Neue Platten: Holy Other – „Held“

Tri AngleTri Angle

8,7

Das Label Tri Angle ist vor allem für Witch-House-Produktionen à la How To Dress Well oder oOoOO bekannt. Holy Other gehört seit letztem Jahr zu jener Familie, jedoch scheint es zu leicht, ihn in dieselbe Schublade zu pressen.

Schon durch seine Selbstdarstellung hebt er sich von seinen Labelkollegen ab: Seine Liveauftritte bestreitet er komplett in schwarz, so auch mit einem schwarzen Tuch ĂĽber den Kopf. Im echten Leben heiĂźt er David, sein Nachname ist unbekannt. Erst seit 2010 produziert er Musik. Schon ein Jahr darauf erschien seine DebĂĽt-EP „With U“ und war mit den entschleunigt-mysteriösen Elektro-Klängen ein musikalisches Gebet, welches man wirken lassen musste und sollte.

Aus dem Gebet wird nun Ekstase, aus Ekstase Vision, und so ergibt sich die Vision eines übernatürlichen Tempels, gebaut aus Klangkonstrukten und -fragmenten, auf einem pulsierenden Fundament. Nichts ist statisch. Dynamik ist der Stoff, der alles zusammenhält. Mal verdichten sich die Elemente und rauben dir die Luft. Lassen sie aber Raum, wird er erfüllt mit wabernden Klangteppichen, flirrenden Synthies und manipulierten Stimmen, die wie Geister den Raum durchfluten und wieder verhallen. Dabei spielt das Tempo die besondere Rolle – mit der Langsamkeit experimentierend, dehnt der Produzent aus Manchester einzelne Momente und nutzt diese Phasen, um dem Track eine neue Spur hinzuzufügen, die sich daraufhin völlig losgelöst und eigenständig den Weg bahnt. Die Musik ist reduktionistisch – dabei immer innovativ und vor allem sinnlich.

Es schieben sich Spuren auseinander, finden zusammen, werden gestreckt und verlieren sich im Hall des Raums. Der Sound ist unheimlich und doch angenehm, gleich einem Schwebezustand. Pop oder R ‚n‘ B, Goth, Post-Dubstep, Glitch, Ambient, (Witch-)House oder Elektro. Was sollen diese Schubladen? Kein Genre ist diesem Werk wirklich angemessen, wenn nicht Holy Other selbst schon ein Wort dafĂĽr gefunden hätte – Schlafzimmerpop. Besondere Bedeutung erhält der Begriff, wenn der Hörer erfährt, dass die Tracks vor allem in der Dunkelheit und im Besonderen in seinem Bett entstehen. So werden dem Hörer Emotionen vermittelt – skizzenhaft, verschwommen-schattig – in einer Reflexion, die schwer nachvollziehbar, manipuliert und abstrakt und doch so natĂĽrlich ist. Ein Spiel mit Ă„sthetik, Mystik und Reduktionismus. Ein Traum – das groĂźe Ganze ist schwer zu verstehen, Worte verschwimmen im Soundgeflecht, hier ein „what“, dort ein „you“. Realität und Vision verschmelzen zu einer neuen Unbekannten, die dennoch bekannt scheint. Abstrakte Harmonie und mystische Vertrautheit. Eine entschleunigte Welt, eine visionäre Ă„sthetik, die sich bisher nur in der Dunkelheit entfalten kann.

Label: Tri Angle | Kaufen

Dad Rocks! live bei ByteFM

31.08.2012 von  

Dad Rocks! ist der in Dänemark lebende Isländer Snævar Njáll Albertsson, dessen Album „Mount Modern“ Anfang September erscheint. Darauf hört man eingängigen Indie-Folk, wie man ihn aus dem Norden kennt. Der Musiker stand mit Koffer und Gitarre vor unserer TĂĽr: ByteFM war die erste Station seiner Tour. Noch frisch, munter und voller Tatendrang hat er dann seinen Song „Weapons“ live im ByteFM Magazin gespielt.


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Dad Rocks! – Weapons (Live bei ByteFM)

Ist das Kunst oder kann das weg?

29.08.2012 von  

(http://ffffound.com/image/8e789055277dd0409f334777ec32d899feddb1e1)
Ist das Kunst?

