the wind“ Am liebsten möchte man den Gegenbeweis antreten, ins Cabrio steigen und den Fahrtwind von !!!s wummerndem Bass ĂĽbertönen lassen.

„Strange Weather, Isn’t It?“ ist ein einziger groĂźer SpaĂź, quasi Tanz ohne Redundanz, denn trotz widriger Umstände, die sich seit der Veröffentlichung von „Myth Takes“ aufgetan haben mögen, gelingt !!! mit „Strange Weather, Isn’t It?“ ihr bislang konsequentestes und bestes, weil schlĂĽssigstes Album.

Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher UnterstĂĽtzung von Panasonic.

Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland – der Sendung mit den neuen Platten. Neuland wird am Sonntag zwischen 16 und 18 Uhr wiederholt.

Matthew Dear – „Black City“

VĂ–: 13.07.2010
Web: http://www.myspace.com/matthewdear
Label: Ghostly International

Es gibt sie, diese Konsens-Alben, auf die sich Menschen mit zum Teil völlig unterschiedlichen Musik-Interessen plötzlich einigen können. Im Jahr 2007 gab es mindestens zwei dieser Konsens-Alben – zum einen das selbstbetitelte DebĂĽt von Little Dragon, zum anderen „Asa Breed“ von Matthew Dear, das auf dem von ihm mitbegrĂĽndeten Label Ghostly International erschien. Die Konsensfähigkeit von „Asa Breed“ ist vielleicht damit zu erklären, dass dieses Album gegenĂĽber den eher techno- oder ambientartigen Vorgängern „Leave Luck To Heaven“ (2003) und „Backstroke“ (2004) ein ordentlicher Schritt in Richtung Pop war.

Diesen Weg geht der inzwischen 31-jährige Dear, der einzelne musikalische Arbeiten auch unter den Pseudonymen False, Audion und Jabberjaw veröffentlicht, nun mit „Black City“ konsequent weiter. Für sein neues Album hat er sich zwar drei Jahre Zeit gelassen, aber der Zeitpunkt des Erscheinens geht schon in Ordnung. War nämlich das Jahr 2007 ein ausgesprochen gutes und vielseitiges Musikjahr, zu dem Matthew Dear einen entscheidenden Beitrag leistete, entwickelt sich 2010 ähnlich spannend und aufregend, und es ist sicherlich kein Zufall, dass daran wiederum einige Bands und Künstler beteiligt sind, die schon das Jahr 2007 wesentlich mitgeprägt haben.

Auch wenn der in Texas geborene Matthew Dear als Teenager in Michigan seine musikalische Sozialisation in Form von Detroit-Techno erlebt hat, macht er mit einem unglaublichen Eröffnungs-Trio auf seinem neuen Album schnell klar, dass sein Pop auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Bereits die ersten Töne auf „Black City“ nehmen die Ohren gefangen. Stimmungsvoll und zurĂĽckhaltend liefert Dear mit „Honey“ und dessen unterschwelliger DĂĽsternis mal eben neben „It Is Not Meant To Be“ von Tame Impala den bislang coolsten Album-Opener des Jahres, wenn auch natĂĽrlich musikalisch völlig anders geartet. Der von einem (mit-)schleppenden Rhythmus getragene und mit einer herrlichen Schrägheit ausgestattete Funk von „I Can’t Feel“ erhöht das Tempo, welches schlieĂźlich im TitelstĂĽck „Little People (Black City)“ kulminiert. Matthew Dear sorgt mit geschickten Wendungen und den damit einhergehenden leichten Stimmungswechseln innerhalb ein und desselben Songs fĂĽr eine Art Dreiteilung, sodass trotz ziemlich gerader Disco-Beats ĂĽber die Dauer von neun Minuten keine Langeweile aufkommt. Der dritte und beste Teil hätte dabei mit seinen sich im Hintergrund befindlichen Tribal-Drums und den markanten Gitarrenklängen durchaus Stoff fĂĽr einen eigenen Song geboten. Wer bei der Sechseinhalb-Minuten-Marke und dem Ăśbergang zum dritten Teil des Songs keine Gänsehaut bekommt, ist selber schuld. Jedenfalls wird „Little People (Black City)“ in den nächsten Wochen gemeinsam mit „Even Judas Gave Jesus A Kiss“ von !!! um die Tanzflächen dieser Welt buhlen.

Trotz eines ziemlich klaren, im Wesentlichen elektronisch geprägten Konzepts unterwirft sich Matthew Dear keinen musikalischen Dogmen. Dies fĂĽhrt innerhalb des Konzepts zu einer groĂźen Vielfalt, kann aber auch schon mal bedeuten, dass ein Schuss daneben geht – was natĂĽrlich auch immer eine Frage des persönlichen Geschmacks ist. Vielleicht ist das ein wenig eierig wirkende „Slowdance“ unmittelbar nach dem furiosen Dreigestirn aus „Honey“, „I Can’t Feel“ und „Little People (Black City)“ einfach nur etwas ungĂĽnstig platziert, weshalb der Eindruck einer kleinen Delle entstehen mag. Ansonsten gibt es aber nix zu meckern. Matthew Dears markante tiefe Stimme fungiert als verbindendes Element der Songs, egal ob diese funky („Soil To Seed“), Beat-lastig („You Put A Smell On Me“), geisterhaft („More Surgery“) oder gar beinahe lieblich sind, wie es bei „Gem“ der Fall ist, das völlig ohne Beats auskommt, dafĂĽr aber mit einem wunderbaren Piano den wĂĽrdigen Abschluss fĂĽr dieses Album bildet.

Ob „Black City“ wie sein Vorgänger „Asa Breed“ auch das Zeug zum Konsens-Album hat, wird sich erst am Ende dieses Musik-Jahres erweisen. Die Chancen dafür stehen jedenfalls nicht schlecht.

Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher UnterstĂĽtzung von Panasonic.

Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland – der Sendung mit den neuen Platten. Neuland wird am Sonntag zwischen 16 und 18 Uhr wiederholt.

Travels – „Robber On The Run“

07.06.2010 von  

VĂ–: 11.06.2010
Web: http://www.myspace.com/travelsband
Label: Own Records

Eigentlich bringt es niemand so gut auf den Punkt wie Mona Elliott und Anar Badalov selbst. „I take comfort in the smallest things“ singen sie in ihrem wundervollen Song „Smile“ und liefern damit eine ziemlich gute Beschreibung des wohligen Gefühls, das die Musik von Travels vermittelt. Ihr drittes Album „Robber On The Run“ beginnt denn auch mit genau so einer „kleinen Sache“. Das nur einminütige Instrumental „Swimming“ setzt gleich am Anfang den richtigen Ton für die zehn Songs, die folgen.

FĂĽr die Hörer von ByteFM sind Travels keine Unbekannten. Während ihrer Europa-Tour im März 2008 waren Mona und Anar bei Ruben Jonas Schnell zu Gast im Studio und haben drei Songs gespielt (unter anderem „Haystack“ – einen Song, der bisher auf keinem ihrer Alben veröffentlicht wurde). Zudem haben sie erzählt, wie ihr musikalisches Projekt Travels entstanden ist. Mona spielte in der Band Victory At Sea, Anar war Teil von Metal Hearts. Auf einer gemeinsamen Europa-Tour der beiden Bands im Herbst 2006 haben sie sich kennen- und lieben gelernt, und kurz darauf waren Victory At Sea und Metal Hearts Geschichte.

Mona und Anar leben unweit von Boston in Somerville/Massachusetts. Mit Travels verfolgten sie zunächst eine konsequente DIY-Philosophie. Auf ihrer myspace-Seite präsentierten sie in unregelmäßigen Abständen (ausgesprochen gut produzierte) Demo-Songs und lieĂźen ihre Fans an ihrem kreativen Prozess teilhaben. Im Oktober 2007 veröffentlichten Travels in Eigenregie ihr selbstbetiteltes DebĂĽt-Album mit der Besonderheit, dass jede CD ĂĽber ein individuelles, von Mona handgefertigtes Cover verfĂĽgt. Im Februar 2009 folgte „The Hot Summer“, und erneut entschied sich das Paar dafĂĽr, die CDs selbst zu verkaufen und zu versenden. Doch Mona und Anar fĂĽhren ein normales Leben, beide haben Jobs, und man kann sich vorstellen, dass diese Art des Vertriebs ausgesprochen zeitaufwendig ist. Dies mag eine Rolle gespielt haben, als Travels sich entschieden, bei ihrem dritten Album mit einem Label zusammenzuarbeiten. „Robber On The Run“ erscheint bei der wunderbaren kleinen luxemburgischen Plattenfirma Own Records, dem musikalischen Zuhause von Uzi & Ari, Firekites, Trouble Books, Talons‘ und Jenn Ghetto alias „S“, um nur einige zu nennen.

Travels ist von Beginn ihres musikalischen Schaffens etwas gelungen, was heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr ist – sie haben einen eigenen Sound. Sie klingen nicht wie irgendjemand anders, sie klingen wie sie selbst. Die Ausgangsbasis ist durchweg minimalistisch – Gitarren und Gesang, hinzu kommen eine Drum Machine und der behutsame Einsatz von Keyboards und Samples. Dennoch hat jedes ihrer drei Alben einen eigenen Charakter, was sogar optisch durch die sehr unterschiedliche Gestaltung der Album-Cover zum Ausdruck kommt. Die Musik auf „Robber On the Run“ erscheint zwar sehr vertraut, aber auch wieder ein wenig anders. Dies mag daran liegen, dass häufiger als zuvor Pianoklänge zu hören sind. Die Songs von Mona und Anar sind zwar auch auf „Robber On The Run“ nicht sonderlich lang, aber hier befinden sich dennoch die komplettesten Zweieinhalb-Minuten-Songs, die man sich denken kann. Die Musik atmet immer noch, die Stimmung wirkt jedoch insgesamt dichter. Sie ist wiederum sehr melancholisch, aber nie depressiv, und bisweilen offenbart sich gar ein poppiger Sound, wie beispielsweise in „City Lights“. Mona und Anar singen oft gemeinsam und ihre Stimmen ergänzen sich dabei wunderbar. Die Symbiose ihrer kreativen Ideen findet gerade in der Art des Gesangs auch hörbaren Ausdruck. Es erscheint geradezu so, als sei es unausweichlich gewesen, dass diese beiden Menschen sich begegnen, um das zu tun, was sie nun tun.

Die Texte von Travels sind sehr persönlich, handeln vom alltäglichen Leben, dessen Wert man zu schätzen weiß, und von den besonderen Momenten, die man nicht missen möchte. Dies wird so charmant dargebracht, dass es absolut nachvollziehbar ist. „I take comfort in the things that I know“ bringen Mona und Anar es wieder auf den Punkt, und man kann nur kopfnickend zustimmen.
So ist „Robber On The Run“ bis jetzt Travels beste Veröffentlichung, ohne ihren wunderbaren Vorgängern dabei etwas wegzunehmen.

Jeden Tag spielen wir ein Stück aus unserem Album der Woche. Und zwar im Magazin, von Montag bis Samstag ab 15 Uhr. Am Freitag folgt die ausführliche Hörprobe ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten. Neuland wird wiederholt am Sonntag ab 16 Uhr.

Tame Impala – „Innerspeaker“

31.05.2010 von  

Tame Impala - InnerspeakerTame Impala – „Innerspeaker“
VĂ–: 25.05.2010
Web: www.myspace.com/tameimpala
Label: Modular People
Kaufen: ”iTunes"

Wir erinnern uns, als sei es gestern gewesen. Vor mehr als zehn Milliarden Jahren gelingt die Simulation des Urknalls im Kernforschungszentrum CERN nahe Genf, das Universum entsteht, und seither befinden wir uns in einer gigantischen Zeitschleife – mit dem tröstlichen Gedanken, dass ByteFM auch beim nächsten Mal, spätestens am 11. Januar 2008, auf Sendung gehen wird.

