Konzertkritik: Bon Iver in der Columbiahalle, Berlin, am 01. November

03.11.2011 von  

Bon Iver | Chrissy Polcino (Flickr) | (CC BY-NC-SA 2.0)

Justin Vernon, Gesicht und Stimme des Bandprojekts Bon Iver, stand am Eingang der Columbiahalle in Berlin. SpĂ€ter sah man ihn an der Bar, im Raucherbreich, an der Garderobe, in der Schlange vor den Toiletten – Justin Vernon war ĂŒberall. Kurze, dunkelblonde Haare, Dreitagebart, Karohemd. Die Dichte an Justin-Vernon-Lookalikes war frappierend beim gestrigen Konzert. Was macht dieser Mann, was macht diese Band aus den GroßstĂ€dtern? Die der Natur abgeschworen haben und denen es nicht kĂŒnstlich, nicht Moloch genug sein kann. Beim Konzert von Bon Iver spĂŒrte man plötzlich das Verlangen nach Handwerklichkeit, nach einer JagdhĂŒtte, Wildnis, nach BĂ€umefĂ€llen. Ein Leben, an dem Ort, der auf dem Cover des neuen Albums abgebildet ist.

Justin Vernon betrat mit acht Musikern die BĂŒhne. Die Inszenierung wurde perfekt ausgeleuchtet, keine Position der Band blieb dem Zufall ĂŒberlassen. Die Roadies tauschten in Akkordarbeit die Gitarren aus, gleich zwei Drumkits erhoben sich zur Rechten und Linken der BĂŒhne. Bon Iver ist keine Band mehr, die man als Geheimtipp weiterempfehlen kann. Bon Iver spielen mittlerweile vor mehreren tausend Menschen und sind einem breiteren Publikum bekannt geworden. Im musikalischen Duktus hat sich auf dem neuen Album „Bon Iver“ auch viel verĂ€ndert. WĂ€hrend das Debutalbum „For Emma, Forever Ago“ noch ĂŒberwiegend von Justin Vernon allein in einer JagdhĂŒtte in der Einsamkeit von Wisconsin geschaffen wurde, lud er fĂŒr seine neuen Songs mehrere Musiker zu den Aufnahmen ein.

Die Songs klangen auf seinem Konzert anders. Justin Vernon hat die EffektgerĂ€te fĂŒr sich entdeckt und kniete mit seiner Gitarre vor den Pedalen, tippte und presste auf die Knöpfe darauf ein um einen verzerrten, verstörten, entrĂŒckten Klang zu erzeugen. Bei seinen neuen Songs wie „Calgary“ oder „Minnesota, WI“ waren es vor allem die drei BlechblĂ€ser an Horn, Posaune und Basssaxophon, die fĂŒr die Weichheit und Akzentuierungen in den Songs sorgten.

Und natĂŒrlich Vernons Falsettstimme. Was hĂ€tten viele Kritiker ĂŒber Bon Iver geschrieben, wenn sie sich nicht ĂŒber das PhĂ€nomen seiner Stimme auslassen könnten. Er springt zwischen Kopf- und Bruststimme und bewahrt dennoch solch eine IntensitĂ€t und Stimmsicherheit, die GĂ€nsehaut erzeugt.

Die NackenhĂ€rchen stellten sich aber spĂ€testens bei den Singles „Flume“ und Skinny Love“ auf. Die Halle verstummte, das Publikum starrte und hörte wie gebannt den Worten, die sich schon seit 2007 in ihr GedĂ€chtnis gebrannt hatten: „I told you to be patient/ I told you to be fine/ I told you to be balanced/ I told you to be kind“. Vernons Stimme ĂŒberschlug sich noch bei diesen machtlosen Befehlen und gerade bei diesen Worten schien er alleine auf der BĂŒhne zu sein, obwohl die Band hinter ihm klatschte und schnipste und ihn stimmlich stĂŒtzte.

Justin Vernon scheint es besser zu gehen, seine Musik ist heller geworden, sphĂ€rischer und mehr mit der Liebe zu Orten und StĂ€dten verbunden. Das neue Album wurde in einem restaurierten Haus ganz in der NĂ€he von Vernons Heimatort aufgenommen. Bon Iver haben nichts mehr mit den musikalischen PrĂ€ferenzen eines Waldschrats zu tun. Jetzt geht es um das GefĂŒhl, aus Vertrautheit, aber auch Langeweile gerissen zu werden. Die Band bringt ein Empfinden von Heimatverbundenheit in die Herzen abgeklĂ€rter GroßstĂ€dter.