Hier alle Links zu den Liedern der neuesten Ausgabe von der Initiative ‚Herz Statt Kommerz‘.
Und wie immer gilt: Falls die Links nicht funktionieren, weil die Künstler/Labels die MP3s von ihrer Seite genommen haben, bitte nicht böse sein. Wir selektieren und verlinken lediglich, weisen also nur auf die Downloads hin.

Taken By Trees – Dreams

Kendrick Lamar- Westside, Right On Time

Balmorhea – Pyrakantha

Fear Of Men – Green Sea (Beta Frontiers Remix)

Com Truise – Chemical Legs

Camera – Ausland

S.A.K. 47 – All The Money In The World

Chrome Sparks – Marijuana

Cold Showers – BC

Sleeping Bag – Beside

Junk Culture – Chippewa Kids (feat. Sarah Barthel)

Party Supplies – Guy Friends

Treeless Forest – Doppelgänger

Ohsowhy – Stranger / Sailor

Young Wonder – Lucky One

Sacredcaves – On The Outside

Neue Platten: Matthew Dear – „Beams“

(Ghostly International)(Ghostly International)

8,0

Matthew Dear, 1979 in Texas geboren, aber später in Michigan aufgewachsen und in der Folge vom Detroit-Techno geprägt, hat sich im Musikgeschäft in den letzten Jahren zu einer festen Größe entwickelt. Nach seinem DebĂĽt „Leave Luck To Heaven“ aus dem Jahr 2003 sowie dem Mini-Album „Backstroke“ (2004), gelang ihm 2007 mit „Asa Breed“ eines der Konsens-Alben des betreffenden Jahres schlechthin, welches ihm eine entsprechend hohe Aufmerksamkeit bescherte. Von den hierdurch zwangsläufig gestiegenen Erwartungen lieĂź Dear sich seinerzeit nicht aus der Ruhe bringen. In den ersten 17 Minuten des 2010 erschienenen „Black City“, einem ByteFM-Album-der-Woche, gab er ebenso cool wie konsequent mit den drei Songs „Honey“, „I Can’t Feel“ und „Little People (Black City)“ gar sein bislang beeindruckendstes musikalisches Statement ab.

Zwei Jahre später ist in der Klangwelt des 33-Jährigen nun doch eine deutliche Konsolidierung spürbar. War „Asa Breed“ noch ein technoider Forschungstrip in Sachen Pop, welcher sich auf “Black City“ dann auch in ein paar dunklere Ecken wagte, scheint der musikalische Claim nunmehr einigermaßen abgesteckt. Es gibt mittlerweile eben tatsächlich so etwas wie einen typischen, wiedererkennbaren Matthew-Dear-Sound, und auf „Beams“ ist er weitgehend im Pop angekommen. Damit wirkt das wiederum auf dem von Dear mitbegründeten Plattenlabel Ghostly International veröffentlichte aktuelle Album auf Anhieb zwar homogener als die beiden Vorgänger, aber gefühlt birgt es über die knapp 50 Minuten Laufzeit auch relativ wenige Überraschungen.

Dieser erste, vergleichsweise nüchterne Eindruck wird weiten Teilen von „Beams“ möglicherweise aber gar nicht hinreichend gerecht. Songs wie der Opener „Her Fantasy“ oder auch „Headcage“, beide schon von zuvor erschienenen EPs bekannt, repräsentieren beispielsweise den mit allerlei Elementen angereicherten, manchmal auch etwas überfrachteten musikalischen Stil von Matthew Dear und mögen von daher in der Art ihrer Arrangements irgendwie erwartbar gewesen sein. Dies ändert allerdings nichts daran, dass es sich hierbei schlicht um gute Songs handelt, deren Details sich vielleicht auch erst durch häufigeres Hören erschließen.