Es ist also nicht sonderlich ĂĽberraschend, dass im Verlauf von rund 4,5 Milliarden Jahren Musikgeschichte so Manches wiederkehrt. Musik aus Australien dĂĽrfte es dabei auch immer gegeben haben, dennoch verbindet man zumindest die vergangenen drei Jahrzehnte irgendwie hauptsächlich mit den wunderbaren Go-Betweens. Immerhin haben wenigstens in den letzten Jahren einige Bands auch ĂĽber Australien hinaus auf sich aufmerksam gemacht – beispielsweise Wolf & Cub, The Middle East, Firekites und insbesondere natĂĽrlich Love Of Diagrams.


Tame Impala – „Solitude Is Bliss“

Nun also Tame Impala. Drei Jungs aus Perth, also dem praktisch unbewohnten Westen Australiens (und wurden nicht auch im Westen Australiens – Achtung: angelesene KlugscheiĂźerei – Zirkon-Kristalle entdeckt, deren Alter auf etwa 4,4 Milliarden Jahre geschätzt wird?!). Vor gut zehn Jahren jedenfalls sollen Kevin Parker (Gesang, Gitarre) und Dominic Simper (Bass) bereits als 13-jährige gemeinsam musiziert haben, 2007 kam Drummer Jay Watson hinzu und Tame Impala war praktisch geboren.

Zwar ist bei Hypes immer Vorsicht geboten, ist deren Halbwertszeit in der Regel doch kaum länger als das Interesse an Urknall-Simulationen, aber dem Hype um Tame Impalas DebĂĽt-Album „Innerspeaker“ fehlt bei uns eigentlich noch eine Kleinigkeit… nämlich der Hype. Dabei hat das ByteFM-Magazin neulich schon mit dem Video zu dem herrlichen „Solitude Is Bliss“ auf „Innerspeaker“ hingewiesen. Aber was ist das hier? Eine Mischung aus Sonic Youth und Shack? Ein Mash-Up aus Stone Roses und Pale Fountains? Grizzly Bear kombiniert mit Broken Social Scene kombiniert mit Bear In Heaven kombiniert mit … was auch immer? Diese (viel zu aktuellen) Referenzen legen vermutlich wieder nur falsche Fährten, mĂĽsste man doch eigentlich den psychedelischen Rock der späten Sechziger oder frĂĽhen Siebziger bemĂĽhen. Aber wie soll das gehen, wenn eine der wenigen Erinnerungen daran ist, dass man als Siebenjähriger mit der älteren Schwester die Bravo-Charts studiert und dabei Janis Joplin oder Emerson, Lake & Palmer gehört hat. Irgendwie machen Tame Impala also Hippiemusik, und die ist hin und wieder durchaus willkommen, gerade bei Jemandem, dessen Erfahrungen mit scheinbar bewusstseinserweiternden Hilfsmitteln sich eben auf Musik und auf das Passivrauchen des Zigarettenqualms der Kolleginnen und Kollegen beschränken. Das Album-Cover von „Innerspeaker“, dass trotz weiter Landschaft einen Tunnelblick suggeriert, passt dabei schon ins Bild.

Der Low Fidelity-Sound auf „Innerspeaker“ klingt altmodisch und wirkt irgendwie doch frisch und unverbraucht. Wenn ein Album dann auch noch derart unwiderstehlich mit dem ebenso coolen wie charmanten Opener „It Is Not Meant To Be“ beginnt, kann ja nicht mehr so arg viel schief gehen. Das darauf folgende, nicht minder schöne „Desire Be Desire Go“ wurde – in leicht abgewandelter Form – zu Recht von der ersten EP auf das Album hinĂĽbergerettet, passt es doch besser in diesen Kontext. GegenĂĽber der EP gelingt der Band ihre Musik auf „Innerspeaker“ nämlich viel lockerer und selbstverständlicher – egal, ob ein Song nur gut drei Minuten („Why Won’t You Make Up Your Mind“) oder ĂĽber sieben Minuten („Runway, Houses, City, Clouds”) dauert. Und Tame Impala nehmen sich selbst dabei nicht zu ernst; so konterkarieren sie die im Song „Bold Arrow Of Time“ durchaus vorhandene Rock-Pose der unangenehmeren Art einfach mit einem Anhängsel aus akustischer Gitarre und Synthesizer-Klängen. Auch beim tollen „Expectations“ wird der eigentlich viereinhalbminĂĽtige Song um ein anderthalb Minuten dauerndes Irgendwas ergänzt – aber es funktioniert eben. Und das ist der Punkt: dieses Album flieĂźt von Beginn bis Ende rund und unverkrampft. So ertappt man sich dabei, plötzlich wieder Luftgitarre oder gar Luftschlagzeug zu spielen und froh darĂĽber zu sein, dass niemand in der Nähe ist („Solitude Is Bliss“, sozusagen).

Keine Ahnung, wie lange die Freude an „Innerspeaker“ anhalten wird. Augenblicklich ist sie jedenfalls groĂź, und hoffentlich erinnere ich mich daran, wenn ich in zig-Milliarden von Jahren wieder an dieser Rezension schreiben werde…

Angil And The Hiddentracks – „The And“

24.05.2010 von  

PicastroAngil And The Hiddentracks – „The And“
VĂ–: 06.05.2010
Web: www.myspace.com/angilandthehiddentracks
Label: We Are Unique Records
Kaufen: ”iTunes"

„Wie fühlt sich das an, angeschrien zu werden auf rumänisch, zwei Stunden lang, drei Stunden lang, zwölf Stunden lang, auf dem zwölfstündigen rumänischen Schrei-Festival?“ Keine Ahnung, und von Angil And The Hiddentracks gibt es auf ihrem aktuellen Album „The And“ auch keine Antwort, aber diese Textpassage aus ihrem hervorragenden Song „Lipograms“ mag ein wenig veranschaulichen, wie diese Franzosen ticken.

