Roskilde Festival: Sonntag

05.07.2011 von  

©Per Lange
©Per Lange/Roskilde Festival

Am Sonntag sind die Wettergötter über Roskilde endlich positiv gesonnen. Auch wenn der Sonntag ein gegenüber den beiden Vorgängertagen leicht abgespecktes musikalisches Programm bereit hält: Es ist der heißeste und vom Wetter her eindeutig angenehmste Tag des Festivals, der auch keinen Tropfen Regen bringen wird. Während der Rest der deutschen Mediendelegation inkl. den anderen drei ByteFM-Besuchern Christa Herdering, Christoph Möller und Patrick Ziegelmüller bereits am Nachmittag die Rückreise nach Hause antritt, nehme ich als süddeutscher Fluggast und Roskildenovize den Sonntag komplett mit.

Wir sind alle früh wach – trotz feucht-fröhlicher und langer Vornacht, weil das Klima im Zelt schnell tropische Temperaturen erreicht. Pünktlich um zwölf Uhr betreten wir das Gelände und I was King aus Norwegen die Bühne. Sie sehen aus wie das Klischee einer Studenten-WG und bedienen sich ohne große Originalität im bunten Baukasten des netten Indiepop, irgendwo zwischen Teenage Fanclub, Delgados und Belle & Sebastian. Der frühen Uhrzeit und dem prima Wetter angemessen schrammeln kurz später auf einer Nachbarbühne Surfer Blood aus Florida hinterher. Der Bandname lässt Dekonstruktion und Beach Boys vermuten, letztere kann man bei den vier Buben noch erahnen, aber noch vielmehr eine typisch amerikanische Goodfeel-Haltung, wie man sie auch von Weezer kennt.
So könnte es jetzt auch weitergehen, aber dann wäre dieser Festivaltag vielleicht doch arg schnell vergessen. Simpel und mit Schmackes, aber nicht ohne den Spuren der Mühlen der Zeit präsentieren sich auf der großen Bühne die Punkrock-Dinos von Bad Religion.

Deutlich anspruchvoller geht es währenddessen im Gloria zur Sache. Eines der Highlights des Tages ist das dortige Konzert des 31 Knots-Seitenprojektes Tu Fawning aus Portland, die nach jedem Song die Instrumente tauschen und durch ein hohes Maß an Konzentration, durch Erfüllung der Geschlechterparität, durch viel Abwechslung, intelligentem Songwriting und viel Dynamik in ihren Songs auffallen. Demnächst auch auf Deutschlandtournee, präsentiert von ByteFM.

Sonntags sind die Pforten traditionell offen für die älteren Bewohner von Roskilde. Die erfreuen sich an Musik aus aller Welt (Yemen Blues, Afrocubism, Anibal Velasquez), während auf der Hauptbühne Dänemarks bekanntester HipHop-Act L.O.C. und My Chemical Romance mit Punk-Pop eher den Mainstream bedienen.

Mittendrin dann aber doch noch ein feiner Electronicer wie der Gold Panda, der bei saunartigen Temperaturen sein „Lucky Shiner“-Album als eher unprätentiöser Knöpfchendreher präsentiert und leider nicht auf die dafür geeignete Kellergewölbestruktur des Gloria eingeht. Da wirkt der chilly-gloomy Electronica-Gig zwischen Ambient und Dubstep des ebenfalls als One-Man-Artist auftretende Desolat zu späterer Stunde an gleicher Stelle im Gesamteindruck mit gut abgestimmten Videoprojektionen homogener.

©Morten Kjær
©Morten Kjær/Roskilde Festival

Deutlich lebhafter geht es zu bei Janelle Monaé und ihrer teils durch-choreographierten Show zusammen mit einer vielköpfigen Orchesterband. Sie vollführt eine extravagant eingekleidete und frisierte Soul-Space-Age-Show, wie man sie nicht alle Tage zu sehen bekommt, gepaart mit den klasse Songs ihre Konzeptalbums „The Archandroid“. Der Pubkikumsandrang vor der Cosmopol-Bühne ist riesig, die vergleichsweise größere Arena bei den Battles fast halb leer. Ganz nah beieinander in der Mitte der großen Bühne spielen die drei New Yorker ein mitreißendes, für rythmisch Zartbesaitetete vielleicht auch anstrengendes Konzert. Die hauptsächlich männlichen Connaisseure lieben sie dafür. Eine Band, die die hoch wie das Becken des Drummers gehängten an sich selbst spielerisch gestellten Ansprüche auch bei der Liveumsetzung locker erreicht.