Es ist dennoch bemerkenswert, dass Dear auf „Beams“ gerade dann besonders gut ist, wenn er diese musikalische Formel durchbricht. Und so lassen sich mit „Earthforms“, „Up & Out“, „Get The Rhyme Right“ und „Shake Me“ die Highlights des neuen Albums eindeutig benennen. Diesen vier Songs ist gemeinsam, dass Matthew Dear den Klängen einzelner Instrumente hier weitaus mehr Raum gewährt und sein markanter Gesang zudem nicht zwingend das wesentlich bestimmende Merkmal darstellt. Darüber hinaus funktioniert dieses Quartett aber auf unterschiedliche Weise. „Earthforms“, überhaupt einer der besten Songs des Texaners, ist mit seinem infektiösen Basslauf irgendwo im New Wave zu Beginn der 80er-Jahre angesiedelt, selbstverständlich übertragen in das Hier und Jetzt. Mit „Up & Out“ wird der Bass fetter und funky, während einzelne Gitarrenklänge eine lose Assoziation an „Rip It Up“ von Orange Juice aus dem Jahr 1983 wecken. In „Get The Rhyme Right“ ist der Funk hingegen eher unterschwellig und düster. Auch wenn Dear die vermeintlich selbstbewusste Zeile „Like god in my disco“ singt, handelt es sich hier um ein hübsches Beispiel klanglicher Paranoia. Die findet sich, unterstützt von weit in den Hintergrund produzierten, nervösen Beats, über das bestimmende Piano-Thema dann auch noch einmal im völlig anders gearteten „Shake Me“ wieder.

Im Gegensatz dazu befindet sich – ähnlich wie mit „Pom Pom“ auf „Asa Breed“ oder „Slowdance“ auf „Black City“ – auch auf „Beams“ ausgerechnet mit dem Titel „Do The Right Thing“ der fĂĽr Dear scheinbar unvermeidliche Griff daneben. Doch der ist verzeihlich angesichts der beschriebenen wunderbaren Momente, die hoffen lassen, dass Matthew Dear sich auch kĂĽnftig nicht völlig mit dem von ihm geschaffenen musikalischen Kosmos zufriedengibt.

Label: Ghostly International | Kaufen

Tickets fĂĽr We Have Band

28.08.2012 von  

http://www.wehaveband.com/
Photo by Leo Cackett

Halb Hot Chip, halb Talking Heads: Bei We Have Band treffen tanzbare Beats auf zackigen Post-Punk.
ByteFM präsentiert die Tour des Trios aus Manchester und verlost für jedes Konzert 2×2 Karten. Wenn Ihr gewinnen wollt, schreibt uns einfach bis zum 04.09. eine Mail mit dem Betreff „Band“, Eurer Wunschstadt und Eurem Vor- und Zunamen an verlosungen@byte.fm. Die Gewinner benachrichtigen wir rechtzeitig per Mail.

04.09.2012 Freiburg – CafĂ© Atlantik
05.09.2012 Stuttgart – Kellerclub
06.09.2012 Wiesbaden – Schlachthof
08.09.2012 Duisburg – Grammatikoff

Addieren und subtrahieren – die nordenglische Band Scams

ScamsScams

Es war im Jahr 2008, als Jörg Tresp, seines Zeichens Labelchef von DevilDuck Records (u. a. Talking To Turtles, Björn Kleinhenz, Miss Li), die vier jungen Herren aus Leeds auf dem SXSW-Festival in Austin, Texas, bestaunen konnte. Die Entscheidung war wohl fix getroffen und er holte die Nordengländer auf sein in Hamburg ansässiges Label.

Von weitem scheint das erst einmal eine recht ungewöhnliche Kombination, eine englische Indie-Pop-Band bei einem deutschen Label? Darauf angesprochen berichtet Andy Morgan allerdings, dass es für sie genau der richtige Weg war, denn „DevilDuck war ein wichtiger Schritt für uns, in Zusammenarbeit mit dem Clouds-Hill-Recordings-Studio versucht man hier, uns alles zu ermöglichen, damit wir unser (musikalisches) Ding machen können.“

Das Debüt der Scams erscheint dann 2011 und hört auf den schönen Namen „Rewrite Fiction“, die Platte wirkt, im Vergleich zum Zweitwerk, etwas poppiger und melodiöser. Das gute Stück ist, abgesehen von den Vocals und Samples, komplett live eingespielt, das Ganze im schönen Clouds-Hill-Recordings-Studio in Hamburg unter fachkundiger Aufsicht von Johann Scheerer (u. a. 1000 Robota).