Hinter dem Pseudonym Angil verbirgt sich Mickaël Mottet aus St. Etienne, und The Hiddentracks sind ein Musiker-Kollektiv mit einer interessanten Mischung aus Holz-und Blechbläsern, hinzu kommen Drums, Keyboards, Violine und ein Kontrabass. Im Jahr 2007 hatte die Band ihr Album „Oulipo Saliva“ auf dem kleinen französischen Label mit dem selbstbewussten Namen „We Are Unique!“-Records veröffentlicht. Als es dann Ende 2008 vom schottischen Label “Chemikal Underground“ in einem etwas größeren Rahmen herausgebracht wurde, erlangte „Oulipo Saliva“ auch bei uns einige Aufmerksamkeit, und zwar nicht nur, weil die Musik ohne E-Dur-Akkorde auskommen musste, sondern auch wegen der weitgehenden Abwesenheit des Buchstaben „E“, der selbst im Bandnamen fehlte (Angil + Hiddntracks).

Das „E“ ist inzwischen zurück, an der verdienten Aufmerksamkeit mangelt es jedoch leider noch ein wenig, ist „The And“ doch wieder „nur“ auf „We Are Unique!“-Records erschienen. Dabei ist das „Und“ auf dem neuen Album Programm, denn neun der elf Songs sind Duette. Mickaël Mottet, der übrigens ein angenehm unfranzösiches Englisch singt, wird dabei unter anderem von Label-Kollegin Raymonde Howard (bürgerlich Lætitia Fournier), Jim Putnam (Radar Bros), Lætitia Sadier (Stereolab) und Emma Pollock (ehemals bei den Delgados) begleitet.

So gelingt auf „The And“ mit einer Mischung aus Pop und Jazz das Kunststück eines abwechslungsreichen und dennoch homogenen Albums mit einem zwischen Spannung und entspannung pendelnden Charakter. Die Duette werden den Gästen dabei durchaus gerecht. „Kira #2“ mit Lætitia Sadier könnte ein Stereolab-Song sein (allerdings ohne Elektronik), das mit einem Zitat aus Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm „Sunrise“ (1927) beginnende „Sail Home“ würde auch auf einem Album der Radar Bros eine gute Figur machen, denn Jim Putnam singt selbstverständlich in seiner sanften, lakonisch-entspannten Art. Lediglich das weitgehend poppig-melancholische „Unbroken Hearts“ würde sich in dieser Form womöglich nicht auf einem Emma Pollock-Album wiederfinden, zumal die letzten zwei Minuten den Instrumenten gehören.

Der Reiz von „The And“ liegt eben in diesen Spannungsfeldern. Der Gesang von Mickaël Mottet und der belgischen Künstlerin Valérie Leclercq (alias Half Asleep) im Song „In The Attic“ ist Pop, der Beginn des Songs wirkt jedoch wie Kammermusik, die dann allerdings von einer bedrohlichen Bläserkulisse im Stil der längst nicht mehr bestehenden britischen Band Moonshake übertönt wird. Das deutlich lässigere „Thelma Or Louise?“, bei dem Mottet von der Französin Françoiz Breut begleitet wird, beginnt hingegen fast wie ein Kinderlied mit einem Metallophon, bevor der knarzige Kontrabass von Pauline Dupuy (die auf “Kira #1“ auch als Sängerin zu hören ist) einsetzt und sanft gespielte Bläser die entspannte Stimmung unterstreichen. Dass ausgerechnet in diesem Songtitel das „und“ einem „oder“ weichen musste, ist angesichts des Albumtitels ein nettes Detail.

Lediglich bei zwei Songs, nämlich dem von einer Art New Orleans-Jazz geprägten „Jackson Jr Redding“ – zu dem es ein hĂĽbsches Video gibt, in dem MickaĂ«l Mottet trotz zahlreicher Tötungsversuche einfach nicht totzukriegen ist – sowie dem siebeneinhalbminĂĽtigen „Finland & Platform“ verzichten Angil And The Hiddentracks auf Gäste. „Of all the things I know I pick the most unnecessary and forget about all others“ singt Mottet in Letzterem, aber das ist natĂĽrlich Koketterie, denn angesichts der ausgefeilten und detailverliebten Arrangements auf „The And“ hat diese Aussage nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

Dies ist also das „Und“, und man kann natĂĽrlich versuchen, eines der besten Alben des bisherigen Jahres mit derart vielen Worten zu beschreiben, oder aber man bringt es – wie eine Freundin von ByteFM – auf den Punkt: „ein eindringlich-entspannt-hymnisch-hypnotisches Jazz-Hop-Punk-Pop-Singer-Songwriter Album-Album“. TouchĂ©!

Drum’s Not Dead: Bear In Heaven – Live in Groningen

Die Band tritt ins Scheinwerferlicht und ein wenig Verwunderung macht sich breit – die sind ja nur zu dritt. Selbst auf der kleinen BĂĽhne des in der Groninger Innenstadt belegenen Clubs VERA wirkt das Setting ausgesprochen ĂĽbersichtlich. Viel Zeit zum GrĂĽbeln bleibt jedoch nicht, denn Schlagzeuger Joe Stickney legt los. Der Gig beginnt mit dem Opener „Beast In Peace“ von Bear In Heavens zweiten Album „Beast Rest Forth Mouth“ aus dem Jahr 2009. Adam Wills spielt die Bassgitarre (im Verlauf des Auftritts wechselt er auch zur elektrischen Gitarre), Jon Philpot singt, bedient hauptsächlich Keyboard und Sampler, spielt beim ersten Song die elektrische Gitarre und nimmt später auch mal die Bassgitarre zur Hand.

