Neue Platten: DJ Shadow – „The Less…, the Better“

30.09.2011 von  

(Universal)

9,1

Miles Davis, dessen Todestag sich vor ein paar Tagen zum 20. Mal jährte, hätte der Ankündigung eines neuen DJ Shadow Albums vermutlich entgegnet: „So What?!“.
Na und? Was soll’s? Wie ignorant! Denn Shadows neues Album ist eine Wucht.
Was Davis‘ „Kind Of Blue“-Album 1959 war, das war fĂĽr DJ Shadow fast vierzig Jahre später „Endtroducing…..”, „the first album created entirely from sampled sources” (diese Aussage ist offenbar Guinness World Records-zertifiziert). Damals, Mitte der 90er Jahre, als Musik gelegentlich noch ohne Hilfe von Computern produziert wurde, war ein ausschlieĂźlich auf Samplen basierendes Album tatsächlich eine Sensation. DJ Shadow, bĂĽrgerlich Joshua Paul Davis, ein zurĂĽckhaltender Kalifornier, gilt seit dieser Veröffentlichung als Suchender. Stets auf der Suche nach Tonaufnahmen. Immer. Ăśberall. Vinyl, Tonbänder, Tapes, egal. Hat ĂĽbrigens noch jemand alte Kassettenaufnahmen irgendwelcher Kinderzimmer-DĂĽngeleien? Immer her damit!

Nach fast fünfjähriger Veröffentlichungspause erscheint nun ein neues Album von DJ Shadow, der für seine Musik längst nicht mehr nur Samples verwendet: „The Less You Know, the Better“. Aus heutiger Perspektive (das Weltwissen immer nur wenige Mausklicks entfernt) ein fast antiquierter Titel, der dazu aufruft, darüber nachzudenken, ob uns die Informationsflut von Facebook, Google und Co eher nützt oder eher schadet.

„I’m back, I forgot my drum” – mit diesen unprätentiösen und zugleich kryptischen Worten beginnt die Platte und dann – na klar! – setzt das Schlagzeug doch ein. Nach dem kurzen Opener, der mit einem Heavy-Metal-Hard-Rock-Zitat endet („you’re gonna die“), hat man sich warm gehört. Nun beginnt ein Etwas, das mit Genrebegriffen kaum zu fassen ist. Hip-Hop? Chanson? Stadion-Rock? Elektro-Punk? So What! Zunächst weiter mit Heavy-Metal. Im zweiten StĂĽck „Border Crossing“ kommen in bester Ozzy Osbourne-Manier die harten Gitarren zum Einsatz. Noch etwas peinlich berĂĽhrt darĂĽber, dass man Hip-Hop erwartet, aber Metal zu hören bekommt, drängt sich die Frage auf, ob man wirklich Musik von DJ Shadow hört oder fälschlicherweise eine geheime Platte von Rage Against The Machine erwischt hat. Mit dem dritten StĂĽck „Stay The Course“ kommt die Erlösung. Der erste Hip-Hop-Track des Albums ist „no matter east, nor south or west, just stay the course“. Auf Kurs bleiben also. Von wegen: In den folgenden StĂĽcken wiederholt sich dieses wirsche Genre-Roulette mehrmals.

„The Less You Know, the Better“ verzichtet auf Eigenschaften, die man von Langspielplatten erwartet. Ein roter Faden fehlt. Durchhörbarkeit: Fehlanzeige. Zum Glück, denn das Verhältnis zwischen Produzent und Hörer bekommt auf diesem Album eine neue Bedeutung. Der Hörer wird, wie DJ Shadow, zum Suchenden. Er wird zum Suchen gezwungen und steht zugleich vor vielen Fragen: Was zur Hölle gefällt mir hier eigentlich gut? Der Song „I’ve Been Trying“, ein Gitarrenstück, das stark an „Wish You Were Here“ von Pink Floyd erinnert? Oder das majestätische stakkato-artige Gitarrenriff, das in „Warning Call“ auf einen tiefen Bass und die fordernde Stimme von Tom Vek trifft? Oder das düstere, Sample-basierte „Give Me Back The Nights“, dessen Bass- und Synthesizer-Linie einfach nur abgefahren ist?

„The Less You Know, the Better“, das vierte Album von DJ Shadow, ist ein großartiges, facettenreiches, experimentelles Album. Stück Nummer 17 (insgesamt sind es 19, Spielzeit 85 Minuten), in dem David Bowie und Sting zu hören sind (so klingt es zumindest), fasst die Idee der Platte gut zusammen: „Come On Riding (Through The Cosmos)”. So What!

DJ Shadow „Warning Call“ (featuring Tom Vek) by GrillMarketing

(Download)

Label: Island | Kaufen

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