Spricht man die Band auf musikalische EinflĂĽsse an, so kann es passieren, dass man eher absurd anmutende KĂĽnstler/Bands – zumindest in Relation zum Gehörten – aufgetischt bekommt. Da fallen dann gerne mal Namen wie Michael Jackson oder Destiny’s Child. Befragt man Morgan zu diesem Thema bekommt man erstaunlich einleuchtende Antworten. „Naja, wir machen uns schon auch einen SpaĂź daraus, denn das ist die wohl am häufigsten gestellte Frage und oft geht es in Interviews darĂĽber auch nicht hinaus. Gott sei Dank ist es in diesem Interview anders. Dazu kommt, dass ich eben auch Tage oder Momente habe, in denen mir dann nach sehr poppigen Sachen ist. Ob diese meine Musik inspirieren, kann ich nur schwerlich sagen. Andererseits, wie sollten sie mich nicht inspirieren?!“

Das Nachfolgealbum „Add And Subtract“, das aktuell auf DevilDuck Records herauskommt, scheint etwas rougher und tiefer, aber auch erwachsener und sehr fokusiert. Sänger Andy Morgan beschreibt und begrĂĽndet die Entwicklung damit, dass sie „die Songs fĂĽr ‚Add And Subtract‘ in wesentlich kĂĽrzerer Zeit geschrieben haben. Das hilft manchmal, eine höhere Dichte zu erreichen. Wir sind lauter geworden und auch konfrontativer.“

Seit Juli ist bereits die erste Single-Auskopplung zu haben; „Be A Gentleman“ ist luftig und verspielt. Wenn man wollte, könnte man von einem potenziellen Indie-Sommerhit sprechen. Auch sonst geben sich die vier recht verspielt, immer wieder finden sich kurze Gitaren-Solo-Parts, die aber, dank analoger Aufnahme-Techniken, immer recht schlank und nie überkandidelt wirken. Auch stimmlich hat das Quartett den ein oder anderen Kniff zu bieten, so unter anderem bei dem wohlig-warmen „Sound And Vision“, das streckenweise Chor-ähnliche Gefühle beim Hörer verursacht. Das vorliegende Machwerk der Scams geht im Großen und Ganzen ordentlich nach vorn, ist melodiös, wundervoll tanzbar und lässt auch die ruhigeren, Pop-intensiveren Momente nicht zu kurz kommen.

Auch live sind die Nordengländer eine echte Augenweide, nicht umsonst haben sie schon das Vorprogramm so klangvoller Bands wie Azure Ray, New Politics oder Cast geschmückt. Im September sind die Herren dann auch wieder in deutschen Gefilden zu bestaunen und sind jedem wärmstens ans Herz zu legen, präsentiert wird das Ganze von ByteFM:

12.09.12 Rees-Haldern – Haldern Pop Bar
13.09.12 Solingen – Getaway
15.09.12 Berlin – Lido
17.09.12 Hamburg – Molotow Bar

Die ByteFM Charts KW 35

27.08.2012 von  

Die am meisten gespielten Platten bei ByteFM in den vergangenen zwei Wochen. Ariel Pink’s Haunted Graffiti erobert die Spitze in dieser Woche mit dem Album „Mature Themes“. Knapp dahinter belegt die Heiterkeit mit „Herz Aus Gold“ den zweiten Platz und sind der höchste Neueinsteiger. Yeasayer klettert mit „Fragrant World“ um sieben Positionen auf den dritten Rang der ByteFM Charts.

Die Albumcharts (Platzierungen der Vorwoche)

1. Ariel Pink’s Haunted Graffiti – Mature Themes (2)
2. Die Heiterkeit – Herz Aus Gold (neu)
3. Yeasayer – Fragrant World (10)
4. The Kings Of Dubrock – Fettuccini (3)
5. Antibalas – Antibalas (neu)
6. Dead Can Dance – Anastasis (1)
7. Adrian Sherwood – Survival & Resistance (15)
8. DIIV – Oshin (9)
9. Dirty Projectors – Swing Lo Magellan (5)
10. Purity Ring – Shrines (8)
11. Frank Ocean – Channel Orange (7)
12. Plan B – Ill Manors (neu)
13. Shed – The Killer (14)
14. Laetitia Sadier – Silencio (12)
15. Antony And The Johnsons – Cut The World (4)

Die Trackcharts (Platzierungen der Vorwoche)