Die Schrumpfung der Band aus Brooklyn vom Quartett zum Trio erfordert neue Lösungen, einige Sounds sind vorproduziert, es bleibt relativ wenig Raum fĂĽr Improvisation. Wer die Songs kennt, kann sich jedoch punktgenau dazu bewegen – und starres Herumstehen ist an diesem Abend einfach keine Option. Der Anpassungsprozess an das verkleinerte Line-Up ist Bear In Heaven nämlich hervorragend gelungen, die musikalische Umsetzung wirkt ĂĽberhaupt nicht kompromissbehaftet. Die Band spielt alle Songs von „Beast Rest Forth Mouth“, und auch live offenbart sich deren heimlicher Pop-Charakter – catchy, treibend, kaum zu stoppen. Eines der besten Alben des Jahres 2009 wird hier kongenial umgesetzt. Mit „Bag Of Bags“ schleicht sich lediglich ein einziger Song vom DebĂĽtalbum „Red Bloom Of The Boom“ in die Setlist, spĂĽrbar sperriger und daher umso deutlicher machend, dass die Songs des zweiten Albums sehr viel eingängiger sind.

Jon Philpot und Adam Wills stehen zwar vorne auf der BĂĽhne, aber jeweils soweit seitlich platziert, dass das Publikum einen ungehinderten Blick auf das Schlagzeugspiel von Joe Stickney werfen kann. Ohne den anderen beiden Herren zu nahe treten zu wollen – unbestrittener Star dieses Abends ist eben dieser Joe Stickney. Bereits bei der Rezension von „Beast Rest Forth Mouth“ habe ich sein abwechslungsreiches Schlagzeugspiel als eines der wesentlichen Elemente des Albums hervorgehoben. Beim Live-Konzert erfährt diese Wahrnehmung nun eine uneingeschränkte Bestätigung mit mehreren Ausrufungszeichen.

Der Gig erscheint mit rund einer Dreiviertelstunde zwar kurz, aber vielleicht ist dieser Eindruck auch nur der Kurzweiligkeit geschuldet. Vor dem letzten Song – passenderweise natĂĽrlich „Casual Goodbye“ – bedankt sich Jon Philpot beim Publikum und wĂĽnscht den Niederländern unter uns einen schönen Königinnentag, der nur noch eine knappe Stunde entfernt ist. Die Rufe nach einer Zugabe sind leider nicht von Erfolg gekrönt. Philpot kommt zwar zurĂĽck auf die BĂĽhne, doch lediglich um entschuldigend zu erklären: „We don’t have any more songs“. Ohne im Einzelnen auf die GrĂĽnde einzugehen, erläutert er zumindest kurz, dass die Band die durch das Ausscheiden eines Mitglieds entstandenen Probleme zunächst einmal habe ĂĽberwinden mĂĽssen, was letztlich aber zu Lasten der Anzahl der Songs gegangen sei. Mit einem Schulterzucken und Augenzwinkern verspricht Philpot, die Band werde Groningen wieder beehren und dann fĂĽnf Stunden lang spielen. Die spätere Internet-Recherche ergibt, dass Keyboarder und Bassist Sadek Bazaraa die Band zu Beginn des Jahres verlassen hat, weil er das ausgiebige Tour-Programm nicht mehr mit seinen beruflichen Verpflichtungen vereinbaren konnte.

In Deutschland gibt es nur zwei Konzerte von Bear In Heaven – am 2. Mai 2010 in Berlin im „Bang Bang Club“ und am 4. Mai 2010 in Hamburg im „Molotow“. Wer Lust auf einen zwar kurzen, aber ausgesprochen lohnenswerten Gig hat, sollte sich Bear In Heaven keinesfalls entgehen lassen.

Serena-Maneesh – „No 2: Abyss In B Minor“

PicastroSerena Maneesh – „No 2: Abyss In B Minor“
VĂ–: 26.03.2010
Web: www.myspace.com/serenamaneesh
Label: 4AD
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Vorfreude – in diesem Fall ausgelöst von einigen Soundclips – kann manchmal auch zum Problem werden, und zwar wenn das Ergebnis zunächst nicht so klingt, wie man es sich vorgestellt hat. Ă„hm… was stört denn hier? Sind es die zwischen einzelnen Songs platzierten Soundspielereien, deren Zweck sich nicht so wirklich erschlieĂźen will? Ist es die Pseudo-Rock-AttitĂĽde, die den fĂĽnften und den sechsten Song durchweht? Andererseits gibt es hier doch groĂźartige Pop-Momente, zwar eingebettet in Lärm, aber immerhin. Und dann ist da auch noch dieses wunderbare Vibraphon gegen Ende des letzten Songs… – das hier kann nicht falsch sein!

Ist es ja auch nicht, aber manchmal dauert es eben etwas länger, bis das Fünf-Cent-Stück fällt.

Der (gedachte) My Bloody Valentine-Gedächtnispreis-Wanderpokal geht ‚mal wieder auf Reisen, diesmal von Daffodil Hill/Kalifornien, wo ihn die Band Fleeting Joys fĂĽr ihr Album „Occult Radiance“ (2009) aufbewahren durfte, in die Hauptstadt Norwegens – also nach Oslo zu Serena-Maneesh fĂĽr ihr aktuelles Album „No 2: Abyss in B Minor“. Der Titel deutet es schon an – das hier ist das zweite „richtige“ Album des Musiker-Kollektivs um Emil Nikolaisen. Vom durchaus anstrengenden selbst betitelten DebĂĽt-Album aus dem Jahr 2006 dĂĽrfte vielleicht noch am ehesten „Drain Cosmetics“ in Erinnerung sein, zudem gab es im Jahr 2008 mit „S-M Backwards“ eine Doppel-CD mit Songs aus der frĂĽhen Schaffensphase der Norweger.

