Neue Platten: Oliveray – „Wonders“

16.12.2011 von  

(Erased Tapes)(Erased Tapes)

7,8

Es klingt alles so friedlich. Acht Stücke, zart, frei schwebend: Seelenklopfer. Peter Ray Broderick und Nils Oliver Frahm sind Oliveray – zwei Musiker tun Muße und zelebrieren auf „Wonders“ die ruhige Einkehr. Doch es handelt sich um mehr als eine Treffen zweier Freunde.

Peter Broderick (24) hat verdammt viel Glück. Geboren keine Autostunde entfernt von Portland, Oregon, kommt er schnell in Kontakt mit der dortigen Indie-Szene. Ende 2007 engagiert ihn die dänische Band Efterklang als Livemusiker. Er zieht nach Kopenhagen. Gerade da sein dänisches Visum auszulaufen droht, zieht er nach Berlin in eine Wohnung, deren Besitzer „ausschließlich Musiker als Mieter haben möchte“ und zudem, so Broderick, wurde ihm „der Schlüssel zu einem Klavierladen im Erdgeschoss gegeben, um dort immer spielen zu können, wenn der Laden geschlossen hat“ – kurz: das Paradies für einen Musiker. Hier komponiert er die Dokumentarfilmmusik „Music For Confluence“, in der Überladung, Enge und Schnelligkeit keinen Platz haben, sondern die Türen zur Schwerelosigkeit geöffnet werden. Erst in Berlin kommt es zur Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Freund Nils Frahm (29), auch er offenbar gesegnet mit Glück: „I feel that I have the great luck to be surrounded by some of the brightest and nicest human beings on earth.“ Sein aktuelles Album „Felt“, aufgenommen bei Nacht in seinem Wohnzimmer, reduziert die Distanz zwischen Spieler und Hörer auf ein Minimum. Selten schien Musik so nah.

Was kommt dabei heraus, wenn zwei geniale Musiker, Label-Kollegen, musikalisch klassisch geschult, ins Studio gehen? Zerbrechen sie am hohen Anspruch, den ihre Soloalben voraussetzen?

Den Stücken liegt ein einfacher Ansatz zugrunde. Dazu gehören eine spärliche Instrumentierung, Spontaneität und auf spielerische Art Fehler ins Klangbild zu integrieren. Gelegentliches Husten und Kommentieren („it was really nice“) sind Zeugen dieser Wohnzimmersession, die wie auf Frahms Album „Felt“ von einem beständigen Rauschen begleitet wird. Perfektion in der Aufnahme zu erreichen, scheint für Broderick und Frahm nichts als ein modernes Phänomen zu sein. Effekte? Nein. Digitale Nachbearbeitung? Kaum. Auf „Wonders“ wird der Zufall zum Prinzip: „Feel free to do a little something in the beginning, like before I come in with the melody“, beschwört Broderick zu Beginn von “The Book She Wrote And In The Time“ – eines von vier Gesangsstücken, die jeweils abwechselnd mit einem Instrumentalstück zu hören sind.

Das folgende Stück „Piano In The Pond!“ könnte mit dumpfen Tastenschlägen zunächst genau das sein, ein Klavier im Tümpel. Brian Eno’sche Ambientgebilde tauschen gegen Ende ihr gleißendes Kleid ein, gegen behutsames musikalisches Schneegestöber. „Piano In The Pond!“ ist das unkonventionellste Stück der Platte. Ein Pingpong-Spiel: Frahms Klaviermelodie streift um Brodericks behutsames Gitarrenspiel herum und umgekehrt. Unter dieser Behutsamkeit drohen die Instrumente mehr als einmal zu erstarren.

„Wonders“ von Oliveray ist ein Kumpelalbum zweier Musiker, denen einmal Bücher gewidmet werden sollten. Um frei nach Aristoteles zu schließen: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“. Oliveray ist nicht dasselbe wie Nils Frahm und Peter Broderick, sondern wie Oliveray.

Oliveray – You Don’t Love by erasedtapes

Label: Cote Labo/Erased Tapes | Kaufen

Kommentare

Eine Antwort zu “Neue Platten: Oliveray – „Wonders“”
  1. Großartig. Sehr schöne Musik.