1. Die Heiterkeit – Alles Ist So Neu Und Aufregend (neu)
2. Dirty Projectors – Gun Has No Trigger (2)
3. Ariel Pink’s Haunted Graffiti – Only In My Dreams (7)
4. Yeasayer – Henrietta (neu)
5. Purity Ring – Fineshrine (-)
6. The Kings Of Dubrock – Das Gesetz Der Stille (4)
7. Phillip Boa And The Voodooclub – Ernest 2 (10)
8. Antibalas – Dirty Money (neu)
9. Paul Kalkbrenner – Das Gezabel (5)
10. Kid Kopphausen – Hier Bin Ich (neu)
11. Dead Can Dance – Opium (1)
12. Shed – Phototype (neu)
13. Spring Ducks – Porncloud (neu)
14. David Byrne And St. Vincent – Who (14)
15. Major Lazer – Get Free (6)

Und ab sofort sind die ByteFM Albumcharts auch beim Musikstreamingdienst WiMP gelistet. Dort habt Ihr die Möglichkeit die Alben in voller Länge anzuhören. Darüber hinaus natürlich auch noch viel mehr, aus dem gesamten Angebot auf WiMP.

Neue Platten: Kid Kopphausen – „I“

(Trocadero)(Trocadero)

7,8

Ende August scheint ein guter Zeitpunkt zu sein, ein neues Album deutschsprachiger Musik zu präsentieren. So erscheint in diesen Tagen nicht nur das langerwartete Debüt der lakonisch so mittel gelaunten, etwas umstrittenen Band Die Heiterkeit (Album der Woche bei ByteFM), sondern auch neuer Satirepop von Friedemann Weise, das neue Album von Max Herre und eine Live-CD von Philipp Poisel. Nicht alle diese Veröffentlichungen klingen so vielversprechend wie diese eine neue Band auf dem deutschsprachigen Musikmarkt.

Aber wie ist das eigentlich mit der deutschen, deutschsprachigen Musik? Regelmäßig wird sie tot geglaubt, dann wiederbelebt, wie es häufig Musikrichtungen mit schlechtem Ruf geht (man frage dazu nur den zigfach reinkarnierten deutschen HipHop). Doch gerade in den letzten Jahren gewinnt der deutsche Indie, vor allem der männlichen Singer-Songwriter-Interpreten melancholischen Pops, immer mehr Fans und Aufmerksamkeit. Dies ist weniger Schwärmen weiblicher Pubertierender wie Max Prosa, Philipp Poisel oder der Entwicklung von Clueso zu verdanken, sondern vielmehr anderen – namentlich Gisbert zu Knyphausen, Nils Koppruch, Niels Frevert, Francesco Wilking, ClickClickDecker oder Moritz Krämer. Alle sind auf jeden Fall ihre Fans wert und klingen – wenn auch nur grob – einander ähnlich. Auch wenn sie immer ĂĽber einen Kamm geschoren werden, haben alle musikalisch eine Art Steckenpferd oder Besonderheit und unterscheiden sich voneinander. Ihre Live-Auftritte sind oft von EinflĂĽssen verschiedener anderer Musikrichtungen, Emotionalität und spontanem Laut-werden geprägt, dazu gibt es oft ironische Texte zu gepflegtem Imperfektionismus und immer sichtbarem SpaĂź an der Sache.

Wenn sich nun zwei aus dieser Liste zusammentun, die schon wesentlich länger alleine Musik machen und ihre Erfahrungen bündeln, kann ja eigentlich nur Gutes dabei herauskommen. Eine weitere Veröffentlichung, die dieser Tage erscheint, nennt sich „I“ und kommt von Kid Kopphausen. Der Bandname ist eine Kontraktion aus den Künstlernamen von Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch. Sie stellen klar, sie sind „eine Band. Kein Projekt, kein Experiment, sondern ein merkwürdiges Viech, ein rätselhafter Haufen, ein drängender Organismus, eine Gang aus Outlaws, die überall das Weiter suchen und ständig falsche Fährten legen.“ Soso. Country und Lonesome Rider also, oder zumindest ein retrohaftes Plattendekor und schneidige Anzüge zu Texten über das Alleinsein. Im Wald. Im Krieg. In der Großstadt. In der Kneipe.

Und darüber singen Koppruch und zu Knyphausen in gleichen Teilen, unterstützen sich, kommen auch mal alleine aus sich heraus. Der Song „Hier bin ich“ ist als erster exponiert hingestellt und zur Selbstdefinition der Band geworden: Was sind die eigentlich? Den Titel als „Wer Bin Ich“ spielte Gisbert zu Knyphausen schon live ohne Koppruch. Nach diesem von zu Knyphausen geprägten Lied folgt eines von Koppruch, aber, obwohl es anfangs so anmutet, haben die beiden Künstler nicht einfach abwechselnd die Ehre, sondern arbeiten zusammen. Schließlich sind sie eine Band. Und dazu gehören auch mehr als die beiden Männer mit Gitarren. Alexander Jezdinsky percussioniert, Felix Weigt spielt Tasten und Bass, Marcus Schneider unterstützt an Gitarren sowie Mundharmonika und Autoharp für den ordentlichen Bluegrass- oder Western-Sound.