Mit „Abyss In B Minor“ sind Serena-Maneesh nun beim renommierten Label 4AD angekommen. Dessen Pressetext zufolge fanden die Aufnahmen fĂĽr das Album in einer Höhle am Rande Oslos statt; Studioumgebungen gehen dem Emil nämlich angeblich auf den Wecker. Unklar ist, ob Emil Nikolaisen tatsächlich alle der mehr als zwanzig Musiker, die an der Entstehung von „Abyss In B Minor“ beteiligt waren, in die Höhle geschleppt hat – das Ergebnis jedoch ist beeindruckend.

Der furiose Opener „Ayisha Abyss“ rauscht sich zunächst eine Minute lang in das Album hinein, nimmt dann Fahrt auf, ist zumindest für die nächsten knapp sechs Minuten nicht zu stoppen und scheint dabei einige der Höhlengänge zu durchwandern. Emil Nikolaisen lässt sich zu elektronisch verfremdeten Gemurmel hinreißen, und am Ende schlägt niemand geringerer als Sufjan Stevens ein paar Klaviertasten an.

Danach tritt Sängerin Lina Wallinder, deren Stimme das Album nachhaltig prägt, erstmals in Erscheinung. Ihr gehören die groĂźen Pop-Momente, und das knackig-kurze, treibende „I Want To See Your Face“ ist ein solcher. „Reprobate!“ erscheint nicht weniger dringlich, und wieder bildet der sanfte Gesang Wallinders das ausgleichende Element in dieser tour de force. Das wunderschöne „Melody For Jaana“ ist ganz nah an MBV und gibt Gelegenheit zum Inne halten – so lieblich kann ein dröhnendes Soundgebilde klingen.

„Blow Yr Brains in The Morning Rain“ hört sich ein wenig so an wie sein Titel. Die hier zur Schau gestellte Rock-AttitĂĽde ist eben genau nur das: zur Schau gestellt; sie ist zum GlĂĽck nicht ernst gemeint und damit auch nicht weiter schädlich. Mit dem dröhnenden „Honeyjinx“ ziehen sich Serena-Maneesh dann noch einmal tief in die Höhle zurĂĽck, bevor wieder einer dieser unwiderstehlichen Pop-Augenblicke folgt. Nikolaisen kombiniert Lina Wallinders eingängige Sangesmelodie und Sufjan Stevens Flötenspiel mit verquaster Elektronik, und damit klingt „D.I.W.S.W.T.T.D“ in etwa wie Stereolab (auf Speed). Mit dem lässigen „Magdalena (Symphony #8)“ beweist Emil Nicolaisen nochmals seine Fähigkeien als Songwriter. Sufjan Stevens bläst wiederum die Flöte und – viel wichtiger – spielt das wunderbare Vibraphon, das unweigerlich fĂĽr eine Gänsehaut sorgt.

Irgendwie ist es kein Wunder, dass Kevin Shields uns kein neues Album schenkt, wenn es zumindest gelegentlich derart guten Ersatz gibt. Die MBV-Referenzen sollten dabei nicht falsch verstanden werden; dieses Album von Serena-Maneesh steht durchaus für sich selbst. Man sollte sich zudem nicht immer auf seine anfänglichen Zweifel verlassen. Auch wenn es noch viel zu früh ist, dieses Wort überhaupt in den Mund zu nehmen, aber „Abyss In B Minor“ ist etwas für die vorderen Plätze der Jahresbestenliste. So also klingt ein „Abgrund in h-Moll“? Großartig!

Sam Amidon – „I See The Sign“

02.04.2010 von  

sam amidonSam Amidon – „I See The Sign“
VĂ–: 05.03.2010
Web: www.myspace.com/samamidon
Label: Bedroom Community
Kaufen: iTunes

Es ist sicherlich nur Zufall, dass das neue Album „I See The Sign“ von Sam Amidon beinahe zeitgleich mit dem aktuellen Album von Will Oldham (Bonnie ‚Prince‘ Billy & The Cairo Gang – „The Wonder Show Of The World“) erscheint. Man kann aber durchaus eine Querverbindung ziehen: Oldhams bisher schönstes Album, „The Letting Go“ aus dem Jahr 2006, wurde wie „I See The Sign“ in den Greenhouse Studios in Island aufgenommen, und einige der seinerzeit beteiligten Musiker/innen finden sich auch auf Sam Amidons Album wieder, allen voran der US-Amerikaner Nico Muhly und der Isländer Valgeir Sigurðsson. Es ist zu vermuten, dass das neue Album von Will Oldham ob dessen Bekanntheit mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Wer jedoch das interessantere – und schönere – Album hören möchte, kommt an „I See The Sign“ von Sam Amidon nicht vorbei (aber so etwas ist natĂĽrlich auch immer ein Frage des persönlichen Geschmacks).

„I See The Sign“ wird von einem kleinen isländischen Label mit dem hübschen Namen Bedroom Community veröffentlicht. Gegründet wurde die „Schlafzimmergemeinschaft“ in 2006 von Nico Muhly, Valgeir Sigurðsson und dem Australier Ben Frost. Trotz unterschiedlicher eigener musikalischer Arbeiten scheint die Gemeinschaft gut zu funktionieren, denn die drei Herren hatten Sam Amidon bereits bei seinem im Herbst 2007 erschienenen dritten Solo-Album „All Is Well“ unterstützt. Wie dieses Album wurde auch „I See The Sign“ von Sigurðsson produziert und ist erneut im wesentlichen eine Sammlung von Folk-Traditionals, die von Amidon bearbeitet wurden. Der 28-jährige, in Vermont aufgewachsen und mittlerweile in New York zu Hause, ist der Sohn der Folk-Musiker Peter und Mary Alice Amidon, und deren musikalischer Einfluss schlägt sich auch auf „I See The Sign“ nieder. In den Bemerkungen zu seinem Album bedankt sich Sam Amidon unter anderem bei seinen Eltern, dass sie ihm einige der Songs vorgesungen haben, als er noch ein Kind war.