Ab 21 Uhr gibt es keine Alternativen mehr, die Zeit der Söhne eines Wanderprediger ist gekommen. Es fällt den Kings of Leon nicht schwer, für den Abschluss des musikalisch vielleicht harmlosesten Tages in Roskilde zu sorgen. Die sind eindeutig Born in the USA. Ehrliche Burschen, die auch Gefühl zeigen und ihr Publikum über alles lieben. Caleb Followill führt mit latschigem Tennessee-Slang und krisper Stimme durch eine Rock-Show, die in den schlimmsten Momenten an Bryan Adams erinnert, manchmal an eine US-Antwort auf U2 und in den Momenten der Songs ihre Albums „ Because of the Times“ wie ein nicht erfülltes Versprechen. Die Leute haben an diesem soliden Sound aber ordentlich Spaß.

Danach ist Roskilde 2011 schon fast Geschichte, die Essens- und Getränkestände schließen schnell nach Konzertende und man hört die ganze Nacht lang die Züge quietschen, die die Menschenmassen zurück aus der Festivalillusion in ihre Realitäten transportieren.

Die setzte sich 2011 aus 82 Prozent dänischen Landsleuten zusammen, Norweger und Schweden kommen lieber als Deutsche, von denen laut Festivalleitung rund 2000 da gewesen sein sollen. Auf vier Festivalbesucher kommt in Roskilde ein freiwilliger Helfer, das ist nur möglich, weil das Roskildefestival eine Non-Profit-Unternehmung ist. Die Bewirtung übernehmen lokale Vereine und Lokalitäten, die Breite und Qualität des Essensangebots ist bemerkenswert und auch für Vegetarier für Festivalverhältnisse traumhaft abwechslungsreich. Den auch dieses Jahr erwirtschafteten Gewinn (letztes Jahr waren es ca. 2,5 Millionen Euro) führt das Festival wie jedes Jahr einem guten Zweck zu.

Leider ereignete sich am Sonntag auch ein tragischer, laut Aussage der dänischen Polizei bis dato als Unglück einzuordnender Todesfall, als eine Berlinerin nackt von einem Turm aus ca. 30 Meter Höhe stürzte. Unklar ist, wie die Frau unbekleidet auf den Turm gelangen konnte.

Roskilde Festival: Freitag

©Jacob Dinesen
©Jacob Dinesen/Roskilde Festival

Der Blick auf das Programm des zweiten. Tages des Roskilde-Festivalprogramms verspricht einen hochklassigst besetzten Marathonlauf. Start um zwölf Uhr mittags, Programmende um vier Uhr, wir sind gespannt, ob unsere Kondition bis zum Schluss reicht. Das Wetter spielt auf jeden Fall mit. Optimales Open-Air-Wetter ohne Sonne, Wind und Regen, also bleiben Sonnencreme und Regencape im Zelt.

Vielversprechend schaut und tönt der Start auf dem für die mittägliche Uhrzeit extrem gut besuchten Konzert der Bright Eyes. Das Stageacting des einst eher introvertierten Indie-Folkers Conor Oberst, bei dem das Leiden in der Stimme immer so sympathisch klingt, spricht mittlerweile die souveräne Sprache eines Popstars. Wir verweilen dort aber nur kurz, um einen der Hipster des Jahres nicht zu verpassen. Wie wird der junge Amerikaner Nicolas Jaar sein tolles impressionistisches Album „Space Is Only Noise“ live umsetzen? Als Quartett und mit einem Saxophonisten an Bord betonen Jaar & Co clevererweise die rhythmischen Aspekte und sind auch gegenüber improvisierten Parts aufgeschlossen, der manchmal introvertierte Charakter des Albums verliert live aber leider ein wenig seine Nuancen.

