Neue Platten: John K. Samson – „Provincial“
27.01.2012 von Felix Dabbert
(Grand Hotel van Cleef)
8,9
Ich frage mich bei Soloalben immer nach dem Grund fĂĽr die Existenz dieser als solche – nehmen wir „Provincial“ von John K. Samson. Textlich und musikalisch hätte das hier auch gut und gerne eine neue, zugegebenermaĂźen etwas Neil-Young-akustigere Weakerthans-Platte sein können (und da dies bei Hauptsongwriterderbandsoloalben meistens so ist, rĂĽhrt meine Verwirrung bezĂĽglich der Existenz usw. daher). Aber hey, da sage ich nicht nein. Denn „Reunion Tour“ liegt jetzt auch schon wieder bald fĂĽnf Jahre zurĂĽck und „Provincial“ ist meiner Meinung nach das bisher beste Album des noch jungen Jahres.
Wobei das ja auch nur zur Hälfte stimmt. Dass „Provincial“ Musik aus dem Jahr 2012 ist, meine ich. Denn sechs der zwölf hier versammelten Perlen von Songs stammen je zur Hälfte aus den 2009 und 2010 erschienenen EPs „City Route 85″ und „Provincial Road 222″. Benannt nach – die ganz Schlauen haben es sich schon gedacht – StraĂźen, StraĂźen in Manitoba, der „östlichsten Prärieprovinz Kanadas“ (danke Wikipedia, ich habe dich wirklich vermisst letzte Woche Mittwoch, bitte tu so etwas nie wieder), der Heimat von John K. Samson, genauer gesagt. Und so beginnt auch „Provincial“ mit einem Song ĂĽber den kanadischen Highway 1. Samson drĂĽckt darin die Verlorenheit und Isolation beim alleinigen Autofahren besser aus als ich das je könnte; denn wer kennt das nicht, wenn blöde Satelliten behaupten, man sei nirgendwo?
Und so fahren wir weiter durch Manitoba, vorbei an der kleinen Stadt Riverton, wo eine Lehrerin an ihre Affäre mit dem Direktor zurĂĽckdenkt („The Last And“, zum GlĂĽck hat Edna ja jetzt Ned, Skinner war eh eine Flasche). Riverton ist auch die Heimatstadt von Reggie Leach, ex NHL-Spieler (934 Spiele, 381 Tore, 285 Assists, gesamt 666 Punkte, Satan ist ĂĽberall) und Angehöriger der First Nations (Ăśberbegriff derjenigen Ureinwohner von Kanada, die nicht zu den Inuit zählen – noch mal danke, Wikipedia), fĂĽr den Samson in dem Song „Ipetitions.com/Petition/Rivertonrifle“ eine längst ĂĽberfällige Aufnahme in die Hockey Hall of Fame fordert, because „Reggie on a playoff run could make a dad go buy that new tv“.
Wirklich jeder Song hier wäre eine Nennung wert, ob „Stop Error“ oder „When I Write My Master’s Thesis“, die beide Samsons Neigung zu Videospielen verraten – der erstere referenziert Call Of Duty 4 und ist eine wunderschöne Interpretation eines Bach-Chors, der zweite, ein dreieinhalb-Minuten-Rocker, eine Meditation ĂĽber die jedem Studenten bekannte Prokrastination im Angesicht anstehender Arbeiten und auch Samson ist bewusst, dass GTA hier ein massiver Zeitkiller sein kann. Hier könnte man jetzt schlieĂźen, dass Provincials Status als Soloalbum doch dadurch berechtigt ist, dass der Protagonist hier oft ĂĽber Situationen von EntrĂĽcktheit, einsamer Freude und dergleichen singt (vgl. z. B. auch Oasis‘ „Listen Up“ mit dem Mantra „I don’t mind being on my own“), aber schon die Weakerthans hatten Songs, in denen sich die Katze eines Loners ĂĽber dessen Einsamkeit und Antrieblosigkeit moniert.
In Kurzform: „Provincial“ von John K. Samson ist ein Superalbum von einem Supertypen. Wenn Ihr genug von 08/15-“Indie“-Bands mit belanglosen Texten, die besser aussehen als gute Songs schreiben können, oder bärtigen Naturbuschen-Folkies, die auch immer nur ĂĽber das Gleiche singen, habt, hört rein, wenn Ihr Euch nicht ins eigene Knie schieĂźen wollt.
Label: Grand Hotel van Cleef | Kaufen







