PJ Harvey wird 40. Ein PortrÀt
09.10.2009 von Christoph Reimann

Ein Artikel, vor einiger Zeit in einer englischsprachigen Zeitung erschienen, beginnt sinngemÀà so: PJ Harvey lÀdt zum Interviewtermin in die Dorfkneipe. Aber da die Rockmusikerin noch nicht da ist und es sich um einen urigen englischen Pub handelt, lÀsst sich der Reporter auf ein SchwÀtzchen mit dem Barmann ein. Harvey kÀme manchmal vorbei, meint der, sie sei eine richtig nette, aufgeschlossene und lebensbejahende Frau. Erst stutzt der Reporter unglÀubig, dann denkt er: Dieser Typ hat noch nie auch nur einen Song von Polly Jean Harvey gehört.
Das Dilemma ist nicht neu. Zu gern möchte der Hörer glauben, was ihm da aus den Lautsprechern entgegendröhnt, es auf die Person hinter der Stimme beziehen, als ob es ihr wahres Schicksal sei, an dem sie ihn teilhaben lĂ€sst. Nicht das eines fiktionalen, lyrischen Ichs. FĂŒr Harveys Lebensgeschichte wĂŒrde das bedeuten: Prostitution, Abtreibung, körperliche Gewalt, sexuelle Ăbergriffe, den ein oder anderen Mord, kleine, kurze Momente des Verliebtseins, Kummer, und schlieĂlich, Suizid.
Nun, die leichtgewichtige SĂ€ngerin ist glĂŒcklicherweise wohlauf, hat nur einen ausgeprĂ€gten Hang zur dunklen Seite des Lebens, ein Faible fĂŒr Gruselgeschichten â und ein ernstes Anliegen. 1992 erscheint das DebĂŒtalbum âDryâ. Das Cover zeigt eine Nahaufnahme ihrer ausgetrockneten und zerfetzten Lippen, im Inlay, gleich einem Phallus, ein ausgefahrener Lippenstift. Harvey singt zu rauen Gitarrenriffs: âMust be a way I can dress to please him.â Zwischen Selbst- und Fremdbestimmung, Begierde und Ausnutzung â solche Lyrics lieĂen Harvey zur Rockikone einer ganzen Generation von jungen Frauen der 1990er avancieren. Die Funktion eines Sprachrohrs nahm sie allerdings schon aufgrund ihrer Storytelling-Technik nie ein. Die Botschaft steht, wenn, zwischen den Zeilen. Auf âIs this desire?â, 1998 erschienen, spiegelt Harvey die Lebenswelten (zumeist) weiblicher, gescheiterter Existenzen.
Es ist die IntensitĂ€t, mit der die englische Mercury-Prize-Gewinnerin ihre Songs intoniert, die ihre desperaten Charaktere zum Leben erweckt. Harvey verfĂŒgt ĂŒber eine ĂŒberragende Stimme, die sich ebenso fĂŒr dreckige Rocksongs als auch fĂŒr fragile Klavierkompositionen eignet. Dabei ist sie nicht die gröĂte Gitarristin, geschweige denn Pianistin. Gleichzeitig, ist man sich sicher, könnte niemand anderes als sie die Schauergeschichten so eindringlich vortragen.
Vielleicht ist PJ Harvey die moderne BĂ€nkelsĂ€ngerin. Statt einer Drehorgel bedient sie die E-Gitarre, statt auf MarktplĂ€tzen singt sie auf KonzertbĂŒhnen, vor denen ein Publikum ausgelassen tanzt oder andĂ€chtig lauscht.
ZurĂŒckgezogen und alleine, in einem Haus ohne jeden Luxus, an der FelsenkĂŒste von Dorset im sĂŒdwestlichen England lebt PJ Harvey. âThese chalk hills will rot my bonesâ, heiĂt es in kruder Heimatverbundenheit in einem der neueren Songs. Wieder ist man versucht, hierin die echte Polly Jean, nicht die KĂŒnstlerin, zu sehen. Heute wird Harvey 40 Jahre alt. Sie ist eine der wichtigsten Rockmusikerinnen der Gegenwart. Und ganz offensichtlich versteht sie es, streng zwischen extravertierter BĂŒhnenprĂ€senz und ihrem Privatleben zu trennen.
Im heutigen TourKalender ab 16 Uhr gratuliert Siri Keil der Rockexzentrikerin PJ Harvey zum 40. Geburtstag.