Auch ein paar deutsche Acts sind zugegen, alle am Freitag. Chuckamuck müssen wir leider ausfallen lassen, viel später wird DJ Koze trotz technischer Probleme das Cosmopol mit seinem DJ-Set in Ekstase versetzen, am Nachmittag lassen die Berliner Beatsteaks nichts anbrennen und überzeugen das bei weitem nicht nur aus deutschen Touristenfans bestehende Publikum gut gelaunt mit ihrer Open-Air-tauglichen Mixtur aus Punkrock, Ska und Alternativerock.

Auf der Orange-Stage, der größten und ältesten Bühne von Roskilde, können wir uns von der relativ hohen Popularität der Raveonettes in ihrer Heimat überzeugen – trotz ihres von Phil Spector und Shoegazer beeinflussten Pop-Sounds abseits der Mainstreams. Auf Dauer ermüden die einfach gestrickten Songs von Sharin Foo und Sune Wagner dann aber doch schneller als erwartet.

©Steffen Jørgensen
©Steffen Jørgensen/Roskilde Festival

Es gibt stilistisch viele Pfade, die man im Roskilde-Programm gehen kann, der Metal-Fan bekommt genauso vielfach Hochprozentiges geboten wie Liebhaber afrikanischer Musik. Seun Anikulapo und Femi Kuti, die beiden Söhne von Fela Kuti, des lange verstorbenen Godfather des Afrobeats, führen in einem Doppelkonzert die Tradition ihres Vaters fort. Jeweils 15 Musiker sind bei den jeweils begleitenden Bands Egypt 80 und Positive Force auf der Bühne, neben fünf Bläsern und vier Percussionisten auch immer zwei bis drei Damen, die ihren Allerwertesten genauso schnell und gut schütteln können wie sie Background singen. Das alleine ist aber nicht die Ursache, warum die ByteFM-Indienerds Ziegelmüller und Adler in Tanzekstase geraten – vor allem bei dem hypnotischen, formidablen Set von Seun Kuti +Egypt 80.

Nach der unvermeidlichen Nahrungsaufnahme und einer kurzen Verschnaufpause besuchen wir die neueste Bühne auf Roskilde, eine komplette Indoor-Stage names „Gloria“ und treffen dort auf einen weiteren der diesjährigen Hipster, den jungen Tom Krell alias How to Dress Well, und erleben mehr spukige R&B-Performance als Konzert im Halblicht zu geisterhaften Schwarz-Weiß-Videos in dieser kirchenartigen Location. Die ideale Einstimmung für eines der Highlights des Tages, die ehrwürdigen Portishead. Der erste Ton und der erste Schauer jagen sofort über den Rücken. Mit einem sich über alle drei Alben erstreckenden Set ist man einmal mehr erstaunt, wie es diese berührende, dem Mainstream abgewendete Musik vor ein solch großes Publikum schaffen konnte. Leichte technische Probleme umschiffen Beth Gibbons, Geoff Barrow & Co gekonnt und lässig und hinterlassen mit ihrem intensiven Sound massenweise glückliche Gesichter.

Obwohl es Mitternacht ist und die Füße schon müde gestanden sind, warten aber noch weitere Acts, die man zumindest kurz sehen möchte. Zum Beispiel die kleine Dame mit der großen Stimme, die Britin Anna Calvi, die eines der überraschendsten Debüts des Jahres auf Domino abgeliefert hat. Calvi besitzt trotz geringer Größe eine massive Bühnenpräsenz und zusammen mit zwei zwei weiteren Musikern kann sie auch nach so langem Tag unsere Aufmerksamkeit bannen.