Es ist schon so eine Art Markenzeichen, dass Sam Amidon sich solcher Traditionals annimmt, um sie auf eigene Weise zu interpretieren. Auf „I See The Sign“ gelingt dies wunderbar klischeefrei. Hierzu trägt einerseits die opulente Instrumentierung mit Streichern sowie Blech- und Holzbläsern bei – von Nico Muhly arrangiert und von neun isländischen Musikerinnen und Musikern gespielt, andererseits aber eben auch Valgeir Sigurðssons wohltuend unaufdringliche Produktion, die die Intimität der Songs und ihren Folk-Charakter bewahrt. Auf charmante Weise liegt Amidons bisweilen leicht brĂĽchiger Gesang gefĂĽhlt manchmal etwas neben dem Ton, aber dem TitelstĂĽck des Albums – eines der Highlights – verleiht dies einen ungeheuren Reiz und sogar einen vorsichtig jazzigen Einschlag.

Neben den bereits genannten Musikern haben Multi-Instrumentalist Shahzad Ismaily, ein US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, der bereits mit unzähligen Musikern von A bis Z (nämlich von Laurie Anderson bis John Zorn) zusammen gearbeitet hat, sowie die englische Sängerin und Songwriterin Beth Orton wesentlich zum Gelingen von „I See The Sign“ beigetragen. „Way Go Lily“, „You Better Mind“ sowie „Johanna The Row-di“ zählen auch deshalb zu den weiteren Highlights von „I See The Sign“, weil Beth Orton auf ihnen zu hören ist. Dies gilt nicht ganz für „Relief“, einer Cover-Version eines R. Kelly-Songs. Zwar beweist Sam Amidon, wie gefällig ein Song sein kann, mit dem man bisher (im Original) gar nichts anzufangen wusste, aber die Tatsache, dass dies ein eher schwächerer Song auf dem Album ist, scheint eben der Ausgangsbasis geschuldet.

Mit seinen sensiblen Interpretationen „alter“ Folk-Songs jedoch beweist Sam Amidon auf „I See The Sign“, wie modern diese anno 2010 klingen können, ohne dass man sie ihrer traditionellen Basis beraubt, und liefert uns so ein angenehm melancholisches Wohlfühl-Album.

Picastro – „Become Secret“

24.02.2010 von  

PicastroPicastro – „Become Secret“
VĂ–: 05.03.2010
Web: www.myspace.com/picastro
Label: Monotreme Records
Kaufen: ”iTunes"

Ach, immer diese kleinen Kulturschocks. Wo – bitteschön – ist denn das von vorherigen Veröffentlichungen bekannte (und geliebte) schleppende und schepppernde Schlagzeug? Aber mit einem solch profanen Ansatz darf man der Musik von Picastro gar nicht begegnen. Dank Monotreme Records bekommen wir in Europa jetzt offiziell Zugang zu „Become Secret“, dem seit 2002 vierten Album des losen Musiker-Kollektivs um Sängerin, Gitarristin und Cellistin Liz Hysen aus Toronto. In Kanada ist „Become Secret“ auf Vinyl bereits im September 2009 bei Blocks Recording Club erschienen, einer sehr kleinen, von KĂĽnstlern in Eigenregie betriebenen Plattenfirma, deren Mitarbeiter „ehrenamtlich“ – also ohne Bezahlung – tätig sind. Erhebliche finanzielle UnterstĂĽtzung hat Blocks Recording Club beispielsweise von Owen Pallett erhalten, der einst auch vorĂĽbergehend Mitglied bei Picastro war.

Viele KĂĽnstler und Bands erleben in ihrer musikalischen Entwicklung einen Konsoldierungsprozess, Ecken und Kanten werden – womöglich unbewusst – im Laufe der Zeit abgeschliffen. In der RĂĽckschau wird deutlich, dass dies bei Picastro nicht zutrifft, scheinen sie doch mit jedem Album „unbequemer“ zu werden. Als das DebĂĽt „Red Your Blues“ veröffentlicht wurde (2002 auf dem amerikanischen Pehr Label, 2004 dann auch bei Monotreme) war kaum zu ahnen, dass es – bis dato – das am „leichtesten“ zugängliche Picastro-Album sein wĂĽrde. Aus heutiger Sicht erscheint es gar nicht mehr so windschief und träge wie seinerzeit. Die Faszination ist dennoch ungebrochen – dank dunkler Gitarrenklänge, sperriger Streicher, schräger Klavierklänge, spannender Perkussion und des verstörenden Gesangs von Liz Hysen. Auf „Metal Cares“ (2005, Polyvinyl Records) und „Whore Luck“ (2007, ebenfalls Polyvinyl) bauten Picastro ihre Stärken aus, aber auch kurze Kuriositäten in Form knarzender Instrumentals oder demo-artiger Songs ein. Drei Alben, fĂĽr die Ewigkeit gemacht, nicht zuletzt auch wegen der Pop-AttitĂĽde, dies es eben doch auf ihnen gibt.

Mit „Become Secret“ sind Picastro nun bei der Kammermusik angekommen, die ihnen in der Vergangenheit irrigerweise häufig nachgesagt wurde. Mangels Schlagzeug fehlt eines der wesentlichen Elemente des bisherigen Sounds. Entgegen einem in vielen gesellschaftlichen Bereichen weit verbreiteten Irrglauben ist „anders“ jedoch nicht notwendigerweise auch automatisch „besser“, sondern oft eben nur „anders“. Aber hier macht „anders“ durchaus Sinn, denn um die Qualitäten von „Become Secret“ zu begreifen, muss der eingefleischte Fan (ohne zu zögern hebt der Rezensent die Hand) die Gedanken an die drei Vorgänger-Alben vorĂĽbergehend verdrängen. Deren kämpferische Melancholie weicht auf „Become Secret“ nämlich nun endgĂĽltig Schwermut und Selbstaufgabe, auch wenn gelegentlich ein vergebliches Aufbegehren spĂĽrbar wird. Die Sparsamkeit der Arrangements von Stimme, Cello, Klavier, Gitarren und einzelnen elektronischen Klängen verhindert deren Sperrigkeit nicht. Die Tasten des Klaviers werden durchweg hart, ja beinahe unerbittlich angeschlagen, die Klänge des Cellos erscheinen häufig spröde und bedrohlich, Liz Hysens verschwommener Gesang schwankt zwischen Wehmut und Resignation. Der Umgang mit Worten erfolgt sparsam, sie wirken – so sie denn zu verstehen sind – dafĂĽr umso bitterer. So entsteht auf „Become Secret“ bisweilen eine ausgesprochen unbehagliche Intimität. Da passt es förmlich „ins Bild“, dass eine der typisch grausamen Zeichnungen des tschechischen KĂĽnstlers Josef Bolf das Album-Cover ziert.