Dazu wird der dominante Gesang der Protagonisten oft chorhaft unterstĂĽtzt. Ein empfehlenswertes Ergebnis ist „Das Leichteste der Welt“ oder der Titel „Mörderballade“. Doch die wirkliche Mörderballade (eben DIE Ballade des Albums, die einem immer dann einfallen wird, wenn ganz schlimme Dinge im eigenen Liebesleben passieren) ist „Wenn ich dich gefunden hab“; sie hätte allerdings auch auf eine der Solo-Platten gepasst. Im letzten StĂĽck „Nur ein Satz“ hört man plötzlich Hall und ungewohnte Effekte, Gisbert zu Knyphausens Gesang erscheint zunächst nur als Rezitation auf 4/4-Klopfen – ungewohnt, doch glaubhaft und gar nicht so technoid, wie das jetzt klingen mag – tendenziell jedoch gewöhnungsbedĂĽrftig. Und so haben einige herausstechende, tolle Songs ihre Entsprechung in der irgendwie unspontanen Ausgelassenheit der pompösen Dramatik und gewollten TiefgrĂĽndigkeit anderer Songs. Das StĂĽck „Jeden Montag“ ist grenzwertig, der Chor wirkt regelrecht „sesamstraĂźenhaft“ (Jan Wigger). Denn nicht immer klappt die groĂźe Cowboy-Lyriker-Nummer der beiden Musiker und man sucht die wirklich authentischen, ruhigen StĂĽcke, die allerdings auch schon Koppruch und zu Knyphausen solo ausmachen.

So arbeiten die beiden an ihrem Anspruch, kein Projekt zu sein. Dazu haben sie sich ein Konzept ausgesucht, das funktioniert, aber einigen sicher auf die Dauer zu anstrengend sein könnte. Und tatsächlich klingen Koppruch und zu Knyphausen zusammen nicht wie alleine – auch dank ihrer Mitstreiter und des orchestralen, country-folkigen Sounds. Es gilt die alte Gleichung: Zwei Menschen, die schöne StĂĽcke ĂĽber Menschen, Heimat, Leben und GlĂĽck schreiben können, können es zusammen meist auch ganz ordentlich. Und mal ehrlich: Wenn man Harz auf schwarz reimen kann, kann eigentlich nichts schief gehen.

Einen Blick auf die deutsche Musik dieser Tage wirft Diviam Hoffmann auch in der Sendung Ein Topf aus Gold am 02.09. ab 18 Uhr – hier auf ByteFM.

Label: Trocadero | Kaufen

Cat Power – „Sun“

Cat Power - SunVĂ–: 31.08.2012
Web: catpowermusic.com
Label: Matador/Beggars Group

Vom soliden Blau hebt sich ganz zart ein Frauenkopf ab. Die Haare kurz, der Blick verträumt. Durch ihr Gesicht hindurch zieht sich ein Regenbogen. Ein simples Cover, auf dem mit Edding das Wort „Sun“ versehen ist. WĂĽssten wir nicht, dass dieser Frauenkopf Cat Power gehört und dieses Cover ihr neues Album schmĂĽckt, könnte man fast meinen, man habe es mit einer Meditationsplatte zu tun: Elf Song mit Namen wie „Sun“, „Human Being“ oder „Peace & Love“ machen den Anschein, als fĂĽhrten sie zur Erleuchtung, zu innerer Ruhe und Ausgeglichenheit, zur Erkenntnis. Qigong mit Meeresrauschen und Vogelgezwitscher.

Das sieht doch alles nach Neuanfang aus, wie wir ihn aus den Medien kennen: Ein Rainer Langhans, der sich in der Kommune genügend ausgetobt hat, jetzt allen Drogen widersagt und als Guru im weißen Anzug durchs Leben läuft. Eine Britney Spears, die sich vor lauter Schreck nach einer Trennung den Kopf kahl rasiert. Ein Charlie Sheen, der sein Comeback feiern will. Alles ein bisschen weit hergeholt? Nicht ganz.

