Matthew Dear – „Black City“
09.08.2010 von Hermann Nanno Becker
VĂ–: 13.07.2010
Web: http://www.myspace.com/matthewdear
Label: Ghostly International
Es gibt sie, diese Konsens-Alben, auf die sich Menschen mit zum Teil völlig unterschiedlichen Musik-Interessen plötzlich einigen können. Im Jahr 2007 gab es mindestens zwei dieser Konsens-Alben – zum einen das selbstbetitelte DebĂĽt von Little Dragon, zum anderen „Asa Breed“ von Matthew Dear, das auf dem von ihm mitbegrĂĽndeten Label Ghostly International erschien. Die Konsensfähigkeit von „Asa Breed“ ist vielleicht damit zu erklären, dass dieses Album gegenĂĽber den eher techno- oder ambientartigen Vorgängern „Leave Luck To Heaven“ (2003) und „Backstroke“ (2004) ein ordentlicher Schritt in Richtung Pop war.
Diesen Weg geht der inzwischen 31-jährige Dear, der einzelne musikalische Arbeiten auch unter den Pseudonymen False, Audion und Jabberjaw veröffentlicht, nun mit „Black City“ konsequent weiter. Für sein neues Album hat er sich zwar drei Jahre Zeit gelassen, aber der Zeitpunkt des Erscheinens geht schon in Ordnung. War nämlich das Jahr 2007 ein ausgesprochen gutes und vielseitiges Musikjahr, zu dem Matthew Dear einen entscheidenden Beitrag leistete, entwickelt sich 2010 ähnlich spannend und aufregend, und es ist sicherlich kein Zufall, dass daran wiederum einige Bands und Künstler beteiligt sind, die schon das Jahr 2007 wesentlich mitgeprägt haben.
Auch wenn der in Texas geborene Matthew Dear als Teenager in Michigan seine musikalische Sozialisation in Form von Detroit-Techno erlebt hat, macht er mit einem unglaublichen Eröffnungs-Trio auf seinem neuen Album schnell klar, dass sein Pop auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Bereits die ersten Töne auf „Black City“ nehmen die Ohren gefangen. Stimmungsvoll und zurĂĽckhaltend liefert Dear mit „Honey“ und dessen unterschwelliger DĂĽsternis mal eben neben „It Is Not Meant To Be“ von Tame Impala den bislang coolsten Album-Opener des Jahres, wenn auch natĂĽrlich musikalisch völlig anders geartet. Der von einem (mit-)schleppenden Rhythmus getragene und mit einer herrlichen Schrägheit ausgestattete Funk von „I Can’t Feel“ erhöht das Tempo, welches schlieĂźlich im TitelstĂĽck „Little People (Black City)“ kulminiert. Matthew Dear sorgt mit geschickten Wendungen und den damit einhergehenden leichten Stimmungswechseln innerhalb ein und desselben Songs fĂĽr eine Art Dreiteilung, sodass trotz ziemlich gerader Disco-Beats ĂĽber die Dauer von neun Minuten keine Langeweile aufkommt. Der dritte und beste Teil hätte dabei mit seinen sich im Hintergrund befindlichen Tribal-Drums und den markanten Gitarrenklängen durchaus Stoff fĂĽr einen eigenen Song geboten. Wer bei der Sechseinhalb-Minuten-Marke und dem Ăśbergang zum dritten Teil des Songs keine Gänsehaut bekommt, ist selber schuld. Jedenfalls wird „Little People (Black City)“ in den nächsten Wochen gemeinsam mit „Even Judas Gave Jesus A Kiss“ von !!! um die Tanzflächen dieser Welt buhlen.
Trotz eines ziemlich klaren, im Wesentlichen elektronisch geprägten Konzepts unterwirft sich Matthew Dear keinen musikalischen Dogmen. Dies fĂĽhrt innerhalb des Konzepts zu einer groĂźen Vielfalt, kann aber auch schon mal bedeuten, dass ein Schuss daneben geht – was natĂĽrlich auch immer eine Frage des persönlichen Geschmacks ist. Vielleicht ist das ein wenig eierig wirkende „Slowdance“ unmittelbar nach dem furiosen Dreigestirn aus „Honey“, „I Can’t Feel“ und „Little People (Black City)“ einfach nur etwas ungĂĽnstig platziert, weshalb der Eindruck einer kleinen Delle entstehen mag. Ansonsten gibt es aber nix zu meckern. Matthew Dears markante tiefe Stimme fungiert als verbindendes Element der Songs, egal ob diese funky („Soil To Seed“), Beat-lastig („You Put A Smell On Me“), geisterhaft („More Surgery“) oder gar beinahe lieblich sind, wie es bei „Gem“ der Fall ist, das völlig ohne Beats auskommt, dafĂĽr aber mit einem wunderbaren Piano den wĂĽrdigen Abschluss fĂĽr dieses Album bildet.
Ob „Black City“ wie sein Vorgänger „Asa Breed“ auch das Zeug zum Konsens-Album hat, wird sich erst am Ende dieses Musik-Jahres erweisen. Die Chancen dafür stehen jedenfalls nicht schlecht.
Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher UnterstĂĽtzung von Panasonic.
Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland – der Sendung mit den neuen Platten. Neuland wird am Sonntag zwischen 16 und 18 Uhr wiederholt.








Die Vocals klingen manchmal ein biĂźchen nach TV On The Radio. Bei „Gem“ ganz besonders. Erinnert mich sehr an TV On The Radios „Family Tree“.
Tja, Georg, jetzt wo Du es sagst… TV On The Radio sind mir beim Hören von Matthew Dear bislang ĂĽberhaupt noch nicht in den Sinn gekommen, aber das ist durchaus eine interessante Referenz.