Selbst wenn ein Schlagzeug hier und da Entlastung hätte bringen können, es wäre fehl am Platz gewesen. Es mag schwer fallen, „Become Secret“ auf Anhieb zu mögen. Mit jedem weiteren Hören wird jedoch allmählich klar, dass auch dieses Album für die Ewigkeit gemacht sein könnte, denn tatsächlich ist es eine ebenso beklemmende wie bedrückende Kostbarkeit.

Fionn Regan – „The Shadow Of An Empire“

Other TruthFionn Regan – „The Shadow Of An Empire“
VĂ–: 19.02.2010
Web: www.myspace.com/fionnregan
Label: Cooperative Music
Kaufen: ”iTunes"

„And now for something completely different.“ Dieser, aus den Episoden von Monty Python’s Flying Circus berĂĽhmte Satz, verband das „Hinterher“ mit dem „Vorher“ insbesondere dann, wenn diese beiden eigentlich nichts miteinander verband. Im Falle des irischen Musikers Fionn Regan ist das „Vorher“ sein in 2006 erschienenes DebĂĽt-Album „The End Of History“ – ruhig erzählte Balladen, mit akustischer Gitarre und sanfter Stimme dargebracht. „The End Of History“ hat die letzten dreieinhalb Jahre sehr gut ĂĽberstanden, klingt beim aktuellen Hördurchgang fast noch besser und ĂĽberzeugender als seinerzeit bei Veröffentlichung.

Kommen wir jetzt zu etwas völlig anderem. „I have a violent demeanour“ singt Fionn Regan, und man mag es in Kenntnis von „The End Of History“ kaum glauben – „I have a violent demeanour. So tie me to a chair ’til it’s out of my system, ’til it’s out of my system.“ Vielleicht hat sich etwas aufgestaut, vielleicht musste es tatsächlich ‚mal heraus. Fionn Regan hat jedenfalls den Stöpsel eingestöpselt, nicht nur seine Gitarre elektrifiziert, sondern irgendwie auch seine Stimme, denn die Sanftheit ist einer leichten Aggressivität und Dringlichkeit gewichen.

„The Shadow Of An Empire“ heißt das „Hinterher“ im Falle Fionn Regans, und zweite Alben gelten ja allgemeinhin als etwas schwierig. Die Schwierigkeiten bestanden für den 28-jährigen Iren aber hauptsächlich darin, dass die amerikanische Plattenfirma Lost Highway Records mit den Aufnahmen zu diesem Album nicht zufrieden war. Es wurde „angeregt“, Regan solle doch etwas aufnehmen, das geeigneter sei für den Markt, in dem Lost Highway Records operiere. Man trennte sich, doch der Ire musste auf die bereits gemachten Aufnahmen verzichten.

Fionn Regan begann von vorn und nahm das Album – diesmal ohne Beeinflussung von auĂźen – mehr oder weniger unter Live-Bedingungen auf. Das nun auf dem englischen Label Heavenly Recordings veröffentlichte Ergebnis wirkt daher ziemlich unmittelbar. Regan paart seinen Folk mit einer Art Rockabilly, aber „Folkabilly“ wird trotzdem nicht daraus. Dies könnten gewöhnliche Rocksongs sein, die Songwriter-Qualitäten des Iren machen jedoch mehr daraus, verpassen den Songs Haken und Ă–sen. Da stört dann selbst die klischeehafte, dylan‘esque Mundharmonika in „Little Nancy“ nicht weiter, weil der Song selbst gar nicht klischeehaft, sondern eher nachdenklich wirkt – und bei Anklängen an Bob Dylan oder gar Johnny Cash fragt man sich, welches Problem Lost Highway Records eigentlich hatte.

Vielleicht liegt es daran, dass „The Shadow Of An Empire“ eben nur vordergründig rockig ist; Regans nachdenklicher Folk ist unterschwellig vorhanden und tritt auf manchen Songs, insbesondere aber auf „Lines Written In Winter“ dann doch offen zutage. Und vielleicht sind es die Texte, die hier und da durchaus persönlich, häufig aber auch ironisch und sarkastisch sind. „You talk to Jesus in a photo booth. He wants your bank details, date of birth, confess the truth.“, heißt es beispielsweise in „Violent Demeanour“.

Man mag bedauern, dass es hier kein „Snowy Atlas Mountains“ oder „Noah (Ghost In A Sheet)“ gibt, aber dafĂĽr bekommt man eben „Violent Demeanour“, „Coat Hook“ oder auch „Lord Help My Poor Soul“. Die beiden Alben „The End Of History“ und „The Shadow Of An Empire“ nehmen einander nichts weg. Sie können mit all ihren Qualitäten wunderbar nebeneinander existieren, denn trotz aller Unterschiedlichkeit tragen beide Fionn Regans eindeutige Handschrift. Und so entpuppt sich „The Shadow Of An Empire“ in dieser Form als unerwartetes VergnĂĽgen. Das schwierige zweite Album? FĂĽr Fionn Regan offenbar doch kein so groĂźes Problem. „And now…“

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