Chan Marshall veröffentlicht nach sechs Jahren ein neues Album. Sechs Jahre, in denen sie an einer Schreibblockade litt, dann schon ein neues Album komplett fertig hatte, um es schlieĂźlich wieder ĂĽber den Haufen zu werfen. Sechs Jahre seit der Veröffentlichung ihrer letzten originellen Platte „The Greatest“, die so wunderbar traurig von Marshalls auĂźergewöhnlichen Stimme besungen wird. Depressionen, Alkoholprobleme, wirre Auftritte gehörten damals zur Tagesordnung.

Seitdem ist viel passiert. Die Zeiten sind vorbei, in denen sich Cat Power hinter ihrem vollen Pony versteckt. Die Haare sind abgeschnitten. Sie legt den Blick offen – und auch ihr Herz. Dieses Mal jedoch auf eine weniger angreifbare und verwundete Art und Weise, sondern viel stärker, ja fast schon optimistischer. Die Leute wollen keine deprimierte Cat Power mehr hören, sagt sie sich. Und sie selbst sei es auch leid.

Auf „Sun“ wagt Cat Power neue Wege. Zusammen mit Philippe Zdar, der auch schon mit Musikern wie Chromeo, Phoenix oder Kele arbeitete, probiert sie elektronische Arrangements in ihren sonst so Indierock-lastigen Songs aus. Der Titelsong „Sun“ bietet hier eine FĂĽlle an Neuheiten fĂĽr Cat-Power-Fans. Plötzlich sind da Synthesizer zu hören, poppige Rhythmen und ein R-‘n'-B-artiges „Wooo“-Gesumme zum Schluss. Bei „3,6,9″ skippt man gleich im Song zurĂĽck – was ist das? Auto-Tune? Okay! Wenn sie in „Peace & Love“ zu rappen beginnt, fĂĽhlen wir uns dann doch wie im falschen Film. Da ist sie, die neue Cat Power.

Die Single „Ruin“ hingegen lässt an alte Zeiten erinnern: Ein kleines Klaviergetöse, das sich nach und nach aufbauscht wie eine Spirale, in die E-Gitarre und rauchiger Gesang einsetzen. Ihre Texte sind stark und gehen ins Ohr: „What are we doing? We‘re sittin‘ on our ruin.“ FĂĽr das knapp elfminĂĽtige StĂĽck „Nothing But Time“, das Cat Power fĂĽr die Tochter ihres Ex-Lebensgefährten geschrieben hat, holt sie sich Iggy Pop ins Boot. „It’s up to you to be a superhero“, singt sie darin und schlĂĽpft damit in eine Mutterrolle.

Nein, „Sun“ ist keine Meditationsplatte fĂĽr Verzweifelte, sondern ein unerwartet spannendes Album.

Das ByteFM Album der Woche.

Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Sun“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Label: Matador/Beggars Group | Kaufen

Lärm der Woche: Soul, Hippies und Streitigkeiten

25.08.2012 von  

Ohne Isaac Hayes wäre der Soundtrack zum Film „Shaft“ wahrscheinlich recht unspektakulär geworden, Portishead hätte es vermutlich ohne ihn nicht gegeben und Soul wĂĽrde sicherlich etwas anders klingen – Ruben Jonas Schnell erinnert an die Soul-Legende, die am 20. August 70 Jahre alt geworden wäre. Scott McKenzie weilt nun leider auch nicht mehr unter uns, wird uns jedoch mit seinem Song „San Francisco“ noch lange in Erinnerung bleiben. Und warum es bei den Black Keys und Ariel Pink’s Haunted Graffiti Ă„rger gibt, erfahrt Ihr im Lärm der Woche:

Das Wichtigste in Sachen Musik und Pop-Kultur – dieses Mal wieder zusammengestellt von Ruben Jonas Schnell –, das ist der Lärm der Woche. Die Koproduktion mit den Kollegen von DRadio Wissen hört Ihr bei uns jeden Donnerstagvormittag im ByteFM Magazin am Morgen und jeden Samstagnachmittag im WochenrĂĽckblick.

An dieser Stelle findet Ihr jetzt jeden Samstag den aktuellen Lärm der Woche zum Nachhören.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Lärm der Woche vom 23.08.2012

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