©Christian Hjorth
©Christian Hjorth/Roskilde Festival

Anstrengender, aber auch aufregend wird es dann nochmal um ein Uhr nachts auf der großen Bühne. Dicht gedrängt stehen 60.000 und warten eine Viertelstunde auf den Beginn des Konzertes von Mathangi „Maza“ Arulpragsam, besser bekannt als M.I.A. Die Tochter eines politischen Aktivisten aus Sri Lanka peitscht zu später Stunde nochmal richtig ein mit ihrem von Gewehrsounds durchsetzten Stücken, mit Gesang und Performance zu den per mehr oder weniger Playback eingespielten Songs, mit wenig ergänzenden Musikern auf der Bühne (eine Schlagzeugerin und eine Drummerin), ein paar tollen Tanzdarbietungen und massiver Light- und Videoshow. Die Rockpuristen fühlen sich eher verarscht, die dreckige Mixtur aus Grime, Electronic, Bollywoodsounds und HipHop im grellen, die Sinne verwirrenden multimedialen Feuerwerk ist aber genau richtig für diejenigen, die den ganzen Abend auf ein Tanzerlebnis gewartet haben und denen der Portishead-Sound zu langsam war.

Danach kann nicht mehr viel kommen. Die Franzosen Dop können mit ihrem lasziven Electro-House im benachbarten Zelt die endgültig den Körper ergreifende Müdigkeit da auch nicht mehr abschütteln. Die Show ist over, wir wanken zum Zeltplatz und träumen von den vielfältigen Konzerten dieses Tages in einer regnerischen Nacht.

Laden und Mailorder: Flight 13 in Freiburg

Begonnen hat alles um 1988, Gründer Tom Haller hatte auf seinem kleinen Label Weed Productions Platten herausgebracht und hatte damals neben dem Direktverkauf auf Konzerten eigentlich nur die Möglichkeit, mit gleichgesinnten Labels und Bands zu tauschen. Irgendwann hatte man dann also zehn Platten von dieser Band und zehn Platten von jener Band. So entstanden die ersten Listen, die an interessierte Kunden geschickt wurden.

Anfang der 1990er gab es dann bereits die ersten Bauchladenverkäufe aus dem Wohnzimmer heraus. Der eigentliche Fokus lag anfangs auf dem Label, seit 1990 unter dem Namen Flight 13. Mit dem Umzug von Emmendingen ins urbanere Freiburg wurde dann erstmals ein richtiges Ladengeschäft eröffnet: die ersten Angestellten, regelmäßige Listen und Kataloge. Seitdem hat sich das Team um weitere Angestellte vergrößert. Im Mittelpunkt steht der Mailorder und vor allem der Internetshop, mit dem Flight 13 schon vor 10 Jahren am Start war, und der von im Abstand von 6 Wochen verschickten Katalogen flankiert wird. Mittlerweile befinden sich Laden und Mailorder in Bahnhofsnähe in der Stühlingerstraße 15. Über die Jahre hat sich auch das Programm erweitert: Neben Punkrock, Hardcore und Emo bietet Flight 13 viel 60s-/Garagensound und Gitarrenmusik im weiteren Sinne oder nennen wir es Indierock in allen Facetten, außerdem Postrock, Americana und Folk, aber auch Ska, Metalrandspielarten, Soul und Electronica. Der Schwerpunkt liegen dabei generell auf Vinyl und auf Neuheiten in den relevanten Bereichen, aber auch im Backprogramm, bei 70s, Reissues und bei CD-Veröffentlichungen abseits des Mainstream ist Flight 13 stark.

Auch als Label ist Flight 13 aktiv, Oiro und die Lombego Surfers sind die bekanntesten Namen, außerdem angeschlossen die von Mitarbeitern geführten Ritchie Records (unter anderem Aeronauten, Bernadette la Hengst oder die jüngst erschienenen Goldenen Zotronen-LP-Reissues „Punkrock“ und „Fuck You“) und Rhythm Island Records mit seiner 10″-Serie.

Flight 13 Records und Mailorder befindet sich in der Stühlingerstraße 15 in 79106 Freiburg. Ein Klick auf die Homepage lohnt auch für Nicht-Badener. Denn dort kann man einen kostenlosen Katalog anfordern oder im Internetshop nach interessanten Platten wühlen.

Anlässlich der Plattenladenwoche präsentieren unsere Moderatoren eine Auswahl der vielen wichtigen Plattenläden aus allen Ecken der Bundesrepublik. Unser Autor Götz Adler ist selbst eng mit Flight 13 verbunden. Für ByteFM moderiert er dienstags ab 21 Uhr die Sendung Die Welt ist eine Scheibe.